Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945 e.V.

"informationen" Nr. 59, Mai 2004 
Editorial

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"Durch die Beschäftigung mit der Geschichte des Widerstandes kann, so hoffe ich, Bereitschaft entstehen, sich kämpferisch mit Fragen der Gegenwart auseinander zu setzen und sich für eine demokratische Entwicklung zu engagieren."



 

 

Max Oppenheimer
 

 

Ein sehr wichtiger Beschluss, den unsere Mitgliederversammlung am 22. November 2003 fasste, war der zur Einrichtung einer Arbeitsgruppe "Konzepte Erinnerungsarbeit mit Schülern/jungen Menschen". Sie rückte damit erneut einen Bereich der Arbeit des Studienkreises ins Bewusstsein, der bereits seine Gründungsväter und -mütter im Herbst 1967 maßgeblich bewegte: Die Vermittlung des deutschen Widerstandes 1933-1945 an die nachfolgenden Generationen.

In seinem Beitrag zu "25 Jahre Studienkreis deutscher Widerstand" schrieb der unvergessene Max Oppenheimer: "Eine Aufgabe des Studienkreises ist es, mit dafür zu sorgen, dass die Geschichte des Widerstandes kein papiernes Wissen bleibt, dass sie nicht losgelöst von Gegenwartsfragen, die heute junge Menschen interessieren, behandelt wird. Jugendliche sollen die Geschichte des Widerstandes durchforsten, sich mit den Erfahrungen der Menschen, die im Widerstand waren, auseinandersetzen und prüfen, was für ihr
Weltbild wichtig ist." Oppenheimer formulierte auch die für die heutige Beschäftigung mit Problemen der Vermittlungsarbeit entscheidenden Konsequenzen, als er fortfuhr: "Durch die Beschäftigung mit der Geschichte des Widerstandes kann, so hoffe ich, Bereitschaft entstehen, sich kämpferisch mit Fragen der Gegenwart
auseinander zu setzen und sich für eine demokratische Entwicklung zu engagieren."

So wichtig und aktuell diese Gedanken sind, so allgemein werden sie bleiben, wenn es uns nicht gelingt, die damit verbundenen Fragen nach dem "Wie" ins Zentrum unserer Überlegungen zu rücken und handhabbare praktische Konsequenzen dazu zu entwickeln. Die damit vor uns stehenden Probleme werden mit zunehmendem
Abstand zu den Jahren 1933-1945 und den aktuellen gesellschaftspolitischen Gegebenheiten, die berücksichtigt werden müssen, nicht geringer, sondern größer. Hilfreich kann ein Blick über den eigenen Zaun sein.

Der Nestor der gesellschaftskritischen Kinder- und Jugendliteraturforschung Prof. Malte Dahrendorf schreibt mit Blick auf das Problem: "Eine gute Art der Aufklärung ist das mündliche Erzählen, das authentische Erzählen aus eigener Erfahrung. Doch stehen ... nicht immer Leute, die es selber noch erlebt haben, zur Verfügung, zudem sterben sie aus, leider meist bevor sie Gelegenheit hatten zu sprechen. An dieser Stelle wird die Funktion der Literatur, der Niederschrift, des schriftlichen Festhaltens der Erfahrung mit der zusätzlichen Chance der Auseinandersetzung und Analyse der Erfahrung deutlich."

Die Tagung "Lernen aus der Geschichte - Projekte zu Nationalsozialismus und Holocaust in Schule und Jugendarbeit", die gemeinsam von der Bundeszentrale für politische Bildung, der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und der Fördergesellschaft Kulturelle Bildung e.V. am 24./25. Januar 2003 in
Bonn durchgeführt wurde, diskutierte ebenfalls zum Thema. Aus dem umfangreichen Diskussionsangebot seien vor allem die Beiträge "Zum gesellschaftlichen Kontext von Geschichts- und Erinnerungsarbeit" von Michael Jeismann, "Schüler stellen aus: Beispiele und Anregungen aus der Praxis" und "Geschichte lernen: Online-Angebote zu den Themen NS-Geschichte und Rechtsextremismus in den Neuen Medien" von Wigbert Benz und
Michael Schröders genannt.

