"informationen" Nr. 60, Oktober 2004
Editorial
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"In der
deutschen Öffentlichkeit wird seit einigen Jahren der Blick immer stärker auf
die Opferrolle der Deutschen fokussiert und der Versuch einer Gleichsetzung mit
den Opfern der Naziverbrechen unternommen." |
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Drei geschichtlich zentrale Daten zur Auseinandersetzung mit der
nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands galt es in diesem Jahr zu
würdigen. In den Blickpunkt der groß angelegten medialen Öffentlichkeit rückten
dabei jedoch nur zwei: Zum einen der 60. Jahrestag der Landung der Alliierten in
der Normandie am
6. Juni 1944 mit einer Vielzahl von Berichten zum Auftritt des deutschen
Kanzlers bei den Feierlichkeiten in Frankreich, zum anderen das Gedenken an das
Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944, das u.a. mit der ARD-Produktion
"Stauffenberg" begleitet wurde. Völlig in den medialen Hintergrund geriet der
Auschwitz-Prozess, der vor 40 Jahren in Frankfurt am Main stattfand. Wie ist
dieser unterschiedliche mediale Umgang mit historischen Daten zu erklären?
In der deutschen Öffentlichkeit wird seit einigen Jahren der Blick immer stärker
auf die Opferrolle der Deutschen fokussiert und der Versuch einer Gleichsetzung
mit den Opfern der Naziverbrechen unternommen. So wurde im Zusammenhang mit dem
Gedenken an die Landung der Alliierten in der Normandie immer lauter die
Forderung artikuliert, an diesem Tage aller Opfer, also auch der deutschen
Soldaten zu gedenken, schließlich seien sie alle Opfer eines Krieges geworden.
Seit einigen Jahren arbeitet der Historiker Jörg Friedrich beharrlich daran, mit
dem Blick auf den Bombenkrieg gegen deutsche Städte die Kriegsführung der Briten
und Amerikaner mit Begriffen wie Massenvernichtung und Massaker zu
charakterisieren und sie somit begrifflich dem Holocaust gleichzusetzen. Der
Bund der Vertriebenen propagiert weiterhin ein "Zentrum gegen Vertreibung" in
Berlin zu errichten und damit das Schicksal der deutschen Vertriebenen
gedanklich in unmittelbare Nähe des Holocaust-Mahnmals für die ermordeten Juden
Europas zu rücken. Die von Vertriebenenfunktionären gegründete Preußische
Treuhand zur Durchsetzung privater Entschädigungsforderungen u.a. gegenüber dem
polnischen
Staat ist die unverfrorene Spitze eines "Wir waren alle Opfer" angleichenden
Geschichtsverständnisses.
Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat die Zusammenarbeit mit der Stiftung
Sächsische Gedenkstätten beendet, weil der sächsische Landtag 2003 ein Gesetz
verabschiedet hat, in dem die fundamentalen Unterschiede zwischen den Verbrechen
des NS-Regimes und anderen Formen kommunistischer Willkürherrschaft
terminologisch eingeebnet wurden. Der Vizepräsident des Zentralrates Samuel Korn
sagt dazu: "Diese alle Unterschiede einebnende Gleichsetzung ist es, wogegen ich
mich wende, auch beim sächsischen Gedenkstättengesetz. Dieser Trend ist seit dem
Historikerstreit Mitte der achtziger Jahre zu beobachten, er kehrt immer wieder,
und die seither geführten deutschen Selbstfindungsdebatten tragen stets
dieselben Muster in sich. Es geht dabei offen oder verdeckt darum, den Deutschen
einen möglichst gleichberechtigten Opferstatus zuzuerkennen. Jedes individuelle
Leid, vor allem dasjenige unbeteiligter und unschuldiger Menschen, ist ohne jede
Einschränkung gleichermaßen anzuerkennen und zu würdigen. Aber bei
übergeordneter Betrachtung geht es nicht in erster Linie um individuelles Leid,
sondern um den großen historischen Zusammenhang, und den gilt es zu wahren,
sonst werden wir aus der Geschichte keine objektiven Lehren ziehen können."
