"informationen" Nr. 53, Mai 2001
Zweck einer solchen Ausstellung ist
nicht länger die Belehrung.
Gottfried Schmidt
<<Zurück
„Bei der Neugestaltung soll der Anteil von Kinderzeichnungen und Gedichten erweitert
werden, sie sollen tatsächlich im Mittelpunkt stehen. Die Kinder und auch einige
der Lehrkräfte sollen mit ihren Namen und biografischen Daten genannt werden.
Bei der Auswahl der Biografien soll darauf geachtet werden,
dass auch aus Deutschland deportierte Kinder repräsentiert sind
– Anknüpfungspunkte für heutige Jugendliche. Des weiteren
sollen Texte von Überlebenden die Lebenssituation der Kinder im KZ Theresienstadt
und die konkreten Entstehungsbedingungen der Zeichnungen veranschaulichen. Damit
kann die Ausstellung auch Aussagen zum Widerstehen/Widerstand und Überleben unter
KZ-Bedingungen treffen.“
Als sich im Herbst 2000 erstmals eine Arbeitsgruppe im Studienkreis
traf, um über die Erstellung der neuen Ausstellung „Kinder im KZ Theresienstadt.
Bilder, Gedichte, Texte“ nachzudenken, war allen vier Beteiligten der hohe Anspruch
gewärtig, der in der oben zitierten Konzeptions-Beschreibung zum Ausdruck kommt.
Mehr noch: Zur Ausgangssituation gehörten – fester Bestandteil
bislang eigentlich jedes Vorhabens im Studienkreis – die Knappheit der zur Verfügung
stehenden Mittel (11.000 DM als definitive finanzielle Obergrenze für Recherche
und Texterstellung, Ausstellungssystem, Gestaltung, Ausdruck und Werbematerialien)
und ein eindeutiger zeitlicher Rahmen:
Die Fertigstellung zum 29. Evangelischen Kirchentag im Juni
2001 in Frankfurt/Main war Pflicht.
Nicht klar – am ehesten wahrscheinlich noch der als einziger
im Team historisch geschulten Ursula Krause-Schmitt, alle übrigen (Andrea Mohr,
Hartmut Mohr, Gottfried Schmidt) waren als interessierte Laien, aufgrund ihrer
Tätigkeiten als Grafiker/in bzw. wegen ihrer Erfahrungen in Fragen der visuellen
Realisation dabei – war allerdings den Beteiligten, auf welches nicht zuletzt
emotionale Abenteuer sie sich eingelassen hatten.
Die folgenden Überlegungen sollten nicht verstanden werden
als museums- oder ausstellungspädagogische Begründung der Ausstellung, an deren
Erstellung die Beteiligten noch arbeiteten, als diese Zeilen geschrieben wurden:
Dazu fehlen dem Autor die Voraussetzungen. Eine Reihe von Artikeln in diesen „informationen“
gibt Sach- und Geschichtswissen weiter, dessen Kenntnis viel beim Verständnis
der Ausstellung leistet, bei einer intensiveren Beschäftigung mit dem Thema unerlässlich
ist. Hier sollen der Prozess, der in der Arbeitsgruppe ablief, und seine Ergebnisse
wiedergegeben werden – mit dem Ziel zu verdeutlichen, warum sich diese Ausstellung
so und nicht anders präsentiert, und mit der hoffnungsvollen Vermutung, dass Ähnliches
Vielen geschieht, die sich der Ausstellung als Besucher/innen nähern.
Die Dynamik dieser Beschäftigung lässt sich u.a. an zwei
Fragestellungen verdeutlichen:
Wer steht im Mittelpunkt?
In der erstmalig 1988 vom Studienkreis gestalteten Ausstellung
wurde die Formulierung „Kinderzeichnungen“ gewählt. Für uns stellte sich jedoch
die Frage, ob beispielsweise 12- bis 14-Jährige, zu deren Lebenserfahrung Verhaftung,
Verschleppung, KZ, Krankheit und Tod gehören, ohne weiteres noch als Kinder zu
bezeichnen sind. Die Einsicht in die Diskrepanz zwischen biologischem Alter und
erlittenem Schicksal führte nur deswegen nicht zu einer Neuformulierung des Titels
(z.B. „Kinder und Jugendliche“), weil bei der detaillierten Durchsicht der Bilder
deutlich wurde, dass es sich bei diesen in der großen Mehrzahl um Schöpfungen
von 10- bis 12/13-Jährigen handelte.
Bedeutung der Zeugnisse
Ein zweiter Aspekt führte dann in der Tat zu einer Änderung
des Titels der Ausstellung zu einem ganz späten Zeitpunkt: Waren ursprünglich
vor allem die Bilder und Zeichnungen im Focus, ergänzt durch die Gedichte, so
zeigte es sich im Verlauf der Arbeit, dass es möglich war, alles, was in der Ausstellung
zu sagen ist, durch die Personen selbst sagen zu lassen – durch Texte, die von
den Betroffenen selbst stammen.
Konsequenz dieser Einsicht ist nicht nur der veränderte Titel,
den durch den Begriff „Texte“ zu erweitern uns notwendig erschien; wichtiger noch
ist, dass abgesehen von einer knappen historischen Hinführung zu Theresienstadt
die ganze Ausstellung frei ist von Erläuterungen, Erklärungen oder Kommentaren.