Erinnert werden muss auch an die weithin beachtete Buchausstellung "Ehe alles Legende wird. Die Darstellung des Nationalsozialismus in der deutschen Kinder- und Jugendliteratur", die vom 19. Mai bis 4. Juni 1995 in Berlin gezeigt wurde. Von den damals bereits gezählten über 1000 Buchtiteln - die Zahl dürfte bis heute noch beträchtlich angewachsen sein, wurden 600 in der Ausstellung präsentiert - zu wirklich allen Aspekten des umfangreichen Themas: Alltag im Nationalsozialismus, Judenverfolgung, Holocaust, Fremdarbeiter, Verfolgung von Minderheiten, Widerstand, Emigration und Leben im Exil, Zweiter Weltkrieg, Kriegsende und Nachkriegszeit, Flucht und Vertreibung, Spurensuche, Neofaschistische Tendenzen. Und es waren Bücher für alle Altersgruppen darunter. Die Ausstellung zeigte eindrucksvoll die ganze Bandbreite literarischer Medien zum Thema: Bilderbücher, Sachbücher, Fotobücher, (Kurz-) Erzählungen, Romane, Lyrik, Biografien, Autobiografien, Tagebücher, etc. Es wurde zudem auf die Tatsache hingewiesen, dass - ständig wachsend - Literatur angeboten wird, die durch Video.lme sinnvoll ergänzt wird. Zu einigen dieser Bücher hat sich inzwischen eine kontroverse Diskussion entwickelt, andere sind bereits mit didaktischen Hilfen versehen und/oder waren (sind) in der praktischen Umsetzung.

Dem im Ausstellungskatalog abgedruckten Aufsatz von Rüdiger Steinlein "Der Nationalsozialismus als Thema der deutschen Kinder- und Jugendliteratur" kommt dabei ganz grundsätzliche Bedeutung zu. Steinlein schreibt: "Verfehlt wäre es allerdings, wenn die Beschäftigung und Wiederbeschäftigung mit dem Nationalsozialismus als Kinder- und Jugendliteratur zur literarhistorisch-musealen Veranstaltung geriete. Das unter den Bedingungen
des Nationalsozialismus freigesetzte Vernichtungspotential ist ja mit dem Ende der verbrecherischen Schreckensherrschaft der Nazis keineswegs verschwunden. Sie ist zu einem schändlichen Modellfall von Zivilisationsbruch und Genozid geworden. Und als solcher bleibt er trotz stattgefundenem Maskenwechsel symptomatisch, weist Züge auf, deren Vergegenwärtigung im Blick zurück auf Vergangenes deswegen leider keineswegs überflüssig und überholt ist: fällt solchem Vergegenwärtigen doch die Aufgabe zu, mit seinen literarästhetischen Mitteln zugleich den Blick zu schärfen und zu sensibilisieren für die bedrohlichen Tendenzen in der Gegenwart wie Zukunft - und anders wäre solche Darstellung, Vergegenwärtigung auch nicht zu rechtfertigen: etwa aus einem wie auch immer begründeten Selbstzweck. Dann vollzöge die Kinder- und Jugendliteratur die Wandlung des Nationalsozialismus von einer realexistierenden 'killing' zu einer ästhetisch-fiktiven 'thrilling machine' im Unterhaltungsmedienverbund mit, die dort ja schon Realität ist. Gerade hier
aber liegen für die Kinder- und Jugendliteratur, die sich weiterhin mit dem Thema Nationalsozialismus/Folgen befasst - und befassen sollte! -, anspruchsvolle, schwierige, aber auch reizvolle, interessante Aufgaben!"

