"informationen" Nr. 61, Mai 2005
Editorial
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Der Antifaschist und Widerstandskämpfer Peter
Gingold nahm an den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der
Landung der Alliierten in der Normandie im Juni 2004 teil. Nicht
auf Einladung des Bundeskanzlers, der sich von ehemaligen
Wehrmachtssoldaten begleiten ließ, sondern auf Einladung des
französischen Staatspräsidenten. Denn Peter Gingold kämpfte
aktiv in der Résistance für die Befreiung vom Faschismus. Im
Rahmen der Feierlichkeiten kam es zur Begegnung zwischen ihm und
den ehemaligen Wehrmachtsangehörigen. Peter Gingold stellte sich
als deutscher Widerstandskämpfer in der Résistance vor. "Da
haben Sie gegen Deutschland gekämpft", wurde ihm sofort
attestiert. "Keinesfalls", betonte Gingold, "Wir haben dazu
beigetragen, Frankreich vom Faschismus zu befreien und wir haben
damit für die Befreiung Deutschlands gekämpft." Die Antwort kam
prompt: "Wir wollten doch gar nicht befreit werden."
Dieser Wortwechsel sagt vieles über die Befndlichkeit der
Deutschen nicht nur am 8. Mai 1945, sondern auch 60 Jahre
danach. Ist die derzeitige Fokussierung auf die Opferrolle der
Deutschen ein neues Phänomen in der gesellschaftlichen
Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus
und seinen barbarischen Folgen? Die Leugnung der Verbrechen, das
Freisprechen von Schuld, die Verunglimpfung der Opfer, die
Verleumdung und Ausgrenzung der Widerständigen, die
ungebrochenen Karrieren von Tätern, die Gebiets- und
Besitzforderungen von Vertriebenenverbänden, die Verweigerung
von Entschädigungszahlungen für die Opfer
der NS-Verfolgung, für Raub und Zwangsarbeit, die teilweise
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Wir wurden 12 Jahre belogen,
um unsere Jugend betrogen,
geknechtet, verhaftet, geschunden!
Wir saßen in Kerker u. Lager -
bei Steckrüben wurden wir mager -
und ihr habt Hitler die Kränze gewunden!
Wir gaben Gesundheit und Leben
und haben das Beste gegeben
für Freiheit und Recht und Ideen!
Wir schienen euch allen verloren -
ein Teil ist noch da! - Neugeboren! -
und sieht unser Land jetzt in Zuckung und
Wehen!
Die Tode unzählig wir starben,
voll Wunden, Krankheit u. Narben
und haben wie Tiere gelitten!
Wir haben geschwitzt und gefroren,
doch die Hoffnung niemals verloren!
Und gegen Hitler 12 Jahre gestritten!
Wir "lebten wie Fürsten" sagt Einer,
der sicher Pg war, sooon Kleiner.
Uns hat man alles genommen!
Wir sollen es wiederbekommen -
laut Zeitungen und großen Reden!
Ich hab weder Wohnung noch Kleider,
doch die Hitler-Wegbereiter! |
hoch emotionalen Abwehrreaktionen auf das Gedenken an
die verbrecherischen Taten und deren Opfer in Deutschland, die
ständigen Versuche der Relativierung der Verbrechen und die Betonung
der eigenen Opferrolle ziehen sich wie ein roter Faden durch die
deutsche Nachkriegsgeschichte. Die Versuche, die Identitätsfindung der
deutschen Nachkriegsgesellschaft über die Begrifflichkeit der "Stunde
Null" zu definieren, verleugnen von Grund auf die Verstrickung der
großen Mehrheitsgesellschaft in die Verbrechen des NS-Staates. Der
Historiker Götz Aly weist in seinem neuesten Buch "Hitlers Volksstaat.
Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus" sehr deutlich darauf
hin, wie sich die deutsche Bevölkerung von den Nationalsozialisten
korrumpieren ließ, in dem sie materiell vom Raubzug zunächst an der
jüdischen Bevölkerung im eigenen Land und dann durch ganz Europa
profitierte. Die Nazis erzwangen sich nicht nur die Loyalität, sie
erkauften sie sich mit materiellen Wohltaten und Steuergeschenken, mit
ungeahnten Karrierechancen für die Jungen, mit bis dahin
unvorstellbaren Forschungsmöglichkeiten für Wissenschaftler, mit
unglaublichen Gewinnchancen für die Großindustriellen und mit dem
zügellosen Ausleben der Kriegsgelüste der Wehrmachtsgeneralität und
letztendlich mit einer Rassenideologie, die es Menschen ermöglichte,
sich über andere zu erheben. Und die Mehrheit der Deutschen ließ sich
kaufen.
