Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945 e.V.

Gretel Roth - Eine Frau im politischen Widerstand der Nazizeit. 

Erinnerungen ihres Sohnes Artur Roth.  
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Die Kursiv gesetzten Stellen sind wörtliche Zitate von Gretel aus einem Tonbandgespräch 
vom November 1979.

Meine Mutter Gretel Roth wurde am 17. September 1906 als erste Tochter von Anna und Heinrich Heil in Frankfurt a. M. geboren. Ab Ostern 1913 besuchte sie acht Jahre die Hellerhof-Schule; danach absolvierte sie ihre Lehre als kaufmännische Angestellte. Anschließend arbeitete sie bis zu meiner Geburt im Jahr 1927 im Reformhaus Freya. Mit dem Eintritt ins Berufsleben wurde sie Gewerkschaftsmitglied im Zentralverband der Angestellten (ZdA). Im gleichen Jahr, 1921, schloß sie sich der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) an, um später Mitglied bei den Jungsozialisten zu werden. Dort lernte sie bei der Sonnenwendfeier 1924 auch meinen Vater Otto kennen. 1925 waren sie und Otto einige Monate Mitglied im Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK). Am 7. Dezember 1926 heirateten beide. Da sie noch keine Wohnung hatten, wohnten sie einige Zeit bei den Eltern von Gretel. Später fanden sie eine Wohnung in der Hattersheimer Straße im Stadtteil Gallus.

Gretel wurde im Januar 1930 Mitglied der Internationalen Arbeiterhilfe (IAH). Im Sommer 1930 arbeitete sie als Aushilfe bei der von der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) herausgegebenen Arbeiter-Zeitung. Meine Eltern traten im November 1930 der KPD. 1931, ich war mittlerweile vier Jahre, bekamen meine Eltern in der damals neu erbauten Friedrich-Ebert-Siedlung eine 2 ½ Zimmer Wohnung mit Einbauküche und Bad. Die Miete belief sich auf 44,25 Mark.

Ich bin damals in die Internationale Arbeiterhilfe eingetreten, das war eine Organisation für Arbeitslose oder politisch Verfolgte. Wir haben Sammlungen durchgeführt und die Frauen unterstützt, wenn die Männer weg gewesen sind. Wir haben dann gemeinsam Sonntags Agitation gemacht. Mit den Rädern sind wir aufs Land gefahren und haben dort für die Arbeiter-Zeitung oder die Arbeiter-Illustrierte geworben.

Von 1931 bis zu ihrer Verhaftung in einem illegalen Büro der KPD war sie Kassiererin in der Bezirksleitung ihrer Partei.

In den Jahren seit 1929 war eine große Arbeitslosigkeit. Mein Mann war davon mehrmals betroffen. Es hat uns deshalb natürlich immer an Geld gefehlt. Ich habe damals für die Kommunistische Partei auf der Bezirksleitung gearbeitet und dafür ein geringes Einkommen gehabt. Die Partei hatte auch nicht viel Geld. Die Beiträge waren nicht sehr hoch und andere Geldquellen gab es nicht. Es reichte gerade, um die Kosten für Fahrten zu begleichen und für eine kleine Unterstützung zum Essen.

Im Zusammenhang mit ihrer Arbeit kam sie im August und September 1932 in den Genuß, einen sechswöchigen Urlaub in der Sowjetunion auf der Halbinsel Krim zu verbringen. Diese Reise beeindruckte sie sehr und sie kehrte mit vielen neuen Eindrücken zurück.

