Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945 e.V.

"informationen" Nr. 62, November 2005 
"Auf dem schnellsten Weg nach Deutschland" (Teil 1)
Peter Gingold im Gespräch mit Saskia Wenger und Michael Nolte
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Am 8. Mai 1945 warst Du in Turin. Du bist nach Deutschland zurückgekehrt. Deine Frau Ettie war zu diesem Zeitpunkt in Paris. Weshalb bist Du nach Deutschland und nicht nach Frankreich gegangen?

Das war eine lange Diskussion, die wir schon vor dem 8. Mai führten. Wir konnten lange und ausführlich darüber diskutieren, denn Paris war seit dem August 1944 befreit und die Bewegung Freies Deutschland hatte ein normales Büro am Boulevard Montmartre 19. Ich habe damals einen Auftrag von Otto Niebergall, unserem Chef, bekommen, und diesen Auftrag habe ich sehr ernst genommen: Ich wurde nach Italien geschickt zu den Partisanen, um unsere Erfahrungen in der Aufklärung von Wehrmachtsangehörigen einzubringen, aber mit der Auflage, sobald Deutschland befreit ist, auf dem schnellsten Weg in die Heimatstadt zurückzukehren. Wir sollten Einfluss auf die kommende Entwicklung nehmen, Stellen besetzen und am Neuaufbau mitwirken.

Ich bin aus Parteidisziplin zurückgekommen. Um hier zu leben oder einfach, um Geld zu verdienen, wäre ich niemals wiedergekommen. Mit Ettie hatte ich einige Gespräche darüber geführt, nach Deutschland zu gehen. Sie war natürlich nicht begeistert, aber es war für sie selbstverständlich, mit unserem Kind an meiner Seite zu sein. Mein Vater sagte, er wird keinen Fuß mehr in dieses Land setzen, meine Schwester und meine Brüder blieben auch in Paris. Weder in Turin noch auf dem Weg nach Deutschland und dann in Berlin hatte ich Kontakt zu Ettie. Ich wusste aber, dass sie und meine Tochter Alice gut aufgehoben waren. Frankreich war befreit, sie waren gut untergekommen, versorgt und hatten ihre Wohnung. Ettie arbeitete bei Otto Niebergall im Büro der Bewegung Freies Deutschland. Beunruhigt war ich also nicht. Eher war meine Familie wegen mir beunruhigt, weil sie nicht wussten, was mit mir los war.
 
In Wien warst Du vier Wochen lang gemeinsam mit deutschen Antifaschisten untergebracht, die das KZ Mauthausen überlebt haben. Unter ihnen waren Franz Dahlem, Fritz Grosse, Horst Sindermann und Heiner Rau. Was habt Ihr dort diskutiert, und was waren Eure Planungen?

Als ich in Wien angekommen bin, ist mir gesagt worden: "Du musst sofort zum ZK der KPÖ in der Wassergasse." Wir deutschen Kommunisten wurden dann im Wilhelminenschloss gesammelt. Einige Namen habt Ihr genannt, mir fällt noch Albert Stasch ein, ein Bergarbeiter aus Essen, der als Partisan in Jugoslawien gekämpft hatte, und Ludwig Einicke, der als bedeutender Historiker noch heute in Berlin tätig ist. Ich wurde zu Fritz Grosse und Franz Dahlem gerufen; ich hatte viel von ihm gehört und kannte seine Frau Käthe. Seine erste Frage war, ob ich etwas von Käthe wusste, aber das war leider nicht der Fall.

Dann habe ich über unsere Arbeit berichten. Franz Dahlem war erstaunt, was ich ihm alles erzählte. Es kam ihm wahrscheinlich wie ein Märchen vor. Niemand, der aus dem KZ kam, konnte über unseren Widerstand in der Résistance informiert sein. Franz Dahlem forderte mich auf, das schriftlich niederzulegen und sagte mir, dass wir nach Moskau fliegen. Da war ich ganz high! Als ich meinen Bericht abgeliefert
hatte, meinte er jedoch: "Nein, du gehst zurück in das Schloss, wo die anderen sind und bleibst so lange dort, bis ihr abgeholt werdet." Später habe ich dann erfahren, dass aus Moskau über die sowjetische Botschaft eine Anfrage an das Büro der Bewegung Freies Deutschland in Paris kam: "Wer ist Peter Gingold?" Offenbar gab es eine starke Portion Misstrauen; man wollte erst wissen: Ist der in Ordnung? Dadurch hat meine Familie jedoch erfahren, dass ich noch lebte.

