Pro und contra: Antifaschistischer und/oder
deutscher Widerstand ?
Fortführung der Diskussion
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Nr. 55
Im November 2000 begannen
wir an dieser Stelle mit dem Beitrag „Antifaschistischer und/oder deutscher Widerstand“
von Tjark Kunstreich die Diskussion um das Selbstverständnis des Studienkreises
und die Frage, ob der derzeitige Name der Rolle und den Aufgaben des Studienkreises
und seiner inhaltlichen Ausrichtung gerecht wird.
Entspricht die im Namen implizierte Fokussierung auf den deutschen Widerstand dem heutigen Forschungs und Dokumentationsverständnis
des Studienkreises? Ist es möglich, das Tätigkeitsfeld des Studienkreises in einem
prägnanten Namen so konkret zu fassen, dass das Selbstverständnis unverwechselbare
und eindeutige Kontur gewinnt?
Nach zum Teil lebhaften Diskussionsbeiträgen in vier Ausgaben der „informationen“
halten wir es für gegeben, ein Resümee zu ziehen. Dazu laden wir alle Mitglieder,
Leserinnen und Leser der „informationen“ zu einer Auswertungsdiskussion am Samstag,
dem 18. August 2002 nach Frankfurt am Main ein. Das Ergebnis dieser Abschlussdiskussion
soll dann auf der Mitgliederversammlung des Studienkreises am 30. November 2002
in Form eines Antrages zur Abstimmung gestellt werden.
Zur Vorbereitung dieser Auswertungsdiskussion werden wir neben den bisherigen Beiträgen in den „informationen“
auch alle Beiträge hinzuziehen, die bis zum 8. Juli noch bei uns eingegangen sind.
Aus organisatorischen Gründen bitten wir alle an der Abschlussdiskussion Interessierten,
sich bis zum 8. Juli im Büro des Studienkreises anzumelden. Nach Anmeldung erhalten
alle genaue Informationen zu Ort und Zeit.
Der Vorstand
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Günter Sicker, Frankfurt/Main
Ulrich Schneider, Historiker, Kassel
Günter Sicker, Frankfurt/Main
Zur Diskussion über den Begriff Antifaschistischer und/oder deutscher Widerstand
möchte ich einen Hinweis aus eigener Erfahrung geben. Ich war 1944 in US-amerikanischer
Kriegsgefangenenschaft in einem POW-Lager in Arizona und war dort Mitglied einer
Lagergemeinschaft, die sich mit einem schriftlichen Ehrenwort zur Zusammenarbeit
mit der Lagerverwaltung und zur Verpflichtung, keinen Fluchtversuch zu unternehmen,
bereit erklärt hatte und sich damit von einer randalierenden, dem „Eid auf den
Führer“ noch verpflichteten, am 9. November Nazilieder grölenden Mehrheit der
deutschen Kriegsgefangenen distanzierte. Ich halte die Bezeichnung „antifaschistischer
Widerstand“ für zutreffender. In unserem Lager konnten wir damals ein Taschenbuch
„Achtung, Europa!“ mit Aufsätzen von Thomas Mann kaufen. Darin warnte Thomas Mann
vor einer „Faschisierung des Kontinents“, vor einer „pro-faschistischen Sphäre
Frankreichs“; wir diskutierten lange über die Schlußfolgerungen aus dem Satz:
„Wie der Faschismus den Frieden ausschließt, so auch der Friede den Faschismus“.
In den informationen Nr. 54 wird zudem mit dem Thema „Der Widerstand ausländischer
Zwangsarbeitskräfte“ die „Begrenzung“ des Widerstandes auf deutsche Antifaschisten
aufgehoben. Thomas Manns „Achtung, Europa!“ hat uns damals in unserem Widerstand
gegen die noch uniformierten, Orden und Rangabzeichen zur Schau tragenden „Kameraden“
bestärkt. Uns ging es wesentlich besser – auch als Baumwollpflücker im Leistungslohn
– als den Zwangsarbeitern in Deutschland, aber im Grunde genommen ist weder die
Nationalität noch der Ort des Widerstandes entscheidend, sondern vielmehr das
Ziel des Widerstandes und das war auf allen Kontinenten die Niederschlagung des
Faschismus.
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Ulrich Schneider, Historiker, Kassel
Es ist eine Binsenweisheit, dass politische Begriffe historischen Wandlungen
im Verständnis unterworfen sind. Das gilt auch für den Diskurs zum Widerstandsbegriff.
