Pro und contra: Antifaschistischer und/oder deutscher
Widerstand ?
Fortführung der Diskussion
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Deutscher und/oder antifaschistischer Widerstand?
Dr. Hans Coppi
Zur Diskussion: Name, Platz und Aufgaben des Studienkreises.
Karl Heinz Jahnke
Bertold Brecht: Kinderhymne.
Ursel Ertel-Hochmuth
Beitrag von Wolfgang Janz, Goslar
Hanna Elling, Gründungsmitglied des Studienkreises
Günter Heuzeroth, Oldenburg und das Autorenteam für kritische
Geschichtsschreibung in Weser-Ems
Prof. Dr. Christa Uhlig, Berlin
Deutscher und/oder antifaschistischer Widerstand?
Dr. Hans Coppi. Historiker, Mitglied des Geschäftsführenden Vorstandes des VVdN-BdA Berlin
Deutscher und/oder antifaschistischer Widerstand? In dieser Fragestellung schwingt für mich ein semantischer
Streit von Worten und Begriffen, die in einem verwandten, wenn auch manchmal spannungsgeladenen Verhältnis stehen. Mich beschäftigt vor der Einordnung in die aktuellen politischen Debatten das Selbstverständnis der weltanschaulich und politisch heterogenen deutschen Gegner des Naziregimes, einer absoluten Minderheit in den Jahren 1933 bis 1945. Als deutsche Antifaschisten verstanden sich nicht nur Kommunisten, Sozialisten, Sozialdemokraten, die mit ihrem Kampf gegen die Hitlerdiktatur auch die sozialökonomischen Grundlagen des kapitalistischen Systems überwinden wollten, das den deutschen Faschismus begünstigt und ermöglicht hatte.
Antifaschismus war in den dreißiger und vierziger Jahren eine weltweite Reaktion auf faschistische Ideologie, deutsche Weltherrschaftspläne und unvorstellbare Naziverbrechen. In dieser antifaschistischen Gegenkraft, die sich oftmals national konstituierte und mobilisierte, bündelten sich entschieden demokratische, sozialistische, kommunistische, antimilitaristische, antikapitalistische, selbst nationalistische Antworten auf die existentielle Bedrohung der Menschheit durch faschistische Barbarei. Im größten gemeinsamen Nenner, im Kampf gegen den Hitler-Faschismus, hielten es Hitler-Gegner unterschiedlicher politischer Couleur im weltanschaulichen Dissens, in zeitweisen fragilen Bündnissen, Kampfeinheiten und Koalitionen miteinander aus. Manchmal gerieten sie aneinander, blieben auf Distanz, bekämpften sich. Der Kampf gegen Hitler führte sie wieder zusammen. Nach der Befreiung trennten sich im eskalierenden Ost-West-Konflikt manchmal ihre Wege, aber das Gefühl der gegenseitigen Achtung und Verbundenheit aus der Gegnerschaft zum NS-Staat dauerte oftmals an.
In den von deutschen Truppen überfallenen Ländern nahm der antinazistische Kampf den Charakter eines nationalen Befreiungskampfes an, dem sich auch deshalb viele Menschen anschlossen, weil sie ihr Vaterland von deutscher Okkupation befreien wollten.
Deutsche Gegner der Nazi-Diktatur versuchten, der nationalistischen Nazi-Demagogie entgegenzuwirken, sie teilweise mit einem positivem Deutschland-Bild aufzubrechen. "Positive" Traditionsstränge des "anderen Deutschlands" wurden aktiviert. Flugblätter und Beiträge in ausländischen Rundfunksendern beriefen sich auf die Befreiungskriege und appellierten an das "patriotische" Gewissen der Deutschen, zu begreifen, was in ihrem Namen an unvorstellbaren Verbrechen verübt wurde, und riefen auf, endlich zu handeln, um die Nazidiktatur von innen zu stürzen. Unter Führung der KPD entstand in der Sowjetunion das Nationalkomitee Freies Deutschland mit den schwarz-weiß-roten Insignien. Viele deutsche Nazi-Gegner im Exil, in den Kampfeinheiten der Antihitler-Koalition und im Gulag sehnten sich nach einem demokratischen Deutschland, das eine Zukunft in Frieden und Freundschaft mit anderen Völkern haben sollte.
