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Pro und contra
Die Gründungsmitglieder gaben 1967 ihrem Vorhaben einen langen Namen:
"Studienkreis zur Erforschung und Vermittlung des deutschen Widerstandes
1933-1945".
Ihr erstes Projekt war die 1970 in der Frankfurter Paulskirche eröffnete Ausstellung "Der deutsche antifaschistische Widerstand 1933-1945", die in den folgenden Jahren durch viele Städte der alten Bundesrepublik wanderte.
1977 - bei der Realisierung des zweiten Projektes - schloß man sich dem österreichischen Beispiel an und gab der neuen Einrichtung den
Namen "Dokumentationsarchiv des deutschen Widerstandes".
1990 schließlich benannte sich auch der Studienkreis mit dieser Kurzform; die Jahreszahlen - nach außen die einzige
Verortung, in welcher Zeit und gegen was Widerstand geleistet wurde - fielen weg.
Heute - wo sich Neofaschisten "national befreiter Zonen" rühmen, in denen sich Nicht-Deutsche nur unter Lebensgefahr bewegen können, ist diese Kurzbezeichnung nicht nur mißverständlich geworden.
In dieser Ausgabe der "informationen", rechtzeitig zur Mitgliederversammlung am 2. Dezember 2000, beginnen wir mit einer Diskussion um das Selbstverständnis des Studienkreis im 21. Jahrhundert, die wir in den folgenden Heften fortsetzen werden. Der erste Beitrag stammt von
Tjark Kunstreich, Mitglied des Internationalen Auschwitz-Komitee in der Bundesrepublik und Autor zahlreicher Veröffentlichungen (in
jungle world und in konkret) zur Walser-Debatte, zum Entschädigungsskandal und Kosovo-Krieg
(Ein deutscher Krieg. Über die Befreiung der Nation von Auschwitz.
Freiburg: Ca ira-Verlag, 1999).
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Antifaschistischer und/oder deutscher Widerstand?
Tjark Kunstreich
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zum Heft Nr. 52
Es mag seinerzeit gute Gründe für die Kurzbezeichnung Studienkreis deutscher Widerstand gegeben haben, ging es doch darum, in der BRD endlich auch den Widerstand aus der Arbeiterbewegung zu würdigen, denn damals hieß Widerstand vor allem: die Verschwörung zum 20. Juli 1944.
Dagegen wurde eine Einheit eines deutschen Widerstands behauptet, die eben vom militärischen bis zum kommunistischen Widerstand reichen sollte. Sie stellten das "andere Deutschland" dar - ein Konstrukt, das schon im Exil geprägt wurde, aber nicht über die tiefen politischen Widersprüche unter den Emigrant/inn/en hinwegtäuschen konnte: Bis auf die Gegnerschaft zu Hitler, gab es diese Einheit nie; sie blieb, anders als in anderen westeuropäischen Ländern, reine Vorstellung einer "Volksfront"; nach der Befreiung war sie notwendig, um angesichts der Restaurationsatmosphäre im
Adenauerdeutschland, überhaupt politisch weiterarbeiten zu können.
Es war der Antikommunismus - jenes gemeinsame Dritte, an das die Verschwörer des 20. Juli gegenüber den Westalliierten appellieren wollten, um die Sowjetunion zu schlagen -, der jenes Element der NS-Ideologie vorstellte, welches Niederlage und Wiederaufbau unbeschadet überstanden hatte. Daß ehemalige KZ-Häftlinge nun in Adenauers Gefängnissen einsaßen, war die notwendige Konsequenz aus der Verleugnung der Nazi-Verbrechen und dem kollektiven Freispruch für die Mörder - dagegen um Rehabilitation und Anerkennung zu kämpfen, war das berechtigte Anliegen der Überlebenden unter den Gründer/inne/n des Studienkreises.
Der Antifaschismus stand damals und steht heute wieder unter einem antitotalitaristischen Generalverdacht. Im Zuge der Gleichsetzung von Staatssozialismus und Nationalsozialismus sind zahlreiche als gesichert geltende Erkenntnisse revidiert worden: Der Überfall auf die Sowjetunion sei wohl doch ein "Präventivschlag" und der Vernichtungskrieg einer "von beiden Seiten" gewesen, so die aktuell verbreitete "Wahrheit", der antifaschistische Widerstand, und damit das, was die DDR jenseits des Kalten Krieges eigentlich legitimierte - daß statt ehemaliger Nazis Widerstandskämpfer in der Regierung saßen -, sieht sich massiven Versuchen der Delegitimation ausgesetzt. Von "Zusammenarbeit" und "Kollaboration" kommunistischer
"Funktionshäftlinge" mit der SS ist die Rede; außerhalb der Konzentrationslager wird der Widerstand einzelner gegen den Versuch der Kommunisten, organisiert zu handeln, ausgespielt. Der Widerstand aus der Arbeiterbewegung ist höchstens Gegenstand von Milieustudien (das ist kein Witz: "Arbeitermilieu", "kommunistisches Milieu" usw. sind hoch im Kurs), die politischen und gesellschaftlichen Vorstellungen der Arbeiterbewegung, so heißt es, seien jedoch vom totalitären Geist jener Jahre geprägt gewesen.
