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Lesben
im Nationalsozialismus - Abweichen von der Norm und der Umgang damit.
Cora
Mohr/Doris Seekamp ("informationen" Nr. 51, März 2000 - Seite 22) -
8 Seiten -
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Geschichte ist für uns das,
was wir wissen - was wir wissen, ist was wir erfahren können. Was wir
erfahren können, hierüber muss es Spuren geben... Fragen müssen wir
uns auch, warum es über so vieles noch nicht einmal Spuren gibt.
Der Ausgangspunkt für diesen Beitrag war das Interesse, etwas über
Frauen zu erfahren, die Frauen lieben, von deren Lebensbedingungen und
eventueller Verfolgung im Nationalsozialismus wir bislang kaum Kenntnisse
hatten. Ihre Geschichte, die in der Bearbeitung des Nationalsozialismus,
dem Widerstand und Widerstehen dagegen, offensichtlich keinen Platz
bekommen hat, wurde bis vor einigen Jahren in keiner wissenschaftlichen
Untersuchung thematisiert. Forscherinnen wie Ilse Kokula und Claudia
Schoppmann, die sich auf die Forschung über lesbische Frauen
spezialisiert haben, sind da Ausnahmen. In der Literatur zu Verfolgung im
Nationalsozialismus sind lesbische Frauen auch heute kaum thematisiert -
mögliche Gründe hierfür sollen im folgenden benannt werden.
Dieses Thema ist Teil der Geschichte von Frauen, ist Teil unserer
Frauengeschichte. Eine Geschichte, die nicht fortwährend thematisiert
und bearbeitet wurde, sondern nur mit den Rissen und Brüchen, die am
einschneidensten der Nationalsozialismus darstellte.
Erst mit dem Aufkommen der neuen Frauenbewegung Anfang der 70er Jahre
gibt es wieder eine offenere Auseinandersetzung, und es wurde einfacher,
sich öffentlich als lesbische Frau erkennen zu geben. Im Rahmen dieser
Auseinandersetzung konnte dann auch Zwangsheterosexuallität thematisiert
werden, die homosexuelle Menschen ausgrenzt.
Wir wollten mehr über Frauen erfahren, die u.a.
aufgrund ihrer Liebe
zu Frauen in die Konzentrationslager kamen und die dort nicht selten von
ihren Mitgefangenen ausgegrenzt und verachtet wurden. Nach ‘45 wurde
dies teilweise in den Schilderungen von Überlebenden schriftlich fixiert
- dieses stigmatisierende Bild wird jedoch bis heute öffentlich so gut
wie nie hinterfragt.
Auch in der antifaschistischen Literatur wird das Widerstehen und der
Widerstand lesbischer Frauen gegen den Nationalsozialismus nicht
erwähnt. Das bedeutet nicht, dass es dies nicht gegeben hat, sondern
allenfalls, dass dieser weibliche Lebensentwurf nicht akzeptiert und aus
diesem Grund nicht benannt wurde.
Ein Verschweigen, in dem sich die Bandbreite des antifaschistischen
Widerstands mit der herrschenden Geschichtsschreibung zu treffen scheint.
Uns interessierte, was sich hinter diesem Unsichtbarmachen verbirgt.
Mit der Thematisierung von frauenliebenden Frauen wollen wir auch das
überbetonte "normale" Familienleben, was uns oft in
biografischen Skizzen präsentiert wird, hinterfragen.
Schwierigkeiten mit der Definition
Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde in der damaligen
rechtlichen Definition von Homosexualität diese auf sexuelle Akte
reduziert bei gleichzeitiger Asexualisierung von Frauen.
"Lesbisch" ist als Selbstdefinition erst in den 70er Jahren in
den westlichen Metropolen offensiv benutzt worden. Ältere Frauen
bezeichnen sich kaum so und in früheren Texten taucht der Begriff selten
auf. So fanden sich in den 20er Jahren im Untertitel von
Lesbenzeitschriften Umschreibungen: "Junggesellin",
"ideale Frauenfreundschaft". Viele der Frauen, die wir heute
als lesbisch bezeichnen, weil sie mit anderen Frauen zärtlich waren,
ihren Lebensalltag umfassend zusammen organisierten, hätten diesen
Begriff für sich nicht gewählt. Für die Beschreibung ihrer Beziehungen
hatten sie oft kein Wort. Und wenn doch Begriffe benutzt wurden, waren
diese in der damaligen Zeit ungleich stärker zu heute stigmatisierend.
