"informationen" Nr. 54, November 2001
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Ausländische Zwangsarbeiter/innen unter
der Naziknute - Gefahren widerstehen, sich dem Unrecht widersetzen, mit dem Leben
davonkommen.
Günter Heuzeroth
Dem Millionenheer von ausländischen Kriegsgefangenen
und zwangsverpflichteten Frauen und Männern in den von den Deutschen okkupierten
Ländern, vornehmlich aber im damaligen deutschen Reichsgebiet, musste es in erster
Linie ums nackte Überleben gehen. Mit dem zunehmenden Verfall des ins Chaos stürzenden
Hitlerdeutschland verschlechterten sich die Chancen dieser Menschen, noch mit
dem Leben davonzukommen. Die zusammenbrechenden sozialen wie kriegstechnischen
Strukturen im von den Alliierten zerbombten Deutschland, das zur Heimatfront erklärt
worden war, gefährdeten in den letzten Kriegsjahren Leben und Gesundheit der geknechteten
Zwangsarbeiter/innen und Kriegsgefangenen noch einmal aufs Äußerste.
Die Unterdrücker verschärften aus Angst vor gemeinschaftlichen
Übergriffen von Ausländern in der letzten Kriegsphase alle möglichen Sicherheitsmaßnahmen
hinsichtlich der Überwachung und Behandlung der Ausländer im gesamten Deutschen
Reich. Die Angst, noch in den letzten Tagen und Stunden des Krieges ihr nur mühsam
erhaltenes Leben durch exzessive Maßnahmen ihrer Beherrscher und Bewacher zu verlieren,
erhöhte andererseits die Wachsamkeit von Millionen Ausländern in den zahlreichen
Lagern und an den Zwangsarbeitsstellen. Im Weser-Ems-Gau hatte es die Wehrmachtsführung
nicht versäumt Vorsorge zu treffen, um eine Selbstbefreiung und eventuelle Zusammenschließung
der Ausländer mit den einrückenden Alliierten zu verhindern.
Die Alarmpläne „Küste” und „Nachteule” belegen, wie die deutsche
Kriegsführung beabsichtigte, die heranrückenden Alliierten Truppen zu bekämpfen.
Dabei war das Hauptaugenmerk darauf gerichtet, auf jeden Fall zu verhindern, dass
sich die in den zahlreichen Kriegsgefangenen- wie auch Zwangsarbeiter- und Konzentrationslagern
befindlichen Ausländer befreien und sich dann in Massen ohne Kontrolle im Land
bewegen. Die Sorge der Nazis war, dass konzentrierte Gruppierungen von Ausländern
sich vor allem während der Bombardierungen freisetzen, zusammenschließen, sich
Waffen besorgen und zu Sabotageakten oder auch direkten Angriffen übergehen könnten.
Bereits im Mai 1944 erließ der Inspekteur der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes
(SD) Hamburg, als „Geheime Reichssache” deklariert, den „Organisationsbefehl für
die Vorbereitungen zur Bekämpfung innerer Unruhen im Heimatkriegsgebiet” mit Geltung
für den Gestapobereich Bremen und den Gau Weser-Ems: „Betrifft: Unruhestifter,
asoziale Elemente, ausländische ausgebrochene Arbeitskräfte, Angehörige aus den
Arbeitserziehungslagern, den Konzentrationslagern und entwichene Kriegsgefangene.”
