"informationen" Nr. 58, November 2003
Selbstbehauptung und Widerstand von Sinti
und Roma im Nationalsozialismus
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In der umfangreichen Literatur zum Widerstand wird der von Sinti und Roma
geleistete Widerstand kaum beachtet. Dies liegt in erster Linie an der
allgemeinen Verdrängung der Völkermordverbrechen an unserer Minderheit bis weit
in die 1980er Jahre hinein. Trotz der schwierigen Quellenlage sollen zumindest
einige Aspekte dieses Widerstandes aufgezeigt werden.1
Selbstbehauptung und Widerstand von Sinti und Roma sind zunächst einmal zu
begreifen als Reaktion auf die national-sozialistische "Rassenpolitik", welche
unserer Minderheit zunächst die bürgerlichen Rechte, schließlich das bloße
Existenzrecht absprach. Diese beabsichtigte unsere totale Vernichtung vom
Säugling bis zum Greis. Daher leiten sich auch die verschiedenen Formen des
Widerstands vom jeweils spezifischen Charakter und dem Stadium der Verfolgung
ab. Widerstand war zunächst einmal gleichbedeutend mit dem Versuch des bloßen
Überlebens. Darüber hinaus zielte er auf die Bewahrung jener Würde, die den
Sinti und Roma von selbsternannten Herrenmenschen abgesprochen worden war.
Es bedarf keiner Erklärung, dass Zeugnisse des Widerstands von Sinti und Roma in
den Täterquellen nur sehr selten, und wenn, dann meist in entstellter Form
auftauchen. Gerade bei diesem Thema ist wichtig, die Perspektive der Mörder
nicht unkritisch mit der historischen Wirklichkeit gleichzusetzen, wie dies
leider auch in neueren Publikationen allzu oft geschieht. Den Großteil unseres
heutigen Wissens verdanken wir der von Sinti und Roma mündlich überlieferten
Geschichte, den Aussagen der Überlebenden und den Erinnerungsberichten jener
Menschen, die selbst aktiv am Widerstand beteiligt waren. Gerade ihre Zeugnisse
machen bewusst, dass die Geschichte des Widerstands nicht zuletzt eine
Geschichte persönlichen Mutes vieler einzelner Menschen ist.
Proteste gegen die Entrechtung
Von Anfang an haben Sinti und Roma versucht, sich gegen ihre Entrechtung und
Ausgrenzung zur Wehr zu setzen. Manche versuchten auf offiziellem Wege Protest
gegen diskriminierende Bestimmungen einzulegen, teilweise sogar mit Hilfe von
Rechtsanwälten. Dies hatte freilich nur in den ersten Jahren des Regimes
Aussicht auf Erfolg, bis die Reste von Rechtsstaatlichkeit vollends ausgehöhlt
waren. Ein Beispiel für diesen Prozess zunehmender Entrechtung ist mein
Großvater Anton Rose, der mit seinen Söhnen in Darmstadt ein Lichtspieltheater
betrieb. Bereits im August 1934 versuchte die Gaustelle Hessen-Nassau bei der
Reichsfilmkammer seinen Ausschluss zu erwirken. Mein Großvater legte daraufhin
Beschwerde ein und erhielt zunächst Recht. Der Präsident der Reichsfilmkammer
lehnte den Ausschluss ab mit der Begründung:
"Es ist nichts dafür beigebracht, dass er sein Gewerbe nicht ordnungsgemäß
ausgeübt habe. Das einzige, was bisher zu seinem Nachteil vorgetragen worden
ist, ist, dass er wie ein Zigeuner aussehe. Ein unvorteilhaftes Äußeres eines
Volksgenossen kann nicht Veranlassung geben, ihm seinen Broterwerb zu
entziehen." 2
Der Erfolg der Beschwerde von Anton Rose war jedoch nur von kurzer Dauer.
Bereits 1937 erfolgte das endgültige Berufsverbot für das Familienunternehmen.
Verweigerung der rassistischen Erfassung
Eine wichtige Voraussetzung für die späteren Deportationen war die vollständige
Erfassung der im deutschen Reich lebenden Sinti und Roma durch die 1936 in
Berlin gegründete "Rassenhygienische Forschungsstelle". Im Auftrag Himmlers
erstellten Dr. Robert Ritter und seine Mitarbeiter auf der Basis umfangreicher
Genealogien nahezu 24.000 "Rassegutachten", die als Planungsgrundlage für den
Völkermord dienten. Trotz vielfältiger Drohungen hat es Versuche gegeben, sich
der rassistischen Erfassung zu verweigern. Ein Beispiel hierfür ist Anton
Guttenberger, der mit seiner Familie in Schorndorf lebte. Als am 2. April 1938
Dr. Adolf Würth, ein Mitarbeiter der "Rassenhygienischen Forschungsstelle", hier
eintraf, wehrte sich Anton Guttenberger entschieden gegen die vorgesehenen
Untersuchungen seiner Familie. In einer Meldung an den Schorndorfer
Bürgermeister heißt es:
"Guttenberger weigert sich, sich untersuchen zu lassen mit folgender Begründung:
‚Er und seine Familie seien keine Zigeuner, auch wenn sie Zigeuner wären, ließen
sie sich nicht rassenkundlich untersuchen, da es hierfür kein Gesetz gebe' ...
