"Wir
sind nicht anders durch das Vorsetzen der Silbe 'anti', sondern, indem wir von
Grund auf anders sind."
Anna
Seghers und der Antifaschismus. Ein Streifzug durch ihr Werk
Christel
Berger
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Angesichts
ihres "Markenzeichens" "Das siebte Kreuz" könnte man
meinen, das hier gestellte Thema sei eine Fragestellung ohne Frage. Beim
Schreiben merke ich, daß der Platz nicht einmal für alle losen Gedanken
reicht, die mir durch den Kopf gehen. Antifaschismus als das Rückgrat, der
rote Faden, die Lebensfalle von Leben und Werk der Autorin? Oder das, was ihr
Bleiberecht in zukünftigen Literaturgeschichten und auch Bibliotheken und
Buchhandlungen ausmacht? Die Wahrheit und die Mythen um Entstehung und Wirkung
des "Siebten Kreuzes" sowie die Interpretationen dieses Romans sind
reichhaltig genug, um noch in Jahrzehnten darüber zu forschen und zu
spekulieren. "Das siebte Kreuz" – Glücksfall des Jahres 1942 oder
organisches Glied innerhalb einer literarischen Konzeption, die den
Nachgeborenen das Jahrhundert erschließt? Da beschreibt eine Schriftstellerin
– Ende der 30, nicht gänzlich unbekannt, aber doch so politisch gebunden,
daß Tendenz zu erwarten ist – die Flucht von sieben Häftlingen aus einem
Konzentrationslager in Deutschland. Ein Buch über Deutschland und über
Widerstehen, geschrieben im französischen Exil, zuerst erschienen in den USA,
als die mit Deutschland in den Krieg getreten waren. Ein antifaschistischer
Bestseller. Anna Seghers sagt 1938 – da arbeitet sie an diesem Buch:
"Die Zeit, in der wir leben, hat aus dem scheinbar verwickelten und
dunklen Prozeß, der sich zwischen Gesellschaft und Kunstwerk abspielte, einen
Kurzschluß gemacht. Soll dieser Kurzschluß nun aber bedeuten, daß der
Schriftsteller bei Bekenntnissen stehenbleiben soll? Nein."[i]
Weil
sie nicht bei Bekenntnissen stehenbleiben will, gestaltet sie. Und immer ist
Literatur reicher als die Parole, und so stellt sich meinem Versuch, den roten
Faden "Antifaschismus" zu verfolgen, die Reichhaltigkeit und
Vieldeutigkeit ihres Werkes entgegen (und leider muß ich hier aus Platzgründen
gänzlich auf Beispiele verzichten, wo Anna Seghers in märchenhaften,
mythologischen Texten ihre Sicht auf die Welt verrätselt. Das wäre ein zu
weites Feld!) Wenn sie sich vornimmt, über ein Thema schreiben zu wollen,
kennt sie die Verlockungen, Gefährdungen und Gegenbewegungen. Beispielsweise
im Falle des "gewöhnlichen" und "gefährlichen Lebens".
Ihr
Thema – der Mensch in der Krise
Begonnen
hat die Tochter aus gutbürgerlicher jüdischer Familie mit Texten u. a. über
das Elend in den Hinterhöfen und über die Hoffnungen und Sehnsüchte nach
einem ganz anderen Leben.("Grubetsch", 1927) Ohne Enge,
geheimnisvoll, durchaus auch mythisch. Voller Sympathie für Wut und
Revolte.("Aufstand der Fischer von Sankt Barbara", 1928.) Während
des Studiums war sie in sozialistische Studentenkreise geraten. Ihr Eintritt
1928 in die KPD, ihre Mitarbeit im Bund proletarisch revolutionärer
Schriftsteller, die Arbeit ihres Mannes (eines nach der gescheiterten
ungarischen Räterepublik nach Deutschland geflüchteten revolutionären
Philosophiestudenten) in der MASCH, sowie ihre Alltagserfahrung in Berlin prägen
mehr und mehr ihr Bild von der Welt als einer Welt der Klassen- und damit auch
Parteienkämpfe und ihr Verständnis von der Rolle der Literatur. Sie
beschreibt die Erfahrungen und Erlebnisse der Klassenkämpfer ("Die Gefährten",
1932) und die Krise der Gesellschaft ("Der Kopflohn", 1933) anhand
des Schicksals von einzelnen, v. a. der unteren Schichten. Und Schicksale
waren und werden es immer sein, was sie eigentlich interessiert. Menschen
interessieren sie. Menschen, wie sie sie aus der Bibel und aus Märchen kennt
und nun aus den Erzählungen im marxistischen Zirkel und am Küchentisch und
aus der Versammlung kennenlernt. Große und kleine Verwicklungen. Warum einer
sich so und nicht anders entscheidet. Was einen prägt. Wie einer zur Partei,
zu den Genossen findet oder warum nicht.