Die Diskussion in der Lesbenbewegung um Begriffsdefinitionen und
Selbstverständnis ist zu komplex, als dass es im Rahmen dieses Beitrags
möglich wäre, umfassend und angemessen in notwendiger Kürze etwas zu
den zahlreichen Facetten des lesbischen Selbstverständnisses zu
schreiben. In unserer Definition von "lesbisch" sind folgende
Aspekte enthalten: Die Selbstdefinition sowie die vorhandene oder
gewünschte Liebesbeziehung zu einer Partnerin. Das muss nicht immer eine
– nach außen formulierte - sexuelle oder erotische Komponente haben.
Ausgangsbedingungen in der NS-Zeit
Im Unterschied zu männlichen Homosexuellen, die durch den § 175 StGB
kriminalisiert und verfolgt waren, fand dieser Paragraf auf lesbische
Frauen keine Anwendung (mit Ausnahme des annektierten Österreichs, wo
ein entsprechender Paragraf seit 1804 existierte). Im Zusammenhang mit
Verschärfungen des §175 gab es 1935 starke Tendenzen, ihn auf Lesben
anzuwenden. Die "amtliche Strafrechtskommission" kommt u.a. zu
dem Ergebnis, dass "ein wichtiger Grund für die Strafbarkeit des
gleichgeschlechtlichen Verkehrs die Verfälschung des öffentlichen
Lebens" ist, dies "kommt aber bei Frauen, bei der
verhältnismäßig geringen Rolle der Frau im öffentlichen Leben, kaum
in Betracht". Zu ähnlichen Schlüssen gelangt Dr. Schäfer,
Reichsminister der Justiz, in einem Schreiben von 1942. Unter dem Betreff
"Widernatürliche Unzucht zwischen Frauen" schreibt er:
"Die gleichgeschlechtliche Betätigung zwischen Frauen ist -
abgesehen von Dirnenkreisen - nicht so verbreitet wie bei Männern und
entzieht sich angesichts der innigeren Umgangsformen des
gesellschaftlichen Verkehrs zwischen Frauen mehr der Beobachtung der
Öffentlichkeit. ... Der wichtige Grund für die Strafbarkeit der Unzucht
zwischen Männern, der in der Verfälschung des öffentlichen Lebens
durch die Schaffung von persönlichen Abhängigkeitsverhältnissen liegt,
trifft bei Frauen wegen ihrer weniger maßgebenden Stellung in
staatlichen und öffentlichen Ämtern nicht zu. Endlich sind auch Frauen,
die sich einem widernatürlichen Verkehr hingeben, nicht in dem Maße wie
homosexuelle Männer für immer als Zeugungsfaktoren verloren. Da sie
sich erfahrungsgemäß oft später wieder einem normalen Verkehr
zuwenden."
Hier werden die verschiedenen Dimensionen der Bewertung weiblicher
Sexualität durch die nationalsozialistischen Machtträger (aber
keineswegs nur durch diese) deutlich: Weibliche Homosexualität wurde als
Lebensentwurf nicht ernst genommen, tabuisiert und damit unsichtbar
gemacht - ohne dies in der öffentlichen Auseinandersetzung zu einem
Politikum werden zu lassen. Dies geht mit dem marginalen Status von
Frauen und der vorhandenen Geschlechterhierarchie einher, die dem
Nationalsozialismus implizit waren. Die eindimensionale Rollenzuweisung
im Nationalsozialismus war: "Die arische Frau heiratet und schenkt
dem Führer viele Kinder".
NS-Frauenpolitik
Unser Beitrag fußt auf der grundlegenden Überzeugung von Claudia
Schoppmann, die sie in ihrer Arbeit "Nationalsozialistische
Sexualpolitik" darlegt. Sie weist in ihrer Dissertation nach, dass die Situation lesbischer Frauen stärker durch die NS-Frauenpolitik als
durch die Homosexuellenpolitik geprägt war. dass der § 175 Frauen in
weit geringerem Maße kriminalisierte, ist nur ein bereits erwähnter
Aspekt. Bedeutsamer war, dass Lesben der Bestimmung der
"arischen" und "erbgesunden" Frau zu Mutterschaft und
Ehe nicht gerecht werden konnten. Sie waren von der Propaganda gegen
ledige und kinderlose Frauen besonders stark betroffen.
Rassenhygieniker und die SS sprachen von Homosexuellen als dem
"Prototyp" der "Asozialen". Lesbische Frauen wurden
daher oft als Prostituierte diffamiert.
Quellenfrage
Die Randstellung weiblicher Homosexualität führte zur geringen
Thematisierung im Nationalsozialismus. Es gab im KZ keine spezielle
Kennzeichnung, im Unterschied zum rosa Winkel für schwule Männer. In
vorliegenden Untersuchungen nimmt man an, dass zwischen 10 000 und 15 000
homosexuelle Männer in den Konzentrationslagern den Tod fanden.