Wir saßen vier Wochen lang in Quarantäne. Genossen von der KPÖ haben sich um uns gekümmert und unsere Versorgung organisiert. Ich habe noch nie eine Stadt gesehen, die so fürchterlich gehungert hat. Diese vier Wochen haben wir genutzt, um zu diskutieren. Das war eine  intensive Diskussion, in der vor allem die Entwicklung der Volksfrontpolitik seit dem 7. Weltkongress der Kommunistischen Internationale im Mittelpunkt stand. Das bezog natürlich auch die Bewegung Freies Deutschland mit ein, die wir gemeinsam mit Otto Niebergall im Westen geschaffen hatten. Ich war zu diesem Thema beinahe der wichtigste Mann. Die anderen kamen alle aus den Konzentrationslagern und hatten deshalb vieles nicht mitbekommen - also unsere Teilnahme in der Résistance und die ganze politische Entwicklung seitdem. Ich musste laufend Vorträge halten und wir haben lange darüber diskutiert. Es gab natürlich auch andere Vorträge.

Es wurde auch darüber diskutiert, wie es weitergeht, wie wir all das überwinden, was der Nationalsozialismus in den Köpfen hinterlassen hat. Wir haben uns keine Illusionen darüber gemacht, wie die Menschen mit dem Nazigift verseucht sind. Das haben wir schon in Wien gespürt. Nebenbei sind wir auch viel ins Theater und in die Oper gegangen. Das erste, was in Wien eröffnet wurde, waren ja die Cafés, die Oper und das Theater.

Wie bist Du von Wien nach Deutschland gekommen?

Eines Tages wurden wir abgeholt. Ein LKW mit sowjetischen Offizieren hatte den Auftrag, uns nach Berlin zu bringen. Wir waren, glaube ich, zwei oder drei Tage unterwegs von Wien über Prag und das Sudetengebiet nach Berlin. Unterwegs erlebten wir schwierige Situationen: Wir trafen auf zurückströmende Zwangsarbeiter; diese sahen einen sowjetischen LKW, in dem sowjetische Offiziere und Deutsche saßen und waren der Annahme, das sind verhaftete Deutsche. Da haben sie Steine auf uns geworfen. Ich erinnere mich noch an eine andere Szene: Ein Zwangsarbeiter schnappte sich irgendeinen Deutschen, der ein Fahrrad besaß und nahm es ihm weg. Da hielt unser Fahrer an, sprang runter und schnappte sich den Zwangsarbeiter: "Gibst du das Fahrrad wieder zurück!" Das ist eine kleine Szene, die man nicht vergisst, weil man über die Rote Armee ja sonst nur Geschichten von Vergewaltigungen hört.

Was waren dann Deine Aufgaben in Berlin?

Zunächst war es schwierig, überhaupt eine Behausung zu finden, weil ja alles zertrümmert war. Zuerst war ich in einem Heim, in dem Überlebende aus den Konzentrationslagern untergebracht waren. Das war sehr behelfsmäßig. Ich bin dann in die Waldstraße geholt worden, wo damals der Sitz des Zentralkomitees war. Dort waren Erich Honecker und Hermann Axen, der in unserer Jugendgruppe in Paris eine große Rolle spielte und mit dem ich eng befreundet war. Sie wollten mich überzeugen, in Berlin zu bleiben. Erich Honecker sagte: "Wir bauen die FDJ auf.

Ich werde Generalsekretär, Hermann Axen wird die Organisation übernehmen." Ich sollte die Gewerkschaftsjugend aufbauen. Mein erster Gedanke war: "Wenn ich in Berlin bleibe, komme ich nicht mehr nach Paris zu meiner Familie. Aber wenn ich in Frankfurt bin, ist der Weg dorthin nicht so kompliziert." Das habe ich natürlich nicht gesagt. Ich war damals schon 28, 29 Jahre alt und hatte bisher nur Jugendarbeit gemacht; nun wollte ich etwas anderes machen; ich wollte kein Berufsjugendlicher werden. Das wurde akzeptiert. Dann haben sie zu mir gesagt: "Also dann bleibst du wenigstens noch einige Monate in Berlin. Du hilfst mit, die KPD in Charlottenburg aufzubauen." Ich sollte die Entwicklung in der Ostzone mitbekommen, sollte erfahren, wie die Bodenreform, die Schulreform und so weiter eingeleitet werden. Das hat mir eingeleuchtet.

