Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945 e.V.

"informationen" Nr. 60, Oktober 2004 
Editorial

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"In der deutschen Öffentlichkeit wird seit einigen Jahren der Blick immer stärker auf die Opferrolle der Deutschen fokussiert und der Versuch einer Gleichsetzung mit den Opfern der Naziverbrechen unternommen."
 
 

 

 

Drei geschichtlich zentrale Daten zur Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands galt es in diesem Jahr zu würdigen. In den Blickpunkt der groß angelegten medialen Öffentlichkeit rückten dabei jedoch nur zwei: Zum einen der 60. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie am
6. Juni 1944 mit einer Vielzahl von Berichten zum Auftritt des deutschen Kanzlers bei den Feierlichkeiten in Frankreich, zum anderen das Gedenken an das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944, das u.a. mit der ARD-Produktion "Stauffenberg" begleitet wurde. Völlig in den medialen Hintergrund geriet der Auschwitz-Prozess, der vor 40 Jahren in Frankfurt am Main stattfand. Wie ist dieser unterschiedliche mediale Umgang mit historischen Daten zu erklären?

In der deutschen Öffentlichkeit wird seit einigen Jahren der Blick immer stärker auf die Opferrolle der Deutschen fokussiert und der Versuch einer Gleichsetzung mit den Opfern der Naziverbrechen unternommen. So wurde im Zusammenhang mit dem Gedenken an die Landung der Alliierten in der Normandie immer lauter die Forderung artikuliert, an diesem Tage aller Opfer, also auch der deutschen Soldaten zu gedenken, schließlich seien sie alle Opfer eines Krieges geworden. Seit einigen Jahren arbeitet der Historiker Jörg Friedrich beharrlich daran, mit dem Blick auf den Bombenkrieg gegen deutsche Städte die Kriegsführung der Briten und Amerikaner mit Begriffen wie Massenvernichtung und Massaker zu charakterisieren und sie somit begrifflich dem Holocaust gleichzusetzen. Der Bund der Vertriebenen propagiert weiterhin ein "Zentrum gegen Vertreibung" in Berlin zu errichten und damit das Schicksal der deutschen Vertriebenen gedanklich in unmittelbare Nähe des Holocaust-Mahnmals für die ermordeten Juden Europas zu rücken. Die von Vertriebenenfunktionären gegründete Preußische Treuhand zur Durchsetzung privater Entschädigungsforderungen u.a. gegenüber dem polnischen
Staat ist die unverfrorene Spitze eines "Wir waren alle Opfer" angleichenden Geschichtsverständnisses.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat die Zusammenarbeit mit der Stiftung Sächsische Gedenkstätten beendet, weil der sächsische Landtag 2003 ein Gesetz verabschiedet hat, in dem die fundamentalen Unterschiede zwischen den Verbrechen des NS-Regimes und anderen Formen kommunistischer Willkürherrschaft terminologisch eingeebnet wurden. Der Vizepräsident des Zentralrates Samuel Korn sagt dazu: "Diese alle Unterschiede einebnende Gleichsetzung ist es, wogegen ich mich wende, auch beim sächsischen Gedenkstättengesetz. Dieser Trend ist seit dem Historikerstreit Mitte der achtziger Jahre zu beobachten, er kehrt immer wieder, und die seither geführten deutschen Selbstfindungsdebatten tragen stets
dieselben Muster in sich. Es geht dabei offen oder verdeckt darum, den Deutschen einen möglichst gleichberechtigten Opferstatus zuzuerkennen. Jedes individuelle Leid, vor allem dasjenige unbeteiligter und unschuldiger Menschen, ist ohne jede Einschränkung gleichermaßen anzuerkennen und zu würdigen. Aber bei übergeordneter Betrachtung geht es nicht in erster Linie um individuelles Leid, sondern um den großen historischen Zusammenhang, und den gilt es zu wahren, sonst werden wir aus der Geschichte keine objektiven Lehren ziehen können."

Die Täterschaft der Deutschen verblasst und wird zielstrebig verdeckt durch die beständige Thematisierung der Opferrolle. Dies wurde im besonderen Maße in der Diskussion um die Wehrmachtsausstellung deutlich, die nach ihrer Überarbeitung den Blick von den vielen Tätern in SS-, Polizei- und Wehrmachtsuniform abwandte auf die Wehrmachtsgeneralität und ihre Befehlsgewalt. Inzwischen wurde die Ausstellung geschlossen und eingemottet. Wolfram Wette stellt dazu fest: "Als Fazit bleibt die Erkenntnis, dass es bestimmten Meinungsführern in Deutschland immer wieder gelungen ist, die Täter aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein und aus den Gerichtssälen verschwinden zu lassen und die auf Relativierung und Entlastung zielenden Bedürfnisse zu bedienen."

So geschehen auch mit dem Gedenken an den Frankfurter Auschwitz-Prozess. In der medialen Öffentlichkeit hat die Erinnerung an den Prozess nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Dem mit ihm verbundenen Blick auf die Täter ist heute wie vor vierzig Jahren eine Abwehr zu konstatieren, wie sie Martin Walser mit seinem Wort von Auschwitz als "Moralkeule" zum Ausdruck gebracht hat. Deshalb widmet sich der Studienkreis in der 60. Ausgabe der informationen ausführlich diesem Prozess und seinen Auswirkungen auf die öffentliche Betrachtung der Täter der nationalsozialistischen Massenverbrechen.

Heinz Düx, Untersuchungsrichter im Auschwitz-Prozess, macht in seinem Interview deutlich, wie schwierig es war, den ersten deutschen Prozess gegen Auschwitz-Täter vorzubereiten, und in welcher Form versucht wurde, Einfluss auf seine Arbeit zu nehmen, um den Prozess zu behindern. Regina Becker-Schmidt dokumentiert die Reaktionen der westdeutschen Bevölkerung auf den Prozess und kommt zu dem Ergebnis, dass in der Gesamtbevölkerung ein starker erklärter und unartikulierter Unwillen vorherrschte, sich mit den mörderischen Konsequenzen des Faschismus zu beschäftigen. Der Konfrontation mit den Tätern und der Schuld an den Massenverbrechen in Auschwitz wurde mit der von breiten Teilen der Bevölkerung geteilten Forderung, endlich einen Schlussstrich unter die nationalsozialistische Vergangenheit zu ziehen, begegnet. Wie unterschiedlich Auschwitz als Metapher in die gesellschaftliche Diskussion eingeführt wird, erläutert Ulrich Schneider. Schließlich geht Tobias Ebbrecht auf den Prozess im Kontext zeitgenössischer Film- und Fernsehproduktionen ein.

Die Herausgabe der informationen ist einer der wichtigsten Schwerpunkte der Arbeit des Studienkreises. Unser Anliegen ist es, mit den jeweiligen Schwerpunktthemen Anstöße zum wissenschaftlichen Diskurs in der Forschung zur NS-Zeit zu geben und auf vernachlässigte Forschungsfelder aufmerksam zu machen. Unserem
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Heiko Lüßmann

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