Vorgesehen waren Alarmstufen von I bis III, die mit Codeworten
im Bereich Bremen, Wilhelmshaven, Oldenburg, Aurich und Osnabrück ausgelöst werden
sollten. Bei ihrer Auslösung würde für die SS, Gestapo und Polizeiverbände der
Alarmzustand angeordnet. Bereitzustellen und abzusichern waren Kraftfahrzeuge,
Waffen und Verpflegung. Bei der Alarmstufe II sollten die Ausländer in bestimmte
Lager unter strenger Bewachung zusammengezogen werden. Zusätzlich wurde der Abtransport
von Ausländern aus den „Arbeitserziehungslagern” (AEL) und den Konzentrationslagern
bzw. deren Außenkommandos angeordnet; hierunter fielen u.a. die Konzentrationslager
Bergen-Belsen, Neuengamme, das KZ-Außenkommando Farge in Bremen-Nord und das AEL
Kiel-Hassee. Selbstverständlich wurde auch ein entsprechender Einsatz-Stufenplan
für die Wehrmachtskommandos entwickelt, denen die Kriegsgefangenen-Lager und Arbeitskommandos
unterstanden. Mit genauer Routenbeschreibung wurden die Ausländer in Marschblöcke
zu bestimmten Sammellagern an der Ostseeküste eingeteilt. Und nach Auslösung der
Alarmstufe II, in den letzten Aprilwochen 1945, waren im gesamten Gebiet bei Tag
und Nacht die bewachten Marschkolonnen zu den vorgesehenen weitentlegenden Sammelplätzen
unterwegs. In der Nachkriegsliteratur und in den Erinnerungen der Überlebenden
werden diese Bewegungen als „Todesmärsche” bezeichnet. Zahlreiche ausländische
Menschen wurden hier noch Opfer von Hunger, Entkräftung und Erschießungen durch
ihre Bewacher. Für Außenstehende ist diese Gefahrensituation und Tragödie in den
letzten Tagen des Krieges nicht vorstellbar. Man kann nur darüber lesen, staunen,
erbost und am Ende traurig sein. Dennoch gelangte wegen des schnellen Vormarschs
der Alliierten und der zerstörten Brücken, Bahn- und Straßenstrecken so wie der
fehlenden Transportmittel die Konzentrierungsaktion nicht zur Zufriedenheit der
Durchführenden. Diese Tatsache muss für die Ausländer als Glücksfall bezeichnet
werden. Bei vollständiger Evakuierung wie vorgesehen wären die Opfer unter ihnen
noch weitaus höher gewesen.
Kommen wir zum persönlichen Verhalten der ausländischen Zwangsarbeitskräfte
während ihrer Versklavung und Gefangenschaft im deutschen Reichsgebiet. In der
Nachkriegsgeschichtsschreibung wie in der mündlichen Reflexion wird immer wieder
die Frage gestellt: Wo, wie und wann haben diese Opfer dem Unrechtsregime Widerstand
entgegengesetzt? Die Antwort ist: Sie verhielten sich in der Mehrzahl den schwierigen
Bedingungen entsprechend. Ihr Aktionsradius war hier sehr begrenzt. Die Befürchtungen
der Bewacher und Behörden waren größer als die von den Ausländern ausgeführten
Widerstandsaktionen.
Dass immer wieder Lager von Bomben getroffen wurden und Ausländer
in den Städten herumirrten und sich abzusetzen versuchten, ist in den Tagesmeldungen
der Gestapo nachzulesen. Diese Furcht war nicht unbegründet. Der bewaffnete Aufstand
sich befreiender Häftlinge in den letzten Stunden des Krieges im KZ Buchenwald
und im Kriegsgefangenen-Lager Sandbostel waren die Ausnahme.
Es ist zu konstatieren, dass von 136 größeren Ausländerlager
in Bremen schon 1943 dreißig Lager mehr oder weniger von Bombeneinwirkungen zerstört
waren. In den stark durch Luftangriffe in Mitleidenschaft gezogene Rüstungszentren
wie Wilhelmshaven, Emden und Osnabrück war die Situation ganz ähnlich. Das Chaos
verstärkte sich in den letzten Kriegsmonaten noch erheblich. Und man hatte dem
nichts entgegenzusetzen. Mit mühsamen Maßnahmen, sozusagen mit Krücken, versuchte
man, die sich abzeichnende schwierige Lage im Griff zu behalten. Die Bomberpiloten
der Alliierten waren diejenigen, die mit ihren Angriffen Nazideutschland den massivsten
Widerstand entgegensetzten. Die Zerstörungen dieser Art waren letztlich kriegsentscheidend.
