"informationen" Nr. 56, November 2002
Das Verschwinden der Bilder
Von der alten zur neuen "Wehrmachtsausstellung"
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Die Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der
Wehrmacht 1941 bis 1944" des Hamburger Instituts für Sozialforschung, seit
November 2001 in veränderter Fassung unter dem Titel "Verbrechen der Wehrmacht.
Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944" zu sehen, ist sicherlich eine der
publikumswirksamsten Ausstellungen zu einem Faschismusthema.
Allein die alte Ausstellung sollen über 900.000 Menschen gesehen haben, womit
sie eine enorme Reichweite und eine hohe geschichtspolitische Bedeutung hatte
und hat.
Geschichtspolitisch deshalb,
weil die Ausstellung als Geschichtspolitik zu verstehen ist, genau so, wie auch
die immer vorhandene Kritik an ihr mit diesem Begriff bezeichnet werden muss.
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Die Hamburger Ausstellungsmacher haben zwar versucht, sich jeder politischen
Aktualisierung des Gezeigten zu enthalten, dennoch war es ihr Anspruch, die
verbliebenen und in der Öffentlichkeit virulenten Reste der Legende von der
sauberen Wehrmacht zu zerstören und durch ein anderes Bild zu ersetzen. Von
konservativer Seite wurde dagegen gerade gegen dieses neue Bild der Wehrmacht
gestritten.
1. Geschichtspolitischer Kontext
Um die Bedeutung der Ausstellung und die äußerst heftigen Kontroversen, die
mit ihr verbunden waren, zu verstehen, ist es nötig, sie in den
geschichtspolitischen Kontext der neunziger Jahre zu stellen. Aus dieser
Perspektive ergibt sich die scheinbar paradoxe Situation, dass, je größer der
historische Abstand zu Faschismus und Holocaust wird, sich die Debatte darum
intensivierte. Nimmt man nur die zweite Hälfte der neunziger Jahre, dann haben
wir hier die Debatten um das Buch von Daniel Goldhagen "Hitlers willige
Vollstrecker", die Wehrmachtsausstellung, das Holocaustmahnmal in Berlin, die
Raubgolddiskussion, die Frage der Zwangsarbeiterentschädigung und schließlich
die Walser-Bubis-Debatte.
Für die öffentliche Diskussion am wichtigsten waren sicherlich die
Goldhagen-Debatte und die Wehrmachtsausstellung. Beide Diskussionen verliefen
äußerst emotionalisiert und führten zu heftigen Reaktionen auf konservativer
Seite (so bis heute bei der Wehrmachtsausstellung), aber auch bei eher liberalen
Historikern (so bei Goldhagen).
Der Grund für die breite Resonanz beider Debatten lag in der ähnlichen
inhaltlichen Ausrichtung von Goldhagen und der Wehrmachtsausstellung.
Thematisiert wurde hier wie da die breite Beteiligung der deutschen Bevölkerung
an den Verbrechen des Faschismus. Birgit Rommelspacher spricht in diesem
Zusammenhang von der Ausweitung des "Normalitätsfeldes"
1, die durch Goldhagen und die Ausstellung vorgenommen wurde.
Gemeint ist damit, dass die Verbrechen und Massenmorde hier nicht mehr einer
engen und festumrissenen Gruppe von Tätern, etwa der SS, zugeordnet werden,
sondern die Beteiligung Tausender, ja Millionen, thematisiert wird. Erschwert
wird damit die einfache Distanzierung der damaligen Bevölkerung. Wenn die
Beteiligung an den Verbrechen so verbreitet war, dass sie einem
"Normalitätsfeld" zugerechnet werden muss, dann stellt sich die Frage, "wie
hätte ich mich verhalten", auch für die vielleicht nur zufällig nicht
Beteiligten neu. Die Verdachtsmomente und der Rechtfertigungsdruck für die
damalige Bevölkerung wird also größer. Hier liegt der entscheidende Grund für
die sehr starke Emotionalität der Abwehr, bei der Ausstellung mehr noch als bei
Goldhagen.
