Eine Ausstellung der Arbeitsgruppe Ausgegrenzte Opfer:
"Aus Leerstellen müssen Lehrstellen werden"
Diese Forderung von Herrn Kulturdezernenten Nordhoff, die er im Rahmen
des Projekts "Topographie der NS Zeit in Frankfurt" im Frühjahr
1999 formulierte, haben wir, die Arbeitsgruppe "Ausgegrenzte
Opfer", sehr ernst genommen.
Erstes Ergebnis unserer Forschungen ist diese in ehrenamtlicher Arbeit
entstandene Ausstellung. Jede beteiligte Gruppe hat Tafeln zur Frankfurter
Geschichte der Opfergruppe, die sie vertritt, oder aus der Perspektive
ihrer Initiative oder ihres Instituts dargestellt.
Die Ausstellung berichtet über die Verfolgung jüdischer Kinder, über
Frankfurter Zeuginnen und Zeugen Jehovas. Sie zeigt den weitgehend
unbekannten Widerstand von Frauen und fordert zur Spurensuche über den
Widerstand von Jüdinnen und Juden auf. Die Ausstellung schildert an
konkreten Beispielen das Schicksal von Zwangssterilisierten und benennt die
beteiligten Krankenhäuser. Sie dokumentiert den Völkermord an Sinti und
Roma und zeigt, wie Frankfurter Wissenschaftler als Verfechter der
NS-Rassenideologie der Vernichtungsmaschinerie zuarbeiteten.
Das Thema
Zwangsarbeit in Frankfurt wird am Beispiel des KZ Katzbach bei den
Adler-Werken dokumentiert.
Unsere Ausstellung thematisiert auch den problematischen Umgang mit
historischen Orten: so am Beispiel des Hochbunkers an der Friedberger
Anlage. Der Umgang mit diesem Ort in der Nachkriegsgeschichte spiegelt
symbolhaft die Verschweigung der NS-Geschichte als Ort der zerstörten
Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft und als Zeichen der Täter
und ihrer Gewalt.
In unserer Diskussion um die Leerstellen/Lehrstellen ist in der Gruppe
"Ausgegrenzte Opfer" Konsens, daß sich in der öffentlichen
Debatte zu Lehr- und Lernorten kein Perspektivenwechsel vollziehen darf,
der dahin geht, daß sich der Blick weg von den Opfern des
Nationalsozialismus hin zu einem - die Unterschiede aufhebenden - "Wir
sind doch alle Opfer" richtet.
Zu den ausgegrenzten Opfergruppen zählen nicht nur die Sinti und Roma,
Zeugen Jehovas, Zwangssterilisierte und "Euthanasie"-geschädigte
Menschen und Zwangsarbeiter.
Dazu gehören auch Homosexuelle, Deserteure, Prostituierte und solche
Menschen, die als "asozial" stigmatisiert wurden. Alle Überlebenden
dieser Opfergruppen fanden nach Kriegsende keine/kaum eine Entschädigung für
ihre Leiden. Die bundesrepublikanische Gesellschaft verweigerte ihnen allen
Entschädigung, Entschuldigung und moralische Anerkennung.
Unsere Arbeitsgruppe hat seit Beginn der Initiative von Herrn Nordhoff
kontinuierlich an dem Thema "NS-Zeit in Frankfurt" gearbeitet.
Wir fanden öffentliche Gebäude wie Schulen, Gerichts- und Verwaltungsgebäude,
die Universität, private Gebäude, Firmen, Bahnhöfe, Krankenhäuser und
neue Gebäude, an deren Stelle früher historische Orte waren.
Alle Beteiligten sind auf jene Leerstellen gestoßen, die es zu benennen
gilt, damit weitere Lehrstellen und Lernorte in Frankfurt entstehen können.
Pressemitteilung März 2001
"Wenn es wirklich zu persönlichen Kontakten in Frankfurt kommen
soll, werde ich sehr dankbar dafür sein"
Arbeitsgruppe Ausgegrenzte Opfer fordert von der Stadt Frankfurt die
sofortige Einladung zum Besuch an ehemalige Zwangsarbeiterinnen und
Zwangsarbeiter.
Die Beschlüsse der Stadtverordneten- versammlung zum Besuch ehemaliger
Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeit in Frankfurt am Main und zum
Soforthilfeprogramm zur Entschädigung dieser Menschen datieren vom Juni
bzw. Oktober 2000.
Von Seiten des zuständigen Amtes für Wissenschaft und
Kultur ist seither nichts geschehen, sieht man von der Überweisung von je 2.000 DM an wenige in Deutschland
lebende ehemalige Zwangsarbeiter ab. Die Mehrzahl der Überlebenden der
Zwangsarbeit wohnt in osteuropäischen Ländern und ist heute im Alter von
70 bis 80 Jahren. Wir vermissen bei der Stadt die Bereitschaft, den Beschluß
des Soforthilfepogramms unbürokratisch umzusetzen und fordern die schnelle
Auszahlung der bereitgestellten Gelder an die überlebenden Zwangsarbeiter.
Nicht nur bei der materiellen Hilfe ist Eile geboten, ebenso dringend
ist es auch, die angebotenen Gesprächsbereitschaft endlich anzunehmen. In
diesem Tagen erreichte uns ein Brief von Zdenek Halas aus Tschechien; er
schreibt:"Es ist wirklich sehr angenehm zu wissen, daß in der Stadt, wo
wir damals waren, heute Leute sind, die diesen Zeitabschnitt erkennen und
vielleicht auch historisch wahrhaftig verarbeiten
wollen. Für unsere ältere Generation ist nötig zu wissen, daß auf
beiden Seiten Leute sind, die alles dafür tun, daß solche Vorfälle sich
niemals wiederholen dürfen. Diese neu auftretende Naziideologie wird oft
bagatellisiert, und eben darum sehr ich ihre Aktivitäten als sehr nützlich.
Wenn es wirklich zu persönlichen Kontakten in Frankfurt kommen soll, werde
ich sehr dankbar dafür sein, wenn einige von uns, die noch leben werden, Möglichkeiten
haben, die Plätze nochmals zu besuchen, aber in erster Linie dafür, daß die Vertreter verschiedener
Generationen zusammentreffen und ihre Ansichten konsultieren."
Um ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter nach Frankfurt
einzuladen, müssen keine Forschungsarbeiten, keine Verifizierungen mehr
geleistet werden. Es gibt genügend Anschriften von Menschen z.B. in Polen
und Tschechien, die in den Kriegsjahren in Frankfurter Betrieben
zwangsarbeiten mußten und die ihre Bereitschaft zu Gesprächen und einem
Besuch erklärt haben. Deshalb fordert die Arbeitsgruppe Ausgegrenzte
Opfer, unterstützt von der IG Metall Ortsverwaltung und dem DGB Kreis
Frankfurt, den sofortigen Beginn der Vorbereitung des ersten Besuchs von 20
ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern, wobei wir es als
sinnvoll erachten, daß die Vorbereitungen, wie bereits in unserem
Schreiben vom September 2000 an Herrn Nordhoff vorgeschlagen, bei der
Jugendbegegnungsstätte Anne Frank liegen.
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