"informationen" Nr. 57, Mai 2003
Das Vermächtnis des Felix Nussbaum
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Wer sich heute auf die Spurensuche nach Felix Nussbaum macht, wird schnell
fündig. Schon bei der ersten Internetrecherche empfangen ihn die PR-Seiten der
Stadt Osnabrück mit einem virtuellen Rundgang durch den 1998 eröffneten
Erweiterungsbau des Kulturgeschichtlichen Museums, das Felix-Nussbaum-Haus, in
dem die Werksammlung des deutsch-jüdischen Malers nun ihre Heimstatt gefunden
hat; er erhält Informationen über Leben und Werk Nussbaums aus dem
fächerübergreifenden Projekt "Jüdische Geschichte und Kultur" des
G.-E.-Lessing-Gymnasiums Döbeln/Sachsen und aus Dokumentationen der
Felix-Nussbaum-Schule in Walsrode zu ihrem Namengeber. Mit dem vom
Graf-Stauffenberg-Gymnasium Osnabrück erarbeiteten "alternativen Stadtführer"
kann er sich zum Ort der von den Nazis zerstörten Synagoge begeben, zur
ehemaligen Nussbaum-Villa und zu anderen Stätten jüdischen Lebens in Osnabrück.
Überlieferung
So scheint aus dem Gedächtnis getilgt zu sein, dass bis in die 70er Jahre das
Werk des am 11.12.1904 als Sohn einer angesehenen jüdischen Familie in Osnabrück
geborenen und am 31.7.1944 zusammen mit seiner Frau Felka Platek mit dem letzten
Transport aus Belgien nach Auschwitz verbrachten und dort nach Nachforschungen
der belgischen Behörden Anfang August ermordeten Künstlers Felix Nussbaum so gut
wie verschollen war.
Es war ein britischer Besatzungsoffizier, der 1945 als erster in Osnabrück
vergeblich nach Spuren Nussbaums Ausschau hielt. Seine Wiederentdeckung ging
nicht von seiner Geburtsstadt aus, sondern von seinen in Israel lebenden Erben,
vor allem von seiner Cousine Auguste Moses-Nussbaum und ihrem Mann Heinz Moses.
Nach jahrelangen Prozessen wurden ihnen über hundert Bilder aus dem Nachlass
Nussbaums von dem Brüsseler Zahnarzt Dr. Grosfils ausgehändigt, dem der Künstler
Mitte 1942, als den Juden in Belgien durch die deutschen Okkupanten jede
Lebensmöglichkeit entzogen worden war, seine Bilder zur Aufbewahrung übergeben
hatte. Grosfils war ins Zwielicht geraten, nachdem er zuerst behauptet hatte,
Nussbaum habe ihn beauftragt, den Nachlass nur ihm und seiner Frau Felka Platek
auszuhändigen, dann die deutschen Erbscheine der Erben nicht anerkannt und
schließlich, zur Herausgabe der Bilder verurteilt, hohe Lagerkosten von ihnen
verlangt hatte, "obwohl er die Bilder in seinem Keller buchstäblich hatte
verrotten lassen" (Kaster, in: Berger u.a., 1995, 21).
Die Erben überbrachten sie dem Kulturgeschichtlichen Museum in Osnabrück, wo nun
(1971), mit einer noch falschen Datierung des Todesjahrs, eine Einzelausstellung
seiner Werke eröffnet wurde, die erste nach seinem Tod und zugleich die größte,
die es je gegeben hatte.
"Unter dem verwirrenden und erschütternden Eindruck, den viele Osnabrücker in
der Ausstellung empfanden" (ebd.), kamen nach einem Aufruf der Neuen Osnabrücker
Zeitung "Wer erinnert sich an Felix Nussbaum?" endlich weit über Osnabrück
hinaus reichende Nachforschungen in Gang, weitere Einzelwerke und Werkgruppen
tauchten auf: Werke, die Felix Nussbaum und sein Vater bis 1934 in seiner
Geburtsstadt verkauft hatten; acht Bilder aus den Jahren 1942-44, die ein
belgischer Antiquitätenhändler aus Brüssel, bei dessen Vater Nussbaum sich
versteckt gehalten hatte, dem Osnabrücker Museum anbot. Zu dieser Gruppe gehört
das Selbstbildnis
mit Judenpass, um 1943, das 1980 zum Coverbild des Katalogs der
aufsehenerregenden Ausstellung "Widerstand statt Anpassung - Kunst im Widerstand
gegen den Faschismus 1933-1945" wurde und den Durchbruch zu weltweiter Beachtung
Nussbaums brachte. Von Nussbaum selbst in Belgien verkaufte Bilder kamen 1982
nach einer Ausstellung in Brüssel zum Vorschein, nahezu 20 Jahre nach dem ersten
Nachlass tauchten in einer Auktion bei Christie's erst drei Werke, zwei Jahre
später acht weitere Bilder auf, die aus
dem Besitz der im August 1943 in Amsterdam von den Deutschen verhafteten und am
8. Februar 1944 vom Sammellager Westerbork nach Auschwitz deportierten Eltern
kamen. Die acht Bilder wurden für 800.000 Mark versteigert, sie waren seit der
ersten Ausstellung 1971 ständig im Wert gestiegen, bei den Hauptwerken um
mehr als das fünfzigfache.
So viel über Nussbaum, der selbst kaum Aufzeichnungen hinterlassen hat,
inzwischen auch bekannt geworden sein mag, so sehr sperrt er sich bis heute
nicht allein kunsthistorischen Zuordnungen seines Werks, sondern auch der
Fixierung seiner Bildthemen auf sein Judentum, noch fügt er sich vordergründig
dem Benjaminschen
Postulat der "Politisierung der Kunst" als Antwort des Kommunismus auf die vom
Faschismus betriebene "Ästhetisierung der Politik"1.
