"informationen" Nr. 65, Mai 2007
Editorial
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PERSPEKTIVEN DER VERMITTLUNG
Rückblick auf die Tagung „Widerstand gegen den Nationalsozialismus“ am
17./18. März 2007 |
Am 17./18. März 2007 fand im Haus der Jugend in Frankfurt am Main
die Tagung des Studienkreises mit dem Thema „Widerstand gegen den
Nationalsozialismus – Perspektiven der Vermittlung – In memoriam Peter Gingold“
statt. Mit über 150 Teilnehmern übertraf das Teilnehmerecho alle Erwartungen.
Das intensive inhaltliche Interesse an den Themen der Referate und der
Arbeitsgruppen blieb bis zum Ende der Tagung mit dem der
Zeitzeugen-Gesprächsrunde spürbar. Der Studienkreis Deutscher Widerstand
1933–1945 hatte zwei Gründe diese Tagung vorzubereiten: Er selbst war vor 40
Jahren aus einer Konferenz hervorgegangen, die unter Beteiligung von
Schulbuchverlegern, Pädagogen, Mitgliedern von Verfolgtenverbänden und
Überlebenden des Widerstands Aspekte der Forschung und der Darstellung des
deutschen Widerstandes und der Verfolgung im Spiegel der Schulbücher und des
Unterrichts behandelt hat. 2007 sollte an diese Konferenz angeknüpft werden und
Beispiele produktiver wie auch abschreckender Herangehensweisen zum Thema
„Widerstand“ in den Blick genommen werden.
Ebenso wichtig war es, diese Tagung zu veranstalten, solange noch die
persönliche Hilfe von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen in Anspruch genommen werden
kann, wenn es um Fragen der Vermittlung von Widerstandsgeschichte geht. Dass die
Tagung dem Gedenken an Peter Gingold, diesen menschlich und politisch so
beeindruckenden Zeitzeugen und Widerstandskämpfer, gewidmet war, war einerseits
als Hommage zu verstehen, aber genauso als Ansporn und Ermutigung. Peter Gingold
– Kommunist, Jude und Aktivist der französischen Résistance, auch Ehrenmitglied
des Studienkreises – war bis kurz vor seinem Tod im vergangenen Herbst ein
unermüdlicher und leidenschaftlicher Vermittler der Geschichte des Widerstandes
gegen den Nationalsozialismus.
Der Eröffnungsbeitrag von Arno Klönne, einer der Einladenen von 1967, konnte aus
Krankheitsgründen leider nur in einer Zusammenfassung verlesen werden.
Das notwendige Fundament zur Erörterung der Vermittlungsfragen lieferten Falk
Pingel, stellvertretender Direktor des Braunschweiger Georg-Eckert-Institutes
für international vergleichende Schulbuchforschung, mit einem Referat zum Thema
„Widerstand“ in den Schulbüchern der Sekundarstufe I und Thomas Altmeyer,
wissenschaftlicher Mitarbeiter des Studienkreises, der einen Überblick über den
erreichten Stand der Widerstandsforschung und über bestehende Forschungsdefizite
lieferte.
Der als kritischer Historiker und Publizist vor allem durch die
„Wehrmachtsausstellung“ bekannt gewordene Historiker Hannes Heer thematisierte
die mediale Geschichtsvermittlung, mit der Guido Knopp quotenwirksam die Zeit
des Naziregimes „wohnzimmer- und stammtischgerecht“ aufbereitet. Dietfrid
Krause-Vilmar, zum Zeitpunkt der Tagung noch Interimsdirektor des
Fritz-Bauer-Institutes, befasste sich kritisch mit der immer häufiger
vertretenen These, die Auseinandersetzung mit der Geschichte des
Nationalsozialismus, zumal der von Verfolgung und Widerstand, sei in eine
übergreifende „Menschenrechtspädagogik“ einzubetten. Hans Coppi, Berliner
Historiker und Autor verschiedener Publikationen nicht allein zur Geschichte der
„Roten Kapelle“, kreiste
die Fragen ein, die mit dem bevorstehende Lebensende auch der letzten Zeitzeugen
und deren Vermächtnis verbunden sind – kann es so etwas wie „Zeitzeugen der 2.
Generation“ überhaupt geben, verdunkeln „Zeugen der Zeugen“ nicht eher die
authentischen Botschaften der Angehörigen des Widerstands, die wir lebendig zu
erhalten haben?
