Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945 e.V.

"informationen" Nr. 54, November 2001 
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Ausländische Zwangsarbeiter/innen unter der Naziknute - Gefahren widerstehen, sich dem Unrecht widersetzen, mit dem Leben davonkommen.

Günter Heuzeroth

Dem Millionenheer von ausländischen Kriegsgefangenen und zwangsverpflichteten Frauen und Männern in den von den Deutschen okkupierten Ländern, vornehmlich aber im damaligen deutschen Reichsgebiet, musste es in erster Linie ums nackte Überleben gehen. Mit dem zunehmenden Verfall des ins Chaos stürzenden Hitlerdeutschland verschlechterten sich die Chancen dieser Menschen, noch mit dem Leben davonzukommen. Die zusammenbrechenden sozialen wie kriegstechnischen Strukturen im von den Alliierten zerbombten Deutschland, das zur Heimatfront erklärt worden war, gefährdeten in den letzten Kriegsjahren Leben und Gesundheit der geknechteten Zwangsarbeiter/innen und Kriegsgefangenen noch einmal aufs Äußerste.

Die Unterdrücker verschärften aus Angst vor gemeinschaftlichen Übergriffen von Ausländern in der letzten Kriegsphase alle möglichen Sicherheitsmaßnahmen hinsichtlich der Überwachung und Behandlung der Ausländer im gesamten Deutschen Reich. Die Angst, noch in den letzten Tagen und Stunden des Krieges ihr nur mühsam erhaltenes Leben durch exzessive Maßnahmen ihrer Beherrscher und Bewacher zu verlieren, erhöhte andererseits die Wachsamkeit von Millionen Ausländern in den zahlreichen Lagern und an den Zwangsarbeitsstellen. Im Weser-Ems-Gau hatte es die Wehrmachtsführung nicht versäumt Vorsorge zu treffen, um eine Selbstbefreiung und eventuelle Zusammenschließung der Ausländer mit den einrückenden Alliierten zu verhindern.

Die Alarmpläne „Küste” und „Nachteule” belegen, wie die deutsche Kriegsführung beabsichtigte, die heranrückenden Alliierten Truppen zu bekämpfen. Dabei war das Hauptaugenmerk darauf gerichtet, auf jeden Fall zu verhindern, dass sich die in den zahlreichen Kriegsgefangenen- wie auch Zwangsarbeiter- und Konzentrationslagern befindlichen Ausländer befreien und sich dann in Massen ohne Kontrolle im Land bewegen. Die Sorge der Nazis war, dass konzentrierte Gruppierungen von Ausländern sich vor allem während der Bombardierungen freisetzen, zusammenschließen, sich Waffen besorgen und zu Sabotageakten oder auch direkten Angriffen übergehen könnten. Bereits im Mai 1944 erließ der Inspekteur der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (SD) Hamburg, als „Geheime Reichssache” deklariert, den „Organisationsbefehl für die Vorbereitungen zur Bekämpfung innerer Unruhen im Heimatkriegsgebiet” mit Geltung für den Gestapobereich Bremen und den Gau Weser-Ems: „Betrifft: Unruhestifter, asoziale Elemente, ausländische ausgebrochene Arbeitskräfte, Angehörige aus den Arbeitserziehungslagern, den Konzentrationslagern und entwichene Kriegsgefangene.”