Dr. Würth erklärt, dass seine weiteren Untersuchungen in Württemberg durch die
Weigerung des Guttenberger in Frage gestellt seien, da auch andere Zigeuner in
anderen Orten sich auf das Beispiel des Guttenbergers berufen werden."
3
Die mutige Verweigerung Anton Guttenbergers konnte die Deportation letztlich
nicht verhindern. Als sogenannte "Zigeunermischlinge" klassifiziert, wurde die
Familie im Frühjahr 1943 nach Auschwitz deportiert, wo die meisten Angehörigen
ermordet wurden.
Versuche, sich nicht den "Nürnberger Gesetzen" zu unterwerfen
Einen wichtigen Einschnitt der gegen Sinti und Roma gerichteten "Rassenpolitik"
stellen die "Nürnberger Gesetze" dar. Ebenso wie jüdischen Menschen, so wurde
auch den Sinti und Roma die Heirat mit "Ariern" untersagt. Dass betroffene
Menschen versuchten, diese diskriminierenden Bestimmungen zu umgehen, zeigt das
Schicksal der Sintezza Christine Lehmann. 4 Die
junge Frau, 1920 in Duisburg geboren, lebte mit Karl Hessel, der in der Sprache
der Nazis als "Deutschblütiger" galt, zusammen. Anfang 1939 kam ihr erstes Kind
Karl-Egon zur Welt, die Heirat hatte man ihnen verboten. Ende 1941 wurde das
Paar erstmals vorgeladen. Man teilte ihnen mit, dass das "Verhältnis" nicht mehr
geduldet werde. Das Paar meldete daraufhin die gemeinsame Wohnung ab und lebte
heimlich zusammen in der Wohnung der Eltern von Karl Hessel. Im März 1942
brachte Christine Lehmann ein zweites Kind zur Welt. Erneut vorgeladen, bestritt
sie, dass Karl Hessel der Vater sei, fand aber bei den Behörden keinen Glauben.
Am 20. Januar 1943 beantragte die Kriminalpolizei Duisburg "polizeiliche
Vorbeugungshaft" gegen Christine Lehmann mit der Begründung:
"Nur so ist es möglich, die eheähnliche Gemeinschaft der benannten Personen zu
unterbinden und die Reinerhaltung des deutschen Blutes zu gewährleisten."
Bereits am 26. Januar 1943 bestätigte die Kriminalpolizeistelle Essen die
Anordnung der "polizeilichen Vorbeugungshaft"; auch ihr "deutschblütiger
Partner" sei "auf das Nachdrücklichste zu verwarnen und ihm bei erneutem Verstoß
ebenfalls polizeiliche Maßnahmen anzudrohen". Christine Lehmann tauchte kurz
darauf unter; Anfang April 1943 wurde sie entdeckt und mit dem nächsten
Transport nach Auschwitz deportiert, wo die SS sie Ende 1944 ermordete. Obwohl
die Mutter von Karl Hessel, der inzwischen zur Wehrmacht einberufen worden war,
verzweifelt versuchte, ihre Enkel vor der Vernichtung zu retten, wurden der
fünfjährige Egon und der erst zweijährige Robert im Frühjahr 1944 ebenfalls nach
Auschwitz deportiert und wenig später ermordet. Neben Christine Lehmann und Karl
Hessel sind weitere Paare bekannt, die sich nicht trennen wollten und wegen
Verstoßes gegen die "Nürnberger Gesetze" in Konzentrationslager deportiert
wurden.
Ein beeindruckendes Zeugnis gegen die Ausgrenzung stammt aus dem
österreichischen Burgenland. Nach dem sogenannten "Anschluss" waren die dort
lebenden Sinti und Roma den gleichen Verfolgungsmaßnahmen ausgesetzt wie im
"Altreich". Eine der treibenden Kräfte war der Hauptmann der
Landeshauptmannschaft des Burgenlandes und dessen erster Gauleiter Tobias
Portschy. Franz Horvath und andere Sinti und Roma aus Redelschlag, einem Ort im
Bezirk Unterbarth, verfassten am 12. Mai 1938 einen Beschwerdebrief an die
Reichsregierung. Darin heißt es:
"Viele unserer Männer waren im Weltkrieg und kämpften für das Vaterland so gut
wie andere. Doch das hat Dr. Portschy nicht beachtet ... Dr. Portschy hat gegen
uns sämtliche bürgerlichen Rechte eingestellt ... wir sind römisch-katholischer
Abstammung von jeher gewesen und so habe ich mich gezwungen gesehen, für uns
alle bei der hohen Reichsregie-rung Beschwerde zu erstatten." 5 Wenige Wochen
später wurde der "Beschwerde-führer", der 63-jährige Franz Horvath, verhaftet
und in das KZ Dachau deportiert. Den anderen Unterzeichnern des Briefes gelang
rechtzeitig die Flucht.
Proteste gegen Verhaftungen und Gesuche um Freilassung
Von den Massenverhaftungen der Jahre 1938/1939 waren neben jüdischen Menschen
auch Hunderte von Sinti und Roma betroffen; sie mussten in den
Konzentrationslagern Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen Sklavenarbeit für die
neu gegründeten Unternehmen der SS leisten. Oftmals versuchten
Familienangehörige, durch Eingaben oder persönliche Intervention die Freilassung
ihrer inhaftierten Männer zu erreichen. So sah sich das Reichskriminalpolizeiamt
veranlasst, am 30. Juni 1938 per Fernschreiben allen Leitstellen mitzuteilen:
"Es hat sich herausgestellt, daß in Folge der Festnahmen männlicher Zigeuner
deren Frauen ... sich nach Berlin begeben haben ... Ich bitte zu veranlassen,
daß der Zuzug nach Berlin unterbleibt, widri-genfalls ich mich genötigt sehe,
ebenfalls gegen diese Personen vorbeugende Maßnahmen zu ergreifen."