Diese Emotionalität der Abwehr lässt sich an der Geschichte der
Wehrmachtsausstellung gut verdeutlichen, weshalb hier einige Aspekte diese
Entwicklung kurz skizziert werden. Seit dem Sommer 1995 ist die alte
Wehrmachtsausstellung in verschiedenen Städten in Deutschland und Österreich zu
sehen gewesen und löste dabei mancherlei Diskussionen vor Ort aus, ohne dass
diese jedoch zu einer allgemeinen öffentlichen Debatte geführt hätte. Eineinhalb
Jahre brauchte die konservative Rechte, um auf die Herausforderung der
Ausstellung zu reagieren und ihre Sicht der Vergangenheit dagegen zu stellen.
Anlässlich der Präsentation in München gelang es der Rechten, eine
lagerübergreifende Front der Gegner zu initiieren, die, angeführt von Peter
Gauweilers CSU, bis zur neofaschistischen NPD reichte und in München zur größten
Demonstration des Neofaschismus seit Anfang der siebziger Jahre führte.
Ausgangspunkt der Münchner Auseinandersetzung war ein Artikel des Journalisten
Florian Stumfall im CSU-Organ Bayernkurier, in dem er der Ausstellung einen
"moralischen Vernichtungsfeldzug gegen das deutsche Volk" vorwarf, mittels
dessen "Millionen von Deutschen die Ehre" abgesprochen werden solle. 2
Ausgehend von München sah sich nun auch der Rest der konservativen Presse, allen
voran die FAZ, bemüßigt, eine Kampagne gegen die Ausstellung zu starten, die
zunächst bemerkenswert wenig inhaltliche Argumente zu bieten hatte. So
bestreitet Günther Gillessen in der FAZ, dass es überhaupt die Legende einer
sauberen Wehrmacht, gegen die sich die Ausstellung richtet, gegeben habe. Seine
eigene Argumentation dient jedoch gerade dazu, dieses Bild aufrechtzuerhalten
und unbestreitbare Verbrechen als Ausnahmen und Randerscheinungen abzutun. 3
Bedauert wird von Gillessen, dass die Ausstellung eben nicht den distanzierten,
kühlen Blick ermöglicht, der mit dem Postulat der Historisierung verbunden ist.
Statt dessen appelliere sie an die "Empfänglichkeit für kollektivierte Schuld"
und resignierend schließt er: "das nationale Schuldgefühl läuft Amok."
Die Dürftigkeit der Argumentation auf Seiten der Ausstellungsgegner zeigte sich
auch darin, dass es ihnen zunächst nicht gelungen war, ausgewiesene Spezialisten
zum Thema für sich zu gewinnen, die die gezeigte Beteiligung der Wehrmacht an
den Verbrechen des Regimes leugneten. So kam es, dass angesichts der recht
eindeutigen Beweislage für die Mitwirkung der Wehrmacht am Vernichtungskrieg nur
die Diffamierung der Ausstellungsmacher blieb. Die kurze Mitgliedschaft vom
Leiter der Ausstellung, Hannes Heer, in der DKP Ende der 60er Jahre wurde auf
konservativer Seite hervorgehoben. Die hohe Kunst, historische Aufklärung auf
persönliche Verdrängung zurückzuführen, wurde jedoch in der FAZ von Ulrich
Raulff im Interview mit Jan Philipp Reemtsma vorgeführt.
4 Zunächst wird die
Ausstellung von Raulff als "pädagogisches Unternehmen" mit "terroristische(m)
Beigeschmack" gekennzeichnet, um dann Reemtsmas Engagement für die Ausstellung
als Kompensation für die Verstrickung seiner Familie in das NS-Regime zu deuten.
Die Art des konservativen Umgangs mit der Ausstellung zeigte jedoch die
inhaltliche Stärke der Schau, die es schaffte, ein breites Publikum
anzusprechen, weshalb vor allem der Vorwurf der Undifferenziertheit und
Pauschalverurteilung gemacht wurde. Der Effekt der hier vorgestellten Kritik war
eine eindeutige Aufmerksamkeitssteigerung für die Ausstellung, die in München
und Frankfurt jeweils fast 100.000 Menschen anzog.
Was ich hier kurz skizziert habe, ist etwa der Stand bis zum Sommer 1999. Das
heißt, die Ausstellung lief mehr oder weniger erfolgreich durch deutsche Städte,
wurde in hohem Maße von Schulklassen besucht, löste vor Ort noch mancherlei
Diskussionen aus, war jedoch aus der überregionalen Presse weitgehend
verschwunden.