Dabei sollte in der notwendigen Reflexion – im Sinne eines tragfähigen Widerstandsbegriffs
– ein Verständnis von Widerstand im Zentrum stehen, das weder eine bestimmte Form
des Widerstandes – beispielsweise den in parteipolitischen Strukturen organisierten
– überhöht, noch – durch eine zu unspezifische Definition – alles unter einen
Widerstands-Begriff subsummiert, ohne ein Kriterium für die Beurteilung der Qualität
des antifaschistischen Verhaltens zu erhalten.
Widerstand als bewusstes Handeln gegen Maßnahmen und
Zielsetzungen der faschistischen
Herrschaft
In diesem Rahmen sind Differenzierungen möglich, d.h. welche
Formen des Handelns stattfanden, welche Maßnahmen und Zielsetzungen im Zentrum
der jeweiligen Thema „Der Widerstand
ausländischer Zwangsarbeitskräfte" die „Begrenzung" des Widerstandes auf
deutsche Antifaschisten aufgehoben. Thomas Manns „Achtung, Europa!" hat uns
damals in unserem Widerstand gegen die noch uniformierten, Orden und
Rangabzeichen zur Schau tragenden „Kameraden" bestärkt. Uns ging es wesentlich
besser - auch als Baumwollpflücker im Leistungslohn - als den Zwangsarbeitern in
Deutschland, aber im Grunde genommen ist weder die Nationalität noch der Ort des
Widerstandes entscheidend, sondern vielmehr das Ziel des Widerstandes und' das
war auf allen Kontinenten die Niederschlagung des Faschismus.
Opposition standen u.a.m. Eine solche Definition ermöglicht es,
eine Differenzierung zwischen politisch begründetem, organisiertem Handeln, punktueller,
recht unterschiedlich motivierter Opposition und individuellen Aktionen vorzunehmen,
wobei alle Formen des Handelns dem Widerstand zuzuordnen sind.
Gesellschaftliche Bedingungen des antifaschistischen
Handelns
Eine der entscheidenden Fragen der Widerstandsforschung, die
jedoch oft hinter der Betrachtung und notwendigen Würdigung der Leistungen der
Frauen und Männer aus dem Widerstand zurücksteht, ist die Untersuchung der gesellschaftlichen
Rahmenbedingungen antifaschistischen Handelns, also die Frage: Wie wurde Widerstand
überhaupt möglich?
Dass es auf diese Frage keine pauschalen Antworten geben kann,
dass vielmehr personale und regionale Besonderheiten sowie Unterschiede in den
Handlungsmöglichkeiten in den verschiedenen Etappen faschistischer Herrschaft
in Deutschland zu berücksichtigen sind, ist im wissenschaftlichen Diskurs bereits
Konsens.
Antifaschistisches Handeln war z.B. in der Kriegsphase – besonders
in der Zeit der „Blitzkrieg“-Euphorie – ungleich komplizierter als in den ersten
Wochen und Monaten der NS-Diktatur: trotz des damals massiven Terrors und der
blutigen Übergriffe von SA, politischer Polizei und Gestapo.
Gerade in der Betrachtung biographischer Studien werden wir
darauf verwiesen, nicht nur zu untersuchen, was getan worden ist, sondern auch,
wie es überhaupt möglich wurde, Widerstand zu leisten. Die Frauen und Männer des
deutschen Widerstandes konnten sich nicht wie der sprichwörtliche „Fisch im Wasser“
in der deutschen Bevölkerung bewegen. Vielmehr waren die Existenzbedingungen der
Antifaschisten geprägt durch Ausgrenzung aus der „Volksgemeinschaft“. Dies war
einer der zentralen Unterschiede zum antifaschistischen Handeln in den vom deutschen
Faschismus okkupierten Ländern, in denen die Widerstandskämpfer gleichermaßen
Antifaschisten wie auch Patrioten waren.
Dass solch unterschiedliche Zugänge zum Antifaschismus bündnispolitisch
teils sehr breite und politisch ungewöhnliche Konstellationen hervorbrachten,
ist besonders aus Frankreich bekannt; selbst monarchistische und nationalistische
Kreise fanden unter solchen Bedingungen – anders als in Deutschland – in die Reihen
des organisierten Widerstandes.
Im Wissen um diese Rahmenbedingungen müssen wir immer wieder
feststellen, welch große Herausforderung es war, in Deutschland Widerstand geleistet
zu haben. Dieses Handeln war nicht allein abhängig von einer politischen Organisation
oder der politischen Überzeugung und Standfestigkeit des Einzelnen, obwohl natürlich
eine wesentliche Voraussetzung war, „ein Ziel vor den Augen“ gehabt zu haben.