Charlottenburg lag in der britischen Besatzungszone. Obwohl die westlichen Besatzungsmächte im wesentlichen die Rolle gespielt haben, eine Entwicklung wie in der Ostzone nicht zuzulassen, würde ich sagen, dass sie uns in dieser ersten Zeit nichts in den Weg gelegt haben. Meine Sache war der Aufbau der KPD. Vor allem habe ich mit Anette Langendorf zusammengearbeitet, die KPD-Abgeordnete in Mannheim gewesen war und Ravensbrück überlebt hatte. Wir haben erst einmal alle gesammelt, die vor 1933 in der KPD gewesen waren. Wir hatten ein Büro in der Wilmersdorfer Straße; da trafen sich die Genossen. Meine Aufgabe war es, bei Zusammenkünften Vorträge zu halten. Das Wichtigste war, den Genossen erst einmal zu sagen, wer wir eigentlich sind und was wir wollen. Das musste man mehr oder weniger schulungsmäßig vermitteln, vor allem, was die vergangene Geschichte anbelangte und wie wir uns den Aufbau der Zukunft vorstellten. Von Sozialismus war damals keine Rede; wir wollten eine antifaschistisch-demokratische Entwicklung.

Wie in Charlottenburg ist die KPD in ganz Berlin aufgebaut worden. Ich war vor allen Dingen an den zentralen Zusammenkünften interessiert, bei denen die ersten Schulungshefte erarbeitet wurden. Fred Elsner war im Politbüro für die Bildungsarbeit zuständig. Er war ein äußerst kluger und wissenschaftlich hochgebildeter Genosse. In der Bildungsarbeit war er für mich eine große Autorität. Später, bei seinen Besuchen in Frankfurt, hat er bei uns übernachtet. In Fred Elsners Büro wurden die ersten Bildungshefte hergestellt. Zu diesem Zweck gab es zentrale Konferenzen, an denen auch ich teilgenommen habe. Ich bin meistens mit einem Fahrrad von Charlottenburg, an den ganzen Trümmerhaufen vorbei, zu den Zusammen-künften gefahren. Derjenige, der die ersten Schulungshefte schrieb, war Wolfgang Leonhard, der aus der Sowjetunion zurückgekehrt war. Er hat auf mich einen guten Eindruck gemacht: Das war ein junger Kerl, der sehr gut reden konnte. Ich war damals noch viel zu schüchtern. Wenn so eine Konferenz stattfand, war ich still und habe nicht viel gesagt. Ich habe versucht, alles, was ich mitbekommen habe, dem Kreis der Genossen in Charlottenburg weiter zu vermitteln.

Bei einer zentralen Konferenz, wahrscheinlich im Oktober 1945, habe ich Walter Fisch aus Frankfurt kennen gelernt. Ihm habe ich gesagt: "Ich will zu Euch nach Frankfurt kommen und gerne Schulungsarbeit machen." - "Komm so schnell wie möglich!", war seine Antwort. Als die drei Monate in Berlin zu Ende waren, gab es im ZK ein Verabschiedungsgespräch mit Anton Ackermann, Franz Dahlem und Walter Ulbricht. Wir wurden zu zweit verabschiedet. Ich war dort mit Paula Nuding, der Frau von Hermann Nuding, einem bekannten Funktionär der KPD aus Heidelberg. Bei diesem Gespräch ist uns gesagt worden: "Macht Euch keine Illusionen! Ihr werdet es ungeheuer schwer haben. Ihr habt eine andere Besatzungsmacht, die es verhindern wird, diese Entwicklung einzuleiten, die wir im Osten haben. Und nehmt noch eines mit: Die Oder-Neiße-Linie ist eine endgültige Grenze. Daran wird nicht gerüttelt."

Wie bist Du nach Frankfurt gekommen und was hast Du dort als erstes gemacht?

