"informationen" Nr. 61, Mai 2005
Konservatismus,Nationalsozialismus und Antifaschismus
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Aspekte einer Bilanz 1945-2005
Die sechzigste Wiederkehr des Tages der Befreiung des KZ Auschwitz
durch die sowjetische Armee am 27. Januar 2005 ließ bewusst werden,
dass die Erinnerung an die mit diesem symbolträchtigen Namen
verbundenen geschichtlichen Irrwege, Tragödien und Opfer für die
Völker der Welt noch an Bedeutung gewonnen hat: Gedenken in New York
durch die UNO in Anwesenheit von Verfolgten und Widerstandskämpfern
sowie in einem vom Internationalen Auschwitzkomitee initiierten
Meeting in Berlin; in Auschwitz selbst eine Manifestation von
Repräsentanten zahlreicher Staaten mit Überlebenden und
Hinterbliebenen.
Die aufklärerische Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker
anlässlich des 8. Mai 1985 war seitens der Rechten vielgestaltig
angefeindet worden und hatte bei den etablierten Kräften zu keinem
grundsätzlichen Wandel in der Gedenkkultur geführt. Die
Doppelbödigkeit konservativer Geschichtsideologie war im
gleichzeitigen Auftritt von Helmut Kohl und Ronald Reagan auf dem
Soldatenfriedhof in Bitburg sowie mit Alfred Dreggers Rechtfertigung
sinnloser Kämpfe und Opfer an der Ostfront sowie seinen Klagen über
den "Zusammenbruch" von 1945 unübersehbar. Eine Reihe Abgeordneter der
Union blieben aus Protest der Rede von Weizsäckers fern. In der
Begründung dieses Schritts durch MdB Lorenz Niegel (CSU) schien das
deutschnationale Geschichtsbild auf, das in dieser Regierungspartei in
Bonn und München fortlebte: "Den Deutschen, denen sowohl die
westlichen Alliierten als auch Moskau die Identität als Volk gestohlen
haben, was nach der totalen Kapitulation unnötig war, ist es nicht
zuzumuten, ständig an die Zeit von 1933-1945 erinnert zu werden." Der
8. Mai sei kein Tag, der "durch öffentliche und staatliche
Veranstaltungen oder Gedenkstunden begangen werden müsste."1
Von den Ereignissen um 1989/90 ging ein nationalistisch intendierter
Schub der
Geschichtspolitik sowie in historischer Forschung, Bildung und
Öffentlichkeitsarbeit
aus. Die NS-Diktatur wurde bei der Gestaltung der Neuen Wache in
Berlin, Unter
den Linden, unter "Krieg und Gewaltherrschaft" anonymisiert und ihre
unvergleichlichen Leichenberge neben anderen Opfergruppen nivelliert.
Dieser repräsentative Ort der Mahnung und Erinnerung geriet unter dem
Einfluss von Kanzler Kohl zum Signal fragwürdiger Orientierungen
deutscher Geschichtsbilder. Der "Diktaturenvergleich" begann seine
Karriere als bevorzugtes Terrain, den faschistischen "Verbrecherstaat"
(Karl Jaspers) durch unablässige und haltlose Analogien zu
historisieren und das an ihm Unvergleichliche einzuebnen.