2. Kritik und Rückzug der ersten Ausstellung
Vor allem zwei wissenschaftliche Aufsätze zur Ausstellung im Herbst 1999
brachten den Stein ins Rollen, der zur erneuten breiten Diskussion und
schließlich zum vorläufigen Rückzug der Ausstellung führte. Ich möchte vor allem
auf den Aufsatz von Bogdan Musial eingehen, der entscheidend für diesen
vorläufigen Rückzug der Ausstellung war. 5
Meiner Ansicht nach sind die beiden Aufsätze von Musial und Ungvâry sehr
unterschiedlich zu bewerten, obwohl sie sich mit der Kritik an weitgehend
denselben Bildern der Ausstellung befassen. Die von Ungvâry gezogenen
Schlussfolgerungen sind jedoch sehr viel weitreichender. Ungvärys Aufsatz
erschien in der Zeitschrift "Geschichte in Wissenschaft und Unterricht", Musials
in den "Vierteljahresheften für Zeitgeschichte". Beide Zeitschriften haben einen
eher konservativen Herausgeberkreis. So werden die Vierteljahreshefte vom
Münchner Institut für Zeitgeschichte unter seinem Leiter Horst Möller
herausgegeben. Möller spielte auch in der öffentliche Debatte eine wichtige
Rolle, auf die ich noch eingehen werde.
Interessant und wichtig ist, dass beide Autoren ausschließlich auf in der
Ausstellung präsentierte Fotos eingehen und ihre Kritik an diesen festmachen.
Musial sagt in seinem Aufsatz, dass er sich nicht mit den Verbrechen der
Wehrmacht befasse, die er nicht bestreitet. Sein Thema sind die Fotos, die nach
Ansicht der Ausstellungsmacher Verbrechen der Wehrmacht zeigen, seiner Ansicht
nach jedoch Verbrechen des sowjetischen Geheimdienstes NKWD dokumentieren.
Insgesamt glaubt er, dies für neun Fotos der Ausstellung belegen zu können.
Der deutsche Überfall vom 22. Juni 1941 erfolgte in einem solchen Tempo, dass
die sowjetische Seite keine Zeit hatte, die grenznahen Gefängnisse zu
evakuieren. So gab es von der sowjetischen Führung einen Befehl, so genannte
"konterrevolutionäre Elemente" zu liquidieren, was auch in größerem Ausmaß
geschah. Musial weist nun nach, dass einige Fotos der Ausstellung diese Morde
des NKWD dokumentieren, und dass die auf ihnen abgelichteten Wehrmachtssoldaten
nicht die Täter seien.
Ich möchte von den bei Musial angeführten Beispielen nur eines herausgreifen, um
hier seine Argumentation, aber auch die Kritik an seinem Vorgehen zu
verdeutlichen. Es handelt sich dabei um Fotos die im (alten) Ausstellungskatalog
unter der Rubrik "Genickschüsse" aufgeführt werden, genauer um die Bilder 20-22
auf Seite 204 und 29-31 auf Seite 205. Im Ausstellungskatalog werden die ersten
Bilder mit der Angabe "Unbekannter Ort, gefunden im Juli 1944 bei einem
gefallenen deutschen Soldaten in Brest, Weißrußland" und die zweiten mit der
Angabe: "Gebiet Kiew, Ukraine. Januar 1944 bei dem gefallenen deutschen
Unteroffizier Richard Worbs (...) in der Nähe des Dorfes Winograd gefunden"
angegeben. Musial kann nun nachweisen, dass alle diese Fotos in der Zitadelle
von Zloczôw entstanden sind. Seiner Ansicht nach zeigen sie die Exhumierung von
Leichen, die der sowjetische NKWD ermordet hatte. Unter anderem wurden Juden
gezwungen, diese Exhumierung vorzunehmen. Als Belege führt Musial
Vergleichsfotos aus dem Zitadellenmuseum von Zloczôw (heute Solotschiw),
Aussagen von polnischen und jüdischen Zeugen und die Ermittlungen der
Bezirkskommission zur Untersuchung der Verbrechen am polnischen Volk in Lodz an.