6
Noch im April 1942, als der sogenannte "Festsetzungsbefehl" längst in Kraft war,
verabschiedete der Chef der Sicherheitspolizei und des SD folgenden Erlass:
"In letzter Zeit häufen sich die Fälle, dass zigeunerische Personen bei den
Polizeibehörden ihres Aufenthaltsortes die Ausfertigung von Urlaubsscheinen
erwirken, um in Berlin beim Reichskriminalpolizeiamt ... und bei anderen Stellen
Gesuche persönlich zu vertreten und die Abänderung von Entscheidungen zu
erreichen." Sinti und Roma seien Reisen nach Berlin daher unter Androhung von
KZ-Haft ausnahmslos zu verbieten. 7
Manchmal wandten sich Sinti und Roma mit Briefen direkt an die Kommandanten der
Konzentrationslager oder gar an Himmler persönlich, um sich für deportierte
Familienangehörige einzusetzen. Oftmals sind diese Briefe erschütternde
Zeugnisse der Hilflosigkeit angesichts des übermächtigen Vernichtungsapparats.
So heißt es in dem Brief eines Duisburger Sinto:
"Ich bin ein blinder Mann und sie haben mir 1940 drei Töchter und zwei Söhne
nach Polen gebracht und ich weiß bis heute noch keinen Grund. Die ältere Tochter
Leopoldine hat einen Mann, der im Felde steht und zwei Kinder. Sie war im Jahr
1940 schwanger und ist in Polen fortgelaufen und hat in Duisburg das Kind
entbunden. Heute am 22. haben sie das Mädchen verhaftet, sie soll in ein
Konzentrationslager gebracht werden ... Geben sie bitte die Tochter frei."
8
Bereits im September 1939, also unmittelbar nach der Entfesslung des Zweiten
Weltkriegs, hatte eine Konferenz der SS-Führung unter Vorsitz von Heydrich
beschlossen, alle Sinti und Roma aus dem Reichsgebiet in das besetzte Polen zu
deportieren. Der Vorbereitung der geplanten Deportationen diente auch Himmlers
"Festsetzungserlass" vom Oktober 1939, als allen Sinti und Roma unter Androhung
von KZ-Haft verboten wurde, ihren Wohnort zu verlassen. Dennoch haben Sinti und
Roma immer wieder gegen diese Auflage verstoßen, etwa um kranke Verwandte an
anderen Orten zu besuchen oder an der Beerdigung verstorbener
Familienangehöriger teilzunehmen.
Flucht und Untertauchen
Flucht und Untertauchen waren die wohl häufigsten Formen des
Widerstandes von Sinti und Roma angesichts ihrer drohenden Deportation. Die
erste, ganze Familien erfassende Deportation in das neugeschaffene
"Generalgouvernement" fand im Mai 1940 statt. Einige Sinti und Roma aus
Südwestdeutschland konnten der Deportation durch die Flucht nach Frankreich
entgehen. Die in das besetzte Polen verschleppten Männer, Frauen und Kinder
wurden gezwungen, in Ghettos und Konzentrationslagern unter unmenschlichen
Bedingungen Sklavenarbeit zu leisten. Manchen gelang es zu fliehen und jahrelang
im Verborgenen zu leben. Andere versuchten, sich bis nach Deutschland
durchzuschlagen. Wurden sie entdeckt und verhaftet, zog dies unweigerlich die
Deportation in ein Konzentrationslager nach sich. Die zurückgebliebenen
Familienmitglieder versuchten häufig, Nachforschungen über deportierte
Familienangehörige anzustellen; einige folgten ihnen sogar bis ins besetzte
Polen.
In diesen Zusammenhang gehören auch die überlieferten Fälle geleisteter
Fluchthilfe und die Unterstützung durch jene Menschen, die nicht tatenlos
zusehen wollten, als man ihre Nachbarn verschleppte. So berichtet der Sohn eines
Berliner Fuhrunternehmers, dass sein Vater mit Sinti-Familien befreundet gewesen
sei und eine Sintezza in einem von ihm betriebenen Café in Wedding längere Zeit
versteckt habe. Als sie 1943 das Haus für kurze Zeit verließ, wurde sie
verhaftet und nach Auschwitz deportiert. 9 Bekannt geworden ist
die Geschichte des Sinto-Jungen "Muscha", der bei Pflegeeltern in Berlin
aufwuchs. Im November 1944 holte die Gestapo den 12jährigen ab, um ihn zur
Zwangssterilisation ins Krankenhaus zu bringen. Befreundete Sozialdemokraten
brachten den Jungen heimlich aus der Klinik und versteckten ihn in einer
Gartenlaube, wo er, fast fünf Monate untergetaucht, schließlich die Befreiung
erlebte. 10
Manche Sinti-Familien versteckten sich bei Verwandten oder Bekannten auf dem
Land, etwa auf Bauernhöfen, weil sie glaubten, dort weniger leicht entdeckt zu
werden. Außerdem war es auf dem Land leichter, untergetauchte Menschen auch über
längere Zeiträume hinweg mit Lebensmitteln zu versorgen.
