"informationen" Nr. 64, November 2006
40 Jahre danach: Eine erneute
Bestandsaufnahme
Thomas Altmeyer
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„Probleme des Widerstandes und der Verfolgung im Dritten Reich im Spiegel der
Schulbücher und des Unterrichts” – unter diesem Konferenztitel trafen sich vom
17. bis 19. Februar 1967 in Frankfurt Wissenschaftler und ehemalige
Widerstandskämpfer mit Publizisten, Verlegern und Schulbuchautoren. Einberufen
wurde die Konferenz von einem 19-köpfigen Kreis, zu dem u.a. Prof. Abendroth,
Prof. Heydorn, Martin Niemöller, Joseph C. Roissant, Oskar Müller, Dr. Arno
Klönne und Günther Weisenborn gehörten. Im Mittelpunkt stand die Analyse der
aktuellen Forschung und Darstellung des Widerstandes gegen den
Nationalsozialismus. Darüber hinaus war es ein Anliegen der Konferenzteilnehmer
den Widerstand zu würdigen und zu rehabilitieren.1
Joseph C. Rossaint, der im Berliner Katholikenprozess 1937 zu 11 Jahren
Zuchthaus verurteilt und im Mai 1945 aus der Haft befreit wurde, referierte über
den „Sinn und Wert der Vermittlung der Geschichte des Widerstandes”. Die
Vorgeschichte und das Herrschaftssystem des Dritten Reiches standen in den
Vorträgen von Imanuel Geiss und Iring Fetscher im Mittelpunkt. Vier weitere
Beiträge beleuchteten verschiedene Bereiche des Widerstandes. So referierte
Wolfgang Abendroth über den Widerstand der Arbeiterbewegung. Hans Mommsen ging
in seinem Vortrag den „Formen des Widerstandes gegen das NS-Regime unter
besonderer Berücksichtigung des 20. Juli 1944” nach. Der „Widerstand der
Kirchen” stand im Mittelpunkt des Vortrages von Ernst Wolf. Von Herbert Steiner,
dem ersten Direktor des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstand
(DÖW), wurde der europäische Widerstand gegen den Nationalsozialismus
vorgestellt.
Zwei weitere Vorträge – gehalten von Heinrich Stiehler und Edgar Weick –
widmeten sich der pädagogischen Aufarbeitung des NS-Regimes und des
Widerstandes. Während Stiehler allgemein über den Stellenwert des 3. Reiches in
den Schulbüchern referierte, fokussierte Edgar Weick seinen Vortrag auf die
Darstellung des Widerstandes in den Schulbüchern – mit einem ernüchternden
Fazit: „Der Nationalsozialismus trägt in seiner historischen Darstellung noch
einmal den Sieg über den Widerstand gegen ihn davon. Die Geschichte des Siegers
über den Widerstand, die Geschichte der Herrschenden vor allem wird geschrieben.
Die Darstellung
des Widerstandes bleibt eine Episode.” (Weick 1967a, S. 134) Zwar wurde der
Widerstand in allen untersuchten Schulbüchern behandelt, trotzdem konnten
zahlreiche Schwachstellen herausgearbeitet werden: Im Zentrum standen die
Widerstandsgruppe der Weißen Rose um die Geschwister Scholl, der 20. Juli 1944
und der Widerstand aus Kreisen der Kirche. Letzterer wurde derart dargestellt,
so Weick, als ob der Widerstand Einzelner aus der Kirche ein Widerstand der
Kirche als Ganzes gewesen sei. Manche Bücher beschränkten sich sogar nur auf die
Ereignisse des 20. Juli 1944. „Der von den Anhängern und Mitgliedern der beiden
Arbeiterparteien, der SPD und der KPD, von der ersten Stunde an geleistete
Widerstand wird nur in wenigen Büchern erwähnt [...]” (ebd., S. 129).
Unterbeleuchtet bzw. unberücksichtigt blieben seinerzeit darüber hinaus in allen
untersuchten Publikationen der Beitrag der Emigration zum Widerstandskampf gegen
Hitler und der Widerstand in den Konzentrationslagern und Haftanstalten (ebd.,
131f).
Weicks Befund verwundert wenig angesichts des damaligen Mainstreams der
westdeutschen Widerstandsforschung. Auch hier dominierte bis mindestens Mitte
der 1960er Jahre ein einseitiger Blick auf den Widerstand.
