"informationen" Nr. 62, November 2005
"Jeder musste ja sein
weiteres Leben meistern."
Erinnerungen von Trude Simonsohn an die Jahre nach der Befreiung,
aufgezeichnet von Ursula Krause-Schmitt
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In den Tagen der Befreiung war ich - wie viele andere auch -
euphorisch. Nach den
Jahren der Haft, der Deportation in die Lager und den letzten vier
Monaten, die ich mit einer falschen Identität, der einer tschechischen
Zwangsarbeiterin, überlebte,
musste ich endlich nicht mehr um mein Leben, meine Identität bangen.
Zum ersten Mal hatte ich aber auch Zeit darüber nachzudenken, was mir
passiert war und wen ich alles verloren hatte. Ich musste mich mit dem
Tod meiner Mutter in Auschwitz auseinander setzen, den ich bis zu
diesem Zeitpunkt ganz, aber wirklich ganz, ganz tief verdrängt hatte.
Ich bin nach Olomouc (Olmütz), in die Stadt, in der ich bis zu meiner
Deportation gelebt hatte, gefahren. Die Fahrt dauerte, da viele
Brücken gesprengt waren, acht statt normalerweise vier Stunden; ich
hätte also acht Stunden Zeit zum Nachdenken gehabt. Bis heute habe ich
nicht begriffen, weshalb ich nicht schon im Zug darüber nachgedacht
habe. Ich bin in Olomouc angekommen und habe nichts gewusst - nicht,
warum ich gekommen bin, nicht, wo ich gewohnt hatte, und auch nicht,
wer überhaupt noch in der Stadt lebte. Es war einer der schlimmsten
Momente nach der Befreiung.
Ich habe mich schließlich an meine tschechische
Freundin erinnert und bin zu ihr
gegangen. Sie hat mich aufgenommen
und von diesem Moment an hört mein
Gedächtnis auf. Freunde haben mir später
erzählt, dass sie mit mir dort und dort und
dort gewesen waren; doch ich weiß nichts
von diesen Tagen. Die Erinnerungen sind
auch nicht wieder gekommen. Es war ein
vergleichbarer Schock, wie ich ihn auch in
Auschwitz erlebt hatte; auch an diese Zeit
kann ich mich überhaupt nicht erinnern.
Ich kann mir dies nur so erklären, dass ich
in eine Totenstadt gekommen bin und die
Realität zum ersten Mal über mir zusammenstürzte.
Ich habe noch eine Tante in
Südmähren besucht; sie hatte in einer
"Mischehe" überlebt.
Wieder in Olomouc traf ich auf dem Amt,
wo die Lebensmittelkarten ausgegeben
wurden, eine Bekannte, die auch in Theresienstadt
war. Von ihr erfuhr ich, dass
mein Mann mit ihrem Bruder Franzl aus
Dachau zurückgekommen war. Ich war völlig
erstarrt, denn bis dahin hatte ich über
meinen Mann nur sehr schlimme Auskünfte
von anderen Überlebenden bekommen;
sie sagten, er wäre, als sie ihn zuletzt
sahen, in einem sehr schlechten Zustand
gewesen. Ich hatte sehr wenig Hoffnung,
dass er noch am Leben war. In Auschwitz,
bevor wir getrennt wurden, hatten wir verabredet,
dass wir uns, wenn wir überleben,
in Theresienstadt treffen würden. Er hat
das eingehalten und war nun dort. Daraufhin
habe ich mir sofort eine Fahrkarte
gekauft und bin nach Theresienstadt
gefahren. Das war im Juni 1945.
Theresienstadt war zu diesem Zeitpunkt
abgesperrt, weil dort Typhus herrschte,
doch ich konnte mich durchschmuggeln
und habe meinen Mann wiedergesehen.
Wobei ich für uns beide sagen muss: Man
geht nicht ungestraft durch so eine Hölle,
man ist nicht mehr der selbe Mensch. Wir
haben erst langsam wieder zu einander
gefunden.