Die Vorstellungen der Hitlergegner in Deutschland und im Exil über die Nachkriegsordnung gingen weit auseinander. Während Kommunisten und Sozialisten ein sozialistisches Deutschland anstrebten, ging es liberalen, konservativen und kirchlich gebundenen Hitler-Gegnern vor allem um die Wiederherstellung von Recht und Freiheit, um die Ausgestaltung bürgerlicher nazifreier Verhältnisse. Zu den Verschwörern des "20. Juli" gehörten nicht nur Generale und rückwärtsgewandte Offiziere, sondern auch Gewerkschafter und Sozialdemokraten, die in Abstimmung mit Stauffenberg Kontakte zu Kommunisten suchten.
Ich halte es für problematisch, den Widerstand in den guten, den antifaschistischen und den schlechten, den deutschen zu sortieren. Nazi-Gegner, die aus unterschiedlichen Gründen, ihr Leben eingesetzt haben, verdienen meinen Respekt, auch wenn ich ihre Anschauungen nicht unbedingt teile. Eine "linke" Art von Ausgrenzung von Widerstandskämpfern anderer politischer Couleur aus dem deutschen Widerstand erinnert mich sehr an die einseitige Geschichtsschreibung der frühen DDR.
Dank der Aktivität vieler Geschichtswerkstätten, der Tätigkeit der VVN und des Studienkreises wurden nach jahrzehntelanger Ausgrenzung in der Bundesrepublik in den achtziger Jahren endlich auch Frauen und Männer aus der Arbeiterschaft und der sie tragenden Parteien und Organisationen gewürdigt, die den Hauptteil der aktiven NS-Gegner darstellten. All dies trug dazu bei, daß sich ein immer mehr akzeptierter integrativer Begriff des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus herausbildete, was sich am deutlichsten in der Rede von Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 widerspiegelte. In den neunziger Jahren wurde erneut der Versuch unternommen, Kommunisten und anderer mißliebiger Gruppen aus dem deutschen Widerstand gegen den NS-Staat auszugrenzen. Die Teilung des deutschen Widerstandes in frühere östliche oder westliche Erklärungsmuster sollte endgültig überwunden und die Erforschung des deutschen Widerstandes in seiner gesamten Breite, Vielfalt und in all seiner Widersprüchlichkeit weitergeführt werden. Forschungen und Ausstellungen sollten auch vor dem Hintergrund der Auseinandersetzungen mit Rassismus und Neonazismus in der bundesdeutschen Gesellschaft Orte umfassender Diskussion bleiben und nicht zu Traditionsstätten einzelner Widerstandsgruppierungen verengt werden. Auch heute benötigen wir ein breites Bündnis gesellschaftlicher Kräfte mit unterschiedlichen politischen und weltanschaulichen Vorstellungen zum Zurückdrängen und zur Überwindung nazistischer Gefahren. In die aktuellen Kämpfe könnten Lehren aus der bitteren Vergangenheit der getrennt agierenden Widerstandskreise und ihrer oftmals blutigen Zerschlagung durch den NS-Repressionsapparat gezogen werden.
Zeugnisse von Verfolgung und des Aufbegehrens gegen ein verbrecherisches System hat der
Studienkreis deutscher Widerstand in mühevoller Kleinarbeit gesammelt, dokumentiert und einer großen Öffentlichkeit zugänglich machen können. Dies bleibt weiterhin eine unverzichtbare Aufgabe. Dazu gehören auch die Häftlinge und Zwangsarbeiter in den Arbeits- und Konzentrationslagern, die bisher kaum erforscht wurden. An Verfolgung und Widerstand zu erinnern, sie im Gedächtnis der Deutschen und Nichtdeutschen, die in der Bundesrepublik leben, aufzubewahren und sie an die nächste Generation weiterzugeben, dazu benötigen wir auch weiterhin den Studienkreis. Nicht nur aus historischem Interesse, sondern auch um die historische Perspektiven von "Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus" in die aktuelle Debatte einzubringen.
Zur Diskussion: Name, Platz und Aufgaben des Studienkreises
Karl Heinz Jahnke, Historiker, Rostock
Zur Diskussion über den Standort und den Namen des Studienkreises habe ich mehrere Bezüge. Am 19. Februar 1967, als der Studienkreis gegründet wurde, gehörte ich zu den Teilnehmern der Konferenz "Probleme des Widerstandes und der Verfolgung im Dritten Reich im Spiegel der Schulbücher und des Unterrichts". An den jüngsten Diskussionen habe ich mich auf der Konferenz am 28. November 1998 "Der aufrechte Gang. Antifaschistischer Widerstand neu bedenken, verstehen, weitergeben", bei den Tagungen des wissenschaftlichen Beirates im Juli 1999 und Februar 2000 sowie auf der
Mitgliederversammlung am 11. Februar 2000 beteiligt.
