"informationen" Nr. 56, November 2002
Deutschland und Tschechien
EU-Partner oder Feindstaaten oder was sonst?
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Die Spannungen zwischen Deutschland und Tschechien sind in den letzten Monaten
dramatisch angewachsen. Die Vorhaltungen und Forderungen einflussreicher Kräfte
Deutschlands gegenüber Tschechien sind deutlich schärfer geworden.
Zugleich hat sich die Abwehrhaltung der in Tschechien bestimmenden Kräfte
gegenüber diesen Vorhaltungen und Forderungen sichtlich verstärkt.
Dies alles geschieht 57 Jahre nach Kriegsende und 13 Jahre nach der Errichtung
eines parlamentarisch und marktwirtschaftlich gestalteten politisch-ökonomischen
Systems in Tschechien.
Was ist hier eigentlich los?
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I.
Ich will in der folgenden Skizze versuchen, erstens einige Grundbedingungen
dafür zu formulieren, dass über dieses Problem überhaupt sachgemäß geredet
werden kann, dass also eine analytische Betrachtung möglich und Stammtischgerede
unmöglich wird. Und zweitens will ich einige historische Sachverhalte, die für
das Verständnis beider Länder wichtig sind, miteinander in Beziehung setzen, um
die besonderen Probleme, die diese Länder miteinander hatten und offenbar auch
gegenwärtig noch haben, verständlich zu machen.
Wenn dies gelänge, so wäre das natürlich noch nicht die Lösung aller Probleme,
wohl aber die notwendige Basis, von der aus dann Lösungen gefunden werden
könnten.
II.
Seit ich mit meiner Mutter und meinen Großeltern im September 1946 in meinem
Heimatort in der Nähe von Karlsbad in einen Eisenbahngüterwagon geladen und ein
paar Tage später in Hessen wieder ausgeladen wurde (ich war 10 Jahre alt), wurde
mir unablässig eingeprägt, dass an uns Deutschen von den Tschechen ein großes
Unrecht begangen worden sei, das keinen Bestand haben dürfe und keinen Bestand
haben werde. So predigte das der katholische Pfarrer jeden Sonntag von der
Kanzel, so sprachen auch die Redner bei den später dann regelmäßigen Treffen der
Sudetendeutschen, denen meine Eltern zwar nicht zuhörten, weil sie bei diesen
Treffen frühere Nachbarn und Freunde wiedersehen wollten, mit denen sie aber im
Grundsatz wohl doch übereinstimmten. In der Tat kann kein Zweifel bestehen, dass
so gut wie alle der fast drei Millionen "Ausgesiedelten", denen abrupt alles
genommen worden war, was sie besessen hatten - mit Ausnahme von 50 Kilogramm
Reisegepäck - dies als eine schreiende Ungerechtigkeit empfanden.
Die Frage, die mir, als ich 16, 17 Jahre alt war, allmählich dämmerte, war die:
Die Tschechen haben also seit dem Sommer 1945 an uns Deutschen Unrecht begangen.
War da vielleicht etwas vorausgegangen, das dieses Verhalten begreiflich machen
könnte? Davon hatte ich bisher kein Sterbenswörtchen gehört - obwohl diese Frage
sich doch offensichtlich aufdrängte.
III.
10 Jahre später war ich - als Student der Geschichtswissenschaft und der
Politikwissenschaft mit Examen - dann in der Lage, diese Frage wissenschaftlich
zu formulieren. Dominant waren zwar zu Beginn der 1960er Jahre immer noch Geist
und Ideologie des Kalten Krieges, auch an den Universitäten, doch ein
glücklicher Zufall fügte es, dass ich mit Wolfgang Abendroth das absolut seltene
Exemplar eines Antifaschisten als Hochschullehrer kennen lernte, der im
Faschismus im Zuchthaus gesessen hatte. Mit seiner Hilfe vermochte ich nun,
sowohl die geistigen Barrieren des Kalten Krieges zu durchbrechen wie das zu
formulieren, was die Grundbedingung für wissenschaftliche Erfassung von Realität
ausmacht.