Nationalsozialisten
sind für sie in den Texten vor dem "Siebten Kreuz" die Verführer,
die den Menschen in der Krise falsche Auswege – beispielsweise den Juden als
schnellen und greifbaren Feind – bieten. Was an den Nazis verlockt – sind
das kostenlose Hemd oder die guten Stiefel, die Gemeinschaft, die schnelle
Karriere. Ihr Hauptthema ist der Mensch in der Krise, was bei ihr die
Schilderung von individueller Befindlichkeit und sozialer Lage bedeutet. Ihr
Anliegen, ihre Hoffnung: ihren Protagonisten Anschluß finden zu lassen zu den
"richtigen", den kommunistischen Klassenkämpfern. Sie sind ihrer Überzeugung,
ihres Glaubens[ii]
nach die aktivsten und konsequentesten Vertreter der Interessen der Arbeiter.
Der wirkliche Feind ist das Kapital.
Die
Autorin im Exil
Während
Anna Seghers noch beim Beschreiben dieser Konstellation ist, ergreifen die
"Rattenfänger" die Macht im Land. Die Kommunistin, Jüdin muß ins
Exil. In Frankreich – so erinnert sich Anna Seghers 1965 – sagt Jean
Richard Bloch bei der Ankunft der deutschen Schriftsteller: "Vielleicht
seid ihr selbst daran schuld, daß wir nur schwer verstehen, was bei euch
vorgeht. Es fehlt eurer deutschen Literatur an den großen gesellschaftlichen
Romanen, die das Leben bei uns in Frankreich, in Rußland, in England, in
Amerika erklären helfen."[iii]
Diese Kritik muß sie mächtig beschäftigt haben. 1935 vermerkt
sie auf ihren "Tagebuchseiten": "Wir haben uns nicht
ausreichend verständlich gemacht."[iv]
Sie reagiert, indem sie sich zum einen um einen differenzierten Blick auf
Deutschland und die Realität bemüht – sowohl das Deutschland der letzten
Jahre ("Die Rettung", 1937), als auch auf die Gegenwart (genaue
Recherche in Österreich und jede nur mögliche Kontaktaufnahme mit Leuten,
die aus Deutschland kommen, Studium von Berichten, Zeitungen usw.) Zum anderen
erarbeitet sie sich eine Strategie, ein Konzept, das in ihren beiden wichtigen
Reden auf den Internationalen Schriftstellerkongressen 1935 und 1938 in der
Kontur vorgestellt wird. 1935 spricht sie von der "Vaterlandsliebe"
und führt vor, daß dieser Wert "Vaterland" nicht den Gegnern überlassen
werden darf, daß jeweils konkrete, auch soziale Erfahrungen mit dem Vaterland
dessen Wert, dessen Wesen bestimmen, und das habe der Schriftsteller
herauszuarbeiten. Schon 1935 ist ihr klar, daß das kein Streit um Begriffe
ist, sondern letztendlich geht es um Krieg, der nicht nur droht, "er
verlockt auch" und sie erinnert an die von ihr beschriebenen Menschen in
der Krise: "Der Mensch an der Stempelstelle, am laufenden Band, im
Arbeitsdienstlager ist ein Niemand. Der dem Tod konfrontierte Mensch scheint
wieder alles. In gewissem Sinne ist die Lüge wahr und deshalb furchtbar
verlockend: 'Das Vaterland braucht Dich.'"[v]
Krieg als Argument gegen Faschismus, Barbarei wird in ihrem Werk und ihren
Leben lebenslang eine gewichtige, vielleicht die entscheidende
Rolle spielen.