Erstmalig in der Geschichte der Bundesrepublik beriet im März 1994 ein
Bundestagsausschuss am Ort eines ehemaligen KZ - in der Gedenkstätte
Sachsenhausen - über die "Beteiligung des Bundes an Mahn- und
Gedenkstätten". Zeitgenossen, die darin rund ein halbes Jahrhundert
nach der Befreiung eine überfällige Wende in der offiziellen
Erinnerung an das mörderische Lagersystem der Nazis und seine Opfer
erkennen wollten, waren durchaus zu optimistisch. Es handelte sich um
eine Anhörung, die mit der Enquete-Kommission des Bundestages
"Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in
Deutschland" veranstaltet wurde. Sachsenhausen war als Ort mit
"doppelter Vergangenheit" - dem KZ war von 1945 bis 1950 ein
sowjetisches Internierungslager gefolgt - ausgewählt worden. Er bot
den Hintergrund für das eigentliche Anliegen, die SBZ/DDR neben das
NS-Regime zu stellen, um weitgehende Analogien der "beiden deutschen
Diktaturen" zu behaupten.2
Dieses frühzeitig erkennbare Konzept für die Geschichtspolitik und
Gedenkstättenarbeit in der größeren Bundesrepublik wird von daran
interessierten Kreisen seither zielstrebig verfolgt. Mit den über
nachholende Aufklärung hinausgehenden Darstellungen zu den
sowjetischen Speziallagern wurde neben Vertreibung, Bombenkrieg u. a.
ein weiteres Feld des gesamtdeutschen Opferdiskurses eröffnet. Lager
mit "doppelter Vergangenheit" in den früheren Westzonen, wie Dachau
und Neuengamme, wurden weiterhin kaum thematisiert. Allerdings setzte
sich angesichts des nunmehr verbreiteten Wissens um Drittes Reich und
Zweiten Weltkrieg sowie deren Nachwirkungen im Gedächtnis der Völker
verspätet auch bei den großen Parteien die Einsicht durch, den darauf
bezogenen Erwartungen im In- und Ausland nunmehr in der Gedenkkultur,
in Forschung, Bildung und Medien, einen angemesseneren Platz
einzuräumen.
Im Frühjahr 1995 war es im Bundestag erneut lediglich die Gruppe der
PDS, die
Anträge auf einen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus
sowie für die alljährliche Würdigung des 8. Mai als Tag der Befreiung
vom Faschismus einbrachte. Die inzwischen auch vom Zentralrat der
Juden, weiteren Opferverbänden, Initiativen und Bürgern erhobenen
Forderungen führten Monate später dazu, dass Bundespräsident Roman
Herzog - von einer breiten Zustimmung begleitet - den Befreiungstag
von Auschwitz als Tag des Gedenkens an die Opfer des
Nationalsozialismus proklamierte. Der Vorschlag, im Einklang mit einer
Reihe europäischer Länder und mit Israel den 8. Mai ebenfalls als
besonderen Gedenktag der Bundesrepublik zu beschließen, wurde
wiederholt und bis heute von allen anderen Parteien abgelehnt.
Erika Steinbach wandte sich 1997 namens der CDU/CSU-Fraktion gegen
einen Gedenktag 8. Mai: "Für Millionen Deutsche folgte aber nach der
nationalsozialistischen Diktatur nahtlos eine zweite Diktatur, die
kommunistische Diktatur in der DDR, wiederum mit KZs. Man braucht nur
nach Buchenwald zu fahren, um es dort zu besichtigen." Erst mit dem
Fall der Mauer sei "die Befreiung von zwei Diktaturen" erfolgt.3 Dass das Speziallager nach 1945 in Buchenwald
eine ausschließlich sowjetische Einrichtung war und es niemals
Konzentrationslager der DDR gegeben hat, tat dem rigorosen Urteil der
nationalkonservativen Politikerin keinen Abbruch. Ignoranz und
Voreingenommenheit fördern forsche, aber fragwürdige
historisch-politische Einschätzungen seitens der Rechten.
Konservative Ambitionen nach sechzig Jahren
Im Vorfeld des sechzigsten Jahrestages der Befreiung vom Faschismus
wurde eine
neue Offensive konservativer Geschichtsideologie in der Bundesrepublik
unübersehbar. Bereits im Mai 2003 hatte die Bundestagsfraktion der
CDU/CSU den
Antrag "Gedenken an die Opfer des Bombenkriegs im Zweiten Weltkrieg"
eingebracht. Darin wurde die Bundesregierung aufgefordert, "eine
Konzeption vorzulegen, wie in angemessener Form auf Bundesebene der
anstehenden 60. Jahrestage der Zerstörung deutscher Städte und
Ortschaften durch den Bombenkrieg und seiner Opfer insbesondere in der
Zivilbevölkerung gedacht werden kann."4
Der Vorrang dieses Themas, die Beschränkung auf deutsche Opfer des
Bombenkriegs und der Verzicht auf eine geschichtliche Einordnung
dieses Teils des Kriegsgeschehens sind symptomatisch. Inzwischen hat
sich das rechtsextremistische Lager provokativ des Themas angenommen
und den Jahrestag
der Bombardierung Dresdens am 13. Februar 1945 sowie ähnliche
Ereignisse für skrupellose nationalistische Demagogie
instrumentalisiert.
