Ausgewählte Literatur zum KZ Theresienstadt
Ursula Krause-Schmitt <<Zurück
Ruth Bondy: Mehr Glück als Verstand. Eine Autobiographie Gerlingen: Bleicher, 1999.
Ruth Bondy, 1923 in Prag geboren, lebt seit 1948 als Journalistin und Schriftstellerin in Israel. In ihren Erinnerungen
berichtet sie auch über die eineinhalb Jahre, die sie in Theresienstadt verbringen mußte, bevor sie im Dezember 1943 nach
Auschwitz deportiert wurde. Von Auschwitz kam sie in das KZ-Außenkommando Hamburg-Tiefstaak. Nach der Befreiung nach
Prag zurückgekehrt, begann sie mit der Sammlung von Zeugnissen und Dokumente zu Theresienstadt. Später gehörte sie
in Israel zu den Gründungsmitgliedern der Gedenk- und Dokumentationsstätte Beit Terezin im Kibbuz Givat Brenner Ichud.
Diese relativ spät - 1975 - eröffnete Gedenkstätte mit ständiger Ausstellung und Archiv ist die einzige in Israel, die ihre Arbeit
ganz dem Gedenken an Theresienstadt widmet. Dazu Ruth Bondy: " In Israel wurde über viele Jahre der heldenhafte
bewaffnete Widerstand von Juden im Holocaust hervorgehoben, wurde vor allem der Ghettokämpfer, der Partisanen gedacht.
Der Heldenmut von Erziehern, Krankenschwestern, Ärzten, Künstlern und Ingenieuren, die versucht hatten, solange die eigene
Kraft ausreichte, das schreckliche Schicksal der Mitgefangenen zu erleichtern, bis sie selbst in den Tod getrieben wurden - dieser
Heldenmut fand lange Zeit keine Würdigung." Über Jakob Edelstein, den in Auschwitz ermordeten ersten Judenältesten des
Ghettos Theresienstadt, schrieb sie eine beeindruckende Biografie; "Edelsteins Wettlauf mit der Zeit", 1989 in Israel publiziert,
war eine der ersten umfassenden Studien auf hebräisch, die sich mit der Geschichte Theresienstadts beschäftigte.
Paul Aron Sandfort: Ben - Vogel aus der Fremde. Köln: Dittrich, 2000
In seinem autobiografischen Roman beschreibt Sandfort seine Kindheit in Dänemark, wohin er, fünf Jahre alt, 1935 mit
seiner Mutter und dem Stiefvater flüchtete. 1943 wird die Familie beim Versuch, nach Schweden zu fliehen, verhaftet und in
das KZ Theresienstadt deportiert. "Ben", der Trompete spielte, hat an einigen Aufführungen der Kinderoper Brundibar von
Hans Krasa mitgewirkt und gehört zu den ganz wenigen Überlebenden dieser Aufführungen. Nach Kopenhagen zurückgekehrt,
muß er die versäumten Schuljahre nachholen, erlebt den offenen und versteckten Antisemitismus seiner Lehrer und Mitschüler
und die schwierige Fortsetzung seiner durch die Deportation gewaltsam unterbrochenen Kinderfreundschaft mit einem
nicht-jüdischen Jungen. Paul Aron Sandfort wird Musikwissenschaftler und gehört zu den Initiatoren des "Brundibar"-Projektes
von Jeunesse Musicale.
Gerhard L. Durlacher: Ertrinken. Eine Kindheit im Dritten Reich. Hamburg: EVA, 1993; Streifen
am Himmel. Vom Anfang und Ende einer Reise. Hamburg: EVA, 1994; Die Suche. Bericht über den Tod und das Überleben.