1938
formuliert sie ihre Strategie vom "Antifaschismus" folgendermaßen:
"Alle Grundfragen heißen letzten Endes: Warum? und Wofür? und nie:
Warum nicht? und Wogegen? Wir sind nicht anders durch das Vorsetzen der Silbe
'anti', sondern, indem
wir von Grund auf anders sind. Einer Jugend, die der Faschismus daran gewöhnt
hat, vom 'Gefährlichen Leben' zu träumen, müssen wir eine von Grund auf
neue Konzeption des Lebens bieten: eine Wahrheit, die weit verführerischer
ist als die Lüge, das Aufsichnehmen von Gefahren für die Wahrheit. Statt dem
'Gefährlichen Leben', wie es von Jünger und Dwinger besungen wurde, jenes
andere, das gelebt wurde von Mühsam und Ossietzky."[vi]
Im
Grunde hat sie also vieles der späteren Entwicklung vorausgesehen. Ihr
Konzept zeugt von einer wehrhaften Haltung einer Intellektuellen, die in
dieser Lage nur in der Einheit von politischem Kampf, Schreibstrategie und
Aufklärung eine Reaktionsmöglichkeit sah. Daß jedoch kaum noch Einflußmöglichkeiten
nach Deutschland hinein bestanden, ist ein Teil der historischen Wahrheit. Und
selbst wenn es solche Wege gegeben hätte, wäre damit ein "Pferdefuß"
deutlich geworden: Der kommunistischen Bewegung ist es nie wirklich gelungen,
ein Verhältnis zu Patriotismus und Heimatgefühl, wie es Anna Seghers und
anderen Autoren in dieser Zeit vorschwebte, zu entwickeln, geschweige denn für
die Massen plausibel und annehmbar zu machen. Im Konflikt mit der
internationalistischen Grundhaltung, der Erfahrung von proletarischer Heimat-
und Vaterlandslosigkeit und vor allem Eigentumsvorstellungen neuer Art kam es
– möglicherweise der Große Vaterländische Krieg der Sowjetunion
ausgenommen – nie dazu, Begriffe wie Vaterland, Volk oder Heimat
wirklich neu und "von Grund auf anders" zu besetzen. (Was
kommunistische Dichter in ihrem Werk dazu geleistet haben und ob es auf
Resonanz gestoßen ist, wäre eine Untersuchung wert.)
Makel
oder Glanzpunkt?
Und
da sind wir beim "Siebten Kreuz", dem literarischen Beleg des kurz
skizzierten Konzepts von Anna Seghers. Ihr Held ist keiner der damals
bekannten Widerstandshelden, ist fiktiv, wenn auch Resultat vieler Begegnungen
mit Leuten, die den Nazis entkamen. Er ist ein eigenwilliger Genosse mit Haken
und Kanten. Sein "gefährliches Leben" ist die Suche nach Helfern
auf seiner Flucht, das Wagen des Risikos, und dabei erfährt er das Vaterland
– mit seinen Menschen, alltäglichen Gepflogenheiten, der Landschaft, der
Geschichte. Alles, was bei Anna Seghers das ihr Eigentliche war: Menschen, die
unerwartet reagieren, die enttäuschen, und wieder andere, denen man den Mut
nicht zugetraut hatte. Existentielles, dessen Gründe die Geheimnisse
individuellen Seins bargen. Alltägliches Leben der Gegenwart, zum Teil als
Kriminalgeschichte und zu einem weiteren Teil mit Menschenschicksalen, die
denen aus der Bibel oder der aus Antike verwandt sind.
Die
Welt der Nazis ist das KZ mit seinen barbarischen Methoden gegenüber den Häftlingen.
