Gretel
Roth - Eine Frau im politischen Widerstand der Nazizeit.
Erinnerungen
ihres Sohnes Artur Roth.
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Die
Kursiv gesetzten Stellen sind wörtliche Zitate von Gretel aus einem
Tonbandgespräch
vom November 1979.
Meine
Mutter Gretel Roth wurde am 17. September 1906 als erste Tochter von Anna und
Heinrich Heil in Frankfurt a. M. geboren. Ab Ostern 1913 besuchte sie acht
Jahre die Hellerhof-Schule; danach absolvierte sie ihre Lehre als kaufmännische
Angestellte. Anschließend arbeitete sie bis zu meiner Geburt im Jahr 1927 im
Reformhaus Freya. Mit dem Eintritt ins Berufsleben wurde sie
Gewerkschaftsmitglied im Zentralverband der Angestellten (ZdA). Im gleichen
Jahr, 1921, schloß sie sich der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) an, um
später Mitglied bei den Jungsozialisten zu werden. Dort lernte sie bei der
Sonnenwendfeier 1924 auch meinen Vater Otto kennen. 1925 waren sie und Otto
einige Monate Mitglied im Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK).
Am 7. Dezember 1926 heirateten beide. Da sie noch keine Wohnung hatten,
wohnten sie einige Zeit bei den Eltern von Gretel. Später fanden sie eine
Wohnung in der Hattersheimer Straße im Stadtteil Gallus.
Gretel
wurde im Januar 1930 Mitglied der Internationalen Arbeiterhilfe (IAH). Im
Sommer 1930 arbeitete sie als Aushilfe bei der von der Kommunistischen Partei
Deutschlands (KPD) herausgegebenen Arbeiter-Zeitung. Meine Eltern traten im
November 1930 der KPD. 1931, ich war mittlerweile vier Jahre, bekamen meine
Eltern in der damals neu erbauten Friedrich-Ebert-Siedlung eine 2 ½ Zimmer
Wohnung mit Einbauküche und Bad. Die Miete belief sich auf 44,25 Mark.
Ich
bin damals in die Internationale Arbeiterhilfe eingetreten, das war eine
Organisation für Arbeitslose oder politisch Verfolgte. Wir haben Sammlungen
durchgeführt und die Frauen unterstützt, wenn die Männer weg gewesen sind.
Wir haben dann gemeinsam Sonntags Agitation gemacht. Mit den Rädern sind wir
aufs Land gefahren und haben dort für die Arbeiter-Zeitung oder die
Arbeiter-Illustrierte geworben.
Von
1931 bis zu ihrer Verhaftung in einem illegalen Büro der KPD war sie
Kassiererin in der Bezirksleitung ihrer Partei.
In
den Jahren seit 1929 war eine große Arbeitslosigkeit. Mein Mann war davon
mehrmals betroffen. Es hat uns deshalb natürlich immer an Geld gefehlt. Ich
habe damals für die Kommunistische Partei auf der Bezirksleitung gearbeitet
und dafür ein geringes Einkommen gehabt. Die Partei hatte auch nicht viel
Geld. Die Beiträge waren nicht sehr hoch und andere Geldquellen gab es nicht.
Es reichte gerade, um die Kosten für Fahrten zu begleichen und für eine
kleine Unterstützung zum Essen.
Im
Zusammenhang mit ihrer Arbeit kam sie im August und September 1932 in den Genuß,
einen sechswöchigen Urlaub in der Sowjetunion auf der Halbinsel Krim zu
verbringen. Diese Reise beeindruckte sie sehr und sie kehrte mit vielen neuen
Eindrücken zurück.