Musial verweist darauf, dass die erwähnten Fotos schon mehrfach verwendet und in
einen jeweils anderen Zusammenhang gestellt wurden. So werden sie in einem Buch
von Ernst Klee und Willi Dressen mit dem Titel "Schöne Zeiten" mit folgender
Bildunterschrift wiedergegeben: "Litauen. Sommer 1941. Männliche und weibliche
Juden müssen in einem Baumstück ein Massengrab ausheben. Im Vordergrund
erschossene Juden". 6 Selbst die
Ausstellungsmacher beschriften dieselben Fotos unterschiedlich. So wird im
Katalog das Bild Nr. 22, S. 204 mit "Unbekannter Ort, UdSSR. Tote
Kriegsgefangene" angegeben, wogegen dasselbe Bild im Begleitband von
Heer/Naumann auf Seite 501 mit der Unterschrift: "Amateurfoto eines deutschen
Soldaten, aufgenommen im Juli 1944 westlich von Brest bei Biala Podlaska"
gezeigt wird, 7 Biala Podlaska liegt
jedoch in Polen und gehörte nie zur UdSSR.
Diese offensichtlichen Fehler werden nicht bestritten, und das Hamburger
Institut für Sozialforschung veröffentlichte auch eine Errataliste, in der
solche Berichtigungen vorgenommen werden. Entscheidender ist jedoch die Frage,
was auf den Bildern zu sehen ist, und ob sie tatsächlich in keinem Zusammenhang
mit Wehrmachtsverbrechen stehen. Musial wies die Ausstellungsmacher im Herbst
1997 darauf hin, dass die Bilder seiner Ansicht nach die Exhumierung von
NKWD-Opfern darstellten. Die Haltung, die Fotos trotzdem nicht zu entfernen,
begründete Bernd Boll vom Hamburger Institut folgendermaßen: "Ich habe den
Sachverhalt sofort recherchiert und herausgefunden, dass sich unter den Leichen
auf den Fotos mit großer Wahrscheinlichkeit auch die mit Billigung, wenn nicht
gar indirekter (Absperrung) Unterstützung der Wehrmachtseinheiten von
ukrainischen Nationalisten erschlagenen Juden befinden. (...) Es besteht somit
kein Grund, die Bilder aus der Ausstellung zu entfernen." 8
Musial kritisiert hier, dass den Besuchern die Komplexität des Geschehens
vorenthalten würde, da ja durch den Ausstellungszusammenhang sämtliche Leichen
als Opfer der Wehrmacht angesehen würden. Diese Kritik ist berechtigt. Darüber
hinaus jedoch sieht Musial keinen Anlass, von unterschiedlichen Opfergruppen auf
den Bildern auszugehen. Für ihn handelt es sich ausschließlich um Opfer des
NKWD. Tatsächlich seien die zur Exhumierung der Leichen herangezogenen Juden
ermordet worden, jedoch nicht von der Wehrmacht, sondern von ukrainischen
Nationalisten. Erst die Wehrmacht habe das Massaker beendet. Die Leichen der
Juden seien in dem ausgehobenen Massengrab verscharrt und erst zu Beginn der
neunziger Jahre exhumiert worden, könnten also auf den Fotos nicht zu sehen
sein.
Dieser Interpretation, die diese Bilder als tatsächlich für die Ausstellung
untauglich erweisen würde, widersprach der Historiker Christian Streit in einem
Leserbrief in der Zeitung "Die Zeit". 9
Gegen Musials Behauptung, die Bilder zeigten nur Opfer des sowjetischen NKWD,
führte Streit einen Eintrag des Kriegstagebuchs der 295. Infanteriedivision an,
die sich zu dieser Zeit vor Ort befand. Hier heißt es: "In Zloczow ...
Massenmordungen der Juden und Russen durch Ukrainer. Judenerschießungen auf
offener Straße. Auf der Zitadelle liegen etwa 900 Leichen von durch Russen
ermordeten Ukrainern und von durch Ukrainer ermordeten Russen und Juden." Streit
fragt bezogen auf Musial hierzu weiter: "Heißt das, daß die Wehrmacht für das
Morden keinerlei Verantwortung trifft? Die Stadt war seit dem 1. Juli 1941 in
deutscher Hand, mindestens drei deutsche Divisionen hatten dem Morden der
Ukrainer zugesehen, erst die 295. Infanteriedivision griff ein."
Musial ging in seiner späteren Erwiderung auf Streit auf diesen Punkt nicht mehr
ein, womit seine Grundaussage, die Bilder zeigten keinerlei
Wehrmachtsverbrechen, stark in Frage gestellt war.
