Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945 e.V.

Pro und contra: Antifaschistischer und/oder deutscher Widerstand ? 
Fortführung der Diskussion

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Im November 2000 begannen wir an dieser Stelle mit dem Beitrag „Antifaschistischer und/oder deutscher Widerstand“ von Tjark Kunstreich die Diskussion um das Selbstverständnis des Studienkreises und die Frage, ob der derzeitige Name der Rolle und den Aufgaben des Studienkreises und seiner inhaltlichen Ausrichtung gerecht wird.

Entspricht die im Namen implizierte Fokussierung auf den deutschen Widerstand dem heutigen Forschungs und Dokumentationsverständnis des Studienkreises? Ist es möglich, das Tätigkeitsfeld des Studienkreises in einem prägnanten Namen so konkret zu fassen, dass das Selbstverständnis unverwechselbare und eindeutige Kontur gewinnt?

Nach zum Teil lebhaften Diskussionsbeiträgen in vier Ausgaben der „informationen“ halten wir es für gegeben, ein Resümee zu ziehen. Dazu laden wir alle Mitglieder, Leserinnen und Leser der „informationen“ zu einer Auswertungsdiskussion am Samstag, dem 18. August 2002 nach Frankfurt am Main ein. Das Ergebnis dieser Abschlussdiskussion soll dann auf der Mitgliederversammlung des Studienkreises am 30. November 2002 in Form eines Antrages zur Abstimmung gestellt werden.

Zur Vorbereitung dieser Auswertungsdiskussion werden wir neben den bisherigen Beiträgen in den „informationen“ auch alle Beiträge hinzuziehen, die bis zum 8. Juli noch bei uns eingegangen sind. Aus organisatorischen Gründen bitten wir alle an der Abschlussdiskussion Interessierten, sich bis zum 8. Juli im Büro des Studienkreises anzumelden. Nach Anmeldung erhalten alle genaue Informationen zu Ort und Zeit.

Der Vorstand

 


Günter Sicker, Frankfurt/Main
Ulrich Schneider, Historiker, Kassel

Günter Sicker, Frankfurt/Main

Zur Diskussion über den Begriff Antifaschistischer und/oder deutscher Widerstand möchte ich einen Hinweis aus eigener Erfahrung geben. Ich war 1944 in US-amerikanischer Kriegsgefangenenschaft in einem POW-Lager in Arizona und war dort Mitglied einer Lagergemeinschaft, die sich mit einem schriftlichen Ehrenwort zur Zusammenarbeit mit der Lagerverwaltung und zur Verpflichtung, keinen Fluchtversuch zu unternehmen, bereit erklärt hatte und sich damit von einer randalierenden, dem „Eid auf den Führer“ noch verpflichteten, am 9. November Nazilieder grölenden Mehrheit der deutschen Kriegsgefangenen distanzierte. Ich halte die Bezeichnung „antifaschistischer Widerstand“ für zutreffender. In unserem Lager konnten wir damals ein Taschenbuch „Achtung, Europa!“ mit Aufsätzen von Thomas Mann kaufen. Darin warnte Thomas Mann vor einer „Faschisierung des Kontinents“, vor einer „pro-faschistischen Sphäre Frankreichs“; wir diskutierten lange über die Schlußfolgerungen aus dem Satz: „Wie der Faschismus den Frieden ausschließt, so auch der Friede den Faschismus“. In den informationen Nr. 54 wird zudem mit dem Thema „Der Widerstand ausländischer Zwangsarbeitskräfte“ die „Begrenzung“ des Widerstandes auf deutsche Antifaschisten aufgehoben. Thomas Manns „Achtung, Europa!“ hat uns damals in unserem Widerstand gegen die noch uniformierten, Orden und Rangabzeichen zur Schau tragenden „Kameraden“ bestärkt. Uns ging es wesentlich besser – auch als Baumwollpflücker im Leistungslohn – als den Zwangsarbeitern in Deutschland, aber im Grunde genommen ist weder die Nationalität noch der Ort des Widerstandes entscheidend, sondern vielmehr das Ziel des Widerstandes und das war auf allen Kontinenten die Niederschlagung des Faschismus.
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Ulrich Schneider, Historiker, Kassel
Es ist eine Binsenweisheit, dass politische Begriffe historischen Wandlungen im Verständnis unterworfen sind. Das gilt auch für den Diskurs zum Widerstandsbegriff. Dabei sollte in der notwendigen Reflexion – im Sinne eines tragfähigen Widerstandsbegriffs – ein Verständnis von Widerstand im Zentrum stehen, das weder eine bestimmte Form des Widerstandes – beispielsweise den in parteipolitischen Strukturen organisierten – überhöht, noch – durch eine zu unspezifische Definition – alles unter einen Widerstands-Begriff subsummiert, ohne ein Kriterium für die Beurteilung der Qualität des antifaschistischen Verhaltens zu erhalten.