Hamburg: EVA, 1995
Gerhard L. Durlacher war neun Jahre alt, als seine Familie 1937 von Baden-Baden in die Niederlande flüchtete. Von dort
wurde er 1942 nach Theresienstadt und zwei Jahre später nach Auschwitz deportiert. Er gehört zu den wenigen Jugendlichen
seines Transportes, die überlebten. Nach der Befreiung kehrte er in die Niederlande zurück, studierte Medizin und
Sozialwissenschaften und war bis 1983 Dozent der Soziologie an der Universität in Amsterdam. Als Wissenschaftler
beschäftigte er sich mit Formen des Überlebens in deutschen Konzentrationslagern, seit 1985 kommen autobiografische
Berichte dazu, seine "Tetralogie des Erinnerns". In "Ertrinken" berichtet er aus der Sicht des Kindes, das er war, wie die
Welt um ihn herum Risse bekam und immer stärker zur Bedrohung wird, bis die Familie Baden-Baden und Deutschland verließ.
Anfang der 80er Jahre besuchte er die ehemalige Heimat: "Betretene Stille, als ich ihre Frage beantworte, was aus uns
geworden sei. Lagernamen fallen wie Steine in eine Schlucht. Befangen sieht ein Nachbar mich mit unruhigen Augen an,
seine Finger zupfen an einem Knopf: ‚Wir haben nichts gewußt, die haben uns den ganzen Krieg lang für dumm verkauft.
'"Der kleine Junge von damals und der reflektierende Erwachsene wissen es genauer: "Dies ist kein Land von Blinden,
Stummen, Tauben. Jeder, der hören wollte, konnte hören. Jeder, der sehen wollte, konnte sehen ... Die Maßnahmen zu
unserer Isolierung, mit denen sie Tag für Tag ein Stück von unserer Freiheit abschnitten, standen in fetten Lettern in allen
Zeitungen. Unzählige Deutsche ließen sich zur Barbarei verleiten. Unzählige Deutsche, gleichgültig oder vor Angst gelähmt,
sahen uns direkt vor ihren Augen ertrinken. Nur einzelne Mutige ... retteten eine Ertrinkenden aus den Fluten." In "Streifen
am Himmel. Vom Anfang und Ende einer Reise" stehen Westerbork, Theresienstadt - hier vor allem jener NS-Propagandafilm
"Der Führer schenkt den Juden eine Stadt" - und das "Theresienstädter Familienlager" in Auschwitz im Mittelpunkt. In "Die
Suche. Bericht über den Tod und das Überleben" beschreibt Gerhard L. Durlacher Begegnungen mit den wenigen Überlebenden
seines Transports, die er in den USA und in Israel besuchte; es sind eindringliche Schilderungen ganz unterschiedlicher
Lebenswelten, durch die sich das Trauma des Überlebt-Habens wie ein roter Faden zieht. In der Gedenkstätte Beit Terezin
findet schließlich ein Treffen statt: Mit großem Respekt zeichnet Durlacher die Gespräche nach, das Aufnehmen der
Erinnerungen, die liegengelassenen Fäden ... und versucht eine Antwort zu formulieren: "Fast keiner von uns, der das Ende
des Krieges überlebte, konnte das Wunder der Befreiung begreifen. Bei der Rückkehr in unsere Heimatländer wurden wir
selten mit offenen Armen empfangen. Die Menschen dort wollten nicht nochmals mit Elend, weder mit dem eigenen noch
mit dem fremden, konfrontiert werden. Wir selbst trugen das Unsere zum Schweigen bei, weil wir uns nicht zu äußern
vermochten. So rasch, wie es unsere angegriffene Gesundheit zuliess, vergruben wir uns in Arbeit. Das Überleben war
für uns ein Rätsel, das wir mit Schuldgefühlen zu lösen versuchten: Warum nicht sie, warum wir? Waren wir härter, hatten
wir mehr Glück gehabt, waren wir besser oder schlechter? Eine Antwort darauf weiß weder ich noch sonst irgend jemand."