Zahlenmaterial zu Lesben ist nicht vorhanden.
In den letzten Jahren konnten zwar Hinweise auf Verfolgung von Lesben
dokumentiert werden; Es handelt sich hierbei um Informationen aus den
Akten der Verfolger, aus Gestapounterlagen und Häftlingsakten, die mit
kritischer Vorsicht zu betrachten sind.
Vorhanden sind ferner Textstellen in der Erinnerungsliteratur
ehemaliger Häftlinge, in denen Mitgefangene als lesbisch beschrieben
werden. Alle sind Fremdschilderungen und Zuweisungen. Es scheint keine
eigenen Berichte von Frauen, die lesbisch waren, zu geben. dass dies auch
mit der Stigmatisierung in der Nachkriegszeit zusammenhängt, ist
anzunehmen.
Wir beschäftigen uns schwerpunktmäßig mit frauenliebenden Frauen,
die im Faschismus verfolgt wurden bzw. gegen den Nationalsozialismus
gekämpft haben. Lesben gab und gibt es in allen gesellschaftlichen
Bereichen, in allen politischen Kreisen. Sie waren sowohl Opfer/Verfolgte
wie auch Täterinnen. Frauenliebende Frauen haben sich während dieser
Zeit nicht anders als der größte Teil der deutschen Bevölkerung
verhalten: Wenn sie nicht Teil der nationalsozialistischen
Massenmobilisierung waren, haben sie sich zurückgezogen, sich
unauffällig verhalten.
Spurensuche
In den 20er Jahren der Weimarer Republik gab es in vielen Städten -
hauptsächlich in den Großstädten Berlin, Hamburg, Frankfurt -
Schwulen- und Lesbentreffpunkte. Das "Wissenschaftlich-humanitäre
Komitee" unter maßgeblicher Beteiligung von Magnus Hirschfeld
forderte die Abschaffung des § 175. 1920 wurde die
Homosexuellenorganisation "Deutscher Freundschaftverband"
gegründet, 1923 kam es zu einer Abspaltung und Bildung des "Bundes
für Menschenrechte", der als größte Organisation von
Homosexuellen zeitweilig 48.000 Mitglieder hatte. Beide Organisationen
hatten die gesellschaftliche und juristische Gleichstellung der
Homosexuellen mit den Heterosexuellen zum Ziel. In beiden Verbänden gab
es "Damenabteilungen", die ihre eigenen Zeitschriften (die
"Frauenliebe" mit einer Auflage von 10.000 Exemplaren, und
"Die Freundin) herausgaben. Auf dem Lande fanden sich wohl
vereinzelt unter der Ladentheke Exemplare dieser Hefte. Lesben
organisierten sich oft in kleineren Vereinen oder sog. Damenclubs. Die
Organisierung war ein wichtiger Schritt, zunächst einmal um sich selbst
zu akzeptieren, aber auch um sich gegen die herrschende Sexualmoral
durchzusetzen und die eigene soziale Lage (ohne männlichen Ernährer) zu
verbessern.
Die "Zeit der Maskierung"
Das aufgeweckte kulturelle und politische Lesbenleben, das in den 20er
Jahren erblüht war, fand durch den Nationalsozialismus ein jähes Ende.
Zeitschriften wie die "Freundin" wurden 1933 verboten, Lokale
geschlossen. Sicherheit gewährleisteten einzig Unauffälligkeit und
Verleugnung der eigenen Identität - Unsichtbarkeit als Überlebenstaktik.
Lesben sind beispielsweise Josefsehen - Freundschaftsehen oder
Sandehen, wie sie auch genannt wurden - eingegangen. Dies waren mit
Schwulen gebildete Schutzehen.
Das Vorspielen gesellschaftlich akzeptierter Beziehungen war üblich,
um sich der ausgefeilten Beobachtung durch Haus- und Blockwarte, die bis
in die Intimssphären der Wohnungen reichten, entziehen zu können. Auf
der anderen Seite schaffte der Krieg und die damit verbundene Abwesenheit
vieler Männer, auch neue Freiräume; eine allein oder mit anderen Frauen
lebende Frau fiel nicht mehr so auf, sie konnte immer ihren
"Burschen", der im Feld stand, zur Erklärung heranziehen.
Eine Österreicherin aus dem Widerstand faßt ihre Zeit der Maskierung
wie folgt zusammen: "Alle, die sozialistisch eingestellt waren,
wußten, was Hitler bedeutete und dass allerhöchste Vorsicht am Platz
war. Denn wir waren doppelt gefährdet: politisch und sexuell. Nur diesem
Umstand kann ich es zuschreiben, dass in meinen Kreisen von Verfolgung
wegen Homosexualität gar nichts bekannt ist. Wenn eine von unseren
Jahrgängen gefaßt wurde, waren stets politische Gründe die Ursache; dass
manche dieser Frauen in ihrem Privatleben anders empfanden, als es
die damalige Diktatur vorschrieb, wurde natürlich verschwiegen."