Richtete sich der damalige Generalverdacht gegen die DDR, so richtet er sich heute allgemein gegen das Postulat, gesellschaftliche und politische Konsequenzen aus dem Nazi-Faschismus zu ziehen, es geht um den Kern des Antifaschismus: Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg! - denn wo sich diese Losung nicht zur Legitimation des Angriffskrieges gegen Jugoslawien eignet, ist sie für herrschende Zwecke unbrauchbar, weil sie ja in Wahrheit davon spricht, daß Menschen selbst die Verhältnisse, in denen sie leben, so gestalten können, daß Faschismus und Krieg ein für alle Mal unmöglich sind. Spätestens mit dieser Instrumentalisierung hat sich jedoch der Verweis auf ein "anderes Deutschland" als politisches Konzept gegen eine neue deutsche Großmachtrolle erledigt.
In der aktuellen Kampagne des rotgrünen Staats-Antifaschismus gegen den sog. Rechtsextremismus wird nicht umsonst an individuelle Fähigkeiten appelliert - wie Zivilcourage, Toleranz usw. -, um von den gesellschaftlichen Verhältnissen nicht sprechen zu müssen, z.B. vom staatlichen Umgang mit Flüchtlingen. Widerstand, das machte auch Rudolf Scharping in seiner Rede vor Rekruten beim Gelöbnis am 20. Juli 2000 im Bendlerblock klar, ist der normale Anstand, und er nannte die Namen zahlreicher Wehrmachtsangehöriger, die Juden oder Zwangsarbeiter gerettet hatten - und unterschlug bei einigen, daß sie den bewaffneten Kampf der Partisan/inn/en gegen die deutsche Besatzung und die "Endlösung" unterstützt hatten.
Aber ein organisierter Kampf mit eigenen Vorstellungen davon, wie eine Gesellschaft auszusehen hat, in der die Wurzeln von Antisemitismus, Rassismus und Krieg beseitigt sind - das darf es nicht gegeben haben, weil es das heute nicht geben soll. Deswegen wird auch die Geschichte im Nachhinein individualisiert; am Stärksten dort, wo die Entindividualisierung Programm war, in den
Konzentrationslagern. Interessanterweise wird gerade die totalitärste Form der Unterdrückung mit einem Mal zum Ort von individuellen Entscheidungen, wird der über jede Vorstellung hinausgehende Terror zum Objekt für soziologische Deutungen, mit denen man schon "normalen" gesellschaftlichen Verhältnissen nicht gerecht wird.
Ein Studienkreis antifaschistischer Widerstand würde sich nicht nur offensiv in eine Tradition stellen, die nun abgewickelt werden soll, er würde nicht nur der aktuellen Entwicklung Rechnung tragen, daß es zurzeit gerade die Konstruktion eines deutschen Widerstands (unter Ausschluß der "Totalitären") ist, der Krieg und staatlichen Rassismus legitimieren soll.
Darüber hinaus, und das wäre für mich das ausschlaggebende Argument, würde dieser Name endlich der Tatsache gerecht werden, daß der Widerstand der Arbeiterbewegung in den dreißiger und vierziger Jahren internationalistisch war. Es gab nicht nur die tausendfache Beteiligung deutscher Linker in den Internationalen Brigaden des spanischen Bürgerkrieges und später in den Widerstandsbewegungen der besetzten Länder - es gab die Beteiligung tausender hierher verschleppter Häftlinge und Zwangsarbeiter/innen aus allen europäischen Ländern am Widerstand in Deutschland. Ihr Kampf und ihre Zusammenarbeit mit deutschen Antifaschist/innen sind bislang kaum gewürdigt worden, auch um das Konstrukt deutscher Widerstand - zugunsten durchaus legitimer politischer Prioritäten, die jedoch ihre Gültigkeit verloren haben - aufrechtzuerhalten.
Studienkreis antifaschistischer Widerstand hieße damit aus politischer Sicht tätige Selbstkritik - ohne Rituale des Abschwörens oder der Verdammung - und aus historiographischer Sicht eine Annäherung an die Wirklichkeit, in der während des Krieges sehr viel mehr Nichtdeutsche als Deutsche dem Nazi-Faschismus widerstanden.
"informationen"
Nr. 52, November 2000
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