Auch in den besetzten Ländern Europas sind Fälle bekannt, in denen es Sinti und
Roma gelang, über viele Monate hinweg unterzutauchen. So versteckte sich ein
16-jähriger Sinto-Junge bei einem Bauern in Nordholland und konnte so der
Deportation nach Auschwitz entkommen. Aus Kroatien berichtet der Rom Miso
Nikolic, wie sich die ganze Familie fast drei Wochen in einer Lehmgrube verbarg,
um den Massenerschießungen durch die SS zu entgehen. Die Lehmgrube befand sich
auf dem Hof seines Taufpaten, einem Nicht-Rom. Während dieser Zeit versorgte er
die Familie mit Wasser und Nahrung und gab selbst unter den Folterungen durch
die SS das Versteck nicht preis. 11
Helfer ...
Wie diese Beispiele zeigen, wäre das Überleben im Versteck nicht
möglich gewesen ohne das mutige Eintreten von Menschen, die sich weigerten, die
Augen zu verschließen vor dem, was ihren Mitbürgern widerfuhr. Dies gilt auch
für jene wenigen Beamten, die die Ausführung der Deportationsbefehle aus Berlin
bewusst verzöger-ten bzw. umgingen oder die betroffenen Sinti- und Roma-Familien
rechtzeitig warnten. In Wuppertal versteckte der Kriminalbeamte Paul Kreber eine
Sinti-Familie in seinem Haus statt sie zum Zug nach Auschwitz zu bringen. In
Heidelberg konnte der Beamte Fritz Herold die wenigen Sinti-Familien, die nach
1939 noch weiter in der Altstadt wohnten, vor der Deportation schützen. Ein
weiteres Beispiel persönlichen Mutes ist Gotthilf Fritz, der in der Nähe von
Schorndorf ein katholisches Mädchenheim leitete. Untergebracht war hier auch ein
16-jähriges Sinti-Mädchen namens Berta Georges, deren Eltern und neun
Geschwister bereits zur Vernichtung nach Auschwitz deportiert worden waren. Als
SS-Männer mehrfach versuchten, Berta Georges abzuholen, weigerte sich Gotthilf
Fritz, ein überzeugter Christ, das Mädchen auszuliefern. Im Schorndorfer Heim
konnte dank Fritz ein weiteres Sintimädchen namens Thea Reinhardt sowie ein
jüdisches Mädchen überleben. 12
Dem mutigen Eintreten Einzelner steht das offenkundige Versagen der Kirchen
gegenüber. Als die überwiegend katholischen Sinti und Roma deportiert wurden,
regte sich von Seiten der Kirche keinerlei Protest. Dass die Verschleppung von
Sinti-Kindern aus katholischen Heimen den höchsten Würdenträgern bekannt war,
belegt u.a. ein Schreiben des Hildesheimer Diözesanbischofs Machens vom 6. März
1943 an Kardinal Bertram, den Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz. Die
Bischöfe, so Machens, seien als "Schützer der Bedrängten" verpflichtet, die
Gläubigen von der schweren Missachtung der "Gottes- und Menschenrechte" zu
unterrichten, welche die Deportation der Sinti und Roma darstelle, konkret
verwies Machens auf die Verschleppung von Sinti-und Roma-Kindern aus Heimen
seiner Diözese. Sein Brief blieb indes ohne Wirkung. 13
Ein nach unserem bisherigen Wissen einmaliger Vorgang ereignete sich bei der
Deportation der Sinti und Roma aus Hamm. Am frühen Morgen des 9. März 1943
umstellten Beamte mit Maschinengewehren und Hunden das dortige Sammellager.
Durch den Lärm aufgeweckt, begannen die Nachbarn eine heftige Auseinandersetzung
mit den Beamten; es kam sogar zu einem Handgemenge. Natürlich konnten die
Nachbarn die Deportation letztlich nicht verhindern. Sie nahmen jedoch Abschied
von den weinenden Menschen und brachten so ihre Verbundenheit zum Ausdruck.
14
... und Denunzianten
Eines der Opfer einer Denunziation wurde die Karlsruher Sintezza Mathilde Kling.
Ihre Geschichte ist wie kaum eine andere eine Geschichte des Widerstandes, eines
verzweifelten Aufbegehrens gegen die übermächtige Maschinerie der Vernichtung.
15
Mathilde Kling arbeitete bei der Reichspost. Ihre Eltern und ihre Schwester
Johanna waren im Mai 1940 in das besetzte Polen deportiert worden, nachdem man
zuvor bereits ihren Vater, einen hochangesehenen Musiker, aus der
Reichsmusikkammer ausgeschlossen hatte. Eltern und Schwester versuchten zu
fliehen, wurden in Schlesien verhaftet und zurück nach Karlsruhe gebracht. Der
Vater kam in das KZ Dachau, die Mutter und die Schwester nach Ravensbrück.
