Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945 e.V.

"informationen" Nr. 62, November 2005 
"Jeder musste ja sein weiteres Leben meistern."
Erinnerungen von Trude Simonsohn an die Jahre nach der Befreiung,
aufgezeichnet von Ursula Krause-Schmitt

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In den Tagen der Befreiung war ich - wie viele andere auch - euphorisch. Nach den
Jahren der Haft, der Deportation in die Lager und den letzten vier Monaten, die ich mit einer falschen Identität, der einer tschechischen Zwangsarbeiterin, überlebte,
musste ich endlich nicht mehr um mein Leben, meine Identität bangen.

Zum ersten Mal hatte ich aber auch Zeit darüber nachzudenken, was mir passiert war und wen ich alles verloren hatte. Ich musste mich mit dem Tod meiner Mutter in Auschwitz auseinander setzen, den ich bis zu diesem Zeitpunkt ganz, aber wirklich ganz, ganz tief verdrängt hatte. Ich bin nach Olomouc (Olmütz), in die Stadt, in der ich bis zu meiner Deportation gelebt hatte, gefahren. Die Fahrt dauerte, da viele Brücken gesprengt waren, acht statt normalerweise vier Stunden; ich hätte also acht Stunden Zeit zum Nachdenken gehabt. Bis heute habe ich nicht begriffen, weshalb ich nicht schon im Zug darüber nachgedacht habe. Ich bin in Olomouc angekommen und habe nichts gewusst - nicht, warum ich gekommen bin, nicht, wo ich gewohnt hatte, und auch nicht, wer überhaupt noch in der Stadt lebte. Es war einer der schlimmsten Momente nach der Befreiung.

Ich habe mich schließlich an meine tschechische Freundin erinnert und bin zu ihr
gegangen. Sie hat mich aufgenommen und von diesem Moment an hört mein Gedächtnis auf. Freunde haben mir später erzählt, dass sie mit mir dort und dort und dort gewesen waren; doch ich weiß nichts von diesen Tagen. Die Erinnerungen sind auch nicht wieder gekommen. Es war ein vergleichbarer Schock, wie ich ihn auch in Auschwitz erlebt hatte; auch an diese Zeit kann ich mich überhaupt nicht erinnern. Ich kann mir dies nur so erklären, dass ich in eine Totenstadt gekommen bin und die Realität zum ersten Mal über mir zusammenstürzte. Ich habe noch eine Tante in Südmähren besucht; sie hatte in einer "Mischehe" überlebt.

Wieder in Olomouc traf ich auf dem Amt, wo die Lebensmittelkarten ausgegeben wurden, eine Bekannte, die auch in Theresienstadt war. Von ihr erfuhr ich, dass mein Mann mit ihrem Bruder Franzl aus Dachau zurückgekommen war. Ich war völlig erstarrt, denn bis dahin hatte ich über meinen Mann nur sehr schlimme Auskünfte von anderen Überlebenden bekommen; sie sagten, er wäre, als sie ihn zuletzt sahen, in einem sehr schlechten Zustand gewesen. Ich hatte sehr wenig Hoffnung, dass er noch am Leben war. In Auschwitz, bevor wir getrennt wurden, hatten wir verabredet, dass wir uns, wenn wir überleben, in Theresienstadt treffen würden. Er hat das eingehalten und war nun dort. Daraufhin habe ich mir sofort eine Fahrkarte gekauft und bin nach Theresienstadt gefahren. Das war im Juni 1945.

Theresienstadt war zu diesem Zeitpunkt abgesperrt, weil dort Typhus herrschte, doch ich konnte mich durchschmuggeln und habe meinen Mann wiedergesehen. Wobei ich für uns beide sagen muss: Man geht nicht ungestraft durch so eine Hölle, man ist nicht mehr der selbe Mensch. Wir haben erst langsam wieder zu einander gefunden.