Widerstand als bewusstes Handeln gegen Maßnahmen und Zielsetzungen der faschistischen
Herrschaft
 

In diesem Rahmen sind Differenzierungen möglich, d.h. welche Formen des Handelns stattfanden, welche Maßnahmen und Zielsetzungen im Zentrum der jeweiligen Thema „Der Widerstand ausländischer Zwangsarbeitskräfte" die „Begrenzung" des Widerstandes auf deutsche Antifaschisten aufgehoben. Thomas Manns „Achtung, Europa!" hat uns damals in unserem Widerstand gegen die noch uniformierten, Orden und Rangabzeichen zur Schau tragenden „Kameraden" bestärkt. Uns ging es wesentlich besser - auch als Baumwollpflücker im Leistungslohn - als den Zwangsarbeitern in Deutschland, aber im Grunde genommen ist weder die Nationalität noch der Ort des Widerstandes entscheidend, sondern vielmehr das Ziel des Widerstandes und' das war auf allen Kontinenten die Niederschlagung des Faschismus.
Opposition standen u.a.m. Eine solche Definition ermöglicht es, eine Differenzierung zwischen politisch begründetem, organisiertem Handeln, punktueller, recht unterschiedlich motivierter Opposition und individuellen Aktionen vorzunehmen, wobei alle Formen des Handelns dem Widerstand zuzuordnen sind.
 

Gesellschaftliche Bedingungen des antifaschistischen Handelns
 

Eine der entscheidenden Fragen der Widerstandsforschung, die jedoch oft hinter der Betrachtung und notwendigen Würdigung der Leistungen der Frauen und Männer aus dem Widerstand zurücksteht, ist die Untersuchung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen antifaschistischen Handelns, also die Frage: Wie wurde Widerstand überhaupt möglich?


Dass es auf diese Frage keine pauschalen Antworten geben kann, dass vielmehr personale und regionale Besonderheiten sowie Unterschiede in den Handlungsmöglichkeiten in den verschiedenen Etappen faschistischer Herrschaft in Deutschland zu berücksichtigen sind, ist im wissenschaftlichen Diskurs bereits Konsens.


Antifaschistisches Handeln war z.B. in der Kriegsphase – besonders in der Zeit der „Blitzkrieg“-Euphorie – ungleich komplizierter als in den ersten Wochen und Monaten der NS-Diktatur: trotz des damals massiven Terrors und der blutigen Übergriffe von SA, politischer Polizei und Gestapo.
 

Gerade in der Betrachtung biographischer Studien werden wir darauf verwiesen, nicht nur zu untersuchen, was getan worden ist, sondern auch, wie es überhaupt möglich wurde, Widerstand zu leisten. Die Frauen und Männer des deutschen Widerstandes konnten sich nicht wie der sprichwörtliche „Fisch im Wasser“ in der deutschen Bevölkerung bewegen. Vielmehr waren die Existenzbedingungen der Antifaschisten geprägt durch Ausgrenzung aus der „Volksgemeinschaft“. Dies war einer der zentralen Unterschiede zum antifaschistischen Handeln in den vom deutschen Faschismus okkupierten Ländern, in denen die Widerstandskämpfer gleichermaßen Antifaschisten wie auch Patrioten waren.


Dass solch unterschiedliche Zugänge zum Antifaschismus bündnispolitisch teils sehr breite und politisch ungewöhnliche Konstellationen hervorbrachten, ist besonders aus Frankreich bekannt; selbst monarchistische und nationalistische Kreise fanden unter solchen Bedingungen – anders als in Deutschland – in die Reihen des organisierten Widerstandes.


