"informationen" Nr. 64, November 2006
Editorial
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| Ein neues, revidiertes
Geschichtsbild entsteht, das die deutschen Kriegsund NS-Verbrechen
relativiert bzw. das als Ausgangspunkt für eine neue Außenpolitik dient.
Der Weg hierzu wird dabei von WissenschaftlerInnen, PublizistInnen und
PolitikerInnen auf vielfältige Art und Weise bereitet. |
Er darf nicht in Vergessenheit geraten: der Skandal, über den
bundesdeutsche Medien Ende August aus Weimar berichteten. Was war geschehen?
Da hatte doch der stellvertretende Bundesbeauftragte für Kultur und Medien, ein
gewisser Professor Hermann Schäfer, bei einem Gedenkkonzert für die Opfer des
Konzentrationslagers Buchenwald und im Angesicht ehemaliger Buchenwaldhäftlinge
vor allem über Flucht und Vertreibung der Deutschen gesprochen – die deutschen
Vertriebenen seien Opfer gewesen, dies könne 60 Jahre später „offen und ohne
Scheu“ ausgesprochen werden. Mit keinem Wort ging der Historiker und vormalige
Direktor des Bonner Hauses der
Geschichte auf die der Vertreibung vorausgegangenen NS-Verbrechen und deren
Opfer ein. Herr Schäfer bekam dafür die verdiente Antwort: Die Empörung im
Publikum wurde derart lautstark vorgetragen, dass er seine Rede abbrechen
musste. Die nachgeschobene, peinliche Entschuldigung des Redners indiziert eine
zusätzliche Steigerung des Skandals: Er habe, so Herr Schäfer, ja keinen Auftrag
gehabt, sich auf Buchenwald „einzustellen“ und außerdem sei Buchenwald nicht
sein Spezialgebiet! Außerdem hätte er anders geredet, wenn er gewusst hätte,
dass Überlebende des Konzentrationslagers im Saal sind. Eine Aussage, die
befürchten lässt, wie sich die erinnerungskulturelle Landschaft verändern
könnte, wenn die letzten Opfer des NS-Terrors verstorben sind.
Ins Bild passt auch, dass Schäfer – unter dem die Ausstellung „Flucht,
Vertreibung, Integration, Heimat“ für das Bonner Haus der Geschichte konzipiert
wurde und der Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Stiftung „Zentrum
gegen Vertreibungen“ ist – zu den Befürwortern der gegenwärtigen
Arno-Breker-Ausstellung in Schwerin gehört, mit der Hitlers Lieblingsbildhauer
(wieder) in unseren Kunstkanon aufgenommen werden soll.
In einer Erklärung der „Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora“, unterzeichnet
von Günter Pappenheim, einem Überlebenden des KZ Buchenwald, wird daran
erinnert, was die befreiten Häftlinge am 19. April 1945 auf dem Ettersberg
geschworen haben: „Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere
Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser
Ziel. Das sind wir unseren gemordeten Kameraden, ihren Angehörigen schuldig.“
Die Erklärung der Lagergemeinschaft stellt bitter fest: „Nachdem der Vertreter
des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien für das Kulturfest
Weimar eine nicht misszuverstehende Rede hielt, müssen wir feststellen, dass wir
von der Erfüllung des Schwures von Buchenwald weiter entfernt sind denn je.“ Und
weiter: „Mit dem gebotenen Nachdruck protestieren wir gegen diese maßlose
Provokation … Es ist für uns nicht hinnehmbar, dass offiziell Opfer und
Überlebende beleidigt werden. Wir empfinden das verwerfliche Auftreten als
vorsätzlich, weil es sich in eine Vielzahl ähnlicher Erscheinungen einordnet.“
Die Erklärung konstatiert schließlich: „Nach klaren Aussagen der Bundesregierung
anlässlich der Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Selbstbefreiung des KZ
Buchenwald im April 2005 stellen wir besorgt fest, dass sich die Position der
Bundesregierung gegenüber der Erinnerung an die Opfer des deutschen Faschismus
offenbar verändert hat.“
Ein neues, revidiertes Geschichtsbild entsteht, das die deutschen Kriegs- und
NS-Verbrechen relativiert bzw. das als Ausgangspunkt für eine neue Außenpolitik
dient. Der Weg hierzu wird dabei von WissenschaftlerInnen, PublizistInnen und
PolitikerInnen auf vielfältige Art und Weise bereitet: Hermann Schäfers
Buchenwald-Rede, Arnulf Barings Rede vor der hessischen CDU oder die Arbeit von
Erika Steinbach sind nur einige solcher Wegmarken.
Vorgänge wie diese zeigen einmal mehr, wie wichtig die Arbeit antifaschistischer
Institutionen und Organisationen und wie wichtig die wissenschaftliche Arbeit
des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933–1945 bleibt. Denn offiziöse Reden,
staatlich geförderte Projekte und Ausstellungen, „Vorgänge“ dieser Art sind
keine „Ausrutscher“, sondern signalisieren einen geschichtspolitischen
Rechtstrend.
Dieser Trend wird sich ohne Zweifel auch auf die Darstellung des
Nationalsozialismus und des Widerstandes auswirken. Vor diesem Hintergrund
gewinnt unser Vorhaben an Gewicht, am 17./18. März 2007 zu einer
wissenschaftlichen Tagung in Frankfurt/Main einzuladen, die sich den Fragen der
Vermittlung des Widerstandes gegen den deutschen Faschismus in der schulischen
und außerschulischen Bildungsarbeit widmen wird. Anlass ist das vierzigjährige
Bestehen des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933–1945, der 1967 aus einer
wissenschaftlichen Tagung über die Darstellung des Widerstandes in westdeutschen
Schulbüchern entstanden ist. Auf Seite 32 des vorliegendes Heftes finden sie
nähere Informationen hierzu. Die detaillierte Einladung wird auf geeignete Weise
publiziert werden und auf der Homepage des Studienkreises nachzulesen sein.
Unsere Mitglieder und Freunde sind herzlich dazu eingeladen, sich aktiv in der
Vorbereitung und Durchführung der Konferenz zu engagieren.
Christoph Jetter, Dirk Krüger
PS.
Nach Redaktionsschluss wurde bekannt, dass sich der oben erwähnte
Kulturbeauftragte Schäfer in einem persönlichen Gespräch mit dem Präsidenten des
Internationalen Komitees Buchenwald-Dora für seine Weimarer Rede entschuldigt
und deren Wertung als Indiz eines „erinnungskulturellen Paradigmenwechsels“
widersprochen
hat. Eine persönliche Entschuldigung gegenüber den Überlebenden war gewiss
überfällig geworden. An der – nicht nur von uns – vertretenen Einordnung des
Weimarer Skandals gibt es allerdings nichts abzumildern. C.J./D.K.
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