Kunst und Politik
Die bereits anlässlich der Ausstellungen in Duisburg und Berlin 1988, im 50.
Gedenkjahr des Pogroms, von
Rezensenten nahezu zeitgleich mit der "Historikerdebatte" um die Historisierung
des Faschismus erhobene Forderung, Nussbaums Werk aus der Isolation der
Zeitgeschichte und des Holocaust zu lösen und es "hineinzunehmen in die
Geschichte unseres Jahrhunderts" (vgl. Kaster, in: Berger u.a. 1995, 27),
leistet seiner ästhetischen Entsorgung Vorschub, der Nussbaum sich verweigert,
wenn er in einem 1983 aufgefundenen
Konvolut von in seinem Auftrag angefertigten Fotografien seiner Bilder - es sind
die meisten der Jahre 1940-44
- im Falle ihrer Zerstörung das in ihnen festgehaltene Grauen faschistischer
Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung dokumentieren wollte.
Zu in den Ausstellungen von 1988 noch vorherrschenden Deutungen von Elementen
des Judentums in Nussbaums Bildern stellt Karl Georg Kaster auf einem
entwickelteren Stand der Nussbaumforschung fest, dass hier nicht immer "zwischen
seinem ‚mosaischen' Glauben und der jüdischen Kultur einerseits und der
rassistischen Definition des Juden durch die Nazis andererseits" unterschieden
werde (in: Berger u.a. 1995, 29). Schon in Nussbaums Berliner Zeit, in der Karl
Hofer, in den 20er Jahren der einflussreichste Lehrer der jungen
Künstlergeneration, ihn förderte und er seit 1927 mit einer durch die
Kunstkritik beachteten Ausstellung
und mehreren Ausstellungsbeteiligungen erste Erfolge hatte, die ihm 1932 auch
die Bewilligung eines Aufenthalts als Studiengast an der Deutschen Akademie
Villa Massimo in Rom und die Mitarbeit an der von Alfred Flechtheim, einem der
bedeutendsten Kunsthändler für moderne Kunst, herausgegebenen Zeitschrift "Der
Querschnitt" einbrachten, grenzte er sich eher gegen seine Rezeption als
"jüdischer" Maler ab. Auch nachdem er 1933 von Rom nicht mehr nach Deutschland
zurückgekehrt und ins belgische Exil gegangen war,
verstand er sich weniger als Jude denn als politischer Emigrant. Erst seit
Anfang der vierziger Jahre mehren sich - in den Bildern mit "Judenstern" - die
Zeichen des Judentums und des nazistischen Rassismus.
Während Nussbaum zunächst mangels eindeutiger politischer Parteinahme, die ihm
schon von seiner bürgerlichen Herkunft her ganz fremd war, als "unpolitischer
Maler" angesehen worden war, ist die Forschung sich inzwischen darüber einig,
dass er in den 30er Jahren, vermittelt auch über politische Kontakte etwa
zum Brüsseler "Sozialistischen Club", zum Bewusstsein des politischen Auftrags
seiner Kunst gelangte. Spätestens seit 1938, als er sich auf Einladung des
emigrierten Kunstkritikers Paul Westheim mit zwei Bildern an der unter dem Titel
"Freie Deutsche Kunst" gegen die Nazi-Schau "Entartete Kunst" aufgebotenen
ersten
Kollektivausstellung des "Freien Künstlerbundes" in Paris beteiligte, sind seine
Bilder akribische Zeugnisse von Kunst im Widerstand.
Das eine Bild, "Die Perlen" (Trauernde)2,
1938, ist benannt nach über Soldatengräber im düsteren Hintergrund vergossenen
perlförmigen Tränen einer Mutter mit Kind, die sich ihr zu einer Kette um den
Hals legen. Nussbaum folgt hier weniger der christlichen "Mutter und
Kind"-Ikonographie als der proletarischen, der ihr Kind
gegen den mörderischen Krieg schützenden Mutter bei Käthe Kollwitz oder der
bildagitatorischen der in Madrid 1937 unter dem faschistischen Bombenterror ihr
Kind umklammernden Mutter bei Max Lingner (vgl. Berger u.a., 254f). Demselben
Zeitraum (um 1939, d.h. nach Guernica, Madrid und - sehr wahrscheinlich der
unmittelbare Anlass - Warschau, die Geburtsstadt Felka Plateks) entstammen zwei
Fassungen der an Ludwig Meidners
Apokalyptische Landschaften der Jahre 1912/13 erinnernden Tuschzeichnung
"Bombardement": Schreckensgesichter, Betende, Tote zwischen einstürzenden
Häusern und bei Nussbaum seit Ende der zwanziger Jahre bis zu seinen letzten
Bildern wiederkehrenden Symbolen für Exil, Tod und Vernichtung - abgestorbene
Bäume, schwarze Fahnen, geborstene Säulen. In der Wiederaufnahme des Motivs der
weinenden Frau von 1941, der Zeit der Internierung Nussbaums im Lager St.
Cyprien, tritt Stacheldraht an die Stelle der
Perlenkette.
Das andere Bild, "Stilleben", (Stilleben mit vergittertem Fenster), 1938,
verweist, wie nach dem Anlass der Pariser Ausstellung zu vermuten ist, mit einer
Vase mit Pinseln und abgeknickter Mohnblume in der Ecke eines verliesartigen
Raums mit vergittertem Fenster auf das Malverbot und die Verfolgung "entarteter
Kunst" in
Deutschland.