Mein Mann und ich haben bei der Auflösung des Ghettos geholfen. Zu diesem Zeitpunkt wurde diese Arbeit bereits vom tschechischen Sozialministerium organisiert, dessen Angestellte wir wurden. Unsere Arbeit bestand darin, die Menschen, die nicht Tschechen waren, irgendwo hin zu bringen. Ein Teil der deutschen Juden ging z.B. in DP-Camps; für sie mussten die Fahrten organisiert werden, ebenso für diejenigen, die bereits Zertifikate für Palästina oder Affidavits für die USA hatten. Ein anderer Teil wollte "nach Hause", also nach Hamburg oder Frankfurt oder München. Diese Fahrten haben wir organisiert, das war unter den damaligen Umständen eine ganze Menge Arbeit. Wir blieben bis September 1945 in Theresienstadt, bis alle das Ghetto verlassen hatten.

Dann gingen wir nach Prag. Eigentlich wollten wir sofort nach der Befreiung nach Palästina; wir sind auch angefordert worden, doch dazu hätten wir zunächst in ein DP-Camp gehen müssen. Wieder in ein Lager, das konnten wir nicht! In Prag haben wir weiter im Sozialministerium in der Repatriierungsabteilung gearbeitet. Die Suchanfragen aus ganz Europa landeten bei uns. Ich sprach Tschechisch, Deutsch und Englisch und habe die Korrespondenz mit den Repatriierungskommissionen aus Frankreich und Großbritannien übernommen. Von überall kamen Anfragen, in denen Angehörige Auskunft über das Schicksal ihrer Eltern, Kinder, Geschwister, Verwandten forderten. Ihnen Auskunft zu geben, war unsere Aufgabe. Mein Mann sprach kein Wort tschechisch, doch er wurde dringend gebraucht. Er war Jurist und wusste vor allem sehr gut Bescheid über alle Transporte, die aus Deutschland in Theresienstadt eintrafen; so konnte er anhand der Transportlisten nach Auschwitz und den Eintragungen in den Theresienstädter Sterbebüchern klären, wer gestorben oder wer weiter deportiert worden war.

In Prag haben wir in einem Zimmer in Untermiete gewohnt; wir verdienten beide Geld und die Stadt hat uns sehr gut gefallen - Prag ist eine wunderbare Stadt. Zugleich gab es auch schwierige Situationen, denn damals herrschte in Prag ein ungeheurer Hass auf Deutsche. Auf der Straße konnten wir kein Wort deutsch miteinander reden, das wäre lebensgefährlich gewesen. Schwierigkeiten gab es, als wir standesamtlich heiraten wollten. In Theresienstadt waren wir vor unserer Deportation nach Auschwitz von einem Rabbiner getraut worden; nun wollten wir auch offiziell verheiratet sein. Der Standesbeamte sagte: "Hören Sie, das ist uns jetzt zu kompliziert. Ihr Mann ist ein früherer Deutscher und jetzt staatenlos. Warten
Sie, bis die Deutschen draußen sind! Sie bekommen dennoch alle Rechte einer verheirateten Frau." Vom Sozialministerium bekam ich dann einen Hausfrauentag
eingeräumt. Probleme gab es auch mit der Aufenthaltsbewilligung für meinen Mann; wenn ich sie verlängern lassen wollte, bekam ich zu hören: "Ist Ihnen nichts anderes eingefallen als einen Deutschen zu heiraten." Diese Vorwürfe bekam ich des öfteren zu hören, doch ich habe mir nichts gefallen lassen. Und dennoch: Für meinen Mann und mich war das Leben in Prag wunderbar; mein Mann hat Prag geliebt.

Inzwischen hatten wir erfahren, dass Ilse, die Schwester meines Mannes, gerettet worden war und in der Schweiz lebte. Sie war mit uns in Theresienstadt gewesen, wurde aber nicht nach Auschwitz deportiert, weil ihre Karteikarte zum Glück verschwunden war. Sie war nicht in der Kartei, war also auch nicht vorhanden. Sie
kam im Februar 1945 mit jenem Transport, den Graf Bernadotte und Herr Mazur aus Schweden sowie Herr Müsi aus der Schweiz mit Himmler ausgehandelt hatten, nach Davos. Wir ließen uns drei Monate unbezahlten Urlaub geben. Meine Chefin hatte mich und meinen Mann sehr gerne und hatte uns für diese Fahrt alle Wege geebnet; wir bekamen sogar für tschechisches Geld Schweizer Franken. Im Frühjahr 1946 fuhren wir nach Davos, um die einzige, die überlebt hatte, zu treffen, und sind dann in der Schweiz hängen geblieben.