Von besonderer Bedeutung für meine Meinungsbildung waren Begegnungen mit Menschen
unterschiedlichen Alters und verschiedenen politischen Auffassungen bei Vorträgen und Buchlesungen in West- und Ostdeutschland, zu denen ich zwischen dem 20. Juni und 4. Dezember 2000 eingeladen worden war. Bei den Veranstaltungen in Göttingen, Rostock, Binz auf Rügen, Heidelberg, Offenburg, Schwerin und Hamburg kam ich mit ungefähr 200 Besuchern zusammen. Gegenstand des Interesses waren meine Bücher "Antifaschisten. Unbequeme Zeugen des 20. Jahrhunderts", "Hertha Feiner. Vor der Deportation" und "Gegen Hitler. Gegner und Verfolgte des NS-Regimes in Mecklenburg 1933 - 1945". Das Thema der Begegnungen in Heidelberg und Offenburg lautete "Der antifaschistische Widerstand 1933 - 1945 und die Gegenwart".
Die Situation war überall anders. Am interessantesten war es dort, wo sich Angehörige verschiedener Generationen, ältere und jüngere Menschen, trafen. Es fiel auf, daß die mittlere Generation fast überall fehlte. Manchen Ortes hatten auch kaum Jugendliche auf die Einladung reagiert. Ganz anders war es in Offenburg und Schwerin, wo junge Leute dominierten.
Überall spielte die Sorge um die zunehmende Rechtsentwicklung in Deutschland eine große Rolle. Unübersehbar ist, daß im Jahre 2000 der Neofaschismus in unserem Land eine neue Qualität erreicht hat. Die Neonazis sind gut organisiert, kurzfristig gelingt es ihnen, Tausende Anhänger zu mobilisieren, die Gewalt und Angst verbreiten. Besonders hervor treten Aggressivität und Menschenverachtung gegenüber Ausländern, Juden, Behinderten und sozial Schwachen. Rund 15 000 rechtsextreme Gewalttaten im vergangenen Jahr sprechen für sich. Eine entscheidende inhaltliche Basis des Rechtsradikalismus bildet nazistisches Gedankengut. Zwischen der Herrschaft des Hitlerfaschismus von 1933 bis 1945 und dem Neofaschismus der Gegenwart besteht ein untrennbarer Zusammenhang. Rechtsradikale Gruppierungen beziehen sich bewußt auf das Dritte Reich, Führer der NSDAP wie Adolf Hitler und Rudolf Heß werden glorifiziert, die einmaligen Verbrechen des Hitlerregimes geleugnet bzw. verharmlost. Das Interesse junger Neonazis an der Geschichte des Zweiten Weltkrieges, an den "Heldentaten" der Wehrmacht ist stark ausgeprägt. Landserhefte finden in diesen Kreisen großen Anklang. Die NS-Symbolik und NS-Musik üben eine besondere Anziehungskraft aus.
Handeln gegen Rechts schließen Aufklärung, fundiertes Wissen über die Geschichte der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, ihre Ursachen, Hintergründe und Folgen ein. Weitgehende Übereinstimmung gab es bei den Lesungen darüber, daß die Auseinandersetzung mit dem Neofaschismus Kenntnisse über den antifaschistischen Widerstand zwischen 1933 und 1945 verlangt. Wenn auch nur eine kleine Minderheit gegen Hitlerfaschismus und Krieg gekämpft hat, zählt doch ihr Einsatz zu dem Wertvollsten deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert. Die Kenntnis des damaligen Geschehens vermittelt Einsichten und Werte, die für die Auseinandersetzungen von heute nützlich sein können. Hinderlich ist oft unzureichendes Wissen über den Widerstand. In vielen Orten kennt man die Kriegstoten der beiden Weltkriege besser als die durch das NS-Regime ermordeten Antifaschisten. Vieles von dem, was unmittelbar nach 1945 zum Widerstand vorrangig von Zeitzeugen aufgezeichnet bzw. nach 1968 erforscht wurde, als es zu einem deutlichen Aufschwung der Widerstandsforschung kam, ist heute bereits nicht mehr bekannt.