Ihre Macht erstreckt sich auf Verordnungen und Gesetze – Pflicht zur
Denunziation, Verweigerung von Hilfe – und die Gegenwelt ist das
Sich-Widersetzen, Nicht-Befolgen der Verordnungen und damit moralisch/ideelle
Überlegenheit. Treue, Würde, Verläßlichkeit, Vertrauen, Freundschaft,
Solidarität, und das alles nicht ohne Ängste, Zaghaftigkeit und Versuchung
– das ist die eigentliche Gegenwelt, es ist das viel zitierte
"Feste", "Unangreifbare", "Unverletzbare", das
der Barbarei widersteht. Antifaschismus bei der Anna Seghers des "Siebten
Kreuzes" (und generell?) hat vor allem also eine moralische Dimension,
die bei aller detaillierten historischen und politischen Einbettung auf
Humanismus setzt. Das mag Makel und Glanzpunkt der Segherschen Texte sein.
Anna Seghers hat ihren Glauben an den solidarischen, mitfühlenden,
leidenschaftlichen Menschen nie aufgegeben, für sie war er der Kern ihrer
Hoffnung auf Veränderbar- ja Lebbarkeit der Welt. Das macht ihre Texte
angesichts der Erfahrung und des Schicksals der kommunistischen Bewegung
angreifbar und plaziert sie neben Märchen, großen Mythen, Utopien. Wer
meint, ohne letzteres müsse diese Welt auskommen, wird Anna Seghers
streichen. Wer an Humanismus für die Zukunft festhält, findet bei ihr viel,
denn sie verbindet gekonnt Glaube/Hoffnung mit tatsächlicher Lebenserfahrung
und Menschenkenntnis.
Die
von ihr geschilderte Welt ist nicht nur Wunschwelt. Zum einen hat sie all das,
was sie über Deutschland erfahren konnte, in ihren Texten verarbeitet. Und
zum anderen schildert sie den Alltag, das normale ruhige Leben mit
Streuselkuchen und Küchentischharmonie, Schäfern und Wein- und Apfelernte.
Es ist die Sehnsucht nach dem Leben, das das Exil nur bedingt bieten kann. Auf
den "Tagebuchseiten" von 1938 heißt es: "Nicht die Bewohner
einer Straße, sondern die, die sie im Vorbeigehen durchqueren, genießen am
innigsten ihren Frieden. Was der Lichtkreis einer Lampe über den Köpfen
einer Familie bedeutet, wissen die Vagabunden besser als alle anderen. "[vii]Johannes
R. Becher teilt sie 1939 in einem Brief mit: "Unbedingt möchte ich über
das ‚gewöhnliche Leben’ schreiben. In diesem Zusammenhang will ich etwas
abzuhandeln versuchen, was bis jetzt von uns noch niemand in Angriff genommen
hat: den einfachen Ausdruck unserer lebendigen Gefühle und Empfindungen im
Verhältnis zum ‚gefährlichen Leben‘. [viii]
Dieses besondere Augenmerk auf den Alltagsfrieden wird sich durch ihr Werk
ziehen – vom Küchentisch der Familie Binnet in „Transit“( 1944), über
den Schulausflug in „Der Ausflug der toten Mädchen“(1946) bis zu den
„Friedensgeschichten“(1953) und weiter. (Letztere offenbaren für mich
auch die Gefahren einer solchen Konzeption: Sobald dem „gewöhnlichen
Leben“ die innere Spannung, bzw. ein zweiter Boden fehlt, gerät es in die Nähe
platter Agitation.)
Ohne
auf Einzelheiten eingehen zu können: Als Anna Seghers 1947 nach Deutschland
zurückkehrt, hat sie einen Koffer voller Texte, die zumeist in Deutschland
spielen und von Widerstand ("Die Saboteure", 1947), gewöhnlichem
Leben, aber auch dem Schicksal von Nazis handeln. Das heißt: In der Ferne hat
sie ihr Bild vervollständigt, aber auch: diese Schilderungen beruhen in
erster Linie auf Vorstellungskraft.
Der
Roman „Die Toten bleiben jung“ wird zwar erst 1949
erscheinen, das aus Mexiko mitgebrachte Manuskript hat jedoch in
Deutschland wenig Änderungen erfahren. Er ist ein Höhepunkt in ihrer
Auseinandersetzung mit dem Faschismus, hier verwirklicht sie, was Bloch von
seinen deutschen Kollegen gefordert hatte und beschreibt eine breite Palette
unterschiedlichster (u. a. auch ehrenwerter) Motive, sich den Nazis und dem
Nationalsozialismus anzuschließen. Wieder bestechen die einzelnen Schicksale.