Ich hatte durch die Partei die Möglichkeit zu einer Reise in die Sowjetunion. Das war damals eine große Seltenheit. Aus ganz Deutschland wurden 20 Genossinnen und Genossen ausgewählt, die an dieser Reise teilnehmen durften. Es waren natürlich große Reiseschwierigkeiten, nicht wie heute, daß man sich ins Flugzeug setzt. Ich bin Freitag abends in Frankfurt weg gefahren und war Samstag morgens in Berlin. Abends sind wir von Berlin aus weiter gefahren und waren Montag abend in Moskau, am Dienstag früh fuhren wir weiter nach Sotschi, wo wir Donnerstags ankamen. Der Transport in das Ferienheim erfolgte mit Pferdewagen ... Da ich das Klima nicht gewohnt war, hatte ich bald einen ganz schlimmen Sonnenbrand und lag mit Fieber im Bett. Die Krankenbesuche der deutschen und sowjetischen Genossen und deren Fürsorge haben mir sehr gut getan. Diese Reise hat bei mir dazu geführt, daß ich ein großer Freund der Sowjetunion geworden bin ... Diese Erlebnisse haben auch meine Überzeugung gefestigt, mich weiterhin für diese Sache verstärkt einzusetzen. Aus diesem Grunde habe ich auch nach der Ernennung Hitlers als Reichskanzler am 30. Januar 1933 und dem darauf folgenden Verbot der Kommunistischen Partei illegal weiter gearbeitet. Für mich war es selbstverständlich, weiter für die Kommunistische Partei zu arbeiten. Das Verbot galt für mich nicht. Ich stand auf dem Standpunkt, was die Kommunistische Partei will, ist richtig und da kann mich auch kein Verbot stören. Auch mein Mann hat weiter für die Partei gearbeitet. Ich habe Kassenarbeit gemacht. Bin im Land herum gefahren und habe Mitgliederbeiträge kassiert, Marken, Abzeichen oder Literatur hin gebracht. Wir hatten auch mehrere illegale Büros in Zimmern, die uns Sympathisanten zur Verfügung stellten. Dort habe ich schriftliche Arbeiten gemacht.

Über meinen ersten Schulgang an Ostern 1933 berichtet sie:

Wir haben an Ostern noch meinen Jungen zur Schule gebracht, da hat er noch seinen Pagenkopf gehabt. Wie ich ihn dann nach meiner Entlassung zwei Jahre später wieder sah, hatte er die Haare kurz geschnitten. Ich habe ihn kaum wieder erkannt.

Gretel wurde am 24.Juli 1933 bei einer Fahrt zur illegalen Kassenarbeit verhaftet.

Ich war in Darmstadt mit einem Bekannten mit dem Motorrad unterwegs. Als wir nach einem Treff wieder weiter fahren wollten, kam SS mit einem offenen Wagen und hat uns verhaftet. Wir mußten hinter dem Wagen der SS her fahren. Die SS hat uns gleich gesagt, daß wir bei einem Fluchtversuch erschossen würden. Nach unserer Einlieferung in eine Polizeidienststelle besuchte mich mein Mann am 27. Juli. Der zuständige Beamte sagte dann zu meinem Mann: „Der Mann, der mit ihrer Frau verhaftet wurde, hat seinem Namen ‘Standhaft’ keine Ehre gemacht.“

Bei diesem Besuch am 27. Juli 1933 in Darmstadt wurde auch mein Vater Otto unter dem Verdacht der Mittäterschaft verhaftet, aber bereits am 6. August 1933 wieder entlassen. Es konnte ihm nichts nachgewiesen werden. Fünf Monate nach Gretel’s Verhaftung, am 25. November 1933, begann ihr Prozeß vor dem 2. Strafsenat des Oberlandesgerichtes in Kassel. In diesem Verfahren wurde gegen mehr als 40 Angeklagte verhandelt. Die Nazi-Justiz wollte in Frankfurt a. M. ein Beispiel geben, wie schnell sie politische Gegner ausschalten konnte. Schon nach wenigen Tagen, am 1. Dezember 1933, wurde das Urteil verkündet. Gretel wurde wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Zu diesem Zeitpunkt war dies noch ein relativ mildes Urteil. Zwei Jahre später konnte dieses Delikt schon ein Todesurteil zur Folge haben.

Nach meiner Verhaftung hat meine Familie an meinem Geburtstag immer einen Geburtstagstisch für mich gedeckt und ein Bild von mir dazu gestellt. Blumen und Geschenke standen auf dem Tisch. Auf diesem Weg hat die Familie immer an mich gedacht.