Obwohl die Geschichte des Widerstandes zwischen 1933 und 1945 in Deutschland und im Exil in ihrer ganzen Breite und Vielfalt bis heute nicht erforscht ist, wird in der Öffentlichkeit der Eindruck erweckt, daß diese Arbeit weitgehend abgeschlossen ist. Größere Forschungskapazität wird auf diese Thematik nicht mehr konzentriert. In Überblicksdarstellungen zum Dritten Reich sind Kapitel zum Widerstand enthalten, die dem durch das nach 1990 erfolgte erneute Umschreiben der Geschichte geprägten Bild entsprechen. Es kann hier nur auf einige Hauptpunkte der Kritik verwiesen werden:
1. Der Anteil verschiedener sozialer und politischer Gruppen am Widerstand wird unausgewogen dargestellt. Die Beteiligung von Angehörigen des Militärs, des Bürgertums und des Adels ist überbetont, während der Arbeiterwiderstand unterrepräsentiert ist. Besonders zugenommen haben im letzten Jahrzehnt die Geringschätzung und Ausgrenzung des kommunistischen Widerstandes.
2. Das Bild über Gegenstand, Inhalt, Motive und Formen des Widerstandes ist verschwommener geworden, dem organisierten Widerstand wird unzureichende Bedeutung beigemessen.
3. Der Widerstand Deutscher gegen den Nazi-Faschismus im Exil erfährt keine ausreichende Beachtung.
4. Zu geringe Berücksichtigung findet die Teilnahme von Ausländern am Widerstand in Deutschland, obwohl sie im Zweiten Weltkrieg in allen Regionen einen vorrangigen Platz einnahmen.
Die charakterisierte Situation fordert den Studienkreis heraus. Er hat vielfältige Möglichkeiten, sich an den Auseinadersetzungen mit dem Rechtsradikalismus zu beteiligen. Die Bibliothek mit den reichen Beständen zu Widerstand und Verfolgung im Dritten Reich, aber auch zur Geschichte des NS-Regimes und des Zweiten Weltkrieges kann wesentlich zur Aufklärung vor allem junger Menschen über den Hitlerfaschismus und seine Gegner beitragen. Gesicherte Forschungsergebnisse sollten verteidigt und der Öffentlichkeit wieder bekannt gemacht werden. Das Dokumentationsarchiv enthält zahlreiche bisher nur begrenzt durch die Forschung genutzte Quellen zur Geschichte des Widerstandes sowie zum Umgang damit in der Nachkriegszeit. Gestützt auf diese einmaligen Bestände sollte der Schwerpunkt der Tätigkeit des Studienkreises auch künftig in der Erforschung und Vermittlung der Geschichte des Widerstandes und der Verfolgung zwischen 1933 und 1945 liegen.
Für die Wirkung des Studienkreises nach außen ist der Name keine Nebensächlichkeit. Ich teile die Position derjenigen, die dafür eintreten, künftig nicht mehr als Studienkreis Deutscher Widerstand aufzutreten. Für Menschen, die keine Kenntnis von der Geschichte des Studienkreises haben, kann dieser Name zur Irritation führen. Sie wissen z. B. nicht, daß der Studienkreis sich nie ausschließlich auf den deutschen Widerstand konzentriert hat. Die erste große Ausstellung zum Widerstand, die in der Bundesrepublik organisiert wurde, fand im März 1971 in der Frankfurter Paulskirche unter dem Titel "Antifaschistischer Widerstand 1933 - 1945" statt. Hauptträger war der Studienkreis. Der europäische Widerstand im Zweiten Weltkrieg und der Anteil von Ausländern am Widerstand in Deutschland prägten diese Ausstellung maßgeblich. Die Durchsicht der bisher erschienenen 52 Hefte der "informationen" zeigt, welch große Rolle in der Tätigkeit des Studienkreises das Bemühen spielte, den Widerstand in seiner ganzen Breite und Vielfalt zu erfassen und bekanntzumachen.
Ich stimme mit Tjark Kunstreich überein, daß der Name Studienkreis Antifaschistischer Widerstand der Realität des Widerstandes und der Geschichte des Studienkreises am nächsten kommt. Andererseits übersehe ich nicht, daß die Diskussion im Studienkreis über den Begriff "Antifaschistischer Widerstand" nicht abgeschlossen ist. Bei einem Teil der Mitglieder gibt es Vorbehalte gegen eine derartige Umbenennung. Dem Rechnung tragend sollte die Diskussion dazu weitergeführt werden. Gegenwärtig gäbe es wohl die größte Übereinstimmung, wenn eine Umbenennung in "Studienkreis Widerstand und Verfolgung 1933 - 1945" erfolgt.