Im November 2003 reichte diese Fraktion einen Antrag ein zur
"Förderung von Gedenkstätten zur Diktaturgeschichte in Deutschland -
Gesamtkonzept für ein würdiges Gedenken aller Opfer der beiden
deutschen Diktaturen". Einleitend wurde die im Titel enthaltene
Gleichsetzung fortgeschrieben. Das Unvergleichliche der Verbrechens-
und Opferkategorien sowie -dimensionen von DDR und Drittem Reich wurde
nicht einmal angedeutet. Es bedürfe "eines Konzeptes, das
Institutionen und historische Orte beinhaltet, die an beide Diktaturen
erinnern. In diesem Zusammenhang sei auf eine Reihe historischer Orte
und heutiger Gedenkstätten
verwiesen, die von beiden Diktaturen zur Unterdrückung von Opposition
und Widerstand genutzt wurden. Hier ist der Zusammenhang zwischen den
Diktaturen
ohnehin evident."5 Der neu eingeführte
Begriff der "Diktaturgeschichte" soll das
rechtsgerichtete Totalitarismuskonzept festschreiben.
Bezeichnenderweise werden
mehr auf die DDR als auf die NS-Diktatur bezogene Gedenkorte
aufgelistet.
Im Antrag wurde empfohlen, am sächsischen Gedenkstättengesetz vom
Februar 2003 anzuknüpfen. Das wurde unhaltbar, als Anfang 2004 die in
diesem Gesetz wurzelnden Konflikte in Sachsen offen ausbrachen. Der
Zentralrat der Juden, die
VVN-BdA sowie weitere Verbände und Gruppen von NS-Opfern traten nach
wiederholten vergeblichen Bemühungen um Klärungen aus den zuständigen
Gremien aus. Sie wollten nicht weiter hinnehmen, dass mittels
unablässiger Vergleiche mit der DDR und weiterer Einseitigkeiten die
NS-Verbrechen ständig und nachhaltig verharmlost werden.
Nach diesem Eklat brachte die Unionsfraktion im Bundestag im Mai
2004 eine veränderte Fassung des Antrags ein. Der Verweis auf das
sächsische Beispiel wurde
gestrichen, wenige stilistische Veränderungen vorgenommen und eine
erhebliche
Ergänzung eingefügt: "Das Nationalsozialistische Regime hat mit dem
millionenfachen Mord an den europäischen Juden ein singuläres
Verbrechen begangen, das immer ein spezielles Gedenken erfordern
wird."6 Weder die spezifische, vom
Ursprung und in ihren Grundlagen gegebene barbarische Natur der
faschistischen Ideologie, Bewegung und Herrschaft noch alle anderen,
unzähligen und bis heute nicht vollständig aufgearbeiteten Verbrechen
gegen die Menschheit in vielen Ländern wurden seitens der CDU/CSU in
diesem Vorschlag für ein Grundkonzept bundesdeutscher Erinnerungs- und
Gedenkpolitik auch nur der Erwähnung wert befunden.