In Davos lernten wir Herrn Brumlik kennen, den Leiter der jüdischen Flüchtlingshilfe.
Er war dabei, ein Sanatorium für lungenkranke Chaluzzim zu organisieren, d.h. für Mitglieder der zionistischen Jugendbewegung, die in den Lagern an TBC erkrankt waren. Doch damals - 1946 - war es so, dass kein gesunder Mensch nach Davos ging, um dort zu arbeiten. Herr Brumlik hatte also das Haus, er hatte das Geld von "Don Suisse" (Schweizer Spende), aber er hatte kein Personal. Sofort fragte er uns, ob wir nicht bleiben könnten. Mein Mann sollte die Verwaltung übernehmen und ich sollte als Krankenschwester arbeiten. Wir haben uns gesagt: Wir sind ohne Tuberkulose herausgekommen, und da warten nun unsere Freunde auf Behandlung und Heilung, also bleiben wir. Ich hatte als junges Mädchen in der Tschechoslowakei einen Kurs des Roten Kreuzes absolviert und war immer sehr an Medizin interessiert. Zur Ausbildung kam ich zunächst in die Baseler Heilstätte, wo ich ein sehr anspruchsvolles Praktikum durchlief - mit allem, mit Labor, mit Spritzen, mit allem, was notwendig war. Dann wurde das Sanatorium eröffnet, und es kamen unserer Freunde aus der Jugendbewegung aus der Tschechoslowakei, aus dem DP-Camp Bergen-Belsen und anderen Orten. In unserem Sanatorium konnten die Patienten an Vorbereitungskursen z.B. in Ivrit teilnehmen und hatten die Möglichkeit, während des Aufenthaltes einen Beruf zu erlernen. Das gab es damals in keinem Lungensanatorium und war für die Schweiz etwas völlig Neues. Das Konzept unseres Sanatoriums unterschied sich von herkömmlichen dadurch, dass es mit den Patienten eine konkrete Perspektive für das weitere Leben erarbeitete und praktisch
einübte. Jeder musste ja sein weiteres Leben meistern, und sie haben sich alle bewährt. Die meisten unserer Patienten sind nach ihrer Genesung nach Palästina bzw. Israel ausgewandert. 

Die Arbeit war sehr anstrengend; ich bekam zwar einen Pfleger zur Unterstützung,
dennoch habe ich 16 Stunden gearbeitet. Damals kam Penicillin auf; es musste alle drei Stunden gespritzt werden. Wenn ich in der Nacht aufstehen musste, konnte ich nicht mehr einschlafen. Trotz der hervorragenden Kost, die es in der Schweiz gab, habe ich 20 Pfund abgenommen, ich habe mich vollkommen verausgabt und endete in einer schweren Ohnmacht. Der Chefarzt sagte zu meinem Mann: "Wer seine Frau liebt, lässt sie nicht als Krankenschwester in der Schweiz arbeiten."