Im vorliegenden Fall ging es um zwei Bedingungen:
1. Geschichte ist ein prozesshaftes Geschehen, das nur begriffen werden kann,
wenn es als Folge von Ereignissen analysiert wird, die miteinander durch
Kausalbeziehungen - wenn auch oft komplexen und schwer erkennbaren - verbunden
sind. Alle Ereignisse sind also danach zu befragen, welches die Ursachen sind,
die zu diesen Ereignissen geführt haben. Das bloße Nacherzählen der Ereignisse
ist noch nicht Wissenschaft, sondern bleibt im Vorfeld von Wissenschaft. (Damit
war freilich der größte Teil der Geschichtsliteratur, die ich dazu bisher kennen
gelernt hatte, erledigt.)
Für den vorliegenden Fall hieß das also, dass die Beziehungen zwischen Deutschen
und Tschechen in den Jahren vor 1945 mit einzubeziehen waren. Das hieß durchaus
nicht, dass etwa das eine Verbrechen das andere, das folgende, rechtfertigt.
Wohl aber hieß das, dass das Folgende ohne das Vorangegangene (in seiner ganzen
Komplexität) nicht zu begreifen ist. Diese Einsicht rechtfertigt überhaupt erst,
von Geschichtswissenschaft zu sprechen.
Also waren einzubeziehen: die Besetzung der "Rest-Tschechei" durch das Deutsche
Reich im März 1939 mitsamt der dann folgenden Behandlung der Tschechen durch die
deutsche Besatzungsmacht usw. Sicherlich: die Kausalkette reicht weiter zurück.
Die Sudetendeutschen verweisen mit Recht auf ihre Lage in dem 1918 gegründeten
tschechoslowakischen Staat, die manchen Grund zur Unzufriedenheit bot. Aber:
beim Einmarsch in die "Rest-Tschechei" lag die "Befreiung" der Sudetendeutschen
schon ein halbes Jahr zurück, so dass dies als "berechtigter Grund"
offensichtlich entfällt. Die Tschechen andererseits verweisen mit Recht auf ihre
Lage in dem von den Deutschen dominierten Habsburg-Reich vor 1918 usw. Es ist
evident, dass diese Betrachtung, immer weiter in die Vergangenheit verlängert,
bis zu Adam und Eva gehen müsste bzw. wissenschaftlich gesprochen bis zur
Anthropogenese und deren Folgen für Mitteleuropa.
Das wäre hier offensichtlich absurd. Aber es ist für unsere Fragestellung auch
nicht notwendig. Es genügt zu erkennen, dass es unzulässig ist, die Geschichte
erst im Mai 1945 beginnen zu lassen, ohne nach dem zu fragen, was vorangegangen
war.
2. Dass ich bis zu meinem Studium bei dem Antifaschisten Wolfgang Abendroth
überhaupt nichts von der Frage vernommen hatte, ob denn vor dem Mai 1945 da
nicht irgend etwas gewesen war, lässt sich leicht erklären.
Im neuen Staat der Bundesrepublik waren die Eliten aus der Zeit des Faschismus
in großen Teilen übernommen worden: die hohen Beamten, die Richter und
Staatsanwälte, die Universitätsprofessoren, Gymnasiallehrer und Bischöfe, die
Offiziere und Generäle, die Führungskräfte der Industrie und der Banken, die
Medienleute und die Geheimdienste. Und die führenden Persönlichkeiten in den
Vertriebenenverbänden, auch in der sudetendeutschen Landsmannschaft, waren in
hohem Maße ehemalige Nazis. (Die erste Dissertation, die ich dann als Professor
für Politikwis senschaft anfertigen ließ, untersuchte genau diese
Vertriebenenverbände.)
Für sie war es selbstverständlich, dass die Geschichte erst im Mai 1945 begann
und über die riesigen Verbrechen, die das faschistische System begangen hatte,
möglichst wenig geredet wurde. Und für sie war es auch selbstverständlich, dass
es einen Verzicht auf die "verlorenen Ostgebiete" niemals geben dürfe und dass
auch der sudetendeutsche Raum "unser Raum" sei, den es wiederzugewinnen gelte.
Auf dem rechten Flügel des Parteienfeldes hat sich diese Position bis heute
erhalten.