Es ist nicht zufällig, dass die Revision des Dokuments halbherzig
und ungenügend
erfolgte. Vielmehr erwächst dies aus dem entschieden
antikommunistischen Totalitarismuskonzept: Die angestrebten
Gleichheitszeichen bedürfen einerseits der
Denunziation und Kriminalisierung der DDR und der bundesdeutschen
Linken. Sie zeitigen andererseits unablässig Bemühungen, die
Nazibarbarei als Teil unzähliger Verbrechen in der europäischen und
Weltgeschichte erscheinen zu lassen sowie sie vom Odium des in ihrer
kriminellen Natur Einzigartigen zu befreien. In diesen Positionen
scheinen die Halbheiten der Zäsur von 1945 und in den folgenden
Jahrzehnten auf. Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger als
festzustellen, dass
der deutsche Konservatismus bis heute nicht zu einer wirklich
belastbaren und nachhaltigen, konsequenten Trennungslinie zum
rechtsextremen Spektrum gekommen ist.
Die Gründe liegen nicht primär in subjektiven Unzulänglichkeiten,
sondern in der Geschichte, der sozialen Basis, den ideologischen
Quellen sowie den gesellschaftspolitischen Funktionen und dem
Herrschaftskonzept dieser Strömung. Die überkommene und stets
fortgeschriebene Priorität des linken Feindbildes findet sich in einem
antiliberalen Extremismusbegriff wieder. Es bezieht beträchtliche
Teile des in diesem Land nicht sonderlich großen, aktiven
antifaschistischen Spektrums ein und beeinträchtigt damit
antinazistische Initiativen und Stellungnahmen.
Exemplarisch: Sächsische Geschichtspolitik und Vormarsch der NPD
Beim sächsischen Beispiel geht es nicht mehr bloß um Absichten
zugunsten einer geschichtsrevisionistischen Gedenkkultur. Längst
wurden Schritte vollzogen, die inzwischen eine veränderte Situation
schufen. Ausgangspunkte waren wie in den anderen neuen Ländern seit
1990 pauschal herabsetzende Attacken gegen antifaschistische
Traditionen und Gedenkorte der DDR. Namen von Antifaschisten
wurden von Straßen, Plätzen und Einrichtungen getilgt. Das
Hannah-Arendt-Institut
in Dresden und das Zeitgeschichtliche Forum in Leipzig nahmen
vorrangig im Dienst rechtsgerichteter Totalitarismuskonzepte ihre
Tätigkeit auf. Die Bezeichnung "Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur
Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft" löscht die
historisch authentische Benennung einer massenmörderischen Diktatur
und ist bereits darin eine ständige Zumutung insbesondere für die
Verfolgten und Opfer des Nationalsozialismus. Seit September 2004
liest sich der Name wie eine Einladung an die NPD-Fraktion im
sächsischen Landtag: Seit eh und je plädieren deutsche Faschisten für
die Einbeziehung aller in Europa und der Welt jemals begangenen oder
der von ihnen behaupteten Verbrechen, um andererseits die
unvergleichliche Bilanz eigener Bestialität zu leugnen oder im Lärm
neuer Hasskampagnen zu überdecken.
In Bautzen, Torgau, Waldheim und anderen Orten wurden seit 1990 die
nach 1945 durchgeführte Verfolgung und Verurteilung von NS-Tätern
weithin als sowjetisches und SED-Unrecht denunziert. Unter Hinweis auf
jene Opfer, die nicht oder weniger schuldig geworden waren sowie auf
Mängel in den Strafverfahren, wurde eifrig und unbesehen die -
teilweise erhebliche - strafrechtliche Schuld beträchtlicher Gruppen
der damals Inhaftierten und Verurteilten geleugnet oder für irrelevant
erklärt. Die ethische Verpflichtung gegenüber deren Opfern zwischen
1933 und 1945 hatte hinter das antikommunistische Motiv
zurückzutreten.
Aufschlussreiche Beispiele in einer neuen Übersicht einschlägiger
"Orte des Erinnerns" lösen Fragen nach Beweggründen und Absichten aus.