Wieder ihre Erzählerinnen-Weisheit: Warum sich einer so und ein anderer so
entscheidet, hat oftmals kaum damit direkt zusammenhängende Gründe – wie
fehlende Liebe in der Familie oder zu wenig Beachtung durch einen Lehrer. Aber
eben das ganze Geflecht von sozialen, familiären und individuellen
Komponenten ist der Autorin wichtig. [ix]
Verfolgt
man die thematische Linie der direkten Darstellung von Nationalsozialisten, so
ist die Entwicklung von "Ein Mensch wird Nazi" (1943) über
"Das Ende"(1946) und weiter interessant. Die Geschichte vom Nazi
Fritz Müller, der Erschießungen und Grausamkeiten befohlen und selbst ausgeführt
hat, ist wohl eine Vorstudie zu Beschreibungen ähnlicher Schicksale in
"Die Toten bleiben jung" (Der Mensch in der Krise der 20 iger Jahre,
die verschiedenen Lehrer, das Lob der neuen Freunde), während „Das Ende“
– die Geschichte von dem KZ-Aufseher Zillich auf der Flucht - eine Art
Gegenstück zum „Siebten Kreuz“ und zum Titelmotiv von "Die Toten
bleiben jung" ist. Zillich, von keinerlei Skrupeln befallen und allein
von einem kreatürlichen Lebenswillen beherrscht, hetzt von Ort zu Ort aus
Angst, daß man ihn erkennt. Es gibt keine menschliche Bindung, keinen anderen
Lebenswert als den zu überleben. Sein Tod, den er sich selbst gibt, wird von
keinem bedauert, ja sein Sohn freut sich darüber. „Der Junge hatte nichts
anderes als Schande und Ekel von seinem Vater erfahren.“ Wieder sind es in
erster Linie Vorstellungen von einer Welt, in der Moral oder allgemeinster
Humanismus letztlich den Lebenswert bestimmt. (Der Nazi Zillich erhält übrigens
spät – 1977 – mit dem Vietnam-Krieger Gary einen "Bruder im
Geiste." Auch dessen Leben wird keine Spur hinterlassen, er ist kein
Toter, der "jung bleibt", sondern ein Toter "ohne
Nachfolge". Auch dies – die geistige oder auch generationsmäßige
Nachfolge wird bei Anna Seghers ein Kriterium sein für erfülltes oder
sinnloses Leben.)
Der
Prozeß der Entfaschisierung und das Beharren auf Hoffnung
1941
hatte sich Anna Seghers über die zukünftige politische Arbeit in Deutschland
Gedanken gemacht und wiederum sehr ahnungsvoll vorausgesagt: "Der Prozeß
der Entfaschisierung des deutschen Volkes wird durch furchtbare Leiden gehn,
durch die Dezimierung der deutschen Jugend, durch die Verzweiflung von
Millionen Müttern, durch die grausamsten Erfahrungen, mit denen verglichen
die 'Erziehung vor Verdun' eine zarte milde Erziehung war: er wird auch durch
Rückschläge gehn, durch bittre Enttäuschungen, durch unermüdliche Geduld,
durch sehr viel Zeit, durch den Glauben und durch das Wissen von Veränderung
der Gesellschaft und des einzelnen Menschen. An diesem Prozeß wird jeder
deutsche Antifaschist mithelfen. Denn nur dann ist es wirklich."[x]
Als
Anna Seghers das sagte, waren ihre Mutter, die 1942 auf dem Transport oder in
einem Lager in Polen umkam, und ihr Freund Philipp Schaeffer, der 1943 durch
das Fallbeil der Nazis starb, noch am Leben. Die "furchtbaren
Leiden", die die Autorin prophezeite, betrafen Antifaschisten, Juden und
auch faschistische Mitläufer – "Millionen Mütter", deren Söhne
aus dem Krieg nicht zurückkamen. Als Anna Seghers 1947 den im Land
gebliebenen Deutschen begegnete, war sie über deren geistige und moralische
Verfassung entsetzt. Das Leid an ihrer derzeitigen Existenz bezogen nur wenige
auf das Konto der Nazis, bzw. gar auf eigene Mitschuld. Gemäß ihres sich
selbst gestellten politischen Auftrags wollte Anna Seghers alles tun für den
"Prozeß der Entfaschisierung", deshalb blieb sie im Land, deshalb
war das andere Deutschland mit Nazi-Richtern und –Generälen überhaupt