Die Täterschaft der Deutschen verblasst und wird zielstrebig verdeckt durch die
beständige Thematisierung der Opferrolle. Dies wurde im besonderen Maße in der
Diskussion um die Wehrmachtsausstellung deutlich, die nach ihrer Überarbeitung
den Blick von den vielen Tätern in SS-, Polizei- und Wehrmachtsuniform abwandte
auf die Wehrmachtsgeneralität und ihre Befehlsgewalt. Inzwischen wurde die
Ausstellung geschlossen und eingemottet. Wolfram Wette stellt dazu fest: "Als
Fazit bleibt die Erkenntnis, dass es bestimmten Meinungsführern in Deutschland
immer wieder gelungen ist, die Täter aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein und
aus den Gerichtssälen verschwinden zu lassen und die auf Relativierung und
Entlastung zielenden Bedürfnisse zu bedienen."
So geschehen auch mit dem Gedenken an den Frankfurter Auschwitz-Prozess. In der
medialen Öffentlichkeit hat die Erinnerung an den Prozess nur eine
untergeordnete Rolle gespielt. Dem mit ihm verbundenen Blick auf die Täter ist
heute wie vor vierzig Jahren eine Abwehr zu konstatieren, wie sie Martin Walser
mit seinem Wort von Auschwitz als "Moralkeule" zum Ausdruck gebracht hat.
Deshalb widmet sich der Studienkreis in der 60. Ausgabe der informationen
ausführlich diesem Prozess und seinen Auswirkungen auf die öffentliche
Betrachtung der Täter der nationalsozialistischen Massenverbrechen.
Heinz Düx, Untersuchungsrichter im Auschwitz-Prozess, macht in seinem Interview
deutlich, wie schwierig es war, den ersten deutschen Prozess gegen
Auschwitz-Täter vorzubereiten, und in welcher Form versucht wurde, Einfluss auf
seine Arbeit zu nehmen, um den Prozess zu behindern. Regina Becker-Schmidt
dokumentiert die Reaktionen der westdeutschen Bevölkerung auf den Prozess und
kommt zu dem Ergebnis, dass in der Gesamtbevölkerung ein starker erklärter und
unartikulierter Unwillen vorherrschte, sich mit den mörderischen Konsequenzen
des Faschismus zu beschäftigen. Der Konfrontation mit den Tätern und der Schuld
an den Massenverbrechen in Auschwitz wurde mit der von breiten Teilen der
Bevölkerung geteilten Forderung, endlich einen Schlussstrich unter die
nationalsozialistische Vergangenheit zu ziehen, begegnet. Wie unterschiedlich
Auschwitz als Metapher in die gesellschaftliche Diskussion eingeführt wird,
erläutert Ulrich Schneider. Schließlich geht Tobias Ebbrecht auf den Prozess im
Kontext zeitgenössischer Film- und Fernsehproduktionen ein.
Die Herausgabe der informationen ist einer der wichtigsten Schwerpunkte der
Arbeit des Studienkreises. Unser Anliegen ist es, mit den jeweiligen
Schwerpunktthemen Anstöße zum wissenschaftlichen Diskurs in der Forschung zur
NS-Zeit zu geben und auf vernachlässigte Forschungsfelder aufmerksam zu machen.
Unserem
Anspruch haben wir in den letzten Jahren u.a. auch mit einer gehobenen
Papierqualität und einem neuen grafischen Konzept Rechnung getragen. Um diesen
Qualitätsanspruch aufrechterhalten zu können, benötigen wir in der Zukunft mehr
Menschen, die die informationen regelmäßig abonnieren. Aus diesem Grunde bitten
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Heiko Lüßmann
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