Wir haben ein knappes Jahr im Sanatorium gearbeitet; dann bekam mein Mann ein Stipendium und studierte in Zürich Philosophie und Soziologie. Ich habe zum Teil legal, zum Teil illegal gearbeitet - vor allem mit traumatisierten jüdischen Kindern. Diese Arbeit wurde von der jüdischen Hilfsorganisation "Hilfe und Aufbau" organisiert. Im Sommer 1947 lud "Hilfe und Aufbau" Kinder, die während des Krieges bei Partisanen in Polen und Russland Zuflucht gefunden hatten und die es nach der Befreiung in das DP-Camp Bergen-Belsen verschlagen hatte, zur Erholung in die Schweiz ein. Die meisten waren Waisenkinder. Es war eine kleine Gruppe von zwölf Kindern, die in das jüdische Kinderheim in Heiden im Kanton Appenzell geschickt werden sollte. Dieses Kinderheim gehörte dem "Jüdischen Frauenbund".
Der Älteste war zwölf Jahre alt, hochintelligent und wusste viel über die deutschen Verbrechen. Für ihn und die jüngeren war die Schweiz, die deutschsprachige Schweiz mit "Gruezi" und so weiter, einfach nur deutsch; sie wussten nicht, wo sie waren, sie haben auch nicht realisiert, dass sie in einem jüdischen Kinderheim sind und haben einen unglaublichen Aufstand gemacht. "Hilfe und Aufbau" hat händeringend nach zwei Erziehern für diese Kinder gesucht; diese Blamage konnte man doch nicht auf sich sitzen lassen. Mein Mann wurde gefragt, er lehnte jedoch ab, da er in der pädagogischen Arbeit mit so jungen Kindern keine Erfahrung hatte. Wir haben dann einen Bekannten gefragt, der auch in der Jugendbewegung war, Jizchak Schwersenz. Mit ihm habe ich mich dann zusammen getan. Wir haben noch eine Frau gefunden, auch eine Verfolgte, Schwerst- erfolgte, die ihre beiden Söhne verloren hatte, und haben sie als Köchin engagiert. Dann haben wir eine Jugendherberge oberhalb des Züricher Sees gemietet und mit diesen zwölf Kindern - wie man sagte - "Wunder" bewirkt. Was aber gar kein Wunder war: wir haben sie nicht mit "Gruezi", sondern mit "Shalom" begrüßt und das war ihnen vertraut. In der Schweiz hatte man ja keine Ahnung, was Krieg und Lager bedeutet hatte. Ein Kind hatte Läuse und war Bettnässer. Für mich war das überhaupt kein Problem: ich kannte Läuse und wusste, was zu tun war. Ich habe seinen Kopf mit Petroleum desinfiziert und gewaschen. Auch mit Bettnässen konnte ich umgehen. Der Sommer 1947 war ein wunderbarer sonniger Sommer: Ich habe morgens die Laken gewaschen und abends war alles wieder trocken. Nach drei Tagen gab es keine Bettnässer mehr. Wir waren sechs Wochen mit diesen Kindern zusammen und hatten einen schönen Erfolg. Die restlichen sechs Wochen wurden sie dann auf Familien verteilt.

Danach war ich noch als Erzieherin im Kinderheim in Heiden. Dort war ich jedoch
ziemlich unglücklich, weil ich meinen Mann so selten sah. Das Hin- und Herfahren war ziemlich anstrengend. Schließlich habe ich noch in Adelboden, in einem Kinderheim der O.S.E. gearbeitet, ich betreute hier jüdische Kinder aus Österreich.
 
Im April 1949 ist es uns schließlich gelungen, nach siebenjähriger glücklicher Ehe
endlich in Zürich zu heiraten. Damals brauchte man zum Heiraten ein Ehefähigkeitszeugnis. Ich musste diese Bescheinigung in der Tschechoslowakei anfordern, mein Mann, der in Bernburg geboren war, in der damaligen sowjetischen Besatzungszone Deutschlands. Diese Bescheinigungen waren immer nur drei Monate gültig und kosteten Geld. Immer wenn eine Bescheinigung kam, war die andere abgelaufen. Diese Komödie hat Jahre gedauert, bis wir endlich zum Standesamt gehen konnten.

Um diese Zeit - inzwischen war 1948 der kommunistische Umsturz in Prag gewesen - musste ich meinen Pass verlängern lassen. Auf dem Konsulat in Zürich wurde dies abgelehnt; sie sagten, sie legten Wert darauf, dass ich "die sozialistische Republik mit aufbaue". Entweder ich kehrte zurück oder ich bekäme keinen Pass. Ich lehnte ab und war meinen Pass los. Damit war ich eine staatenlose Ausländerin. Mein Mann war noch nicht in der Lage, den deutschen Pass anzunehmen, und so blieben wir - nun beide staatenlos - in der Schweiz. In der Schweiz ist das ein ganz schlimmer Status.