Das Lager- und Bewachungssystem, dem die Ausländer gezielt
und bedingungslos ausgesetzt waren, griff im wesentlichen bis zuletzt. In den
Betrieben, wo Ausländer verpflichtet waren, wurden V-Männer als Spitzel eingesetzt.
Jedes oppositionelle Verhalten, welches gegen die Arbeitsmoral oder gegen das
Naziregime gerichtet war, sollte gemeldet und auf dem Fuße geahndet werden. Jeder
Betroffene wusste, wie es dann um ihn oder sie bestellt war. Die Einlieferung
in ein Arbeitserziehungslager oder auch in ein KZ wie auch die Vernehmung durch
die Gestapo wollte tunlichst jeder vermeiden. So mancher, der doch davon betroffen
war, kam halbtot wieder ins Lager oder an die Arbeitsstelle zurück oder überhaupt
nicht mehr.
Wer sich widersetzte, war vom Tode bedroht.
Das war Abschreckung für jeden der eh stark Geschwächten;
genau das war die gezielte Strategie des NS-Apparates. Wer sich als Zwangsarbeiter
oder Kriegsgefangener aus Osteuropa den Anweisungen, Richtlinien und engen Vorgaben
der Unterdrücker in irgendeiner Form widersetzte, war vom Tode bedroht. Von den
über zwölf Millionen Zwangsarbeitskräften und dazu einigen Millionen Kriegsgefangene
im damaligen Deutschen Reich, waren die meisten noch sehr jung, und sie wollten
leben! Für sie, wie aber auch für die älteren unter ihnen, galt es, sich dieses
Leben unter der Naziknute und in den enggezogenen Spielräumen so einzurichten,
dass sie überleben konnten. Für jeden galt es, ganz persönlich in sich selbst
so viel Ressourcen an Lebensenergie zu erhalten, um all den Schwierigkeiten,
in denen sie sich befanden, zu widerstehen, statt offenen Widerstand zu leisten.
Sie konnten zwar nicht verhindern, dass sie Schaden an ihrer Gesundheit nahmen.
Bei vielen war die Grenze zwischen Leben und Vergehen erreicht. Wer vermag hier
dann noch groß Widerstand zu leisten?
Und dennoch ...
Und dennoch haben nicht alle der in Mitleidenschaft gezogenen
Menschen alles so hingenommen, wie man es ihnen zugemutet hat. War es auch nicht
ein heroischer Widerstandsakt, den sie nicht in der Lage waren, in der ihnen aufgezwungenen
Situation zu leisten, so waren es doch oft deutliche Signale an ihre Unterdrücker,
mit ihrer Behandlung nicht einverstanden zu sein. Der gesamte nationalsozialistische
Apparat hatte sich in seiner Binnenstruktur ein ausgeklügeltes Sicherheitsnetz
geschaffen, um die ihm unterworfenen Menschen zu beherrschen. Dieses war einerseits
personell in den Zuständigkeiten und Durchführungen geregelt wie auch unterbringungsmäßig
möglichst abgesichert. Das gesamte Reichsgebiet bis in die abgelegensten Einöden
war systematisch mit einem Netz von Zwangslagern überzogen worden. Notfalls wurden
Menschen zeitweise in Massen auf kahler Weide zusammengepfercht und bewacht. Wer
einen Blick in das Buch „Das nationalsozialistische Lagersystem (CCP)” von Martin
Weinmann wirft, bekommt einen ersten Eindruck über die damalige Situation. Wer
kann sich schon zwanzigtausend Lager nebeneinander gereiht vorstellen, die in
diesem Buch genannt werden? Und es sind noch nicht alle hier registriert. Deutschland
war zu einem Gefängnis geworden! Welche Opfer aus welchen Nationen hier ihr Leben
fristen mussten, ist bekannt. Diejenigen, die damals an der Sklavenarbeit, die
von den Insassen zu leisten war, verdienten, wollen bis zur Stunde längst nicht
alle Schulden an die noch Lebenden zahlen. Es ist davon auszugehen, dass außer
den Polen und westlichen Ausländern ca. 2,8 Millionen sowjetische Frauen, Männer
und Kinder zur Zwangsarbeit ins Reich geschafft wurden. Die meisten von ihnen
mussten in Lagern hausen. Dazu müssen noch über vier Millionen russische Kriegsgefangene
gerechnet werden, die in Lagern vegetierten. Allein von ihnen kamen ca. 58% nicht
mit dem Leben davon. Die russischen Menschen waren wegen der ideologischen Rassenidee
der Nazistrategen zu Untermenschen abgestempelt und am schlimmsten von allen ausländischen
Opfern drangsaliert, entwürdigt und umgebracht worden. Alles Menschen, die überwiegend
jung waren und überleben wollten. Wie aber war ihnen das möglich? Sich gegen die
Peiniger und Beherrscher verbal oder – noch schwieriger – körperlich zu erheben,
um sich gegen diese Behandlung und Ehrverletzung zu wehren, war äußerst riskant.