Rebellion gegen Reaktionäres in den Künsten und in
institutionalisierter Kunst überhaupt
Aber bereits an dem lange als bloßes Spektakel des künstlerischen
Generationenkonflikts verkannten großformatigen Bild
"Der tolle Platz", 1931,
das damals immerhin den Ausschlag für die Auslobung des Stipendiums an der Villa
Massimo gab, hat Hiepe darauf aufmerksam gemacht, dass die Verbindung, die Kunst
und Politik bei Nussbaum eingehen, hier schon angelegt sein mag. Denn der
Aufstand, den die hier mit ihren abgelehnten Werken versammelten jungen Künstler
gegen die Herren Professoren proben, die, "durch ihre Bärte gegen Zugluft
geschützt, von Englein umgeben, auf kostbarem Teppich in das Akademiehaus
(wallen)" (Paul Westheim), während hinter dem Konterfei Liebermanns über dem
Dach seines halbzerfallenen Hauses neben
dem Brandenburger Tor just die von ihrer Säule gestürzte Siegesgöttin
vorüberzieht, ist, so Hiepe, "nach der Lage der Dinge weniger ein Aufstand gegen
Liebermann, seine höchst liberale Professorenschaft (Kollwitz, Meid, Hofer) und
deren Ausbildungsstil als gegen das Reaktionäre in den Künsten und in
institutionalisierter
Kunst überhaupt" (Hiepe, 24).
Dass es hier um die Existenzbedingungen moderner Kunst geht, wird nahegelegt
auch durch das zwei Jahre später entstandene Bild Zerstörung, 1933, das Zeugnis
einer gescheiterten Hoffnung ist: Auf einem menschenleeren Platz, der de
Chiricos Italienische Plätze und das in ihnen reflektierte "uralte Moment der
deutschen Italiensehnsucht"3
zitiert, steht vor einem abweisenden dunklen Gebäude mit harten Schlagschatten
ein sich umarmendes Paar. Der dem Betrachter zugewandte Mann starrt, Augen und
Mund weit aufgerissen, auf eine umgestürzte Staffelei im Vordergrund und einige
zerstörte Bilder, von denen sie umgeben ist. Eines von ihnen ist, erkennbar an
den Resten des Brandenburger Tors, "Der tolle Platz". Im Mai 1933 war es in der
Villa Massimo zu einer allem Anschein nach durch antisemitische Provokationen
ausgelösten Schlägerei mit seinem Mitstipendiaten Graf Merveldt gekommen, nach
der beide die Akademie vorzeitig verlassen mussten. "Man vertrieb mich", so
kommentierte Nussbaum 1939 in einem Interview den Vorfall, "aus dem ‚Haus der
Deutschen Rompreisträger', das nun offensichtlich auch ein Stück arischen Bodens
sein wollte" (zit. nach Berger u.a. 1990, 152).
Das Geheimnis
Für Hiepe entscheidend aber ist noch etwas anderes: Unter den jungen Künstlern
der von Nussbaum angeführten Gruppe sind neben anderen Künstlerkollegen, die,
soweit bekannt, fast alle der sogenannten "verschollenen Generation" angehören,
auch Dore und Walter Meyer-Vax zu erkennen, die wegen ihrer Nähe zur
Kommunistischen Partei "bisher weitgehend Un-Personen der Kunstgeschichte"
geblieben sind. "Die Beziehungen zwischen ihnen und Nussbaum sind viel enger als
man bisher weiß". Ein kleines und schlechtes Foto des verschollenen Gemäldes von
Walter Meyer: Geheime Botschaft, 1927, zeigt einen Innenraum, vielleicht ein
Vorstadtlokal, im Hintergrund zwei Gestalten an einem Tisch, vorn, wie mit dem
Teleobjektiv aus der Verborgenheit herausgeholt, zwei Männer. Der eine flüstert
dem anderen hinter vorgehaltener Hand etwas
ins Ohr, der andere hört, mit nach innen gekehrtem Blick, ruhig zu. "Ihr
Geheimnis hat, gewollt oder ungewollt, etwas Verschwörerisches." (Hiepe, 24f)
Das Motiv des 1939 im Brüsseler Exil entstandenen Nussbaumbildes
"Das Geheimnis"
ist, so Hiepe, "im Themenkreis moderner Kunst so ungewöhnlich, dass die Anregung
dazu durch die Erinnerung an die Bild-
Erfindung des Freundes aus dem Hoferkreis so gut wie sicher ist." Den
Vordergrund bildet eine in einer Drei-ecksfigur komponierte Personengruppe:
links Nussbaum selber im Profil, einen Teil seines Gesichtes mit eng
vorgehaltener Hand verdeckend, mit Baskenmütze und wie in anderen seiner
Künstler-Selbstbildnisse über die rechte Schulter geworfenem weißen Tuch, rechts
neben ihm ein in der Gestik des "Blauäugigen" mit zur Ohrmuschel geformter Hand
horchender junger Mann, hinter den beiden (als wesentliche Neuerung gegenüber
der Meyer-Vaxschen Flüsterszene) eine zwischen ihnen aufragende nackte Frau mit
grünem Tuch, die mit dem Zeigefinger vorm Mund Schweigen gebietet. Den
Hintergrund markieren links der Durchgang zu einem in unendlicher
Gegenspiegelung sich verschließenden leeren Raum, rechts das aus vielen
Selbstbildnissen und Stilleben als letztes Relikt verlorener häuslicher
Geborgenheit vertraute Küchenhandtuch.