Während ihrer Haftzeit wurde sie mehrmals in verschiedene Haftanstalten gebracht, um in anderen Prozessen als Zeugin zur Verfügung zu stehen. Am 27. April 1935 erfolgte ihre vorzeitige Entlassung auf Bewährung aus dem Frauengefängnis Frankfurt a. M. - Preungesheim. Während dieser Zeit war auch mein Vater mehrmals in Untersuchungshaft. Man wollte ihm Mittäterschaft anhängen, was aber nicht möglich war.

Für mich war dies auch eine schwere Zeit. Ich lebte bei meinen Großeltern. Mein Vater war auch viel arbeitslos. An Ostern 1933 kam ich in die Ackermann-Schule, eine Jungenschule. Wenn meine Mitschüler über ihr Elternhaus sprachen, zog ich mich zurück. Was hätte ich auch erzählen sollen. Mir war wohl klar, daß ich über die Verfolgung meiner Eltern nicht reden konnte. Das hatte zur Folge, daß ich sehr isoliert war. Da die meisten Mitschüler in der nahe liegenden Siedlung wohnten, hatte ich auch mit niemand einen gemeinsamen Schulweg, ich ging immer alleine in die andere Richtung. Eine große Hilfe für mich war Edelgard, eine Nichte meiner Großeltern, die neben der Ackermann-Schule in die Gebrüder-Grimm-Schule, eine Mädchenschule, ging. Wir hatten zwar einen großen gemeinsamen Schulhof, aber die Mädchen und Jungen durften nicht in den jeweils anderen Bereich. An der Schulhofgrenze gingen die Lehrer zur Aufsicht. Edelgard traf sich in den Pausen immer an der Grenze mit mir. Erst nach der Entlassung meiner Mutter 1935 war unsere Familie wieder gemeinsam in unserer Wohnung.

Nach ihrer Entlassung nahm Gretel mehrere Putzstellen an, um auf diesem Weg zum Unterhalt der Familie beizutragen. Erst im Mai 1938 fand sie in einer Schokoladenfabrik wieder Arbeit in ihrem erlernten Beruf. Durch ihre Berufstätigkeit unterstützte sie auch die Arbeit meines Vaters, der in dieser Zeit eine nebenberufliche Ausbildung zum Elektromeister machte. Aber auch in dieser Zeit waren meine Eltern politisch nicht passiv. So verhalfen sie beispielsweise politisch bedrohten Menschen zur Flucht in die Schweiz oder verteilten illegal aus der Schweiz eingeführte Literatur.

Meine Großeltern haben 1936/37 in Praunheim ein Haus gebaut. Nach Fertigstellung sind wir im April 1937 dort eingezogen. In dem dazu gehörigen Garten habe ich gerne gespielt. Dieser Wohnungswechsel kam mir 1939 sehr zu Gute. Nach der Verhaftung meiner Eltern am 1. September 1939 fand ich bei meinen Großeltern große Hilfe.

Im August 1939 zeichnete sich schon stark ein militärischer Konflikt gegen Polen ab. Bereits am Sonntag, dem 27. August, wurde mein Vater im Rahmen der allgemeinen Mobilmachung zu einer Pioniereinheit eingezogen. Am 1. September 1939, dem Tag des Überfalles der Wehrmacht auf Polen, wurde meine Mutter morgens um 6.30 Uhr erneut von der Gestapo verhaftet. Wir hörten gerade in den Nachrichten von dem Einmarsch der deutschen Truppen in Polen, als unsere Haustürklingel schellte. Es erschienen drei Gestapobeamte, machten eine oberflächliche Hausdurchsuchung und fragten nach meinem Vater. Nach der Antwort, daß Otto beim Militär sei, forderten die Gestapomänner meine Mutter auf, mit zu kommen. Sie brauche nicht viel mit zu nehmen, da sie abends wieder zu Hause sei. Ich folgte der Gestapo etwa  einhundert Meter bis zu einem abseits geparkten Personenwagen. Den Beamten rief ich noch nach, sie sollen meine Mutter zu Hause lassen. Sie sei schon einmal verhaftet worden und dann zwei Jahre weg gewesen. Mein Vater wurde beim Militär verhaftet. Am 4. September kam ein Beamter zu mir und holte Zivilkleidung für meinen Vater. Dabei erfuhr ich, daß er auch verhaftet worden war.

