Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945 e.V.

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FRANKFURTER RUNDSCHAU, 21-01-2005

Kindheit im KZ Theresienstadt
Ausstellung in der Limesgemeinde zeigt Gemälde, Gedichte und Tagebucheinträge junger Lager-Insassen

VON ULRICH GEHRING

Es ist der 20. Januar, genau 63 Jahre nach der Wannsee-Konferenz, bei der ungefähr zur gleichen Tageszeit die Vernichtung des europäischen Judentums beschlossen wurde. Achim Lürtzener vom Jugendbildungswerk: will einen Bezug herstellen. Mehr als 40 Jugendliche aus der Schwalbacher Albert-Einstein-Schule besuchen die Theresienstadt-Ausstellung im Zentrum der evangelischen Limesgemeinde: eine neunte Klasse im Religionsunterricht mit Pfarrer Jan Frey und eine zwölfte, die bei Volker Kocanda Geschichtsgrundkurs hat.

20 Minuten haben sie nach der Einführung Zeit, sich das Dutzend Tafeln anzuschauen. Die Wanderausstellung des Studienkreises Deutscher Widerstand zeigt von Kindern und Jugendlichen in dem Konzentrationslager bei Prag geschaffene Dokumente. Einige Mädchen und Jungen reden, zwei, drei kichern noch kurz, dann haben sich alle im Raum verteilt, vertiefen sich in Zeichnungen, Gemälde, Gedichte, Tagebucheinträge der ungefähr Gleichaltrigen.

Blitz auf dem Planeten


Ruza Zentner, 1941 mit acht Jahren nach Theresienstadt gebracht und von dort drei Jahre später - wie fast 90000 andere jüdische Menschen - in ein Vernichtungslager deportiert, hat mit Wasserfarbe einen Planeten mit glühend bunter Sphäre gemalt, neben dem auf dunklem Grund ein greller Blitz herabfährt. Ein anonymes Bleistiftbild zeigt einen Marktstand mit Fruchtkörben, Blumen und einem zweisprachigen Schild: „Juden unerwünscht". Es gibt vom grausamen Lageralltag im KZ unberührt scheinende Bilder mit buntem Meeresgetier, Blumen, Schmetterlingen. Doch erfahren die Schwalbacher Schülerinnen und Schüler, dass manche der jungen Insassen bewusst dokumentarisch zeichneten: übereinander gestapelte Pritschen, eine bedrückende Häuserschlucht, ein Zug in der Nacht. Eine Märchenszene von Doris Zdekauerová mit Prinzessin und einem Drachen mit Gruselklauen drückt - bewusst oder unbewusst - Ängste einer Zehnjährigen aus.

Die Mädchen und Jungen aus Schwalbach verteilen sich wieder im Stuhlkreis; im Flüsterton tauschen sie sich über das Geschehene aus. „Die Kinder wussten, um was es geht", sagt ein Neuntklässler in der Runde. Sie hätten nicht unbeschwert Kinder sein können, sondern stets auf der Hut sein müssen, erklärt er. Eine Zwölftklässlerin staunt über die Gleichzeitigkeit von bewahrter Kindheit und klarem Blick für die Lagerwirklichkeit. Einen Jungen aus der 9a hat besonders die Erfahrung der Kinder angerührt, von den Eltern getrennt zu werden.

Albert-Einstein-Schüler besuchen die Theresienstadt-Ausstellung in der Limesgemeinde Schwaalbach

Albert-Einstein-Schüler besuchen die Theresienstadt-Ausstellung
in der Limesgemeinde Schwalbach

Dass die beiden Klassen eher wenig gesprächig sind, überrascht Lehrer Kocanda nicht. Er weiß nicht zuletzt von Studienfahrten zu Konzentrationslagern, dass es oft Zeit braucht, bis Eindrücke verarbeitet sind. Und die war an diesem Morgen recht knapp bemessen. Auch überrascht es ihn und seine Pädagogenkollegen nicht, dass sich große und kleine Schülerinnen und Schüler schwer tun, offen voreinander über Eindrücke und Gefühle zu reden.
 

AUSSTELLUNG
Schulklassen und andere Gruppen können sich zu der Ausstellung „Kinder im KZ Theresienstadt -Zeichnungen, Gedichte, Texte" beim Jugendbildungswerk - Tel: 06196/804-151 -anmelden. Die Schau in der Limesgemeinde, Ostring 15, ist bis Sonntag, 30. Januar, zu sehen: Montag bis Freitag, 9 bis 13 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr, Sonntag nach dem Gottesdienst bis 14 Uhr.
 
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