Die Gründung des „Studienkreis zur Erforschung und Vermittlung der Geschichte
des deutschen Widerstandes 1933–1945“ ist neben dem zitierten Tagungsband ein
Resultat dieser Konferenz. Zehn Jahre später wurde das bereits in der Konferenz
geplante „Dokumentationsarchiv des deutschen Widerstandes“ eröffnet. Ziel des
Studienkreises ist seitdem die Erforschung des Widerstandes in seiner gesamten
politischen und sozialen Breite und Vielfalt und vor allem, wenig beachtete oder
ausgeklammerte Aspekte des Widerstandes bekannt zu machen2.
Damit entsprang der Studienkreis der gemeinsamen Initiative ehemaliger
Widerstandskämpfer, KZ-Häftlinge sowie Wissenschaftler. Mit dem
Dokumentationsarchiv, Ausstellungen, Publikationen, wie z.B. den
„Heimatgeschichtlichen Wegweisern“ und der seit 1976 erscheinenden Zeitschrift
„informationen“ u.v.m. geht der Studienkreis seither diesen Aufgaben nach.
Selbstverständlich haben sich seit jener Schulbuchkonferenz die sozialen und
politischen Rahmenbedingungen, in denen sich die historisch-politische Bildung
im Allgemeinen und die Widerstandsforschung im Besonderen bewegen, geändert. So
hat beispielsweise der Wegfall des Systemgegensatzes und die Wiedervereinigung
der beiden deutschen Staaten deutliche Spuren in der Widerstandsforschung und
der Erinnerungskultur hinterlassen. Hierzu gehören, um nur ein paar Stichworte
zu nennen: die Öffnung bislang verschlossener Quellen zur Erforschung des
Widerstandes; die Erweiterung des Widerstandsbegriffes auf lange Zeit nahezu
unbeachtete und vernachlässigte Widerstandsgruppen; die geschichtsrelativierende
Diskussion um „die beiden
deutschen Diktaturen“ und ihre Opfer, die Diskussion um die Funktionshäftlinge
als „rotlackierte Nazis“ etc. Offen ist noch, inwiefern sich neue Tabus
entwickeln.
Auch die europäische Einigung und Integration fordert die Widerstandsforschung
und historisch-politische Bildung heraus, da nun unterschiedliche nationale
Erinnerungskulturen aufeinandertreffen. Die deutsch-polnische Debatte um das so
genannte „Zentrum gegen Vertreibungen“ ist nur ein Beleg für mögliche
erinnerungskulturelle Konflikte in Europa.3 In der
sicherlich konflikthaften
Suche nach gemeinsamen Elementen der
Erinnerungskultur stecken aber auch interessante
Perspektiven. „Erinnerung heißt
nicht nur Gedenken. Sie heißt Aktualität
und geschichtsbezogene Lehre. Wenn
der Begriff der ‚europäischen citoyenneté‘
mehr als nur eine Worthülse ist, so sind
die transnationalen Engagements durchaus
die Grundlage dieser ‚citoyenneté‘,
verstanden nicht als ‚Staatsbürgerschaft‘,
sondern als ‚Bürgergesellschaft‘. Europa
braucht einen ‚patriotisme de la mémoire‘.
Dieser [...] ist im deutsch-französischen
Bereich zunächst die Aufarbeitung des
Kapitels ,Deutsche Widerstandskämpfer in
Frankreich‘. [...] Die Zukunft der deutschfranzösischen
Beziehungen liegt in dieser
‚mémoire‘ der europäischen Résistance“
(Cullin 2002, S. 65). Durch die Einbeziehung
grenzüberschreitender Widerstandsaktionen
und die Beachtung der
Internationalität des Widerstandes ergeben
sich sicherlich auch neue Impulse für
die Widerstandsforschung. Bereits Steiner
(1967) bemängelt das Fehlen einer
Gesamtdarstellung des europäischen
Widerstandes. Ein solches Projekt bzw.
die Beantwortung der von ihm gestellten
Frage, ob es einen ‚europäischen Widerstand‘
oder lediglich ein ‚Widerstand in
Europa‘ gegeben habe, sowie die Auseinandersetzung
über unterschiedliche
Widerstandsdefinitionen und -vorstellungen
sind ebenso lohnend wie eine stärkere
Betonung transnationaler/internationaler
Elemente in der historisch- politischen Bildung.