keine Alternative, deshalb war sie äußerst aktiv in der internationalen
Friedensbewegung, deshalb schrieb sie ihre Erzählungen und Romane so, wie wir
sie heute kennen und aus heutiger Sicht vielleicht als "gutgläubig"
oder "blauäugig" belächeln, bestaunen: Immer bemüht um die Suche
nach "Lichtpünktchen". Der junge Nazi ("Der Mann und sein
Name", 1952), der unter falschem Namen mit falschen Lebensangaben lebte,
erhielt Absolution, als er sich im Neuaufbau bewährte und sich ehrlich
machte. Wieder: Moral, verquickt mit Alltag und Frieden. Anna Seghers und mit
ihr viele der antifaschistischen, aus dem Exil zurückgekehrten Autoren
suchten verzweifelt und oft auch verkrampft nach den Zeichen, dem Beleg des
bekehrten Menschen, der "anderen besseren Welt". Anfangs war für
sie jeder Lichtpunkt eine "Friedensgeschichte". Später in ihren
Romanen ("Die Entscheidung", 1959, "Das Vertrauen", 1968)
gibt es keinen Protagonisten, dessen gegenwärtiges Handeln nicht im Bezug zu
seinem Wirken in der Nazi-Zeit steht. Wie schwer es Antifaschisten in neuen,
sie überfordernden Aufgaben haben, ist ein Thema. Daß sie die Macht mißbrauchen
könnten – wie sie es vom früheren Gegner kennen – klingt nur in der zu
Lebzeiten nicht veröffentlichten Erzählung "Der gerechte Richter"
an. Die Aufgaben nicht beherrschen – das ja. Vertrauen nicht schaffen –
auch das. Anna Seghers gestand sich und ihrer Welt, für die sie gelebt und
gearbeitet hatte, ein gänzliches Scheitern nicht ein. Wenigstens die Hoffnung
auf das von Grund auf Andere mußte bleiben. Ich kann in dieser Haltung sehr
wenig "verordneten Antifaschismus" erkennen, ging es doch vor allem
darum, die Gegenwelt – friedlich, solidarisch, antikapitalistisch, in den
Wonnen der Alltäglichkeit – kenntlich zu machen. Das nicht leichte, ja
zuweilen im Vergleich zur Buntheit des Westens "graue" Leben ihrer
Helden im Osten und deren humanistisches Wertsystem war eine Basis, wo sich
Erfahrung und Wünsche/Sehnsüchte von Lesern und Autorin trafen. Nachfolgende
Autoren wie Heiner Müller oder Volker Braun benannten freilich das
Nichtfunktionieren dieser Gegenwelt in der Realität wesentlich schärfer und
hatten auf Grund dieser Erfahrung ein anderes Konzept von Literatur.
Als
Anna Seghers ihre Ideale und Helden immer weniger in der Wirklichkeit der DDR
fand, wählte sie diese aus der Geschichte der Befreiungsbewegungen der Völker
und dem Schicksal der "Schwachen", der kleinen Leute ("Die
Kraft der Schwachen", 1965). Bezeichnenderweise sind es oft Geschichten
von Antifaschisten – die Mutter des Spanienkämpfers ("Agathe
Schweigert"), die Frau, die den Verfolgten verbirgt ("Das
Schilfrohr") Sie gehört aber auch zu den ersten, die das Versagen im
antifaschistischen Widerstandskampf thematisiert, ohne darüber den Stab zu
brechen, im Gegenteil: im Unterschied zur bitteren Realität solcher
Schicksale erträumt sie sich einen Märchen-Schluß dank der Wunderkraft von
Freundschaft ("Der Treffpunkt", 1973)
Am
Lebensende wurden ihre Texte immer düsterer und verschlüsselter. Am
"Festen" hielt sie fest, auch wenn sie es nun noch allgemeiner faßt:
"In dieser sich ständig verändernden, weiterstrebenden Welt, in der wir
jetzt leben, ist es gut, wenn etwas Festes in einem für immer erhalten
bleibt, auch wenn das Feste ein unvergeßliches Leid ist. Weil er etwas
Schweres erlebte, werden ihm all die Menschen begreiflich sein, die etwas
Schweres erlebten. Und dieses 'andere Menschen begreifen' wird seinem ganzen
Leben nutzen und auch seiner Arbeit." ("Überfahrt",
1971) Düster die Beschreibung des Schicksals der Höhlenbewohnerin
Toaliina in einer ihrer letzten Erzählungen ("Das Versteck", 1980).