Mein Mann und ich haben bei der Auflösung des Ghettos geholfen. Zu
diesem Zeitpunkt wurde diese Arbeit bereits vom tschechischen
Sozialministerium organisiert, dessen Angestellte wir wurden. Unsere
Arbeit bestand darin, die Menschen, die nicht Tschechen waren,
irgendwo hin zu bringen. Ein Teil der deutschen Juden ging z.B. in
DP-Camps; für sie mussten die Fahrten organisiert werden, ebenso für
diejenigen, die bereits Zertifikate für Palästina oder Affidavits für
die USA hatten. Ein anderer Teil wollte "nach Hause", also nach
Hamburg oder Frankfurt oder München. Diese Fahrten haben wir
organisiert, das war unter den damaligen Umständen eine ganze Menge
Arbeit. Wir blieben bis September 1945 in Theresienstadt, bis alle das
Ghetto verlassen hatten.
Dann gingen wir nach Prag. Eigentlich wollten wir sofort nach der
Befreiung nach Palästina; wir sind auch angefordert worden, doch dazu
hätten wir zunächst in ein DP-Camp gehen müssen. Wieder in ein Lager,
das konnten wir nicht! In Prag haben wir weiter im Sozialministerium
in der Repatriierungsabteilung gearbeitet. Die Suchanfragen aus ganz
Europa landeten bei uns. Ich sprach Tschechisch, Deutsch und Englisch
und habe die Korrespondenz mit den Repatriierungskommissionen aus
Frankreich und Großbritannien übernommen. Von überall kamen Anfragen,
in denen Angehörige Auskunft über das Schicksal ihrer Eltern, Kinder,
Geschwister, Verwandten forderten. Ihnen Auskunft zu geben, war unsere
Aufgabe. Mein Mann sprach kein Wort tschechisch, doch er wurde
dringend gebraucht. Er war Jurist und wusste vor allem sehr gut
Bescheid über alle Transporte, die aus Deutschland in Theresienstadt
eintrafen; so konnte er anhand der Transportlisten nach Auschwitz und
den Eintragungen in den Theresienstädter Sterbebüchern klären, wer
gestorben oder wer weiter deportiert worden war.
In Prag haben wir in einem Zimmer in Untermiete gewohnt; wir
verdienten beide Geld und die Stadt hat uns sehr gut gefallen - Prag
ist eine wunderbare Stadt. Zugleich gab es auch schwierige
Situationen, denn damals herrschte in Prag ein ungeheurer Hass auf
Deutsche. Auf der Straße konnten wir kein Wort deutsch miteinander
reden, das wäre lebensgefährlich gewesen. Schwierigkeiten gab es, als
wir standesamtlich heiraten wollten. In Theresienstadt waren wir vor
unserer Deportation nach Auschwitz von einem Rabbiner getraut worden;
nun wollten wir auch offiziell verheiratet sein. Der Standesbeamte
sagte: "Hören Sie, das ist uns jetzt zu kompliziert. Ihr Mann ist ein
früherer Deutscher und jetzt staatenlos. Warten
Sie, bis die Deutschen draußen sind! Sie bekommen dennoch alle Rechte
einer verheirateten Frau." Vom Sozialministerium bekam ich dann einen
Hausfrauentag
eingeräumt. Probleme gab es auch mit der Aufenthaltsbewilligung für
meinen Mann; wenn ich sie verlängern lassen wollte, bekam ich zu
hören: "Ist Ihnen nichts anderes eingefallen als einen Deutschen zu
heiraten." Diese Vorwürfe bekam ich des öfteren zu hören, doch ich
habe mir nichts gefallen lassen. Und dennoch: Für meinen Mann und mich
war das Leben in Prag wunderbar; mein Mann hat Prag geliebt.
Inzwischen hatten wir erfahren, dass Ilse, die Schwester meines
Mannes, gerettet worden war und in der Schweiz lebte. Sie war mit uns
in Theresienstadt gewesen, wurde aber nicht nach Auschwitz deportiert,
weil ihre Karteikarte zum Glück verschwunden war. Sie war nicht in der
Kartei, war also auch nicht vorhanden. Sie
kam im Februar 1945 mit jenem Transport, den Graf Bernadotte und Herr
Mazur aus Schweden sowie Herr Müsi aus der Schweiz mit Himmler
ausgehandelt hatten, nach Davos. Wir ließen uns drei Monate
unbezahlten Urlaub geben. Meine Chefin hatte mich und meinen Mann sehr
gerne und hatte uns für diese Fahrt alle Wege geebnet; wir bekamen
sogar für tschechisches Geld Schweizer Franken. Im Frühjahr 1946
fuhren wir nach Davos, um die einzige, die überlebt hatte, zu treffen,
und sind dann in der Schweiz hängen geblieben.