Nach der Währungsreform kam Herr Goldstein, der Leiter der Jüdischen Gemeinde Hamburg, zu meinem Mann nach Zürich und bat ihn, nach Hamburg zu kommen und in der Jüdischen Gemeinde zu arbeiten. Mein Mann hatte vor der Deportation in Hamburg gelebt, sein Wissen als Jurist war bei den komplizierten Restitutions- und Wiedergutmachungsfällen gefragt. Da wir keine großartigen Pläne hatten, sind wir nach Hamburg gegangen. Mein Mann hätte sich zwar noch habilitieren können, aber eben nicht als staatenloser Ausländer. Er hatte in der Schweiz, die nicht sehr gastfreundlich war, keine berufliche Perspektive. Wir wohnten noch immer sehr beengt in Untermiete, und ich wollte endlich ein Kind haben. So haben wir beschlossen, erst einmal nach Hamburg zu gehen. Mein Mann wurde, als wir dann in Hamburg eintrafen, sofort wieder deutscher Staatsbürger. Für mich war der Umzug nach Deutschland anfänglich ein Problem; das Wichtigste war mir jedoch, was für meinen Mann gut ist. Er hatte zwölf Jahre Nationalsozialismus erleben müssen und ich sechs, dieser Unterschied macht im Leben sehr viel aus. In Hamburg bekamen wir eine kleine Wohnung in der Bogenstraße und dort kam schließlich unser Sohn zur Welt. Ich war noch ein Jahr nach der Geburt ziemlich geschwächt - dies war sicherlich eine Folge der vorausgegangenen Strapazen.

Ich bin mit der Voraussetzung Null nach Hamburg gekommen und habe dann unglaubliches Glück gehabt, mit Menschen zusammen zu treffen, die im Widerstand
waren. Das hat sehr viel für uns bedeutet. Sehr geholfen hat uns die Freundschaft mit der Familie Heydorn; beide waren im Widerstand gewesen und das war für uns eine ungeheuer wichtige Erfahrung. Es war ein Kreis um die von den Nürnberger Gesetzen Verfolgten; dort herrschte ein sehr gutes Klima. Gut befreundet waren wir mit der Schauspielerin Ida Ehre. Wir lernten Erich Lüth kennen, der als einer der ersten Deutschen den neugegründeten Staat Israel besucht und die Organisation "Frieden mit Israel" ins Leben gerufen hatte. Mein Mann war im Vorstand der Jüdischen Gemeinde und als Jurist für Wiedergutmachungsfragen zuständig. Er führte z.B. einen Musterprozess um die Entschädigung der so genannten Sternträger und konnte ihn gewinnen. Dann gehörte er zu den Neubegründern der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. Daneben hielt er viele Vorträge über Israel z.B. bei den Falken, der Jugendorganisation der SPD. Ich war als Beisitzerin im Oberversicherungsamt tätig, das für Gesundheitsschäden der Verfolgten zuständig war. Bei den Fällen, die hier entschieden wurden, ging es auch
um Rentenzahlungen an deutsche Widerstandsleute. Ehrenamtlich habe ich mich bei der WIZO (Women's International Zionist Organization) engagiert.

Wenn ich das alltägliche Klima dieser Jahre in Hamburg beschreiben wollte, erinnere
ich mich vor allem daran, dass ich fast immer auf Leute traf, die angeblich mit einem Fuß im Grab und mit dem anderen in der "Partei" waren; nie habe ich jemanden getroffen, der sich als Nationalsozialist bezeichnet hätte. Das hätte ich mir nämlich gewünscht, denn: wenn man einmal ein Nazi war, kann man auch etwas anderes werden. Natürlich bekam man den Antisemitismus mit, er war allgegenwärtig. Wir wollten jedoch nicht, dass er unser Leben bestimmt. Wir haben uns aus diesem Grund auch nie in einer deutschen Partei engagiert; es gab keine einzige deutsche Partei, wo man nicht davor gefeit war, mit antisemitischen Bemerkungen konfrontiert zu werden. Das war für uns beide völlig klar, dass wir nicht in eine deutsche Partei eintreten. Ein Paradebeispiel waren die Erfahrungen
unseres sehr guten Freundes, des Karikaturisten Herbert Meyer. Er war ein Sozialist, der vor den Nationalsozialisten nach Palästina fliehen konnte und so gerettet wurde. Nach Kriegsende arbeitete er in Palästina als Dolmetscher bei den Alliierten. Im Herbst 1950 kehrte er nach Ostberlin zurück und wurde nach ganz kurzer Zeit verhaftet. Von sechs russischen Offizieren, die ihn verhörten, haben ihn fünf antisemitisch beschimpft. Nach über einem Jahr Haft unter sehr schlimmen Bedingungen kam er mit der Unterstützung von Arnold Zweig frei und ging in den Westen. Herbert Meyer schloss sich der SPD an; aber auch hier war er mit Antisemitismus konfrontiert. Wir bekamen genug berichtet; wir mussten das nicht live erleben.