Ich
hatte durch die Partei die Möglichkeit zu einer Reise in die Sowjetunion. Das
war damals eine große Seltenheit. Aus ganz Deutschland wurden 20 Genossinnen
und Genossen ausgewählt, die an dieser Reise teilnehmen durften. Es waren natürlich
große Reiseschwierigkeiten, nicht wie heute, daß man sich ins Flugzeug
setzt. Ich bin Freitag abends in Frankfurt weg gefahren und war Samstag
morgens in Berlin. Abends sind wir von Berlin aus weiter gefahren und waren
Montag abend in Moskau, am Dienstag früh fuhren wir weiter nach Sotschi, wo
wir Donnerstags ankamen. Der Transport in das Ferienheim erfolgte mit
Pferdewagen ... Da ich das Klima nicht gewohnt war, hatte ich bald einen ganz
schlimmen Sonnenbrand und lag mit Fieber im Bett. Die Krankenbesuche der
deutschen und sowjetischen Genossen und deren Fürsorge haben mir sehr gut
getan. Diese Reise hat bei mir dazu geführt, daß ich ein großer Freund der
Sowjetunion geworden bin ... Diese Erlebnisse haben auch meine Überzeugung
gefestigt, mich weiterhin für diese Sache verstärkt einzusetzen. Aus diesem
Grunde habe ich auch nach der Ernennung Hitlers als Reichskanzler am 30.
Januar 1933 und dem darauf folgenden Verbot der Kommunistischen Partei illegal
weiter gearbeitet. Für mich war es selbstverständlich, weiter für die
Kommunistische Partei zu arbeiten. Das Verbot galt für mich nicht. Ich stand
auf dem Standpunkt, was die Kommunistische Partei will, ist richtig und da
kann mich auch kein Verbot stören. Auch mein Mann hat weiter für die Partei
gearbeitet. Ich habe Kassenarbeit gemacht. Bin im Land herum gefahren und habe
Mitgliederbeiträge kassiert, Marken, Abzeichen oder Literatur hin gebracht.
Wir hatten auch mehrere illegale Büros in Zimmern, die uns Sympathisanten zur
Verfügung stellten. Dort habe ich schriftliche Arbeiten gemacht.
Über
meinen ersten Schulgang an Ostern 1933 berichtet sie:
Wir
haben an Ostern noch meinen Jungen zur Schule gebracht, da hat er noch seinen
Pagenkopf gehabt. Wie ich ihn dann nach meiner Entlassung zwei Jahre später
wieder sah, hatte er die Haare kurz geschnitten. Ich habe ihn kaum wieder
erkannt.
Gretel
wurde am 24.Juli 1933 bei einer Fahrt zur illegalen Kassenarbeit verhaftet.
Ich
war in Darmstadt mit einem Bekannten mit dem Motorrad unterwegs. Als wir nach
einem Treff wieder weiter fahren wollten, kam SS mit einem offenen Wagen und
hat uns verhaftet. Wir mußten hinter dem Wagen der SS her fahren. Die SS hat
uns gleich gesagt, daß wir bei einem Fluchtversuch erschossen würden. Nach
unserer Einlieferung in eine Polizeidienststelle besuchte mich mein Mann am
27. Juli. Der zuständige Beamte sagte dann zu meinem Mann: „Der Mann, der
mit ihrer Frau verhaftet wurde, hat seinem Namen ‘Standhaft’ keine Ehre
gemacht.“
Bei
diesem Besuch am 27. Juli 1933 in Darmstadt wurde auch mein Vater Otto unter
dem Verdacht der Mittäterschaft verhaftet, aber bereits am 6. August 1933
wieder entlassen. Es konnte ihm nichts nachgewiesen werden. Fünf Monate nach
Gretel’s Verhaftung, am 25. November 1933, begann ihr Prozeß vor dem 2.
Strafsenat des Oberlandesgerichtes in Kassel. In diesem Verfahren wurde gegen
mehr als 40 Angeklagte verhandelt. Die Nazi-Justiz wollte in Frankfurt a. M.
ein Beispiel geben, wie schnell sie politische Gegner ausschalten konnte.
Schon nach wenigen Tagen, am 1. Dezember 1933, wurde das Urteil verkündet.
Gretel wurde wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu zwei Jahren Gefängnis
verurteilt. Zu diesem Zeitpunkt war dies noch ein relativ mildes Urteil. Zwei
Jahre später konnte dieses Delikt schon ein Todesurteil zur Folge haben.
Nach
meiner Verhaftung hat meine Familie an meinem Geburtstag immer einen
Geburtstagstisch für mich gedeckt und ein Bild von mir dazu gestellt. Blumen
und Geschenke standen auf dem Tisch. Auf diesem Weg hat die Familie immer an
mich gedacht.