Vorgesehen waren Alarmstufen von I bis III, die mit Codeworten im Bereich Bremen, Wilhelmshaven, Oldenburg, Aurich und Osnabrück ausgelöst werden sollten. Bei ihrer Auslösung würde für die SS, Gestapo und Polizeiverbände der Alarmzustand angeordnet. Bereitzustellen und abzusichern waren Kraftfahrzeuge, Waffen und Verpflegung. Bei der Alarmstufe II sollten die Ausländer in bestimmte Lager unter strenger Bewachung zusammengezogen werden. Zusätzlich wurde der Abtransport von Ausländern aus den „Arbeitserziehungslagern” (AEL) und den Konzentrationslagern bzw. deren Außenkommandos angeordnet; hierunter fielen u.a. die Konzentrationslager Bergen-Belsen, Neuengamme, das KZ-Außenkommando Farge in Bremen-Nord und das AEL Kiel-Hassee. Selbstverständlich wurde auch ein entsprechender Einsatz-Stufenplan für die Wehrmachtskommandos entwickelt, denen die Kriegsgefangenen-Lager und Arbeitskommandos unterstanden. Mit genauer Routenbeschreibung wurden die Ausländer in Marschblöcke zu bestimmten Sammellagern an der Ostseeküste eingeteilt. Und nach Auslösung der Alarmstufe II, in den letzten Aprilwochen 1945, waren im gesamten Gebiet bei Tag und Nacht die bewachten Marschkolonnen zu den vorgesehenen weitentlegenden Sammelplätzen unterwegs. In der Nachkriegsliteratur und in den Erinnerungen der Überlebenden werden diese Bewegungen als „Todesmärsche” bezeichnet. Zahlreiche ausländische Menschen wurden hier noch Opfer von Hunger, Entkräftung und Erschießungen durch ihre Bewacher. Für Außenstehende ist diese Gefahrensituation und Tragödie in den letzten Tagen des Krieges nicht vorstellbar. Man kann nur darüber lesen, staunen, erbost und am Ende traurig sein. Dennoch gelangte wegen des schnellen Vormarschs der Alliierten und der zerstörten Brücken, Bahn- und Straßenstrecken so wie der fehlenden Transportmittel die Konzentrierungsaktion nicht zur Zufriedenheit der Durchführenden. Diese Tatsache muss für die Ausländer als Glücksfall bezeichnet werden. Bei vollständiger Evakuierung wie vorgesehen wären die Opfer unter ihnen noch weitaus höher gewesen.

Kommen wir zum persönlichen Verhalten der ausländischen Zwangsarbeitskräfte während ihrer Versklavung und Gefangenschaft im deutschen Reichsgebiet. In der Nachkriegsgeschichtsschreibung wie in der mündlichen Reflexion wird immer wieder die Frage gestellt: Wo, wie und wann haben diese Opfer dem Unrechtsregime Widerstand entgegengesetzt? Die Antwort ist: Sie verhielten sich in der Mehrzahl den schwierigen Bedingungen entsprechend. Ihr Aktionsradius war hier sehr begrenzt. Die Befürchtungen der Bewacher und Behörden waren größer als die von den Ausländern ausgeführten Widerstandsaktionen.

Dass immer wieder Lager von Bomben getroffen wurden und Ausländer in den Städten herumirrten und sich abzusetzen versuchten, ist in den Tagesmeldungen der Gestapo nachzulesen. Diese Furcht war nicht unbegründet. Der bewaffnete Aufstand sich befreiender Häftlinge in den letzten Stunden des Krieges im KZ Buchenwald und im Kriegsgefangenen-Lager Sandbostel waren die Ausnahme.

Es ist zu konstatieren, dass von 136 größeren Ausländerlager in Bremen schon 1943 dreißig Lager mehr oder weniger von Bombeneinwirkungen zerstört waren. In den stark durch Luftangriffe in Mitleidenschaft gezogene Rüstungszentren wie Wilhelmshaven, Emden und Osnabrück war die Situation ganz ähnlich. Das Chaos verstärkte sich in den letzten Kriegsmonaten noch erheblich. Und man hatte dem nichts entgegenzusetzen. Mit mühsamen Maßnahmen, sozusagen mit Krücken, versuchte man, die sich abzeichnende schwierige Lage im Griff zu behalten. Die Bomberpiloten der Alliierten waren diejenigen, die mit ihren Angriffen Nazideutschland den massivsten Widerstand entgegensetzten. Die Zerstörungen dieser Art waren letztlich kriegsentscheidend.