Da heißt es zu dem sächsischen Ort Steinpleis: "Im hinteren Teil des
Ortsfriedhofes befindet sich auf der linken Seite eine Grabstätte, in
der zwei unbekannte, vermutlich jüdische Häftlinge ihre letzte
Ruhestätte fanden. Die Opfer waren im Januar 1945 an der
Eisenbahnlinie Leipzig-Hof aus einem Transportzug mit Häftlingen
geworfen und tot aufgefunden worden. Die Inschrift auf dem Grabstein
wurde nach 1990 erweitert und zugleich den Opfern des Stalinismus
gewidmet. Sie lautet: ,Zum Gedenken an alle Opfer des Faschismus und
Stalinismus'."7 Sollen die alltäglichen
Spuren des Massenmords an den Juden und des NS-Terrors überhaupt
verwischt und schließlich unkenntlich werden? Werden kriminelle
Vorgänge unter Preisgabe vorhandenen Wissens entkonkretisiert, um sie
für das politische Hauptanliegen handhabbarer zu machen? Sollen
einerseits NS-Täter zu Opfern erklärt und andererseits Naziverbrechen
anderen politischen Kräften zugerechnet werden, um die willkürliche
Konstruktion des Gedenkens an "die Opfer beider deutscher Diktaturen"
irgendwie und irgendwann als plausibel erscheinen zu lassen?
Die defensiven und hilflosen Reaktionen der seit 1990 von Kurt
Biedenkopf und Georg Milbradt geführten sächsischen CDU auf die
Stimmen- und Einflussgewinne
der NPD in den Kommunal- und Landtagswahlen im Jahre 2004 erwachsen
aus der gleichen Geisteshaltung, die sich im Geschichtsbild
niederschlägt. Sie setzen die Indifferenz und Passivität
beträchtlicher und auch führender Gruppen des politischen
Establishments angesichts der Resultate vorangegangener Ideen- und
Tatenlosigkeit fort. Wiederholte Stimmen zugunsten von Anträgen der
NPD-Fraktion, die über deren eigene Mandatszahl im Landtag in Dresden
hinausgehen, übertreffen inzwischen die Befürchtungen selbst der
wachsamsten Demokraten. Deren Skepsis ist aus jahrelangen Erfahrungen
mit feiertäglichen Deklarationen von Politikern gegen den
Nationalsozialismus von gestern und heute gespeist, denen im
politischen Alltag keine Taten folgten. Sollte es hier wie anderswo
nicht ideell-politische Zusammenhänge geben zwischen der
Diskriminierung antifaschistischer Traditionen und Leistungen und
einer von Geschichtsrevisionismus geprägten Bildungs- und
Gedenkstättenarbeit auf der einen sowie dem jahrelangen Wegsehen
und der Untätigkeit gegenüber nazistischrassistischen Umtrieben und
Exzessen auf
der anderen Seite? Dazu kommt vielfach der Gleichklang
ausländerfeindlicher und deutschtümelnder Parolen, bei der Pflege von
Wehrmachtstraditionen, in den Neigungen zu patriarchalisch-autoritärer
Erziehung und Herrschaftspraxis sowie im
Bestreben, linke antifaschistisch-demokratische Initiativen und
Organisationen ins
Zwielicht angeblicher Gewaltbereitschaft und Verfassungsfeindlichkeit
zu rücken.