Diejenigen, die den aufrechten Gang gingen, die Widerstand leisteten,
die versuchten, sich dem verbrecherischen System entgegenzustellen,
befanden sich in der Minderheit. Und so nimmt es auch nicht Wunder,
wenn Peter Gingold, der den 8. Mai 1945 als Widerstandskämpfer in
Italien erlebte, vom überwältigenden Gefühl spricht, das er empfand,
als er gemeinsam mit den Turinern die Befreiung vom Faschismus
feierte, da er sich unter lauter Menschen befand, die sich selbst als
Befreite und Befreier empfanden. In Deutschland wäre dies nicht
möglich gewesen.
Albert Simmedinger, der als Kommunist im illegalen Widerstand gegen
die Nazis arbeitete, dafür 10 Jahre Haft im Zuchthaus und im
Konzentrationslager Sachsenhausen verbringen musste und im April 1945
mit viel Glück den Todesmarsch überlebte, gibt in dem oben zitierten
Gedicht, dass er im Oktober 1945 verfasst hat, sehr deutlich seine
Wahrnehmung des Nachkriegsdeutschlands wieder.
Die Deutschen haben sich nicht selbst befreit, sie sind befreit
worden, und viele haben diese Befreiung zunächst einmal lediglich als
Befreiung vom täglichen Elend des Krieges empfunden. Und diejenigen,
die Widerstand geleistet hatten, die den aufrechten Gang gegangen
waren, sie wurden sehr schnell wieder ausgegrenzt von der
Mehrheitsgesellschaft, denn sie waren wie ein Spiegel, der deutlich
machte, dass man sich hätte anders entscheiden können, der zurückwies
auf die Mitläufer, auf die Profiteure, auf die Täter des
verbrecherischen Systems. So stellte es sich zumindest in den
westlichen Besatzungszonen und der entstehenden Bundesrepublik dar.
Und in der sowjetischen Besatzungszone? Dort ging man zwar
konsequenter
gegen Täter des NS-Systems vor, aber gleichzeitig erkaufte man sich in
der entstehenden DDR mit einem verordneten Antifaschismus, der den
Blick nicht auf die Verwicklungen der Mehrheitsgesellschaft in das
NS-System warf und somit einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung
auswich, die Loyalität der Menschen mit dem neuen sozialistischen
System.
Die heute versuchte Identitätsfindung eines "neuen Deutschland" geht
einen ganz fatalen Weg. Im Vordergrund steht dabei die Forderung nach
"Normalität" im Umgang mit der Geschichte der NSZeit. Dazu gehören die
Betonung der Opferrolle der Deutschen und der Versuch der
Gleichsetzung mit den Opfern der
Naziverbrechen, die Relativierung der Verbrechen durch Übertragung der
Begrifflichkeiten auf heutige Konfliktfelder in der Welt, die
Hervorhebung, dass besonders die Deutschen gelernt hätten, mit ihrer
Geschichte verantwortlich umzugehen und der Anspruch, man brauche sich
das neue Selbstbewusstsein nicht ständig mit der "Moralkeule"
Auschwitz kaputtschlagen zu lassen. Dazu werden Begriffe wie
Patriotismus, Stolz, Vaterland und Leitkultur in die Debatte geworfen,
deren Besetzung man nicht den Rechtsradikalen überlassen
dürfe. Diese Identitätsfindung ist gefährlich rückwärtsgewandt.
Mit den Beiträgen in den informationen zum 60. Jahrestag des 8. Mai
1945 wollen wir Anstöße zu einer aufrechten Form der Identitätsfindung
geben. "Was halten Sie vom Film ,Der Untergang'?", wurde Peter Gingold
auf einer Veranstaltung gefragt. Seine Antwort: "Der 8. Mai 1945 war
der Tag der Befreiung. Der Tag des Untergangs war der 30. Januar
1933."
Heiko Lüßmann
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