"Meine Aufgabe war, Lebensmittel für die Untergetauchten zu beschaffen."
Erinnerungen von Helena Kazimir an Hilfsaktionen für verfolgte Juden in Bratislava und an ihre Haft in Ravensbrück.
Aufgezeichnet von Ursula Krause-Schmitt im Frühjahr 1999
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Kindheit in Szap
Vor fast 80 Jahren bin ich in Szap, einem kleinen Dorf an der Donau bei Preßburg nahe der slowakisch-ungarischen Grenze, zur Welt gekommen. Meine Eltern - Johanna und Franz Pless - hatten sich in Wien kennengelernt, wo beide in Lohn und Brot standen. Mein Vater war Spengler, meine Mutter arbeitete als Köchin im Haus des jüdischen Barons Sonnenschein. Ihre Heiratspläne wurden zunächst vom Ausbruch des ersten Weltkriegs gestört; der Kaiser befahl und Franz mußte einrücken. Nach vier Jahren russischer Kriegsgefangenschaft kehrte er zurück; die beiden heirateten und zogen nach Szap. Vater richtete sich in einem gemieteten Haus seine Werkstatt ein; Mutter betrieb einen kleinen Laden mit allerlei Hausrat.
1919 kam ich zur Welt, ich bekam den ungarischen Vornamen Ilonka, der später in Helena geändert werden mußte, weil es Ilonka auf slowakisch nicht gibt; mein jüdischer Vorname war Deborah. Zwei Jahre später wurde mein Bruder Jakub geboren. Mittelpunkt der Familie war meine Großmutter Sarah Engel, die nach dem Tod ihres Mannes allein in einem großen Haus wohnte. Am Freitagabend, wenn der Beginn des Sabbat gefeiert wurde, kamen nach dem Abendessen alle Söhne und Neffen zur Großmutter auf einen Plausch. Auf dem Küchenherd stand ein großer Tontopf mit Lindenblütentee, und jeder konnte sich eine Tasse davon nehmen.
Mit sieben Jahren kam ich in die Schule. Wenn Religion unterrichtet wurde, konnten die
"Andersgläubigen" nach Hause gehen, doch an kalten Wintertagen blieben wir in der Schule. In unserer Religion wurden wir von Onkel Michael unterrichtet. 1927, ich war acht Jahre alt, kam mein Bruder Heinrich auf die Welt. Meine Mutter starb an Wochenbettfieber, wie es damals hieß. Mutters Tod und das kleine sechs Wochen alte Baby waren für mich eine Erschütterung, die ich noch lange Jahre danach nicht verkraften konnte. Nach kurzer Zeit brachte mein Vater eine neue Frau ins Haus. Ich konnte mit Lina, die fünfzehn Jahre jünger als mein Vater war, nicht warm werden; ich konnte nicht "Mutti" zu ihr zu sagen. Da kam ich zu Großmutter, In ihr fand ich den besten Menschen, dem ich je begegnet bin. Wir trauerten gemeinsam um meine Mutter, und die schönen jüdischen Feste, die wir zusammen feierten, waren Salbe für meine wunde Seele. Freitagnachmittag haben wir uns schön umgezogen; Omi kochte den obligaten Fisch, zündete die große Hängelampe und vier Kerzen an, sprach den Spruch, der dazu gehörte. Dann setzte sie ihr weißes Spitzenhäubchen mit roten Samtbändern auf. Ich küßte ihr die Hand, sie legte ihre Hände auf meinen Kopf und sprach den Segen.
1930, ich war elf Jahre alt, brachte mich mein Vater zu seinem Vater nach Preßburg, damit ich dort die jüdische Hauptschule besuchen konnte. Großvater war Witwer, hatte einen kleinen Laden in der Klarissagasse und dachte, ich würde ihm die Putzfrau ersparen. Mit 14 Jahren durfte ich nach Szap zurück, weil mich Onkel Michael brauchte. Sein Gemischtwarengeschäft ging gut, so daß er fast alle Kinder seiner Geschwister beschäftigen konnte. Meinem Vater hingegen ging es schlecht: Die Weltwirtschaftskrise hatte auch unsere Region erreicht; es wurde fast gar nicht mehr gebaut und er bekam nur wenige Aufträge. Außerdem verschlimmerte sich seine Krankheit, die er sich in der Kriegsgefangenschaft zugezogen hatte. Er starb nach langem Leiden und heftigen Schmerzen im Alter von 47 Jahren.
