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FRANKFURTER RUNDSCHAU, 21-01-2005 |
Kindheit im KZ Theresienstadt
Ausstellung in der Limesgemeinde zeigt Gemälde, Gedichte und
Tagebucheinträge junger Lager-Insassen
VON ULRICH GEHRING
Es ist der 20.
Januar, genau 63 Jahre nach der Wannsee-Konferenz, bei der
ungefähr zur gleichen Tageszeit die Vernichtung des europäischen
Judentums beschlossen wurde. Achim Lürtzener vom
Jugendbildungswerk: will einen Bezug herstellen. Mehr als 40
Jugendliche aus der Schwalbacher Albert-Einstein-Schule besuchen
die Theresienstadt-Ausstellung im Zentrum der evangelischen
Limesgemeinde: eine neunte Klasse im Religionsunterricht mit
Pfarrer Jan Frey und eine zwölfte, die bei Volker Kocanda
Geschichtsgrundkurs hat.
20 Minuten haben sie nach der Einführung Zeit,
sich das Dutzend Tafeln anzuschauen. Die Wanderausstellung des
Studienkreises Deutscher Widerstand zeigt von Kindern und
Jugendlichen in dem Konzentrationslager bei Prag geschaffene
Dokumente. Einige Mädchen und Jungen reden, zwei, drei kichern
noch kurz, dann haben sich alle im Raum verteilt, vertiefen sich
in Zeichnungen, Gemälde, Gedichte, Tagebucheinträge der ungefähr
Gleichaltrigen.
Blitz auf dem Planeten
Ruza Zentner, 1941 mit acht Jahren nach Theresienstadt gebracht
und von dort drei Jahre später - wie fast 90000 andere jüdische
Menschen - in ein Vernichtungslager deportiert, hat mit
Wasserfarbe einen Planeten mit glühend bunter Sphäre gemalt,
neben dem auf dunklem Grund ein greller Blitz herabfährt. Ein
anonymes Bleistiftbild zeigt einen Marktstand mit Fruchtkörben,
Blumen und einem zweisprachigen Schild: „Juden unerwünscht". Es
gibt vom grausamen Lageralltag im KZ unberührt scheinende Bilder
mit buntem Meeresgetier, Blumen, Schmetterlingen. Doch erfahren
die Schwalbacher Schülerinnen und Schüler, dass manche der
jungen Insassen bewusst dokumentarisch zeichneten: übereinander
gestapelte Pritschen, eine bedrückende Häuserschlucht, ein Zug
in der Nacht. Eine Märchenszene von Doris Zdekauerová mit
Prinzessin und einem Drachen mit Gruselklauen drückt - bewusst
oder unbewusst - Ängste einer Zehnjährigen aus.
Die Mädchen und Jungen aus Schwalbach verteilen sich wieder im
Stuhlkreis; im Flüsterton tauschen sie sich über das Geschehene
aus. „Die Kinder wussten, um was es geht", sagt ein
Neuntklässler in der Runde. Sie hätten nicht unbeschwert Kinder
sein können, sondern stets auf der Hut sein müssen, erklärt er.
Eine Zwölftklässlerin staunt über die Gleichzeitigkeit von
bewahrter Kindheit und klarem Blick für die Lagerwirklichkeit.
Einen Jungen aus der 9a hat besonders die Erfahrung der Kinder
angerührt, von den Eltern getrennt zu werden.
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Albert-Einstein-Schüler
besuchen die Theresienstadt-Ausstellung
in der Limesgemeinde Schwalbach |
Dass die beiden Klassen
eher wenig gesprächig sind, überrascht Lehrer Kocanda nicht. Er
weiß nicht zuletzt von Studienfahrten zu Konzentrationslagern,
dass es oft Zeit braucht, bis Eindrücke verarbeitet sind. Und
die war an diesem Morgen recht knapp bemessen. Auch überrascht
es ihn und seine Pädagogenkollegen nicht, dass sich große und
kleine Schülerinnen und Schüler schwer tun, offen voreinander
über Eindrücke und Gefühle zu reden.
| AUSSTELLUNG |
Schulklassen und andere
Gruppen können sich zu der Ausstellung
„Kinder im KZ Theresienstadt
-Zeichnungen, Gedichte, Texte" beim
Jugendbildungswerk - Tel: 06196/804-151 -anmelden. Die Schau in der
Limesgemeinde, Ostring 15, ist bis Sonntag, 30. Januar, zu
sehen: Montag bis Freitag, 9 bis 13 Uhr, Mittwoch bis 20
Uhr, Sonntag nach dem Gottesdienst bis 14 Uhr.
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