Im Wissen um diese Rahmenbedingungen müssen wir immer wieder feststellen, welch große Herausforderung es war, in Deutschland Widerstand geleistet zu haben. Dieses Handeln war nicht allein abhängig von einer politischen Organisation oder der politischen Überzeugung und Standfestigkeit des Einzelnen, obwohl natürlich eine wesentliche Voraussetzung war, „ein Ziel vor den Augen“ gehabt zu haben. Ein solches Ziel, eine solche Vision eines anderen Deutschlands, setzte persönliche Kräfte frei, den Terror, die Verfolgung und die Schwierigkeiten des illegalen Kampfes auszuhalten. Aber es waren nicht nur die personalen Voraussetzungen, sondern ebenso gesellschaftliche Bedingungen, die die Basis für solches Handeln schufen.
 

Widerstand war dort möglich, wo es Solidarität gab. 
 

Dieser Satz weist auf die verschiedenen Facetten der Handlungsrahmen hin. Widerstand wurde dort möglich, wo beispielsweise in traditionellen Strukturen der Arbeiterbewegung (in Arbeiterwohngebieten, in Betrieben, in den kulturellen Organisationsformen des proletarischen Milieus) trotz Verfolgung und Wirksamkeit der faschistischen Ideologie Verbundenheit mit und Sicherheit für antifaschistische Kämpfer gewährleistet war. Dort konnte die „Volksgemeinschafts“-Ideologie weniger greifen, waren Handlungsräume für Antifaschisten geöffnet.


Zu diesen Handlungsräumen gehörte es, dass illegal lebenden Widerstandskämpfern und -kämpferinnen Schutz, Unterkunft und Verpflegung gewährt wurde. Aus Gründen der Sicherheit konnten dabei die Quartiergeber nicht unbedingt solche Menschen sein, die schon in der Weimarer Zeit als Mitglieder der Arbeiterbewegung bekannt geworden sind. So war es nötig, Menschen zu gewinnen, die – eingedenk der drohenden Gefahren von Verhaftung und schlimmerer Repressalien – bereit waren, ihnen unbekannten Personen, von denen sie eigentlich nur die politische Gesinnung einschätzen konnten, zu helfen. Solche Solidarität erhielten Illegale nicht allein im Arbeitermilieu, sondern auch bei Einzelnen, die aus humanistischer, aus christlicher oder anderer Grundüberzeugung im Widerspruch zu den faschistischen Vorstellungen standen.


Anna Seghers hat in ihrem Roman „Das siebte Kreuz“ eine eindrucksvolle Charakterisierung solcher Menschen und ihrer Beweggründe vorgelegt, die bereit waren – trotz Zweifel, eigener Bedrohung oder anderer Widrigkeiten – Verfolgten zu helfen. Mancher erinnerte sich an frühere Überzeugungen, andere glaubten aus moralischer, christlicher oder humanistischer Verantwortung nicht anders handeln zu können, wenn sie vor sich selbst bestehen wollten, dritte wiederum sahen in dieser Hilfe ihren Beitrag gegen erlebte Ungerechtigkeit. Die Zugänge waren verschieden, das Resultat jedoch war praktizierte Solidarität mit dem Entflohenen.


Neben der Unterstützung für die Widerstandskämpfer selber und ihr Anliegen gehörte zu dieser Solidarität auch die Hilfestellung für deren Angehörige. Durch die faschistische Verfolgung verloren Familien den Ernährer, staatliche Sozialunterstützung und Wohlfahrtserwerbslosenhilfe wurden selbstverständlich nicht gewährt. Hier war nicht allein die Hilfe aus der unmittelbaren Familie angesagt, die Solidarität durch Nachbarn, durch das politische Umfeld und andere Antifaschisten wurde für derart betroffene Familien für das Überleben notwendig.


Diese Solidarität entwickelte zunehmend den Charakter eigener Widerstandshandlungen, als sie nicht allein der Sicherung der Rahmenbedingungen antifaschistischen Handelns diente, sondern der bewussten Hilfe für vom faschistischen Terrorapparat verfolgter Menschen. Dabei war es gleichgültig, ob die Unterstützung illegalen Kämpfern, sozial Ausgegrenzten oder Menschen, die aus Gründen der rassistischen Stigmatisierung verfolgt wurden, gewährt wurde. Diese Unterstützung reichte von der einfachen materiellen Solidarität bis zur Fluchthilfe oder die Ermöglichung einer illegalen Existenz, wie beim Schutz mehrerer hundert jüdischer Menschen in Berlin während des Krieges.