Mitglied im Haschomer Hazair
In Komarno fand ich eine Lehrstelle in einem Feinkostgeschäft, das einem älteren jüdischen Ehepaar namens Scheiner gehörte. Eigentlich hätte ich weiter lernen wollen, studieren, ich wollte Richterin werden. Bei Scheiners bekam ich Familienanschluß, gute bis sehr gute Kost und ein eigenes Zimmer. Sonntagnachmittag hatte ich frei. In dieser Zeit befreundete ich mich mit zwei Mädchen, die im Haschomer Hazair waren. Das war eine linkszionistische Jugendorganisation, die sich als Hauptaufgabe die Auswanderung nach Palästina stellte, um dort eine jüdische Heimstätte nach sozialistischen Prinzipien aufzubauen. Ich schloß mich dem Haschomer Hazair an. Da die Engländer, die damals das Mandat über Palästina hatten, nur wenige Einwanderungsgenehmigungen erteilten, bereiteten wir uns auf die illegale Einwanderung vor. Die Zeit drängte: die antijüdischen Ausschreitungen in Deutschland und Österreich nahmen zu.
Im Herbst 1938 kam das Münchner Abkommen, das die CSSR in zwei Teile zerriß. Die Slowakische Republik unter Tiso wurde ausgerufen; es war ein Satellitenstaat von Hitlers Gnaden mit einer klerikalfaschistischen Führung. Die Leitung unserer Jugendgruppe bot mir schließlich an, mich auf die Auswanderung vorzubereiten. Ich sollte ein halbes Jahr in einer Wohngemeinschaft in Trebischau, einer Kleinstadt im Osten der Slowakei, das Nötigste lernen. Als ich ankam, lebten dort etwa dreißig junge Männer und nur drei Mädchen. Mir wurde die Arbeit als Köchin übertragen, was sonst! Die jungen Männer haben Feldarbeit verrichtet, damit sie sich an die schwere Arbeit im Kibbuz in Palästina gewöhnen konnten, und auch das kollektive Leben sollten wir lernen. Ich kochte Knödel und Knödel und abermals Knödel, einmal mit Sauerbraten und fünfmal ohne Fleisch, mit Trockenobst, Powidl und dergleichen. Meine Knödel waren im ganzen Ort berühmt.
Bomben auf Belgrad verhindern die Auswanderung nach Palästina
Eines Tages kam ein fescher junger Mann aus Trebischau zu uns und fragte, ob er die berühmten Knödel der Chavera (d.h. Kameradin) probieren könne. Der junge Mann kam öfter und bot mir schließlich an, mit ihm auszuwandern. Michael Rosenbaum, so hieß er, hatte schon einen festen Termin, und da jeder männliche Auswanderer eine Frau mitnehmen durfte, konnte er mir diesen Vorschlag machen. So kamen wir Anfang April 1941 mit vielen Genossen nach Preßburg. Wir sollten auf zwei kleinen Ausflugsdampfern die Donau bis zum Schwarzen Meer hinunterfahren und dann in Rumänien ein Überseeschiff nach Haifa besteigen; dort würde uns die jüdische Untergrundarmee Haganah helfen, an Land zu gehen. Groß war unsere Freude, als wir im Pressburger Hafen eingeschifft wurden. Wir sangen die zionistische Hymne und unsere Freudentränen brachten die Donau fast zum Überfließen. Doch die Schiffchen fuhren nur einige hundert Meter zum Winterhafen und dort lagen wir, fast 700 junge Menschen, drei Wochen lang fest. Die Deutschen hatten ohne Kriegserklärung Belgrad bombardiert, und es gab kein Durchkommen. Es wurde zwar noch verhandelt, aber wir konnten nicht abfahren, wir mußten unsere Hoffnung aufgeben. Michael und ich heirateten und fanden eine kleine Wohnung in der Vorstadt von Preßburg. Mein Mann fand Arbeit in einer kleinen Reparaturwerft, und ich habe mich als Gesellschafterin verdingt bei einer reichen, alten Dame, die fast erblindet war
Der gelbe Stern