Dennoch wagten es immer wieder Einzelne von ihnen. Und sie überlebten dabei zu
allermeist nicht!
Die Auflehnung der Ausländer hatte viele Gesichter
Wie schon gesagt: offener Widerstand von einzelnen oder mehreren
gemeinsam gegen ihre Unterdrücker war fast ausnahmslos lebensgefährlich. Aus dem
Weser-Ems-Raum sind einige solcher Ereignisse bekannt. Teils haben sie in der
Geschichtsliteratur schon ihre Niederschrift gefunden. Zwei Ereignisse von massierter,
spontaner Rebellion bis zum kurzfristigen Aufstand in einem Kriegsgefangenenlager
und zum anderen ein organisiertes Sabotageunternehmen einer größeren Gruppe von
Kriegsgefangenen in kriegswichtigen Betrieben – letzteres außerhalb des Weser-Ems-Raumes
– sollen hier kurz geschildert werden:
Ab Mitte 1943 hatte sich unter den sowjetischen Kriegsgefangenen,
vor allem Offiziere, die Gruppe „Brüderliche Zusammenarbeit der Kriegsgefangenen”
(BSW) gegründet. Sie arbeiteten auch mit Gefangenen anderer Länder, vor allem
Franzosen, in Lagern und Rüstungsbetrieben in Süddeutschland, schwerpunktmäßig
in München, zusammen. Mit großer Wahrscheinlichkeit nahm diese Gruppe auf Kriegsgefangene
und Zwangsarbeiter in den „Hermann-Göring-Werke” in Salzgitter und im Raum Hannover
Einfluss.
Der Schwerpunkt dieser Menschen war es, gezielte Sabotage
in der Produktion von Munition und Waffen so wie Fahrzeugen und Flugzeugteilen
zu praktizieren. Die Auswirkungen dieser Sabotageaktionen werden unterschiedlich
eingeschätzt, dürften aber nicht unerheblich gewesen sein. Unauffällig sollten
eine „schlechte Arbeitsmoral” und Störungen im Produktionsverlauf praktiziert
werden. Der SD, die Gestapo sowie eingesetzte V-Leute in den Betrieben konnten
im Jahr 1944 die Hauptkader der BSW ausfindig machen und festsetzen. In München,
Stuttgart und Mannheim wurden nach und nach die vermutlichen Personen festgenommen.
Fast alle sind umgebracht worden.
Nach dem Krieg wurde bei Umfragen unter ehemaligen Ausländern
immer wieder von verdeckten Sabotageakten, vor allem an Maschinen und bei der
Munitionsherstellung, berichtet. Dieses deckt sich auch mit manchen internen Lagemeldungen
und Berichten der SD und der Gestapo, die teilweise in den Archiven aufgefunden
werden konnten und auch in Nachschlagwerken verschiedentlich veröffentlicht worden
sind. Ohne Zweifel war ein solcher Akt von vorneherein waghalsig und erforderte
Mut. Es konnte zweifelsfrei bei seiner Entdeckung den Rest der Gesundheit, oft
sogar das Leben kosten. Sehr verdeckt, sensibel, sorgsam und mit viel Einfallsgeist
wurden diese Sabotageakte durchgeführt. Die meisten von ihnen sind im kleinsten
Stil praktiziert worden. Defekte Maschinen, Transportbänder und Motoren in den
Fabriken und mangelhafte Munition an den Fronten waren oft genug auf solche Einwirkungen
zurückzuführen, und wer weiß schon, wie viele Menschenleben dadurch verschont
blieben und um welche Zeitspanne der Krieg verkürzt wurde.