Nach einigen Tagen Polizeihaft in der Starkestraße in Frankfurt a. M., dem Polizeigewahrsam, und langen Transporttagen wurde Gretel am 23. September 1939 in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück eingeliefert. Auf dem Transport dorthin war sie am 14. September auch im Keller des Polizeipräsidiums in Weimar untergebracht. Durch Zufall war auch mein Vater zum gleichen Zeitpunkt dort inhaftiert und sie konnten sich kurz durch die offene Klappe an der Zellentür unterhalten. Mein Vater fragte auch nach mir, Mutter antwortete wahrheitsgemäß, ich hätte sehr geweint und die Gestapobeamten darum gebeten, sie nicht mit zu nehmen. Sie trennten sich in der Annahme, daß sie beide nach Buchenwald kommen würden. Sie wußten nicht, daß Buchenwald nur für Männer war. Otto wurde am nächsten Tag in das KZ Buchenwald eingeliefert, während Gretel weiter auf Transport ging, um am 23. September 1939 in das KZ Ravensbrück eingeliefert zu werden.

Mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Polen am 1. September 1939 kamen zahlreiche Frauen in das Konzentrationslager Ravensbrück. Da der Aufbau des Lagers erst im November 1938 begonnen hatte und noch lange nicht abgeschlossen war, mußten die Frauen schwere Bauarbeiten leisten. Zunächst wurden zum Aufbau des Lagers etwa 500 männliche Häftlinge nach Ravensbrück gebracht. Aus dem KZ Lichtenburg kam später auch ein Vorkommando mit weiblichen Häftlingen in das im Aufbau befindliche Lager. Im Frühjahr 1939 wurde das Lager mit etwa 1000 deutschen Frauen in Betrieb genommen. Nunmehr mußten die Frauen den weiteren Ausbau des Lagers, den Bau der SS-Siedlung und den Bau der Zufahrtsstraßen durchführen. Der nächste größere Transport waren Ende Juni 1939 440 Roma-Frauen mit Kindern aus dem österreichischen Burgenland. Nach den Zugängen des 1. September 1939 und weiteren Zugängen von Frauen aus dem besetzten Polen war die Lagerstärke im Dezember 1939 bereits auf etwa 2.280 Frauen angewachsen.

Gretel schildert ihre Ankunft im KZ folgendermaßen:

Zunächst mußten wir bei kaltem Wetter in langen Reihen im Freien stehen. Einzeln wurden wir zur Aufnahme der Personalien aufgerufen. Danach mußten wir uns nackt ausziehen und wurden zum Duschen geführt. Das Wasser wurde aber nur für fünf Minuten aufgedreht. Da wir schon lange auf Transport waren, reichte diese kleine Wassermenge natürlich nicht zur Reinigung aus. Seife gab es auch nicht. Danach wurden die Kopfhaare auf Läuse untersucht. Zunächst wurde ich zu den ‘Läusen’ aussortiert. Eine spätere Kontrolle durch eine Ärztin ersparte mir aber einen Kahlkopf. Nach einer ersten Nacht in einer Baracke wurden wir am nächsten Tag dem Strafblock zugeteilt. Viele andere wurden sofort in entsprechende andere Blocks, z. B. Politische, Bibelforscher oder Kriminelle untergebracht. Das hing wahrscheinlich damit zusammen, daß ich unter die Kategorie ‘Aktionshäftling’ fiel. Das betraf alle, die am 1. September 1939, dem Überfall auf Polen, verhaftet worden waren. Wahrscheinlich gab es in Ravensbrück noch keine Anweisung, was mit den ‘Aktionshäftlingen’ geschehen solle. Der Strafblock war innerhalb des Lagers noch einmal mit Stacheldraht umzäunt und auch die Fenster waren mit Stacheldraht versehen. Nach dem täglichen Appell wurden wir zum Ausladen von Ziegelsteinen eingesetzt. Die Ziegelsteine wurden in einer langen Kette von einer Frau zur anderen geschuckt. Unsere Hände waren bald blutig. Nach drei oder vier Tagen wurde durch eine Aufseherin veranlaßt, daß wir Handschuhe bekamen. Aber die waren auch sehr bald schon kaputt. Meine Zeit im Strafblock endete erst mit meiner Entlassung.