Während
ihrer Haftzeit wurde sie mehrmals in verschiedene Haftanstalten gebracht, um
in anderen Prozessen als Zeugin zur Verfügung zu stehen. Am 27. April 1935
erfolgte ihre vorzeitige Entlassung auf Bewährung aus dem Frauengefängnis
Frankfurt a. M. - Preungesheim. Während dieser Zeit war auch mein Vater
mehrmals in Untersuchungshaft. Man wollte ihm Mittäterschaft anhängen, was
aber nicht möglich war.
Für
mich war dies auch eine schwere Zeit. Ich lebte bei meinen Großeltern. Mein
Vater war auch viel arbeitslos. An Ostern 1933 kam ich in die Ackermann-Schule,
eine Jungenschule. Wenn meine Mitschüler über ihr Elternhaus sprachen, zog
ich mich zurück. Was hätte ich auch erzählen sollen. Mir war wohl klar, daß
ich über die Verfolgung meiner Eltern nicht reden konnte. Das hatte zur
Folge, daß ich sehr isoliert war. Da die meisten Mitschüler in der nahe
liegenden Siedlung wohnten, hatte ich auch mit niemand einen gemeinsamen
Schulweg, ich ging immer alleine in die andere Richtung. Eine große Hilfe für
mich war Edelgard, eine Nichte meiner Großeltern, die neben der
Ackermann-Schule in die Gebrüder-Grimm-Schule, eine Mädchenschule, ging. Wir
hatten zwar einen großen gemeinsamen Schulhof, aber die Mädchen und Jungen
durften nicht in den jeweils anderen Bereich. An der Schulhofgrenze gingen die
Lehrer zur Aufsicht. Edelgard traf sich in den Pausen immer an der Grenze mit
mir. Erst nach der Entlassung meiner Mutter 1935 war unsere Familie wieder
gemeinsam in unserer Wohnung.
Nach
ihrer Entlassung nahm Gretel mehrere Putzstellen an, um auf diesem Weg zum
Unterhalt der Familie beizutragen. Erst im Mai 1938 fand sie in einer
Schokoladenfabrik wieder Arbeit in ihrem erlernten Beruf. Durch ihre Berufstätigkeit
unterstützte sie auch die Arbeit meines Vaters, der in dieser Zeit eine
nebenberufliche Ausbildung zum Elektromeister machte. Aber auch in dieser Zeit
waren meine Eltern politisch nicht passiv. So verhalfen sie beispielsweise
politisch bedrohten Menschen zur Flucht in die Schweiz oder verteilten illegal
aus der Schweiz eingeführte Literatur.
Meine
Großeltern haben 1936/37 in Praunheim ein Haus gebaut. Nach Fertigstellung
sind wir im April 1937 dort eingezogen. In dem dazu gehörigen Garten habe ich
gerne gespielt. Dieser Wohnungswechsel kam mir 1939 sehr zu Gute. Nach der
Verhaftung meiner Eltern am 1. September 1939 fand ich bei meinen Großeltern
große Hilfe.
Im
August 1939 zeichnete sich schon stark ein militärischer Konflikt gegen Polen
ab. Bereits am Sonntag, dem 27. August, wurde mein Vater im Rahmen der
allgemeinen Mobilmachung zu einer Pioniereinheit eingezogen. Am 1. September
1939, dem Tag des Überfalles der Wehrmacht auf Polen, wurde meine Mutter
morgens um 6.30 Uhr erneut von der Gestapo verhaftet. Wir hörten gerade in
den Nachrichten von dem Einmarsch der deutschen Truppen in Polen, als unsere
Haustürklingel schellte. Es erschienen drei Gestapobeamte, machten eine
oberflächliche Hausdurchsuchung und fragten nach meinem Vater. Nach der
Antwort, daß Otto beim Militär sei, forderten die Gestapomänner meine
Mutter auf, mit zu kommen. Sie brauche nicht viel mit zu nehmen, da sie abends
wieder zu Hause sei. Ich folgte der Gestapo etwa
einhundert Meter bis zu einem abseits geparkten Personenwagen. Den
Beamten rief ich noch nach, sie sollen meine Mutter zu Hause lassen. Sie sei
schon einmal verhaftet worden und dann zwei Jahre weg gewesen. Mein Vater
wurde beim Militär verhaftet. Am 4. September kam ein Beamter zu mir und
holte Zivilkleidung für meinen Vater. Dabei erfuhr ich, daß er auch
verhaftet worden war.