Das Lager- und Bewachungssystem, dem die Ausländer gezielt und bedingungslos ausgesetzt waren, griff im wesentlichen bis zuletzt. In den Betrieben, wo Ausländer verpflichtet waren, wurden V-Männer als Spitzel eingesetzt. Jedes oppositionelle Verhalten, welches gegen die Arbeitsmoral oder gegen das Naziregime gerichtet war, sollte gemeldet und auf dem Fuße geahndet werden. Jeder Betroffene wusste, wie es dann um ihn oder sie bestellt war. Die Einlieferung in ein Arbeitserziehungslager oder auch in ein KZ wie auch die Vernehmung durch die Gestapo wollte tunlichst jeder vermeiden. So mancher, der doch davon betroffen war, kam halbtot wieder ins Lager oder an die Arbeitsstelle zurück oder überhaupt nicht mehr.

Wer sich widersetzte, war vom Tode bedroht.

Das war Abschreckung für jeden der eh stark Geschwächten; genau das war die gezielte Strategie des NS-Apparates. Wer sich als Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangener aus Osteuropa den Anweisungen, Richtlinien und engen Vorgaben der Unterdrücker in irgendeiner Form widersetzte, war vom Tode bedroht. Von den über zwölf Millionen Zwangsarbeitskräften und dazu einigen Millionen Kriegsgefangene im damaligen Deutschen Reich, waren die meisten noch sehr jung, und sie wollten leben! Für sie, wie aber auch für die älteren unter ihnen, galt es, sich dieses Leben unter der Naziknute und in den enggezogenen Spielräumen so einzurichten, dass sie überleben konnten. Für jeden galt es, ganz persönlich in sich selbst so viel Ressourcen an Lebensenergie zu erhalten, um all den  Schwierigkeiten, in denen sie sich befanden, zu widerstehen, statt offenen Widerstand zu leisten. Sie konnten zwar nicht verhindern, dass sie Schaden an ihrer Gesundheit nahmen. Bei vielen war die Grenze zwischen Leben und Vergehen erreicht. Wer vermag hier dann noch groß Widerstand zu leisten?

Und dennoch ...

Und dennoch haben nicht alle der in Mitleidenschaft gezogenen Menschen alles so hingenommen, wie man es ihnen zugemutet hat. War es auch nicht ein heroischer Widerstandsakt, den sie nicht in der Lage waren, in der ihnen aufgezwungenen Situation zu leisten, so waren es doch oft deutliche Signale an ihre Unterdrücker, mit ihrer Behandlung nicht einverstanden zu sein. Der gesamte nationalsozialistische Apparat hatte sich in seiner Binnenstruktur ein ausgeklügeltes Sicherheitsnetz geschaffen, um die ihm unterworfenen Menschen zu beherrschen. Dieses war einerseits personell in den Zuständigkeiten und Durchführungen geregelt wie auch unterbringungsmäßig möglichst abgesichert. Das gesamte Reichsgebiet bis in die abgelegensten Einöden war systematisch mit einem Netz von Zwangslagern überzogen worden. Notfalls wurden Menschen zeitweise in Massen auf kahler Weide zusammengepfercht und bewacht. Wer einen Blick in das Buch „Das nationalsozialistische Lagersystem (CCP)” von Martin Weinmann wirft, bekommt einen ersten Eindruck über die damalige Situation. Wer kann sich schon zwanzigtausend Lager nebeneinander gereiht vorstellen, die in diesem Buch genannt werden? Und es sind noch nicht alle hier registriert. Deutschland war zu einem Gefängnis geworden! Welche Opfer aus welchen Nationen hier ihr Leben fristen mussten, ist bekannt. Diejenigen, die damals an der Sklavenarbeit, die von den Insassen zu leisten war, verdienten, wollen bis zur Stunde längst nicht alle Schulden an die noch Lebenden zahlen. Es ist davon auszugehen, dass außer den Polen und westlichen Ausländern ca. 2,8 Millionen sowjetische Frauen, Männer und Kinder zur Zwangsarbeit ins Reich geschafft wurden. Die meisten von ihnen mussten in Lagern hausen. Dazu müssen noch über vier Millionen russische Kriegsgefangene gerechnet werden, die in Lagern vegetierten. Allein von ihnen kamen ca. 58% nicht mit dem Leben davon. Die russischen Menschen waren wegen der ideologischen Rassenidee der Nazistrategen zu Untermenschen abgestempelt und am schlimmsten von allen ausländischen Opfern drangsaliert, entwürdigt und umgebracht worden. Alles Menschen, die überwiegend jung waren und überleben wollten. Wie aber war ihnen das möglich? Sich gegen die Peiniger und Beherrscher verbal oder – noch schwieriger – körperlich zu erheben, um sich gegen diese Behandlung und Ehrverletzung zu wehren, war äußerst riskant. Dennoch wagten es immer wieder Einzelne von ihnen. Und sie überlebten dabei zu allermeist nicht!