Mathilde Kling versuchte mit allen Mitteln, ihre Eltern und ihre Schwester aus
dem KZ freizukämpfen. Sie nahm sich einen Anwalt und fuhr sogar nach Berlin zum
Reichssicherheitshauptamt, natürlich ohne jeden Erfolg. Bald darauf erfuhr sie
vom Tod ihrer Eltern. Auf Grund ihrer Proteste wurde sie als "Zigeunermischling"
aus dem Postdienst entlassen, fand jedoch eine neue, schlechtbezahlte Stelle als
Bürogehilfin. Um ihre kleinen Geschwister zu versorgen, half sie darüber hinaus
zwei "arischen" Frauen im Haushalt. Von einer dieser Frauen wurde sie
schließlich - offensichtlich aus Gründen der Eifersucht - bei der Gestapo
denunziert: Mathilde Kling habe sich nicht nur abwertend über Nazi-Größen
geäußert, sondern darüber hinaus damit gedroht, sich nach dem Krieg an dem
Polizisten, der die Deportation ihrer Eltern zu verantworten habe, zu rächen.
Trotz des mutigen Eintretens ihres Verteidigers verurteilte das Mannheimer
Sondergericht Mathilde Kling wegen "Heimtücke" zu einem Jahr Gefängnis. Am 27.
März 1943 wurde sie auf Drängen jenes Polizeibeamten, dem ihr Protest gegolten
hatte, in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert, wo sie ein halbes Jahr
später den unmenschlichen Lebensbedingungen erlag. Der verantwortliche Beamte in
Karlsruhe wurde für seine Beteiligung am Völkermord niemals zur Rechenschaft
gezogen.
Fluchtversuche aus Konzentrationslagern
Einen besonderen Stellenwert nehmen die Fälle ein, in denen es Sinti und Roma
gelang, aus einem der streng bewachten Konzentrationslager oder Ghettos zu
entkommen. Bezeugt ist etwa die Flucht einer Gruppe von Roma aus dem Warschauer
Ghetto im Jahr 1942, nachdem sie ihre Bewacher entwaffnen konnten. Auch aus dem
Ghetto in Karczew konnten drei Roma entfliehen, wobei sie während der Verfolgung
zwei Gestapomänner erschossen. Selbst aus dem Lagerabschnitt B II e in
Auschwitz-Birkenau, von der SS "Zigeunerlager" genannt, gab es trotz der
grausamen Strafen immer wieder aussichtslos erscheinende Fluchtversuche.
Ergriffene Häftlinge, die einen Fluchtversuch gewagt hatten, wurden vor den
Augen aller misshandelt und hingerichtet. Dennoch sind 42 flüchtige Sinti und
Roma in Auschwitz belegt; die Jüngsten waren gerade 14 und 15 Jahre alt. 35 von
ihnen wurden auf der Flucht oder nachträglich erschossen, nur von zwei
Fluchtversuchen ist gesichert, dass sie erfolgreich waren.
Ich möchte eine erfolgreiche Flucht aus dem Konzentrationslager Neckarelz -
einem Außenlager des KZ Natzweiler - schildern, die insofern eine Besonderheit
darstellt, als sie von außen sorgfältig geplant und vorbereitet wurde.
16 Es handelt sich um meinen Vater Oskar Rose und seinen
Bruder Vinzenz, die Söhne des Kinobesitzers Anton Rose, der sich bereits zu
Beginn der NS-Diktatur gegen das Berufsverbot zur Wehr gesetzt hatte. Als die
Deportationen einsetzen, kann die Familie zunächst fliehen. Nach Monaten der
Flucht durch halb Europa werden die meisten Familienangehörigen in der Nähe von
Schwerin verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Anton Rose erleidet in den
Gaskammern von Auschwitz einen qualvollen Tod. Sein Sohn Vinzenz kommt vor der
"Auflösung" des "Zigeunerlagers" auf Transport nach Natzweiler, von dort nach
Neckarelz. Seine Frau und seine kleine Tochter kommen ebenfalls in den
Gaskammern von Auschwitz ums Leben. Oskar Rose gelingt es als einem der wenigen,
der Verhaftung zu entgehen. Er kehrt zurück nach Heidelberg, wo er sich bei
Bekannten in einem Försterhaus hinter einer Schrankwand versteckt hält. Schon
zuvor hat er versucht, mit Hilfe falscher Papiere Lebensmittelmarken zu
bekommen, um deportierte Familienangehörige mit Paketen zu versorgen. Als er
erfährt, dass sein Bruder nach Neckarelz deportiert wurde und dort in einem
unterirdischen Tunnel Zwangsarbeit leisten muss, begibt sich Oskar Rose zu dem
Kommandanten des Lagers. Er gibt sich als italienischer Kriegsversehrter aus und
behauptet, er habe einem verwundeten Kameraden versprochen, persönliche Grüße an
Vinzenz Rose auszurichten. Tatsächlich gelingt es ihm, zu seinem Bruder
vorzudringen und einige Minuten mit ihm zu sprechen. Dabei verabreden sie einen
Fluchtplan. Oskar gewinnt einen polnischen Zwangsarbeiter, der mit seinem
Lastwagen Kriegsmaterial in den Stollen transportieren muss, zur Unterstützung.
Unter dem Fahrersitz versteckt, kann Vinzenz aus dem streng bewachten Lager
entkommen. In Heidelberg hat Oskar alles zur weiteren Flucht vorbereitet. Mit
Hilfe ihrer falschen Papiere gelangen die Brüder auf vielen Umwegen bis nach
Bayern; oft entgehen sie nur um Haaresbreite der Verhaftung. In einem kleinen
bayrischen Dorf können sie bis zur Befreiung durch die amerikanischen Truppen
ihre falsche Identität aufrechterhalten.