In Davos lernten wir Herrn Brumlik kennen, den Leiter der jüdischen
Flüchtlingshilfe.
Er war dabei, ein Sanatorium für lungenkranke Chaluzzim zu
organisieren, d.h. für Mitglieder der zionistischen Jugendbewegung,
die in den Lagern an TBC erkrankt waren. Doch damals - 1946 - war es
so, dass kein gesunder Mensch nach Davos ging, um dort zu arbeiten.
Herr Brumlik hatte also das Haus, er hatte das Geld von "Don Suisse"
(Schweizer Spende), aber er hatte kein Personal. Sofort fragte er uns,
ob wir nicht bleiben könnten. Mein Mann sollte die Verwaltung
übernehmen und ich sollte als Krankenschwester arbeiten. Wir haben uns
gesagt: Wir sind ohne Tuberkulose herausgekommen, und da warten nun
unsere Freunde auf Behandlung und Heilung, also bleiben wir. Ich hatte
als junges Mädchen in der Tschechoslowakei einen Kurs des Roten
Kreuzes absolviert und war immer sehr an Medizin interessiert. Zur
Ausbildung kam ich zunächst in die Baseler Heilstätte, wo ich ein sehr
anspruchsvolles Praktikum durchlief - mit allem, mit Labor, mit
Spritzen, mit allem, was notwendig war. Dann wurde das Sanatorium
eröffnet, und es kamen unserer Freunde aus der Jugendbewegung aus der
Tschechoslowakei, aus dem DP-Camp Bergen-Belsen und anderen Orten. In
unserem Sanatorium konnten die Patienten an Vorbereitungskursen z.B.
in Ivrit teilnehmen und hatten die Möglichkeit, während des
Aufenthaltes einen Beruf zu erlernen. Das gab es damals in keinem
Lungensanatorium und war für die Schweiz etwas völlig Neues. Das
Konzept unseres Sanatoriums unterschied sich von herkömmlichen
dadurch, dass es mit den Patienten eine konkrete Perspektive für das
weitere Leben erarbeitete und praktisch
einübte. Jeder musste ja sein weiteres Leben meistern, und sie haben
sich alle bewährt. Die meisten unserer Patienten sind nach ihrer
Genesung nach Palästina bzw. Israel ausgewandert.
Die Arbeit war sehr anstrengend; ich bekam zwar einen Pfleger zur
Unterstützung,
dennoch habe ich 16 Stunden gearbeitet. Damals kam Penicillin auf; es
musste alle drei Stunden gespritzt werden. Wenn ich in der Nacht
aufstehen musste, konnte ich nicht mehr einschlafen. Trotz der
hervorragenden Kost, die es in der Schweiz gab, habe ich 20 Pfund
abgenommen, ich habe mich vollkommen verausgabt und endete in einer
schweren Ohnmacht. Der Chefarzt sagte zu meinem Mann: "Wer seine Frau
liebt, lässt sie nicht als Krankenschwester in der Schweiz arbeiten."
Wir haben ein knappes Jahr im Sanatorium gearbeitet; dann bekam mein
Mann ein Stipendium und studierte in Zürich Philosophie und
Soziologie. Ich habe zum Teil legal, zum Teil illegal gearbeitet - vor
allem mit traumatisierten jüdischen Kindern. Diese Arbeit wurde von
der jüdischen Hilfsorganisation "Hilfe und Aufbau" organisiert. Im
Sommer 1947 lud "Hilfe und Aufbau" Kinder, die während des Krieges bei
Partisanen in Polen und Russland Zuflucht gefunden hatten und die es
nach der Befreiung in das DP-Camp Bergen-Belsen verschlagen hatte, zur
Erholung in die Schweiz ein. Die meisten waren Waisenkinder. Es war
eine kleine Gruppe von zwölf Kindern, die in das jüdische Kinderheim
in Heiden im Kanton Appenzell geschickt werden sollte. Dieses
Kinderheim gehörte dem "Jüdischen Frauenbund".
