Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945 e.V.

AG Ausgegrenzte Opfer

Eine Ausstellung der Arbeitsgruppe Ausgegrenzte Opfer:  

"Aus Leerstellen müssen Lehrstellen werden"  

Diese Forderung von Herrn Kulturdezernenten Nordhoff, die er im Rahmen des Projekts "Topographie der NS Zeit in Frankfurt" im Frühjahr 1999 formulierte, haben wir, die Arbeitsgruppe "Ausgegrenzte Opfer", sehr ernst genommen. 

Erstes Ergebnis unserer Forschungen ist diese in ehrenamtlicher Arbeit entstandene Ausstellung. Jede beteiligte Gruppe hat Tafeln zur Frankfurter Geschichte der Opfergruppe, die sie vertritt, oder aus der Perspektive ihrer Initiative oder ihres Instituts dargestellt. 

Die Ausstellung berichtet über die Verfolgung jüdischer Kinder, über Frankfurter Zeuginnen und Zeugen Jehovas. Sie zeigt den weitgehend unbekannten Widerstand von Frauen und fordert zur Spurensuche über den Widerstand von Jüdinnen und Juden auf. Die Ausstellung schildert an konkreten Beispielen das Schicksal von Zwangssterilisierten und benennt die beteiligten Krankenhäuser. Sie dokumentiert den Völkermord an Sinti und Roma und zeigt, wie Frankfurter Wissenschaftler als Verfechter der NS-Rassenideologie der Vernichtungsmaschinerie zuarbeiteten. 

Das Thema Zwangsarbeit in Frankfurt wird am Beispiel des KZ Katzbach bei den Adler-Werken dokumentiert. Unsere Ausstellung thematisiert auch den problematischen Umgang mit historischen Orten: so am Beispiel des Hochbunkers an der Friedberger Anlage. Der Umgang mit diesem Ort in der Nachkriegsgeschichte spiegelt symbolhaft die Verschweigung der NS-Geschichte als Ort der zerstörten Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft und als Zeichen der Täter und ihrer Gewalt. 

In unserer Diskussion um die Leerstellen/Lehrstellen ist in der Gruppe "Ausgegrenzte Opfer" Konsens, daß sich in der öffentlichen Debatte zu Lehr- und Lernorten kein Perspektivenwechsel vollziehen darf, der dahin geht, daß sich der Blick weg von den Opfern des Nationalsozialismus hin zu einem - die Unterschiede aufhebenden - "Wir sind doch alle Opfer" richtet. 

Zu den ausgegrenzten Opfergruppen zählen nicht nur die Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Zwangssterilisierte und "Euthanasie"-geschädigte Menschen und Zwangsarbeiter. Dazu gehören auch Homosexuelle, Deserteure, Prostituierte und solche Menschen, die als "asozial" stigmatisiert wurden. Alle Überlebenden dieser Opfergruppen fanden nach Kriegsende keine/kaum eine Entschädigung für ihre Leiden. Die bundesrepublikanische Gesellschaft verweigerte ihnen allen Entschädigung, Entschuldigung und moralische Anerkennung. Unsere Arbeitsgruppe hat seit Beginn der Initiative von Herrn Nordhoff kontinuierlich an dem Thema "NS-Zeit in Frankfurt" gearbeitet. 

Wir fanden öffentliche Gebäude wie Schulen, Gerichts- und Verwaltungsgebäude, die Universität, private Gebäude, Firmen, Bahnhöfe, Krankenhäuser und neue Gebäude, an deren Stelle früher historische Orte waren. Alle Beteiligten sind auf jene Leerstellen gestoßen, die es zu benennen gilt, damit weitere Lehrstellen und Lernorte in Frankfurt entstehen können


Pressemitteilung März 2001
 

"Wenn es wirklich zu persönlichen Kontakten in Frankfurt kommen soll, werde ich sehr dankbar dafür sein"

Arbeitsgruppe Ausgegrenzte Opfer fordert von der Stadt Frankfurt die sofortige Einladung zum Besuch an ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Die Beschlüsse der Stadtverordneten- versammlung zum Besuch ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeit in Frankfurt am Main und zum Soforthilfeprogramm zur Entschädigung dieser Menschen datieren vom Juni bzw. Oktober 2000. 

Von Seiten des zuständigen Amtes für Wissenschaft und Kultur ist seither nichts geschehen, sieht man von der Überweisung von je 2.000 DM an wenige in Deutschland lebende ehemalige Zwangsarbeiter ab. Die Mehrzahl der Überlebenden der Zwangsarbeit wohnt in osteuropäischen Ländern und ist heute im Alter von 70 bis 80 Jahren. Wir vermissen bei der Stadt die Bereitschaft, den Beschluß des Soforthilfepogramms unbürokratisch umzusetzen und fordern die schnelle Auszahlung der bereitgestellten Gelder an die überlebenden Zwangsarbeiter. Nicht nur bei der materiellen Hilfe ist Eile geboten, ebenso dringend ist es auch, die angebotenen Gesprächsbereitschaft endlich anzunehmen. In diesem Tagen erreichte uns ein Brief von Zdenek Halas aus Tschechien; er schreibt:"Es ist wirklich sehr angenehm zu wissen, daß in der Stadt, wo wir damals waren, heute Leute sind, die diesen Zeitabschnitt erkennen und vielleicht auch historisch wahrhaftig verarbeiten wollen. Für unsere ältere Generation ist nötig zu wissen, daß auf beiden Seiten Leute sind, die alles dafür tun, daß solche Vorfälle sich niemals wiederholen dürfen. Diese neu auftretende Naziideologie wird oft bagatellisiert, und eben darum sehr ich ihre Aktivitäten als sehr nützlich. Wenn es wirklich zu persönlichen Kontakten in Frankfurt kommen soll, werde ich sehr dankbar dafür sein, wenn einige von uns, die noch leben werden, Möglichkeiten haben, die Plätze nochmals zu besuchen, aber in erster Linie dafür, daß die Vertreter verschiedener Generationen zusammentreffen und ihre Ansichten konsultieren." 

Um ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter nach Frankfurt einzuladen, müssen keine Forschungsarbeiten, keine Verifizierungen mehr geleistet werden. Es gibt genügend Anschriften von Menschen z.B. in Polen und Tschechien, die in den Kriegsjahren in Frankfurter Betrieben zwangsarbeiten mußten und die ihre Bereitschaft zu Gesprächen und einem Besuch erklärt haben. Deshalb fordert die Arbeitsgruppe Ausgegrenzte Opfer, unterstützt von der IG Metall Ortsverwaltung und dem DGB Kreis Frankfurt, den sofortigen Beginn der Vorbereitung des ersten Besuchs von 20 ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern, wobei wir es als sinnvoll erachten, daß die Vorbereitungen, wie bereits in unserem Schreiben vom September 2000 an Herrn Nordhoff vorgeschlagen, bei der Jugendbegegnungsstätte Anne Frank liegen.

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