Zum Glück für die ganze Familie wurde meine Mutter bereits am 10. Oktober 1939 wieder entlassen. Ein Kuriosum ihrer Entlassung war ein Brief ihres Vaters, dem Rückporto beigelegt war. Seit der Verhaftung von Otto und Gretel waren meine Großeltern und ich in höchster Sorge. Von meinem Vater wußten wir, daß er in Buchenwald war, und wir konnten ihm auch schon schreiben. Von Gretel hatten wir keine persönliche Post erhalten. Auf Anfragen meiner Tante an die Gestapo erhielten wir zunächst die Nachricht, daß sich meine Mutter im Gerichtsgefängnis Preungesheim befinde. In einer späteren Mitteilung der Gestapo hieß es, Gretel sei am 16. September nach Buchenwald überführt worden. Einem weiteren Schreiben meines Großvaters, indem er darauf aufmerksam machte, daß der 12-jährige Sohn unversorgt sei, legte er eine Briefmarke als Rückporto bei. Dieser Brief wurde nach Ravensbrück weiter geleitet. Gretel wurde gerufen und mußte auf dem verdeckten Briefbogen den Empfang der Briefmarke quittieren. An den unteren Schriftbogen erkannte sie aber, daß es  ein Brief ihres Vaters war. Über den Inhalt des Briefes wurde sie nicht unterrichtet. Am nächsten Tag kam sie frei. Ein typisches Beispiel deutscher Gründlichkeit und Bürokratie. Danach mußte sie sich noch viele Monate wöchentlich zunächst bei der Gestapo in der Bürgerstraße 22 und später auf dem örtlichen Polizeirevier melden. Sie erzählte viel über die schwere Arbeit, die die gefangenen Frauen im Lager verrichten mußten. Über Mißhandlungen im Lager berichtete sie, sicher aus verständlichen Gründen, nicht.

Sofort nach ihrer Rückkehr ging meine Mutter zum Arbeitsamt in der Neuen Mainzer Straße 58, meldete sich arbeitslos und fragte nach einer neuen Arbeitsstelle. Ihr Antrag auf Arbeitslosengeld wurde abgelehnt, weil sie „falsche Angaben“ gemacht habe. Die Frage nach ihrem letzten Aufenthalt und dem Aufenthalt ihres Mannes hatte sie dahingehend beantwortet, daß sie im KZ gewesen und ihr Mann noch im KZ sei. Der Beamte bezichtigte sie daraufhin der Lüge mit der Bemerkung: „Es gibt keine Konzentrationslager“. Im Dezember 1939 fand sie eine Arbeitsstelle als Kontoristin in der pharmazeutischen Großhandlung Dr. Fresenius & Co., wo sie bis nach dem Ende des II. Weltkrieges beschäftigt war. Der Inhaber der Firma, Herr Haid, wußte von der Vergangenheit meiner Mutter, er sagte aber, für ihn sei nur die Arbeitsleistung maßgebend. Bei ihren Arbeitskolleginnen fand Gretel große Anerkennung. Zu Weihnachten 1939 erhielt sie von ihren ehemaligen Kolleginnen bei Krapf & Arnold ein schönes Päckchen mit Nahrungsmitteln und einem kleinen Geldbetrag. Die Freude und Überraschung darüber war groß, zumal diese Kolleginnen wußten, daß Gretel aus politischen Gründen inhaftiert war.