Die bisherigen psychologisierenden (die gespaltene "Identität" des Künstlers)
oder metaphysischen Deutungen (das von der Muse behütete Geheimnis der Kunst
schlechthin) scheinen "anzunehmen, dass sich der Lauschende hinter dem
Flüsternden befindet, aber das Gegenteil ist der Fall": Tatsächlich ist der
Lauschende
dem Flüsternden raumperspektivisch vorgelagert, so dass er eher "wie auf ein
fernes, beunruhigendes Geräusch" nach außen hört und die geflüsterte Botschaft
hinter ihm ins Leere geht. Erst die Wahrnehmung
dieser räumlichen Komposition des Bildes eröffnet sein Verständnis im Kontext
vorangehender Selbstbildnisse:
Die Selbstdarstellung mit vor den Mund gelegter Hand (Selbstbildnis im Atelier,
um 1938) - für Hiepe eines der eindrucksvollsten Werke des Künstlers überhaupt
und wichtiges Glied in der "großartige(n) Reihe der Selbstdarstellungen
deutscher Künstler in Emigration und Widerstand" - geht eindeutig "über den
tradierten
Gestus des Grübelns hinaus". Der Maler, hinter ihm die zugeschnürte Bildermappe
unter einer leeren Leinwand an die Wand gelehnt, "hält sich förmlich den Mund
zu, als dürfe oder könne er nicht sagen, was er wolle" (ebd., 26ff). Im Zentrum
des Bildes Mummenschanz, um 1939, steht genau dieses Selbstbildnis; es ist die
äußerste Konsequenz der den Kopf mit Schleier und Blume oder Zylinder
bedeckenden, der grimassierenden, maskierten, mit Papierschiffchen behelmten und
einem Schalltrichter ins Leere rufenden Selbstbildnisse der dreißiger Jahre,4
die hier zur Maskerade misslungener Tarnung versammelt sind.
In "Das Geheimnis" ist "die Gestik der vor den Mund gehaltenen Hand etwas
gelockert. Nussbaum scheint tatsächlich etwas mitzuteilen." Gleichzeitig
bedeutet sie weiter "Mund halten!", Schweigenmüssen. So wird "die intensive
Mitteilung beim Flüstern" in dem Bild von Walter Meyer-Vax zur gestörten, zur
"verhinderten Kommunikation; der Künstler kann sich nicht mitteilen", und
angesichts der gebieterischen Muse soll er es vielleicht auch nicht (ebd., 28).
Nussbaums Geheimnis wäre dann das esoterische des Künstler-Selbstbildnisses
unter den Bedingungen der Verfolgung, ein von ganz anderen als metaphysischen
Kräften, nämlich denen der faschistischen Kunstdoktrin bedrohtes Geheimnis, das
es für die Überlebenden zu retten gilt.
Politisierung der Kunst heißt daher für Nussbaum von Anfang an nie, dass die
künstlerische Produktion von außen an sie herangetragenen Imperativen des
politischen Kampfes zu folgen habe, sondern umgekehrt, dass Widerstand unter den
Produktionsbedingungen der vom herrschenden Kunstbetrieb ausgeschlossenen und
erst recht der exilierten und zunehmend isolierten Kunst mit den ihr eigenen und
an ihr selbst erprobten Mitteln zu artikulieren sei.
So werden bei Nussbaum, anders als etwa bei Karl Schwesig, Clément Moreau oder
Heinrich Vogeler, nie die Fratzen der Täter ins Bild gerückt. Denn kein Bild von
ihnen reichte an das Grauen heran, das im Blick seiner Selbstporträts sich
widerspiegelt und dem der Betrachter sich auszusetzen gezwungen ist. Es sind
immer die Spuren, die sie im Antlitz der ihnen Preisgegebenen wie in den sie
umgebenden Dingen hinterlassen.
Die Lesbarkeit der Bilder
Überhaupt kann man, so Kaster, Nussbaums Werk "eine gemalte Theorie
des Blickes" nennen. "Das Problem des Sehens, des Blickes und des
Erblicktwerdens" (Franz-Joachim Verspohl, zit. nach Kaster, ebd.) wird ihm zum
"Hauptproblem seiner Malerei", der Gegenwehr "gegen das ihm von den Nazis
aufgezwungene Bild des Opfers". Dies erklärt, "warum Nussbaum, der nie nach der
Natur, sondern immer aus seiner Phantasie arbeitete", in seinem Werk nicht die
äußere Welt darstellt, sondern die in einer "besessenen Introspektion" in sie
hineinprojizierten "seismographischen Reaktionen" (Kaster 1994, 10) auf seine
immer wieder nach neuen Orientierungen verlangenden Lebenssituationen im Exil:
Warten und zunehmende Verunsicherung bei ständigem Wohnungswechsel in Ostende
und Brüssel, die Ängste im Internierungslager, auf der Flucht zurück nach
Brüssel und in den Verstecken des Lebens im Untergrund.
Damit tut die Kunstgeschichte sich schwer. Die Missverständnisse beginnen mit
den Bildtiteln, die überwiegend von den Bearbeitern des Werkverzeichnisses
stammen und im Gegensatz zu Nussbaums eigenen Titeln, "die meist bewusst lapidar
ein charakteristisches Element des Bildes nennen" (Kaster, in: Berger u.a. 1995,
27),
die Bilder aus dem bis heute und wohl auch auf Dauer lückenhaften Wissen über
Nussbaums Leben und Werk "deuten" wollen. Daraus resultieren problematische
Anwendungen der Periodisierung seiner Biografie auf die Ordnung seiner Werke wie
auf deren Deutungsmuster, die ihrerseits falsche Datierungen zur Folge haben. So
wurde das um 1928 entstandene Werk "Die trostlose Straße" zunächst auf 1939
datiert, das Jahr, in dem die hier aus dunklen Fensterhöhlen ragenden schwarzen
Fahnen, traditionelle Symbole für Pest und Tod, zum ersten Mal in
"Bombardement"
wiederauftauchen. Die Deutung desWerks wird nicht plausibler, wenn Kaster
diesen Irrtum dem Unverständnis gegenüber der in Nussbaums frühen Bildern von
"geborgten Bildsprachen" überlagerten "Konstante seiner tief depressiven
Persönlichkeit" zuschreibt (ebd. 29); als ob "Die
trostlose Straße" nicht auch -
wie zeitgenössische Stadtvisionen bei Meidner und Grosz oder die
magisch-realistischen
Obsessionen Radziwillscher Landschaftsbilder - die frühe Vorahnung kommender
Katastrophen sein könnte.