Es wären schön und zu wünschen, wenn es dem Studienkreis gelänge, im Rahmen seiner umfangreichen Bibliothek eine Abteilung aufzubauen, die solche Bücher umfasst, die sich für den Einsatz im Unterricht eignen. Sichergestellt werden muss, dass sie im Klassensatz erhältlich sind, und/oder dass zu ihnen konkrete didaktische Handreichungen bereits existieren oder erarbeitet werden können.

Hingewiesen werden muss auch auf die 13. Tagung der Arbeitsgemeinschaft "Frauen im Exil", die vom 7. bis 9. November 2003 in Leipzig zum Thema "Als Kind verfolgt. Anne Frank und die anderen" diskutierte sowie auf die kommende, 14. Tagung zum Thema "Ethik der Erinnerung. Zur Problematik der Vermittlung von Verfolgungs-
und Exilerfahrungen". Zunehmende Bedeutung für die Vermittlungsarbeit erlangen Ausstellungen. Sie können (mit örtlichem und/oder regionalem Bezug) selbst erarbeitet oder ausgeliehen werden. Hier ist vor allem auf unsere Ausstellung "Kinder im KZ Theresienstadt - Zeichnungen, Gedichte, Texte" hinzuweisen.

Die zahlreichen Mahn- und NS-Gedenkstätten, die sich zum Beispiel in NRW in einem eingetragenen Verein zusammengeschlossen haben, verdienen Erwähnung und Beachtung. Aus ihren Verlautbarungen und ihrer Praxis ist unschwer zu ersehen, dass einer ihrer - wenn nicht der wichtigste - Schwerpunkte ihrer Arbeit die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist.

Es könnten mühelos weitere Beispiele dafür angeführt werden, dass sich inzwischen viele Institutionen - bei thematischer Vielfalt - mit Grundfragen der Vermittlung beschäftigen. Der Studienkreis befindet sich also in guter (Diskussions-) Gesellschaft.

Das macht die Dimensionen der Herausforderungen aber nicht geringer - denn auf zwei weitere Probleme, die
zu unserem spezifischen Fragenkatalog gehören werden, kann hier nur hingewiesen werden. Erstens: Die Beschäftigung mit dem Problem der Vermittlung macht damals wie heute eine kritische Bestandsaufnahme
der Darstellungen des Themas in den Schulbüchern erforderlich. Erinnert sei lediglich an die mahnenden Worte
unseres Gründungsmitglieds, Heinz-Joachim Heydorn, die er 1972 der Broschüre "Schulgeschichtsbücher - zitiert - kritisiert - korrigiert" voranstellte. Oder an die von Arnold Paucker, Arno Lustiger und Ingrid Strobl zur Darstellung des jüdischen Widerstandes gegen den Faschismus. Der Tenor ihrer kritischen Bemerkungen ist erneut zusammen gefasst dargestellt in der Broschüre "Deutsch-jüdische Geschichte im Unterricht", die eine
Kommission für die Verbreitung deutschjüdischer Geschichte beim Leo Baeck Institut erarbeitet und herausgegeben hat. Darin heißt es: "Noch immer stehen bei der Berücksichtigung in Lehrplänen und Schulbüchern sowie im Unterricht - von Ausnahmen abgesehen - der Antisemitismus, die Verfolgungsgeschichte und der Holocaust einseitig im Vordergrund. Zwar ist fortdauerndes Erinnern an die Judenverfolgung und den Zivilisationsbruch des Holocaust im Unterricht unverzichtbar, doch eine weitgehende Reduzierung der deutsch-jüdischen Geschichte auf diese Dimension ist didaktisch falsch."

Ein zweites, ungleich schwierigeres Problem wird die Beantwortung der Frage nach unserem Verständnis der Geschichtswissenschaft, nach der Geschichtstheorie und -methodologie sein: Hier Historismus und Positivismus - da Geschichtswissenschaft als Gesellschaftswissenschaft verstanden ...

Wir stehen ohne jeden Zweifel erst am Beginn einer intensiven Beschäftigung mit diesem Fragenkomplex. Alle sind angesprochen und eingeladen, sich daran zu beteiligen.
Dirk Krüger

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