Nach
einigen Tagen Polizeihaft in der Starkestraße in Frankfurt a. M., dem
Polizeigewahrsam, und langen Transporttagen wurde Gretel am 23. September 1939
in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück eingeliefert. Auf dem Transport
dorthin war sie am 14. September auch im Keller des Polizeipräsidiums in
Weimar untergebracht. Durch Zufall war auch mein Vater zum gleichen Zeitpunkt
dort inhaftiert und sie konnten sich kurz durch die offene Klappe an der
Zellentür unterhalten. Mein Vater fragte auch nach mir, Mutter antwortete
wahrheitsgemäß, ich hätte sehr geweint und die Gestapobeamten darum
gebeten, sie nicht mit zu nehmen. Sie trennten sich in der Annahme, daß sie
beide nach Buchenwald kommen würden. Sie wußten nicht, daß Buchenwald nur für
Männer war. Otto wurde am nächsten Tag in das KZ Buchenwald eingeliefert, während
Gretel weiter auf Transport ging, um am 23. September 1939 in das KZ Ravensbrück
eingeliefert zu werden.
Mit
dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Polen am 1. September 1939 kamen
zahlreiche Frauen in das Konzentrationslager Ravensbrück. Da der Aufbau des
Lagers erst im November 1938 begonnen hatte und noch lange nicht abgeschlossen
war, mußten die Frauen schwere Bauarbeiten leisten. Zunächst wurden zum
Aufbau des Lagers etwa 500 männliche Häftlinge nach Ravensbrück gebracht.
Aus dem KZ Lichtenburg kam später auch ein Vorkommando mit weiblichen Häftlingen
in das im Aufbau befindliche Lager. Im Frühjahr 1939 wurde das Lager mit etwa
1000 deutschen Frauen in Betrieb genommen. Nunmehr mußten die Frauen den
weiteren Ausbau des Lagers, den Bau der SS-Siedlung und den Bau der
Zufahrtsstraßen durchführen. Der nächste größere Transport waren Ende
Juni 1939 440 Roma-Frauen mit Kindern aus dem österreichischen Burgenland.
Nach den Zugängen des 1. September 1939 und weiteren Zugängen von Frauen aus
dem besetzten Polen war die Lagerstärke im Dezember 1939 bereits auf etwa
2.280 Frauen angewachsen.
Gretel
schildert ihre Ankunft im KZ folgendermaßen:
Zunächst
mußten wir bei kaltem Wetter in langen Reihen im Freien stehen. Einzeln
wurden wir zur Aufnahme der Personalien aufgerufen. Danach mußten wir uns
nackt ausziehen und wurden zum Duschen geführt. Das Wasser wurde aber nur für
fünf Minuten aufgedreht. Da wir schon lange auf Transport waren, reichte
diese kleine Wassermenge natürlich nicht zur Reinigung aus. Seife gab es auch
nicht. Danach wurden die Kopfhaare auf Läuse untersucht. Zunächst wurde ich
zu den ‘Läusen’ aussortiert. Eine spätere Kontrolle durch eine Ärztin
ersparte mir aber einen Kahlkopf. Nach einer ersten Nacht in einer Baracke
wurden wir am nächsten Tag dem Strafblock zugeteilt. Viele andere wurden
sofort in entsprechende andere Blocks, z. B. Politische, Bibelforscher oder
Kriminelle untergebracht. Das hing wahrscheinlich damit zusammen, daß ich
unter die Kategorie ‘Aktionshäftling’ fiel. Das betraf alle, die am 1.
September 1939, dem Überfall auf Polen, verhaftet worden waren.
