"informationen" Nr. 62, November 2005
Editorial
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Das Thema "Rückkehr in ein fremdes
Land" ist nicht neu. Es wurde und wird
aber gerne und bewusst totgeschwiegen,
denn es ist wahrlich kein Ruhmesblatt für
das Deutschland nach 1945. Peter Mertz
war es, der 1985, also bereits vor 20 Jahren,
eine erste erschütternde Untersuchung
vorlegte und ihr den bezeichnenden
Titel gab "Und es wurde nicht ihr Staat".
Sie stützte sich auf die exakt recherchierten
Schicksale von über 30 Autorinnen
und Autoren. Er leitete die Untersuchung
mit den Sätzen ein: "Deutsche hatten
sie vertrieben, hatten ihnen Bücher
und Besitz genommen, die Staatsbürgerschaft
und die Heimat - und Deutschland
suchten sie nach dem Zusammenbruch ...
wieder auf. Aber sie fanden ihr Deutschland
nicht mehr."
Im Jahre 1990 folgte die von Thomas
Koebner und Erwin Rotermund herausgegebene
Sammlung von Essays zu Ehren
des unvergessenen Nestors der Exilforschung,
Ernst Loewy, "Rückkehr aus dem
Exil. Emigranten aus dem Dritten Reich
in Deutschland nach 1945". Sie wird eingeleitet
mit den Worten: "Die Rückkehr
ist oft missglückt, Deutschland nach Hitler
bleibt für die Emigranten unvertraut,
beängstigend, das nachgewachsene Publikum
verhält sich nicht selten abwehrend ...
Die meisten erleben nicht mehr ihre Wiederentdeckung;
etlichen ist sie bis heute
verwehrt geblieben."
Auch das "Handbuch der deutschsprachigen
Emigration 1933-1945" aus
dem Jahre 1998 widmet dem Thema ein
umfangreiches Kapitel und bilanziert: "Die
Rückkehr von ehemaligen Emigranten ist
ein noch weitgehend unbearbeitetes Feld."
Alle Untersuchungen kommen zum gleichen
Schluss: An vielen - zu vielen -,
die vor dem verbrecherischen, faschistischen
Regime flüchten mussten, und die
in der Emigration das bessere Deutschland
repräsentierten, die an ein besseres,
ein demokratisches Deutschland glaubten
und mit ihren Mitteln, häufig unter Einsatz
ihres Lebens dafür kämpften, ist nach
1945 weiteres Unrecht begangen worden.
Mit Misstrauen wurde ihnen begegnet, sie
wurden nicht gerufen, nicht mit offenen
Armen empfangen, viele wurden gar als
"Vaterlandsverräter" gebrandmarkt. Das
Schicksal von Peter Gingold und seiner
Familie kann stellvertretend für alle ähnlichen
Schicksale zitiert werden. Aber
auch auf das Schicksal von Willy Brandt
kann stellvertretend für viele ähnliche
Schicksale hingewiesen werden.
Der Studienkreis greift mit dieser Ausgabe
der informationen das Thema auf und
leistet damit erneut einen wichtigen Forschungsbeitrag
zu einem weitgehend vergessenen,
verdrängten Thema.
In Wiesbaden wurden 2005 zwei Ausstellungen
von Kommunalpolitikern auf den
Weg gebracht. Die eine beschäftigt sich
mit den Opfern der alliierten Bombenangriffe,
die andere mit dem Leid der Heimatvertriebenen.
Gleichzeitig hat eine
Koalition aus CDU, FDP und Republikanern
das zentrale Mahnmal für die Wiesbadener
Opfer des Nationalsozialismus
der US-Künstlerin Jenny Holzer mit einem
Beschluss der Stadtverordnetenversammlung
am 17. Juni vorläufig gekippt.
Am 3. Oktober feierte man in Berlin ausgiebig
den Tag der Deutschen Einheit. Es
herrschte Volksfeststimmung zwischen
dem Potsdamer Platz und dem Brandenburger
Tor. An der Tür zum "Ort der Information"
unter dem Stelenfeld des Denkmals
für die ermordeten Juden Europas
hing ein Hinweisschild mit der Aufschrift:
"Sorry, we are closed."
Ist es das "fehlende Gespür für die symbolische
Bedeutung der Kombination von
Nationalfeiertag und Öffnungszeiten am
Ort der Information" wie die Frankfurter
Rundschau es am nächsten Tag ausdrückte,
oder drückt sich in diesen beiden
Beispielen der zukünftige Umgang mit
dem Gedenken in diesem Lande aus?
Hans Adamo wirft in den informationen
einen kritischen Rückblick auf das Gedenken
der Deutschen in diesem Jahr.
"Die archivarische Pflege des Vergangenen
ist nicht Selbstzweck sondern hochaktuell
in einem Land, das entschieden demokratisches
Geschichtsbewusstsein als gegenwarts-
und zukunftbestimmende Kraft so
bitter nötig hat wie je." Dies betonten die
damalige Geschäftsführerin des Studienkreises
Dr. Barbara Mausbach-Bromberger
und die Archivarin Dr. Ursula Krause-Schmitt gemeinsam bei der Eröffnung des
Dokumentationsarchivs im Januar 1977.
Am 31. August 2005 hat unsere wissenschaftliche
Mitarbeiterin Frau Dr. Krause-Schmitt ihre hauptamtliche Tätigkeit für
den Studienkreis beendet und ist in den
verdienten Ruhestand getreten. Mit ihr
scheidet nach Barbara Bromberger 1995
und Jutta von Freyberg 1999 nun die
dritte der bisher tragenden Säulen der
Arbeit des Studienkreises als hauptamtliche
Mitarbeiterin aus.
Für die Leserinnen und Leser war vor allem
in den letzten zehn Jahren der Name von
Dr. Ursula Krause-Schmitt, die über dreißig
Jahre lang die wissenschaftliche
Arbeit des Studienkreises geprägt hat,
untrennbar mit dem Erscheinen der informationen
verbunden.
Damit endet eine über dreißigjährige
außerordentlich erfolgreiche Ära für den
Studienkreis, für die wir ihr sehr dankbar
sind. Dies bedeutet aber nicht, dass
wir in Zukunft auf die wissenschaftliche
Beratung und Unterstützung von Ursula
Krause-Schmitt verzichten müssen.
Wir sind sehr dankbar für ihre Bereitschaft,
auch weiterhin ehrenamtlich die
Redaktion der informationen zu begleiten.
Die Nachfolge in der hauptamtlichen
wissenschaftlichen Arbeit des Studienkreises
hat Thomas Altmeyer angetreten.
Thomas Altmeyer ist Magister der Politikwissenschaft
und Soziologie und hat
neben journalistischen Tätigkeiten insbesondere
Erfahrungen in der Bildungsarbeit
mit Jugendlichen und Erwachsenen
gesammelt. Er hat seine Tätigkeit
bereits Anfang August aufgenommen und
wird - dessen sind wir sicher - die außerordentlich
fruchtbare und bewährte wissenschaftliche
Arbeit von Ursula Krause-Schmitt fortsetzen, ganz im Sinne des
oben zitierten Anspruches des Studienkreises,
nämlich die Erforschung des deutschen
Widerstandes 1933 - 1945 weiterzuführen,
die Erinnerung daran wach zu
halten und an die folgenden Generationen
zu vermitteln. Thomas Altmeyer wird in
Zukunft auch die Redaktion der informationen
begleiten. Er verdient dabei unser
aller Unterstützung.
Dirk Krüger, Heiko Lüßmann. |
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