Im Herbst 1941 hatte die slowakische Regierung angeordnet, daß wir den gelben Stern tragen müssen. Mein Mann ging ins Büro der Jüdischen Gemeinde und holte zwei gelbe Sterne aus Stoff. Ich war nicht gewillt, sie an unsere Kleider zu nähen. Wir sind doch Menschen, wie alle andere auch, habe ich zu Michael gesagt, warum sollen wir uns kennzeichnen. Wir leben so bescheiden, so unauffällig, warum sollen wir auf einmal ein Kennzeichen tragen. Wir haben das auch nicht getan. Im Radio, in den Zeitungen gab es nur ein Hauptthema: die Juden. Keine Woche verging, in der nicht eine antijüdische Anordnung von der slowakischen Regierung erlassen wurde. Die jüdischen Schüler wurden aus den öffentlichen Schulen ausgeschlossen. Nichtjüdische Hausangestellte durften nicht mehr bei jüdischen Familien arbeiten. Dann kamen Sammelanordnungen: Gold und Silber mußte abgeliefert werden, dann Sportbekleidung und Sportgegenstände. Vor allem aber wurden jüdische Geschäfte arisiert, Unternehmen enteignet. Regierungstreue "Gardisten" - vergleichbar mit der deutschen SA - besetzten jüdische Betriebe und übernahmen sie. Da sie oft vom Handel nichts verstanden, ließen sie manchmal die jüdischen Eigentümer als "wirtschaftlich wichtig" im Betrieb. Die Hetze und die Beschuldigungen nahmen von Tag zu Tag zu. Die deutsche Naziminderheit gab dazu die Impulse und den mörderischen Eifer.
Fluchthilfe für die von der Deportation bedrohten Freunde
Im Frühjahr 1942 begann die slowakische Regierung, arbeitsfähige Juden nach Polen zu deportieren. Bereits zuvor waren wehrpflichtige Juden in Arbeitslager rekrutiert worden. Es gab etwa fünf oder sechs solcher Arbeitslager in verschiedenen Gebieten der mittleren Slowakei. Viele unserer zionistischen Freunde befanden sich dort. Michael und ich konnten zwei ungarische Schmuggler gewinnen, die unsere jungen Leute über die Grenze nach Ungarn brachten. In unserer kleinen Wohnung war es an manchen Tagen wie in einer Sardinendose. Die, die über die Grenze gebracht werden sollten, schliefen in Schlafsäcken auf dem Fußboden, bis sie nach Mitternacht abgeholt und hinübergeschafft wurden.
Damals war die Lage für die jüdische Bevölkerung in Ungarn noch nicht so gefährlich. Die Schmuggler erhielten dafür etwas Geld, das der Vorstand der Jüdischen Gemeinde in Preßburg zur Verfügung stellte. Einmal wurden Michael und ein Schmuggler namens Gaspar bei einer Geldübergabe von einer Zivilstreife gestellt. Gaspar war den Polizisten bekannt, aber Michael sollte sich ausweisen. Der Polizist griff meinem Mann in die Tasche und zog mehrere Personalausweise heraus. Michael wurde verhaftet, Gaspar ließen sie laufen. Doch Gaspar rannte sofort zur Jüdischen Gemeinde und berichtete den Vorfall. Damals gab es noch die Möglichkeit, einen Verhafteten mit Geld bei der Polizei freizukaufen, weil dort noch alte Beamte aus der Zeit der CSSR tätig waren. Der Verbindungsmann war Rechtsanwalt Dr. Eckstein, und er bekam Michael tatsächlich frei.
Gescheiterte Flucht und Leben im Untergrund
Nach diesem Vorfall wurde uns bewußt, daß wir nun den Flüchtlingen keinen Unterschlupf mehr gewähren konnten und selbst nach Ungarn fliehen mußten. Bei Pressburg ist die Grenze nicht weit, aber in Trebischau, der Heimat von Michael, ist sie noch näher. Außerdem wollte Michael seine dort lebende Mutter und seine jüngste Schwester Gisela mitnehmen. Während er sich auf den Weg machte, blieb ich in Preßburg und wartete unruhig auf Nachricht. Schließlich machte ich mich mit einer unauffälligen Reisetasche auf den Weg nach Trebischau. Ein Chaver aus früheren Zeiten, der bei der Jüdischen Gemeinde arbeitete, gab mir eine Geburtsurkunde auf den Namen Margita Kutna, die mit meinem Geburtsdatum in etwa übereinstimmte.