Bertold Brecht: Kinderhymne
Anmut sparet nicht noch Mühe
Leidenschaft nicht noch Verstand,
dass ein gutes Deutschland blühe
wie ein andres gutes Land.
Dass die Völker nicht erbleichen
wie vor einer Räuberin,
sondern ihre Hände reichen
uns wie anderen Völkern hin.
Und nicht über und nicht unter
Andern Völkern wolln wir sein
Von der See bis an die Alpen
von der Oder bis zum Rhein.
Und weil wir dieses Land verbessern,
lieben und beschützen wir's
und das liebste mag's uns scheinen
so wie andern Völkern ihrs.
Als ihren Beitrag zur Diskussion bat uns Ursel Ertel-Hochmuth, Gründungsmitglied des
Studienkreises. um den Abdruck dieses 1950 geschriebenen Gedichts von Bertold Brecht.
Wolfgang
Janz
Möglicherweise hat Tjark Kunstreich eine Lawine losgetreten, deren Ausmaß noch nicht abzusehen ist. Gerüttelt wird
m.E. am Selbstverständnis des Studienkreises, der in seiner eigenen Historie schon so
manchen "Sturm" hat überstehen müssen.
Warum jetzt neue Wege beschreiten? Sind neue Aufgaben entstanden, die es notwendig
machen, den "Titel" neu zu formulieren? Zu bedenken gilt, dass Namen einprägsam sein
müssen und "Erinnerungszeichen" neben dem, dass sie Ausdruck des Aufgabeninhalts sein
wollen. Wenn dann die Kurzform nicht mehr genügt, ist bei Erweiterung und Veränderung
an die sprachliche Griffigkeit zu denken, in Sonderheit, wenn man ein neues Medium
(Homepage) zu nutzen gedenkt. Eine gewisse
Umständlich- und Holprigkeit ist Tjark Kunstreichs Vorschlag "Studienkreis antifaschistischer Widerstand" nicht
abzusprechen, hervorgerufen durch die Länge und nicht mehr Zeitgemäßheit des Adjektivs.
Mein Vorschlag: "Studienkreis demokratischer Widerstand" mit dem Untertitel "Wissen
bewahren, erforschen, erinnern, weitergeben."
Hanna
Elling
1992 beschrieb Hanna Elling (1908-1995) anlässlich des 25jährigen Bestehens die
künftigen Aufgaben:
Heute sollte sich der Studienkreis mit folgenden Themen befassen: In der nationalen und
internationalen Widerstandsbewegung der Jahre 1933-1945 gab es viele Beispiele der
Zusammenarbeit von Frauen und Männern verschiedener Nationen und unterschiedlicher
Weltanschauungen. Solche Gruppen bildeten
sich in Deutschland zwischen Deutschen und französischen, polnischen und russischen
"Fremdarbeitern". In Frankreich kämpften Deutsche im Maquis und in England fanden
Emigranten aus Deutschland und den von Deutschen überfallenen Ländern zueinander.
Für die von den Faschisten in die Konzentrationslager verschleppten deutschen
und ausländischen Antifaschisten war dieser Kampf besonders schwer und verlustreich.
Sie alle einte die Überzeugung, dass nur in der Gegenwehr die gemeinsamen Interessen
verteidigt und der Sieg über den Faschismus errungen werden konnte. Diese Seite des Widerstands
ist leider bisher zu wenig erforscht und publiziert worden. Sie ist aber heute nicht nur
im Zeichen der Verständigung und des Zusammenwachsens der Völker von Bedeutung. Sie kann auch dem Fremdenhass
so vieler junger Menschen entgegenwirken. Richtete sich der Fremdenhass damals gegen
den "Erbfeind Frankreich" und die jussischen und jüdischen Untermenschen", so gilt er heute
den Andersfarbigen, den Menschen aus den unterentwickelten Ländern. Der Ruf "ich bin
stolz, ein Deutscher zu sein" weckt
Erinnerungen an gefährliche Entwicklungen in der Vergangenheit.
