"informationen" Nr. 58, November 2003
Editorial
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"Deutsche
Menschen, wisst ihr, was durch eure Schuld und Mitschuld geschehen ist in den
Jahren des Heils 1933 bis 45? Wisst ihr, dass es Deutsche waren, die Millionen
und Millionen friedfertiger, harmloser Europäer mit Methoden umgebracht haben,
die den Teufel selbst schamrot machen würden? Kennt ihr die Bratöfen und
Gaskammern von Maidanek, den Jauchenberg verwesender Mordopfer in Buchenwald,
Bergen-Belsen und hundert anderen Höllenlagern selbst?" |
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Franz Werfel, 1945
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Nach dem Aufdecken rechtsterroristischer Kreise in München im September schrieb
der Kommentator der Frankfurter Rundschau: Der Rechtsextremismus "kommt von
innen, mitten aus Deutschland. Die Ideologie der Ungleichheit, der Hass auf das
Fremde und nicht zuletzt der Antisemitismus lassen sich in jeder zweiten Kneipe
hören. Dies ist die Gefahr, die das demokratische Deutschland bekämpfen muss."
Orientierung wird nicht nur gebraucht, sie wird auch gesucht. Zur Orientierung
gehört, die Geschichte des Nationalsozialismus zu verstehen, ihre Abläufe zu
durchschauen, zu erkennen, wie unterschiedlich Menschen sich in ihr verhalten
und sie damit beeinflusst haben. Der Zugang zur Geschichte erschließt sich am
intensivsten über Personen, über Biografien, über Menschen, die mit ihrer ganz
individuellen Geschichte einen Blick frei geben auf die Opfer, die Täter, die
Widerständigen. Die Gründung des Studienkreises war davon geprägt, dass ihre
Gründer der Verleugnung und Verdrängung der NS-Geschichte und der Reduzierung
des Widerstandes auf die Männer des 20. Juli 1944 endlich ihre Geschichte
entgegenstellen wollten. Sie taten dies, indem sie in die Schulen gingen, indem
sie ihre Erfahrungen, ihre ganz persönliche Geschichte in unzähligen Gesprächen
an Schüler weitergaben. Inzwischen sind viele von ihnen gestorben. Allein in
diesem Jahr verlor der Studienkreis mit Heinz Brüdigam, Alfred Hausser und Willy
Schmidt drei große Persönlichkeiten, die mit ihrem unermüdlichen Wirken, solange
es ihre Kräfte zuließen, bestrebt waren, jungen Generationen die Geschichte des
Nationalsozialismus und über ihre Persönlichkeit eine Kultur des Widerstehens
auch gegen gegenwärtige Tendenzen und Entwicklungen des Rechtsradikalismus und
Neofaschismus zu vermitteln.
Die Ansätze der Vermittlungsarbeit sind einem beschleunigten Veränderungsprozess
unterworfen. Biografien lassen sich fast nicht mehr durch das persönliche
Gespräch erschließen. Es müssen neue Formen der Vermittlung entwickelt werden,
um widerständige Biografien begreifbar zu machen. Dieser Aufgabe werden wir uns
in Zukunft verstärkt widmen in den "informationen", bei der Mitarbeit an dem
Internetportal "Topografie der NS-Zeit" der Stadt Frankfurt am Main zum Thema
Widerstand und in der Entwicklung von neuen Vermittlungs-konzepten in der Arbeit
mit Schülern und jungen Menschen.