Nach einer langen Reise quer durch die Slowakei kam ich in Trebischau an und fand die Familie Rosenbaum in bester Verfassung, von Flucht keine Rede. Meine Schwiegermutter kocht und backt, übermorgen ist Sabbat, wir sind wieder einmal zusammen, sie freut sich wie jede Mutter, wenn sie ihre Kinder bei sich hat. Ich konnte mich angesichts dieser Idylle nicht beruhigen und drängte darauf, Trebischau, wo uns jeder kannte, ganz schnell zu verlassen. Michael kaufte sich für 500 Kronen von seinem ehemaligen Schulkameraden Kazimir dessen Papiere: einen Ausweis und ein Arbeitsbuch. Wir beschlossen, nach Preßburg zurückzukehren, in der Hoffnung, in der Großstadt leichter mit fremder Identität untertauchen zu können. Aus Ungarn kamen schlechte Nachrichten; es waren der Flüchtlinge zuviel, sie fielen auf und nicht jeder konnte ungarisch. Michaels Schwester Gisela kam mit uns, sie hatte einen Ausweis auf den Namen Barbara Polanska.
In Preßburg half uns Justine, eine gute Freundin meiner Mutter, eine Unterkunft zu finden. Sie war Hausmeisterin in einem Hochhaus, das nur von deutschen Mietern bewohnt war. Sie brachte Gisela und mich während der Nacht in der Waschküche unter, tagsüber lebten wir bei ihrer Schmugglerkollegin, ebenfalls einer Ungarin. Michael fand bei Bekannten eine Unterkunft. Am Sonntag nach unserer Ankunft ging Michael ins jüdische Gemeindehaus und kehrte zerknirscht und traurig zurück. Am Tag zuvor hat man die Trebischauer Juden bis auf den letzten auf Lastautos verladen und nach unbekannt verschleppt. Seine Mutter jedoch war so traurig über unsere Abreise gewesen, daß sie den Sabbat bei einer ihrer Töchter an einem anderen Ort verbracht hatte, und so blieb sie vom Abtransport verschont. Bruder und Schwägerin von Michael verschwanden auf ewig, wie alle jüdischen Einwohner von Trebischau; keiner hat überlebt.
Mit Hilfe von Justine erhielten wir in Preßburg eine Unterkunft bei der Familie Horwat. Ich fand Arbeit in einer Stanzerei und fühlte mich dort aber einigermaßen geschützt. Der Chef, Herr Huchalez, wußte über mich Bescheid, zahlte auch weniger Lohn, und die Mitarbeiterinnen, so schien es, hegten keinen Verdacht. Gisela, die nun Barbara hieß, nähte in Heimarbeit Arbeitskleidung für einen Großhändler. So lebten wir nach außen normal, nach innen voller Angst, wann wird man uns an die Behörden verraten? Michael wohnte am anderen Ende der Stadt in einer Mietskaserne bei einer tschechischen Greisin. Im Sommer 1943 kam Mutter Rosenbaum nach Preßburg, auch mit einem falschen Ausweis. Sie fand ein Zimmerchen im Haus eines Eisenbahners namens Duda. Die Frau des Eisenbahners war eine gebürtige Deutsche, hatte zehn Kinder und war sehr gutmütig. Mutter Rosenbaum konnte sehr gut nähen und wunderbare Handarbeiten anfertigen. Das kam Frau Duda sehr gelegen. Aber es gab ein anderes Problem: Meine Schwiegermutter wollte sich nicht daran gewöhnen, daß sie jetzt eine "Christin" war: Freitagabend darf sie keine Kerzen anzünden, samstags muß sie sich so verhalten wie an anderen Werktagen. Wenn ihr Frau Duda ein Stück Kuchen bringt, darf sie das nicht ablehnen, weil es nicht koscher ist.