In der Nacht vom 19./20. April 1945 fanden noch mindestens
300 Gefangene im Marinelager des Kriegsgefangenenlagers Sandbostel im Landkreis
Stade den Tod, und Hunderte wurden schwer oder leicht verletzt. Wie konnte das
passieren? Eine Restbewachung der SS eröffnete von den Wachtürmen wahllos das
Gewehrfeuer auf die wehrlosen Gefangenen, die geschlossenen Widerstand in der
Form leisteten, dass sie sich im Lager auf die in der Küche und im Magazin befindlichen
Lebensmittel stürzten. Es heißt, dass diese Revolte von den russischen und polnischen
Gefangenen vorbereitet worden sei.
Die „Angst- und Hungerrevolte” im Stalag X B Sandbostel
Außerdem sei die Angst umhergegangen, dass die SS-Bewacher
bei ihrer Flucht die Lagerinsassen als Geiseln vor den einrückenden britischen
Truppen benutzen würden. Dieser Vorfall in Sandbostel zeigt noch einmal klar auf,
wie lebensgefährlich offener Aufruhr und Widerstand seitens der Opfer bis zuletzt
gewesen ist.
In einem weiteren Fall wird in den Meldungen der Gestapo
Wilhelmshaven berichtet, dass der Ukrainer Timofey Balan, der sich im „Gemeinschaftslager”
in Middelsfähr aufhielt, sich getraut hatte, dort spontan vor einhundert Zwangsarbeitern
eine flammende Rede zu halten und zur Revolution gegen Nazideutschland aufzurufen.
Es kostete ihm das Leben. Dass ein polnischer Zwangsarbeiter auf einem Hof in
Ostfriesland während der Stallarbeit die Mistgabel dazu benutzte, sie seinem herrischen
Bauern in seinen Allerwertesten zu stechen, war eher eine Seltenheit, kam aber
vor. Er verschwand auf Nimmer-Wiedersehen in einem Arbeitserziehungslager. Reichsweit
hat es immer wieder ähnliche Handlungen in verschiedenster Form von Auflehnung
und Tätlichkeiten gegeben. Bei plötzlich hochkommenden Emotionen in einer solchen
außergewöhnlichen seelisch schwierigen Lage, in der sich die Betroffenen befanden,
wurde vorher nicht immer groß darüber nachgedacht, sondern sofort reagiert. Und
man staune, wenn auch in den seltensten Fällen, so hat man hin und wieder auch
für Ausländer rechtgesprochen. So z.B. beschwerte sich der erst 15jährige Zwangsarbeiterjunge
Antoni Czubinski über die schwere Arbeit und die ständigen Beleidigungen seitens
des Müllerehepaares auf einem Betrieb im Ammerland mit einem Brief an seinen Vater
in Polen. Der Vater schrieb daraufhin einen Beschwerdebrief an den Ortsbürgermeister
von Garnholt im Ammerland, der dann auch dafür sorgte, dass Antoni auf einen anderen
Bauernhof versetzt wurde, wo er menschlich behandelt worden ist.
Westeuropäische Zwangsverpflichtete und Kriegsgefangene nahmen
es sich eher heraus als die osteuropäischen, in den verschiedensten Formen hinsichtlich
ihrer Unterdrückung zu reagieren. Bedroht von Repressalien waren aber auch sie;
Osteuropäer waren bekanntlich hierbei weit mehr gefährdet. So z.B. berichtete
die Gestapo Wilhelmshaven in ihren Tagesmeldungen immer wieder darüber, wie die
„frechen” holländischen Zwangsverpflichteten sich darüber gefreut hätten, ja sogar
in die Hände klatschten, wenn die Bomben mal wieder großen Schaden in der Stadt
angerichtet hatten. Die häufigste Form von Sich-Auflehnen und sich den unmenschlichen
Bedingungen entgegenzustellen, war jedoch die verkappte Arbeitsverweigerung. Die
Gestapo gab an einschlägige Dienststellen vierzehntägig ihre Tagesmeldungen durch.
