Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945 e.V.

"informationen" Nr. 54, November 2001 
Editorial

<<Zurück

Auf seiner Tagung im August hat der Vorstand beschlossen, im Editorial der „informationen“ eigene Standpunkte zu aktuellen Fragen und wissenschaftlichen Debatten aus dem originären Forschungs- und Arbeitsbereich des Studienkreises in die Diskussion einzubringen. Dabei geht es nicht darum, die „beschlossene“ Position des Studienkreises kundzutun. Es sollen vielmehr Impulse für die Diskussion innerhalb der Leserschaft der „informationen“ gegeben werden. Gleichzeitig wollen wir auf Entwicklungen aufmerksam machen, die, wie das Beispiel des Umgangs mit Gedenkstätten verdeutlicht, einen gefährlichen Wandel im historischen Umgang mit den Zeugnissen der nationalsozialistischen Verbrechen immer offensichtlicher werden lassen.

Bundesrepublik will KZ Lichtenburg verkaufen.
Bundesstraße über KZ-Gelände.
Bundeswehr ließ Rampe in Bergen-Belsen abreißen.

Drei Schlagzeilen aus der deutschen Gegenwart 2001, angekommen in der Walserschen Normalität. Während Neonazismus und Rechtsradikalismus, rassistische und antisemitische Anschläge und Übergriffe immer weiter um sich greifen, von der Polizei geschützte Neonaziaufmärsche und sogenannte „befreite Zonen“ schon zum Alltagsbild dieser Republik gehören und der Erfolg der mit rechtspopulistischen Law-und-Order-Parolen auftretenden Schill-Partei in Hamburg keinen Aufschrei in der Bevölkerung auslöst, sondern im Gegenteil dankbar für eine Regierungsbildung aufgegriffen wird, sehen sich die Gedenkstätten des nationalsozialistischen Terrors immer stärker in ihrer Substanz gefährdet.

So soll die Lichtenburg in Prettin, 1933 bis 1939 als KZ genutzt, nach dem Willen des Bundes an einen privaten Nutzer veräußert werden. Unterstützen im Fall der Gedenkstätte KZ-Lichtenburg die Landesregierung Sachsen-Anhalt sowie Politiker aller Parteien des Kreises Wittenberg die Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora in ihrem Protest gegen den Verkauf, so steht die Lagergemeinschaft Ravensbrück in ihrem Kampf gegen die Trassenführung der als Umgehungsstraße von Fürstenberg geplanten B 96 über das ehemalige KZ-Gelände der Gedenkstätte Ravensbrück/Uckermark allein auf weiter Flur. Während der Bau eines Supermarktes auf dem Gelände der Gedenkstätte Anfang der 90er Jahre noch mit breiter Unterstützung verhindert werden konnte, wirft jetzt der Fürstenberger Förderverein Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück der Lagergemeinschaft eine unnachgiebige Haltung vor.

Worum geht es bei diesem Konflikt? Seit 1995 wird für die viel befahrene B 96 eine Ortsumgehung geplant. Dabei waren insgesamt sechs Varianten im Gespräch. Bereits frühzeitig favorisierten die Landesregierung und die örtlichen Behörden Variante 4, die unmittelbar an der Gedenkstätte vorbeiführt und das Lagergelände in zwei Teile zerschneidet. In der Zwischenzeit wurde alles getan, um u.a. die alternative Variante 5, die eine Ortsumgehung ohne Zerschneidung des ehemaligen KZ-Geländes vorsieht, zu verhindern. So wurde einmal eine Denkmalbereichssatzung, die das gesamte ehemalige KZ-Gelände schützen würde, von der  Stadtverordnetenversammlung Fürstenberg nicht verabschiedet. Auf der anderen Seite wurde ein Teil der Landschaft, durch die die alternative Variante 5 führen könnte, zum „Flora-Fauna-Habitat“ erklärt und somit unter Naturschutz gestellt. Mit dem Argument, die „Region ist nicht nur KZ, sondern auch Erholungs-gebiet“, werden nun Naturschutzinteressen gegen den ungebrochenen Erhalt der Gedenkstätte gestellt. Inzwischen sind die Behörden nur noch bereit, mit der Lagergemeinschaft darüber zu sprechen, in welcher Form die Ortsumgehung das Lagergelände durchschneiden soll.

Dass man derweil auch ohne Gespräche und Rücksicht auf den Denkmalschutz handelt, hat die Bundeswehr im Kreis Celle deutlich gemacht. Sie ließ kurzerhand einen Teil der im Jahre 2000 durch das Land Niedersachsen unter Denkmalschutz gestellten Bahnrampe des ehemaligen Konzentrationslagers Bergen-Belsen abreißen. Man habe „in völliger Unkenntnis des Denkmalschutzes“ gehandelt, erklärte die Bundeswehrsprecherin. Viel empörender ist, dass hier in völliger Missachtung des ge-schichtlichen Ortes gehandelt wurde und wird. Rund 70.000 Menschen starben im KZ Bergen-Belsen. Viele von ihnen kamen an der Rampe an und mussten die restlichen fünf Kilometer bis zum KZ laufen. Trotz dieser Historie wird die Rampe von der Bundeswehr genutzt, um Panzer zu verladen.

Nimmt es da noch wunder, dass auf der Internetseite einer großen Regierungspartei unter der Überschrift „Wichtige Daten“ unter dem 8. Mai auf die Erfindung von Coca Cola und die Erstbesteigung des Mount Everest ohne Sauerstoffgerät hingewiesen wurde, der 8. Mai 1945 jedoch unerwähnt blieb. „Der ist uns entglitten.“ antwortete auf Nachfrage die zuständige Redakteurin.

Wir müssen darauf achten, dass uns in dieser neuen deutschen Gesellschaft nicht der entschiedene Blick auf die verbrecherische Geschichte des Faschismus und des nationalsozialistischen Terrors entgleitet. Dazu ist es notwendig, den Erhalt der Gedenkstätten in ihrer Gesamtheit zu sichern. Während in Berlin eine in sich erstarrende Gedenkkultur entwickelt wird, die vor allem eine Außenwirkung erzielen soll, werden die Gedenkstätten im Lande immer mehr vernachlässigt. Gerade aber die Auseinandersetzung vor Ort in den Gedenkstätten der ehemaligen Konzentrationslager, den Stätten, an denen die Verbrechen für viele Menschen sichtbar geschahen, ist notwendiger denn je. Sie sind die Hinterlassenschaft einer verbrecherischen deutschen Geschichte, die von der überwiegenden Mehrzahl der Bevölkerung mitgetragen wurde. Sie dokumentieren gleichzeitig das Schicksal von Menschen, die sich diesen Verbrechen entgegenstellten, Widerstand leisteten. Sie sind der Stachel im Fleisch der Normalität, der notwendig ist, um Widerstandskraft zu entwickeln gegen Neonazismus, Rassismus und Antisemitismus, die heute in unserer Gesellschaft bereits wieder allgegenwärtig sind.

Heiko Lüßmann

Zum Seitenanfang

<<Zurück