Am Ende des ersten Tages verdeutlichte Beate Kosmala, Mitarbeiterin der
Gedenkstätte Deutscher Widerstand (Berlin) und der „Gedenkstätte stille Helden“
in eindrucksvoller Weise die lange Jahre vernachlässigte Bedeutung des
„Rettungswiderstandes“. Jörg Wollenberg, emeritierter Professor der Bremer
Universität, stellte am Beispiel seines Geburtsortes die mögliche Durchdringung
jener Schuttschichten dar, unter denen eine kaum erinnerte, unverfälschte, aber
auszugrabende Geschichte in unsere Gegenwart zu holen ist.
Der zweite Tagungstag begann mit Arbeitsgruppen, die jeweils mit einführenden
Thesen der Referenten eröffnet wurden. Über ihre Erfahrungen aus einem
trinationalen Projekt mit französischen, deutschen und polnischen Studenten und
Schülern berichtete Brigitte Kather, stellvertretende Schulrektorin der
Nelson-Mandela-Schule in Berlin. Kurt Schilde, wissenschaftlicher Mitarbeiter an
der Universität Siegen, leitete die Arbeitsgruppe zum Thema Jugendopposition am
Beispiel des Spielfilmes „Edelweißpiraten“. „Ein christliches Gewissen – am
Beispiel von Dietrich Bonhoeffer und Martin Niemöller“ lautete der Titel der von
Martin Stöhr (Martin-Niemöller-Stiftung) geleiteten Arbeitsgruppe. Einen Teil
seiner Gedanken finden Sie in der vorliegenden
Ausgabe der „informationen“. Frank Heidenreich von der IG-Metallbildungsstätte
Pichelsee übernahm die Arbeitsgruppe zum Widerstand aus der Arbeiterbewegung und
der „Widerstand von Juden“ war Thema der von Ursula Krause-Schmitt geleiteten
Arbeitsgruppe.
Im letzten Tagungsabschnitt stand das Thema „ Zeitzeugenschaft“ selbst im
Vordergrund. Eberhard Görner, Dokumentarfilmer und Medienwissenschaftler,
beschrieb beeindruckend sein parteiisches Verständnis und seine filmische Praxis
der Geschichtserkundung an der Seite und mit den Augen von Zeitzeugen am
Beispiel seines Filmes zum KZ Mittelbau-Dora. Bislang fand sich noch keine
Fernsehanstalt bereit, diesen Film auszustrahlen.
Den Abschluss der Tagung bildete eine Gesprächsrunde mit den Zeitzeugen Trude
Simonsohn, Irmgard Heydorn und Ernst Grube, die zunächst von ihren Motiven für
ihre Besuche vor allem in Schulen und den dort gemachten Erfahrungen
berichteten. Mit unterschiedlichen Akzenten plädierten sie dafür, mit allen
erreichbaren pädagogischen Möglichkeiten die Berichte und Botschaften der
Erfahrungen aus der Verfolgung und des Widerstandes der jungen Generation
zugänglich zu machen und dabei nicht bei einer Art „Konsumentenhaltung“
stehen zu bleiben. Man dürfe nicht nur berichten, was war und wie es war,
sondern auch zurückfragen: „… und was macht Ihr? Fragt Ihr heute nach, wehrt Ihr
Euch jetzt, steht Ihr auf der Seite der Bedrängten, oder zieht Ihr den Kopf ein?
– Courage und Widerstand müsst Ihr üben, damit Ihr Ernstfälle bestehen könnt!“
Die Beiträge werden in einer für Herbst 2007 vorgesehene Publikation nachzulesen
sein und somit auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Es
bleibt zu hoffen, dass die auf der Tagung begonnenen Debatten und Gespräche
fortgeführt und ihren Ausdruck in bestehende und neue Forschungs- und
Vermittlungsprojekte finden werden.
Dass auch 40 Jahre nach seiner Gründung eine Einrichtung wie der Studienkreis
Deutscher Widerstand 1933–45 weiterhin unverzichtbar ist, hat nicht zuletzt auch
die durch den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger
ausgelöste neue Filbinger-Debatte gezeigt.
Es liegt an uns Nachgeborenen, der erforschten Realität und den Akteuren des
Widerstandes gegen den Nationalsozialismus im oft verschwommenen Geschichtsbild
(nicht nur der jüngeren Generation) Kontur und Gewicht zu verschaffen und dies
um so mehr, je weiter wir uns „von 1945“, von der Periode des Faschismus
entfernen.
Christoph Jetter, Elke Engelhardt
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