Paula Nuding und ich haben uns, ausgestattet mit Papieren, auf den Weg von Berlin nach Frankfurt gemacht. Wir haben uns bei der sowjetischen Behörde in Eisenach gemeldet, damit sie uns über die Grenze brachte. Sie hielten uns etwa eine Woche fest; wir wurden gut untergebracht und verpflegt, sehr freundlich behandelt. Wir führten Gespräche mit der dortigen KPD-Leitung, besuchten die Wartburg, das Bach-Museum und so weiter, bis wir grünes Licht bekamen und über die Grenze geschleust wurden. Paula hatte einen großen schweren Koffer und den habe ich beim Weg über die Grenze getragen. Ich selbst hatte nur einen kleinen Rucksack.

In Frankfurt habe ich mich zuerst bei der Landesleitung der KPD Hessen gemeldet, im ehemaligen Haus der NSDAP in der Gutleutstraße. Der Vorsitzende Walter Fisch erwartete mich, und ich war gleich dafür vorgesehen, die Schulungsarbeit zu übernehmen.

Ich wohnte zunächst bei Elisabeth - die wir immer Yvette genannt haben - und Walter Bloch in Niederrad. Die Blochs kannte ich aus Paris, wo wir uns häufig im Büro der Bewegung Freies Deutschland getroffen hatten. Uns verband viel Gemeinsames: Unsere beiden Töchter - Blochs Tochter Anette und unser Tochter Alice - waren nach der Befreiung zusammen zur Erholung in der Schweiz gewesen. Walter kam wie ich aus Frankfurt, Yvette
kam wie Ettie aus Rumänien. Yvette, die ein sehr politischer Mensch war, war noch nie in Deutschland gewesen und hatte keine Verbindung zu diesem Land.

Hast Du in Frankfurt auch Bekannte Deiner Eltern wiedergetroffen?

Nein. Es ist niemand zurückgekommen ...

Und dann bist Du nach Paris gefahren, um Deine Familie wiederzusehen?

Als ich in Berlin verabschiedet wurde, sagte ich: "Wenn ich nach Frankfurt komme, ist mein erster Weg nach Paris." Die Genossen waren ganz froh, als sie das hörten: "Wenn du nach Paris kommst, dann nimmst du einen Packen Briefe für das Zentralkomitee der KPF mit, weil wir keine Verbindung haben." Die Briefe waren an Jacques Duclos und Maurice Thorez gerichtet.

Ich konnte nicht legal nach Paris reisen. So fuhr ich nach Saarbrücken, wo ich Genossen kannte: "Schleust mich über die Grenze." Sie haben mich nach Forbach gebracht, aber auf dem einfachen Weg: Da war der Grenzpfahl und um den sind sie einfach so ein bisschen herumgegangen. Kaum war ich drüben, kamen zwei französische Soldaten auf mich zu und verhafteten mich. Sie filzten alles, was ich bei mir hatte, sahen dabei auch die Briefe und machten sie auf. Später musste ich dann der KPF erklären, warum die Briefe geöffnet waren. Die Soldaten haben mich vernommen, dabei gab es auch Schläge. Alles, was ich ihnen sagen konnte, haben sie mir nicht geglaubt. Ich war für sie ein Deutscher, der die Grenze verletzt hatte und dem wollten sie eins draufgeben. Ich dachte nur: Was wird jetzt aus mir? Dann kam ein Offizier von der Sûreté Nationale, um das Verhör fortzusetzen. Er sah die Briefe: "Quoi? Maurice Thorez? Jacques Duclos? Mais, c'est un copin!" Da stellte sich heraus, dass er einer von unseren Leuten war. Es war, als wäre plötzlich die Sonne aufgegangen. Er hat mir gleich eine Zigarre angeboten. Später haben sie mir eine Fahrkarte gekauft und mich zum Zug gebracht.

Dann habe ich meine Familie wiedergehabt.

Deine Geschwister Fanny, David und Siegmund haben den Nationalsozialismus überlebt. Was haben sie zu dieser Zeit gemacht?

Meine Schwester Fanny hatte große Verdienste in der Résistance, sie hat in jenem Bereich gearbeitet, der Travail allemand hieß: Aufklärungsarbeit unter deutschen Soldaten. Sie ist in Frankreich geblieben, hat geheiratet, kam aber oft zu uns nach Frankfurt. Für Otto Niebergall, der großen Wert darauf legte, seine politischen Kontakte in Frankreich zu pflegen, aber kaum Französisch sprach, war sie eine wichtige Stütze.