Ein solches Ziel, eine solche Vision eines anderen Deutschlands, setzte persönliche
Kräfte frei, den Terror, die Verfolgung und die Schwierigkeiten des illegalen
Kampfes auszuhalten. Aber es waren nicht nur die personalen Voraussetzungen, sondern
ebenso gesellschaftliche Bedingungen, die die Basis für solches Handeln schufen.
Widerstand war dort möglich, wo es Solidarität gab.
Dieser Satz weist auf die verschiedenen Facetten der Handlungsrahmen
hin. Widerstand wurde dort möglich, wo beispielsweise in traditionellen Strukturen
der Arbeiterbewegung (in Arbeiterwohngebieten, in Betrieben, in den kulturellen
Organisationsformen des proletarischen Milieus) trotz Verfolgung und Wirksamkeit
der faschistischen Ideologie Verbundenheit mit und Sicherheit für antifaschistische
Kämpfer gewährleistet war. Dort konnte die „Volksgemeinschafts“-Ideologie weniger
greifen, waren Handlungsräume für Antifaschisten geöffnet.
Zu diesen Handlungsräumen gehörte es, dass illegal lebenden
Widerstandskämpfern und -kämpferinnen Schutz, Unterkunft und Verpflegung gewährt
wurde. Aus Gründen der Sicherheit konnten dabei die Quartiergeber nicht unbedingt
solche Menschen sein, die schon in der Weimarer Zeit als Mitglieder der Arbeiterbewegung
bekannt geworden sind. So war es nötig, Menschen zu gewinnen, die – eingedenk
der drohenden Gefahren von Verhaftung und schlimmerer Repressalien – bereit waren,
ihnen unbekannten Personen, von denen sie eigentlich nur die politische Gesinnung
einschätzen konnten, zu helfen. Solche Solidarität erhielten Illegale nicht allein
im Arbeitermilieu, sondern auch bei Einzelnen, die aus humanistischer, aus christlicher
oder anderer Grundüberzeugung im Widerspruch zu den faschistischen Vorstellungen
standen.
Anna Seghers hat in ihrem Roman „Das siebte Kreuz“ eine eindrucksvolle
Charakterisierung solcher Menschen und ihrer Beweggründe vorgelegt, die bereit
waren – trotz Zweifel, eigener Bedrohung oder anderer Widrigkeiten – Verfolgten
zu helfen. Mancher erinnerte sich an frühere Überzeugungen, andere glaubten aus
moralischer, christlicher oder humanistischer Verantwortung nicht anders handeln
zu können, wenn sie vor sich selbst bestehen wollten, dritte wiederum sahen in
dieser Hilfe ihren Beitrag gegen erlebte Ungerechtigkeit. Die Zugänge waren verschieden,
das Resultat jedoch war praktizierte Solidarität mit dem Entflohenen.
Neben der Unterstützung für die Widerstandskämpfer selber
und ihr Anliegen gehörte zu dieser Solidarität auch die Hilfestellung für deren
Angehörige. Durch die faschistische Verfolgung verloren Familien den Ernährer,
staatliche Sozialunterstützung und Wohlfahrtserwerbslosenhilfe wurden selbstverständlich
nicht gewährt. Hier war nicht allein die Hilfe aus der unmittelbaren Familie angesagt,
die Solidarität durch Nachbarn, durch das politische Umfeld und andere Antifaschisten
wurde für derart betroffene Familien für das Überleben notwendig.
Diese Solidarität entwickelte zunehmend den Charakter eigener
Widerstandshandlungen, als sie nicht allein der Sicherung der Rahmenbedingungen
antifaschistischen Handelns diente, sondern der bewussten Hilfe für vom faschistischen
Terrorapparat verfolgter Menschen. Dabei war es gleichgültig, ob die Unterstützung
illegalen Kämpfern, sozial Ausgegrenzten oder Menschen, die aus Gründen der rassistischen
Stigmatisierung verfolgt wurden, gewährt wurde. Diese Unterstützung reichte von
der einfachen materiellen Solidarität bis zur Fluchthilfe oder die Ermöglichung
einer illegalen Existenz, wie beim Schutz mehrerer hundert jüdischer Menschen
in Berlin während des Krieges.
Eine besondere Form der Solidarität betraf das gemeinsame
Handeln von Mitgliedern und Anhängern der verschiedenen Arbeiterorganisationen.
