"informationen" Nr. 56, November 2002
Editorial
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Der deutsche
antifaschistische Widerstand war, das ist heute unumstritten, Teil des
international geführten Kampfes gegen den Faschismus
und muss in
dieser Wechselbeziehung begriffen und definiert werden. Gleichzeitig hat sich
der Blick auf die Hintergründe und Formen des Widerstandes geweitet.
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Im November 2000 eröffnete der Vorstand in den „informationen" eine Diskussion
um den Namen des Studienkreises. Dabei ging es uns aber nicht nur um den Namen.
Wir wollten einen Anstoß geben, um ganz grundsätzlich darüber nachzudenken und
zu diskutieren, ob der Begriff „deutscher Widerstand" inhaltlich tatsächlich das
bezeichnet, was der Studienkreis in den Jahren seit seiner Gründung 1967
geleistet hat bzw. was er in Zukunft leisten soll, leisten muss.
Zugespitzt ging und geht es um das Wort „deutscher Widerstand". Diese
Bezeichnung führte und führt immer wieder zu Fragen. Ist sie nicht irreführend?
Entspricht sie den historischen Tatsachen? Verengt und reduziert sie den
Widerstand nicht in einer nicht vertretbaren Weise?
Dabei geht es in der Diskussion nicht um die grundsätzliche Frage nach
Existenzberechtigung des Studienkreises. Im Gegenteil! Alle an der Diskussion
Beteiligten bewegt die Frage danach, wie Name und Tätigkeit des Studienkreises
in Übereinstimmung gebracht werden können. Dabei wird deutlich, dass alle
Diskutanten darauf verweisen, dass dieses Beziehungspaar nicht unhistorisch
betrachtet werden kann und darf, dass sich die gesellschaftlichen
und politischen Bedingungen seil 1967 gründlich gewandelt haben und diesem
Umstand in
zukünftigen Überlegungen Rechnung getragen werden
muss.
Die Widerstandsforschung und -vermittlung
des Studienkreises und auch anderer Forschungseinrichtungen hat tatsächlich
die engen deutschen Grenzen bereits
überschritten und sich auf Europa ausgedehnt. Man kann den deutschen
antifaschistischen Widerstand nicht ohne die
Résistance
in Frankreich oder ohne die Beteiligung an
Partisaneneinsätzen in der Sowjetunion und Polen, in Griechenland und Italien
denken, und umgekehrt natürlich auch. Schon seit langem
werden
die Widerstandsaktionen ausländischer
Zwangsarbeiter in Deutschland
in
die Forschungsarbeit miteinbezogen. Die
Beschäftigung mit dem Anteil deutscher AntifaschistInnen
im Spanischen Bürgerkrieg, im
Saarkampf oder im Kampf gegen die Henleinfaschisten in der Tschechoslowakei ist
nicht mehr wegzudenkender Teil der Arbeit des Studienkreises.
Der deutsche antifaschistische Widerstand war, das ist heute unumstritten, Teil
des international geführten Kampfes gegen den Faschismus und muss in dieser
Wechselbeziehung begriffen und definiert werden. Gleichzeitig hat sich der Blick
auf die Hintergründe und Formen des Widerstandes geweitet. In der heutigen
Forschungsarbeit des Studienkreises findet auch der Widerstand seinen Platz, der
nicht nur politisch motiviert war. Seit vielen Jahren dokumentiert der
Studienkreis
in Zusammenarbeit mit den bisher in der Forschung weitgehend ausgegrenzten
Opfergruppen, wie den Homosexuellen, Sinti und Roma, den Zeugen Jehovas und den
„Euthanasie“-Geschädigten, deren Anteil am antifaschistischen Widerstand.
Der Begriff "deutschcher
Widerstand" kann heute zu falschen
Vorstellungen führen. Der
Begriff
"antifaschistischer
Widerstand"
ist eindeutig und kann nicht missverstanden werden. Er lässt auch die sehr
weitgehenden Erwartungen nach
tätiger
Selbstkritik und eine Annäherung an die Wirklichkeit zu - zwei Erwartungen, die
der
Studienkreis im übrigen seit seiner Gründung erfüllt hat. Sie können und sollen
aber noch vertieft werden.
Die Entscheidung zur Namensänderung muss eine vom überwiegenden Teil der
Mitglieder getragene Entscheidung sein! Die geringe Beteiligung an der
Diskussion hat jedoch nicht den Schluss zugelassen, dass die Mitglieder des
Studienkreises derzeit auf der Grundlage einer ausführlichen Abwägung des Für
und Wider zu einer Entscheidung bereit sind.
Dennoch ist für den
Vorstand damit die Diskussion nicht beendet. Wir werden weiterhin für eine
Anpassung des Namens an die heutigen Aufgaben und Ziele des Studienkreises
werben.
Die Überlegung, den Namen zu ädern, ist sicherlich einem Generationswechsel und
der historischen Entwicklung zu schulden. Klar ist: die Arbeit des Studienkreis
soll nach wie vor einem (weiteren) Erstarken faschistoider Kräfte und Bewegungen
entgegenwirken. Dies möchten wir in enger Verbundenheit mit den Idealen
der
Begründerlnnen des Studienkreises leisten.
Cora Mohr, Dirk Krüger
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