Hella Wertheim, Manfred Rockel: Immer alles geduldig getragen. Als Mädchen in Theresienstadt, Auschwitz und Lenzing,
seit 1945 in der Grafschaft Bentheim. Herausgegeben vom Museumsverein für die Grafschaft Bentheim. Nordhorn:
Hellendoorn, 1992
1989, zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes, fand die Theresienstadt- und Auschwitz-Überlebende Hella Wertheim-Sass in
Manfred Rockel einen Zuhörer und Gesprächspartner, der ihre Erinnerungen aufzeichnete. Hella Wertheim-Sass war 14 Jahre alt,
als sie mit ihren Eltern aus dem damals ostpreussischen Insterburg nach Theresienstadt deportiert wurde. Dort musste sie
mitansehen, wie ihr Vater verhungerte. Ein Jahr später wurde sie nach Auschwitz gebracht und bei der Selektion an der Rampe
von ihrer Mutter getrennt: "Meine Mutter sah ich nie wieder. Es ist heute klar, dass sie direkt ins Gas geschickt wurde ... Immer
wieder kommen Schuldgefühle gegenüber meiner Mutter auf. Wieso habe ich überlebt? Was hätte ich tun können, um sie zu
retten? Es ging alles so schnell, in Sekunden war alles entschieden." Helga Wertheim-Sass überlebt die Zwangsarbeit bei der
Zellwolle Lenzing AG in Österreich, einem Außenkommando des KZ Mauthausen. Nach der Befreiung landet sie nach längeren
Irrfahrt in Gildehaus in der Grafschaft Bentheim, lernt Heinz Wertheim, der als einziger seiner Familie den Holocaust überlebt
hatte, kennen und lieben: "Ein wunderbarer Teil unserer Beziehung bestand darin, dass wir miteinander viel über unsere
Vergangenheit sprachen und nachdachten ... Auch das Verdrängen konnte vorübergehend eine seelische Hilfe sein. Ich weiß,
dass in anderen Familien von Überlebenden das Gespräch über das erlebte überhaupt nicht geführt wurde, um sich nicht
erinnern zu müssen. Für mich bedeutete dieser Versuch des Aufarbeitens zusammen mit meinem Mann eine sehr große
Hilfe." Hella Wertheim-Sass berichtet auch über den offenen und latenten Antisemitismus, der das "Bleiben in Deutschland"
immer wieder in Frage stellt. Den Hoffnung machenden Begegnungen mit Schülerinnen und Schülern und in der Gesellschaft
für christlich-jüdische Zusammenarbeit stehen "jetzige Bilder gewalttätiger Ausländerfeindlichkeit" gegenüber: "Auschwitz
einen Sinn geben, erscheint mir nicht möglich. Aber wenigstens müssen wir die Erinnerung daran wachhalten und wachsam
sein in der Gegenwart und in der Zukunft. Dann wären die Millionen Opfer immer noch sinnlos ermordet worden, aber ihr
unsinniger Tod hätte dann etwas Positives bewirkt. Ich dachte manches mal, es hat sich nicht viel geändert, die Vorurteile
und die Gedankenlosigkeit sind geblieben, die Opfer von Auschwitz haben auch für die Zeit danach nicht viel geändert."
Ihr Lebensbericht wird begleitet von historischen "Stichwörtern", die Manfred Rockel mit großer Kompetenz zusammengestellt hat.
Ruth Klüger: weiter leben. Eine Jugend. Göttingen: Wallstein, 1992
"Den Göttinger Freunden - ein deutsches Buch" - mit dem Schreiben ihrer Erinnerungen hatte die heute in den USA
lebende Germanistikprofessorin Ruth Klüger Ende 1988 begonnen, als sie, zum einem Vortrag nach Göttingen eingeladen,
einen schweren Unfall erlitt. Wie ein roter Faden durchziehen diese Erinnerungen an die Kindheit in Wien, an Theresienstadt,
Auschwitz, Christianstadt (ein Außenkommando des KZ Groß-Rosen) und schließlich an die ersten Monate nach der Befreiung
in Bayern ihre Erfahrungen bei Gespräche mit Deutschen: "Alle Kriegserlebnisse sollten auf einen einzigen Nenner, nämlich
den eines akzeptablen deutschen Gewissens, zu bringen sein, mit dem sich schlafen lässt. So sind die einen in einer Art
Schreckensrührung befangen, in der ihnen alle Lager wie in einem Entsetzensnebel, worin man sowieso keine Einzelheiten
erkennen kann, verschwimmen, warum also es versuchen? ... Und andere machen es umgekehrt, und weigern sich, von dem
gepolsterten Sofa ihres Alltags aufzustehen und aus dem Fenster zu schauen. Ungetrübt von Informationen, also von außen
kommenden Anstößen, oder Einsichten, also durch Nachdenken verursachten Schwierigkeiten, ziehen sie ihre Schlüsse und
merken nicht, wieviel Uneingestandenes ihre Vergleiche belastet." Ruth Klüger wird vor allem mit der Behauptung konfrontiert,
Theresienstadt sei "nicht so schlimm gewesen". Ihr Bericht ist absolut frei von solch fragwürdigen Relativierungen:
Theresienstadt war "Hunger und Krankheit", "eine Überbevölkerung, die es unmöglich machte, gelegentlich eine Ecke zu
finden, wo man mit einer anderen reden konnte", war ein Ort, wo "man mit Haut und Haar einem anonymen Willen
ausgeliefert (war), durch den man jederzeit in ein unklar wahrgenommenes Schreckenslager weiter verschickt werden konnte".
