Im
"Judensaal" des Frauenkonzentrationslagers Moringen
Aus
den 1938 in Lugano/Schweiz begonnenen und 1942 im US-amerikanischen Exil
vollendeten Erinnerungen von Gabriele Herz
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Moringen,
Ende
Oktober 1936
Der
"Judensaal", in den mich das Machtwort der Frau Oberwachtmeister
Berns vor fast zwei Wochen entbot, ist ein kleiner Raum, der seinen fünf
Bewohnerinnen nur eine sehr beengte Aufenthaltsmöglichkeit bietet. Ein
langer, roher Tisch, vier Hocker, ein Stuhl, fünf schmale, blau angestrichene
Wandkästen für Seife, Zahnbürste und Handtuch bilden das gesamte
"Mobiliar". Unsere wenigen Habseligkeiten sind in Schachteln,
Pappkartons und Handkoffern aufbewahrt, die mangels jeder Abstellmöglichkeit
unter dem Tisch aufgestapelt stehen. Das einzige Fenster geht zum Hof hinaus
und ist natürlich mit Eisenstäben vergittert ...
An
meine vier Leidensgefährtinnen im "Judensaal" habe ich schnell
Anschluß gefunden, nur Frau Herta Kronau (1) hat sich anfangs ablehnend
verhalten, eine mehr als dreijährige Gefängnishaft hat sie argwöhnisch
gemacht. Doch es lohnt sich schon, sich um sie zu bemühen. Herta ist eine der
intelligentesten und kultiviertesten Frauen im Lager, und wenn sie erst einmal
Vertrauen gefaßt hat, erweist sie sich als zugänglich und warmherzig. Die
jetzt 43jährige Frau hatte sich in ihrer Jugend als Kunstgewerblerin betätigt,
während des Weltkrieges als Krankenschwester, später als Fürsorgerin bei
Wohlfahrtsämtern, und besaß eine Anzahl von Diplomen für andere Berufe. Frühzeitig
hatte sie sich der kommunistischen Bewegung angeschlossen und war bald zu
leitender Stellung aufgerückt. Ihr unruhiges Blut scheint sie von ihrem Vater
geerbt zu haben, der, Nachkomme einer alt-spanischen Maranenfamilie, aus
Marokko stammte und nach langen abenteuerlichen Wanderjahren schließlich in Nürnberg
sich niedergelassen hatte, wo er ein Kunstantiquariat begründete. Die
Olivenfarbe von Hertas Haut weist noch auf diese spanisch-marokkanische
Herkunft der Familie hin.
Linksradikale
Gesinnung hat ebenfalls Ilse Lipinski (2) nach hier gebracht. Sie hat in einer
Berliner Leihbücherei gearbeitet, verfügt über Witz, Schlagfertigkeit und
gute Kenntnisse in verschiedenen Wissensgebieten. Die schlacksigen Bewegungen
ihrer langen Gliedmaßen, der kurz geschnittene Bubikopf, der magere Körper
geben ihrer Erscheinung etwas Jungenhaftes. Die kurzsichtigen Augen hinter
scharf geschnittenen Brillengläsern verschönern sie eben nicht. Mit körperlichen
Reizen ist auch das ältliche Fräulein Gertrud Mannheim (3) nicht gesegnet.
Eine brave, treue Seele, die aber mit ihren vielen Fragen und wohlgemeinten
Ratschlägen uns auf die Nerven fällt. Sie ist "Remigrantin", Rückwanderin,
gleich mir. Sie hatte einige Zeit bei ihrem Bruder in Danzig verbracht, in
dieser rein deutschen Stadt, deren Rückgliederung an das Reich von den Nazis
mit großer Energie betrieben wird. Nichtsdestoweniger entdeckte die Geheime
Staatspolizei, daß für eine Jüdin Danzig im Ausland liege, darum sah sich
das arme Fräulein Mannheim bei ihrer Rückkehr nach Berlin plötzlich vor die
überraschende Tatsache gestellt, daß sie "ausgewandert und wieder zurückgewandert"
sei, ein Vergehen, über dessen Folgen sie hier in Moringen nun nachdenken
kann.
"Rassenschande",
diese von den Nazis erfundene, übelste Mischung aus Haß, Gemeinheit und
Vernichtungswillen, hat die Jüngste unter uns, die entzückende Anni Reiner
(4), zu Fall gebracht. Sie war mit einem Arier verlobt gewesen, die angesetzte
Hochzeit wurde durch die "Nürnberger Rassegesetze" unmöglich
gemacht. Trotz aller drakonischen Gesetze ließ aber der Bräutigam nicht von
seiner Erwählten. Durchaus verständlich: Anni mit ihrem süßen Gesicht,
ihren lustigen, blauen Augen und dem krausen Blondhaar ist eine wahre
Augenweide...