Dass Persönlichkeiten, Namen, Biografien immer auch politisch und ideologisch
benutzbar sind und benutzt werden, muss immer wieder thematisiert werden. Es
brauchte Jahrzehnte, um das mutige und weitsichtige Handeln des
Hitlerattentäters Georg Elser durch die Herausgabe einer Sonderbriefmarke
erstmals öffentlich zu ehren. Im Gegensatz zum in der deutschen
Nachkriegsgeschichte als Symbol des moralisch-integren, bürgerlich-militärischen
Widerstandes hochstilisierten Attentats vom 20. Juli, das am Vorabend einer
unausweichlichen militärischen Katastrophe und des sich abzeichnenden
Zusammenbruchs des Naziregimes erfolgte, setzte der Handwerker Georg Elser 1938
in einer Zeit, als die meisten Deutschen und vor allem die Wehrmacht dem
Naziregime uneingeschränkt zujubelten, sein Leben aufs Spiel, um den Krieg zu
verhindern.
Bei der Entsorgung der DDR-Geschichte wurde im Zuge der Umbenennung von Straßen
und Plätzen in den neuen Bundesländern so mancher Widerstandsname ohne
Diskussion und Bedenken getilgt und somit dem gesellschaftlichen Gedächtnis
entzogen. Widerstandsbiografien, die den Widerstand der Sinti und Roma
nach-zeichnen, sind noch immer weitgehend unbekannt. Gleichzeitig wird das
Erinnern an die Täter häufig mit dem Argument der Wahrung der
Persönlichkeitsrechte verhindert. Der Journalist und Publizist Ernst Klee hat
sich wie kein anderer über Jahrzehnte hinweg mit großer Energie den Biografien
der Täter und ihrem Werdegang nach 1945 gewidmet. Mit seinem gerade erschienen
"Personenlexikon zum Dritten Reich" hat er ein Standardwerk geschaffen, das mit
4300 stichwortartigen Einträgen einen eindrucksvollen Überblick über die Täter
und ihre Karrieren nach 1945 gibt.
Wie wichtig und unverzichtbar die Auseinandersetzung mit dem politischen Umgang
mit Biografien ist, zeigt die schamlose Vereinnahmung des jüdischen Dichters
Franz Werfel durch den Bund der Vertriebenen und seine Stiftung "Zentrum gegen
Vertreibung". Mit der erstmaligen Verleihung des
"Franz-Werfel-Menschenrechtspreises" 2003 will die "Stiftung gegen Vertreibung"
das von ihr propagierte Zentrum gegen Vertreibung in Berlin ideologisch
untermauern und, wie Erich Später es ausdrückt, "die deutsche Tätergesellschaft
in ein nationales Kollektiv von Opfern umwidmen". Dabei dient der Vorsitzenden
des Bundes der Vertriebenen Erika Steinbach der Dichter des Romans "Die vierzig
Tage des Musa Dagh", in dem Werfel 1932/33 die Verfolgung der Armenier durch den
türkischen Staat während des ersten Weltkriegs anprangerte, als Feigenblatt für
ihre Interessen. Die Proteste der jüdischen Gemeinde Prags gegen die Benennung
des Vertriebenenpreises nach Franz Werfel wurden arrogant abgewiesen. Franz
Werfel konnte vor den Nazis in die USA fliehen. Die kleine Fabrik seiner Eltern
wurde 1939 enteignet und "arisiert". Der Großteil seiner Familie wurde in
Auschwitz, in Treblinka und in Mauthausen ermordet. Die Antwort auf seine
Vereinnahmung durch den Bund der Vertriebenen hat Franz Werfel wenige Monate vor
seinem Tod im August 1945 aus Anlass der deutschen Kapitulation im Mai 1945
selbst gegeben: "Deutsche Menschen, wisst ihr, was durch eure Schuld und
Mitschuld geschehen ist in den Jahren des Heils 1933 bis 45? Wisst ihr, dass es
Deutsche waren, die Millionen und Millionen friedfertiger, harmloser Europäer
mit Methoden umgebracht haben, die den Teufel selbst schamrot machen würden?
Kennt ihr die Bratöfen und Gaskammern von Maidanek, den Jauchenberg verwesender
Mordopfer in Buchenwald, Bergen-Belsen und hundert anderen Höllenlagern selbst?"
Heiko Lüßmann
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