Nun war es allerdings nicht gänzlich zu vermeiden, über die Jahre vor 1945 zu
sprechen angesichts dessen, was in allen umliegenden Ländern an Erfahrungen mit
dem deutschen Faschismus vorlag und natürlich auch erörtert wurde und was
vermittels der - wenn auch schwachen
- antifaschistischen Strömungen doch auch in die Bundesrepublik hineinwirkte.
Die Antwort der herrschenden Kräfte darauf lautete: Es mag ja sein, dass in dem
einen oder anderen Einzelfall auch von deutscher Seite ..., aber: die anderen
haben auch und zwar viel schlimmer ... Köln, Hamburg und Dresden mit seinen
unvergleichlichen Kunstschätzen in Trümmerhaufen verwandelt, Millionen von
Deutschen aus ihrer Heimat vertrieben
- ein Verbrechen, das seinesgleichen nicht findet ...
Also: beide Seiten haben Verbrechen begangen, so dass besondere Schuldgefühle
und besondere Verpflichtungen daraus jedenfalls nicht resultieren. Dieses -
heute noch populäre - Aufrechnen ist nur unzureichend dadurch zu entkräften,
dass man die Verbrechen zu quantifizieren sucht
- womit in der Tat ein gigantisches Übergewicht der Verbrechen des deutschen
Faschismus sich ergibt. Die wissenschaftliche Kritik aber hat primär darauf zu
bestehen, dass die Kausalfrage auch hier im Zentrum zu stehen hat: Das heißt
zunächst und vor allem die Abfolge in der Zeit. Es waren eben zuerst Warschau,
Rotterdam und Coventry, die dem deutschen Bombenterror zum Opfer fielen, bevor
die Gegenschläge kamen. Und es gab zuerst die Terrormaßnahmen und
Völkermordprojekte des faschistischen Deutschland gegenüber den Tschechen, bevor
nach dem Mai 1945 Tschechen Verbrechen gegenüber Deutschen verübten.
Wissenschaftlich gesprochen: Es ist nicht zulässig, Kausalbeziehungen durch
Analogieschlüsse zu ersetzen mit der Schlussfolgerung: Da ist offensichtlich auf
beiden Seiten sehr Ähnliches geschehen. Wer vor der Abfolge der Ereignisse in
der Zeit die Augen verschließt, versperrt sich jede Möglichkeit des Begreifens -
oder er hat etwas zu verbergen.
IV.
Konflikte zwischen Staaten verstehen bedeutet, dass die je eigentümliche Lage
und Sichtweise beider Seiten betrachtet und verstanden wird. Im Verhältnis
zwischen Deutschland und Tschechien liegt nun quantitativ eine enorme Diskrepanz
vor: Tschechien, ein kleines Land mit etwa zehn Millionen Einwohnern, steht
Deutschland, der stärksten Macht Europas mit etwa 80 Millionen Einwohnern
gegenüber, das zudem territorial gesehen Tschechien von drei Seiten fest
umschließt. (Die acht Millionen Österreicher fungieren in diesem Zusammenhang
offensichtlich als Deutsche, so dass der Block fast 90 Millionen beträgt.)
Angesichts solch enormer Übermacht ist für den Stärkeren die Versuchung sehr
groß, von dem Grundsatz auszugehen: die haben wir doch völlig in der Hand.
Weshalb sollten wir auf die irgendwelche Rücksichten nehmen? Ohne Zweifel ist
eben dieser Grundsatz nach 1933 praktiziert worden. Eine genauere Untersuchung
könnte zeigen, dass die Praxis der Habsburger Regierung vor 1918 davon auch
nicht immer sehr weit entfernt war.