Erblasten und Widersprüche der deutschen Rechten
Ralph Giordano hatte Ende der achtziger Jahre geäußert, dass
hinsichtlich der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus die
Geschichte der Bundesrepublik
"die volle Problematik des deutschen Konservatismus" freilege, der
nach 1945 seine
Unfähigkeit erwiesen habe, "zu einer prinzipiellen Gegnerschaft zum
Nationalsozialismus, dieser historischen Ausgeburt der deutschen
Rechten, zu gelangen": "Was in der zweiten deutschen Demokratie
antirepublikanisch, antiegalitär, antiinternational und autoritär
geblieben ist, lebt nicht nur, aber vor allem in der bundesdeutschen
Rechten weiter. Ihre Hauptmacht aber, ihr Großbecken, ist der
organisierte und nichtorganisierte deutsche Konservatismus
geblieben, auch wenn er sich selbst notorisch als ,Mitte' darzustellen
versucht. Der große Frieden mit den Tätern ist sein Werk."8
Die Diagnose Giordanos wurde in den Haupttendenzen seit 1990 bestätigt
und ist heute unverändert zutreffend. Der Befund über den Umgang
einflussreicher konservativer Kreise mit der NS-Vergangenheit, mit
heutigem rechten Extremismus
und Rassismus sowie mit traditionsreichen Richtungen des
Antifaschismus ist weiterhin beunruhigend. Die genannten
geschichtspolitischen Initiativen der CDU/CSU illustrieren diese
Feststellung. Die Probleme wurzeln in der Geschichte der
Bundesrepublik sowie in den sozioökonomischen und
politisch-ideologischen Grundlagen des Konservatismus. "Extremismus
der Mitte" bezeichnet das Problem
der Radikalisierungsfähigkeit der konservativen Grundströmung der
Gesellschaft. Dabei kommt dem Blick auf das Erbe und die Auswirkungen
der Restauration, selbst
auf Kontinuitäten seit dem 19. Jahrhundert, eine aufhellende Funktion
zu.
In seinen Traditionen sowie vorherigen Programmen, Vordenkern und
politischen Repräsentanten war der deutsche Konservatismus nach 1945
ob seiner prä- und
profaschistischen Rolle jahrzehntelang diskreditiert. In der Grauzone
zum Alt- und
Neonazismus hielten einzelne Parteien, Verbände und Gruppen das
verschlissene
und befleckte Fähnlein hoch, darunter die rechtskonservative Deutsche
Partei (DP)
als Koalitionspartner in den Adenauer-Kabinetten von 1949 bis 1960.
Diese und andere nationalkonservative und rechtsextremistische
Parteien und Organisationen
gingen vielfach nicht nur nur personell, sondern auch programmatisch
und ideologisch in der CDU/CSU auf. Deren gelegentlich gepriesene
Leistung, rechtsaußen befindliche Gruppierungen absorbiert oder klein
und bedeutungslos gehalten zu haben, wurde mit dem Preis des bis heute
ausgebliebenen fundierten und unwiderruflichen Abbruchs gegenüber dem
historischen Nationalsozialismus und dem seitherigen rechten
Extremismus bezahlt.
Die Unschärfe nach rechtsaußen war und blieb bis heute in der Politik
und Ideologie
der Unionsparteien charakteristischer Grundzug. Sie weist in der
Geschichte der Bundesrepublik vielgestaltige Erscheinungsformen auf,
die weithin geradezu als Schutzfunktion zugunsten alter und neuer
Nazis wirksam wurden und werden: Gesetze zur Straffreiheit, Aushöhlen
und weitgehendes Versanden der Entnazifizierung, Gnadenerlasse,
Amnestien, Verjährungen, Gesetzgebung zu Art. 131 GG. ab 1951 usw.,
usf.
Dem Kabinett Adenauer gehörten von Anbeginn rechtskonservative
Politiker und bereits ab 1953 mehrere ehemalige NSDAP-Mitglieder an.
Wurden jemals die NS-Vergangenheit betreffende Affären und
Kontroversen von den Konservativen prinzipiell geklärt? Endeten sie
nicht selten gar mit Ehrenerklärungen oder -ämtern
für die jeweiligen Hauptakteure? Um Antworten auf diese Fragen
anzuregen, sei
stellvertretend für unzählige Fälle erinnert an: Globke, Seebohm,
Schlüter, Heusinger, Speidel, Oberländer, Maunz, Vialon, Lübke, Rehse,
Seidl, Kiesinger, Strauß, Filbinger, Dregger, Kohl, Heitmann,
Sayn-Wittgenstein und Hohmann/Günzel. Ein ernstzunehmender Ansatz zur
selbstkritischen Aufarbeitung von Versäumnissen und fundamentalen
Fehlentscheidungen im Umgang mit der NS-Vergangenheit ist bis heute
bei den Führungen von CDU/CSU und FDP nicht zu bemerken.