Verfolgung von Lesben
Bis zur Machtübergabe an die Nationalsozialisten standen Frauen, die
so gar nicht dem kleinbürgerlichen Ideal eines "Heimchen am
Herd" folgten, im Interesse und Rampenlicht der Öffentlichkeit. Sie
waren umstritten – aber es gab sie. Diese Öffentlichkeit erklärt
möglicherweise, warum es quantitativ mehr Informationen über exponierte
Künstlerinnen und Intellektuelle, die Frauen geliebt haben, gibt und
sich deren Verfolgungsgeschichte anders nachvollziehen lässt.
Claudia Schoppmann und Ilse Kokula haben Biographien von lesbischen
Künstlerinnen oder Intellektuellen recherchiert. Erwähnt sei hier die
seinerzeit berühmte Sängerin Claire Waldoff (1884 - 1957), die sowohl
unterhaltsame Chansons ("Hermann heeßt er") als auch kritische
und provozierende Lieder ("alle Männer raus aus dem
Reichstag") darbot. Ihre Lebensgemeinschaft mit einer Frau hatte sie
nie verhehlt. Nach 1933 hatte sie u.a. wegen ihrer Auftritte bei
Veranstaltungen der Roten Hilfe zunächst Auftrittsverbot. Nach Vorlage
eines "Ariernachweises" und Eintritt in die Reichskulturkammer
konnte sie später wieder auftreten, hauptsächlich in
selbstorganisierten Tourneen.
Der bekannten jüdischen Malerin Gertrude Sandmann war die Emigration
nicht mehr möglich, sie überlebte den Faschismus, indem sie jahrelang
von ihrer Lebensgefährtin versteckt gehalten wurde, nachdem sie einen
Selbstmord vorgetäuscht hatte. Gertrude Sandmann studierte beim
"Verein Berliner Künstlerinnen", dem z.B. auch Käthe Kollwitz,
Paula Modersohn-Becker usw. angehörten. Sie malte und zeichnete mit
Vorliebe Frauen. 1934 erhielt sie wegen nicht-arischer Abstammung
Berufsverbot. Als ihr 1941 eine Ausreise nicht mehr möglich war,
versteckte ihre Freundin Hedwig Koslowski sie in verschiedenen Wohnungen
in Berlin. Gesundheitlich schwer geschädigt, führte sie ihre
künstlerische Arbeit nach 1945 fort.
Die Autorin des mit Romy Schneider verfilmten Internatsklassikers
"Mädchen in Uniform", Christa Winsloe (1888 - 1944), Freundin
von Erika und Klaus Mann, emigrierte 1938 nach Südfrankreich und
unterstützte dort Flüchtlinge. Als sie 1944 gemeinsam mit ihrer
Partnerin nach Deutschland zurückzukehren versuchte, fanden beide den
Tod. Die Umstände sind bis heute nicht geklärt.
Hilde Radusch, KPD-Stadtverordnete in Berlin, wurde 1933 wegen
KPD-Zugehörigkeit inhaftiert; nach ihrer Entlassung einige Monate
später arbeitete sie illegal für die Rote Hilfe. Sie konnte sich
gemeinsam mit ihrer Freundin in der Nähe von Berlin verstecken, weil sie
vor einer erneuten Inhaftierung gewarnt wurde.
Erwähnen wollen wir noch die Schriftstellerin Thea Sternheim, die
nach 1933 in Frankreich für die Resistance arbeitete, im Dezember 1943
festgenommeb und nach Ravensbrück deportiert wurde, wo sie mehreren
Frauen das Leben rettete, indem sie Essen und Kleidung von der SS stahl.
Diese Beispiele stehen für viele Frauen, deren Frauenzugewandtheit
bekannt war, die jedoch in erster Linie wegen ihrer politischen oder
ethnischen Zugehörigkeit verfolgt waren. Ilse Kokula kommt sogar zu dem
Schluß, dass eine gezielte Bespitzelung nur einsetzte, wenn andere
politisch mißliebige Verhaltensweisen kontrolliert werden sollten.
Lesben im Gefängnis oder Konzentrationslager
Über die Situation von Lesben im Gefängnis oder Konzentrationslager
gibt es von der Verfolgerseite kaum Quellenmaterial: Unter anderem, wie
schon erwähnt, da es keine spezielle Kennzeichnung von lesbischen Frauen
gab. War kein weiteres Stigma vorhanden (z.B. rassistische Verfolgung
oder die Zugehörigkeit zur KPD), wurden sie zumeist als
"Asoziale" deklariert und mussten den schwarzen Winkel tragen.