Die Auflehnung der Ausländer hatte viele Gesichter 

Wie schon gesagt: offener Widerstand von einzelnen oder mehreren gemeinsam gegen ihre Unterdrücker war fast ausnahmslos lebensgefährlich. Aus dem Weser-Ems-Raum sind einige solcher Ereignisse bekannt. Teils haben sie in der Geschichtsliteratur schon ihre Niederschrift gefunden. Zwei Ereignisse von massierter, spontaner Rebellion bis zum kurzfristigen Aufstand in einem Kriegsgefangenenlager und zum anderen ein organisiertes Sabotageunternehmen einer größeren Gruppe von Kriegsgefangenen in kriegswichtigen Betrieben – letzteres außerhalb des Weser-Ems-Raumes – sollen hier kurz geschildert werden:

Ab Mitte 1943 hatte sich unter den sowjetischen Kriegsgefangenen, vor allem Offiziere, die Gruppe „Brüderliche Zusammenarbeit der Kriegsgefangenen” (BSW) gegründet. Sie arbeiteten auch mit Gefangenen anderer Länder, vor allem Franzosen, in Lagern und Rüstungsbetrieben in Süddeutschland, schwerpunktmäßig in München, zusammen. Mit großer Wahrscheinlichkeit nahm diese Gruppe auf Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter in den „Hermann-Göring-Werke” in Salzgitter und im Raum Hannover Einfluss.

Der Schwerpunkt dieser Menschen war es, gezielte Sabotage in der Produktion von Munition und Waffen so wie Fahrzeugen und Flugzeugteilen zu praktizieren. Die Auswirkungen dieser Sabotageaktionen werden unterschiedlich eingeschätzt, dürften aber nicht unerheblich gewesen sein. Unauffällig sollten eine „schlechte Arbeitsmoral” und Störungen im Produktionsverlauf praktiziert werden. Der SD, die Gestapo sowie eingesetzte V-Leute in den Betrieben konnten im Jahr 1944 die Hauptkader der BSW ausfindig machen und festsetzen. In München, Stuttgart und Mannheim wurden nach und nach die vermutlichen Personen festgenommen. Fast alle sind umgebracht worden.

Nach dem Krieg wurde bei Umfragen unter ehemaligen Ausländern immer wieder von verdeckten Sabotageakten, vor allem an Maschinen und bei der Munitionsherstellung, berichtet. Dieses deckt sich auch mit manchen internen Lagemeldungen und Berichten der SD und der Gestapo, die teilweise in den Archiven aufgefunden werden konnten und auch in Nachschlagwerken verschiedentlich veröffentlicht worden sind. Ohne Zweifel war ein solcher Akt von vorneherein waghalsig und erforderte Mut. Es konnte zweifelsfrei bei seiner Entdeckung den Rest der Gesundheit, oft sogar das Leben kosten. Sehr verdeckt, sensibel, sorgsam und mit viel Einfallsgeist wurden diese Sabotageakte durchgeführt. Die meisten von ihnen sind im kleinsten Stil praktiziert worden. Defekte Maschinen, Transportbänder und Motoren in den Fabriken und mangelhafte Munition an den Fronten waren oft genug auf solche Einwirkungen zurückzuführen, und wer weiß schon, wie viele Menschenleben dadurch verschont blieben und um welche Zeitspanne der Krieg verkürzt wurde.