Widerständigkeit und Flucht kennzeichnen auch das Verfolgungsschicksal von Rosa
Friedrich, die 1940 als 16-Jährige in das Konzentrationslager Lackenbach im
Burgenland eingeliefert wurde. Während ihre ganze Familie deportiert und
ermordet wurde, gelang es Rosa zu fliehen und für fast 1 1/2 Jahre in München
bei ihrem Bräutigam und späteren Ehemann unterzutauchen. Nach der Geburt ihres
Sohnes wurde ihre falsche Identität entdeckt. Man deportierte Rosa Friedrich
nach Auschwitz-Birkenau, von dort nach Ravensbrück und weiter in ein
Außenkommando in Wolkenburg. Aus Sehnsucht nach ihrem Kind floh sie erneut,
wurde jedoch festgenommen und nach ihrer Rückkehr ins Lager schwer misshandelt.
Auf dem Todesmarsch nach Dachau unternahm sie einen letzten Fluchtversuch,
diesmal mit Erfolg. 17
In den besetzten Gebieten gelang es einer relativ großen Zahl von Sinti und Roma
zu fliehen und unterzutauchen. Dies gilt für die Niederlande und für das
"Protektorat Böhmen und Mähren". In Ungarn flohen viele Sinti- und Roma-Familien
nach der deutschen Besetzung im Oktober 1944 in die Wälder. Da die ungarischen
Behörden die von den Deutschen angeordnete Erfassung der Sinti und Roma bewusst
verschleppten oder gar boykottierten, erlebte ein großer Teil der ungarischen
Roma die Befreiung durch die sowjetische Armee.
Widerstand in Konzentrationslagern
Formen des Widerstandes und der Selbstbehauptung von Seiten der
Häftlingsgemeinschaft sind in der Erinnerungsliteratur überlebender Häftlinge
vielfach beschrieben worden. Dies betrifft insbesondere die vielfältigen Formen
der Solidarität und der Selbsthilfe unter den Häftlingen, und zwar ungeachtet
der tiefen Gräben innerhalb der Häftlingshierarchie, die von der SS bewusst für
ihre Zwecke ausgenutzt wurde. So berichtet etwa die Auschwitz-Überlebende Else
Baker, die als achtjähriges Kind ganz allein in das "Zigeunerlager"
Auschwitz-Birkenau deportiert wurde, dass sie nur überleben konnte, weil sich
eine Mitgefangene ihrer angenommen hatte. 18 Von weiteren
überlebenden Sinti und Roma wissen wir, wie wichtig gerade der
Familienzusammenhalt in Auschwitz-Birkenau war. Man gab einen Teil der Ration,
die ohnehin kaum zum Überleben reichte, an kranke Familienangehörige weiter, da
jeder wusste, dass Arbeitsunfähigkeit den sicheren Tod bedeutete. Als eine Form
des Widerstandes sind auch Versuche zu bewerten, inmitten von Entmenschlichung
und Fremdbestimmung ein kleines Stück von Eigenständigkeit und Identität zu
bewahren. So entstanden in Auschwitz-Birkenau Lieder in Romanes, die - heimlich
gesungen - die grauenhaften Erfahrungen zu verarbeiten versuchten.
Es gab auch Formen der Auflehnung und des offenen Protestes. Die in Ravensbrück
inhaftierte Georgette Ducasse berichtet in ihren Erinnerungen, dass die SS sie
einmal zu 25 Schlägen verurteilt habe. Sinti-Frauen, die dazu bestimmt wurden,
diese Strafe an ihr auszuführen, verweigerten sich mit der Begründung, auch sie
seien Gefangene. Eine andere Französin - Simone Saint-Clair - notierte am 23.
November 1944 in ihr Tagebuch, dass "eine Revolte im Lager" stattgefunden habe:
Sinti- und Roma-Frauen hatten sich während des Appells nicht in die Disziplin
gefügt, weil man ihre Kinder weggenommen habe; sie wurden daraufhin auf
Trans-port geschickt. 19
Der Aufstand in Auschwitz-Birkenau
Höhepunkt des Widerstands gegen die nationalsozialistische
Vernichtungspolitik war der Aufstand in Auschwitz-Birkenau am 16. Mai 1944, als
die SS erstmals versuchte, das sogenannte "Zigeunerlager" zu "liquidieren".
Willi Ernst, der selbst an der Widerstandsaktion beteiligt war, hat - wie viele
weitere Überlebende - die Vorgänge später in einem Interview geschildert:
"Unser Blockältester hat uns im Mai 1944 gewarnt, dass wir vergast werden
sollten. Daraufhin haben sich alle, so gut es irgend ging, bewaffnet. Ich selbst
besaß ein Messer, andere hatten Werkzeuge, Knüppel. Wir wollten nicht kampflos
in die Gaskammer gehen. Als die Blocksperre kam, haben wir uns verbarrikadiert.
Die SS hat offenbar bemerkt, dass wir entschlossen waren, Widerstand zu leisten
und so hat sie die ursprünglich geplante Vernichtungsaktion aufgegeben."