In Einzelfällen tauchte in den Zugangslisten im Konzentrationslager
Ravensbrück neben dem Haftgrund (z.B. "asozial") die
zusätzliche Bemerkung "lesbisch" auf.Unbekannt bleibt, welche
zusätzlichen Schwierigkeiten Gefangene durch diese Zuschreibung bekamen.
An einzelnen Beispielen läßt sich nachvollziehen, dass Nazischergen
ihre sexistischen Gewaltphantasien an gefangenen lesbischen Frauen
besonders brutal auslebten.
Um etwas über die Situation von lesbischen Frauen zu erfahren, haben
wir in Erinnerungen überlebender verfolgter Frauen gesucht. In dieser
Erinnerungsliteratur gibt es drei verschiedene Muster und
Darstellungsformen von lesbischen Frauen: Diffamierung, Mitleid und
Toleranz.
Diffamierung: Fania Fénelon stellt lesbische Liebe mit der
nationalsozialistischen Kategorie "asozial" gleich und in
direkten Zusammenhang mit Prostitution. Sie beschreibt ein Konzert
vor "lesbischen Schwarzwinkeln". Ein lesbisches Kapo-Paar ist
böse, rassistisch und antisemitisch, meist betrunken. Das Fest wird
"bestialisch"; eine Frau zieht eine andere ins Bett, manchmal
auch zu dritt; "ekelhafte Sexszenen, die Augen und Ohren
anwidern".
Ein anderes Beispiel: Krystyna Zywulska in ihrem Buch "Tanz,
Mädchen ..." : Eine Frau küßt eine andere auf den Mund. "Man
kann sich kaum etwas Scheußlicheres vorstellen. ... Ich empfand
furchtbaren Ekel."
Mitleid:Im autobiographischen Bericht "Reise durch den letzten
Akt" von Isa Vermehren sind sprachliche Unterscheidungen erkennbar.
Die mitleidsvolle Wahrnehmung der Sehnsucht unter dieser "zutiefst
ungütigen Lageratmosphäre", "wie die Tiere auf der Weide
zueinander drängen angesichts der drohenden, schwarzen Gewitterwand,...
Gewiss, die Grenze zwischen geordneter und ungeordneter Liebe zwischen
zwei Menschen ist schwer." Gleichzeitig findet sich auch bei ihr die
aggressive, stigmatisierende Sicht auf Frauen zugewandte Liebe :
"...war er (der Strafblock, d. Autorinnen) die Brutstätte jener
wirklich lesbischen Liebe mit allen abstoßenden Erscheinungen ihrer
verzerrenden Wirkung."
Beziehungen unter Frauen waren bei der französischen Jüdin Callimard,
deren Erinnerungen von der Gedenkstätte Ravensbrück übersetzt wurden,
nur vorstellbar "bei einigen wohlgenährten Häftlingen als sexuelle
Kompensation für die Tatsache, dass sie keinen Mann zur Verfügung
hatten."
Toleranz: Ohne Difffamierungen und ohne sich persönlich zu
distanzieren, beschreibt Anja Lundholm lesbische Frauen im KZ: Sie
berichtet über die "Unzertrennlichen" Claire und Cilly. Die
Ältere versucht immer, der schwächlichen Cilly die schwere Arbeit
abzunehmen. Eines Tages kann Cilly nicht mehr und wird - am Boden liegend
- von zwei Hunden zerfetzt; sie ist tot. "Doch ihr Gesicht, nachdem
Claire ihr die Augen geschlossen hat, ist lächelnder Friede". Nach
dieser Nacht spricht Claire nicht mehr und geht eine Woche später in den
Stacheldraht. "Unsere Clique ist nun keine Clique mehr, nachdem die
Unzertrennlichen fort sind."
Auch heute ist es erst wenigen Überlebenden möglich, vorurteilsfrei
über Lesben im Konzentrationslager zu erzählen. Barbara Reimann,
politische Gefangene in Ravensbrück, berichtet von zwei Hamburger
Genossinnen, die wegen Widerstandstätigkeit inhaftiert waren und auch im
Lager zusammen lebten.
Oft hat jedoch die Verdrängung und wohl auch die Homophobie eine
solche Dimension erreicht, dass Erinnerungen an lesbische Paare
verschüttet sind. Erst wenn frau sich auf das Thema eingelassen hat,
finden sich plötzlich doch Spuren.