Wahrscheinlich gab es in Ravensbrück noch keine Anweisung, was mit den
‘Aktionshäftlingen’ geschehen solle. Der Strafblock war innerhalb des
Lagers noch einmal mit Stacheldraht umzäunt und auch die Fenster waren mit
Stacheldraht versehen. Nach dem täglichen Appell wurden wir zum Ausladen von
Ziegelsteinen eingesetzt. Die Ziegelsteine wurden in einer langen Kette von
einer Frau zur anderen geschuckt. Unsere Hände waren bald blutig. Nach drei
oder vier Tagen wurde durch eine Aufseherin veranlaßt, daß wir Handschuhe
bekamen. Aber die waren auch sehr bald schon kaputt. Meine Zeit im Strafblock
endete erst mit meiner Entlassung.
Zum
Glück für die ganze Familie wurde meine Mutter bereits am 10. Oktober 1939
wieder entlassen. Ein Kuriosum ihrer Entlassung war ein Brief ihres Vaters,
dem Rückporto beigelegt war. Seit der Verhaftung von Otto und Gretel waren
meine Großeltern und ich in höchster Sorge. Von meinem Vater wußten wir, daß
er in Buchenwald war, und wir konnten ihm auch schon schreiben. Von Gretel
hatten wir keine persönliche Post erhalten. Auf Anfragen meiner Tante an die
Gestapo erhielten wir zunächst die Nachricht, daß sich meine Mutter im
Gerichtsgefängnis Preungesheim befinde. In einer späteren Mitteilung der
Gestapo hieß es, Gretel sei am 16. September nach Buchenwald überführt
worden. Einem weiteren Schreiben meines Großvaters, indem er darauf
aufmerksam machte, daß der 12-jährige Sohn unversorgt sei, legte er eine
Briefmarke als Rückporto bei. Dieser Brief wurde nach Ravensbrück weiter
geleitet. Gretel wurde gerufen und mußte auf dem verdeckten Briefbogen den
Empfang der Briefmarke quittieren. An den unteren Schriftbogen erkannte sie
aber, daß es ein Brief ihres
Vaters war. Über den Inhalt des Briefes wurde sie nicht unterrichtet. Am nächsten
Tag kam sie frei. Ein typisches Beispiel deutscher Gründlichkeit und Bürokratie.
Danach mußte sie sich noch viele Monate wöchentlich zunächst bei der
Gestapo in der Bürgerstraße 22 und später auf dem örtlichen Polizeirevier
melden. Sie erzählte viel über die schwere Arbeit, die die gefangenen Frauen
im Lager verrichten mußten. Über Mißhandlungen im Lager berichtete sie,
sicher aus verständlichen Gründen, nicht.
Sofort
nach ihrer Rückkehr ging meine Mutter zum Arbeitsamt in der Neuen Mainzer
Straße 58, meldete sich arbeitslos und fragte nach einer neuen Arbeitsstelle.
Ihr Antrag auf Arbeitslosengeld wurde abgelehnt, weil sie „falsche
Angaben“ gemacht habe. Die Frage nach ihrem letzten Aufenthalt und dem
Aufenthalt ihres Mannes hatte sie dahingehend beantwortet, daß sie im KZ
gewesen und ihr Mann noch im KZ sei. Der Beamte bezichtigte sie daraufhin der
Lüge mit der Bemerkung: „Es gibt keine Konzentrationslager“. Im Dezember
1939 fand sie eine Arbeitsstelle als Kontoristin in der pharmazeutischen Großhandlung
Dr. Fresenius & Co., wo sie bis nach dem Ende des II. Weltkrieges beschäftigt
war. Der Inhaber der Firma, Herr Haid, wußte von der Vergangenheit meiner
Mutter, er sagte aber, für ihn sei nur die Arbeitsleistung maßgebend. Bei
ihren Arbeitskolleginnen fand Gretel große Anerkennung. Zu Weihnachten 1939
erhielt sie von ihren ehemaligen Kolleginnen bei Krapf & Arnold ein schönes
Päckchen mit Nahrungsmitteln und einem kleinen Geldbetrag. Die Freude und Überraschung
darüber war groß, zumal diese Kolleginnen wußten, daß Gretel aus
politischen Gründen inhaftiert war.