Mein Vater war weiterhin bis zur Selbstbefreiung des Lagers im KZ Buchenwald inhaftiert. Die einzige Verbindung waren über Jahre die monatlich erlaubten zwei offiziellen Briefe. Plötzlich kam Anfang Januar 1944 über einen SS-Mann ein illegaler Brief von Otto. In dem Brief hatte Otto gefragt, ob sie die Kraft und auch den Mut habe, ihn im Lager auf illegale Weise zu besuchen. Als Terminvorschlag nannte Otto Samstag, den 13. Februar 1944. Ein schlimmer Irrtum, denn der 13. war ein Sonntag. Was sollte sie denn jetzt machen? Gretel entschied sich für Samstag und traf zur vereinbarten Uhrzeit am Bahnhof Weimar ein, doch niemand gab sich als Kontaktperson zu erkennen. Gretel war so mutig, ihrem Mann eine Karte zu schreiben mit dem Hinweis, daß sie „auf der Durchreise“ in Weimar gewesen sei. Daraufhin wurde ein weiteres Treffen für Sonntag, den 12. März vereinbart.

Mein Vater schildert diese Begegnung folgendermaßen: „Da Gretel die SS aus sehr unliebsamen Situationen her kannte, war die Entscheidung für sie, sich in die Höhle des Löwen zu begeben, sicher sehr schwer. Wahrscheinlich hatte dies manche schlaflose Nacht gekostet ... Ein SS-Mann holte Gretel am Bahnhof ab, fuhr mit ihr im Bus zum Ettersberg und gab sie bei der Kontrolle als seine Frau aus. Kurz vor der Trafostation verabschiedete sich der SS Mann und Edmund brachte Gretel dann zu mir ... Zunächst haben wir uns ausführlich über unsere Familienangelegenheiten unterhalten ... Danach erzählte ich Gretel von dem hauptsächlichen Grund dieses Besuches. Wir Häftlinge waren uns darüber im Klaren, daß keiner von uns wußte, ob wir diese Hölle je lebend überstehen würden. Ich erzählte von den Vorgängen im Lager und betonte, daß sie alles nur im Kopf behalten dürfe. Jede schriftliche Notiz wäre absolut lebensgefährlich gewesen. Der Sinn meines Berichtes an Gretel bestand darin, auf jeden Fall der Nachwelt zu überliefern, wie der Terror der SS im Lager herrschte, wie die Lebensumstände im Lager waren, über die Arbeit der Menschen im Steinbruch zu erzählen. Wie es dazu kam, wenn jemand ‘auf der Flucht erschossen’ wurde. Die Bestrafungen auf dem Bock zu kennen. Wie es den Häftlingen ging, die am Baum hängen mußten. Es ist in Kürze nicht zu schildern, was ich Gretel alles mit auf den Weg gegeben hatte. Ich berichtete auch, daß man gegen sich selbst unheimlich hart werden mußte, um in dieser Lebenslage zu überstehen.“

Otto hatte für seine Frau ein „schönes Mittagessen“ hergerichtet, aber Gretel bekam keinen Bissen hinunter. Für beide war es schon eine merkwürdige Situation, in der sie sich nach fast fünf Jahren wieder gesehen haben. Gretel wurde dann wieder abgeholt und trat ihren Heimweg an. Beide waren froh, als die nächste Nachricht kam, und sie wußten, daß alles gut geklappt hatte. Gretel wurde eine große Last aufgebürdet, aber die Verbrechen, die in diesem Staat und besonders durch die SS begangen wurden, durften nicht in Vergessenheit geraten. Über den heimlichen Besuch wußten nur der Vater von Gretel und ich Bescheid. Erst nach Kriegsende konnte man über solche Begegnungen sprechen.

Im September 1944 besuchten Gretel und ich offiziell meinen Vater im KZ. Meine Mutter hatte um eine Besuchserlaubnis nachgesucht mit der Begründung, daß ich gemustert und nun bald eingezogen werden würde. Dieser Besuch fand in einer Verwaltungsbaracke in einem großen Büro statt und war für fünf Minuten genehmigt. Das unter Aufsicht geführte Gespräch dauerte schließlich fast 45 Minuten. Es war für uns alle ein besonderes Ereignis, sich an einem so ungewöhnlichen Ort zu treffen. Über was wir uns unterhalten haben, konnte später niemand mehr nach vollziehen. Da unser Gespräch unter Kontrolle stattfand, durfte vieles nicht angesprochen werden, oder die Antworten fielen belanglos aus.