In ihnen befand sich ein Meldeabschnitt über die Ereignisse, die Ausländer betraf.
Es würde ganze Buchbände füllen, wenn alle die hier gemeldeten Personen, gegliedert
nach Nationen, veröffentlich würden, die namentlich oder auch nur in Zahlenangaben
im Weser-Ems-Raum in diesen Meldeberichten erschienen.
Sich der täglichen Arbeit durch eine nicht klar ersichtliche
schwerwiegende Krankheit als Zwangsverpflichteter oder Kriegsgefangener zu entziehen,
wurde als „Arbeitsbummelei” bezeichnet und führte fast immer zu existenziellen
Einschnitten und Repressalien; an den Osteuropäern wurden diese am extremsten
praktiziert. So gab das Oberkommando des Heeres (OKH) am 26. Juli 1942 folgende
Verfügung heraus: „Jeder Kriegsgefangene, der zur Arbeit verpflichtet ist, hat
seine Arbeitskraft voll einzusetzen. Bei Zuwiderhandlungen ist entsprechend der
Verfügungen mit aller Schärfe vorzugehen ... Auf jeden russischen Kriegsgefangenen,
der flüchtet, ist ohne Anruf sofort zu schießen.”
Einweisung in ein „Arbeitserziehungslager”, Überstellung
in ein Konzentrationslager, wenn der „Erziehungszweck” nicht erreicht wurde, und
andere Repressalien, wie Verpflegungsentzug und Einzelhaft, waren in diesen Fällen
an der Tagesordnung. Bei nachgewiesener Selbstverstümmelung oder anderen Selbstbeschädigungen
drohten „Arbeitserziehungshaft”, KZ-Haft oder auch die Todesstrafe. In ihrer Verzweiflung,
aber auch aus Widersetzung gegen die Behandlung und als Weigerung, in der Rüstungsproduktion
zu arbeiten, haben es dennoch immer wieder einzelne gewagt und auch geschafft,
sich der harten Arbeit und ihren Unterdrückern zu entziehen. Mit Sicherheit waren
die allermeisten Ausländern, die in den Gestapoberichten auftauchen, wegen ihres
körperlich und seelisch schlechten Zustandes nicht in der Lage, die Arbeiten unter
den schwierigen Bedingungen so zu verrichten, wie man es von ihnen verlangte.
Die im Laufe der Kriegsjahre sich vermehrt häufende Fälle
von Arbeitsunfähigkeit und Arbeitskraftminderung der ausländischen Zwangsarbeitskräfte,
ob wirklich krank oder nur vorgeschoben, ging mit der Tatsache der immer kritischer
werdenden Gesamtsituation im Deutschen Reich einher. Die sich ständig verschlechternde
Versorgung – von der Ernährung über die Ausstattung der Unterkünfte bis zur Reduzierung
der medizinischen Versorgung auf ein absolutes Minimum bei gleichzeitiger Verschärfung
der Kontrollen und Repressionen – ließ deutlich die Statistik über die sogenannten
„Dienstpflichtverletzungen”, wie sie genannt wurden, in die Höhe schnellen. Die
Bezeichnung „Arbeitsvertragsbruch”, unter der das Verhalten der Ausländer im Arbeitsbereich
zu verstehen war, lässt den Zynismus des NS-Systems deutlich werden. „Arbeitsvertrag”
unter dem Damoklesschwert der Zwangsverpflichtung, was kann das für ein Arbeitsvertrag
sein?
