"informationen" Nr. 63, Mai 2006
Editorial
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In den „informationen“ der Jahrgänge 001 bis 003 ist eine Reihe von
Debattenbeiträgen aus dem Kreis unserer Freundinnen und Freunde und von
Mitgliedern des Studienkreises dokumentiert, die der Frage galten, ob denn der
im Namen „Studienkreis Deutscher Widerstand 1933–1945“ zum Ausdruck kommende
enge Bezug auf den deutschen Widerstand noch dem längst erreichten
internationalen Verständnis des antifaschistischen Widerstandes gerecht werde.
Gleichwohl stellt es gewiss kein Novum,
vielmehr eine Selbstverständlichkeit für die Arbeit des Studienkreises dar, dass
das Thema „Widerstand in europäischer Dimension“ den Schwerpunkt der
vorliegenden Ausgabe der „informationen“ ausmacht. Dass antifaschistischer
Widerstand und damit auch jede wissenschaftliche, publizistische und (im
weitesten Sinne) pädagogische Befassung mit Widerstand nur international gedacht
und verstanden werden können, verdeutlichen allein schon die politischen und
biografischen Zusammenhänge, die mit den Namen Wolfgang Abendroth und Peter
Gingold verbundenen sind, die beide im vorliegenden Heft gewürdigt werden: Peter
Gingold mit dem zweiten Teil seines Gesprächs mit Saskia Wenger und Michael
Nolte, Wolfgang Abendroth in den Beiträgen von Andreas Diers und
Friedrich-Martin Balzer. Peter Gingold, Ehrenmitglied des Studienkreises, konnte
am zurückliegenden 8. März seinen 90. Geburtstag begehen (an dieser Stelle
nochmals: Herzlichen Glückwunsch in solidarischer Verbundenheit!); im Mai 2006
gedenken wir des 100. Geburtstages von Wolfgang Abendroth. Der Studienkreis
deutscher Widerstand, zu dessen Gründern Wolfgang Abendroth gehört, zählt zu den
Unterstützern der aus diesem Anlass von der IG Metall am 6. Mai veranstalteten
Tagung „Arbeiterbewegung – Wissenschaft – Demokratie“.
Die Namen dieser beiden Antifaschisten stehen – neben dem notwendig
internationalen Verständnis des antifaschistischen Widerstandes – exemplarisch
auch für einen zweiten, in gleicher Weise unverzichtbaren Aspekt: Widerstand ist
Handeln, ist praktisches und konkretes Verhalten.
Hierauf hat Peter Gingold auf der Konferenz, die zu Ehren seines 90. Geburtstags
im Frankfurter Gewerkschaftshaus stattgefunden hat, geradezu leidenschaftlich
hingewiesen: zu den geschichtlichen Lehren des unter härtesten Bedingungen und
unter vielen Opfern geleisteten Widerstandes gehört die Verpflichtung für die
nachgeborenen Generationen, dort, wo erforderlich und möglich, einzugreifen und
auch heute praktisch zu handeln. Sicherung und Vermittlung der Erfahrungen und
des Vermächtnisses des Widerstandes bilden die eine Seite ein und derselben
Medaille, auf deren anderen Seite die Aufforderung zu Widerstand und
Zivilcourage unter den heutigen, im Vergleich zu den Jahren der offenen
faschistischen Herrschaft ungleich einfacheren Bedingungen steht.
Was hat die vom Studienkreis ausgehende Arbeit mit solch eindringlich
angemahnter Handlungsbereitschaft zu tun? In welchem Verhältnis stehen
dokumentarische Sicherung und publizistische Vermittlung des Vermächtnisses
(und: individueller Vermächtnisse) aus dem historischen antifaschistischen
Widerstand zu den Ereignissen und Entwicklungen der Gegenwart? In dieser
Gegenwart sind wir aktuell Zeugen
– von zunehmenden Auftritten und Aufmärschen neonazistischer Gruppen, begleitet
von Polizeieinsätzen, die vorrangig dem Schutz dieser Demonstrationen rechter
Gesinnung und allzu häufig der Neutralisierung, der Abwehr oder ganz direkt der
Kriminalisierung
von antifaschistischen Gegendemonstrationen gelten;
– von wachsender rassistischer, neofaschistischer Gewalt bis hin zur Schaffung
von so genannten Angstzonen, die atmosphärisch und physisch unter der Kontrolle
neonazistischer Lokal- und Regionalkommandos stehen; von feigem Zurückweichen
von Lokalpolitikern vor dumpfen rechten Drohungen, die auf zur Verweigerung von
Veranstaltungsräumen und damit zur Absage antifaschistischer Veranstaltungen
führen;
– von schockierenden Gerichtsentscheidungen, die – wie in Tübingen und Stuttgart
– das Tragen, ja, sogar das Anbieten von Plaketten mit durchgestrichenen
Hakenkreuzen kriminalisieren oder – wie von obersten Karlsruher Richtern
verkündet – via Meinungs- und Demonstrationsfreiheit unverhüllten
neofaschistischen Aktionen freies Feld einräumen oder – wie jüngst das
Verwaltungsgericht in Karlsruhe – in die Zeit der Berufsverbote für
antifaschistische Lehramtswärter zurückfallen;
– schließlich, einmal mehr, vom Kopfeinziehen und Wegschauen vieler Augen- und
Ohrenzeugen rassistischer und fremdenfeindlicher Verhaltensweisen im Alltag, dem
Verhalten der Mitläuferinnen und Mitläufer unserer Tage.
Genau in diesem Kontext wird es Aufgabe des Studienkreises Deutscher Widerstand
bleiben, mit den ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten der Information, ob
nun in Ausstellungen und Materialien didaktisch aufbereitet oder in
Publikationen und Arbeitshilfen zugänglich gemacht, die geschichtlichen
Erfahrungen mit dem zur Macht gelangten Faschismus zugänglich zu machen, also
Erfahrungen mit dem erklärten Ziel des „Wehret den Anfängen“ zu vermitteln.
Wolfgang Abendroth, Walter Fabian, Martin Niemöller, Max Oppenheimer, Günther
Weisenborn und andere aus der Generation des Widerstandes, Arno Klönne und Edgar
Weick aus der damals jungen Generation gehörten zu den Initiatoren der
Schulbuchkonferenz des Studienkreises im Februar 1967, die sich vor nunmehr fast
vierzig Jahren in Referaten und Diskussionen dem Thema „Probleme des
Widerstandes und der Verfolgung im Dritten Reich im Spiegel der Schulbücher und
des Unterrichts“ widmete. Nicht selbstgefällige Nostalgie, vielmehr politische
Notwendigkeit wird für uns Ansporn sein, uns der Anfänge und damit der Ziele und
Aufgaben des Studienkreises zu vergewissern und für Frühjahr 007 eine
wissenschaftliche Arbeitstagung fast gleicher Thematik vorzubereiten. Sie soll
eine kritische Bestandsaufnahme der Behandlung von Widerstand und Verfolgung in
der schulischen und außerschulischen Bildungsarbeit leisten und deren Defizite
und Perspektiven diskutieren – nicht zuletzt vor dem Hintergrund einer
abermaligen Welle alt- und neufaschistischer Ideologien und
Organisationsansätze. Der Studienkreis wird rechtzeitig dazu einladen.
Cora Mohr, Christoph Jetter |
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