Im November 1944 wurde ich zum Arbeitsdienst und im Dezember 1944 zum Militär eingezogen. Gretel machte sich jetzt nicht nur Sorgen um ihren Mann sondern auch noch um mich. Da das Ende des Krieges schon erkennbar war, stieg für alle die Ungewißheit, wer dieses Inferno überleben würde. Am 18. September 1945 kam ich aus Kriegsgefangenschaft zurück und unsere Familie war nach sechs Jahren zum ersten Mal wieder vereint. Zum Glück war unsere Wohnung Am Alten Schloß von Bombenangriffen verschont geblieben. Otto war Ende Mai 1945 aus Buchenwald zurück gekehrt, von mir hatte es seit März 1945 keine Nachricht mehr gegeben.

Otto arbeitete nach seiner Rückkehr aus Buchenwald bis 1952 zunächst als Sachbearbeiter, dann als Dienststellenleiter in der Betreuungsstelle der Stadt Frankfurt für politisch, rassisch und religiös Verfolgte in der Wiesenhüttenstraße. Bei dieser Tätigkeit hat Gretel ihn vielfach ehrenamtlich unterstützt. Otto übernahm 1952 eine verantwortliche Arbeit im Präsidium der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN). Neben der beruflichen Tätigkeit zur Hilfe für Verfolgte des Naziregimes war es für meine Eltern auch wichtig, beizutragen zu einem gesellschaftlichen Neuanfang. Dazu gehörte auch Gedenkarbeit.

In Erinnerung an alle Menschen, die Opfer des Naziregimes wurden, erstellte die VVN 1950 auf dem Friedhof in Frankfurt a. M. - Praunheim einen Gedenkstein, an dem jedes Jahr am Totensonntag im November eine Gedenkfeier stattfand ... Ein weiteres wichtiges Ereignis war die Einweihung des Ehrenmals in Buchenwald 1958. Da sind wir mit 15 Bussen von Frankfurt nach Weimar gefahren. Die Busse hatten an den Seiten große Transparente, die auf das Ereignis hinwiesen.

Von 1950 bis zum Verbot der KPD, am 17. August 1956, war Gretel zunächst beim Parteivorstand und später bei der Landesleitung Hessen der KPD beschäftigt. Zwischenzeitlich - vom 13. Februar bis 14. August 1955 - war sie wegen Tätigkeit für die Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft inhaftiert. Ihre Verhaftung erfolgte anläßlich eines Besuches bei mir im Untersuchungsgefängnis Darmstadt. Ich war am 10. Februar 1955 aus dem gleichen Grund verhaftet worden. 1956 wurde Gretel zu zwei Monaten und ich zu sechs Monaten Freiheitsstrafe verurteilt.

Etwa 1953 habe ich einige Zeit bei der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft gearbeitet. Da diese Organisation durch einen Erlaß der Innenminister der Bundesländer verboten worden war, fielen einige Kräfte aus. Deshalb sah ich die Notwendigkeit gegeben, dort zu helfen. Durch meine Reise in die Sowjetunion im Jahr 1932 fühlte ich mich diesem Land sehr verbunden und wollte bei uns für gute Beziehungen zu diesem Land beitragen. Wir hatten in ganz Hessen Gruppen, in denen wir Vorträge und Lichtbildervorträge über die Sowjetunion hielten. Viele Menschen ließen sich durch dieses Verbot nicht beeindrucken.

Am 9. Mai 1969 verstarb mein Vater an einem Herzinfarkt. Im Gedenken an ihre politische Arbeit und die politische Arbeit ihres Mannes war sie auch danach noch viele Jahre politisch aktiv. Am 11. Mai 1984 starb meine Mutter an den Folgen einer schweren Erkrankung.

"informationen" Nr. 52, November 2000 

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