Tschechien verstehen würde bedeuten, dass eben diese Erfahrungen, die die
Tschechen mit ihren großen Nachbarn in der Vergangenheit gemacht haben, bedacht
werden. Diese Konstellation reicht nämlich weiter zurück, und sie hat Weltbild,
Selbstverständnis und Mentalität der tschechischen Bevölkerung über lange Zeit
hin tief geprägt. Man stelle sich vor: im Norden das deutsche Kaiserreich und
später dann die Weimarer Republik und das faschistische Deutschland - jedenfalls
die stärkste Macht Europas mit imposanter Militär- und Wirtschaftspotenz. Im
Osten das gewaltige Zarenreich und später die Sowjetunion. Und im Süden bis 1918
die gewaltige HabsburgMonarchie, deren kleiner Teil man selber war. Und dann das
Schockerlebnis mit traumatischen Wirkungen, das Münchener Abkommen 1938, als die
Großmächte Frankreich und England ihren kleinen Verbündeten Tschechoslowakei
einfach fallen ließen und an den Verhandlungen mit Hitler und Mussolini gar
nicht beteiligten. Welche Möglichkeit sollte da bestehen, eigene Ziele zu
verfolgen, eine eigene Identität auszubilden?
Es fehlt hier der Raum, um auf die kultur- und mentalitätsgeschichtlichen
Besonderheiten einzugehen, die in Tschechien sich entwickelt haben, um Antworten
auf diese Problemlage zu finden. Da wäre auf die Herausbildung eines
ungewöhnlichen kulturellen Reichtums hinzuweisen, in der Literatur, in der Musik
usw. (Aus der deutschen Geschichte, den Zeiten politischer Schwäche, liegen
übrigens ähnliche Erfahrungen vor: der Zeit nach dem 30jährigen Krieg, als
Deutschland in über 200 Souveränitäten zersplittert war, wie auch aus der Zeit
nach 1815, als es aus 36 Monarchien bestand.) Aber: die tiefe Melancholie, die -
bei aller Lebensfreude - besonders in der tschechischen Musik, aber auch in der
tschechischen Literatur mitklingt, könnte eben auch als ein Teil dieser Antwort
verstanden werden. Vielleicht kann auch die Figur des Soldaten Schweijk, wie sie
Hasek in seinem Roman gestaltet hat, als eine Antwort auf diese Lage verstanden
werden: Da nicht die geringste Möglichkeit besteht, auf die realen
Machtverhältnisse Einfluss zu nehmen, bleiben nur Scham und List, ein bisschen
was herauszuschlagen für ein lebenswertes Leben. Die politische Antwort bestand
darin - in einer Zeit, als in ganz Europa die Nation zum Zentrum der
Identitätsbildung wurde - ein starkes nationales Identitätsbewusstsein
auszubilden, das - durchaus in Wissen der sehr begrenzten Handlungsmöglichkeiten
- dennoch den Versuch unternimmt, die nationalen Interessen selbstbewusst zu
verteidigen. So war im Sommer 1938 die tschechoslowakische Armee zur
Verteidigung gegen den geplanten Angriff des Deutschen Reiches bereit (bis sie
durch das Münchener Abkommen praktisch wehrlos gemacht wurde). Und im Aufstand
von 1968 kam diese Ambivalenz erneut mit all ihren tragischen Folgen zum
Ausdruck.
Diese knappen Andeutungen sollen besagen: Die Deutschen müssten die
Besonderheiten der tschechischen historischen Erfahrungen, der tschechischen
Kultur und Mentalität besser verstehen, damit sie überhaupt wissen, was das für
ein kleiner Nachbar ist, mit dem wir so dicht zusammenleben. Vielleicht wäre von
hier aus auch die heftige Abwehrhaltung gegen die von deutscher Seite jetzt
verstärkt formulierten Forderungen verständlich - eine Abwehrhaltung, in welcher
offenbar eine große Mehrheit der tschechischen Bevölkerung über alle
Parteigrenzen hinweg sich einig ist. Eine kollektive Angst, vom großen Nachbarn
erneut überwältigt zu werden, und ein kollektiver Abwehrwille haben hier
offenbar die Entschlossenheit gestärkt, in dieser - wieder einmal - sehr
bedrohlichen Lage zusammenzustehen.
Die Stimmen aus dem Land des überwältigend starken Nachbarn sollten diesen
Kontext bedenken und jedes Wort abwägen, das sie an den kleinen Nachbarn
richten. Deutschland hat sich ja auch bemüht, gegenüber den Franzosen, den
Niederländern, den Dänen, den Norwegern und den Polen die jeweiligen
Besonderheiten und Schwierigkeiten der Beziehungen sich bewusst zu machen und im
politischen Verkehr zu berücksichtigen. Es ist schon sehr auffällig, dass
entsprechende Bemühungen gegenüber Tschechien, mit dem Deutschland die längste
Außengrenze und die intensivsten Wirtschaftsbeziehungen hat, bisher nur in viel
geringerem Maße entwickelt wurden (allerdings nicht ganz so gering wie gegenüber
den Serben, die beinahe ungebrochen die gesamte Zeit bis zu den neuen
Bombenangriffen 1999 als Feinde behandelt worden sind).