Mein
Vater war weiterhin bis zur Selbstbefreiung des Lagers im KZ Buchenwald
inhaftiert. Die einzige Verbindung waren über Jahre die monatlich erlaubten
zwei offiziellen Briefe. Plötzlich kam Anfang Januar 1944 über einen SS-Mann
ein illegaler Brief von Otto. In dem Brief hatte Otto gefragt, ob sie die
Kraft und auch den Mut habe, ihn im Lager auf illegale Weise zu besuchen. Als
Terminvorschlag nannte Otto Samstag, den 13. Februar 1944. Ein schlimmer
Irrtum, denn der 13. war ein Sonntag. Was sollte sie denn jetzt machen? Gretel
entschied sich für Samstag und traf zur vereinbarten Uhrzeit am Bahnhof
Weimar ein, doch niemand gab sich als Kontaktperson zu erkennen. Gretel war so
mutig, ihrem Mann eine Karte zu schreiben mit dem Hinweis, daß sie „auf der
Durchreise“ in Weimar gewesen sei. Daraufhin wurde ein weiteres Treffen für
Sonntag, den 12. März vereinbart.
Mein
Vater schildert diese Begegnung folgendermaßen: „Da Gretel die SS aus sehr
unliebsamen Situationen her kannte, war die Entscheidung für sie, sich in die
Höhle des Löwen zu begeben, sicher sehr schwer. Wahrscheinlich hatte dies
manche schlaflose Nacht gekostet ... Ein SS-Mann holte Gretel am Bahnhof ab,
fuhr mit ihr im Bus zum Ettersberg und gab sie bei der Kontrolle als seine
Frau aus. Kurz vor der Trafostation verabschiedete sich der SS Mann und Edmund
brachte Gretel dann zu mir ... Zunächst haben wir uns ausführlich über
unsere Familienangelegenheiten unterhalten ... Danach erzählte ich Gretel von
dem hauptsächlichen Grund dieses Besuches. Wir Häftlinge waren uns darüber
im Klaren, daß keiner von uns wußte, ob wir diese Hölle je lebend überstehen
würden. Ich erzählte von den Vorgängen im Lager und betonte, daß sie alles
nur im Kopf behalten dürfe. Jede schriftliche Notiz wäre absolut lebensgefährlich
gewesen. Der Sinn meines Berichtes an Gretel bestand darin, auf jeden Fall der
Nachwelt zu überliefern, wie der Terror der SS im Lager herrschte, wie die
Lebensumstände im Lager waren, über die Arbeit der Menschen im Steinbruch zu
erzählen. Wie es dazu kam, wenn jemand ‘auf der Flucht erschossen’ wurde.
Die Bestrafungen auf dem Bock zu kennen. Wie es den Häftlingen ging, die am
Baum hängen mußten. Es ist in Kürze nicht zu schildern, was ich Gretel
alles mit auf den Weg gegeben hatte. Ich berichtete auch, daß man gegen sich
selbst unheimlich hart werden mußte, um in dieser Lebenslage zu überstehen.“
Otto
hatte für seine Frau ein „schönes Mittagessen“ hergerichtet, aber Gretel
bekam keinen Bissen hinunter. Für beide war es schon eine merkwürdige
Situation, in der sie sich nach fast fünf Jahren wieder gesehen haben. Gretel
wurde dann wieder abgeholt und trat ihren Heimweg an. Beide waren froh, als
die nächste Nachricht kam, und sie wußten, daß alles gut geklappt hatte.
Gretel wurde eine große Last aufgebürdet, aber die Verbrechen, die in diesem
Staat und besonders durch die SS begangen wurden, durften nicht in
Vergessenheit geraten. Über den heimlichen Besuch wußten nur der Vater von
Gretel und ich Bescheid. Erst nach Kriegsende konnte man über solche
Begegnungen sprechen.
Im
September 1944 besuchten Gretel und ich offiziell meinen Vater im KZ. Meine
Mutter hatte um eine Besuchserlaubnis nachgesucht mit der Begründung, daß
ich gemustert und nun bald eingezogen werden würde. Dieser Besuch fand in
einer Verwaltungsbaracke in einem großen Büro statt und war für fünf
Minuten genehmigt. Das unter Aufsicht geführte Gespräch dauerte schließlich
fast 45 Minuten. Es war für uns alle ein besonderes Ereignis, sich an einem
so ungewöhnlichen Ort zu treffen. Über was wir uns unterhalten haben, konnte
später niemand mehr nach vollziehen. Da unser Gespräch unter Kontrolle
stattfand, durfte vieles nicht angesprochen werden, oder die Antworten fielen
belanglos aus.