Bis Ende 1942 hatte die slowakische Regierung mehr als 40.000 jüdische Menschen deportiert. Die Karpatendeutsche Partei und die deutsche Botschaft haben dazu Hilfe geleistet und Druck auf die slowakische Regierung ausgeübt, die Deportationen schnell, schnell vorzunehmen. Ende 1943 sickerten Nachrichten durch, daß die Deportierten ausnahmslos ermordet werden.
Hilfsaktionen für untergetauchte Schicksalsgenossen
Eines Tages suchte mich eine Chavera aus der zionistischen Bewegung auf und bat um meine Mitarbeit. Eine mutige tschechische Frau, die mit einem slowakischen Diplomaten verheiratet war, hatte sich der gefährlichen Doppelarbeit zu Gunsten der Verfolgten verschrieben. Frau Feybig hatte den Textilgroßhandel in der Venturgasse arisiert, aber den jüdischen Inhaber weiterbeschäftigt. Sie selbst kümmerte sich vor allem um den Einkauf in der Schweiz, mit der die Slowakei damals rege Handelsbeziehungen hatte. Bei ihren Besuchen nahm sie Kontakt zu amerikanisch-jüdischen Hilfsorganisationen, zum Joint, auf; in Preßburg suchte sie nach zuverlässigen Mitarbeiterinnen. Meine Freundin Frieda Baumer wies mich in die Arbeit ein und übergab mir eine große Summe slowakischer Kronen. Ich sollte damit Untergetauchten helfen, wenn sie wie fast immer in Geldnöten waren. Ich bekam auch den Auftrag, Dauerlebensmittel einzukaufen und bei verläßlichen Menschen zu verstecken, wo man sie jederzeit in Notfällen abholen konnte. Es war nicht leicht, Anfang 1944 größere Mengen an Lebensmittel einzukaufen, noch dazu ohne Karten. Wir haben es aber doch geschafft. Inzwischen fand ich auch eine bessere Arbeitsstelle als Kassiererin in einem Textilgroßhandel. Das Geschäft unter dem Namen "Kann & Stahler" war ein uraltes jüdisches Unternehmen in Preßburg. Ende 1943 wurde es arisiert, die neuen Eigentümer hießen Cambal & Sokolova und waren "verdiente Gardisten". Bessere Voraussetzungen für konspirative Arbeit kann man sich gar nicht vorstellen: Ich saß in der Mitte der großen Verkaufshalle auf einem Podium an einem großen uralten Schreibtisch, daneben eine Telefonzelle, ständig Kundschaft. Man konnte mir unauffällig ein Zettelchen beim Bezahlen zuschieben, auch eine kurze Nachricht zuflüstern.
Michael geht zu den Partisanen
Anfang 1944 wurde viel von der russischen Offensive an der Ostfront gesprochen und dem Herannahen der Kämpfe an der polnischen und ungarischen Grenze. Entflohene russische Kriegsgefangene bildeten in den dichten Wäldern der Slowakei Partisanengruppen und kämpften gegen die deutschen Wehrmachtseinheiten. In den Kasernen in Preßburg wurden Soldaten zur Flucht in die Berge geworben, viele desertierten mit ihren Gewehren. Eines Tages kam ein Verbindungsmann der Partisanen nach Preßburg und fand Kontakt zu uns: Michael und drei andere Freunde gingen mit ihm in die Berge. Ende August 1944 begann der slowakische Aufstand. Die Deutschen besetzten die Slowakei und entfalteten einen nie dagewesenen Terror. Vor allem die noch verbliebenen Juden wollten sie erwischen und umbringen. Einige jüdische Familien, die als "wirtschaftswichtig" noch in der Provinz lebten, wurden gezwungen, in aller Eile ihre Häuser zu verlassen und nach Preßburg zu ziehen, wo man sie besser kontrollieren konnte. So kamen zwei Schwestern meines Mannes mit ihren Familien nach Preßburg. Die jüngere zog mit Ehemann und Sohn in ein leeres Haus und nahmen dann meine Schwiegermutter und Gisela zu sich. Ich brachte ihnen zweimal in der Woche Einkäufe vom Wochenmarkt. Die andere Schwester wohnte in einem Hinterhaus in den Bergen von Preßburg bei einer Witwe; zu ihr brachte ich Lebensmittel mit dem Stadtbus.