Moringen,
Ende November 1936
Trotz
aller Schwierigkeiten und Hemmungen geht das Winterhilfswerk langsam weiter.
Allmählich gewinnen unsere Räume das Aussehen von Schneiderwerkstätten,
besser gesagt von Trödelläden. Vor, neben, hinter uns, in den Zimmern, auf
den Korridoren, auf den Treppenabsätzen, überall nur alte Kleider. Ein übler,
muffiger Geruch geht von ihnen aus, überzieht alles mit einer dunklen Kruste,
beizt die Augen, dringt in die Haut, greift die Lungen an. Die Trostlosigkeit,
die von diesen Bündeln ausgeht, legt sich auf uns selbst wie ein schweres,
schwarzes Tuch, das uns zu ersticken droht. Wir bemühen uns, auf andere
Gedanken zu kommen. Ilse Lipinski läßt die entschwundene Pracht dieser
Kleider zu neuem Leben erstehen, sie erzählt von ihren früheren Trägern,
von schönen Frauen, reichen Kavalieren, von rauschenden Festen. Aber all
ihren Geschichten fehlt der befriedigende Ausklang. Der Aufstieg auf der
Stufenleiter des Lebens wird zu einem traurigen Abstieg, illustriert durch die
schäbigen Fetzen der einst kostbaren Gewänder in den Händen armer
Gefangener in einem deutschen Frauenkonzentrationslager ...
Moringen,
Mitte Dezember 1936
Es
ist Channukah, das achttägige Fest der Lichter, das Fest der Maccabäer, der
Wiederaufrichtung des Tempels, uns Juden teuer als Erinnerung an heldenmütigen
Widerstand, als Symbol baldiger Erneuerung. Im Namen meiner
Glaubensgenossinnen wandte ich mich an die Frau Oberwachtmeister und erhielt
von ihr die Erlaubnis, das Fest in althergebrachter Weise begehen zu dürfen,
sie war großzügig genug, uns für zwei Tage Urlaub von der unerfreulichen
Winterhilfs-Arbeit zu gewähren. Ehm (Emil Herz, der Ehemann von Gabriele
Herz, die Red.) sandte uns von Berlin ein großes Paket Äpfel, Nüsse,
Lebkuchen, Schokolade, dazu Text und Noten für die Lieder. Anni Reiner hatte
geschickt aus einer alten Pappschachtel einen golden bemalten
Channukah-Leuchter hergestellt, der auf einem ebenfalls vergoldeten Pappdeckel
in der Mitte des Tisches Aufstellung fand. Auch trafen wir große
Vorbereitungen, wir säuberten unseren Raum, daß er vor Reinlichkeit geradezu
strahlte, wir bearbeiteten den Tisch so gründlich mit Seifenlauge, bis auch
das letzte Stäubchen der Winterhilfe verschwunden war. Eine Woche vorher
hatten wir unseren Ofen, benannt der "schöne Adolar", nur sparsam
mit Kohle gefüttert, damit wir nun die Festtage in wohliger Wärme verbringen
können. Kleine Geschenke, seit langem für diesen Abend zusammengespart,
wurden zurecht gelegt, und als Festschmaus bereiteten wir uns unter
allgemeiner Mitwirkung eine herrliche Schokoladenspeise. Wir füllten leere
Marmeladengläser, sprich "Vasen", mit schwer duftenden
Tannenzweigen, die wir auf gemeinsame Kosten erstanden hatten, und breiteten
über den Tisch eine Decke, an der Anni Monate lang gearbeitet hatte. Eine
merkwürdige Stimmung ergriff uns alle, als die Feststunde nahte. Channukah,
stets im Kreise der Familie gefeiert, jetzt im Konzentrationslager begangen,
in einer Atmosphäre von Mißtrauen und offener Feindschaft, in einem
verwandelten Deutschland, das sich weigerte, uns weiterhin Heimat zu sein.