Und zugleich war Theresienstadt für das damals zwölf Jahre alte Mädchen, das in L 414, einem Heim für deutschsprachige
Mädchen, lebte, "ein Stück Jugendbewegung ... Der Zionismus durchtränkte unser Denken, meines auf jeden Fall, nicht etwa,
weil wir nichts anderes hörten, sondern weil er das Sinnvollste war, dasjenige, das einen Ausweg versprach." Im Hinblick auf
die von den Deutschen eingesetzte jüdische Lagerverwaltung schreibt sie: "Aus meiner Kinderperspektive sage ich, was wäre
aus uns geworden, wenn die Juden nichts getan hätten, um das Chaos, das die Deutschen ringsherum verbreiteten, zu
verringern, wenn es diese Kinderheime, die sie innerhalb der Nazivorschriften organisierten und verwalteten, nicht gegeben hätte?
Deborah Dwork: Kinder mit dem gelben Stern. Europa 1933-1945. München: C.H. Beck, 1994
Nach Inge Deutschkrons "... denn ihrer war die Hölle. Kinder in Ghettos und Lagern" (Köln 1965) legt Deborah Dwork,
Professorin am Child Study Center der Yale-University, die erste umfassende Studie zu jüdischen Kindern und Jugendlichen,
von denen fast 90 % im Holocaust ermordet wurden. Ihre Untersuchung basiert auf den Interviews mit Überlebenden, die sie
fast zehn Jahre lang in Europa, Israel und Nordamerika führte. Daneben hat sie eine enorme Fülle von bisher nicht bekannten
Dokumenten (Briefe, Fotografien, Familienalben und Tagebücher) zutage gefördert und in den Archiven von Kinderhilfswerken
geforscht. Im ersten Teil "Die erkennbare Welt" stehen Kinder und Jugendliche im Mittelpunkt, die im Verborgenen leben
mußten, sowie ihre Helferinnen und Helfer. Der zweite Teil "Welt ohne Beispiel" beschreibt die unterschiedlichen
Lebenssituationen in "Durchgangslagern" wie Westerbork in den Niederlanden und Gurs in Südfrankreich und Ghettos
wie Warschau, Lodz und Wilna. Theresienstadt gehört in dieser Darstellung zum Typ des "Durchgangslagers" - allerdings
mit einem für Kinder und Jugendliche bestimmenden Unterschied: Schulunterricht war von den Deutschen verboten, wurde
mit viel Engagement von den Betreuerinnen und Betreuern heimlich organisiert. "Die unfaßbare Welt" heißt der dritte Teil,
der die Situation in "Vernichtungs- und Arbeitslagern" beschreibt. "Mein Krieg begann 1945" befasst sich mit der Rückkehr
der Kinder in eine überwiegend gleichgültige bis feindlich gesonnene Gesellschaft. Dwork macht die große Last deutlich,
die das Schweigen, obwohl auch eine Überlebensstrategie der Opfer, den Kindern aufbürdete: "In jeden jüdischen Kind,
das den Krieg überlebte, blieb die Vergangenheit unangetastet und unbewältigt erhalten. Sie wurde zu einer
unausgesprochenen und nicht integrierten persönlichen Geschichte, ein ungeöffnetes Bündel der Seele."