Auch die Adressaten dieser historisch-politischen
Bildung haben sich in den vergangenen
Jahren gewandelt: Nur noch ein
kleiner Teil der Bevölkerung hat den Nationalsozialismus
persönlich erlebt, ein Teil
hiervon im Kindesalter. Viele Jugendliche
haben heutzutage keinen persönlichen
Bezug mehr zum Nationalsozialismus.
Die Gründe hiervon sind vielfältig: manchem
Jugendlichen fehlt beispielsweise
die Großelterngeneration, die die Zeit vor
1945 miterlebt hat, andere haben aufgrund
eines Migrationshintergrunds keinen
direkten Bezugs- bzw. Identifikationspunkt
zum Thema. „Die Vermittlung der
Geschichte des Nationalsozialismus läuft
daher auch immer Gefahr, zu einem Akt
der Ausschließung von Schülern mit nichtdeutscher
Herkunft zu werden, da [diese,
T.A.] zu einem exklusiven Gegenstand der
deutschen ‚Abstammungsgemeinschaft‘
gemacht werden könnte. Zugleich stellt
sich andersherum die Frage, ob die NS-Geschichte
für junge Migranten einen relevanten
zugehörigkeitsstiftenden Bezugspunkt
darstellt oder ob sie vielleicht wieder
zum Gegenstand der Abgrenzung wird.
Provokant formuliert: Wer möchte schon
freiwillig zum Kollektiv der Nachfahren
von Tätern, Mitläufern und Zuschauern
gehören?“ (Meseth 2002, S. 131).
Dieser natürliche Prozess der Generationenentwicklung
betrifft auch die Zeitzeugen
selbst, die den Nationalsozialismus
als Verfolgte bzw. Widerstandskämpfer
er- und überlebt haben. Nicht umsonst
gilt der Einsatz von Zeitzeugen im Bildungsbereich
als eine gute Möglichkeit,
Jugendlichen den Nationalsozialismus
näherzubringen. Auch in der Forschung
sind Erinnerungsberichte eine wichtige
Quelle. Diese Quellen werden in naher
Zukunft versiegen. Eine Reihe von Fragen
ließe sich für Forschung und Pädagogik
hieran anschließen, etwa: Welche Forschungslücken
bestehen, die durch Hilfe
von Zeitzeugen behoben werden können?
Wie schafft man es möglichst viele
Erfahrungen und Kenntnisse der Zeitzeugen
zu dokumentieren und zu sichern?
Welche neuen Zugänge zu Schülern müssen
gesucht werden, wenn Zeitzeugengespräche
nicht mehr stattfinden können?
Verändert hat sich auch – um eine weitere
Entwicklung der vergangenen Jahre zu
skizzieren – die Präsenz des Nationalsozialismus
im öffentlichen Raum: Keine Woche
vergeht, ohne dass der Nationalsozialismus
in Wort bzw. Bild in Film, Rundfunk
und Fernsehen oder auch Theater und Zeitung
vorkommt. Filme wie „Die letzten
Tage der Sophie Scholl”, „Schindlers Liste“, „Das Leben ist schön“, aber auch
„Der Untergang“ liefen erfolgreich in den deutschen Kinos.
Dokumentarfilme wie z.B. die Beiträge von Guido Knopp schafften es zur besten
Sendezeit bis ins Abendprogramm. Dabei ist Knopps innovative und stilprägende
Geschichtsdokumentation unter Historikern nicht unumstritten. Durch die
spezifische und schnell geschnittene Kombination von Filmsequenzen aus den
1930er
und 1940er Jahren, Originalfotos, nachgestellten historischen Ereignissen sowie
kurzen Zeitzeugeneinblendungen, so kritisiert beispielsweise Kansteiner (2003)
die Arbeiten Knopps, wird der Zuschauer aufgefordert, sich in die historischen
Akteure und Augenzeugen zu versetzen: in die Frauen, die den Führer anhimmeln,
in Hitlers Generäle, die den russischen Feind bekämpfen etc. (vgl. Kansteiner
2003, S. 645). Fehlt Jugendlichen ein selbstkritischer Umgang mit der
Vergangenheit, so fehlen Informationen, die ein Gegengewicht
gegen Knopps ‚ambivalente Verherrlichung der NS-Gewalt‘ herstellen. Jugendlichen
fällt es nach Kansteiner (2003, S. 647f) tendenziell schwer, die vorübergehende
Identifizierung und Empathie mit der Perspektive der einfachen Soldaten und der
politischen Elite wieder gegen eine kritischere Sicht der Dinge auszutauschen.