Die praktische Arbeitereinheit drückte sich in verschiedenen Formen des gemeinsamen
Handelns aus, in der Zusammenarbeit im Stadtteil, in betrieblichen Aktivitäten
bis hinein in Ansätze von Streikkämpfen, die es Ende der 30er Jahre durchaus gab,
in der Verbreitung von antifaschistischen Materialien bis hin zu Netzwerken, in
denen Antifaschisten aus verschiedenen Arbeiterparteien verbunden waren. Diese
Arbeitereinheit wurde immer wichtiger, da der faschistische Terror im Laufe der
Zeit alle Strukturen der Organisationen zerschlug und während des Krieges der
Kontakt zu den Auslandsleitungen weitgehend unterbrochen wurde. So wurde eine
Solidarität, die nicht an Parteigrenzen oder Organisationen gebunden war, eines
der wesentlichen Fundamente antifaschistischen Handelns.
Ein weiteres Fundament: Internationalismus
Internationale Solidarität bzw. Internationalismus war eine
zweite Grundbedingung für antifaschistisches Handeln in den Jahren 1933 bis 1945.
Erinnert sei beispielsweise an die besondere Bedeutung der Internationalen Transportarbeiter
Föderation (ITF), die als gewerkschaftliche Gruppe eine wichtige Stütze für den
Widerstand in Deutschland wurde. Mit Hilfe dieser grenzüberschreitenden Arbeit
war es politischen Gruppen möglich, größere Mengen illegaler Materialien auf den
Rheinlastkähnen, mit Eisenbahntransporten und per Kurierdiensten in das Land hineinzuschmuggeln
und andererseits durch den faschistischen Verfolgungsapparat direkt bedrohte Antifaschisten
die Flucht ins Ausland zu ermöglichen. Dabei zielte diese Arbeit nicht allein
auf die unmittelbare Unterstützung der deutschen Antifaschisten. Die ausländischen
Nazigegner bemühten sich schon früh, die demokratische Weltöffentlichkeit über
die Verbrechen des deutschen Faschismus aufzuklären.
Ein bekanntes Beispiel
ist jener Bericht aus dem April 1933, der schon wenige Tage nach der Ermordung
des jüdischen Rechtsanwalts Max Plaut aus Kassel in britischen Tageszeitungen
erschien. Mit Hilfe solcher Öffentlichkeitsarbeit versuchten antifaschistische
Organisationen, internationalen Druck auf das Deutsche Reich auszuüben, um verhafteten
und durch die Justiz bedrohten Antifaschisten zu helfen. Erinnert sei auch an
internationalen Kampagnen wie die zur Rettung von Lilo Herrmann oder von Ernst
Thälmann, die ihren Niederschlag in fast allen nichtfaschistischen Ländern mit
Aufrufen, Demonstrationen und Kundgebungen fanden.
Ebenso wie deutschen Antifaschisten Hilfe von den demokratischen
Kräften des Auslands erhielten, versuchten sie nach dem Beginn des faschistischen
Überfalls den Menschen aus den okkupierten Ländern ihrerseits Hilfestellung zu
geben. Dies betraf besonders die Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen, die als Arbeitssklaven
ins Deutsche Reich verbracht wurden. Während SS und Unternehmen aus diesem Zwangsarbeitereinsatz
höchstmöglichen Profit schlugen, waren es oftmals Arbeiter, die den Deportierten
im Alltag Überlebensmöglichkeiten boten. Für die Vielzahl solcher Beispiele möchte
ich zwei aus Hessen anführen: Heidi Niebergall aus Kassel-Bettenhausen unterstützte
trotz Verbot und Abmahnung französische Zwangsarbeiter in ihrem Betrieb mit Brot
und anderen Nahrungsmitteln; Rudolf Döbert, ein Kommunist aus Offenbach, half
sowjetischen Zwangsarbeitern nicht nur mit Lebensmitteln, sondern auch durch Informationen
über die Frontlage und anderen Dingen. Es liegen zahlreiche Beispiele vor, dass
nach dem Krieg Gruppen von überlebenden Zwangsarbeitern nicht nur – wie die Alltagslegenden
behaupten – „marodierend durch deutsche Städte“ marschierten und sich für das
erlittene Unrecht selber entschädigten, sondern auch deutschen Antifaschisten
direkt Gerechtigkeit widerfahren ließen.