Miroslav Karny, Raimund Kemper (Hg.): Theresienstädter Studien und Dokumente 1999. Herausgegeben vom Institut
Theresienstädter Initiative. Prag: Academia, 1999; Vertrieb in Deutschland: Metropol Verlag Berlin
Die Theresienstädter Studien und Dokumente bilden ein Forum für Forschungen und für die Berichte von Überlebenden.
Im vorliegenden Band kommt Ruth Bondy mit einem Beitrag über Heinz Prossnitz, einem Angestellten des Prager Judenrats,
zu Wort: Heinz Prossnitz (1926-1944), Mitglied der Makabi Hatzair-Bewegung, hatte mit gleichgesinnten Freunden ein Brief-
und Paketnetz aufgebaut, über das Informationen und Lebensmittel in die Konzentrationslager Theresienstadt, Lodz,
Auschwitz-Birkenau und Sachsenhausen gelangten. Anna Tucková berichtet über ihre Erfahrungen als "Mischling ersten
Grades" und Katerina Capková erläutert die Entstehung der Aufzeichnungen von Salmen Gradowski, eines Mitglieds des
"Sonderkommandos" im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Von diesen Aufzeichnungen, begonnen im März 1944 mit
dem Titel "Im Herzen der Hölle", sind aus dem Jiddischen übersetzte Auszüge erstmals veröffentlicht. Gilá Fatranová
porträtiert Franz Kahn (1895-1944), ein führendes Mitglied der Tschechoslowakischen Zionistischen Organisation. Ludomir
Peduzzi schreibt über die Aufführung von Smetanas Oper "Die verkaufte Braut" und über die "Vier Lieder auf Worte der
chinesischen Poesie" des Komponisten Pavel Haas. Max Sever, am 24. November 1941 nach Theresienstadt deportiert,
war Ingenieur und in der Lagerzeit Leiter der technischen Abteilung der Jüdischen Verwaltung. Kurz nach der Befreiung
verfasste er einen nun erstmals veröffentlichten Bericht über die technische Probleme angesichts der Überfüllung des
Lagers u.a. bei der Wasserversorgung, deren Lösung oder Nicht-Lösung unter den grausamen Bedingungen eine Frage
von Leben und Tod darstellte. Weitere Beiträge beschäftigen sich mit den Beziehungen der tschechischen Gesellschaft
zu Juden in den Erinnerungen von Zeitzeugen (Anna Lorencová, Anna Hyndraková), mit der "Judenverfolgung im ‚
Sudetengau' 1938 - 1945" (Volker Zimmermann) und mit "Der jüdischen Minderheit in Böhmen und Mähren in den
Jahren 1945-1948" (Sarká Nepalová). Über die letzten Wochen vor der Befreiung Theresienstadts ist noch wenig
bekannt; die Lücke füllt Marek Poloncarz mit seinem Aufsatz über "Die Evakuierungstransporte nach Theresienstadt
(April-Mai 1945)". Die bauliche Substanz des heutigen Terezin erläutert Astrid Debold-Kritter in ihrem Beitrag
"Festungsstadt - Ghetto - Militärstadt. Historische Forschung und Spurensuche vor Ort" im Rahmen einer internationalen
Tagung zur städtebaulichen Entwicklung. Dieser kurzer Blick muß genügen, um das Interesse an diesem und weiteren
Bänden der Theresienstädter Studien und Dokumente zu wecken.
