Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945 e.V.

Presseberichte

<<Zurück zur Seite Presseberichte  
 
FAZ, 04-07-2005

Laufende Meter gewinnen
Zum Freiwilligentag in die Forschungsbibliothek

Der Geruch von alten Büchern und Leberwurst hängt über dem quadratischen Tisch mit der schwarzweiß gemusterten Tischdecke. Hier liegen, neben dem Teller mit belegten Brötchen, auch Papierschnipsel, Scheren und Tesafilmrollen. Ruth Erren sitzt über ein Buch gebeugt und hantiert mit einem Klebestreifen: Die Signatur des Bandes war schadhaft und muß erneuert werden. Für solche und ähnliche Arbeiten ist die Buchhändlerin heute - ganz freiwillig - seit zehn Uhr hier.

Sechs Arbeitswillige sind am Samstag zum zweiten Frankfurter Freiwilligentag in die Forschungsbibliothek des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933 bis 1945 gekommen. Nicht nur dort, sondern auch in 21 weiteren Projekten können sich Interessierte an diesem Tag ehrenamtlich engagieren. Das Angebot ist vielfältig und reicht von der Mithilfe in Kindertagesstätten bis zur Verschönerung eines Krankenhausgartens. Die Arbeit in der Forschungsbibliothek erfordert vor allem praktisches Denken und geschickte Hände. „Unser Wunsch war, durch Ordnungsarbeiten neuen Stauraum - im Bibliotheksjargon auch laufender Meter genannt - zu gewinnen", beschreibt Ursula Krause-Schmitt, Leiterin der Bibliothek, die mitunter recht staubige Angelegenheit. Doch der Aufwand lohnt sich. Um drei Uhr nachmittags steht fest: Ganze zehn Regalmeter sind heute durch Umschichten, Umstellen und Umsortieren gewonnen worden. Das reicht für die nächsten zwei Jahre.

Etwa 16 000 Bände lagert die Forschungsbibliothek in den Räumen an der Rossertstraße im Westend. Die Sammlung spiegelt die ganze Breite des Widerstands gegen die Nationalsozialisten wider - sowohl politisch als auch religiös und humanitär. Nicht ohne Stolz erwähnt Krause-Schmitt aber auch ihre regionalgeschichtliche Abteilung. Dort findet man Material zu Themen wie „Verfolgung" oder „Sinti und Roma" und deren Beziehung zu den verschiedenen Bundesländern. Genutzt wird die Bibliothek ganz unterschiedlich. „Unser Besucherumfang entspricht ungefähr der eines mittleren Stadtarchives", berichtet Krause-Schmitt. Natürlich gebe es auch Wochen, da komme kein Mensch. Dafür klingele ständig das Telefon und im E-Mail-Postfach häuften sich die Anfragen: im Jahr rund 350 bis 420.

Die Tschechin Katerina Kucera steht auf Zehenspitzen auf einem Stuhl und richtet die Bücher in der obersten Reihe aus. Sie hat sich die Arbeit in der Bibliothek ausgesucht, weil sie besonders an gesellschaftspolitischen Themen interessiert ist. Zudem ist ihr die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit wichtig. Das Thema gewinne wieder Aktualität, meint sie. Daß sie sich weiterhin gesellschaftspolitisch engagieren will, ist für die Stadtplanerin klar, doch noch ist sie auf der Suche nach einer geeigneten Institution.

„Kinder, jetzt entstehen Fehler!" Ursula Krause-Schmitt hat eine falsch geklebte Signatur entdeckt. „Bitte konzentriert euch noch einmal", sagt sie laut und geht wieder in den Nebenraum an ihren Computer. Sie muß noch die Bestände zweier Abteilungen eingeben, dann sind alle Bücher vom Jahr 2000 an im System gespeichert und recherchierbar. Der Rest ist noch im traditionellen Karteikastensystem im Flur zu finden.

„Ich bin jetzt arbeitslos." Ruth Erren hat die letzte Signatur geklebt. „Genieße!" tönt es hinter einem grauen Regal hervor. Das tut sie dann auch, schlägt die Beine übereinander und beginnt zum ersten Mal an diesem Tag, ein Buch zu lesen.

LUCIA LENZEN

Zum Seitenanfang