In der Nacht vom 19./20. April 1945 fanden noch mindestens 300 Gefangene im Marinelager des Kriegsgefangenenlagers Sandbostel im Landkreis Stade den Tod, und Hunderte wurden schwer oder leicht verletzt. Wie konnte das passieren? Eine Restbewachung der SS eröffnete von den Wachtürmen wahllos das Gewehrfeuer auf die wehrlosen Gefangenen, die geschlossenen Widerstand in der Form leisteten, dass sie sich im Lager auf die in der Küche und im Magazin befindlichen Lebensmittel stürzten. Es heißt, dass diese Revolte von den russischen und polnischen Gefangenen vorbereitet worden sei.

Die „Angst- und Hungerrevolte” im Stalag X B Sandbostel 

Außerdem sei die Angst umhergegangen, dass die SS-Bewacher bei ihrer Flucht die Lagerinsassen als Geiseln vor den einrückenden britischen Truppen benutzen würden. Dieser Vorfall in Sandbostel zeigt noch einmal klar auf, wie lebensgefährlich offener Aufruhr und Widerstand seitens der Opfer bis zuletzt gewesen ist.

In einem weiteren Fall wird in den Meldungen der Gestapo Wilhelmshaven berichtet, dass der Ukrainer Timofey Balan, der sich im „Gemeinschaftslager” in Middelsfähr aufhielt, sich getraut hatte, dort spontan vor einhundert Zwangsarbeitern eine flammende Rede zu halten und zur Revolution gegen Nazideutschland aufzurufen. Es kostete ihm das Leben. Dass ein polnischer Zwangsarbeiter auf einem Hof in Ostfriesland während der Stallarbeit die Mistgabel dazu benutzte, sie seinem herrischen Bauern in seinen Allerwertesten zu stechen, war eher eine Seltenheit, kam aber vor. Er verschwand auf Nimmer-Wiedersehen in einem Arbeitserziehungslager. Reichsweit hat es immer wieder ähnliche Handlungen in verschiedenster Form von Auflehnung und Tätlichkeiten gegeben. Bei plötzlich hochkommenden Emotionen in einer solchen außergewöhnlichen seelisch schwierigen Lage, in der sich die Betroffenen befanden, wurde vorher nicht immer groß darüber nachgedacht, sondern sofort reagiert. Und man staune, wenn auch in den seltensten Fällen, so hat man hin und wieder auch für Ausländer rechtgesprochen. So z.B. beschwerte sich der erst 15jährige Zwangsarbeiterjunge Antoni Czubinski über die schwere Arbeit und die ständigen Beleidigungen seitens des Müllerehepaares auf einem Betrieb im Ammerland mit einem Brief an seinen Vater in Polen. Der Vater schrieb daraufhin einen Beschwerdebrief an den Ortsbürgermeister von Garnholt im Ammerland, der dann auch dafür sorgte, dass Antoni auf einen anderen Bauernhof versetzt wurde, wo er menschlich behandelt worden ist.