Die Ereignisse in Prag - den Slansky-Prozess 1952 zum Beispiel - haben wir mit Entsetzen verfolgt; das war eine ganze schlimme Sache und hat uns sehr getroffen. Wir kamen beide aus der Jugendbewegung, ich aus dem sozialdemokratischen Maccabi Hazair, mein Mann aus dem sozialistischen Haschomer Hazair. Wir verstanden uns als Sozialisten. Und nun diese stalinistischen Prozesse! Dass sich Leute, die sich Sozialisten, Kommunisten nannten, so verhielten, das war eine ganz große Enttäuschung. Da hat man den Glauben verloren.

Als der Hauptsitz der Zentralwohlfahrtsstelle 1955 nach Frankfurt am Main verlegt wurde, sind wir hierher gezogen. Seit 1962 lehrte mein Mann als Professor für Jugendrecht und Sozialpädagogik an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität. Er starb im Januar 1978. Ich habe in Frankfurt zwölf Jahre in der Jüdischen Gemeinde gearbeitet, drei Jahre im Vorstand und neun Jahre als Gemeinderatsvorsitzende. Im Vorstand war ich für die gesamte Sozialarbeit und für die Erziehungsberatungsstelle
zuständig.

Seit langer Zeit - genauer seit 1980 - gehe ich in Schulklassen. Hineingeworfen in diese Arbeit hat mich Martin Stöhr, der ehemalige Leiter der Evangelischen Akademie Arnoldshain. Nach meinem ersten "Schulbesuch" war ich zunächst froh, dass ich dies kann. Es war mir nicht leicht gefallen. Mir selbst habe ich erst nach etwa zehn Jahren und unzähligen Gesprächen mit Jugendlichen klar gemacht, dass man, wenn man überlebt hat, die Pflicht hat für alle zu sprechen, die nicht mehr reden können. Das war die conditio sine qua non, der ausschließliche Grund, und die Kraft, die mir bleibt, will ich für diese Aufgabe noch geben.
 
Trude Simonsohn geb. Gutmann

1921 geboren in Olomouc (Olmütz), Tschechoslowakei

1927 Besuch der tschechischen Volksschule und anschließend des deutschen
Gymnasiums

1935 Mitglied in der sozialdemokratisch orientierten, zionistischen Jugendorganisation Maccabi Hazair

1939 Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht Vorbereitung auf die Auswanderung nach Palästina in einem landwirtschaftlichen Betrieb. Am 1. September 1939 wird der Vater verhaftet und in das KZ Buchenwald deportiert. Im Winter gelingt Mitgliedern ihrer Jugendgruppe die Auswanderung nach Palästina; Trude Simonsohn bleibt zurück und arbeitet im Untergrund.

1942 Verhaftung Anfang Juni wegen angeblichem "Hochverrat und illegaler kommunistischer Tätigkeit"; tatsächlich hat Trude Simonsohn illegale zionistische Jugendarbeit geleistet; einige Monate Einzelhaft. Sie erfährt vom Tod des Vaters im KZ Dachau und der Deportation der Mutter nach Theresienstadt. Der deutsche Polizeipräsident von Olmütz veranlasst, dass sie statt nach Ravensbrück im Oktober in das Ghetto Theresienstadt deportiert wird. Dort arbeitet sie als Betreuerin in einem Mädchenheim und lernt Bertold Simonsohn kennen, den sie vor der bevorstehenden Deportation heiratet.

1944 Sie wird im Oktober mit ihrem Mann nach Auschwitz deportiert.

1945 Trude Simonsohn befindet sich im Lager Kurzbach bei Breslau und muss Panzergräben ausheben. Der Todesmarsch führt nach Westen. In der Nähe von Cottbus bleibt sie mit einigen Tschechinnen zurück und gibt sich als tschechische
Zwangsarbeiterin aus. Am 25. April wird sie erneut verhaftet und am 9. Mai 1945 durch die Rote Armee befreit. Sie ist 24 Jahre alt.
 
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