Weitere Spuren, dem Buch von Claudia Schoppmann entnommen.
Lesbische Frauen wurden oft im Zusammenhang mit anderen Vorwürfen
kriminalisiert. Eine Frau aus Hamburg wurde 1936 wegen Betrug verurteilt,
weil sie einen homosexuellen Mann geheiratet hatte und dann ein
Ehestandsdarlehen beantragt und auch erhalten hatte.
Zwei Frauen hielten sich illegal in Hamburg auf, nachdem sie sich nach
Entlassung aus einem "Arbeitserziehungslager" nicht bei ihrer
Arbeitsstelle zurückgemeldet hatten; aus finanzieller Not begingen sie
kleinere Diebstähle. Weil sie sich von einem Mann aushalten ließen,
wurden sie wegen Prostitutionsvorwürfen festgenommen und wegen Diebstahl
und Betrug verurteilt, von Prostitution war dann keine Rede mehr, jedoch
wurden sie vom Gericht als "erheblich asozial und verwahrlost"
bezeichnet.
Eine junge Frau, die in Potsdam als Kellnerin arbeitete, wurde wegen
Homosexualität als "Asoziale" in Ravensbrück und dann in
Flossenbürg inhaftiert. Dort steckte man sie in das Lagerbordell. Die
Nazis meinten, "im Bordell würden die Lesben schon auf Vordermann
gebracht werden". Diese Frau erinnerte ein Schwuler, der zwangsweise
in das Bordell gebracht wurde und sich mit Else anfreundete. Für ihn war
sie der einzige Mensch, mit dem er reden konnte.
Die "Halbjüdin" Elsa Conrad hatte in Berlin den Klub
Monbijou des Westens - mit ungefähr 600 Mitgliedern eine relativ große
Vereinigung lesbischer Frauen - geleitet. Aufgrund von Denunziation einer
ehemaligen Partnerin wurde sie 1935 wegen "Beleidigung der
Reichsregierung" vom Sondergericht Berlin zu 15 Monaten Haft
verurteilt. Danach erfolgte die Einweisung in das KZ Moringen, weil sie
sich öffentlich als "Arierin" ausgegeben und den Führer
beleidigt habe. In ihrer Akte wird ausdrücklich auf ihre "lesbische
Veranlagung" hingewiesen.
Es wird ja nicht drüber gesprochen - unauffällige weibliche
Lebensentwürfe
Mehrere Beispiele fanden wir für Frauen, bei denen wir ihre
Frauenzugewandtheit aus einigen Schilderungen zwar schließen können,
die dies aber selbst nie so gesagt haben. Trotzdem ist entweder aus ihren
eigenen Schilderungen oder aus denen guter Freundinnen offensichtlich, dass
die Beziehungen zu Frauen die wichtigsten in ihrem Leben waren.
Käthe Seifried stammt aus einer sozialdemokratischen Arbeiterfamilie.
1930 trat sie in die KPD ein und wurde 1932 bereits zur mehreren Monaten
Haft verurteilt. Im Oktober 1933 wird sie verhaftet und im KZ Hohenstein
inhaftiert und mißhandelt. Nach ihrer Entlassung 1934 schafft sie es,
durch ständig wechselnde Wohnorte weiteren Verhaftungen zu entgehen. Sie
ist auch nach 1945 wieder Mitglied der KPD in Freiburg. Nach dem Tod
ihres Mannes 1947 lebt sie mit ihrer Freundin Sofie Gertmeier zusammen,
die beiden kennen sich bereits seit 1934. Sie ziehen einige Jahre ein
Kind groß, dessen Vater ein französischer Besatzungssoldat war. Später
wird ihnen dieses Kind, das sie nicht adoptieren konnten, weggenommen und
es wächst nun hauptsächlich in einem französischen Kinderheim auf.
Käthe Seifried und Sofie Gertmeier lebten bis zum Tod von Käthe
Seifried 1993 gemeinsam in Freiburg. Sofie Gertmeier ist heute in einem
Altenheim.
Oder die beiden österreichischen kommunistischen
Widerstandskämpferinnen Maria Berner (Festnahme 1939, 1943 nach
Ravensbrück deportiert) und Anni Hand (Festnahme 1942, 1943 nach
Ravensbrück gebracht). Beide marschieren 1945 gemeinsam nach Hause
zurück. Mit ihren früheren "Verflossenen" können sie nichts
mehr anfangen, sie wollen keine Männer mehr. Sie verbringen ihr weiteres
Leben zusammen und ziehen eine Adoptivtochter groß.