Hinzu kommt, dass Nussbaum, um seinen selbst gesetzten Auftrag zu erfüllen, sich
nicht mehr auf tradierte Ikonografien verlassen konnte. Um den Preis der
Authentizität seiner Kunst musste er eigene erfinden, in denen er disparateste
Bildstereotype der künstlerischen Avantgarde nach den Regeln seiner eigenen
Bildsprache zusammenfügt: im von ihm selbst nicht weiter bezeichneten
Stilleben
mit Maske, Handschuh und Fußball, um 1940, eine Maske mit aus der Höhle
tretendem Auge, der ein Handschuh, bei de Chirico (in Gesang der Liebe, 1914)
Zeichen der Entrücktheit, bei Nussbaum hier wie in anderen Bildern Symbol des
Arbeitsverbots im Asyl, den Mund zuhält, daneben ein Wecker mit auf 10 stehendem
Zeiger - am 10. Mai überschritten die Nazis die Westfront - und ein Fußball -
eine Heartfield-Montage von 1919 heißt "Jedermann sein eigener Fußball", Treten
und Getretenwerden, das Betriebsgeheimnis des Karrieristen, das für Nussbaum
allenfalls letzteres vorsieht; in Tombola, um 1940, eine wie auf der Flucht
mit rückwärts gewandtem Kopf nach vorn ausschreitende Gliederpuppe -
Gliederpuppen sind ein bei de Chirico, Grosz, Schlichter u.a. geläufiges Mittel
der Verfremdung - neben einer halbgeleerten Flasche, Pappdeckeln, weiteren
Utensilien und der Abendzeitung "Le Soir", hier wie
in anderen Nussbaumbildern Zeichen für die neueste Schreckensnachricht, mit der
Schlagzeile "TOMBOLA".
Seit den Stilleben der Jahre 1939/40 - eines trägt den Titel
"La nature morte de
Felix Nussbaum" -, spätestens aber seit seinen "Lagerbildern" von 1942 scheint
es Nussbaum immer wichtiger zu werden, dass die dokumentarische Aussage seiner
Bilder für den Betrachter lesbar ist. Seither bedient er sich auch vermehrt
klassischer Sprachformen, in seinen Ausblicken auf archaische Ruinenfelder wie
in den Renaissance-kompositionen ziseliert gezeichneter Handhaltungen der Figuren
seiner späten Gruppenbilder.
Die Codes der Nussbaumschen Symbol-und Zeichensprache zu entschlüsseln wäre
daher nicht allein der Kunstgeschichte zu überlassen, die nur die ursprüngliche
Bedeutung zu enträtseln hat, die das jeweilige Werk am Tage seiner Vollendung
für den Künstler hatte. Es wäre vor allem auch Aufgabe einer Wirkungsgeschichte
von Kunst, der Geschichte dessen, was mit dem Werk unabhängig von seinem
Schöpfer, der ja mit Beginn dieser Geschichte keine Macht über es mehr hat,
geschieht oder nicht geschieht - in den Kontroversen
seiner Rezeption und des Gebrauchs, der in unterschiedlichen und
ungleichzeitigen sozialen Kontexten von ihm gemacht wird, in den Debatten, die
es entzündet, und mit denen es "seinen Platz im Feld des ideologischen
Klassenkampfes"5
einnimmt.
Kunst als Waffe - oder: Der Orgelmann spielt nicht mehr
Der Einsatz der Kunst als Waffe des Widerstands beginnt Mitte 1943
mit zwei Selbstbildnissen, in denen Nussbaums Bildsprache zu letzter
Apodiktizität gelangt.
Im Selbstbildnis an der Staffelei, August 1943, hat er die Maske an den Nagel
gehängt, er kämpft jetzt ohne Visier. Er stellt sich mit kühl distanziertem
Blick und nacktem Oberkörper dem Betrachter, ohne diesem die Sicht auf die
aufgespannte Leinwand freizugeben, die Pfeife gelassen im Mund, das Malertuch
wie eine Epaulette über die Schulter gelegt, die Palette wie einen Schild, von
jeher das Symbol des Kriegers, zwischen sich und den Be trachter haltend. Mit
den Etiketten geöffneter Farbflaschen erteilt er ihm die Lektion, nach der seine
Farbenlehre zu lesen ist: Grün mit einem Totenkopf über gekreuzten Knochen als
Tod, Blau mit "NOSTALGIE" als Sehnsucht, Braun mit "Souffrance" als Leid. Die
Sehnsucht tritt hier endgültig in den blaugetönten Hintergrund zurück, die nun
folgenden Bilder sind in tiefes Grün und Braun getaucht.
Auch das Selbstbildnis mit Judenpass, nach August 1943, es ist sein letztes, ist
ein Akt des Widerstands. Gegen das die wahre Aussage des Bildes abwehrende
Missverständnis des Judensterns und Judenpasses als Mitleid heischende
"Kainsmale"6 des
Gezeichneten versetzt dieser den Betrachter in die Position des Kains, der
seinen Bruder nicht stigmatisiert, sondern getötet hat. In eine ausweglose
Mauerecke in schlierigem Grün getrieben, jenseits derer ein schwacher
Lichtschein auf das Fenster seines letzten Verstecks in der Rue Archimède 22
fällt und ein fast abgestorbener Baum Knospen treibt, weist Nussbaum dem
Betrachter den Judenstern vor, den er tatsächlich nie getragen hat, und seinen
Judenpass, dessen Passbild verändert ist: Es zeigt wie er selbst einen Hut, der
nach der Jüdischen Enzyklopädie "Zeichen der Würde des freien Mannes" ist. So
wird auch hier sein Blick zu dem des mitleidlosen Anklägers, der sich gegen das
ihm bis heute zugewiesene Bild des Opfers wehrt.