Der Älteste war zwölf Jahre alt, hochintelligent und wusste viel über
die deutschen Verbrechen. Für ihn und die jüngeren war die Schweiz,
die deutschsprachige Schweiz mit "Gruezi" und so weiter, einfach nur
deutsch; sie wussten nicht, wo sie waren, sie haben auch nicht
realisiert, dass sie in einem jüdischen Kinderheim sind und haben
einen unglaublichen Aufstand gemacht. "Hilfe und Aufbau" hat
händeringend nach zwei Erziehern für diese Kinder gesucht; diese
Blamage konnte man doch nicht auf sich sitzen lassen. Mein Mann wurde
gefragt, er lehnte jedoch ab, da er in der pädagogischen Arbeit mit so
jungen Kindern keine Erfahrung hatte. Wir haben dann einen Bekannten
gefragt, der auch in der Jugendbewegung war, Jizchak Schwersenz. Mit
ihm habe ich mich dann zusammen getan. Wir haben noch eine Frau
gefunden, auch eine Verfolgte, Schwerst- erfolgte, die ihre beiden
Söhne verloren hatte, und haben sie als Köchin engagiert. Dann haben
wir eine Jugendherberge oberhalb des Züricher Sees gemietet und mit
diesen zwölf Kindern - wie man sagte - "Wunder" bewirkt. Was aber gar
kein Wunder war: wir haben sie nicht mit "Gruezi", sondern mit
"Shalom" begrüßt und das war ihnen vertraut. In der Schweiz hatte man
ja keine Ahnung, was Krieg und Lager bedeutet hatte. Ein Kind hatte
Läuse und war Bettnässer. Für mich war das überhaupt kein Problem: ich
kannte Läuse und wusste, was zu tun war. Ich habe seinen Kopf mit
Petroleum desinfiziert und gewaschen. Auch mit Bettnässen konnte ich
umgehen. Der Sommer 1947 war ein wunderbarer sonniger Sommer: Ich habe
morgens die Laken gewaschen und abends war alles wieder trocken. Nach
drei Tagen gab es keine Bettnässer mehr. Wir waren sechs Wochen mit
diesen Kindern zusammen und hatten einen schönen Erfolg. Die
restlichen sechs Wochen wurden sie dann auf Familien verteilt.
Danach war ich noch als Erzieherin im Kinderheim in Heiden. Dort war
ich jedoch
ziemlich unglücklich, weil ich meinen Mann so selten sah. Das Hin- und
Herfahren war ziemlich anstrengend. Schließlich habe ich noch in
Adelboden, in einem Kinderheim der O.S.E. gearbeitet, ich betreute
hier jüdische Kinder aus Österreich.
Im April 1949 ist es uns schließlich gelungen, nach siebenjähriger
glücklicher Ehe
endlich in Zürich zu heiraten. Damals brauchte man zum Heiraten ein
Ehefähigkeitszeugnis. Ich musste diese Bescheinigung in der
Tschechoslowakei anfordern, mein Mann, der in Bernburg geboren war, in
der damaligen sowjetischen Besatzungszone Deutschlands. Diese
Bescheinigungen waren immer nur drei Monate gültig und kosteten Geld.
Immer wenn eine Bescheinigung kam, war die andere abgelaufen. Diese
Komödie hat Jahre gedauert, bis wir endlich zum Standesamt gehen
konnten.
Um diese Zeit - inzwischen war 1948 der kommunistische Umsturz in Prag
gewesen - musste ich meinen Pass verlängern lassen. Auf dem Konsulat
in Zürich wurde dies abgelehnt; sie sagten, sie legten Wert darauf,
dass ich "die sozialistische Republik mit aufbaue". Entweder ich
kehrte zurück oder ich bekäme keinen Pass. Ich lehnte ab und war
meinen Pass los. Damit war ich eine staatenlose Ausländerin. Mein Mann
war noch nicht in der Lage, den deutschen Pass anzunehmen, und so
blieben wir - nun beide staatenlos - in der Schweiz. In der Schweiz
ist das ein ganz schlimmer Status.
Nach der Währungsreform kam Herr Goldstein, der Leiter der Jüdischen
Gemeinde Hamburg, zu meinem Mann nach Zürich und bat ihn, nach Hamburg
zu kommen und in der Jüdischen Gemeinde zu arbeiten. Mein Mann hatte
vor der Deportation in Hamburg gelebt, sein Wissen als Jurist war bei
den komplizierten Restitutions- und Wiedergutmachungsfällen gefragt.
Da wir keine großartigen Pläne hatten, sind wir nach Hamburg gegangen.