Mein Bruder David war ebenfalls in der Résistance. Nach der Befreiung hatte er zunächst im Auftrag der KPD die Grenzarbeit zwischen Fulda in der amerikanischen Zone und Eisenach in der sowjetischen Zone übernommen. Er wäre vermutlich hier geblieben, aber seine Frau weigerte sich, nach Deutschland zu gehen. So kehrte er nach Paris zurück.

Ich habe noch einen Bruder, der bei meinen Eltern in Frankreich geblieben ist. Siegmund ist sechs Jahre jünger als ich. Er war auch in der Résistance und hat Sabotagearbeit gemacht. Er hat jetzt gerade seine Erinnerungen veröffentlicht.

Deine Schwester Dora und Dein Bruder Leo wurden von den Nazis ermordet. Wann hast Du erfahren, dass sie nicht zurückkehren werden?

Am Anfang war immer noch die Hoffnung, dass sie noch kommen. Es sind ja auch andere wiedergekommen. Von daher haben wir immer gehofft, dass sie irgendwann vor der Tür stehen. Erst mit der Zeit wurde uns klar, dass sie nicht mehr zurückkehren würden.

Ettie kam dann zu Dir nach Frankfurt?

Im Februar 1946 ist Ettie nach Frankfurt gekommen. Wir haben zunächst bei den Blochs gewohnt, was ihr sicherlich etwas geholfen hat. Obwohl es ihr anfangs sehr schwer fiel, hat sie sich doch relativ schnell eingelebt, zumal sie gleich bei der Landesleitung der KPD eine politische Beschäftigung als Sekretärin gefunden
hatte. Im Juli 1946 ist dann unsere Tochter Sylvia auf die Welt gekommen. In dieser Zeit haben wir unsere Wohnung in der Reichsforststraße bekommen. Darum hat sich die Betreuungsstelle für die Verfolgten des Naziregimes in der Wiesenhüttenstraße gekümmert, wo Lore Wolf und Otto Roth gearbeitet haben. Mit der Wohnung haben wir wirklich Glück gehabt. Es war eine der wenigen Wohnungen in Frankfurt, die ziemlich gut erhalten war. Sie wurde zu einer richtigen Durchgangsstation: Alle Genossen, die vom Saargebiet über Frankfurt kamen, haben hier übernachtet. Manchmal kamen sechs, sieben, acht Leute, die alle auf dem Boden übernachtet haben und gut versorgt wurden.

Wart Ihr in Frankfurt mit Antisemitismus konfrontiert?

Offenen Antisemitismus habe ich nicht bemerkt; damals wagte kaum jemand, sich öffentlich zu äußern. Aber ich habe schon etwas gespürt: In der Nachbarschaft war ja klar, dass wir Juden waren, die zurückgekehrt sind. Das war ja so, dass der Antisemitismus direkt nach 1945 in Philosemitismus umgeschlagen ist: Nichts mehr gegen die Juden. Ich bin gerade dabei, den letzten Band der Tagebücher von Victor Klemperer zu lesen. Er schildert die letzten Tage der Befreiung. Gleich als die Amerikaner da waren, haben alle ihre Hitlerbilder weggebracht. Es gab keinen Nazi mehr. Sie waren wie weg. Es war wie von heute auf morgen: Sie waren alle nicht mehr da. Das hat sich heute natürlich geändert, da äußert man sich schon ganz offen. Aber so war die Situation nach 1945. Da waren alle eher philosemitisch als antisemitisch. Aber nur oberflächlich natürlich. In den 1960er Jahren bekamen Ettie und ich anonyme Anrufe: "Wir haben vergessen, Euch zu vergasen!"

Du warst nach Deiner Rückkehr verantwortlich für die Bildungsarbeit der KPD in Hessen. Wie sah Deine Tätigkeit genau aus?

Das wichtigste war, dass ich Wochenend- und Wochenschulungen organisiert habe. Ich ging davon aus, dass alle, die wieder oder neu in die KPD gekommen sind, ausgetrocknet sind, dass man ihnen die elementarsten Dinge beibringen muss. Wir hatten in Hessen einige kommunistische Bürgermeister, in Dietzenbach, in Langenselbold, in Dörnigheim, in Mörfelden ... Ich bin also zu unseren Bürgermeistern gegangen und habe gesagt: "Wir brauchen einen Raum für eine Woche und organisier' uns Essen." Das war immer das größte Problem, weil wir alle gehungert haben. Auf den Schulungen waren alle gerne, weil sie eine Woche lang versorgt waren, und es wurde auch viel gewandert. Was wir dort mitzuteilen hatten, haben sie aufgesogen wie ein trockener Schwamm.