Eine besondere Form der Solidarität betraf das gemeinsame Handeln von Mitgliedern und Anhängern der verschiedenen Arbeiterorganisationen. Die praktische Arbeitereinheit drückte sich in verschiedenen Formen des gemeinsamen Handelns aus, in der Zusammenarbeit im Stadtteil, in betrieblichen Aktivitäten bis hinein in Ansätze von Streikkämpfen, die es Ende der 30er Jahre durchaus gab, in der Verbreitung von antifaschistischen Materialien bis hin zu Netzwerken, in denen Antifaschisten aus verschiedenen Arbeiterparteien verbunden waren. Diese Arbeitereinheit wurde immer wichtiger, da der faschistische Terror im Laufe der Zeit alle Strukturen der Organisationen zerschlug und während des Krieges der Kontakt zu den Auslandsleitungen weitgehend unterbrochen wurde. So wurde eine Solidarität, die nicht an Parteigrenzen oder Organisationen gebunden war, eines der wesentlichen Fundamente antifaschistischen Handelns.


Ein weiteres Fundament: Internationalismus


Internationale Solidarität bzw. Internationalismus war eine zweite Grundbedingung für antifaschistisches Handeln in den Jahren 1933 bis 1945. Erinnert sei beispielsweise an die besondere Bedeutung der Internationalen Transportarbeiter Föderation (ITF), die als gewerkschaftliche Gruppe eine wichtige Stütze für den Widerstand in Deutschland wurde. Mit Hilfe dieser grenzüberschreitenden Arbeit war es politischen Gruppen möglich, größere Mengen illegaler Materialien auf den Rheinlastkähnen, mit Eisenbahntransporten und per Kurierdiensten in das Land hineinzuschmuggeln und andererseits durch den faschistischen Verfolgungsapparat direkt bedrohte Antifaschisten die Flucht ins Ausland zu ermöglichen. Dabei zielte diese Arbeit nicht allein auf die unmittelbare Unterstützung der deutschen Antifaschisten. Die ausländischen Nazigegner bemühten sich schon früh, die demokratische Weltöffentlichkeit über die Verbrechen des deutschen Faschismus aufzuklären.


Ein bekanntes Beispiel ist jener Bericht aus dem April 1933, der schon wenige Tage nach der Ermordung des jüdischen Rechtsanwalts Max Plaut aus Kassel in britischen Tageszeitungen erschien. Mit Hilfe solcher Öffentlichkeitsarbeit versuchten antifaschistische Organisationen, internationalen Druck auf das Deutsche Reich auszuüben, um verhafteten und durch die Justiz bedrohten Antifaschisten zu helfen. Erinnert sei auch an internationalen Kampagnen wie die zur Rettung von Lilo Herrmann oder von Ernst Thälmann, die ihren Niederschlag in fast allen nichtfaschistischen Ländern mit Aufrufen, Demonstrationen und Kundgebungen fanden.

Ebenso wie deutschen Antifaschisten Hilfe von den demokratischen Kräften des Auslands erhielten, versuchten sie nach dem Beginn des faschistischen Überfalls den Menschen aus den okkupierten Ländern ihrerseits Hilfestellung zu geben. Dies betraf besonders die Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen, die als Arbeitssklaven ins Deutsche Reich verbracht wurden. Während SS und Unternehmen aus diesem Zwangsarbeitereinsatz höchstmöglichen Profit schlugen, waren es oftmals Arbeiter, die den Deportierten im Alltag Überlebensmöglichkeiten boten. Für die Vielzahl solcher Beispiele möchte ich zwei aus Hessen anführen: Heidi Niebergall aus Kassel-Bettenhausen unterstützte trotz Verbot und Abmahnung französische Zwangsarbeiter in ihrem Betrieb mit Brot und anderen Nahrungsmitteln; Rudolf Döbert, ein Kommunist aus Offenbach, half sowjetischen Zwangsarbeitern nicht nur mit Lebensmitteln, sondern auch durch Informationen über die Frontlage und anderen Dingen. Es liegen zahlreiche Beispiele vor, dass nach dem Krieg Gruppen von überlebenden Zwangsarbeitern nicht nur – wie die Alltagslegenden behaupten – „marodierend durch deutsche Städte“ marschierten und sich für das erlittene Unrecht selber entschädigten, sondern auch deutschen Antifaschisten direkt Gerechtigkeit widerfahren ließen.