Ingrid Strobl interviewte die spanische Kommunistin und
Widerstandskämpferin "Fifi", die als 16jährige mit ihrem
Gewehr in den Kampf zieht. Nach ihrer Festnahme im weiteren Verlauf des
Bürgerkriegs baut sie im Madrider Gefängnis eine kommunistische Zelle
auf. Da für ihre Genossen und Genossinnen Homosexualität tabu ist, wird
sie aufgefordert, sich ja nicht zu oft mit derselben Frau zu zeigen. Von
allen Seiten wird ihr ihre "Eigenartigkeit", genauer
"Männlichkeit" vorgeworfen. Auch nach Ende der Franco-Diktatur
wird sie in ihrem kleinen Dorf angegriffen und schwer verletzt. Fifi, die
heldenhafte Kämpferin, mit ihr will niemand etwas zu tun haben.
Wir wissen zu wenig über diese Frauen, um sie als lesbisch bezeichnen
zu können. Auf jeden Fall stehen diese Frauen für weibliche
Lebensentwürfe, die als solche oft nicht wahrgenommen werden.
Lagerhomosexualität
Neben den vorher dargestellten lesbischen Frauen gab es Frauen, die im
Konzentrationslager vorübergehende sexuelle Kontakte mit Frauen hatten.
Dieser Aspekt wird in der vorhandenen Literatur als "Lagerhomosexualität"
bezeichnet.
Sie stand unter Strafe wie jedes andere, noch so geringe Vergehen
auch. In Ravensbrück war 1941 bereits "Hände geben" als
"lesbisch" verboten. Es gab Prügelstrafen bis hin zur
Einweisung in den Strafblock. In jedem Fall sollten Paare getrennt
werden. Rudolf Höß, Kommandant von Auschwitz, schrieb 1947, dass auch
im Frauenlager "die Seuche der lesbischen Liebe grassierte,"
der durch die stärksten Strafen kein Einhalt geboten werden konnte.
Von der sexuellen Ausnutzung durch Aufseherinnen soll hier nicht die
Rede sein. dass solche Mißbrauchsverhältnisse in besonderem Maße für
gefangene Frauen erniedrigend waren, ist offensichtlich. Derartige
Beziehungen waren wie andere Formen der sexuellen Gewalt entwürdigend
und verletzend.
In den eigenen Vorstellungen der Frauen war diese Art der
Liebesbeziehung nicht selten begleitet von Doppelmoral: ein Leben in zwei
Welten, die ganz unvermittelt nebeneinander stehen: Diese Frauen teilen
die gängigen gesellschaftlichen Moralvorstellungen, sie lehnen aufs
heftigste lesbische Beziehungen ab und verachten die Mitgefangenen, die
tatsächlich lesbisch sind, die Frauen auch außerhalb des
Konzentrationslagers lieben. Gleichzeitig haben sie sexuelle
Verhältnisse mit anderen Gefangenen, die sie als Ersatz für
Männerbeziehungen begreifen. Margarete Buber-Neumann schreibt, dass es
unter den Politischen ebenso "leidenschaftliche Beziehungen"
gegeben hat. Sie unterschieden sich zu den "Asozialen" und
"Kriminellen" insofern, dass "die einen platonisch
blieben, während die anderen ganz offenen lesbischen Charakter
hatten."
Aber auch ein anderer Umgang mit der Liebesbeziehung im KZ war
möglich: Margarete Glas-Larson, eine österreichische Jüdin, die sowohl
vor ihrer Gefangennahme als auch nach der Befreiung mit ihrem Mann Georg
zusammengelebt hat, beschreibt in ihrer rückblickenden Erinnerung sehr
schön, wie wichtig Beziehungen zu anderen Frauen in solchen
Extremsituationen waren. Sie ist eine der wenigen, die solche
Verbindungen - wenn sie auch nur vorübergehender Natur waren - positiv
schildert, z.B. ihre eigene Beziehung zur Lagerältesten des Krankenbaus
Auschwitz-Birkenau, der deutschen Kommunistin Aurelia Reichert-Wald.
"Und die Orli war meine große Liebe und ich genier mich nicht, gar
nicht... Eines Nachts bat ich Orli, bei ihr bleiben zu dürfen. Und ich
legte mich zu ihr(...) Ich war in dieser Nacht schrecklich glücklich,
weil ich bei Orli sein durfte. Ich sagte auch zu ihr immer wieder: 'Du
bist das Wesen, das ich am meisten liebe, egal ob du ein Mann oder eine
Frau bist.'' Aus mehreren Beschreibungen geht hervor, dass Orli Reichert
bei ihren Mitgefangenen hoch angesehen war.
Lagerhomosexualität taucht nur in wenigen Berichten von Überlebenden
auf. Ist das nicht eher Ausdruck eines Verdrängungsprozeßes als dass es
diese Art von Beziehungen nicht gegeben hätte?
