<<Zurück
zur Seite Presseberichte
|
|
HANAUER ANZEIGER, 05-11-2004 |
Ein stummer Schrei aus Farbe
und Poesie
Hanauer Kulturverein zeigt den künstlerischen Nachlass von
Kindern aus dem ehemaligen KZ Theresienstadt - Schüler begleiten
Schüler
Hanau. Die Zeit heilt alle Wunden, heißt es im Volksmund.
Was passiert aber, wenn die Zeit davonläuft? Eva Picková hatte
keine Zeit. Als sie am 16. April 1942 im Arbeitslager
Theresienstadt eintraf, war sie gerade mal 13 Jahre alt.
Bereits zwanzig Monate später deportierten die Nazis die junge
Frau nach Auschwitz. „Nein, nein, mein Gott - wir woll'n doch
leben, du darfst nicht lichten unsre Reih'n, wir woll'n nach
bessrem Morgen streben, dann wird ja soviel Arbeit sein",
schrieb sie noch in Theresienstadt. Eva Pickovás Wunden heilten
nie. Sie hatte keine Zeit. In Auschwitz fand sie den Tod.
Sichtlich gerührt wagt eine Schüler Gruppe der Kaufmännischen
Schulen Hanau einen Rundgang durch die Ausstellung
"Kinder im KZ Theresienstadt -
Zeichnungen, Gedichte, Texte". Ab heute Abend wird sie in
den Räumlichkeiten des Hanauer Kulturvereins am Schloss
Philippsruhe auch öffentlich zu sehen sein.
Dr. Ursula Krause-Schmitt, Historikerin und Mitglied des
„Studienkreis Deutscher Widerstand" führt die Jugendlichen an
den Ausstellungswänden vorbei. Ab nächster Woche werden sie
selbst Altergenossen durch die Remissengalerie begleiten. Über
ein halbes Jahr habe der Studienkreis für die Wanderausstellung
recherchiert, erinnert sich Krause-Schmitt. Auch in Hanau sind
Drucke der Zeichnungen und Gedichte zu sehen. Die Originale
hängen im Jüdischen Museum von Prag. „Man kann mit den
Originalen nicht durch die Republik reisen", fährt sie fort.
Längst sei das Papier vergilbt und brüchig. In Theresienstadt
war es verboten, Kinder und Jugendliche zu unterrichten.
Speziell das Kunstschaffen - seit Jahrhunderten für viele
Freidenker ein Weg jenseits der Zensur - wurde unterdrückt. Die
inhaftierte Bauhaus-Künstlerin Friedl Dicker-Brandeis hat
trotzdem heimlich Zeichenunterricht gegeben.
Papierreste, Karton, alte Umschläge, Pack- oder Löschpapier
wurden zu diesem Zweck gesammelt. Dicker-Brandeis hoffte mittels
Kunst, „die menschliche Substanz zu retten". Wie Eva Picková
starb sie in Auschwitz. Einige der in den geheimen Kunstzirkeln
von zehn- bis 15jährigen erstellten Bildern schmücken heute die
Remisengalerie. Es handelt sich um Dekor mit bitterem
Beigeschmack. Teils durch märchenhafte Szenen, teils durch die
realistische Wiedergabe der unfreundlichen Umgebung, haben die
Kinder ihre Gedanken verarbeitet. Schöne Erinnerungen wie Blumen
oder Schmetterlinge sind gegenständlich abgebildet. Tendenziell
äußern sich Angst und andere negative Gefühle eher in abstrakten
Kompositionen. Diese schreien allein über ihre Farbwahl nach
Hilfe. Wer die den Bildern beigefügten Gedichte liest, mag sich
fragen, ob es sich bei den Autoren wirklich um Teenager handelt.
Sowohl an formalen, als auch an inhaltlichen oder gar
künstlerischen Kriterien gemessen, können sich viele Poeme mit
der Erwachsenenliteratur messen.
Existentielle Lebensfragen und Angst, so Ursula-Krause-Schmidt,
hätten einen schnellen Reifeprozess verlangt: „Viele Häftlinge
hatten keine Möglichkeit, Kind zu sein." Träume hatten sie
dennoch, von einem Leben in Freiheit. Umso härter trifft den
Besucher der Ausstellung dann jener Absturz in die literarisch
fixierte Realität: „Ein Knäblein, ach so schön und hold, ein
Knösplein, das g'rad blühen wollt"', schreibt beispielsweise
damals etwa zwölfjährige Franta Bass. „Erblüht einmal das
Knösplein klein, so wird das Knäblein nicht mehr sein".
|

|
|
Andrea und Sebastien werden
mit ihren Mitschülern Klassen durch die Ausstellung führen
Foto: Fischer |
Die in Hanau gezeigten
Schreie aus Farbe und Poesie interagieren miteinander. Aus den
zahlreichen Ausführungen über Theresienstadt erfährt der
Besucher viel über das Leben im Ghetto von "Schmutz in
schmutzigen Wänden, die an Stacheldrähten enden" ist die Rede -
von unzähligen Fliegen, die Krankheiten übertragen, darüber
hinaus. Auch die ängstlichen Augen Tausender werden erwähnt.
Andere Kinder haben diese Beschreibungen in Bilder gepackt -
Bilder in, grau, schwarz und braun. 11000 Kinder erlebten in
Theresienstadt die Grauen des Zweiten Weltkriegs hautnah mit.
Nur 3400 sollten überleben, darunter Persönlichkeiten wie Jehuda
Bacon, Ruth Klüger, Helga Weissová-Hosková oder Paul Aron
Sandfort. „Es ist unglaublich traurig und bitter abzuschätzen,
wie viel menschliches Potenzial in Musik, Bildender Kunst,
Literatur oder Wissenschaft hinter den Mauern der
Konzentrationslager verendete", sagt Ursula Krause-Schmitt.
Maryanto Fischer (HA/jp)
Die Vernissage zur
Ausstellung findet am heutigen Freitag um 19 Uhr in der
Remisengalerie statt. Zur Erinnerung an die
Reichspogromnacht ist am Dienstag, 9. November, ab 19.30
Uhr ein Abend mit Liedern und Lesungen geplant. Am
Sonntag, 14. November, sprechen Überlebende von
Theresienstadt vor Ort über ihre Erfahrungen. Der
Saxofonist Daniel Guggenheim liefert den musikalischen
Rahmen. Die Ausstellung ist bis zu diesem Tag mittwochs,
freitags, samstags und sonntags zwischen 15 und 19 Uhr zu
sehen.
|
|