Die frühzeitige und unablässige Anfeindung der Linken war stets die
Kehrseite dieser Entwicklungen. Im September 1950 begann die offene
und massenhafte Diskriminierung kommunistischer Antifaschisten und der
VVN sowie weiterer linker
bis linksliberal-pazifistischer, engagiert antinazistischer
Organisationen, Gruppen und Persönlichkeiten. Es waren diejenigen, die
unter den widrigen Bedingungen des
restaurativen Zeitgeistes und des Kalten Krieges, offiziell selbst
ausgegrenzt und verfolgt, mit Verfolgten und Überlebenden stets das
Gedenken an die Opfer des Faschismus und die Erinnerung an Widerstand
und Emigration aufrecht erhielten. Das Bemühen, die Affäre
Hohmann/Günzel rasch administrativ zu beenden, verriet die Ahnung von
Unionspolitikern, dass Versuche, die Divergenzen unter den eigenen
Funktionären, Mitgliedern und Anhängern argumentativ auszutragen, zu
unerwünschten und nur schwer kontrollierbaren Weiterungen bezüglich
latenter
völkisch-nationalistischer und tendenziell extremistischer
Ressentiments und Leitbilder führen könne. Es ist symptomatisch, dass
seitens der Unionsspitze in unregelmäßiger Folge immer wieder versucht
wird, den Patriotismus oder die nationale Identität als Ressource zu
erschließen, mit der die eigene Mitglieder-, Anhänger- und
Wählerschaft formiert und mobilisiert werden könnte.
Heute geht es nicht mehr nur darum, dass - gemessen an
westeuropäischen antifaschistischen Standards - der deutsche
rechtsgerichtete ideologisch-politische
Sonderweg fortgesetzt zu werden droht. Vielmehr soll das europäische
Geschichtsbild zunehmend seitens der Bundesrepublik beeinflusst
werden. Das vom unionsnahen Bund der Vertriebenen initiierte Projekt
eines "Zentrums gegen Vertreibungen" als Manifestation einer deutschen
Opferrolle im vergangenen Jahrhundert sowie der anmaßende Umgang mit
den Mehrheitsmeinungen in Tschechien und Polen wurden zum Lehrstück
entsprechender Ambitionen. Wo hat es seit 1949 von offizieller
deutscher Seite Initiativen für internationale aufklärerische Zentren
gegen Rassismus, Antisemitismus und Faschismus oder gegen
Militarismus,
Rüstung und Krieg gegeben? Gerade das wären jedoch Beiträge zu den
Schlüsselproblemen deutscher Verantwortung und Schuld im 20.
Jahrhundert gewesen, von denen aus auch die abgeleiteten Fragen der
Opfer und Verluste Deutschlands einbezogen werden könnten.
Anmerkungen
1 Lorenz Niegel: 8. Mai - ein Tag wie jeder
andere? In: Deutsche Tagespost, 8. Mai
1985
2 Ludwig Elm: Das verordnete Feindbild. Neue deutsche
Geschichtsideologie und
"antitotalitärer Konsens", Köln 2001, S. 121
3 Deutscher Bundestag, 13. Wahlperiode, 172. Sitzung,
Bonn, 24. April 1997, S.
15574
4 Deutscher Bundestag, 15. Wahlperiode, Drucksache
15/986, 15. 05. 2003
5 Ebd., Drucksache 15/1874, 4. 11. 2003, S. 1
6 Ebd., Drucksache 15/3084, 4. 5. 2004, S. 1
7 Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und
Museen zur Diktatur in
SBZ und DDR. Hrsg. von Annette Kaminsky, bearbeitet von Ruth Gleinig
i.A. der
Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Bundeszentrale für
politische
Bildung, Leipzig 2004, S. 341
8 Ralph Giordano: Die zweite Schuld oder Von der Last
ein Deutscher zu sein, München 1990, S. 165f.
Ludwig Elm |