Hängt das mit der starken Stellung der sudetendeutschen Landsmannschaft in
Bayern und ihrer engen Beziehung zur Regierungspartei CSU zusammen? Oder
dominiert wirklich - bewusst oder unbewusst - die Einstellung: mit diesem
kleinen Land können wir doch eh verfahren, wie wir wollen? Eines ist jedenfalls
sicher: Wenn es zu gedeihlichen Beziehungen kommen soll, ist es notwendig, die
besonderen geschichtlichen Erfahrungen dieses kleinen Landes stärker zu
bedenken. Und es ist vor allem notwendig, jede Forderung zu unterlassen, die auf
Wiederherstellung des alten Zustandes, also "Heimatrecht" im Sinne von
Rückkehrrecht der Sudetendeutschen samt Wiedereinsetzung in die alten
Eigentumsrechte, hinausläuft. Das gilt auch schon für Forderungen, die auf
materielle Entschädigungsleistungen für das verlorene Eigentum hinauslaufen.
Tatsächlich aber sind viele Formulierungen der politischen Rechten in
Deutschland (einschließlich der CSU-Führung) genau so angelegt, dass sie diese
Furcht bei den Tschechen zu erzeugen geeignet sind (und vermutlich auch erzeugen
sollen): die Furcht, dass jederzeit die Forderung nach Wiederherstellung des
früheren Zustandes aus dem Ärmel gezogen werden könnte.
Solche Zündeleien sind der Verständigung zwischen Deutschen und Tschechen sehr
abträglich. Und ein Land, das halb Europa in Trümmer gelegt, Massen- und
Völkermord gerade auch gegenüber den slawischen Völkern in bis dahin
unvorstellbarem Maße begangen hat und zehn Millionen Ausländer als
Arbeitssklaven benutzt und größtenteils vernutzt und 40 Jahre lang - bis der
größte Teil der Opfer verstorben war - keinerlei Entschädigung an sie geleistet
hat, sollte wirklich zurückhaltend sein, wenn es um "Entschädigung" wegen
begangenen "Unrechts" geht.
Wenn klargestellt wäre, dass die Forderungen von materieller Entschädigung für
das verlorene Eigentum definitiv vom Tisch sind, dann ließe sich, so ist zu
vermuten, ziemlich leicht zu Bekundungen gelangen, in denen die deutsche und die
tschechische Seite wechselseitig ihr Bedauern aussprechen über das, was sie sich
in der Vergangenheit angetan haben. Denn dass auch von tschechischer Seite
besonders bei "der Besetzung des Grenzlandes", d.h. der sudetendeutschen
Gebiete, Verbrechen in erheblichem Umfang begangen worden sind, unterliegt
keinem Zweifel. Die Frage ist nur, wie gehen wir - Deutsche und Tschechen - 57
Jahre danach in unseren Gesprächen mit dieser Vergangenheit um. In entspannter
Weise wird das erst möglich sein, wenn wir absolut klargestellt haben, dass die
genannten Ansprüche an die Tschechen nicht mehr erhoben werden. Dann darf man
sicher sein, dass von tschechischer Seite auch manche Anschuldigung
zurückgenommen wird, in der von kollektiver Schuld der Sudetendeutschen oder gar
von Verbrechen der Sudetendeutschen, für die sie kollektiv verantwortlich seien,
die Rede war. Ich meinerseits müsste dann freilich auch meine Hoffnung aufgeben,
für meinen Bauernhof im Erzgebirge (vier Hektar Wald, vier Hektar Land,
steiniger Boden) Entschädigung zu erhalten. Für die Herstellung
freundschaftlicher Beziehungen von Deutschen und Tschechen wäre ich zu diesem
Opfer bereit!
Reinhard Kühnl
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