Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945 e.V.

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HANAUER ANZEIGER, 05-11-2004

Ein stummer Schrei aus Farbe und Poesie
Hanauer Kulturverein zeigt den künstlerischen Nachlass von Kindern aus dem ehemaligen KZ Theresienstadt - Schüler begleiten Schüler

Hanau. Die Zeit heilt alle Wunden, heißt es im Volksmund. Was passiert aber, wenn die Zeit davonläuft? Eva Picková hatte keine Zeit. Als sie am 16. April 1942 im Arbeitslager Theresienstadt eintraf, war sie gerade mal 13 Jahre alt. Bereits zwanzig Monate später deportierten die Nazis die junge Frau nach Auschwitz. „Nein, nein, mein Gott - wir woll'n doch leben, du darfst nicht lichten unsre Reih'n, wir woll'n nach bessrem Morgen streben, dann wird ja soviel Arbeit sein", schrieb sie noch in Theresienstadt. Eva Pickovás Wunden heilten nie. Sie hatte keine Zeit. In Auschwitz fand sie den Tod. Sichtlich gerührt wagt eine Schüler Gruppe der Kaufmännischen Schulen Hanau einen Rundgang durch die Ausstellung "Kinder im KZ Theresienstadt - Zeichnungen, Gedichte, Texte". Ab heute Abend wird sie in den Räumlichkeiten des Hanauer Kulturvereins am Schloss Philippsruhe auch öffentlich zu sehen sein.

Dr. Ursula Krause-Schmitt, Historikerin und Mitglied des „Studienkreis Deutscher Widerstand" führt die Jugendlichen an den Ausstellungswänden vorbei. Ab nächster Woche werden sie selbst Altergenossen durch die Remissengalerie begleiten. Über ein halbes Jahr habe der Studienkreis für die Wanderausstellung recherchiert, erinnert sich Krause-Schmitt. Auch in Hanau sind Drucke der Zeichnungen und Gedichte zu sehen. Die Originale hängen im Jüdischen Museum von Prag. „Man kann mit den Originalen nicht durch die Republik reisen", fährt sie fort. Längst sei das Papier vergilbt und brüchig. In Theresienstadt war es verboten, Kinder und Jugendliche zu unterrichten. Speziell das Kunstschaffen - seit Jahrhunderten für viele Freidenker ein Weg jenseits der Zensur - wurde unterdrückt. Die inhaftierte Bauhaus-Künstlerin Friedl Dicker-Brandeis hat trotzdem heimlich Zeichenunterricht gegeben.

Papierreste, Karton, alte Umschläge, Pack- oder Löschpapier wurden zu diesem Zweck gesammelt. Dicker-Brandeis hoffte mittels Kunst, „die menschliche Substanz zu retten". Wie Eva Picková starb sie in Auschwitz. Einige der in den geheimen Kunstzirkeln von zehn- bis 15jährigen erstellten Bildern schmücken heute die Remisengalerie. Es handelt sich um Dekor mit bitterem Beigeschmack. Teils durch märchenhafte Szenen, teils durch die realistische Wiedergabe der unfreundlichen Umgebung, haben die Kinder ihre Gedanken verarbeitet. Schöne Erinnerungen wie Blumen oder Schmetterlinge sind gegenständlich abgebildet. Tendenziell äußern sich Angst und andere negative Gefühle eher in abstrakten Kompositionen. Diese schreien allein über ihre Farbwahl nach Hilfe. Wer die den Bildern beigefügten Gedichte liest, mag sich fragen, ob es sich bei den Autoren wirklich um Teenager handelt. Sowohl an formalen, als auch an inhaltlichen oder gar künstlerischen Kriterien gemessen, können sich viele Poeme mit der Erwachsenenliteratur messen.

Existentielle Lebensfragen und Angst, so Ursula-Krause-Schmidt, hätten einen schnellen Reifeprozess verlangt: „Viele Häftlinge hatten keine Möglichkeit, Kind zu sein." Träume hatten sie dennoch, von einem Leben in Freiheit. Umso härter trifft den Besucher der Ausstellung dann jener Absturz in die literarisch fixierte Realität: „Ein Knäblein, ach so schön und hold, ein Knösplein, das g'rad blühen wollt"', schreibt beispielsweise damals etwa zwölfjährige Franta Bass. „Erblüht einmal das Knösplein klein, so wird das Knäblein nicht mehr sein".
 

Andrea und Sebastien werden mit ihren Mitschülern Klassen durch die Ausstellung führen Foto: Fischer

Andrea und Sebastien werden mit ihren Mitschülern Klassen durch die Ausstellung führen
Foto: Fischer

Die in Hanau gezeigten Schreie aus Farbe und Poesie interagieren miteinander. Aus den zahlreichen Ausführungen über Theresienstadt erfährt der Besucher viel über das Leben im Ghetto von "Schmutz in schmutzigen Wänden, die an Stacheldrähten enden" ist die Rede - von unzähligen Fliegen, die Krankheiten übertragen, darüber hinaus. Auch die ängstlichen Augen Tausender werden erwähnt. Andere Kinder haben diese Beschreibungen in Bilder gepackt - Bilder in, grau, schwarz und braun. 11000 Kinder erlebten in Theresienstadt die Grauen des Zweiten Weltkriegs hautnah mit. Nur 3400 sollten überleben, darunter Persönlichkeiten wie Jehuda Bacon, Ruth Klüger, Helga Weissová-Hosková oder Paul Aron Sandfort. „Es ist unglaublich traurig und bitter abzuschätzen, wie viel menschliches Potenzial in Musik, Bildender Kunst, Literatur oder Wissenschaft hinter den Mauern der Konzentrationslager verendete", sagt Ursula Krause-Schmitt.
Maryanto Fischer (HA/jp)
 

Die Vernissage zur Ausstellung findet am heutigen Freitag um 19 Uhr in der Remisengalerie statt. Zur Erinnerung an die Reichspogromnacht ist am Dienstag, 9. November, ab 19.30 Uhr ein Abend mit Liedern und Lesungen geplant. Am Sonntag, 14. November, sprechen Überlebende von Theresienstadt vor Ort über ihre Erfahrungen. Der Saxofonist Daniel Guggenheim liefert den musikalischen Rahmen. Die Ausstellung ist bis zu diesem Tag mittwochs, freitags, samstags und sonntags zwischen 15 und 19 Uhr zu sehen.
 
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