"informationen" Nr. 71, Mai 2010
Editorial
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Kunst,
im engeren Sinn Bildende Kunst in der NS-Zeit war bisher selten ein
Thema für die „informationen“. Als die Redaktion begann, sich über die
vorliegende Ausgabe Gedanken zu machen, wusste sie noch nicht, wie
aktuell sie mit diesen Fragen sein würde. So widmete sich etwa das
Frankfurter Städel-Museum erst in diesem Frühjahr in einer Tagung
seiner Geschichte in der NS-Zeit. Die Jahre von 1933 bis 1945 war für
Museumsleiter und Kunsthändler eine Zeit des großen Einkaufens: Bilder,
die jüdische Besitzer veräußern mussten, kamen zu Spottpreisen auf den
Markt. Von rund 400 Werken, die allein das Städel damals erwarb, wurden
bislang sechs ihren rechtmäßigen Besitzern zurückgegeben. Das ergaben die aktuellen Nachforschungen.
Der
Kunstraub der Nationalsozialisten ist noch lange nicht gänzlich
aufgeklärt, und noch längst haben nicht alle Kunstwerke den Weg zurück
zu den Eigentümern oder ihren Nachfahren gefunden. Das Ausmaß des Stehlens
– und Vernichtens – von Kunstgegenständen aller Art war so groß, dass
man auch heute noch nur von Schätzungen sprechen kann. Rund 600.000
Kunstwerke wurden zwischen 1933 und 1945 von Deutschen geraubt: 200.000
innerhalb von Deutschland und Österreich, 100.000 in Westeuropa und
300.000 in Osteuropa. Das Washingtoner Abkommen von 1998 soll dazu
beitragen, dass den Bestohlenen Ausgleich und Gerechtigkeit widerfährt.
Der Weg ist noch weit.
Die „informationen“ versuchen mit
dieser Ausgabe, einige Aspekte dieses Raubzugs zu beleuchten. Was waren
die Ziele? Wer waren die Akteure? Die Nationalsozialisten – und Hitler
zumal, der sich als Maler versucht hatte – begriffen die Kunst von
Anfang an als Feld, auf dem sie ihre Ideologie verankern wollten: weg
mit den Werken der Moderne mit ihren vielfältigen internationalen
Bezügen, zurück zu der vermeintlich „deutschen“ Kunst. Unliebsame
Museumsleute wurden 1933 vor die Tür gesetzt, Künstlern wurden die
Arbeitsmöglichkeiten systematisch entzogen. Ihre Werke galten als
„entartet“. Christoph Zuschlag
schildert, wie die Deutschen in großen Ausstellungen mit der vom Regime
erwünschten und ebenso mit der verfemten Kunst konfrontiert wurden.
Die Schau „Entartete Kunst“ wurde von Hunderttausenden Besuchern
betrachtet. Ihre Wirkung verfehlte sie – bis heute – nicht, stellt
Zuschlag fest. Gegenwartskunst trifft auch jetzt häufig auf Ablehnung –
mit ähnlichem Vokabular wie seinerzeit: „Psychopathenkunst“ oder
„Verschwendung von Steuergeldern“. Auch Andreas Hüneke
befasst sich mit dem Umgang mit Kunst und Künstlern in der NS-Zeit. Ein
exemplarischer Maler ist für ihn Emil Nolde, dessen Werke teils von den
Nazis geschätzt wurden, teils in der Propaganda-Schau über „entartete“
Kunst zu sehen waren. Kathrin Iselt
schildert am Beispiel des Kunsthistorikers Hermann Voss, der
Bilder für Hitlers geplantes Museum in Linz sammelte, wie Kunsthandel und
-wissenschaft zu Handlangern des Regimes wurden. Ein ganz anderes
Kapitel künstlerischen Wirkens in der Zeit zwischen 1933 und 1945 zeigt
Agnieszka Sieradzka: Sie
schildert das Leben und die Kunst von Mieczysław Koscielniak, der als
Häftling das Leiden seiner Mitgefangenen in Auschwitz malte. Diese
Ausgabe der „informationen“ durchziehen biografische Notizen von
Bauhaus-Künstlern. Viele von ihnen mussten nach dem Verbot des
Bauhauses Deutschland verlassen, manche dienten sich den neuen Machthabern
an, andere gingen in eine „innere Emigration“. Die Kästen sind nach
Prinzipien des Bauhauses gestaltet: Typografie, Layout und Form sind an
dieses große Projekt der deutschen Moderne angelehnt.
Zu anderen Themen dieses Heftes: Jörg Wollenberg
berichtet über eine 1936 im Pariser Exil entstandene Deutschlandkarte,
die alle Konzentrationslager, Zuchthäuser und Gefängnisse verzeichnet.
Sie war für die ausländischen Teilnehmer der Olympischen Spiele gedacht
und gelangte so auch an deutsche Sportler. Jochen August
schildert neue Erkenntnisse über „Szlamek“, einen der ersten Zeugen der
Massenvernichtungen in deutschen Lagern. In der Sparte „Filme und Neue
Medien“ werden unter anderem die Filme „Der Junker und der Kommunist“
und „Stolperstein“ beleuchtet. Wie immer findet sich ein umfangreicher
Rezensionsteil im Heft. Eine Korrektur haben die „informationen“ nachzutragen: Im Beitrag von Dietmar Sedlaczek in der letzten Ausgabe wurde eine unkorrekte Literaturangabe gemacht. Richtig heißt es: Fings, Karola; Sparing Franz, „Tunlichst
als erziehungsunfähig hinzustellen.“ Zigeunerkinder und -Jugendliche:
Aus der Fürsorge in die Vernichtung. In: Dachauer Hefte 9, 1993, H. 9,
S. 159–180.
Die Redaktion Die Redaktion
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