20
Bestätigt werden diese Aussagen u.a. von dem polnischen Auschwitz-Häftling
Tadeusz Joachimowski, einem politischen Gefangenen, der als Funktionshäftling
die Vorgänge von außen genau beobachten konnte. In seinem Bericht heißt es:
"Als der Tag der Vergasung kam, setzten sich die Zigeuner zur Wehr, indem sie
sagten, dass sie sich so ohne weiteres nicht aus den Blocks heraustreiben lassen
werden, sie werden sich wehren, und bei dieser Gelegenheit werden auch
verschiedene von den SS-Männern daran glauben müssen." 21
Die SS-Männer, so Joachimowski weiter, waren durch den unerwarteten Widerstand
so sehr schockiert, dass sie die geplante Vernichtungsaktion abbrachen. In der
Folgezeit begann die SS damit, alle "arbeitsfähigen" Sinti und Roma zu
selektieren, um sie zur "Vernichtung durch Arbeit" in die Konzentrationslager im
Reichsgebiet zu deportieren. Übrig blieben etwa 2.900 Sinti und Roma - vor allem
alte und kranke Menschen sowie Kinder, die bei der endgültigen Auflösung in der
Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 in die Gaskammern getrieben wurden. Obgleich
diesmal jeder Widerstand aus-sichtslos war, leisteten die Menschen erneut
verzweifelte Gegenwehr, wie Zeugen nach dem Krieg übereinstimmend aussagten.
Auch bei anderen Vernichtungsaktionen haben sich Sinti und Roma ihren Peinigern
widersetzt. Vom verzweifelten Widerstand im Angesicht des Todes berichtet ein
Überlebender des Vernichtungslagers Treblinka, der ein Massaker an Sinti und
Roma als Augenzeuge miterlebt hat. Er schildert, wie die SS Frauen und Kinder
von den Männern trennte, dann die Männer mit Maschinenpistolen in einer Grube
erschoss. In seiner Aussage heißt es weiter:
"In Gegenwart ihrer Mütter ergriffen die SS-Männer die Säuglinge und töteten
sie, indem sie sie mit dem Kopf gegen einen Baum schlugen. Mit Peitschen und
Stöcken prügelten sie auf die Frauen ein, die wie rasend waren von dem Anblick.
Sie warfen sich auf die Soldaten, zerrten an ihnen, um ihnen die Säuglinge zu
entreißen, die man ihnen fortgenommen hatte. Dieser Szene setzten erst die
dichten Schuss-Salven der SS und der Soldaten ein Ende." 22
Im bewaffneten Widerstand
Abschließend sei noch auf die Teilnahme von Sinti und Roma an den
Befreiungsbewegungen im besetzten Europa eingegangen. Auch hier gilt, dass unser
Wissen noch immer bruchstückhaft ist. Die wenigen Quellen, die Zeugnis ablegen
von der Beteiligung von Sinti und Roma am bewaffneten Widerstand, stammen
zumeist aus Berichten ehemaliger Widerstandskämpfer. Vor allem für Frankreich
und Südosteuropa ist die Zusammenarbeit mit Widerstandsgruppen und
Untergrundorganisationen dokumentiert. In Frankreich beteiligten sich Sinti und
Roma an der Verbreitung von antideutschen Flugblättern, der Übermittlung
geheimer Informationen sowie an der Bergung und am Transport von Waffen, die von
britischen Flugzeugen abgeworfen worden waren. Sie versteckten
Résistance-Kämpfer und versorgten sie mit Lebensmitteln. Außerdem halfen sie
abgeschossenen Piloten oder geflohenen Kriegsgefangenen nach England zu
entkommen und bauten hierfür ein regelrechtes Fluchtwegenetz auf. Zeitweilig
lebten Sinti und Roma mit bewaffneten Widerstandsgruppen in den Wäldern; viele
wurden von der Gestapo verhaftet und ermordet. Auch einige Offiziere der
französischen Widerstands-bewegung waren Angehörige der Minderheit. Sie führten
während der Landung der Alliierten in der Normandie flankierende
Partisanenangriffe auf die deutschen Besatzungstruppen durch und wurden dafür
später mit hohen Auszeichnungen geehrt.
Angesichts der systematischen Vernichtungspolitik im besetzten Serbien schlossen
sich viele Sinti und Roma der "Nationalen Befreiungsfront" unter Tito an. Allein
in der Stadt Nis waren es 250 Roma, etwa die Hälfte kam beim Kampf gegen die
deutschen Besatzer ums Leben. In den Bergregionen Montenegros gingen Sinti und
Roma, unter ihnen viele Jugendliche, zu den Partisanen oder bildeten eigene
Widerstandsgruppen. In der Region Kosovo zwangen Roma den lokalen Polizeichef,
die Vernichtungsbefehle der SS zu umgehen. Bekannt wurde auch der Widerstand
eines Rom, der als Mechaniker in einer Reparaturwerkstätte der Wehrmacht
Sabotage betrieb. Er stellte Benzinbomben für Partisanen her und sprengte später
das ganze Materiallager samt Benzin, Fahrzeugen und Munition in die Luft.
23
Auch in der Slowakei versorgten Sinti und Roma Partisanen mit Lebensmitteln und
Waffen. Slowakische Roma beteiligten sich am nationalen Aufstand gegen die
slowakische Marionettenregierung, viele wurden Opfer der deutschen
Vergeltungsmaßnahmen. Ein bekannter, nach der Befreiung hoch dekorierter
Offizier der Widerstandsbewegung war der Rom Tomas Farkas.