Noch vor den Selbstbildnissen, im Juni 1943, hatte Nussbaum das erste seiner
letzten großformatigen Bilder abgeschlossen, er nennt es "Orgelmann". Ihm folgen
zwei auf den Tag genau datierte weitere, Die Verdammten, 1943/5.1.1944, und
Triumph des Todes (Die Gerippe spielen zum Tanz), 18. April 1944, erkennbar an
einem abgerissenen Kalenderblatt. In ihnen verwandeln sich seine Topogra. en von
Verfolgung, Flucht und Vertreibung in allegorische Stationen der Vernichtung,
die exakt inventarisierte Schauplätze der Todesgewissheit, letzte Schutzwälle
einreißender genozidaler Raserei und, am Ende, der Trümmer einer einzigen
Katastrophe sind.
Im ersten dieser Bilder kehrt die "Die trostlose Straße" wieder, hier wie dort
in Zentralperspektive, hier freilich nicht mehr anonym, sondern lokalisiert in
der im Unendlichen sich verlierenden Rue Archimède. Die aus verlassenen Häusern
stakenden schwarzen Fahnen sind jetzt vom "Sturm über Europa"7
zerfetzte Embleme der Schädelstätte des Massenmords. Der den Vordergrund
einnehmende Orgelmann - hier wie in den "Leierkastenmann"-Bildern der dreißiger
Jahre für Nussbaum Symbol der Melancholie seines Künstlertums wie der
Heimatlosigkeit des fahrenden Volkes - spielt nicht mehr. Er hat die Arme auf
den Leierkasten gestützt, dessen Pfeifen Gebeine sind. Röntgenuntersuchungen des
Bildes haben ergeben, dass die Zinnpfeifen der
ursprünglichen Fassung des 1942 begonnenen Werks ersetzt wurden und die Umgebung
der Kraterlandschaft (in Bombardement) von 1939 glich. In der Endfassung bricht
ein anklagend erhobener Skelettarm aus dem Straßenpflaster hervor, in die
Mauerecke am rechten Bildrand ist eine berstende dorische Säule eingefügt,
die kalkig gefleckte Wand trägt blutrote Spuren des Geschehenen.
In Die Verdammten ist die Rue Archimède in die rechte Bildhälfte gerückt,
sie wird überquert von aus dem rechten Rand ins Bild stapfenden Sargträgern:
Schwarzgekleidete Skelette, die im "Tanz an der Mauer"(?)8,
1930, noch mit Zylinder und in der Revueformation der "Tiller-Girls" antraten,
sind jetzt gebeugt unter der
Last offener Särge, auf denen die Zahlen 25367 und 25368 verzeichnet sind. Was
Nussbaum nicht wissen konnte: Nach amtlichen Ermittlungen über die Zahl der aus
Belgien deportierten Juden (über 25.000) entsprechen sie fast genau den
Exekutionsmeldungen der Okkupanten an das Berliner Oberkommando des Völkermords.
Aus dem linken Bildrand taumeln die, wie wenige Monate später Nussbaum selbst,
aus ihren Verstecken herausgetriebenen Todgeweihten in den Vordergrund,
allegorische Figuren, unter denen Leidensgefährten Nussbaums der letzten Jahre
zu identifizieren sind. Eine der Zentralfiguren ist an ihrer Haltung als der
Orgelmann erkennbar. Nussbaum reiht sich ein mit seinem Zitat aus
Selbstbildnis
mit Judenpass, jetzt
wie die anderen ohne Judenstern, zugleich durch die grüne Baskenmütze, die er
jetzt trägt, und den wachsamen Blick des Chronisten deutlich von ihnen
abgesetzt. Insgesamt sind es zwölf Figuren, sie stehen
für die zwölf Stämme Israels.
In seinem letzten Werk, dem Triumph des Todes (Die Gerippe spielen zum
Tanz), 1944, stößt Nussbaum an die Grenzen der mimetischen Kunst, an der er bis
zuletzt festhielt: ihr Versagen vor der Abbildung des Undarstellbaren. Die in
den Codes seiner Bilder verschlüsselten Zeugnisse abendländischer Kultur haben
ihr letztes Rendezvous im Schutt ihres Untergangs. Auf dem Trümmerberg spielen
die Gerippe zum Tanz. Nussbaum greift hier das klassische Totentanzmotiv auf,
das von Holbein bis zu Masereels furiosem Danse Macabre von 1941 fester
Bestandteil allegorischer Darstellungen niedergehender Epochen ist. Seine in der
Physiognomie des Orgelmanns noch erkennbaren Gesichtszüge verschwinden im sich
abzeichnenden Totenschädel. Einer der Klarinettisten, er trägt Ballettschuhe,
schwingt das nackte Bein im Paradeschritt,
der Trommler schlägt das Fell mit Gebeinen, der Violinist, die Knochenhand auf
geborstenen Saiten, findet sein Podest auf Säulenstümpfen. Das Signal gibt der
Kornettbläser, der mit zerfetzter Soutane aus dem Portal einer Ruine auf die
Bühne tritt.
Nichts in der Geschichte eines emphatischen Begriffs von Kultur gibt es, was
gegen die faschistische Barbarei Bestand hätte. Wer sich dieser Botschaft von
Nussbaums letztem Bild nicht verschließen will, sollte über Adornos Diktum, es
gebe kein Gedicht nach Auschwitz, nicht schwadronieren, sondern es ernst nehmen.