Ich habe die Referenten organisiert. Einer der wichtigsten Referenten war der später bekannte Literaturprofessor Hans Mayer. Er hat meistens die Einleitung über Marxismus gemacht. Er konnte das sehr gut
und verständlich erläutern. Ich habe auch Leo Bauer, Walter Fisch und alle diese Koryphäen als Referenten geholt. Wenn ich heute alte Genossen treffe, die an diesen Schulungen teilgenommen haben, sagen sie: "Das hat uns am meisten gegeben." Wenn ich heute Schulungsarbeit mache, haben die meisten Teilnehmer schon viel gelesen. Sie sind nicht ausgetrocknet wie ein Schwamm. Damals jedoch war alles neu, und daher schwärmen sie heute noch.

Ich habe auch Bildungsbroschüren geschrieben. Wir haben hier in Niederrad eine Druckerei gefunden, die unsere Broschüren gedruckt hat. Alles wurde noch mit der Hand gesetzt. Ich habe meine Texte natürlich von unserem Sekretariat bestätigen lassen. Ich konnte da nicht selbstständig etwas reinschreiben, das Sekretariat musste immer einverstanden sein. Das war sehr wichtig und hat ein gutes Fundament gegeben.

Außerdem habe ich Versammlungen gemacht. Ich war Kandidat bei den Kommunalwahlen, bei den ersten Landtagswahlen. Unsere Veranstaltungen waren sehr gut besucht, auch von Gegnern. Als die Kriegsgefangenen zurückkehrten, haben wir sie alle gegen uns gehabt. Eines Tages zog einer seine Jacke aus: "Jetzt guckt mal, wie es mir in der Kriegsgefangenschaft ergangen ist." Da habe ich nur gesagt: "Jetzt ziehen Sie nicht auch noch Ihre Hose aus." Und: "Sagen Sie mal, in welchem Zustand sind Sie überhaupt in Kriegsgefangenschaft geraten? Wie sind Sie überhaupt nach Russland gekommen? Waren Sie dort Gast? Hat man Sie eingeladen?"

Ich bin ständig unterwegs gewesen, zunächst mit dem Motorrad, später mit dem ersten Volkswagen, den die Partei sich leisten konnte. Meine Arbeit hat mir viel Spaß gemacht. Das war für mich eine hochlebendige Arbeit und ich habe wirklich dazu beigetragen, Fundamente zu legen.

Was für Themen wurden in der Bildungsarbeit behandelt?

Als Erstes ging es darum, die Grundlagen unserer Partei vorzustellen: Was ist eigentlich Marxismus, was ist Leninismus? Das war die Einführung.

Das Zweite war: Wie stellen wir uns die Verwirklichung unserer gegenwärtigen Politik vor? Wir haben nicht die Revolution auf die Tagesordnung gesetzt, nicht den Sozialismus, obwohl wir den Sozialismus wollten. Ich habe immer unsere eigentliche Taktik und Strategie klargemacht: "Stellt Euch vor, Ihr führt eine große Gruppe von Menschen und wollt sie zu unserer Vision Sozialismus bringen. Sie marschieren los und das ist sehr mühsam. Dann sehen sie vor sich einen Ort, an dem sie sich ausruhen können, aber das ist nicht der Sozialismus. Ich muss sie erst einmal dort hinbringen, damit sie weitergehen." Ungefähr so habe ich das gemacht. Sehr plastisch, manchmal sehr einfach. Ich habe erklärt, dass ich die Menschen erst an das unmittelbar Nächste heranführen muss, damit sie weitersehen und die Erfahrung machen, dass sie ihr Lebensproblem damit nicht lösen können. Im Grunde ist das auch heute unsere Taktik.

In der damaligen Situation ging es auch darum: Wie bringen wir das Leben wieder in Gang? Wie erreichen wir, dass die Arbeiter auf ihre Betriebe einen Einfluss haben? Welche Bedeutung haben Betriebsräte und Gewerkschaften? Wie können wir in der Kommunalpolitik Einfluss nehmen? Es war eine Situation, in der wir erst einmal alles wieder in Gang bringen mussten. Das war der strenge Winter 1946. Das war theoretisch, aber auch ganz konkret: Dass die Betriebe wieder funktionieren, dass die Menschen wieder Wohnungen haben, dass sie etwas zu essen, etwas zu heizen haben. Mit diesen Themen war die Woche dann auch schon ausgefüllt.

