"informationen" Nr. 59, Mai 2004
Eine "behutsam gewendete" Anna Seghers?
Seghers-Biografien aus der DDR und danach
Christel Berger
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In Anna Seghers selbst hielt nicht viel davon, wenn sie nach ihrer Biografie
befragt wurde. "Die Erlebnisse und die Anschauungen eines Schriftstellers,
glaube ich, werden am allerklarsten aus seinem Werk, auch ohne spezielle
Biographie"1,
und sie tat mehr dazu, Unklarheiten zu belassen als mit Legenden aufzuräumen. An
vieles wollte (oder konnte?) sie sich einfach nicht mehr genau erinnern. B.
Traven, dessen Werk sie mochte, war ihr mit dem Geheimnis seiner Biografie sehr
sympathisch.
Nahmen jedoch wissbegierige Germanisten den Hinweis auf das Werk allzu zu
wörtlich, sahen sie sich getäuscht. Im Gegensatz zu anderen Kollegen gibt es
wenig direkt autobiogra.sche Bezüge (Die große Ausnahme dabei: "Der Auszug der
toten Mädchen"!) in Seghers' Erzählungen und Romanen. Strikt wollte sie ihre
Intimsphäre - ihre Familie - der Öffentlichkeit vorenthalten. Die großen
Stationen ihres Lebens: Mainz, Studium in Heidelberg und Köln, Berlin, Paris,
Mexiko, Berlin - waren bekannt und sollten genügen. Verband
man mit diesen Stationen die jeweiligen Bücher, die in diesen Jahren entstanden,
hatte man schon ein grobmaschiges Muster von "Leben und Werk". Dem noch
hinzugefügt: Eintritt in die KPD, in den Bund proletarisch-revolutionärer
Schriftsteller sowie deren politische oder kulturpolitische Positionen,
zusätzlich noch die hohen Preise (Kleist-, Stalin-, National-), und schon war
die lange Zeit gültige Darstellung fertig. Noch "subtilere" Autoren verglichen
ihre Arbeiten mit denen der "Großen" ihrer Zeit, etwa Thomas oder Heinrich Mann,
und denen der anderen "großen" Kampfgefährten, Johannes R. Becher und Bertolt
Brecht.
Mir scheint im Nachhinein: Das war das in der DDR übliche Verfahren über lange
Zeit, nicht nur bezüglich Schriftstellerbiografien, sondern überhaupt
Biografischem. Der einzelne im Gitter feststehender Geschichtsdaten, für die es
eine feste Ordnung ihrer Bewertung gab. Warum diese Verleugnung oder Vertuschung
von Irr- und Um-Wegen, von verschieden möglichen Wegen und Zugängen? War es auch
Ergebnis einer jahrzehntelangen Praxis in der kommunistischen Bewegung, früheres
"Abweichlertum", "Sektierer", "Spalter", "Trotzkisten" (und wie sie noch alles
beschimpft wurden!) noch nach Jahren zu beargwöhnen, zu verfolgen und in Lager
und Tod enden zu lassen? Hatte es was mit Theorien über die untergeordnete Rolle
des einzelnen zu tun? Andererseits: die heutige Neugier und "Gier" auf jedes
persönliche Lebensdetail, erhellt sie ein literarisches Werk wirklich?.