In Polen, wo Hunderte Roma sich den Partisanen in den Wäldern anschlossen, und
in der Sowjetunion waren Sinti und Roma ebenfalls am Widerstand gegen die
deutsche Besatzung und ihre mörderische Ausrottungspolitik beteiligt. Daneben
dienten viele Roma als reguläre Soldaten in der Roten Armee. Auch Tausende
englische Roma beteiligten sich freiwillig an der Zivilverteidigung ihres Landes
oder waren Soldaten in der britischen Armee. Viele Sinti und Roma kämpften also
in den Reihen der alliierten Truppen, die Europa unter großen Opfern von der
nationalsozialistischen Schreckensherrschaft befreiten.
Dieser Beitrag versuchte zu zeigen, dass Widerstand von Sinti und Roma in erster
Linie als Reaktion auf die nationalsozialistische Vernichtungspolitik an unserer
Minderheit zu verstehen ist. Selbst in ausweglosen Situationen haben Sinti und
Roma versucht, ihren Mördern zu trotzen. Sie gingen "nicht wie die Schafe zur
Schlachtbank", um den bekannten Buchtitel des Auschwitz-Überlebenden Hermann
Langbein zu zitieren. Uns bleibt die Aufgabe, an den Mut dieser Menschen, ihre
Hoffnung und ihre Verzweiflung, immer wieder zu erinnern, um ihr Vermächtnis zu
bewahren.
Anmerkungen:
1 Eine Ausnahme ist das Buch von
Ulrich König: Sinti und Roma unter dem Nationalsozialismus. Verfolgung und
Widerstand. Bochum 1989. Eine gekürzte Fassung dieses Aufsatzes erschien
kürzlich in: Dem Ideal der Freiheit dienen - ihrer Vorkämpfer gedenken. Festgabe
für Wolfgang Michalka. Herausgegeben vom Förderverein Erinnerungsstätte für die
Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte. Rastatt 2003
2 Privatbesitz, Kopie im Archiv des
Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma, Heidelberg.
3 Uwe Jens Wandel: Die Schorndorfer
Familie Guttenberger. In: Heimatblätter. Jahrbuch für Schorndorf und Umgebung.
Bd. 7, 1989
4 Zum Folgenden vgl.
Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, BR 1111/44.
5 DÖW 12543, vgl. auch Widerstand
und Verfolgung im Burgenland. Herausgegeben vom DÖW. 2. Aufl., Wien 1983, S. 254
f.
6 Stadtarchiv Hann. Münden C 1921
7 Stadtarchiv Greven Sta 6 B 3870
8 Hauptstaatsarchiv Düsseldorf BR
1111/104
9 Heiko Roskamp: Verfolgung und
Wider-stand. Tiergarten - ein Bezirk im Span-nungsfeld der Geschichte 1933-1945.
Berlin 1985, S. 98
10 Josef Müller: Das Kind
Muscha.Berlin 1992 (Beiträge zum Widerstand 1933-1945. Hg. Gedenkstätte
Deutscher Widerstand)
11
Miso Nikolic: "... und dann zogen wir weiter". Lebenslinien einer Roma-Familie.
Klagenfurt/Celovec 1997, S. 45-57
12
Interview mit Margarete Löffler, der Toch-ter von Gotthilf Fritz, am 8. Juli
1997
13
Akten Deutscher Bischöfe über die Lage der Kirche 1933-1945. Bd. VI
(1943-1945).Bearbeitet von Ludwig Volk. Mainz 1985, S. 39 f.
14
Mechthild Brand: "... nach Auschwitz über-führt". Verfolgung und Vernichtung von
Sinti-Familien aus Hamm (Westfalen) während des "Dritten Reiches". In: Der 50.
Jahrestag der Vernichtung der Roma im KL Auschwitz-Birkenau. Oswiecim 1994, S.
53 f.
15
Zum Folgenden: Michail Krausnick: Wo sind sie hingekommen? Der unterschlagene
Völkermord an den Sinti und Roma. Gerlin-gen 1995, S. 15-53 sowie ders.: Abfahrt
Karlsruhe 16.05.1940. Die Deportation der Karlsruher Sinti und Roma - ein
unter-schlagenes Kapitel aus der Geschichte unserer Stadt. Karlsruhe 1990, S.
37-43
16
Interview mit Vinzenz Rose am 10. Juni und am 1. Oktober 1991
17
Ludwig Eiber: "Ich wusste, es wird schlimm." Die Verfolgung der Sinti und Roma
in München 1933-1945. München 1993, S. 108
18
Else Baker: Als Kind in Auschwitz-Birkenau und Ravensbrück. In: Edgar Bamberger,
Annegret Ehmann (Hg.): Kinder und Jugendliche als Opfer des Holocaust. 2. Aufl.
Heidelberg 1997, S. 179-189
19
Beide Berichte bei Hermann Langbein: "... nicht wie Schafe zur Schlachtbank".
Widerstand in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern 1938-1945.
Frank-furt am Main 1980, S. 191
20
Interview mit Willi Ernst am 6. August 1994
21
Zitiert nach Ulrich König (wie Anm. 1) S. 130
22
Jerzy Ficowski: Wieviel Trauer und Wege - Zigeuner in Polen. Frankfurt am Main
1992, S. 69 f.
23
Karola Fings, Cordula Lissner, Frank Spa-ring: "... einziges Land, in dem
Judenfrage und Zigeunerfrage gelöst". Die Verfolgung der Roma im faschistisch
besetzten Jugos-lawien 1941-1945. Köln 1992, S. 48 f. und 63-91
Romani Rose
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