Sie war in ihrer Jugend aus Angst vor Versklavung ins Meer gesprungen und
vegetierte danach ein Leben lang in einer Höhle. Als sie schließlich vom
Meer aus der Höhle in den Tod gerissen wird, denkt sie an ihre Kinder und überläßt
sich dem Meer: "Sie wußte, ihre Flucht war geglückt." Das kann
freilich höchst unterschiedlich interpretiert werden. Etwa: Sie blieb sich in
ihrem Freiheitsdrang treu, es gibt eine Nachfolge. Oder: Allein der Tod erlöst
sie. Das ist für eine Lebensbilanz, die Anna Seghers indirekt auch für sich
vollzieht – keine frohe Botschaft, eher Verzweiflung mit einem Rest
Hoffnung, in einer Generationenkette ein Glied gewesen zu sein.
Anmerkungen:
[i]Anna
Seghers. Zum Kongreß 1938. In: Sigrid Bock. Anna Seghers. Über Kunstwerk
und Wirklichkeit. I Die Tendenz in der reinen Kunst. Berlin 1970,.S.68
[ii]
Zeichen
von Fideismus sind zumindest der Art ihrer literarischen Gestaltung nicht
abzusprechen und einige Literaturwissenschaftler – u. a. Reich-Ranicki,
Mathias Bertram – haben sich ausführlicher damit beschäftigt.
[iii]
Anna Seghers. Ansprache in Weimar. Internat. Schriftstellertreffen 1965.
In: Sigrid Bock. Anna Seghers. Über Kunstwerk und Wirklichkeit. I Die
Tendenz in der reinen Kunst. A. a. O.
S. 153
[iv]
Anna Seghers: Sechs Tage, sechs Jahre. Tagebuchseiten. In : NDL 9/1984 S.
7
[v]
Anna Seghers. Vaterlandsliebe. In: Sigrid Bock. Anna Seghers. Über
Kunstwerk und Wirklichkeit. I Die Tendenz in der reinen Kunst. A. a. O. S.
65
[vi]
Anna Seghers Zum Kongreß 1938. A. a. O. S. 68
[vii]
Anna Seghers. Sechs Tage, sechs Jahre. A. a. O. S. 9
[viii]
Anna Seghers an Johannes R. Becher. (27. 3. 1939) In: Frank Wagner
"..der Kurs auf die Realität". Das epische Werk von Anna
Seghers (1935-1943) Berlin 1978, S. 312
[ix]
Mathias Bertram schreibt nach einem ausführlichen Vergleich verschiedener
Romane dieser Zeit, und ich stimme ihm zu: "
keine andere literarische Epochendiagnose der Nachkriegszeit
(bietet) ein so breites Spektrum von sozialen, politischen und
psychologischen Erklärungen für den Faschismus wie ihr Roman, der sich
auch in mancher Hinsicht von den jeweils einseitigen publizistischen
Faschismusdiskursen der Nachkriegszeit abhob." Mathias Bertram:
Literarische Epochendiagnosen der Nachkriegszeit, in Ursula Heukenkamp
(Hg.) Deutsche Erinnerung. Berliner Beiträge zur Prosa der
Nachkriegsjahre (1945-1960), Erich Schmidt Verlag, Berlin 2000 S.95.
[x]
Anna Seghers. Deutschland und wir. In: Sigrid Bock. Anna Seghers. Über Kunstwerk und
Wirklichkeit. I Die Tendenz in der reinen Kunst. A. a. O. S.191
"informationen"
Nr. 52, November 2000
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