Welche Rolle hat die Auseinandersetzung mit der Ermordung der europäischen Juden innerhalb der KPD gespielt?

Natürlich war die Verfolgung und Ausrottung der Juden bei den Mitgliedern der KPD bekannt. Das war eine Sache, die jeder wusste, aber es war eigentlich kein großes zentrales Thema. Ich kann mich erinnern, als der Jahrestag des 9. Novembers zum ersten Mal nach 1945 begangen wurde, dass wir uns von der KPD aus darum bemüht haben, dabei zu sein. Das Gedenken wurde von der Jüdischen Gemeinde organisiert; in der Öffentlichkeit spielte der Jahrestag des Novemberpogroms keine Rolle. Ich erinnere mich, wie ich mit der kleinen Gruppe von Genossen an der Friedberger Landstraße bei der ehemaligen Synagoge war. Da kam kein Bürgermeister oder so, wie es heute wäre.

Hast Du auch Antisemitismus innerhalb der Partei erlebt?

Mein eigenes Erleben in der Partei: Sicherlich wussten die meisten, dass ich Jude bin. Aber ich wurde angenommen wie jeder andere auch. Ich sah keine Voreingenommenheit. Wenn es das gegeben hätte, hätte ich nicht in der Partei bleiben können. Es ist durchaus möglich, dass antisemitische Vorurteile bei dem einen oder anderen eine Rolle gespielt haben. Das halte ich nicht für ausgeschlossen. Das halte ich beinahe für ganz normal: Warum soll es Vorurteile gegen Juden nicht auch bei Menschen in unserer Partei geben? Das war aber nichts, was typisch war. Ich sage das so, wie ich es empfunden habe.

Welches Verhältnis hattest Du zur Jüdischen Gemeinde?

Ich war damals Mitglied der Jüdischen Gemeinde. Ich war einer der wenigen Frankfurter Juden, die vor 1933 in Frankfurt gelebt haben und zurückgekommen sind. Einer, der ebenfalls überlebt hatte, war Valentin Senger, und vielleicht gab es auch sonst noch den einen oder den anderen. Die meisten Mitglieder der Jüdischen Gemeinde waren Juden, die nach ihrer Befreiung nach Frankfurt kamen als so genannte Displaced Persons. Es war also eine ganz kleine Jüdische Gemeinde, die froh über jedes Mitglied war.

Für mich war es ganz klar, dass ich Mitglied in der Jüdischen Gemeinde wurde. Seit meiner Kindheit war ich zwar nicht mehr gläubig und bin nie mehr in die Synagoge gegangen. Doch ich hatte nun ein ganz anderes Verhältnis zum Judentum als vor 1933. In meiner Familie war ich sehr religiös erzogen worden; mit vierzehn Jahren hatte ich aufgehört, Jude zu sein. Das war, als ich angefangen habe, mich mit Marxismus und solchen Sachen zu beschäftigen. 1933 hat mich Hitler wieder "rassisch" zu einem Juden gemacht und ich habe das Schicksal der Juden geteilt. Wir wurden durch die Jüdische Gemeinde etwas besser versorgt und bekamen Kaffee und andere Dinge. Anfang der 1960er, 1970er Jahre bin ich gemeinsam mit Ettie ausgetreten. Vielleicht habe ich eine Dummheit gemacht. Wir haben uns gesagt: "Wir sind keine gläubigen Juden, warum müssen wir in der jüdischen Gemeinde sein?" Heute würde ich das nicht mehr machen. Ich werde heute noch zu jeder Veranstaltung der Jüdischen Gemeinde eingeladen. Sie wissen, dass ich Kommunist bin, doch sie akzeptieren mich. Es gibt keine Berührungsängste. Ignatz Bubis hat mir immer die Hand gegeben und ich bin mit Salomon Korn, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrates der Juden, sehr befreundet. Wir kennen uns gut. Ich werde dort akzeptiert und bin anerkannt.

Der zweite Teil des Gesprächs folgt in den informationen Nr. 63

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