Existenziell wurde solche internationale Solidarität unter den Bedingungen der Konzentrationslagern. Während es sich bei einigen Historikern eingebürgert hat, bei Konzentrationslagern von einer „Wolfsgesellschaft“ zu sprechen, können ehemalige politische Häftlinge darüber berichten, in welch großem Umfang beispielsweise im KZ Buchenwald die Existenz und die Überlebensmöglichkeiten der ausländischen Häftlinge, die seit 1939 in großer Zahl ins Lager eingeliefert wurden, von dem gelebten Internationalismus der deutschen Antifaschisten abhingen. Es begann bereits bei der Ankunft, als die ausländischen Häftlinge erfahren und spüren konnten, dass es zwei verschiedene Deutsche gab, die SS und die antifaschistischen Kämpfer, die ihnen vertrauensvoll und solidarisch begegneten. Es ging weiter mit der Hilfe zur Bewältigung des Lageralltags, z.B. sich trotz fehlender Sprachkenntnisse zu orientieren, auf die gebrüllten Befehle der SS so zu reagieren, dass man keinen Anlass für eine Bestrafung bot und andere Strategien zum Überleben. Wichtig war diese Hilfe besonders in den jeweiligen Arbeitskommandos, damit nicht durch Unkenntnis oder Unverständnis der SS Vorwände zum Eingreifen geboten wurden. Durch solche Hilfe entwickelte sich auch unter den ausländischen Häftlingen ein Vertrauen zu den deutschen Kameraden. Auf der Basis dieses Vertrauens gelang es selbst unter den Bedingungen der SS-Herrschaft eine gemeinsame Kampffront gegen den Faschismus aufzurichten, eine Kampffront, die je nach Situation und Möglichkeiten der Lager auf ganz bescheidener Ebene eine Abwehr gegen SS-Übergriffe, gegen Repressalien durch willfährige Helfer der SS, gegen Hunger und Krankheit errichtete und damit insgesamt das Überleben von vielen Mithäftlingen ermöglichte.


Eine Kampffront aber auch, die wie in Buchenwald zum Aufbau eines Internationalen Lagerkomitees und einer Internationalen Militärorganisation führte, mit deren Hilfe es den Häftlingen gelang, sich beim Herannahen der alliierten Truppen am 11. April 1945 selbst zu befreien und damit 21.000 Häftlinge, unter ihnen über 900 Kinder und Jugendliche, vor der Vernichtung zu retten.


Zu dieser Front gehörte auch der gelebte Internationalismus im gemeinsamen Kampf gegen den Faschismus in den militärischen Formationen der Anti-Hitler-Koalition. Dazu nur einige Stichworte: Der erste Höhepunkt des gemeinsamen Kampfes war der Einsatz deutscher Antifaschisten in den Internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg zur Verteidigung der Republik gegen den vom deutschen und italienischen Faschismus unterstützten Franco-Putsch. Mehrere tausend deutsche Nazigegner, aus dem Exil oder illegal aus Deutschland ausgereist, zeigten auf diese Weise ihre internationale Solidarität und versuchten, Hitler und seine Kriegspolitik schon in Spanien zu stoppen. Selbst wenn dieser Kampf mit der militärischen Niederlage der republikanischen Truppen endete, war er ein wichtiges Zeugnis aktiven internationalistischen Handelns.


Deutsche Antifaschisten kämpften während des Krieges in den Reihen der nationalen Widerstandsbewegungen. An fast allen Fronten, bei den Partisanen von Jugoslawien, in Griechenland, in der Sowjetunion, in Italien und Frankreich, selbst in der britischen und der US-amerikanischen Armee waren deutsche Nazigegner aktiv. Besonders hervorzuheben sind in diesem Zusammenhang die Aktivitäten des CALPO (Comitée Allemagne libre pour l’Ouest), das die Arbeit deutscher Antifaschisten in den Reihen der französischen Résistance organisierte, sowie die Frontarbeit des „Nationalkomitees Freies Deutschland“ (NKFD) in der Sowjetunion, wo deutsche Antifaschisten versuchten, die von antibolschewistischer Propaganda verblendeten deutschen Armeeangehörigen davon zu überzeugen, dass nur die militärische Niederlage des Deutschen Reiches die Rettung für die Heimat bedeuten würde.


So war der deutsche Widerstand, das Handeln deutscher Antifaschisten selbst Teil der militärischen Aktivitäten der  Anti-Hitler-Koalition und hatte damit seinen unmittelbaren Anteil an der Befreiung Deutschlands von Faschismus und Krieg.
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"informationen" Nr. 55, Juni 2002

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