Die hier skizzierten Entwicklungen und möglichen Fragen fordern eine erneute
Bestandsaufnahme der Widerstandsforschung und der historisch-politischen Bildung
heraus. Einen Raum für die Diskussionen öffnet der Studienkreis anlässlich
seines vierzigsten Geburtstag mit seiner Tagung am 17. und 18. März 2007 im
Frankfurter Haus der Jugend. Themen dieser zweitägigen Konferenz werden der
Widerstand in den Schulbüchern und die schulische Bildungsarbeit, mögliche
pädagogische Konzepte für eine Vermittlung ohne Zeitzeugen, der aktuelle
Forschungsstand der Widerstandsforschung und der Blick in verschiedene
Widerstandsbereiche sein. Selbstverständlich werden auch Zeitzeugen des
Widerstandes und der Verfolgung zu Wort kommen und die Debatte mit ihren
Beiträgen bereichern.
Anmerkungen:
1 Vgl. auch Weick 1967, der die Beiträge der Konferenz im
Auftrag des Studienkreises herausgegeben hat.
2 Angesichts des zitierten Mainstreams der Widerstandsforschung
stand lange der Widerstand aus der Arbeiterbewegung im Zentrum der
wissenschaftlichen Aufmerksamkeit. Andere Widerstandsbereiche, wie z.B. der
jüdische Widerstand rückten erst in den 1990er Jahren stärker in den Fokus.
3 Selbstverständlich spielen parallel hierzu weiterhin auch
nationale Erinnerungsdiskurse eine wichtige Rolle. So z.B. aktuell der
Vertriebenendiskurs (der sowohl innerdeutsch als auch europäisch angelegt ist),
Täterdebatten, wie jüngst die SS-Mitgliedschaft von Günter Grass, der
Dresden-Diskurs um Opfer alliierter Luftangriffe etc. Nicht minder brisant
angelegt sind sicherlich die Koordinaten erinnerungspolitischer Debatten in
Osteuropa, in denen die Aufarbeitung stalinistischer Verbrechen und der
staatssozialistischen Regime auf die
Aufabreitung der nationalsozialistischen Besatzung und Kollaboration ebenso
trifft wie auf Debatten im Kontext Flucht und Vertreibung der deutschen
Minderheit.
Literatur:
Michel Cullin (2002): Das Unbegreifliche begreifen und vermitteln. Zur
Erinnerungsarbeit im Deutsch- Französischen Jugendwerk, in:
Lenz/Schmidt/Wrochem: Erinnerungskulturen im Dialog. Europäische Perspektiven
auf die NSVergangenheit, Münster: Unrast, 2002, S. 61-66.
Wulf Kansteiner (2003): Die Radikalisierung des deutschen Gedächtnisses im
Zeitalter seiner kommerziellen
Reproduktion: Hitler und das “Dritte Reich” in den Fernsehdokumentationen von
Guido Knopp, in: Zeitschrift
für Geschichtswissenschaft, 51. Jg., 7/2003, Berlin.
Wolfgang Meseth (2002): „Auschwitz“ als Bildungsinhalt in der deutschen
Einwanderungsgesellschaft, in: Lenz/
Schmidt/Wrochem: Erinnerungskulturen im Dialog. Europäische Perspektiven auf die
NS-Vergangenheit, Münster: Unrast, 2002, S. 125-134.
Herbert Steiner (1967): Der europäische Widerstand gegen den
Nationalsozialismus, in: Weick (Hg.): Deutscher
Widerstand 1933-1945. Aspekte der Forschung und Darstellung im Schulbuch,
Heidelberg: Verlag Lambert Schneider, S. 116-122.
Edgar Weick (1967): Deutscher Widerstand 1933-1945. Aspekte der Forschung und
Darstellung im Schulbuch,
Heidelberg: Verlag Lambert Schneider.
Edgar Weick (1967a): Die Widerspiegelung des Widerstandes gegen den
Nationalsozialismus in den Schulbüchern, in: ders. (Hg.): Deutscher Widerstand
1933-1945. Aspekte der Forschung und Darstellung im Schulbuch, Heidelberg:Verlag
Lambert Schneider, S. 123-136.
Edgar Weick (1998): „Blauäugig – für eine gute Sache. Persönliche Erinnerungen
an die Anfänge des Studienkreises Deutscher Widerstand”, in: informationen Nr.
47, 1989, Frankfurt: Studienkreis Deutscher Widerstand.
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