Nach 1945
Wie haben Lesben die Zeit nach 1945 empfunden? Ilse Kokula schreibt
zusammenfassend: "Jetzt waren sie nicht mehr 'entartet', dafür aber
wurden sie als psychische oder sexuelle Monsterwesen betrachtet. Die
wahre Frau der fünfziger und sechziger Jahre war dem Mann zugeneigt. Sie
vermied Berufstätigkeit und widmete sich Mann und Kindern.... Nach den
Theorien vielgelesener Autoren (die ihre Machwerke oft schon in der
NS-Zeit geschrieben hatten) gingen nur noch Mannweiber außerhäuslicher
Erwerbsarbeit nach.(...) Kürzlich sagte eine 80jährige Frau zu mir:
'Der Krieg begann für uns lesbische Frauen schon 33'. Vielleicht läßt
sich hinzufügen, dass der Krieg bis etwa 1970 dauerte und erst endete,
als Frauen und Homosexuelle begannen, für ihre Rechte einzutreten."
Die Hoffnung auf einen grundlegenden Bruch mit der NS-Vergangenheit
auch in Hinblick auf die gesellschaftspolitische Einstellung zur
Homosexualität und die Lebensbedingungen Schwuler und Lesben erfüllte
sich nicht. Schon die weitere Existenz des § 175, der erst 1994 vom
deutschen Bundestag aus dem Strafgesetzbuch gestrichen wurde, zeugt von
der Nichtakzeptanz von Lebensentwürfen abseits der (zwangs-)heterosexuellen
Gesellschaft.
Diskriminierung und Gewalt gingen aber nicht nur von staatlicher Seite
oder reaktionären Kräften aus. Die bereits erwähnte Hilde Radusch z.B.
war 1945 in politische Konflikte mit der KPD geraten und trat
schließlich aus. Drei Kommunisten denunzierten sie beim Bezirksamt -
ihrer Arbeitsstelle - als "lesbisch". In dieser Akte, die ihrem
Vorgesetzten vorliegt, sieht sie erstmals dieses Wort geschrieben. Sie
wird im Februar 1946 entlassen. Diese Art der Diffamierung durch
ehemalige Genossen belastet sie sehr. Unterkriegen ließ sie sich jedoch
nicht. Noch als 90jährige sagt sie: "Ich hab mich nie als Opfer
betrachtet sondern immer als Kämpferin." Sie beteiligte sich an der
Gründung der L74, einer Berliner Gruppe älterer lesbischer Frauen.
Trotz der positiven - erkämpften - Entwicklung ist Gewalt gegen
Lesben (und Schwule) immer noch Thema, nicht nur in anderen Ländern. Das
Interdisziplinäre Frauenforschungszentrum der Universität Bielefeld hat
gerade eine neue Studie hierzu vorgelegt. Fast alle befragten Lesben
erleben verbale Abwertungen und Ausgrenzungen, ein Viertel war bereits
mit körperlichen Attacken etc. konfrontiert und 10 % mussten sogar
massive sexuelle Übergriffe erleiden.
Resümee
Wir konnten das Ergebnis von Ilse Kokula und Claudia Schoppmann
nachvollziehen, dass es keine systematische Verfolgung von lesbischen
Frauen - vergleichbar der von Schwulen - im Nationalsozialismus gegeben
hat. Bei der Beschäftigung mit diesem Thema stießen wir aber auf immer
mehr Hinweise, wie Lesben diskriminiert und verfolgt wurden. Zu Anfang
schien es, es gäbe fast kein Material, und dann lohnte es sich doch, in
bereits einmal gelesenen Büchern nachzuschauen oder Bekannte etc. zu
fragen. Solange niemand etwas wissen will, gibt es dieses Wissen auch
nicht.
Das Anliegen dieses Artikels ist es, bei allen die Sensibilität zu
schärfen. Homophobie macht auch vor fortschrittlichen Menschen aller
Denkrichtungen keinen Halt. Ausgrenzung und Verschweigen hat die
Situation lesbischer Frauen im Faschismus, aber auch viele Jahre danach
geprägt. Es ist Forscherinnen wie Claudia Schoppmann und Ilse Kokula zu
verdanken, dass es inzwischen sowohl biografische Skizzen als auch
wissenschaftliche Untersuchungen über die Stellung und Verfolgung von
Lesben gibt.
Doris Seekamp und Cora Mohr
Beide haben an der Überarbeitung und Neugestaltung der Ausstellung "Frauen im Konzentrationslager 1933-1945" mitgewirkt.
Cora Mohr ist Mitglied des geschäftsführenden Vorstands des
Studienkreises
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