Westeuropäische Zwangsverpflichtete und Kriegsgefangene nahmen es sich eher heraus als die osteuropäischen, in den verschiedensten Formen hinsichtlich ihrer Unterdrückung zu reagieren. Bedroht von Repressalien waren aber auch sie; Osteuropäer waren bekanntlich hierbei weit mehr gefährdet. So z.B. berichtete die Gestapo Wilhelmshaven in ihren Tagesmeldungen immer wieder darüber, wie die „frechen” holländischen Zwangsverpflichteten sich darüber gefreut hätten, ja sogar in die Hände klatschten, wenn die Bomben mal wieder großen Schaden in der Stadt angerichtet hatten. Die häufigste Form von Sich-Auflehnen und sich den unmenschlichen Bedingungen entgegenzustellen, war jedoch die verkappte Arbeitsverweigerung. Die Gestapo gab an einschlägige Dienststellen vierzehntägig ihre Tagesmeldungen durch. In ihnen befand sich ein Meldeabschnitt über die Ereignisse, die Ausländer betraf. Es würde ganze Buchbände füllen, wenn alle die hier gemeldeten Personen, gegliedert nach Nationen, veröffentlich würden, die namentlich oder auch nur in Zahlenangaben im Weser-Ems-Raum in diesen Meldeberichten erschienen.

Sich der täglichen Arbeit durch eine nicht klar ersichtliche schwerwiegende Krankheit als Zwangsverpflichteter oder Kriegsgefangener zu entziehen, wurde als „Arbeitsbummelei” bezeichnet und führte fast immer zu existenziellen Einschnitten und Repressalien; an den Osteuropäern wurden diese am extremsten praktiziert. So gab das Oberkommando des Heeres (OKH) am 26. Juli 1942 folgende Verfügung heraus: „Jeder Kriegsgefangene, der zur Arbeit verpflichtet ist, hat seine Arbeitskraft voll einzusetzen. Bei Zuwiderhandlungen ist entsprechend der Verfügungen mit aller Schärfe vorzugehen ... Auf jeden russischen Kriegsgefangenen, der flüchtet, ist ohne Anruf sofort zu schießen.”

Einweisung in ein „Arbeitserziehungslager”, Überstellung in ein Konzentrationslager, wenn der „Erziehungszweck” nicht erreicht wurde, und andere Repressalien, wie Verpflegungsentzug und Einzelhaft, waren in diesen Fällen an der Tagesordnung. Bei nachgewiesener Selbstverstümmelung oder anderen Selbstbeschädigungen drohten „Arbeitserziehungshaft”, KZ-Haft oder auch die Todesstrafe. In ihrer Verzweiflung, aber auch aus Widersetzung gegen die Behandlung und als Weigerung, in der Rüstungsproduktion zu arbeiten, haben es dennoch immer wieder einzelne gewagt und auch geschafft, sich der harten Arbeit und ihren Unterdrückern zu entziehen. Mit Sicherheit waren die allermeisten Ausländern, die in den Gestapoberichten auftauchen, wegen ihres körperlich und seelisch schlechten Zustandes nicht in der Lage, die Arbeiten unter den schwierigen Bedingungen so zu verrichten, wie man es von ihnen verlangte.

Die im Laufe der Kriegsjahre sich vermehrt häufende Fälle von Arbeitsunfähigkeit und Arbeitskraftminderung der ausländischen Zwangsarbeitskräfte, ob wirklich krank oder nur vorgeschoben, ging mit der Tatsache der immer kritischer werdenden Gesamtsituation im Deutschen Reich einher. Die sich ständig verschlechternde Versorgung – von der Ernährung über die Ausstattung der Unterkünfte bis zur Reduzierung der medizinischen Versorgung auf ein absolutes Minimum bei gleichzeitiger Verschärfung der Kontrollen und Repressionen – ließ deutlich die Statistik über die sogenannten „Dienstpflichtverletzungen”, wie sie genannt wurden, in die Höhe schnellen. Die Bezeichnung „Arbeitsvertragsbruch”, unter der das Verhalten der Ausländer im Arbeitsbereich zu verstehen war, lässt den Zynismus des NS-Systems deutlich werden. „Arbeitsvertrag” unter dem Damoklesschwert der Zwangsverpflichtung, was kann das für ein Arbeitsvertrag sein?

