Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945 e.V.

"informationen" Nr. 54, November 2001 
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Lisa Fittko wurde 1909 in der Ukraine geboren. Ihr Vater war ein jüdischer Intellektueller, der eine linke Zeitschrift „die Wage” – später in „Wage!” umbenannt – herausgab. Als Jugendliche schliesst sie sich dem Sozialistischen Schülerbund an. Sie ist vom progressiven kulturellen Geist Berlins inspiriert, ohne die gewaltigen sozialen und politischen Spannungen zu ignorieren. „In diesem Berlin gab es immer mehr Arbeitslose, immer mehr Hunger. Braune Horden ermordeten rücksichtslos ihre politischen Gegner und versuchten, die Stadt zu terrorisieren. Doch das Berlin meiner Erinnerung blieb auch weiterhin schön und glücklich, wir waren bereit, es gegen die Nazi-Gefahr zu verteidigen." (S. 9)

1933 flieht sie nach Prag, weil sie wegen ihrer politischen Aktivitäten gesucht wird. Dort lernt sie den antifaschistischen Journalisten Hans Fittko kennen. Nach ihrer Ausweisung aus der Tschechoslowakei fliehen sie über die Schweiz und Holland nach Paris.

Zwei Jahre später – 1940 – wird sie wie alle in Frankreich lebenden deutschen Flüchtlinge vorübergehend im Vélodrome d’Hiver in Paris interniert und in das Lager Gurs (bei Bordeaux) verschleppt. Sie nutzt mit befreundeten Frauen die Verwirrung, die durch den Anmarsch der deutschen Armee bei der französischen Lagerleitung entstanden war, flieht aus dem Lager und schlägt sich bis nach Toulouse durch. Dort erhält sie ein Telegramm von Hans, von dem sie seit ihrer Internierung nichts mehr gehört hatte. Sie treffen sich in Montauban und fahren weiter nach Marseille, von wo sie ihre weitere Flucht nach Übersee organisieren wollen.

Die Hafenstadt ist überfüllt mit zahllosen Flüchtlingen, die verzweifelt auf Visen oder Schiffpassagen warten. Hans und Lisa Fittko erwägen verschiedene Wege der Pass- und Visabeschaffung und kommen schließlich in den Besitz chinesischer Einreisevisen.

Ein Freund übersetzt später die chinesischen Schriftzeichen: "Dem Inhaber dieses Dokuments ist es strengstens verboten, unter irgendwelchen Umständen und zu irgendeinem Zeitpunkt chinesischen Boden zu betreten.” (S. 118) Die Ausreise scheitert jedoch nicht an diesen absurden Papieren, sondern am Artikel 19 des Waffenstillstandsabkommens der Vichy-Regierung, wonach alle Verfolgten auf Verlangen an Nazi-Deutschland ausgeliefert werden müssen. Schnell wird klar, daß sie niemals von der Vichy-Regierung ausgestellte Ausreisevisen erhalten würden und kein „legaler” Weg aus der Sackgasse Frankreich für sie möglich ist. Sie planen, Frankreich zu Fuss zu verlassen. Der Fluchtweg über die Pyrenäen ist jedoch gefährlich und muss vorbereitet werden. Diese Aufgabe soll Lisa allein übernehmen, während Hans weiterhin in Marseille bleibt.

Mitte September 1940 fährt Lisa in die Grenzregion. Sie findet Unterstützung bei dem sozialistischen Bürgermeister von Banyuls, Monsieur Azéma. Er erklärt ihr die „route Lister,” ein Fluchtweg, der von dem republikanischen General Lister während des spanischen Bürgerkriegs in umgekehrter Richtung benutzt wurde. (S.126) Nur wenige Tage später führt sie Walter Benjamin auf diesem Weg bis nach Spanien. Von dessen Tod in der spanischen Grenzstadt Port Bou erfährt sie erst später.

Zurück in Marseille, werden Lisa und Hans vom US-amerikanischen Emergency Rescue Commitee um Mitarbeit bei der Fluchthilfe gebeten. „How much?” fragt Varian Fry die Fittkos. Worauf Hans wütend antwortet: „Wissen Sie, dass Mithilfe beim illegalen Grenzübertritt von Männern im dienstpflichtigen Alter jetzt mit dem Tode bestraft wird? Und Sie bieten uns Geld an. Wir müssten ja wahnsinnig sein. Wissen Sie eigentlich, was ein Antifaschist ist? Verstehen Sie das Wort Überzeugung?” (S.148)