Verhaftung und Deportation nach Ravensbrück
Eines Tages fand ich das kleine Eingangstor verschlossen und wunderte mich. Auf mein Klingeln öffnete nicht mein Schwager, sondern ein fremder Mann. In der Wohnung sehe ich meine Schwägerin Irene weinend auf einem Stuhl sitzen; sie wird von einem hochgewachsenen Mann geohrfeigt, als sie mich erblickt, ruft sie entsetzt "Ilonka!" Der Mann gab auch mir sofort Ohrfeigen und forderte meinen Ausweis. Ein anderer Mann, der hinter mir stand, sagte auf deutsch "Das ist doch ihre Schwester, klar!" Irene und ich wurden in ein Auto gedrängt und zur Gestapo in die Edlgasse gefahren. Ein Mann in Uniform brüllte mich an: "Name". "Margita Kutno" antwortete ich. Er brüllte: "Der Ausweis ist doch falsch, also den richtigen Namen!" Er winkte zwei weitere Männer herbei, diese drückten meinen Kopf in den Polstersessel und schlugen mit einem Spazierstock so fest, daß ich trotz Kleidung spürte, wie meine Haut aufsprang.
Meine Schwägerin und ich kamen in das Sammellager Sered in der Südslowakei; von Sered, das wußten wir, gingen die Transporte nach Auschwitz und in andere Konzentrationslager ab. Am 16. November 1944 war es auch für uns soweit: Aus der großen Lagerhalle strömen Menschen auf den Vorhof, Eisenbahnwaggons werden an die Rampe geschoben, Ordner mit weißen Armbinden und kurzen Stöcken laufen hin und her und treiben die Menschenmenge zu den Waggons. Die Jüngeren müssen sich aus eigener Kraft hinaufschwingen, die Älteren werden hochgehievt und hineingeschubst. Sechs Viehwaggons habe ich gezählt, drei mit Frauen, drei mit Männern gefüllt, schwer bewacht, verschlossen, verplombt.
Nach sieben Tagen qualvoller Fahrt erreichten wir Fürstenberg. SS-Männer befehlen uns, eine Marschkolonne zu bilden, je fünf in einer Reihe. Der Weg führt durch einen Wald und die frische Luft tut mir gut. Plötzlich höre ich Hundegeknurr, kein Bellen, nur so ein unheilvolles Knurren. Bald danach taucht eine Meute riesengroßer Wolfshunde auf, von Frauen und Männern an der Leine geführt. .Die Hunde haben genau solche Mäntel um den Körper wie ihre Führer, soldatengrau mit dem SS-Zeichen. Die Hunde wie ihre Führer schauen uns mit haßerfüllten Augen an, vorerst aber zurückhaltend. Bald darauf gehen wir durch den großen Torbogen. Als Neuzugang erhalte ich gestreifte Kleidung, graue ekelerregende Unterwäsche, ein Kopftuch ziehe ich unbemerkt aus dem großen Berg von Bekleidungsstücken, der vor dem Fenster des Aufnahmebüros wächst. Zum Glück haben sie mir meine ledernen Stiefel gelassen, weil an diesem 16. November 1944 so viele neuen Transporte kamen und die Holzpantinen nicht für alle reichten.
Von nun an bin ich Nummer 88189, mein Name ist in der Kartei geblieben. Zum Kennzeichnen bekomme ich auf den rechten Ärmel ein rotes Dreieck, darüber ein gelbes Dreieck, den Davidstern also in rot und gelb, aus Stoff, fest angenäht. Untergebracht werde ich in einem gesonderten Teil des Lagers, ganz weit hinten, noch mit extra Zaun und extra Schloß abgetrennt, nur für Zigeunerinnen und Jüdinnen. Mein neues Quartier: Block 26 - die Pritschen sind hart, nur eine zerlumpte schlammgraue dünne Decke darüber. Die Fenster sind ohne Glas, mit Lumpen verhängt. Wir lernen Appell stehen, Sand schippen, Schimpfworte und Schläge zu ertragen, unsere Notdurft zurückhalten, hungern.