Existenziell wurde solche internationale Solidarität unter
den Bedingungen der Konzentrationslagern. Während es sich bei einigen Historikern
eingebürgert hat, bei Konzentrationslagern von einer „Wolfsgesellschaft“ zu sprechen,
können ehemalige politische Häftlinge darüber berichten, in welch großem Umfang
beispielsweise im KZ Buchenwald die Existenz und die Überlebensmöglichkeiten der
ausländischen Häftlinge, die seit 1939 in großer Zahl ins Lager eingeliefert wurden,
von dem gelebten Internationalismus der deutschen Antifaschisten abhingen. Es
begann bereits bei der Ankunft, als die ausländischen Häftlinge erfahren und spüren
konnten, dass es zwei verschiedene Deutsche gab, die SS und die antifaschistischen
Kämpfer, die ihnen vertrauensvoll und solidarisch begegneten. Es ging weiter mit
der Hilfe zur Bewältigung des Lageralltags, z.B. sich trotz fehlender Sprachkenntnisse
zu orientieren, auf die gebrüllten Befehle der SS so zu reagieren, dass man keinen
Anlass für eine Bestrafung bot und andere Strategien zum Überleben. Wichtig war
diese Hilfe besonders in den jeweiligen Arbeitskommandos, damit nicht durch Unkenntnis
oder Unverständnis der SS Vorwände zum Eingreifen geboten wurden. Durch solche
Hilfe entwickelte sich auch unter den ausländischen Häftlingen ein Vertrauen zu
den deutschen Kameraden. Auf der Basis dieses Vertrauens gelang es selbst unter
den Bedingungen der SS-Herrschaft eine gemeinsame Kampffront gegen den Faschismus
aufzurichten, eine Kampffront, die je nach Situation und Möglichkeiten der Lager
auf ganz bescheidener Ebene eine Abwehr gegen SS-Übergriffe, gegen Repressalien
durch willfährige Helfer der SS, gegen Hunger und Krankheit errichtete und damit
insgesamt das Überleben von vielen Mithäftlingen ermöglichte.
Eine Kampffront aber auch, die wie in Buchenwald zum Aufbau
eines Internationalen Lagerkomitees und einer Internationalen Militärorganisation
führte, mit deren Hilfe es den Häftlingen gelang, sich beim Herannahen der alliierten
Truppen am 11. April 1945 selbst zu befreien und damit 21.000 Häftlinge, unter
ihnen über 900 Kinder und Jugendliche, vor der Vernichtung zu retten.
Zu dieser Front gehörte auch der gelebte Internationalismus
im gemeinsamen Kampf gegen den Faschismus in den militärischen Formationen der
Anti-Hitler-Koalition. Dazu nur einige Stichworte: Der erste Höhepunkt des gemeinsamen
Kampfes war der Einsatz deutscher Antifaschisten in den Internationalen Brigaden
im spanischen Bürgerkrieg zur Verteidigung der Republik gegen den vom deutschen
und italienischen Faschismus unterstützten Franco-Putsch. Mehrere tausend deutsche
Nazigegner, aus dem Exil oder illegal aus Deutschland ausgereist, zeigten auf
diese Weise ihre internationale Solidarität und versuchten, Hitler und seine Kriegspolitik
schon in Spanien zu stoppen. Selbst wenn dieser Kampf mit der militärischen Niederlage
der republikanischen Truppen endete, war er ein wichtiges Zeugnis aktiven internationalistischen
Handelns.
Deutsche Antifaschisten kämpften während des Krieges in den
Reihen der nationalen Widerstandsbewegungen. An fast allen Fronten, bei den Partisanen
von Jugoslawien, in Griechenland, in der Sowjetunion, in Italien und Frankreich,
selbst in der britischen und der US-amerikanischen Armee waren deutsche Nazigegner
aktiv. Besonders hervorzuheben sind in diesem Zusammenhang die Aktivitäten des
CALPO (Comitée Allemagne libre pour l’Ouest), das die Arbeit deutscher Antifaschisten
in den Reihen der französischen Résistance organisierte, sowie die Frontarbeit
des „Nationalkomitees Freies Deutschland“ (NKFD) in der Sowjetunion, wo deutsche
Antifaschisten versuchten, die von antibolschewistischer Propaganda verblendeten
deutschen Armeeangehörigen davon zu überzeugen, dass nur die militärische Niederlage
des Deutschen Reiches die Rettung für die Heimat bedeuten würde.
So war der deutsche Widerstand, das Handeln deutscher
Antifaschisten selbst Teil der militärischen Aktivitäten der Anti-Hitler-Koalition
und hatte damit seinen unmittelbaren Anteil an der Befreiung Deutschlands von
Faschismus und Krieg.
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"informationen" Nr. 55, Juni 2002
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