Als Anna Seghers 1947 nach Deutschland zurückkehrte, war sie den meisten Lesern
unbekannt. Sie, die in der Emigration mit dem Roman "Das siebte Kreuz" einen
Welterfolg gestartet hatte, vorzustellen, verband sich mit der ersten zaghaften
Welle einer Gesamtdarstellung (einer noch nicht Fünfzig-Jährigen), die damals
namhafte Publizisten wie Paul Rilla2
und Alexander Abusch3
sowie einige Schriftstellerkollegen4
unternahmen. Abusch beispielsweise kannte Anna Seghers aus Mexiko, was jedoch
keineswegs bewirkte, dass er einen persönlichen Zugang zu ihr und ihrem Werk
ermöglichte. Ganz im Zeichen der Zeit geschah eine Interpretation des Werkes von
Anna Seghers als einer parteigeleiteten und parteitreuen Schriftstellerin, die
sich Werk für Werk zum bisherigen Höhepunkt des "Siebten Kreuzes"
hinaufgearbeitet habe. Biografische Details sind höchst spärlich. Wie viel
anders dagegen ein Artikel ihres Kollegen und Verlegers Wieland Herzfelde, der
ebenfalls ganz vom Werk ausgeht, aber er arbeitet den der Seghers eigenen
Impetus sehr genau heraus.5
In der vom Schulbuchverlag Volk und Wissen initiierten Reihe "Schriftsteller der
Gegenwart" erschien 1959 Heft 4 "Anna Seghers". Autor: Heinz Neugebauer.6
Es ist im Grunde einer der ersten stärker biografischen Versuche, der
Lebensdetails (Herkunft, Studium, Dissertationsthema) einbezieht, dabei jedoch
auch Fehlinformationen
(beispielsweise ausgedehnte Reisen nach dem Studium) gibt. Schlimmer als diese
Fehler empfinde ich die gänzlich der Doktrin verhaftete Gesamtkonzeption: Die
sozialistische Literatur als Gipfel einer Literaturentwicklung, die die
bürgerliche Literatur entthront hat, und Anna Seghers' Werk als Beispiel des
makellosen Werdegangs einer immer vollkommener Parteirichtlinien befolgender
Literatur. Auch mehrfache Überarbeitungen dieses Heftes beseitigen nicht das
starre Korsett, verdeutlichen nur die jeweilige Position
of.zieller Kulturpolitik, man betrachte nur die jeweiligen Passagen zu den als
anfangs modernistisch geltenden Autoren und die jeweilige Beschreibung, in
welchem Verhältnis Anna Seghers' Schaffen zu diesen stand.
Das Bedürfnis nach einer weiteren Seghers-Biografie werden die
DDR-Verlage daher schon zeitig gespürt haben. Am 27. Mai 1963 schreibt Christa
Wolf, deren Buch "Der geteilte Himmel" gerade in aller Munde ist, an Anna
Seghers: "Liebe Anna Seghers! Die Reclam-Leute haben mir geschrieben, daß Du
einverstanden seist mit diesem Projekt einer Biografie über Dich. Ich freue mich
darüber, und ich freue mich auch schon auf die Arbeit.
Sicher werde ich viel bei Dir selbst erfragen müssen."7
Damit schien eine ideale Biografin gefunden. Christa Wolf hatte Germanistik
studiert, als Redakteurin und im Schriftstellerverband gearbeitet. "Der geteilte
Himmel" war eines der interessantesten Bücher der letzten Zeit gewesen, das auch
Anna Seghers aufmerksam gelesen hatte, und daraufhin entstand ein Kontakt mit
der jüngeren Kollegin.
"Christa Wolf recherchierte gründlich, es gab mehrere Gespräche mit Anna Seghers
und deren Freunden. Dass letztlich das Unternehmen "Biografie" scheiterte, lag
wohl vor allem daran, dass Anna Seghers zwar Vertrauen zu Christa Wolf gewonnen
hatte und ihr auch viele unbekannte Details aus ihrem Leben erzählte. Der
Nachsatz dabei: "Behalt es für dich", muss für die Biografie zur Hürde geworden
sein, die unüberwindbar zwischen dem
Vorhaben und der erworbenen Vertrauensposition stand. Dass es jedoch keineswegs
vergebliche Mühe gewesen war, bezeugen die verschiedenen Arbeiten Christa Wolfs
über Anna Seghers, beginnend mit dem
"Gespräch mit Anna Seghers" (1965) und dem Essay "Glauben an Irdisches"
(1967/68). Bekanntlich hat Christa Wolf ihr wiederholtes Nachdenken über Anna
Seghers - bis hin zur Rede zum 100. Geburtstag 2000 - öffentlich gemacht.8
Diese Essays zusammen gelesen, ergeben zwar keine klassische
Anna-Seghers-Biografie, wenn auch in den beiden genannten Arbeiten aus den
1960iger Jahren wichtige Linien und manche unbekannte Details vorgestellt
werden. Weniger als eine Biografie und dennoch ungleich mehr, denn Christa Wolf
"problematisiert" auf eigene Art. Feinfühlig stellt sie Anna Seghers' Rede von
1935 auf dem Kongress zur
Verteidigung der Kultur in Paris als Ausgangpunkt ihres Seghers-Bildes: Thema
der Rede: Leiden an Deutschland und das Beispiel der deutschen Autoren, die sich
"an den gesellschaftlichen Mauern ihres Vaterlandes die Stirn wund rieben" und
scheiterten. "Große, oft erschreckende Einzelleistungen", kein "dichterisches
Gesamtbild der Gesellschaft."9
Diese Rede war von keiner Parteidoktrin diktiert, wenngleich diese auch nicht im
Gegensatz dazu stand. Es war eine höchst eigenwillige, individuelle
Interpretation auch der endlich proklamierten Volksfrontpolitik, mehr noch war
es ein Literatur- und Politikkonzept einer jungen Schriftstellerin mit dem ganz
eigenen Erfahrungs- und Interessenhintergrund einer NettyReiling/Anna Seghers.