Zwangsarbeit im Siemenswerk Ravensbrück
Anfang Dezember bringt jemand die Nachricht, daß es ganz in der Nähe eine Rüstungsfabrik gibt, die weibliche Arbeitskräfte sucht, aber nur solche, die noch bei Kräften sind, keine Muselmänner. Die Interessierten, so die Überbringerin der Nachricht, sammeln sich jeden Morgen nach dem Appell beim Block 8 und warten, bis sie von Vertretern der Fabrik abgeholt werden. Genommen wird nur, wer eine psycho-technische Prüfung abgelegt hat. In der zweiten Dezemberwoche wird die Nummer 88189 und noch einige weitere Nummern aufgerufen: Schnell, schnell müssen wir unsere wenigen Habseligkeiten zusammenpacken. Mein "Vermögen" besteht aus einer Zahnbürste, einem Stückchen Seife hart wie Sandstein, einem Kamm, einem Stück Lappen als Handtuch, zwei Unterhemden, einer Schüssel und einem Löffel. Schüssel und Löffel müssen zurückbleiben. Eine Aufseherin geht mit, hinaus durch das Lagertor, dann den See entlang, dann links zum Siemenslager. Gestern habe ich dort den Aufnahmetest gemacht; Papier- und Drahtstücke wurden mir gereicht und ein Schema, wonach etwas anzufertigen war.
Die 20 Baracken der Siemens&Halske-Werke mit den überstehenden Dächern ducken sich in einer Erdvertiefung und sind mit Tarnfarbe angestrichen, von oben kaum auszumachen zwischen den riesigen Kiefern. Unweit wurden erst vor kurzem fünf Baracken aufgestellt, ich gehörte selbst zu diesem Arbeitskommando, das kleine Siemenslager in unserer Sprache. Es ist mit einem doppelten hohen Drahtzaun umgeben; auf den Wachtürmen ringsum stehen Maschinengewehre, schußbereit, Scheinwerfer fegen über Erde und Himmel.
Um 5 Uhr die Sirene; schonungslos werden die Lichter angemacht, und alle müssen in Sekundentempo von den Pritschen herunter. Die Blockälteste mit Namen Skene geht mit dem Schlagstock herum, klettert bis nach oben, um die verspäteten herunter zu jagen, mit Hieben nicht eben sparend. Wachen, anziehen, Betten machen, Appell stehen, Frühstück: eine halbe Schüssel bittere schwarze Flüssigkeit, ein Stück Lagerbrot vielleicht 100 Gramm, ein Würfelchen Margarine vielleicht 5 Gramm. Um 6 Uhr pünktlich muß man am Werktisch sitzen, die Vorarbeiterin in Zivil zeigt uns, was zu machen ist. Kleine Metallvierecke werden in Spiritus gereinigt und dann mit haardünnem Kupferdraht umwickelt. Die Enden werden mit einem kleinen elektrischen Lötkolben befestigt. Nach ihrem Rundgang kommt die Vorarbeiterin und holt die fertigen Teilchen. Ist sie länger weg, nütze ich die Zeit, um mit meinen Nachbarinnen rechts und links Bekanntschaft zu machen, trotz des Verbots. Prompt ist die uniformierte Aufseherin bei mir und droht mit der Rückkehr in das Hauptlager. Die Frau an meiner rechten Seite ist eine mütterliche Belgierin, man hat sie vom Marktplatz in Antwerpen geholt, von ihren zwei zurückgebliebenen Kindern weiß sie bis heute nicht, sie bricht in Tränen aus. Links sitzt ein ganz junges jüdisches Mädchen aus Rumänien, sie kann mit dem Werkzeug nicht umgehen. Wenn die Aufseherin und die Vorarbeiterin weit weg sind, helfe ich ihr, das Pensum zu erfüllen. Nach zwei Stunden intensiver Arbeit über den Ausdünstungen des gelöteten Kupfers, des Spiritus und wer weiß, was da noch alles drin ist, tut der Kopf weh, die Augen brennen. Die Waden unter dem Tisch verkrampfen sich. Eine schwere Müdigkeit setzt sich auf meine Schulter und drückt mich, daß ich erschlaffe. Dazu der Hunger. Die Vorarbeiterin kommt vorbei und ist unzufrieden: "Willst Du zurück ins Lager? Arbeiten, nicht schlafen, ihr faules Gesindel!" Ich raffe mich auf, bis Mittag ist es unendlich lang; aber Aushalten, sage ich mir, das ist die Parole! Endlich ist 12 Uhr. Die Aufseherin pfeift zum Antreten, schnell, schnell, jede will die erste sein bei der Essenausgabe drüben, dann hat man noch ein paar Minuten Zeit, sich auf die Pritsche zu legen und den schmerzenden Rücken gerade zu stellen. Um halb eins zurück zur Arbeit, bis 18 Uhr.