Zwei Dinge sind in bezug auf diese Kritik wichtig: Einerseits tangiert sie nicht
die Grundaussage der Ausstellung, nämlich die Verstrickung und aktive Teilnahme
der Wehrmacht an den Verbrechen des Faschismus im Osten. Weder die hierfür
grundlegenden verbrecherischen Befehle noch der darauf fußende Vernichtungskrieg
gegen die Sowjetunion wurden wirklich in Frage gestellt. Andererseits
verdeutlicht die Kritik die tatsächlich vorhandene Problematik, Fotos quasi als
Beweise für die Verbrechen der Wehrmacht zu verwenden. Auch wenn die
Ausstellungsmacher anführten, die Fotos hätten gar keinen Beweiszweck, sondern
dienten nur der Illustration des Geschehens, so ist doch unverkennbar, dass die
große emotionale Wirkung der Ausstellung auf den Fotos beruht. Diese Art der
Rezeption durch die Besucher muss auch den Ausstellungsmachern aufgefallen sein.
Die jeweils organisierten Begleitprogramme und Diskussionen zur Ausstellung sind
eine Möglichkeit, diesem Problem zu begegnen, bieten sie doch die Chance, über
die Emotionalisierung hinaus den Vernichtungskrieg in einen Zusammenhang zu
stellen.
Hier liegt vielleicht eines der größten Probleme der alten wie auch der neuen
Ausstellung, die es eben weitgehend versäumt, den Vernichtungskrieg im Osten in
das Herrschaftssystem des deutschen Faschismus einzuordnen. Warum der Krieg im
Osten geführt wurde, welche Interessen sich damit verbanden, in welchen
längerfristigen imperialistischen Traditionen der Faschismus und auch die
Ostexpansion standen, all das sucht man vergebens in der Ausstellung. Nicht
einmal der "Generalplan Ost", der die ökonomischen und bevölkerungspolitischen
Zielstellungen thematisiert, wird erwähnt. Ich würde dies als eine tendenzielle
Entpolitisierung der Ausstellung werten, die es eben vermeidet mögliche
Kontinuitäten zu verdeutlichen. Ein Grund hierfür ist sicherlich der auch am
Hamburger Institut teilweise vertretene Totalitarismusansatz, der die
Gewaltexzesse des 20. Jahrhunderts vor allem auf der Folie totalitärer
Diktaturen liest und diese den westlich liberalen Demokratien gegenüberstellt.
In dieser Sichtweise fallen natürlich Kon tinuitätsprozesse, die etwa auf die
kapitalistische Wirtschaftsordnung vor und nach 1945 zurückzuführen wären, unter
den Tisch. Ganz in diesem Sinne deuteten die konservativen Kritiker der
Ausstellung die Ausführungen von Musial. Für Horst Möller vernachlässige die
Ausstellung die entscheidende Frage nach den Gründen der extremen Barbarisierung
des Krieges im 20. Jahrhundert, nämlich, "welchen entscheidenden Anteil die
fanatischen Ideologien von Nationalsozialismus und Bolschewismus und die
Dialektik beider an dieser Entfesselung, Entgrenzung und scheinbaren
Legitimierung brutaler Gewalt hatten." 10
Das ist die ganz klassische Totalitarismusthese, die die Verbrechen ohne
Unterschied beiden Systemen zurechnet, womit beispielsweise der Holocaust als
Spezifik des deutschen Faschismus einfach verschwindet. Dass die Ausstellung
sehr wohl die Frage nach den Gründen für die extreme Barbarisierung stellt, sie
nur mit dem Verweis auf die rassistische und antisemitische Kontaminierung der
Wehrmacht anders beantwortet, verschweigt Möller.
Die Zielrichtung der Kritiker wurde von Norbert Frei in der FAZ benannt.
11 Bisher sei es weitgehender Konsens der
Wissenschaft, selbst bei den Kritikern der Ausstellung gewesen, "dass es ein
rassistischer Vernichtungskrieg war, den die Deutschen seit 1939 im Osten
führten, und dass die Wehrmacht darin eine aktive Rolle spielte:' Dieser Konsens
werde jetzt - und er verweist dabei auf Horst Möller - in Frage gestellt.
Die von Musial geäußerte Kritik führte zusammen mit der neu einsetzenden
öffentlichen Debatte zum vorläufigen Rückzug der Ausstellung.