Denn
nur das Gedicht steht hier zur Rede, das so täte, als sei Auschwitz nicht
geschehen.
"Museum ohne Ausgang"
Nach der ersten großen Nussbaum-Retrospektive 1990 im Kulturgeschichtlichen
Museum wurden die Raumprobleme einer Dauerausstellung der inzwischen auf mehr
als 160 Werke angewachsenen Nussbaum-Sammlung immer dringlicher. 1994 konnte
durch den Verkauf der Sammlung an die Niedersächsische Sparkassenstiftung, die
die Bilder dem Museum als Dauerleihgaben überließ, die . nanzielle Basis für den
Bau des "Felix-Nussbaum-Hauses" geschaffen werden. Noch im selben Jahr wurde ein
Wettbewerb ausgeschrieben.
Wie kein anderer der insgesamt 296 Wettbewerbsteilnehmer wusste der
US-amerikanisch-jüdische Architekt Daniel Libeskind, dass die Nachwelt sich
Nussbaums nicht ein zweites Mal entledigen kann, diesmal durch museale
(Er-)Hängung, so gut sie in der Zu- und Anordnung seiner Bilder gemeint sein
mag. Denn eine wie
immer geartete "Neutralität" des Orts könnte weniger die Wirkung seiner Bilder
befördern als bestenfalls die Abwehr der schonungslosen Konfrontation mit ihnen
begünstigen und schlimmstenfalls sie zum "Kulturgut" verkommen und im Grau in
Grau narrativer Kunstgeschichte verschwinden lassen.
Eine Würdigung Nussbaums muss vielmehr Vorkehrungen treffen, dass es nichts
gibt, was die Irritation, die Verstörtheit und das Entsetzen, die von seinen
Werken ausgehen, mindern könnte. Erst dann teilen sie sich dem Betrachter mit im
"Chok", in dem "ein unwiederbringliches Bild der Vergangenheit (aufblitzt), das
mit jeder Gegenwart zu verschwinden droht, die sich nicht als in ihm gemeint
erkannte."9 Libeskind
ist, wie er in vielen seiner Interviews hervorhebt und wie es sich bei einem so
genannten Stararchitekten, zu dem er lange vor seiner Beteiligung am
Wiederaufbau des World Trade Centers geworden ist, nicht gerade von selbst
versteht,
ein aufmerksamer Benjamin-Leser, der um das weiß, was Benjamin an Bildern, auch
architektonischen, "Aura" und deren Zerstörung genannt hat oder "mit Jetztzeit
geladene Vergangenheit".
Er will daher mit seinem Bau, dem ersten seiner Projekte, das realisiert wurde,
"para-architektonische" Verbindungen organisieren, "Texte und Erfahrungen, die
von den Besuchern interpretiert werden müssen". Das Felix-Nussbaum-Haus ist nach
seiner eigenen Bezeichnung ein "Museum ohne Ausgang": Der Besucher betritt (und
verlässt) es durch die Eingangstür zum fensterlosen "Nussbaumgang", der zunächst
"Gang der ungemalten
Bilder" heißen sollte und nur über den - eine bei den Ausgrabungsarbeiten zu
Tage geförderte Brücke der ehemaligen Stadtbefestigung überquerenden -
"Nussbaum-Steg" erreichbar ist. Er verläuft diagonal zum massiven Altbau aus der
Gründerzeit, seine Spitze zeigt wie ein Mahnmal auf die Villa Schlikker, die
ehemalige Residenz des Textilfabrikanten Schlikker, die dessen Sohn und
Alleinerbe 1933 "unter äußerst dubiosen Umständen" (Rodiek, 9f) den Nazis zur
Nutzung als Parteizentrale übereignet hat. Kaum ist die schwere Metalltür hinter
dem Eintretenden zugefallen, wird er in den rechts abzweigenden Haupttrakt
geleitet, der in
die Richtung des Orts der in der Pogromnacht zerstörten Synagoge weist. Über das
wie ein Keil in den Innenraum getriebene Treppenhaus gelangt er in einem
Zwischengeschoss zur "Nussbaum-Brücke", die - den Nussbaum-Gang durchquerend -
das neue Haus mit dem alten verbindet, dessen Haupteingang seit der Eröffnung
des neuen verschlossen ist. Der Besucher betritt es in der Abteilung
Stadtgeschichte. Diese beginnt hier mit der Periode des Faschismus, dem Felix
Nussbaum bis in seinen letzten Schlupfwinkel in der Rue Archimède 22 nicht
entkommen ist.
Eine Symbiose von Architektur und Malerei
Libeskind lässt sich nach seinen eigenen Worten nicht gern in die Schublade des
"Dekonstruktivismus" schieben, das Label, mit dem die Kunst- und
Architekturkritiker ihre Übereinkunft über sein Werk gefunden haben. Er selber
versteht sich, wie seine Vorbilder Tatlin, El Lissitzky und andere Pioniere der
frühen sowjetischen Architektur, als Konstruktivist (vgl. Rodiek, 32ff).
Denn er gibt nicht allein den im Nichts endenden Fluchtlinien, den abschüssigen
Ebenen und den versperrten Horizonten, die uns aus Nussbaums Bildern
entgegentreten, eine architektonische Gestalt. Vielmehr tritt die Realität der
Bilder erst dadurch in Erscheinung, dass er sie in den raum-zeitlichen
Konstellationen ihrer Entstehungs- und Wirkungsgeschichte konstruiert: in den
Verstecken, in denen sie geschaffen wurden oder ihr Schaffensprozess abbrach wie
in den Grüften (Libeskind nennt sie mit dem jüdischen Begriff für Räume der von
Abwesenden erfüllten Leere "Voids"), in denen sie verschwanden oder ausgegraben
wurden - an den Schnittpunkten der "para-architektonischen" Verbindungen, die
sich über Jahrzehnte hinweg um sie zusammenzogen. Was Libeskind von Nussbaum
übernimmt, sind weniger die Inhalte seiner Bilder als ihr Verfahren: Er tut das,
was Nussbaum tut, wenn dieser die Realität von Exil und Verfolgung nicht bloß
nachzeichnet, sondern in den raum-zeitlichen Konstellationen der Zerstörung
seiner Arbeits- und Lebensbedingungen konstruiert.