Eine andere und noch gewagtere Form, sich der Arbeit zu entziehen,
war die Flucht aus einem Lager oder von der Arbeitsstelle. Hiervon machten zumeist
polnische, französische und niederländische Zwangsarbeitskräfte Gebrauch. Sie
hegten die Hoffnung, ihre nicht allzu weit entfernte Heimat zu erreichen und bei
Verwandten oder auch irgendwo anders sich vor dem Zugriff der deutschen Unterdrücker
zu verstecken. Diese verstärkte Form, sich dem Terrorsystem zu widersetzen, war
längst nicht immer erfolgreich. Nicht wenige der flüchtigen Ausländer griff man
noch innerhalb der deutschen Grenze auf den Bahnhöfen oder Straßen wieder auf
und führte sie erneut der Arbeitsstelle zu. Im wiederholten Falle wurden solche
Personen in ein AEL gesteckt oder verschwanden auf lange Zeit in einem Konzentrationslager.
Von denjenigen, die bis in ihre Heimat durchkamen, wurden wiederum nicht wenige
wieder aufgegriffen und zurückgebracht. Aber manch einem ist die Flucht auch gelungen.
Vor allem im vorletzten Kriegsjahr versuchte viele, sich mit einem solchen Akt
den Bedingungen zu entziehen, wobei sich gleichzeitig die Repressalien verschärften
und die Maßnahmen radikal auf dem Fuße folgten. So wurde schon in den Anfangsjahren
des Krieges, 1940, vom Landrat des Landkreises Wesermarsch in einem Schreiben
an den Minister des Inneren in Oldenburg Klagen über „flüchtige Zivilarbeiter
polnischen Volkstums” geführt. In diesem Bericht vom 16. Oktober 1940 heißt es:
“Von der Firma Weser Flugzeugbau GmbH Werk Nordenham ist
mir mitgeteilt worden, dass nunmehr insgesamt 106 Zivilarbeiter ... ihre Arbeitsstelle
eigenmächtig verlassen haben und in die Heimat zurückgekehrt sind ... Ebenfalls
werden polnische Landarbeiter in erhöhtem Maße flüchtig ... Gemäß Ersuchen der
Gestapo Wilhelmshaven wird für jeden flüchtigen polnischen Zivilarbeiter das Fahndungsverfahren
durchgeführt”.
Der Anstieg der Zahlen derer, die sich der Arbeit zum Ende
des Krieges hin versuchten zu entziehen, hatte mehrere Gründe: Einerseits war
es für die Geschwächten eine notwendige Überlebensstrategie, mit der Hoffnung
verknüpft, am Ende doch noch mit dem Leben davonzukommen. Andererseits war es
die Wut auf das Terrorsystem. Diejenigen, die mit dem Leben recht und schlecht
davongekommen sind, haben der Unmenschlichkeit widerstanden. Das war die wirkliche
Form und auch die Größe ihres Widerstandes im Terrorsystem des Nationalsozialismus.
Es darf und soll nicht vergessen werden, dass es immer wieder
Deutsche, vor allem Frauen, gegeben hat, die es trotz Androhung von Strafen gewagt
haben, den ausländischen Opfern Hilfe zukommen zu lassen, die zu ihrem Überleben
beigetragen hat. Viele von den überlebenden Ausländern berichten heute darüber.
Auch diese Personen haben damit zum Ausdruck gebracht, dass sie zumindest mit
der Art und Weise der Behandlung der Ausländer nicht einverstanden waren. Die
Berichte darüber weisen aus, dass nicht wenige von ihnen im Konzentrationslager
gelandet sind. Auch sie haben sich der Unmenschlichkeit mit ihrem Einwirken widersetzt
und ihr widerstanden.
Meine Darstellung bezieht sich auf die fünf Bände „Die
im Dreck lebten – ZwangsarbeiterInnen, Kriegsgefangene und die Lager. Dargestellt
an den Ereignissen in Weser-Ems”, die das Autorenteam für kritische Geschichtsschreibung
in Weser-Ems 1933–1945 erarbeitet hat und die ab 1993 bei der Druck & Verlagscooperative
in Osnabrück erschienen sind.
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