Günter Heuzeroth
Im Beitrag von Tjark Kunstreich tritt die neue Wirklichkeit ja deutlich zu Tage, in der wir uns ja schon lange befinden und die das Spektrum bezüglich der Inhalte,
die der Studienkreis zu bewältigen hat, erheblich erweitert. Eine Modifizierung in der Benennung Eurer Arbeit wäre sicher
schon lange angebracht gewesen. Einfach wird aber eine solche Bezeichnung nicht zu
finden sein. Was sich seit Jahren in unserer politischen Landschaft und in der Gesellschaft
so verändert hat, in eine "Blickfang-Benennung" zusammenfassen, sprengt schnell den
Rahmen und die Möglichkeit. Wie groß müßte unser Herz, und eben auch des Studienkreises
sein, um das alles inhaltlich aufzunehmen und auszudrücken! Die Veränderungen als Fakten, die zu den neuen Überlegungen führen, hat
Tjark Kunstreich ja benannt. Sie brauchen nicht noch einmal aufgeführt zu werden.
Als wichtig zu erörtern wäre jedoch, dass es nicht nur, vor allem während des Zweiten
Weltkrieges, Widerstand und Opposition, Widerspruch, Sich-Widersetzen von Deutschen in Deutschland und in den
besetzten Ländern gegeben hat. In vielfältiger Weise und in hoher Anzahl waren es ebenfalls
und gerade Ausländer, die hier aktiv waren. Wir denken, dass selbst das Erdulden-Müssen
ihrer Schmerzen durch die Bedrängnis und Verfolgung, also das Durchhalten, was oft mit
dem Tod endete, ein Widerstand gegen den Naziterror gewesen ist. Bei unseren Recherchen in der nordwestlichen Weser-Ems-Region ist es uns wie Schuppen von den
Augen gefallen, weiches Potential von vielschichtigem Widerstand von diesen
Menschen geleistet wurde. Da Ihr diese Tatsache ja immer schon berücksichtigt habt, sollte dies auch in
Eurem Logo berücksichtigt werden. Ich denke dabei besonders an die Heimatgeschichtlichen
Wegweiser. Es ist das große Verdienst des Studienkreises, diese Wegweiser erstellt zu
haben. Für viele Initiativen und Gemeinden war das der erste Schritt zur lokalen
Geschichtsaufarbeitung ... Also: "Studienkreis
deutscher Widerstand" reicht nicht, besser wäre: "Widerstand in Deutschland", das
umfasst alle Beteiligten. Auch heute sind es nicht nur Deutsche, die Widerstand leisten
gegen neofaschistische Umtriebe.
Prof. Dr. Christa Uhlig
Sie bitten um Meinungsäußerungen zum weiteren Profil des Studienkreises. Zumindest zwei
Gedankensplitter möchte ich hierzu anfügen, dabei wohl wissend, dass ich weder die traditionellen
noch die aktuellen Motive und Diskussionen im und um den Studienkreis ausreichend kenne,
um gediegene und konkrete Vorschläge machen zu können.
1. Den Artikel von Tjark Kunstreich kann ich aus meiner Perspektive nur unterstützen. Es ist
schon schwer genug, begrifflich und erst recht inhaltlich dem "mainstream" des
Zeitgeistes und den Umdeutungen der Geschichte zu widerstehen. Man stelle sich
nur vor, weiche Bilder die nächste Generation von der Zeit des Faschismus haben
wird. "Antifaschistischer Widerstand" wäre dem gegenüber unmißverständlich und
zugleich im konstruktiven Sinne provokativ gegen die schleichende Verwischung der
Geschichte des Widerstandes, gegen den neuerlich selektiven Blick und vor allem die
zunehmende "Verwechslung" von Ursache und Wirkung. Der Begriff "antifaschistischer
Widerstand" bekäme auch in der Bedeutung für die Gegenwart klare, erkennbare Konturen und
größeren Sinn als Orientierungshilfe.
2. Für besonders wichtig halte ich das Dokumentationsarchiv. Dieses Archiv zu
erhalten, zu erweitern, zu popularisieren und mit ähnlichen Dokumentationen zu vernetzen
(am besten auch in den neuen Medien zu präsentieren und zugänglich machen), wäre
schon Arbeit und Aufgabe genug. Evtl. wäre
darüber nachzudenken, ob es nicht an der Zeit ist, gegenwärtige Tendenzen von Faschismus
und Rassismus zu dokumentieren (auch antifaschistische Gegenbewegungen). Niemals
wieder soll jemand sagen können, er/sie habe nichts gewußt.
"informationen"
Nr. 53, Mai 2001
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