Christa Wolf sieht auf sie mit den Augen der Jüngeren: Warum nannte sie damals
ausgerechnet Büchner, Hölderlin und die Günderode? Was geben deren Werke her?
Was ist das Verbindende an ihnen für die Seghers, für mich? Es ist viel weniger
ein Interesse einer Biografin auf Geschichte oder Entwicklungsetappen, da fragt
vielmehr eine jüngere Autorin nach Problemen, die die Ältere für sich lösen
musste, um schreiben zu können, und diese Probleme sind ihr selbst nicht fremd.
So geraten weitaus mehr spezielle Fragen des künstlerischen Schaffens sowie ein
besonderer Sinn für die Kollegin, Freundin, Mentorin in die Texte über Anna
Seghers.
Gleichzeitig verquickt sich das Nachdenken über die andere so eng mit der gerade
eigenen Problemlage, dass es nicht immer leicht fällt zu unterscheiden: Geht es
nun wirklich um die Seghers oder vermittelt über diese eigentlich um Christa
Wolf? Die Nähe, die Christa Wolf auf diese Weise hergestellt hat, hat eine über
die Jahre
dauernde Aktualität der Seghers erzeugt, die mit keiner noch so perfekten
Biografie hätte erreicht werden können.
Dennoch wollte der Reclam-Verlag noch immer "seine" Seghers-Biografie. Zehn
Jahre nach Christa Wolfs Ankündigung ihres Projektes bei der Seghers erschien
Kurt Batts "Anna Seghers. Versuch über Entwicklung und Werke".10
Kurt Batt, geboren 1931, Germanist und seit 1961 Che.ektor am Rostocker
Hinstorff-Verlag, war kraft seiner Bildung, Begabung und Generation frei genug,
dem Klischee des klassischen Werdegangs einer kommunistischen Autorin zu
misstrauen. Gestützt auf zahlreiche neuere detaillierte Forschungen unter
anderem zum Frühwerk von Anna Seghers, möglicherweise auch begünstigt vom
scheinbar "frischen Wind" der Honecker-Ära und vor allem voll vertrauend auf den
Seghers-Ratschlag, die Erlebnisse und Meinungen eines Autors in dessen Werk zu
finden, schrieb er ein gut lesbares, kluges Buch. Freilich verwarf er die Thesen
der Vorgänger - es handele sich bei Seghers nicht mehr um Werke des "Übergangs",
sondern gleich des Neubeginns
und sie hätte zur gleichen Zeit mit dem Schreiben begonnen und den Abschied von
ihrer bürgerlichen Herkunft
vollzogen - nicht völlig, aber er relativierte sie kenntnisreich. Aus
Erzählungen, Romanen, Essays, bekannt gewordenen Briefen und Interviews filtert
Batt gekonnt ein schlüssiges, verständnisvolles Bild von Kindheit und Jugend,
entwirft ein Bild des Mädchens Netty in ihrer "bürgerlichen Kleinfamilie", das
ihren unbefriedigten
Erlebnishunger durch Fantasieabenteuer und Lektüre ersetzt. Die große Bedeutung
der heimatlichen Landschaft, die neuen Einflüsse während des Studium - Kurt Batt
hat jede damals erreichbare Äußerung
förmlich "abgehorcht", um Rückschlüsse auf das Leben seiner Autorin zu ziehen.