3. Überprüfung und Neukonzeption der Ausstellung
Die vom Hamburger Institut eingesetzte Historikerkommission zur Überprüfung der
alten Ausstellung kam nach knapp einem Jahr zu dem Ergebnis, dass abgesehen von
handwerklichen Fehlern (bezogen auf die Fotos) und manchen unzulässigen
Vereinfachungen die zentrale These der Ausstellung, die Beteiligung der
Wehrmacht am Vernichtungskrieg, richtig sei.
Mit diesem weitgehenden Freispruch startete die Ausstellung Ende 2001 erneut und
erhält bis heute eine ungebrochene Resonanz. Ist auch die zentrale Aussage im
Verständnis der Ausstellungsmacher gleich geblieben, so handelt es sich doch um
eine komplette Neugestaltung. Das alte Team um den Leiter der Ausstellung Hannes
Heer wurde von Reemtsma entlassen und die Historikerin Ulrike Jureit zur neuen
Sprecherin ernannt. Die offensichtlichste Konsequenz aus der Kritik besteht im
weitgehenden Verzicht auf eine unkommentierte Bebilderung. Fotos werden nur noch
sparsam eingesetzt, vielfach handelt es sich um Portraits von
Wehrmachtsverantwortlichen. Die Textlastigkeit der Schau ist sehr viel größer
und verlangt vom Besucher eine große Bereitschaft zur intensiven Lektüre. Der
Aufbau der Ausstellung ist nicht länger an geographischen Schauplätzen
orientiert: Eingeleitet wird sie mit einer Darstellung des Kriegsvölkerrechts
der damaligen Zeit, um so den rechtlichen Rahmen, in dem sich die Wehrmacht
bewegte, abzustecken. Die gezeigten "verbrecherischen Befehle" verdeutlichen
dann das bewusste und vorab geplante Überschreiten dieses Rahmens. Als
exemplarische Themen zeigt die neue Ausstellung die Beteiligung der Wehrmacht am
Völkermord an den Juden, die Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen, den
Ernährungskrieg, die Deportation und die damit verbundene Zwangsarbeit, den so
genannten Partisanenkrieg und schließlich Repressalien und Geiselerschießungen.
In einem separaten Teil werden die Handlungsspielräume von Wehrmachtsangehörigen
anhand unterschiedlicher Beispiele verdeutlicht. Die Nachkriegszeit und der
(fehlende) Umgang mit den Verbrechen der Wehrmacht, einschließlich der
Auseinandersetzung um die erste Ausstellung beschließen die Schau. 12
Die neue Ausstellung ist sehr viel größer als die alte, die angeführten Belege
für die Verbrechen der Wehrmacht sind zahlreicher und detailliert nachgewiesen.
Der Einbezug von Themen wie Zwangsarbeit, Deportationen und Handlungsspielräume
ist sicherlich zu begrüßen. Die vielfältigen technischen Möglichkeiten
(Hörinseln, Computer mit Feldpostbriefen) bieten die Chance einer vertiefenden
Einarbeitung. Dennoch lässt sich den Ausführungen des Historikers Werner Röhr
zustimmen, der schreibt: "Obwohl die neue Ausstellung die alte an Materialfülle,
an Differenzierung, an professioneller Gestaltung weit übertrifft, obwohl sie
deren Grundaussage beibehält und diese umfangreicher und genauer untermauert,
kommt sie an deren Wirkung nicht entfernt heran." 13
Der Grund hierfür liegt eben in der Wucht der Bilder, die die alte Ausstellung
bestimmten. Verschwunden sind in Katalog und Ausstellung die Fotos der einfachen
Täter vor Ort; man sieht die Opfer - die Täter zumeist nur, insoweit sie
Truppenführer und Befehlshaber sind, einfache Soldaten sind kaum zu sehen. Damit
fehlt der die Öffentlichkeit wohl schockierendste Teil, und es lässt sich
fragen, ob es sich hier nicht um eine gravierende Veränderung zur alten
Ausstellung handelt. Hannes Heer, Leiter der alten Ausstellung, sieht hier eine
deutliche Verschiebung der ursprünglichen Thesen der Ausstellung: Vor allem die
breite und weitgehend widerstandslose Beteiligung der Truppe an den Verbrechen
gegen Juden und die sowjetische Bevölkerung und deren Begründung durch einen
antisemitischen und antislawischen Rassismus werden in der neuen Ausstellung
nicht mehr thematisiert. 14 In der Tat
vertritt die neue Ausstellung keine These mehr zu der Frage, wie weit die
rassistische und antisemitische Ideologisierung der Wehrmacht in die Truppe
eingedrungen ist. Lässt sich dies quantitativ auch nicht verifizieren, so gaben
die privaten Fotos einfacher Landser, die in der ersten Ausstellung eine solche
schockierende Wirkung hatten, doch einen Einblick in die möglichen Abgründe
einer weitgehenden Ideologisierung.
