"informationen" Nr. 54, November 2001
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Lisa Fittko wurde 1909 in der Ukraine geboren. Ihr Vater war ein jüdischer
Intellektueller, der eine linke Zeitschrift „die Wage” – später in „Wage!” umbenannt
– herausgab. Als Jugendliche schliesst sie sich dem Sozialistischen Schülerbund
an. Sie ist vom progressiven kulturellen Geist Berlins inspiriert, ohne die gewaltigen
sozialen und politischen Spannungen zu ignorieren. „In diesem Berlin gab es immer
mehr Arbeitslose, immer mehr Hunger. Braune Horden ermordeten rücksichtslos ihre
politischen Gegner und versuchten, die Stadt zu terrorisieren. Doch das Berlin
meiner Erinnerung blieb auch weiterhin schön und glücklich, wir waren bereit,
es gegen die Nazi-Gefahr zu verteidigen." (S. 9)
1933 flieht sie nach Prag, weil sie wegen ihrer politischen
Aktivitäten gesucht wird. Dort lernt sie den antifaschistischen Journalisten Hans
Fittko kennen. Nach ihrer Ausweisung aus der Tschechoslowakei fliehen sie über
die Schweiz und Holland nach Paris.
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Zwei Jahre später – 1940 – wird sie wie alle in Frankreich lebenden
deutschen Flüchtlinge vorübergehend im Vélodrome d’Hiver in Paris interniert und
in das Lager Gurs (bei Bordeaux) verschleppt. Sie nutzt mit befreundeten Frauen
die Verwirrung, die durch den Anmarsch der deutschen Armee bei der französischen
Lagerleitung entstanden war, flieht aus dem Lager und schlägt sich bis nach Toulouse
durch. Dort erhält sie ein Telegramm von Hans, von dem sie seit ihrer Internierung
nichts mehr gehört hatte. Sie treffen sich in Montauban und fahren weiter nach
Marseille, von wo sie ihre weitere Flucht nach Übersee organisieren wollen.
Die Hafenstadt ist überfüllt mit zahllosen Flüchtlingen, die verzweifelt auf Visen
oder Schiffpassagen warten. Hans und Lisa Fittko erwägen verschiedene Wege der
Pass- und Visabeschaffung und kommen schließlich in den Besitz chinesischer Einreisevisen.
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Ein Freund übersetzt später die chinesischen Schriftzeichen:
"Dem Inhaber dieses Dokuments ist es strengstens verboten, unter irgendwelchen
Umständen und zu irgendeinem Zeitpunkt chinesischen Boden zu betreten.” (S. 118)
Die Ausreise scheitert jedoch nicht an diesen absurden Papieren, sondern am Artikel
19 des Waffenstillstandsabkommens der Vichy-Regierung, wonach alle Verfolgten
auf Verlangen an Nazi-Deutschland ausgeliefert werden müssen. Schnell wird klar,
daß sie niemals von der Vichy-Regierung ausgestellte Ausreisevisen erhalten würden
und kein „legaler” Weg aus der Sackgasse Frankreich für sie möglich ist. Sie planen,
Frankreich zu Fuss zu verlassen. Der Fluchtweg über die Pyrenäen ist jedoch gefährlich
und muss vorbereitet werden. Diese Aufgabe soll Lisa allein übernehmen, während
Hans weiterhin in Marseille bleibt.
Mitte September 1940 fährt Lisa in die Grenzregion. Sie findet
Unterstützung bei dem sozialistischen Bürgermeister von Banyuls, Monsieur Azéma.
Er erklärt ihr die „route Lister,” ein Fluchtweg, der von dem republikanischen
General Lister während des spanischen Bürgerkriegs in umgekehrter Richtung benutzt
wurde. (S.126) Nur wenige Tage später führt sie Walter Benjamin auf diesem Weg
bis nach Spanien. Von dessen Tod in der spanischen Grenzstadt Port Bou erfährt
sie erst später.
Zurück in Marseille, werden Lisa und Hans vom US-amerikanischen
Emergency Rescue Commitee um Mitarbeit bei der Fluchthilfe gebeten. „How
much?” fragt Varian Fry die Fittkos. Worauf Hans wütend antwortet: „Wissen
Sie, dass Mithilfe beim illegalen Grenzübertritt von Männern im dienstpflichtigen
Alter jetzt mit dem Tode bestraft wird? Und Sie bieten uns Geld an. Wir müssten
ja wahnsinnig sein. Wissen Sie eigentlich, was ein Antifaschist ist? Verstehen
Sie das Wort Überzeugung?” (S.148)
Aus dieser Überzeugung heraus lassen sich die Fittkos auf
das unglaubliche Risiko ein, anderen Flüchtlingen über die Grenze zu helfen. Sie
selber hatten es eben gerade geschafft, ausser dem Ausreisevisum alle nötigen
Visen zu organisieren, die alle in kurzer Zeit wieder abgelaufen und damit wertlos
sein würden. Von Oktober 1940 bis April 1941 helfen sie den Exilanten, die von
Marseille zu ihnen nach Banyuls geschickt werden, über die Grenze und gehen den
beschwerlichen Weg oft mehrmals in der Woche. Im Frühling wird das Grenzgebiet
für Ausländer gesperrt. Sie reisen – immer haarscharf einer Verhaftung entgehend
– nach Cassis. Die Ausreise ist nun dringender als je. Ohne ihre Eltern aus dem
besetzten Paris geholt zu haben, will Lisa Frankreich nicht verlassen. Auch das
gelingt ihr.