So erweist er sich nicht nur als der souveräne Literaturkenner, sondern auch als
Psychologe von Format, dessen nur 290 Seiten umfassendes Lebensbild von Anna
Seghers von nachfolgenden Biografen zwar um einiges erweitert und teilweise
durch den Fund neuer Texte berichtigt wurde, aber das Grundmuster stammt von
ihm, und die Klarheit seiner Interpretation und die Schlüssigkeit seiner
Argumentation haben auch heute ihren Glanz nicht verloren. Das Buch ist umso
bemerkenswerter, da es zwischen Kurt Batt und Anna Seghers zwar Kontakte gab,
aber lange nicht das persönliche Verhältnis, das sich zwischen Christa Wolf und
Anna Seghers entwickelt hatte. Die im herzlichen Tonfall gehaltenen kurzen
Briefe an Kurt Batt - auch nach der Veröffentlichung der Biografie - lassen
darauf schließen, dass die ansonsten sehr kritische Anna Seghers im Großen und
Ganzen mit dieser Interpretation einverstanden war.
Kurt Batt war es auch, der im Aufbau-Verlag einen Almanach zum 75. Geburtstag
von Anna Seghers organisierte und dabei Beiträge von Seghers-Freunden und
Seghers-Kennern initiierte, die mehr persönliche
Lichter auf die Autorin warfen.11
Batt erlebte die Publikation seines Buches leider nicht, sein viel zu früher Tod
war die Folge von Auseinandersetzungen mit Funktionären, die ihm die über alles
geliebte Arbeit im Verlag nahmen.
Weitere kleinere Arbeiten in Sachen Seghers-Biografie waren die Gespräche Achim
Roschers mit Anna Seghers12
sowie Frank Wagners reich bebildertes Bändchen "Anna Seghers"13.
Heute verwundert es mich, dass nicht wenigstens nach ihrem Tod ein größerer
neuer biografischer Versuch gestartet wurde. Was 1986 Werner Mittenzwei mit
seiner zweibändigen Bertolt-Brecht-Biografie14
gelang, am Beispiel von Leben und Werk Brechts eine kritische Darstellung
bisheriger Kulturgeschichtsschreibung und vor allem eine für DDR-Verhältnisse
kühne Sicht auf die Kulturpolitik nach 1945 - war Anna Seghers' Leben und Werk
für so eine Neu-Bewertung nicht geeignet gewesen? War sie so zur Ikone geworden,
dass man an das Standbild der zwar gütigen aber vollkommen parteitreuen Autorin
glaubte? Hatte sie mit den Werken der letzten Jahre nicht doch Klopfzeichen
gegeben? War ihre Rolle als Präsidentin des Schriftstellerverbandes so manifest,
dass die Zwischentöne in ihren Reden und Deklarationen zu den verschiedenen
politischen Ereignissen nicht mehr auffielen? Hatten sich die falschen Biografen
ihrer angenommen?Als 1990 Walter Janka seine Vorwürfe gegen Anna Seghers'
Verhalten während seines Prozesses erhob15,
wurde das allzu feste Bild zwar erheblich zerstört, aber es war auch ein Beginn
neuen Arbeitens, das nicht nur durch die neu entdeckte unveröffentlichte
Erzählung "Der gerechte Richter" Nahrung erhielt. Die 1994 von
Frank Wagner, Ursula Emmerich und Ruth Radvanyi publizierte Bildbiographie16
lässt das deutlich erkennen: die von den Herausgebern ausgesuchten
Texte, die die Lebensstationen der Seghers begleiten, sind plötzlich
vielstimmig. Kritik an ihr (Janka, Gustav Regler u.a.) ist ebenso enthalten wie
Verteidigung. Weitaus mehr
als früher - dies wohl das Verdienst der Seghers-Tochter Ruth Radvanyi - werden
private Fenster geöffnet. Deklarationen der KPD oder SED sind nicht mehr die
einzigen Pflöcke, die ihrem Weg die Richtung gegeben haben. Der begleitende
Essay von Christa Wolf spricht die Punkte an, die das vergangene und das
zukünftige Bild prägen: "Deutsche, Jüdin, Kommunistin, Schriftstellerin, Frau,
Mutter"17. War sie
bisher vor allem "Deutsche, Schriftstellerin, Kommunistin" gewesen, würde sie
nun zukünftig vor allem "Jüdin, Frau und Mutter" werden? Galt ihr Weg bisher als
stetiges Gipfelerklimmen einer Autorin, deren Werk kritiklos zu bewundern war,
klingt nun bei Christa Wolf Tragisches an. Wer war gescheitert? Anna Seghers?