Mein Mann hätte sich zwar noch habilitieren können, aber eben nicht
als staatenloser Ausländer. Er hatte in der Schweiz, die nicht sehr
gastfreundlich war, keine berufliche Perspektive. Wir wohnten noch
immer sehr beengt in Untermiete, und ich wollte endlich ein Kind
haben. So haben wir beschlossen, erst einmal nach Hamburg zu gehen.
Mein Mann wurde, als wir dann in Hamburg eintrafen, sofort wieder
deutscher Staatsbürger. Für mich war der Umzug nach Deutschland
anfänglich ein Problem; das Wichtigste war mir jedoch, was für meinen
Mann gut ist. Er hatte zwölf Jahre Nationalsozialismus erleben müssen
und ich sechs, dieser Unterschied macht im Leben sehr viel aus. In
Hamburg bekamen wir eine kleine Wohnung in der Bogenstraße und dort
kam schließlich unser Sohn zur Welt. Ich war noch ein Jahr nach der
Geburt ziemlich geschwächt - dies war sicherlich eine Folge der
vorausgegangenen Strapazen.
Ich bin mit der Voraussetzung Null nach Hamburg gekommen und habe dann
unglaubliches Glück gehabt, mit Menschen zusammen zu treffen, die im
Widerstand
waren. Das hat sehr viel für uns bedeutet. Sehr geholfen hat uns die
Freundschaft mit der Familie Heydorn; beide waren im Widerstand
gewesen und das war für uns eine ungeheuer wichtige Erfahrung. Es war
ein Kreis um die von den Nürnberger Gesetzen Verfolgten; dort
herrschte ein sehr gutes Klima. Gut befreundet waren wir mit der
Schauspielerin Ida Ehre. Wir lernten Erich Lüth kennen, der als einer
der ersten Deutschen den neugegründeten Staat Israel besucht und die
Organisation "Frieden mit Israel" ins Leben gerufen hatte. Mein Mann
war im Vorstand der Jüdischen Gemeinde und als Jurist für
Wiedergutmachungsfragen zuständig. Er führte z.B. einen Musterprozess
um die Entschädigung der so genannten Sternträger und konnte ihn
gewinnen. Dann gehörte er zu den Neubegründern der
Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. Daneben hielt er
viele Vorträge über Israel z.B. bei den Falken, der Jugendorganisation
der SPD. Ich war als Beisitzerin im Oberversicherungsamt tätig, das
für Gesundheitsschäden der Verfolgten zuständig war. Bei den Fällen,
die hier entschieden wurden, ging es auch
um Rentenzahlungen an deutsche Widerstandsleute. Ehrenamtlich habe ich
mich bei der WIZO (Women's International Zionist Organization)
engagiert.
Wenn ich das alltägliche Klima dieser Jahre in Hamburg beschreiben
wollte, erinnere
ich mich vor allem daran, dass ich fast immer auf Leute traf, die
angeblich mit einem Fuß im Grab und mit dem anderen in der "Partei"
waren; nie habe ich jemanden getroffen, der sich als Nationalsozialist
bezeichnet hätte. Das hätte ich mir nämlich gewünscht, denn: wenn man
einmal ein Nazi war, kann man auch etwas anderes werden. Natürlich
bekam man den Antisemitismus mit, er war allgegenwärtig. Wir wollten
jedoch nicht, dass er unser Leben bestimmt. Wir haben uns aus diesem
Grund auch nie in einer deutschen Partei engagiert; es gab keine
einzige deutsche Partei, wo man nicht davor gefeit war, mit
antisemitischen Bemerkungen konfrontiert zu werden. Das war für uns
beide völlig klar, dass wir nicht in eine deutsche Partei eintreten.
Ein Paradebeispiel waren die Erfahrungen
unseres sehr guten Freundes, des Karikaturisten Herbert Meyer. Er war
ein Sozialist, der vor den Nationalsozialisten nach Palästina fliehen
konnte und so gerettet wurde. Nach Kriegsende arbeitete er in
Palästina als Dolmetscher bei den Alliierten. Im Herbst 1950 kehrte er
nach Ostberlin zurück und wurde nach ganz kurzer Zeit verhaftet. Von
sechs russischen Offizieren, die ihn verhörten, haben ihn fünf
antisemitisch beschimpft. Nach über einem Jahr Haft unter sehr
schlimmen Bedingungen kam er mit der Unterstützung von Arnold Zweig
frei und ging in den Westen. Herbert Meyer schloss sich der SPD an;
aber auch hier war er mit Antisemitismus konfrontiert. Wir bekamen
genug berichtet; wir mussten das nicht live erleben.