Theresienstädter Gedenkbuch. Die Opfer der Judentransporte aus Deutschland nach Theresienstadt 1942-1945. Herausgegeben vom Institut Theresienstädter Initiative. Prag: Academia, 2000
895 Seiten umfasst das im DIN A4 - Format gedruckte Gedenkbuch, das, geordnet nach den Abgangsorten der Transporte, alle Namen der aus Deutschland deportierten Jüdinnen und Juden enthält. Die elf Transporte aus Frankfurt am Main z.B. erfassten 4.227 Personen, von denen 3.385 ermordet wurden, 841, ebenfalls namentlich genannt, die Befreiung erlebten und ein Schicksal ungeklärt ist. Diese Transporte hatten als Kennziffer die Zahl XII und in der Übersicht über die Deportationsgebiete erhält der Leser, die Leserin weitere Informationen: Von den aus Frankfurt Deportierten waren 2.563 Menschen älter als 65 Jahre und 134 Kinder jünger als 15 Jahre. Sie kamen aus Frankfurt und der unmittelbaren Umgebung, sowie aus Wiesbaden und beim Transport XII/5 auch aus dem entfernten Kassel. Im vorletzten Transport XII/10 vom 18. Februar 1945, der 616 jüdische Partnerinnen und Partner sowie Kinder aus "Mischehen" vom Frankfurter Ostbahnhof nach Theresienstadt brachte, befanden sich auch Menschen aus Leipzig, Halle, Wiesbaden, Darmstadt, Gießen, Hanau, Koblenz, Düsseldorf und Köln.
Dieses Gedenkbuch ist der dritte Band in der Reihe der Theresienstädter Gedenkbücher, die beiden zuvor erschienenen enthalten die Namen der aus Böhmen und Mähren und dem damaligen "Sudetengau" deportierten Jüdinnen und Juden. Mit seinem Erscheinen wurde es möglich, für die Ausstellung "Kinder im KZ Theresienstadt. Zeichnungen, Gedichte, Texte" erstmals eine Totenliste der aus Deutschland deportierten und in Auschwitz ermordeten jüdischen Kinder unter 15 Jahren zu erstellen. Von besonderer Bedeutung ist der von Miroslav Karny verfasste Überblick über "Theresienstadt 1941-1945", der den neuesten Forschungsstand wiedergibt und die besondere Situation der "deutschen Juden in der Theresienstädter Zwangsgemeinschaft" beschreibt. Karny vergleicht auch die Sterblichkeitsraten von deutschen und tschechischen Juden und kommt zu folgendem Ergebnis: "Der Prozentsatz aller Sterbefälle der Theresienstädter Häftlinge - d.h. der Tod in Theresienstadt und der Tod nach weiterer Deportation - ist bei den tschechischen Juden 86,35% (63.437 Todesfälle), bei den deutschen Juden 85,78% (36.133 Tote) ... Generalgouverneur Hans Frank erfand den Terminus ‚Vernichtungserfolg'. Wenn wir diesen Begriff anwenden, dann ergibt sich aus den angeführten Zahlen, daß für die Vernichtung der Mehrheit der deutschen Juden in Theresienstadt die dortigen Lagerbedingungen völlig genügt haben, daß für die tschechischen Juden in wesentlich höherem Maße industrialisierte Vernichtungsmittel benutzt werden mußten. Bei beiden Theresienstädter Häftlingsgruppen haben die Organisatoren des jüdischen Genozids jedoch denselben ‚Vernichtungserfolg' erreicht."
Vaclav Havel hat ein bemerkenswertes Vorwort zu diesem Gedenkbuch geschrieben, aus dem zum Schluß dieser langen Buchvorstellung zitiert werden muß: "Es wäre töricht zu hoffen, alle Menschen hätten sich bereits innerlich der Ehrfurcht vor dem menschlichen Wesen, der menschlichen Würde, der bürgerlichen Gleichheit angeeignet, und daß sich in niemandem die Dämonen des nationalen Hochmuts und des nationalen Hasses verbergen würden. Abscheu vor Menschen anderer Völker, Rassen oder Religionen, dieser verzweifelte Ersatz eines individuellen menschlichen Selbstbewußtseins, schlummert latent überall um uns herum. Es muß ihm auch in seinem scheinbar unschuldigen allerersten Äußerungen standgehalten werden. Standgehalten werden muß sogar auch der bloßen Gleichgültigkeit gegenüber solchen Äußerungen. Ich will mich noch härter ausdrücken: Irgendwo tief in der letzten zufälligen antisemitischen Bemerkung oder unwillkürlich rassistischen Äußerung ist das Phantom der Gaskammer oder des Pogroms verborgen. Und in jedem Gewalttäter verbirgt sich die Gefahr, ein neues Rad des Greuels werde sich in Bewegung setzen."
"informationen" Nr. 53, Mai 2001
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