Christa Wolf? Beide? Eine Literatur, die "sozialistisch" genannt wurde oder ein
Gesellschaftsversuch, der von den Autoren dieser Literatur im Wesentlichen
bejaht wurde?
Die ersten von Literaturwissenschaftlerinnen verfassten Biografien nach der
Wende waren dünne, aber wichtige Bändchen.18
Bezeichnender Weise waren sie jeweils Teil einer Verlagsreihe, und mit der
Publikation zu dieser Zeit bekannten sich Verlage und Autoren, Anna Seghers als
bedeutende Schriftstellerin oder "Kopf" des Jahrhunderts nicht fallen lassen zu
wollen. Verdienstvoll, wie Christiane Zehl-Romero und Ute Brandes - etwas
unterschiedlich akzentuiert - knapp, aber bestimmt die Verfasserin des "Siebten
Kreuzes" mit ihrem Gesamtwerk und ihrer Lebensleistung würdigten. Beide meldeten
Forschungsbedarf an, um besonders Anna
Seghers' Rolle in der DDR genauer beurteilen zu können.19
Verdienstvoll, dass es Germanistinnen, die in den USA arbeiteten, waren, die den
erst einmal sprachlos gewordenen Literaturwissenschaftlern aus der DDR die
Stafette abnahmen. Andreas Schrades Leistung besteht darin, in dieser Zeit
großer Unsicherheiten und Spekulationen, auf das Werk von Anna Seghers zu
orientieren. "Man sollte m.E. nach wie vor unterscheiden zwischen der
literarischen Bedeutung von Anna Seghers und ihrer Stellung innerhalb der
kommunistischen
Bewegung. Der Blick wird begrenzt, wenn man hier, gleichgültig ob pro oder
contra, von einer Einheit ausgeht."20
Schrades Ansatz bedeutete zwar die überfällige Revision eines Schemas, das dem
1951 geborenen Literaturwissenschaftler aus Leipzig bisher quasi als ehernes
Gesetz erschienen war. Es gelang ihm jedoch
nicht (das mag auch mit an den Bedingungen gelegen haben, die seine "Reihe"
vorgab), eine neue Sicht auf seine Autorin und ihre Zeit vorzustellen, wie es
dann 1998 seinem 1960 geborenen Kollegen aus Jena, Jens-Fietje Dwars mit der
Biografie von Johannes R. Becher gelang.21
Es dauerte bis zum 100. Geburtstag 2000 (ein Datum, das zum ersten Mal nach 1989
eindrucksvoll bewies, dass Anna Seghers eine immer noch sehr "lebendige" Autorin
war!), bis der Aufbau-Verlag die erste umfangreiche Seghers-Biografie auf den
Markt brachte.22 (Im gleichen Jahr erschien in der Universal-Bibliothek bei
Reclam von Sonja Hilzinger ein Büchlein, das sich vor allem durch schlüssige
Kurzinterpretationen der Werke von Anna Seghers verdient machte.23)
Christiane Zehl-Romero beschrieb auf 542 Seiten die Jahre bis 1947. Drei Jahre
später folgten 476 Seiten über die Zeit 1947 bis 1983. Eine immense
Recherche-Arbeit. Feinfühlig.
Nobel. Dass es die Bücher gibt, ist für die Seghers-Gemeinde ein großes Glück.
Nicht allein die neue Quantität oder die andere Sicht nach Ende des Kalten
Krieges begründen die neue Qualität. Es sind auch einige neu aufgefundene Texte
aus der Frühzeit, es ist eine erste Auswertung bisher gesperrt gewesenen
Briefgutes,
gründliche Recherche in den nun geöffneten Archiven (der Parteien, des Verlags,
usw.) und erfolgreiches Finden von familiärem Hintergrund und Quellen aus der
Jugend.
