"informationen" Nr. 57, Mai 2003
Editorial
<<Zurück
|
|
"Wir wollen
zeigen und anschaulich machen: es sind nicht einzelne Personen, die aus
irgendwelchen Gründen (aus Deutschland) vertrieben wurden.
Opfer des Nazi-Fanatismus ist vielmehr die komplexe Kultur - die wahre deutsche
Kultur, die immer ein schöpferischer Teil der europäischen Kultur und der
Welt-Kultur war."
|
|
So schreiben es Erika und Klaus Mann im
Vorwort zu ihrer Darstellung deutscher
Kultur im Exil, die bereits 1939 unter dem
Titel "Escape to Life" in den USA erschien.
Dieses Buch, das einen einzig artigen,
außerordentlich umfassenden und einfühlsamen
Überblick über die bis Ende 1938
ins Exil getriebenen deutschsprachigen
Künstler aus allen Kulturbereichen, Maler,
Musiker, Schauspieler, Schriftsteller, Philosophen,
Wissenschaftler ermöglichte,
erschien im Übrigen erstmals 1996 in
deutscher Sprache.
Die deutsche Nachkriegsgesellschaft vor
allem in Westdeutschland tat sich schwer
mit der Wiederaufnahme der exilierten
Künstler, besonders dann, wenn sie auch
nach 1945 klar und deutlich auf die Verstrickung
großer Teile der Bevölkerung
und eines Teiles ihrer Kolleginnen und Kollegen
in die Verbrechen der nationalsozialistischen
Barbarei aufmerksam machten.
Erinnert sei an Marlene Dietrich, die als
"Vaterlandsverräterin" beschimpft wurde
und um deren Ehrung durch ihre Geburtsstadt
Berlin noch bis vor kurzem gekämpft
werden musste. Ähnliches widerfuhr bis
heute noch dem Kabarettisten und Chansonnier
Georg Kreissler in Österreich.
Und so lässt sich wohl auch das so späte
Erscheinen des Buches von Erika und
Klaus Mann in Deutschland erklären, galt
doch gerade Klaus Mann lange Zeit als
"Nestbeschmutzer", der mit seinem bereits
im Exil entstandenen Roman "Mephisto"
den karrieristischen Opportunismus deutscher
Künstler in der Person des Hendrik
Höfgen so treffend zeichnete, dass die
Nachfahren von Gustav Gründgens sich
genötigt fühlten, das Erscheinen des
Romans in Deutschland durch Gerichtsbeschluss
jahrzehntelang zu verhindern,
weil sie um den "guten Ruf" des sich dem
nationalsozialistischen Kulturbetrieb
andienenden Schauspielers und Theaterintendanten
fürchteten.
Was Erika und Klaus Mann nicht beschrieben,
weil sie sie im Exil nicht wahrnehmen
und weil sie erst nach dem Ende der
Verfolgung und des Naziregimes an die
Öffentlichkeit gelangen konnten, waren
all die kulturellen Zeugnisse, die in der
Situation der Verfolgung, der Entrechtung,
der Angst und des Schreckens als Ausdruck
einer sich bewahrenden Individualität,
einer Form der Selbstbehauptung,
des Widerstandes gegen die von den Nazis
erbarmungslos betriebene Zerstörung des
Individuums bis zum industriell betriebenen
Massenmord entstanden. Eine Vielzahl
von Zeichnungen, Gedichten, Texten,
aber auch Musik, Lieder, Theaterstücke
gehören zur kulturellen Überlieferung.
Standen in der bisherigen Auseinandersetzung
mit der Geschichte der nationalsozialistischen
Schreckensherrschaft, des
Holocaust und des Widerstandes neben
den Orten der Verfolgung und des Widerstandes
vor allem die Menschen, die sie
erlebten, erlitten und gegen sie kämpften,
die authentischen Zeitzeugen, im Mittelpunkt
der Vermittlungsarbeit, so müssen
in Zukunft neue Vermittlungszugänge konzipiert
werden. Dabei wächst den kulturellen
Zeugnissen eine immer größere Bedeutung
zu. Inhaltlich eingebettet in den Kontext,
in dem sie entstanden, ermöglichen
sie einen ähnlich individuellen, persönlich
erfahrbaren und damit authentischen
Zugang. Ein solcher Vermittlungsprozess
ist jedoch nur dann erfolgreich, wenn er
als aktiver Prozess verstanden wird, der es
den interessierten Menschen ermöglicht,
sich mit genügend begleitenden Informationen
den Zugang selbst zu erarbeiten.
Geschichte begreifbar zu machen und
als Lernfeld für zukünftige Generationen
zu erschließen setzt voraus, dass ein
emotionaler Zugang geschaffen wird,
der begleitet wird durch notwendige
Hintergrund informationen und den Verweis
auf zusätzliche Materialquellen.
Der Studienkreis hat mit der Ausstellung
"Kinder im KZ Theresienstadt - Zeichnungen,
Gedichte, Texte" einen grundlegenden
Anstoß in diese Richtung gegeben. Im
Sommer wird der Katalog zur Ausstellung
erscheinen. Ausstellung und Katalog
ermöglichen einen für Jugendliche gut
erfassbaren Zugang zur Thematik der
Verfolgung, der antisemitischen Ausgrenzung
von Menschen, des Schreckens und
Terrors im Konzentrationslager und zu den
Möglichkeiten und Formen des Widerstehens
und Überlebens von Kindern und
Jugendlichen. Zusätzlich können wir Lehrerinnen
und Lehrern weitere Hilfen bei der
Vermittlung von Zeitzeugengesprächen,
Stadtrund gängen, der Organisation von
begleitenden Veranstaltungen und dem
entdeckenden Lernen in unserem Archiv
und unserer Bibliothek anbieten. Wir wünschen
uns sehr, dass dieses Angebot von
vielen Schulen wahrgenommen wird und
erhoffen uns dabei die Unterstützung der
entsprechenden kommunalen und staatlichen
Institutionen.
Eine weitere Form des kulturellen Zugangs
zur Thematik der Verfolgung und des
Widerstandes wurde bei einer Veranstaltung
der Arbeitsgruppe Ausgegrenzte
Opfer am 27. Januar 2003 in Frankfurt/Main vorgestellt. Neben der sehr persönlich
gehaltenen Vorstellung einzelner
Biografien von Überlebenden stand eine
von zwei Schauspielern gehaltene Lesung
aus Entschädigungsakten im Mittelpunkt
der Veranstaltung, die musikalisch von
Mitgliedern des Philharmonischen Orchesters
der Roma und Sinti begleitet wurde.
Diese szenische Bearbeitung von zunächst
einmal sehr trockenen Dokumenten aus
Entschädigungsverfahren hinterließ einen
tiefen Eindruck bei den Besuchern.
All diese wichtigen Formen eines kulturellen
Zugangs zur Geschichte lassen sich
jedoch nur verwirklichen, wenn dafür
auch weiterhin öffentliche Finanzmittel
zur Verfügung gestellt werden und die
Möglichkeiten einer aktiven und somit
immer wieder neuen Erschließung des
geschichtlichen Lernfeldes nicht einem
abschließenden musealen Gedenkkonzept
geopfert werden.
Heiko Lüßmann
|