Sonntag wird nicht gearbeitet. An diesem Tag soll warmes Wasser im Waschraum sein. Wir haben es bitter nötig, die Haare und unsere dürftige Unterwäsche zu waschen. Aber für 2000 Frauen reicht das warme Wasser nicht aus, nach zwei Stunden fließt nur noch eiskaltes. Ich wasche meine Haare mit dem "Frühstückskaffee", was soll's, Hauptsache, keine Kopfläuse kriegen! Nach einigen Tage komme ich auf die Idee, meine Haare mit dem Rest von Spiritus gut einzureiben. Ich darf nur nicht erwischt werden, dann das wäre Sabotage und die Folgen im besten Falle Strafblock.
Die Woche der Nachtschicht ist wieder eine ganz andere Welt. Nach Mitternacht ist die Müdigkeit unerträglich. Die Vorarbeiterin bemüht sich mit allen ihr auferlegten Mitteln, uns wach zu halten. Ich schlafe im Sitzen ein, ein wahrlich süßes Gefühl. Es weicht die Wirklichkeit von mir. Rauhe Hände rütteln mich wach, es gibt kein Entrinnen. Beim Nachtbetrieb werden die Tore streng verschlossen, auch die Fensterjalousien. Es dringt kein Lichtstrahl in die Finsternis, doch kommt es häufig zu Fliegeralarm. In diesem Falle gehen in der Halle die Lichter aus, die zivile wie die uniformierte Mannschaft geht vorschriftsmäßig in die unterirdischen Luftschutzräume. Die Häftlinge verbleiben in den geschlossenen, dunklen Hallen. Leider dauern die Alarme nur kurze Zeit, denn es tut uns gut, zu sehen, wie diese Verbrecher Angst bekommen, es tut uns gut, uns ein wenig ausruhen zu können.
Im April 1945 war schon alles zusammengebrochen, es gab keine Verpflegung, es kamen schon keine Züge mehr an. Man hat gesagt, in Berlin wird gekämpft. Aber wir mußten noch weiter arbeiten, ich weiß nicht für was und wohin die Sachen gebracht wurden. Eines Nachts kam der Appell: Alle aufstehen, alle Sachen mitnehmen! Es geht zurück ins alte Lager! Also sind wir in der Nacht zurück zum alten Lager und am Morgen sind wir wieder zur Arbeit marschiert. Wir sind vielleicht noch zwei Wochen zur Arbeit hingegangen und dann gab es keine Arbeit mehr.
Helena Kazimir kehrte im Sommer 1945 nach Preßburg zurück und fand auch ihren Mann Michael wieder. Bis 1968 lebte das Ehepaar mit seinen beiden Töchtern in der Tschechoslowakei, dann zogen sie nach Frankfurt am Main. "Ich konnte nicht noch einmal Panzer ertragen", fügte sie hinzu. Am 50. Jahrestag der Befreiung von Ravensbrück lernte ich Helena Kazimir in Ravensbrück kennen, seit dem nahm sie oft an Veranstaltungen im Rahmen der Ausstellung "Frauen im Konzentrationslager 1933-1945. Moringen - Lichtenburg - Ravensbrück" teil und berichtete von ihren Erfahrungen. Besonders wichtig war ihr im Oktober 1997 die Konferenz "150 Jahre Siemens - Entschädigung jetzt" in Berlin. Im Sommer 1999 verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand, sie mußte die eigene Wohnung aufgeben und lebte kurzer Zeit im Jüdischen Altersheim. Helena Kazimir starb am 5. Dezember 1999 und wurde auf dem neuen Jüdischen Friedhof begraben. Allen, die ihr zugehört haben, wird sie als tapfere, warmherzige und kluge Frau im Herzen bleiben.
"informationen"
Nr. 51, März 2000
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