Nun wird das Thema "Jüdin" thematisiert. Nur wer ganz genau gelesen hatte, hätte
schon bei Kurt Batt einen unwichtig scheinenden Hinweis darauf finden können,
etwas deutlicher dann bei Frank Wagner und natürlich in der Bild-Biografie.
Schien es damals unwichtig, weil die meisten jüdischen Kommunisten damals
meinten, zuerst Kommunist zu sein und lediglich Hitler hätte sie zu Juden machen
wollen? Natürlich hatte die frühere Zurückhaltung auch mit dem schwierigen
aktuellen Verhältnis zu Israel zu tun und einem offiziellen Geschichtsbild, das
gegenüber differenzierten Antworten über Deutsch-Jüdisches hilflos war. Nun
endlich ist
Netty Reiling Kind ihrer jüdisch-orthodoxen Eltern, und was in früheren
Biografien unberücksichtigt blieb, bekommt plötzlich immensen Stellenwert. Nun
ist die Wegstrecke bis zur "kommunistischen Autorin" unendlich lang, aber ihrer
Entscheidung für den Kommunismus fehlt letztendlich die Plausibilität. Nun ist
die frühere DDR-Repräsentantin zum großen Teil die an der DDR und ihren sturen
Funktionären Leidende. Ihr Privatleben und die Rolle ihres Ehemannes kommen ans
Tageslicht. Christiane Zehl-Romero belegt ihre Darstellung gültig, aber
vielleicht ist die Ernte aus den Archiven nicht immer die volle Wahrheit? Dass
jetzt auf die Werke nach 1947 neue Blickpunkte geworfen werden, bekommt Anna
Seghers' Werk, wie überhaupt konstatiert werden muss: Die ungleich gründlichere
Darstellung des Lebens von Anna Seghers bewirkt möglicherweise eine
Neubeschäftigung vieler Leser mit dem Werk der Autorin, während die eher
spärlichen biografischen Fakten zu DDR-Zeiten keinen Einfluss auf das große
Leseinteresse hatten: Die Bücher wurden ihrer Geschichten wegen geliebt, die
Aura der leibhaftigen, etwas geheimnisvollen "Anna" war groß genug für die
Verehrung durch ihre Leser. Es deutet sich an, dass Zehl-Romeros Buch weitere
Arbeiten folgen werden. Sigrid Bock beispielsweise arbeitet an einer sehr
umfangreichen Recherche, von der ein Kapitel im Jahrbuch der Anna
Seghers-Gesellschaft veröffentlicht wurde24.
Ich warte sehr auf Arbeiten jüngerer Biografen, denn: Wenn es Anna Seghers fast
geschafft hätte, mindestens zu Lebzeiten über die Fakten und Geheimnisse ihres
Lebens selbst zu verfügen, nun gehört ihre Biografie den Biografen - ihrer
Genauigkeit, ihrem Einfühlungsvermögen, ihrer Sicht auf die Welt und ihrem
Geschick, aus meist bekannten Fakten eine immer noch schwer fassbare Frau zu
zaubern.
Anmerkungen:
1 Christa Wolf/Anna Seghers: Ein
Gespräch mit Anna Seghers, in: Christa Wolf/Anna Seghers: Das dicht besetzte
Leben. Briefe, Gespräche und Essays. Aufbau Taschenbuch Verlag 2003, S. 86.
Erstveröffentlichung
in Neue Deutsche Literatur Heft 6/1965.
2 Paul Rilla. Die Erzählerin Anna
Seghers. In: Paul Rilla: Literatur, Kritik und Polemik. Berlin 1950.
3 Alexander Abusch: Bewährung in
der Kunst und im Leben. In: Alexander Abusch: Literatur im Zeitalter des
Sozialismus, Berlin und Weimar 1967.
4 So gibt es frühe Artikel und
Erinnerungen von Stephan Hermlin, Wieland Herzfelde, F. C. Weiskopf, Bodo Uhse.
5 Wieland Herzfelde: Liebe zu
Deutschland. Anna Seghers und Das siebte Kreuz. In: Wieland Herzfelde: Zur
Sache. Berlin und Weimar 1976. Erstveröffentlichung: Nachwort zu Anna Seghers
"Das siebte Kreuz" (Bibliographie fortschrittlicher deutscher Schriftsteller)
Berlin 1950.