Eine andere und noch gewagtere Form, sich der Arbeit zu entziehen, war die Flucht aus einem Lager oder von der Arbeitsstelle. Hiervon machten zumeist polnische, französische und niederländische Zwangsarbeitskräfte Gebrauch. Sie hegten die Hoffnung, ihre nicht allzu weit entfernte Heimat zu erreichen und bei Verwandten oder auch irgendwo anders sich vor dem Zugriff der deutschen Unterdrücker zu verstecken. Diese verstärkte Form, sich dem Terrorsystem zu widersetzen, war längst nicht immer erfolgreich. Nicht wenige der flüchtigen Ausländer griff man noch innerhalb der deutschen Grenze auf den Bahnhöfen oder Straßen wieder auf und führte sie erneut der Arbeitsstelle zu. Im wiederholten Falle wurden solche Personen in ein AEL gesteckt oder verschwanden auf lange Zeit in einem Konzentrationslager. Von denjenigen, die bis in ihre Heimat durchkamen, wurden wiederum nicht wenige wieder aufgegriffen und zurückgebracht. Aber manch einem ist die Flucht auch gelungen. Vor allem im vorletzten Kriegsjahr versuchte viele, sich mit einem solchen Akt den Bedingungen zu entziehen, wobei sich gleichzeitig die Repressalien verschärften und die Maßnahmen radikal auf dem Fuße folgten. So wurde schon in den Anfangsjahren des Krieges, 1940, vom Landrat des Landkreises Wesermarsch in einem Schreiben an den Minister des Inneren in Oldenburg Klagen über „flüchtige Zivilarbeiter polnischen Volkstums” geführt. In diesem Bericht vom 16. Oktober 1940 heißt es:

“Von der Firma Weser Flugzeugbau GmbH Werk Nordenham ist mir mitgeteilt worden, dass nunmehr insgesamt 106 Zivilarbeiter ... ihre Arbeitsstelle eigenmächtig verlassen haben und in die Heimat zurückgekehrt sind ... Ebenfalls werden polnische Landarbeiter in erhöhtem Maße flüchtig ... Gemäß Ersuchen der Gestapo Wilhelmshaven wird für jeden flüchtigen polnischen Zivilarbeiter das Fahndungsverfahren durchgeführt”.

Der Anstieg der Zahlen derer, die sich der Arbeit zum Ende des Krieges hin versuchten zu entziehen, hatte mehrere Gründe: Einerseits war es für die Geschwächten eine notwendige Überlebensstrategie, mit der Hoffnung verknüpft, am Ende doch noch mit dem Leben davonzukommen. Andererseits war es die Wut auf das Terrorsystem. Diejenigen, die mit dem Leben recht und schlecht davongekommen sind, haben der Unmenschlichkeit widerstanden. Das war die wirkliche Form und auch die Größe ihres Widerstandes im Terrorsystem des Nationalsozialismus.

Es darf und soll nicht vergessen werden, dass es immer wieder Deutsche, vor allem Frauen, gegeben hat, die es trotz Androhung von Strafen gewagt haben, den ausländischen Opfern Hilfe zukommen zu lassen, die zu ihrem Überleben beigetragen hat. Viele von den überlebenden Ausländern berichten heute darüber. Auch diese Personen haben damit zum Ausdruck gebracht, dass sie zumindest mit der Art und Weise der Behandlung der Ausländer nicht einverstanden waren. Die Berichte darüber weisen aus, dass nicht wenige von ihnen im Konzentrationslager gelandet sind. Auch sie haben sich der Unmenschlichkeit mit ihrem Einwirken widersetzt und ihr widerstanden.

Meine Darstellung bezieht sich auf die fünf Bände „Die im Dreck lebten – ZwangsarbeiterInnen, Kriegsgefangene und die Lager. Dargestellt an den Ereignissen in Weser-Ems”, die das Autorenteam für kritische Geschichtsschreibung in Weser-Ems 1933–1945 erarbeitet hat und die ab 1993 bei der Druck & Verlagscooperative in Osnabrück erschienen sind.
 

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