Und dies ist deren gebaute Textur, die der Besucher in der Verarbeitung des
Choks, der ihn erwartet, "interpretieren" muss: die asymmetrische Gliederung der
Räume; spitze Winkel und die von ihnen geöffneten
Spalten, die den Besucher in sich hineinzusaugen und, beim Blick zurück, hinter
ihm sich zu verschließen scheinen; durch Metallgitter gerasterte Böden, unter
denen der Abgrund sich auftut; stürzende Fensteröffnungen, aus denen
scharfkantige Lichtstrahlen sich in das Halbdunkel des Innenraums
hineinschneiden; verbarrikadierte Ausgänge, die jede Hoffnung auf ein Entkommen
zunichte machen. Und
inmitten dieser Ausweglosigkeit, als Wegweiser, die Bilder. Sie folgen
gleichwohl einem unerbittlichen Regelwerk: dem des Terrors, der es zu seiner
staatlichen Organisation gebracht hat.
Wer auf das Wagnis, das Felix-Nussbaum- Haus zu betreten, sich einlässt, davor
sei abschließend gewarnt, kommt nicht unverändert wieder heraus. So soll es
sein, für Felix Nussbaum, für Daniel Libeskind und nicht zuletzt für die Stadt
Osnabrück, die nach jahrzehntelangem Gedächtnisverlust den Wettbewerb für die
Erweiterung ihres Kulturgeschichtlichen Museums ausgeschrieben und sich für die
"Räume gegen das Vergessen" entschieden hat.
Literatur
- Kulturgeschichtliches Museum Osnabrück (Hg.): Felix Nussbaum 1904-1943 (sic!).
Gemälde aus dem Nachlass, Ausstellung in der Dominikanerkirche 19.2.-4.4.1971,
Einführung von Manfred Meinz, Osnabrück 1971
- Peter Junk/Wendelin Zimmer: Felix Nussbaum. Leben und Werk. Unter Mitarbeit
von Manfred Meinz, Köln und Bramsche 1982
- Arbeitsgruppe Richard Hiepe, Karl-Ludwig Hoffmann, Heidrun Schröder-Kehler,
Michael Schwarz: Widerstand statt Anpassung. Deutsche Kunst im Widerstand gegen
den Faschismus 1933-1945, Berlin 1980
- Richard Hiepe, Geheime Nachricht. Felix Nussbaum, Dore und Walter Meyer-Vax,
in: tendenzen Nr. 153 (Januar-März 1986)
- Karl Georg Kaster: Felix Nussbaum (1904 Osnabrück - 1944 Auschwitz). Eine
biographische und ikonographische Deutung seines Werks, Köln 1989, 2.
verbesserte und erweiterte Auflage 1994
- Eva Berger, Inge Frankmöller, Peter Junk, Karl Georg Kaster, Manfred Meinz,
Wendelin Zimmer: Felix Nussbaum. Verfemte Kunst - Exilkunst - Widerstandskunst,
Bramsche 1990, 3. völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage 1995
- Thorsten Rodiek: Museum ohne Ausgang. Das Felix-Nussbaum-Haus des
Kulturgeschichtlichen Museum Osnabrück, Tübingen/Berlin 1998
-Stadt Osnabrück, Presse- und Informationsamt (Hg.): Räume gegen das Vergessen,
Bonn 1998
- Vernissage. Die Zeitschrift zur Ausstellung Nr. 16/1999: FELIX NUSSBAUM. DIE
SAMMLUNG. Felix-Nussbaum-Haus Osnabrück mit der Sammlung der Niedersächsischen
Sparkassenstiftung
Anmerkungen:
1 Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter
seiner technischen Reproduzierbarkeit,
Frankfurt /M. 1963, S. 51
2 Soweit Nussbaums eigene Bildbezeichnungen bisher
bekannt sind, werden sie wie bei Berger u.a. 1990 und 1995 in Anführungszeichen
gesetzt.
3 Wieland Schmied, De Chirico und sein Schatten.
Metaphysische und surrealistische Tendenzen in der Kunst des 20. Jahrhunderts,
München 1989, S. 22f
4 Vgl. insbesondere Selbstbildnis als Grimasse,
1936, und Selbstbildnis mit Maske und Schalltrichter, um 1936.
5 Zur Wirkungsgeschichte von Kunst vgl. Nicos
Hadjinicolaou, Die Freiheit führt das Volk von Eugène Delacroix. Sinn und
Gegensinn, Dresden 1991, hier: S. 139
6 So werden Judenstern und Judenpass seit einer
Besprechung des Bildes in "Die Zeit" 1980 immer wieder bezeichnet (vgl. Kaster
1994, 57)
7 Titel der Nussbaum-Ausstellung im Jüdischen
Museum Frankfurt 1998.
8 Es wird vermutet, dass es sich hier um das Bild
handelt, das auf der Ausstellung von 1930 unter diesem Titel gezeigt wurde.
9 Walter Benjamin, Geschichtsphilosophische Thesen,
in: Illuminationen. Ausgewählte Schriften, Frankfurt/M. 1961, S. 268ff., hier:
S. 270
Reinhard Schweicher
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