6 Heinz Neugebauer: Anna Seghers.
Berlin 1959; überarbeitete Auflagen: 1961,1970, 1978, 1988.
7 Christa Wolf an Anna Seghers,
Brief vom 27.5. 1963. In: Christa Wolf/Anna Seghers: Ein Gespräch mit Anna
Seghers. In: Christa Wolf/Anna Seghers: Das dicht besetzte Leben. Briefe,
Gespräche und Essays. Aufbau Taschenbuch Verlag 2003, S. 13.
8 Alle diesbezüglichen Arbeiten
sind publiziert in: Christa Wolf/Anna Seghers: Das dicht besetzte Leben. Briefe,
Gespräche und Essays. Aufbau Taschenbuch Verlag 2003.
9 Anna Seghers: Vaterlandsliebe.
In: Anna Seghers: Glauben an Irdisches. Essays aus vier Jahrzehnten.
Herausgegeben von Christa Wolf. Leipzig 1969, S. 12
10 Kurt Batt: Anna Seghers.
Versuch über Entwicklung und Werke. Leipzig 1973.
11
Über Anna Seghers. Ein Almanach zum 75. Geburtstag. Herausgeber: Kurt Batt.
Berlin und Weimar 1975.
12
Achim Roscher: Wirklichkeit und Phantasie. Fragen an Anna Seghers. In: Achim
Roscher: Also fragen Sie mich! Gespräche. Halle/Leipzig 1983, 51 - 58.
Erstveröffentlichung in Neue Deutsche Literatur 11/1976 und 10/1978
13
Frank Wagner: Anna Seghers, Leipzig 1980.
14
Werner Mittenzwei: Das Leben des Bertolt Brecht oder Der Umgang mit den
Welträtseln, Berlin und Weimar 1986.
15
Walter Janka: Schwierigkeiten mit der Wahrheit, Berlin und Weimar 1990.
16
Frank Wagner, Ursula Emmerich, Ruth Radvany: Anna Seghers. Eine Biographie in
Bildern. Berlin und Weimar 1994.
17
Christa Wolf: Gesichter der Anna Seghers. In: Frank Wagner, Ursula Emmerich,
Ruth Radvany: Anna Seghers. Eine Biographie in Bildern. Berlin und Weimar 1994,
S. 7.
18
Ute Brandes: Anna Seghers. Berlin 1992. Reihe "Köpfe des 20. Jahrhunderts" (117)
des Colloquium Verlages; Christiane Zehl-Romero: Anna Seghers, Reinbek bei
Hamburg 1993, Reihe rowohlts monographien; Andreas Schrade: Anna Seghers.
Stuttgart 1993,( Sammlung Metzler, 275)
19
Christiane Zehl-Romero: Anna Seghers: Schwierigkeiten mit der Biographie. In:
Argonautenschiff, Jahrbuch der Anna-Seghers-Gesellschaft Berlin und Mainz e.V.,
4/1995, S.263.; Ute Brandes: auf dem Weg zu Anna Seghers: Biographie als
Annäherung. In: Argonautenschiff, Jahrbuch der Anna-Seghers-Gesellschaft Berlin
und
Mainz e.V., 4/1995, S. 267.
20
Andreas Schrade: Biographie und Werkanalyse. In: Argonautenschiff, Jahrbuch der
Anna-Seghers-Gesellschaft Berlin und Mainz e.V., 4/1995, S. 272.
21
Jens-Fietje Dwars: Abgrund des Widerspruchs. Das Leben des Johannes R. Becher.
Berlin 1998.
22
Christiane Zehl-Romero: Anna Seghers. Eine Biographie 1900-1947. Berlin 2000.
Christiane Zehl-Romero: Anna Seghers. Eine Biographie 1947-1983. Berlin 2003.
23
Sonja Hilzinger: Anna Seghers. Stuttgart 2000.
24
Sigrid Bock: Frühe Erfahrungen und Denkanstöße. In: Argonautenschiff. Jahrbuch
der Anna-Seghers-Gesellschaft Berlin und Mainz e.V., 9/2000, S. 208
Christel Berger
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