Im Herbst 1941 werden die Ausreisevisen nicht mehr von Vichy,
sondern von den zuständigen Präfekturen erteilt. So fahren die Fittkos schliesslich
mit dem Zug über die französisch-spanische Grenze - mit Ausreisevisum von Frankreich,
Durchreisevisum von Spanien, Durchreisevisum von Portugal, Einreisevisum von Kuba
– und etwas Informationsmaterial in Zahnpastatuben für den britischen Geheimdienst.
In Kuba bleiben sie bis 1948. Eine Rückkehr nach Deutschland,
die vor allem Hans sehr am Herzen liegt, ist unmittelbar nach dem Krieg nicht
möglich, später wird diese Rückkehr zweifelhaft. Für die schwere Erkrankung von
Hans suchen sie Hilfe in den USA. Aber es gibt keine Hilfe mehr für Hans Fittko.
Seit dieser Zeit lebt Lisa Fittko in den USA. Sie ist in Chicago in der Friedensbewegung
aktiv.
Lisa Fittko hat ihre Erinnerungen in zwei Büchern – „Solidarität
unerwünscht” und „Mein Weg über die Pyrenäen” – festgehalten. Beide Bücher sind
im Hanser Verlag erschienen. „Mein Weg über die Pyrenäen” ist jedoch vergriffen.
Wir halten dieses Buch für ein ausserordentlich wichtiges Zeugnis des antifaschistischen
Widerstands und wünschen dringend eine Neuauflage des Buches.
Die lebendige Menschlichkeit, der Mut, Witz und die Pfiffigkeit
Lisa Fittkos sind auf jeder Seite ihrer Erzählung zu spüren. Weder die entsetzlichen
Zustände im Lager, noch die ständige Angst auf der Flucht, der Hunger und die
Kälte, die kleinliche Dummheit und gezielte Boshaftigkeit und Brutalität können
ihre Überzeugung von der Machbarkeit einer menschlicheren Welt brechen. Dabei
sind ihre Beschreibungen oft scharf und ironisch – Flüchtlinge sind nicht a priori
bessere Menschen, aber niemals ist sie hasserfüllt und niemals tappt sie in die
Falle nationalistischer Vorurteile.
„Wenn man mich heute fragt, wie Frankreich damals die jüdischen
und politischen Emigranten behandelt hat, wie die Franzosen sich uns gegenüber
benommen haben, weiss ich keine Antwort. Frankreich – welches Frankreich? ‚Die
Franzosen‘ – wer ist das? ... ‚Die Franzosen‘ – Pétain, Weygand, Laval – unterzeichneten
den Artikel des Waffenstillstands, der uns Emigranten den Deutschen auslieferte,
und die neue Regierung bemühte sich eifrig, die Nazis noch zu übertreffen. Doch
hätte keiner von uns überleben können ohne die Hilfe von Franzosen in jedem Winkel
des Landes – Franzosen, deren Menschlichkeit ihnen den Mut gab, diese vertriebenen
Fremden aufzunehmen, zu verstecken, zu ernähren.”
Aber auch umgekehrt, ist der Faschismus und der Nationalsozialismus
für Lisa Fittko nicht eine „deutsche” Angelegenheit.
“Unmenschlichkeit ist typisch für den Faschismus, nicht für
die Eigenheit einer Nation.(...) Nur die Formen ändern sich. Man möchte gerne
glauben, dass einzig der Charakter des deutschen Volkes verantwortlich ist, denn
dann glaubt man auch: Bei uns kann das nicht passieren. Die das glauben, haben
nichts gelernt.” (S. 280)
Und sie wäre nicht Lisa Fittko, wenn sie die Frage nach Heimat
anders beantworten würde:
„Jetzt – zu Hause bin ich jetzt hier. Auch der Traum von Frieden und Freiheit
lebt überall.” (S. 281)
Alle Zitate aus Lisa Fittko: Mein
Weg über die Pyrenäen. München: Hanser, 1988
Cora Mohr, Regula Tscherrig
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