Die Ereignisse in Prag - den Slansky-Prozess 1952 zum Beispiel - haben
wir mit Entsetzen verfolgt; das war eine ganze schlimme Sache und hat
uns sehr getroffen. Wir kamen beide aus der Jugendbewegung, ich aus
dem sozialdemokratischen Maccabi Hazair, mein Mann aus dem
sozialistischen Haschomer Hazair. Wir verstanden uns als Sozialisten.
Und nun diese stalinistischen Prozesse! Dass sich Leute, die sich
Sozialisten, Kommunisten nannten, so verhielten, das war eine ganz
große Enttäuschung. Da hat man den Glauben verloren.
Als der Hauptsitz der Zentralwohlfahrtsstelle 1955 nach Frankfurt am
Main verlegt wurde, sind wir hierher gezogen. Seit 1962 lehrte mein
Mann als Professor für Jugendrecht und Sozialpädagogik an der
Johann-Wolfgang-Goethe-Universität. Er starb im Januar 1978. Ich habe
in Frankfurt zwölf Jahre in der Jüdischen Gemeinde gearbeitet, drei
Jahre im Vorstand und neun Jahre als Gemeinderatsvorsitzende. Im
Vorstand war ich für die gesamte Sozialarbeit und für die
Erziehungsberatungsstelle
zuständig.
Seit langer Zeit - genauer seit 1980 - gehe ich in Schulklassen.
Hineingeworfen in diese Arbeit hat mich Martin Stöhr, der ehemalige
Leiter der Evangelischen Akademie Arnoldshain. Nach meinem ersten
"Schulbesuch" war ich zunächst froh, dass ich dies kann. Es war mir
nicht leicht gefallen. Mir selbst habe ich erst nach etwa zehn Jahren
und unzähligen Gesprächen mit Jugendlichen klar gemacht, dass man,
wenn man überlebt hat, die Pflicht hat für alle zu sprechen, die nicht
mehr reden können. Das war die conditio sine qua non, der
ausschließliche Grund, und die Kraft, die mir bleibt, will ich für
diese Aufgabe noch geben.
Trude
Simonsohn geb. Gutmann
1921 geboren in Olomouc (Olmütz), Tschechoslowakei
1927 Besuch der tschechischen Volksschule und anschließend des
deutschen
Gymnasiums
1935 Mitglied in der sozialdemokratisch orientierten,
zionistischen Jugendorganisation Maccabi Hazair
1939 Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht Vorbereitung auf
die Auswanderung nach Palästina in einem landwirtschaftlichen
Betrieb. Am 1. September 1939 wird der Vater verhaftet und in
das KZ Buchenwald deportiert. Im Winter gelingt Mitgliedern
ihrer Jugendgruppe die Auswanderung nach Palästina; Trude
Simonsohn bleibt zurück und arbeitet im Untergrund.
1942 Verhaftung Anfang Juni wegen angeblichem "Hochverrat und
illegaler kommunistischer Tätigkeit"; tatsächlich hat Trude
Simonsohn illegale zionistische Jugendarbeit geleistet; einige
Monate Einzelhaft. Sie erfährt vom Tod des Vaters im KZ Dachau
und der Deportation der Mutter nach Theresienstadt. Der deutsche
Polizeipräsident von Olmütz veranlasst, dass sie statt nach
Ravensbrück im Oktober in das Ghetto Theresienstadt deportiert
wird. Dort arbeitet sie als Betreuerin in einem Mädchenheim und
lernt Bertold Simonsohn kennen, den sie vor der bevorstehenden
Deportation heiratet.
1944 Sie wird im Oktober mit ihrem Mann nach Auschwitz
deportiert.
1945 Trude Simonsohn befindet sich im Lager Kurzbach bei Breslau
und muss Panzergräben ausheben. Der Todesmarsch führt nach
Westen. In der Nähe von Cottbus bleibt sie mit einigen
Tschechinnen zurück und gibt sich als tschechische
Zwangsarbeiterin aus. Am 25. April wird sie erneut verhaftet und
am 9. Mai 1945 durch die Rote Armee befreit. Sie ist 24 Jahre
alt. |
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