Was ursprünglich aus der intensiven Beschäftigung mit den
Bildern und Zeichnungen erwuchs, was sich naheliegend bezüglich der Lyrik fortsetzte
– nicht einzugreifen, nicht zu interpretieren –, das fand seine schlüssige Konsequenz
in dieser Zurückhaltung des Ausstellungsteams. Die Beschäftigung mit der Thematik
des „Zeugnis geben“, die im zweiten Teil dieser „informationen“ und auch im folgenden
Heft eine große Rolle spielt, hat viel dazu beigetragen, sich in dieser Weise
auch den Kinderzeichnungen zu nähern: Sie nämlich zu verstehen als Zeugnisse,
die aus sich selbst heraus sprechen können. Zugespitzt formuliert folgt daraus:
Um Zeitzeugnissen dieser Art gerecht zu werden, darf der Zweck einer Ausstellung
nicht länger die Belehrung sein; vielmehr ist Aufgabe derjenigen, die hier vermitteln
wollen, diese Dokumente in ihrer Besonderheit zur Entfaltung zu bringen, zu versuchen,
ihre individuelle und soziale Einbettung offen zu legen. Nicht mehr.
Eine sehr zeitaufwendige und intensive Beschäftigung mit
den – immerhin etwa 4.000 – Bildern und Zeichnungen, die im Jüdischen Museum in
Prag erhalten geblieben sind, war somit Kernstück der Arbeit der Ausstellungsgruppe:
im günstigsten Fall, dass die Verhältnisse, unter denen sie gestaltet wurden –
theologisch gesprochen, ihr „Sitz im Leben“ – verstehbar und wahrnehmbar wurden.
Dass die Gruppe gezwungen war, aus einem solch großen Bestand nur so wenige (gerade
einmal 33) Bilder zur Wiedergabe auswählen zu müssen, wurde übereinstimmend als
gleichzeitig schmerzhaft und als Ansporn empfunden, möglichst viel über die jeweiligen
Situationen zu erfahren, aus denen diese Bilder stammten. Letzteres muss aber
äußerst relativ gesehen werden, da die Quellen nicht oft mehr als den oder die
Schöpferin eines Bildes, evtl. die Daten der Deportation nach Theresienstadt und
den Abtransport nach Auschwitz, hin und wieder noch nicht einmal den Namen beinhalten.
Auswahlkriterien benennbar
Es zeigte sich, dass zumindest fünf Kriterien benennbar sind,
nach denen sich der Bildbestand strukturieren lässt:
– Unterrichtsübungen: der nur scheinbar formale Aspekt,
Zeichnen und Malen zu lernen
– Stimmungen wiedergeben, in denen sich die Kinder befanden
– Situationen im KZ beschreiben: die Lebensverhältnisse werden malerisch festgehalten
– Sich Erinnern an Ereignisse „vor der Zeit im KZ“
– Die Wiedergabe von (Alp-)Träumen
Dass diese Kriterien sich nicht in jedem Fall eindeutig und
ausschließlich feststellen lassen, liegt auf der Hand: So scheint beispielsweise
im Malunterricht neben dem Üben von Farbwirkungen und Formen eine Aufgabe gewesen
zu sein, Märchen wiederzugeben; dass unter den gegebenen Verhältnissen dabei besonders
bedrückende Situationen eingefangen wurden, ist einleuchtend.
Einigkeit bestand in der Gruppe, diese Situationen, soweit
sie feststellbar waren, bei der Ein- und Zuordnung der Bilder zum Tragen zu bringen:
sei es durch die geeignete Zuordnung von Texten überlebender Kinder, sei es durch
kurze historische Bildunterzeilen, sei es durch Heranziehen von Gedichten. Eine
persönliche Bemerkung sei erlaubt: Im Vergleich zu den Bildern und Zeichnungen
wurden die Gedichte, ihre Bedeutung und Zuordnung relativ wenig reflektiert; vielleicht
drückt sich darin eine gewisse Unsicherheit im Umgang mit Lyrik bei der Erforschung
und Vermittlung der Zeit der Lager aus.
Wie sehr das grundsätzliche Herangehen, die Bilder und Zeichnungen
möglichst selbst sprechen zu lassen, seine Wirkung auch auf die formale Gestaltung
der Ausstellung hatte, zeigte sich in der Phase der Umsetzung auf die Ausstellungstafeln:
Es bestand schnell Einigkeit im Ausstellungsteam, dass – anders noch als bei der
vorherigen Ausstellung – keine Ausschnitte von den Bildern verwendet wurden und
auch die Proportionen der einzelnen Abbildungen untereinander eingehalten werden
sollten. Ebenso wurde viel Wert darauf gelegt, dass bei der Reproduktion die von
den Kindern verwendeten Materialien wieder erkennbar blieben.
Ergebnis sind nun fünfzehn Tafeln, auf denen 33 Bilder und
Zeichnungen, neun Gedichte und eine Fülle von Texten Überlebender miteinander
kombiniert – eher noch komponiert wurden. Klammert man dabei die Tafeln aus, denen
eine einleitende bzw. erläuternde Funktion zukommt – Eröffnungstafel, Totenliste
aller aus Deutschland nach Theresienstadt deportierten und umgekommenen Kinder,
die beiden Tafeln über Theresienstadt und Auschwitz –; so bleiben elf Tafeln,
deren jeweilige Kernaussagen in ihrer Reihenfolge wiedergegeben werden:
– Mein zuhause, mein Zimmer, alles fort ...
– Ich hab die Angst erkannt ...
– durften Familien nicht zusammenleben
– Allgemein war der Schulunterricht verboten
– Durch das Verbot gewann das Lernen an Reiz
– Zeichne, was du siehst
– Der Tod ist überall zu Haus
– Transport ins Unbekannte
– Schmetterlinge leben hier nicht
– ... wir woll‘n doch leben ...
– Wir müssen fort in unbekannte Häfen
Auch diese jeweiligen „Leitgedanken“ der Tafeln wurden den
Gedichten bzw. den Texten entnommen; sie sind auf den Tafeln selbst als „Überschriften“
gestaltet.
|