Aus dieser Überzeugung heraus lassen sich die Fittkos auf das unglaubliche Risiko ein, anderen Flüchtlingen über die Grenze zu helfen. Sie selber hatten es eben gerade geschafft, ausser dem Ausreisevisum alle nötigen Visen zu organisieren, die alle in kurzer Zeit wieder abgelaufen und damit wertlos sein würden. Von Oktober 1940 bis April 1941 helfen sie den Exilanten, die von Marseille zu ihnen nach Banyuls geschickt werden, über die Grenze und gehen den beschwerlichen Weg oft mehrmals in der Woche. Im Frühling wird das Grenzgebiet für Ausländer gesperrt. Sie reisen – immer haarscharf einer Verhaftung entgehend – nach Cassis. Die Ausreise ist nun dringender als je. Ohne ihre Eltern aus dem besetzten Paris geholt zu haben, will Lisa Frankreich nicht verlassen. Auch das gelingt ihr.

Im Herbst 1941 werden die Ausreisevisen nicht mehr von Vichy, sondern von den zuständigen Präfekturen erteilt. So fahren die Fittkos schliesslich mit dem Zug über die französisch-spanische Grenze - mit Ausreisevisum von Frankreich, Durchreisevisum von Spanien, Durchreisevisum von Portugal, Einreisevisum von Kuba – und etwas Informationsmaterial in Zahnpastatuben für den britischen Geheimdienst.

In Kuba bleiben sie bis 1948. Eine Rückkehr nach Deutschland, die vor allem Hans sehr am Herzen liegt, ist unmittelbar nach dem Krieg nicht möglich, später wird diese Rückkehr zweifelhaft. Für die schwere Erkrankung von Hans suchen sie Hilfe in den USA. Aber es gibt keine Hilfe mehr für Hans Fittko. Seit dieser Zeit lebt Lisa Fittko in den USA. Sie ist in Chicago in der Friedensbewegung aktiv.

Lisa Fittko hat ihre Erinnerungen in zwei Büchern – „Solidarität unerwünscht” und „Mein Weg über die Pyrenäen” – festgehalten. Beide Bücher sind im Hanser Verlag erschienen. „Mein Weg über die Pyrenäen” ist jedoch vergriffen. Wir halten dieses Buch für ein ausserordentlich wichtiges Zeugnis des antifaschistischen Widerstands und wünschen dringend eine Neuauflage des Buches.

Die lebendige Menschlichkeit, der Mut, Witz und die Pfiffigkeit Lisa Fittkos sind auf jeder Seite ihrer Erzählung zu spüren. Weder die entsetzlichen Zustände im Lager, noch die ständige Angst auf der Flucht, der Hunger und die Kälte, die kleinliche Dummheit und gezielte Boshaftigkeit und Brutalität können ihre Überzeugung von der Machbarkeit einer menschlicheren Welt brechen. Dabei sind ihre Beschreibungen oft scharf und ironisch – Flüchtlinge sind nicht a priori bessere Menschen, aber niemals ist sie hasserfüllt und niemals tappt sie in die Falle nationalistischer Vorurteile.

„Wenn man mich heute fragt, wie Frankreich damals die jüdischen und politischen Emigranten behandelt hat, wie die Franzosen sich uns gegenüber benommen haben, weiss ich keine Antwort. Frankreich – welches Frankreich? ‚Die Franzosen‘ – wer ist das? ... ‚Die Franzosen‘ – Pétain, Weygand, Laval – unterzeichneten den Artikel des Waffenstillstands, der uns Emigranten den Deutschen auslieferte, und die neue Regierung bemühte sich eifrig, die Nazis noch zu übertreffen. Doch hätte keiner von uns überleben können ohne die Hilfe von Franzosen in jedem Winkel des Landes – Franzosen, deren Menschlichkeit ihnen den Mut gab, diese vertriebenen Fremden aufzunehmen, zu verstecken, zu ernähren.”

Aber auch umgekehrt, ist der Faschismus und der Nationalsozialismus für Lisa Fittko nicht eine „deutsche” Angelegenheit.

“Unmenschlichkeit ist typisch für den Faschismus, nicht für die Eigenheit einer Nation.(...) Nur die Formen ändern sich. Man möchte gerne glauben, dass einzig der Charakter des deutschen Volkes verantwortlich ist, denn dann glaubt man auch: Bei uns kann das nicht passieren. Die das glauben, haben nichts gelernt.” (S. 280)

Und sie wäre nicht Lisa Fittko, wenn sie die Frage nach Heimat anders beantworten würde:
„Jetzt – zu Hause bin ich jetzt hier. Auch der Traum von Frieden und Freiheit lebt überall.” (S. 281) 

Alle Zitate aus Lisa Fittko: Mein Weg über die Pyrenäen. München: Hanser, 1988
Cora Mohr, Regula Tscherrig

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