Obwohl die These der Beteiligung der Wehrmacht an Vernichtungskrieg und
Judenmord durch die neue Ausstellung weitaus detaillierter belegt wird, scheint
sie für die Kritiker passabler zu sein. Die Wehrmacht als Institution wird jetzt
nur noch mit den Befehlshabern identifiziert - sie haben sich in vielen Fällen
unbestreitbar schuldig gemacht. Die alte Ausstellung zeigte, wie diese
Mitwirkung an den Verbrechen von vielen "willigen Vollstreckern" umgesetzt
wurde, hier lag ihr Skandal. Hinter diese Provokation zurückgegangen zu sein ist
ein fatales Friedensangebot an die Kritiker.
Anmerkungen:
1 Birgit Rommelspacher: Anklage und Entlastung. Sozialpsychologische Aspekte der
Goldhagen-Debatte, in: Jürgen Elsässer/ Andrei 5. Markovits (Hg.): "Die Fratze
der eigenen Geschichte:' Von der GoldhagenDebatte zum Jugolsawienkrieg, Berlin
1999, 5.37.
2 Vgl. Florian Stummfall, in: Bayernkurier, 22.2.1997.
3 Vgl. Günter Gillessen, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 6.4.1997.
4 Vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9.4.1997.
5 Vgl. Bogdan Musial: Bilder einer Ausstellung. Kritische Anmerkungen zur
Wanderausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944",
in: VQ, Jg. 47 (1999). Ein weiterer wichtiger Beitrag, der im Rahmen dieser
Kritik an der Ausstellung erschien, ist: Krisztián Ungváry: Echte Bilder -
problematische Aussagen. Eine quantitative und qualitative Analyse des
Bildmaterials der Ausstellung "Vernichtungskrieg - Verbrechen der Wehrmacht
1941-1944", in: GWU, Jg. 50 (1999); darüber hinaus erschien
in der gleichen Ausgabe der GWU der Beitrag von Dieter Schmidt-Neuhaus: Die
Tarnopol-Stellwand der Wanderausstellung "Vernichtungskrieg - Verbrechen der
Wehrmacht 1941 bis 1944". Eine Fallstudie zur Verwendung von Bildquellen.
6 Ernst Klee/Willi Dressen/Volker Rieß (Hg.): "Schöne Zeiten". Judenmord aus der
Sicht der Täter und Gaffer, Frankfurt a.M. 1988, S. 60 (hier zitiert nach
Musial: Bilder, 5. 570).
7 Hannes Heer/Klaus Naumann (Hg.): Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht
1941 bis 1944, Hamburg 1995, S. 501. 8 Zitiert nach Musial: Bilder, S. 576.
9 Christian Streit: Prüfung tut not, Leserbrief in: Die Zeit, 18.11.1999, S. 80.
10 Horst Möller: Eine Blamage, wahrlich keine Pionierleistung, in: Frankfurter
Allgemeine, 3.1.00.
11 Vgl. Norbert Frei: Faktor 100, in: Frankfurter Allgemeine, 2.11.99.
12 Vgl. hierzu den neuen Ausstellungskatalog: "Verbrechen der Wehrmacht.
Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944" hrsg. von Hamburger Institut für
Sozialgeschichte, Hamburg 2002.
13 Werner Röhr: Die neue Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht", in Bulletin für
Faschismus- und Weltkriegsforschung, Heft 18, Berlin 2002, S. 78.
14 Vgl. Hannes Heer: Vom Ende einer Ausstellung. Über Strategien der Entlastung
und das Verschwinden der Täter, in: Weiter erinnern? Neu erinnern? Überlegungen
zur Gegenwart und Zukunft des Umgangs mit der NS-Zeit, hrsg. vom Arbeitskreis
Erinnerungskultur Marburg, Münster (im Erscheinen).
Gerd Wiegel
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