Im
November 1944 wurde ich zum Arbeitsdienst und im Dezember 1944 zum Militär
eingezogen. Gretel machte sich jetzt nicht nur Sorgen um ihren Mann sondern
auch noch um mich. Da das Ende des Krieges schon erkennbar war, stieg für
alle die Ungewißheit, wer dieses Inferno überleben würde. Am 18. September
1945 kam ich aus Kriegsgefangenschaft zurück und unsere Familie war nach
sechs Jahren zum ersten Mal wieder vereint. Zum Glück war unsere Wohnung Am
Alten Schloß von Bombenangriffen verschont geblieben. Otto war Ende Mai 1945
aus Buchenwald zurück gekehrt, von mir hatte es seit März 1945 keine
Nachricht mehr gegeben.
Otto
arbeitete nach seiner Rückkehr aus Buchenwald bis 1952 zunächst als
Sachbearbeiter, dann als Dienststellenleiter in der Betreuungsstelle der Stadt
Frankfurt für politisch, rassisch und religiös Verfolgte in der Wiesenhüttenstraße.
Bei dieser Tätigkeit hat Gretel ihn vielfach ehrenamtlich unterstützt. Otto
übernahm 1952 eine verantwortliche Arbeit im Präsidium der Vereinigung der
Verfolgten des Naziregimes (VVN). Neben der beruflichen Tätigkeit zur Hilfe für
Verfolgte des Naziregimes war es für meine Eltern auch wichtig, beizutragen
zu einem gesellschaftlichen Neuanfang. Dazu gehörte auch Gedenkarbeit.
In
Erinnerung an alle Menschen, die Opfer des Naziregimes wurden, erstellte die
VVN 1950 auf dem Friedhof in Frankfurt a. M. - Praunheim einen Gedenkstein, an
dem jedes Jahr am Totensonntag im November eine Gedenkfeier stattfand ... Ein
weiteres wichtiges Ereignis war die Einweihung des Ehrenmals in Buchenwald
1958. Da sind wir mit 15 Bussen von Frankfurt nach Weimar gefahren. Die Busse
hatten an den Seiten große Transparente, die auf das Ereignis hinwiesen.
Von
1950 bis zum Verbot der KPD, am 17. August 1956, war Gretel zunächst beim
Parteivorstand und später bei der Landesleitung Hessen der KPD beschäftigt.
Zwischenzeitlich - vom 13. Februar bis 14. August 1955 - war sie wegen Tätigkeit
für die Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft inhaftiert. Ihre
Verhaftung erfolgte anläßlich eines Besuches bei mir im Untersuchungsgefängnis
Darmstadt. Ich war am 10. Februar 1955 aus dem gleichen Grund verhaftet
worden. 1956 wurde Gretel zu zwei Monaten und ich zu sechs Monaten
Freiheitsstrafe verurteilt.
Etwa
1953 habe ich einige Zeit bei der Gesellschaft für deutsch-sowjetische
Freundschaft gearbeitet. Da diese Organisation durch einen Erlaß der
Innenminister der Bundesländer verboten worden war, fielen einige Kräfte
aus. Deshalb sah ich die Notwendigkeit gegeben, dort zu helfen. Durch meine
Reise in die Sowjetunion im Jahr 1932 fühlte ich mich diesem Land sehr
verbunden und wollte bei uns für gute Beziehungen zu diesem Land beitragen.
Wir hatten in ganz Hessen Gruppen, in denen wir Vorträge und Lichtbildervorträge
über die Sowjetunion hielten. Viele Menschen ließen sich durch dieses Verbot
nicht beeindrucken.
Am
9. Mai 1969 verstarb mein Vater an einem Herzinfarkt. Im Gedenken an ihre
politische Arbeit und die politische Arbeit ihres Mannes war sie auch danach
noch viele Jahre politisch aktiv. Am 11. Mai 1984 starb meine Mutter an den
Folgen einer schweren Erkrankung.
"informationen"
Nr. 52, November 2000
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