Lange standen wir nachdenklich vor dem Leuchter. Die Kolleginnen baten mich,
als die Älteste unter ihnen, den Beginn zu machen. In tiefer Ergriffenheit,
mich nicht mehr als Einzelperson, sondern als Vertreterin und Sprecherin einer
Gemeinschaft fühlend, sagte ich die alten Segenssprüche auf und zündete die
erste Kerze an ... Nachher lasen wir ausgewählte Abschnitte aus der Bibel,
insbesondere aus den Maccabäer Büchern, aus den Propheten, aus Hiob. Vor uns
erstanden die großen Gestalten der jüdischen Religionsgeschichte, und wir,
die wir aus der deutschen Volksgemeinschaft ausgestoßen waren, fühlten in
uns die alte jüdische Zusammengehörigkeit, eine Gemeinschaft ohne räumliche
und zeitliche Grenzen, ohne einen anderen Mittelpunkt als die Bibel und die
Hoffnung auf Erfüllung des alten prophetischen Ideals von Gerechtigkeit,
Frieden, Menschlichkeit, Menschenverbrüderung ... Unter unseren arischen
Kolleginnen herrschte rege Teilnahme. Sie waren neugierig, sie ließen sich
die Bedeutung des Festes erklären, sie sparten nicht mit ih•rer
Anerkennung: "Wirklich fein habt Ihr alles gerichtet." Meine beiden
Schülerinnen Hilde Weber (5) und Ursel Renner (6) überraschten mich mit
selbstgefertigten Gaben, einem fein geflochtenen Bastkörbchen und einer
kunstvoll gestrickten kleinen Decke. Im Namen der Bibelforscherinnen begrüßte
uns Magdhalene Mewes (7) mit einem Vers aus Petrus: "Ihr tut gut, daß
Ihr auf das prophetische Wort achtet als auf ein Licht, das da scheinet an
einem dunklen Ort, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in Eurem
Herzen" ...
Moringen,
Anfang Januar 1937
Das
Lager hat weiteren Zuzug erhalten, auch unser Raum ist mit vier neuen Insassen
bedacht worden. Sie kommen aus Wien, Madrid, Jerusalem und Moskau ...Die
Erlebnisse unserer Neuankömmlinge spiegeln zu einem Teil das Leben in den Ländern
wieder, aus denen Zufall oder Zwang sie nach hier geführt hat, zum anderen
Teil geben sie ein Bild typischen Rückwanderer Schicksals. Ilse (8) hat in
Wien mehrere Semester Mathematik studiert, konnte sich dort nicht mehr halten
und mußte nach Deutschland zurückkehren. Hier erfolgte ihre Verhaftung,
obwohl ihr der Aufenthalt in Wien, "im Ausland", von deutschen Behörden
ausdrücklich genehmigt worden war. Sophie (9) war als deutsche Gouvernante zu
den Kindern eines vornehmen spanischen Arztes nach Barcelona gegangen. Sie mußte
mit der Familie flüchten, irrte längere Zeit im Land umher, bis ein
deutsches Kriegsschiff sie aufnahm und nach Hamburg brachte. Aber während die
arischen deutschen Flüchtlinge in Privathäusern, Hospitälern und Sanatorien
liebevolle Aufnahme fanden, wurde Sophie nach Moringen abgeschoben. Lilo (10),
die Farmarbeiterin in Palästina, hatte versucht, auf einer
genossenschaftlichen Siedlung nahe Jerusalem sich eine neue Existenz
aufzubauen. In ihren anschaulichen Schilderungen flammt der Kampf auf zwischen
Juden und Arabern; aber auch die Wunder des heiligen Landes nehmen Gestalt an
... Lilo konnte nur ein einziges, glückliches Jahr in Palästina verbringen,
sie vertrug das Klima nicht und mußte schweren Herzens nach Deutschland zurückkehren.
Mit häufigen Herzattacken und Atemnot gehört sie in ein Krankenhaus und
nicht in ein Konzentrationslager. Schlimmer noch ist Frau Schloss (11)
betroffen; sie hatte mit ihrem Mann die in Moskau verheiratete Tochter
besucht. Die Rückreise, für die von der deutschen Polizei eine Frist von
drei Monaten gestellt worden war, verschob sich um einen Monat, da der Mann in
Moskau schwer erkrankte. Folge: Der Mann wurde ungeachtet seiner siebzig Jahre
und seines unheilbaren Herzleidens in das gefürchtete Konzentrationslager von
Oranienburg-Sachsenhausen gebracht, die 65jährige Frau über den üblichen
Leidensweg Berlin-Alexanderplatz und Hannover, wo sie in der Einzelzelle fast
den Verstand verlor, nach Moringen. Das Geschick dieser kleinen, verängstigten
Greisin geht uns allen nahe ... Herta Kronau, die infolge ihres leidenden
Zustandes als einzige von uns einen Stuhl mit Rückenlehne statt des Hockers
benutzen darf, trat dieses vielbeneidete Möbelstück sofort an Frau Schloss
ab ...
Moringen,
Ende Januar 1937
Unser
Lager ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Während der große Saal und der
Bayernsaal, abgesehen von den wenigen aus Russland zurückgekehrten Frauen,
Zuzug ausschließlich aus Deutschland erhalten haben, kommen die
Zwangsinisassinnen des "Judensaals" aus Holland und Belgien, aus
Frankreich und Italien, aus der Tschechoslowakei und aus Jugoslawien. Sie
haben überall versucht, als deutsche Erzieherinnen und Stützen der Hausfrau,
als Mod istinnen und als Stenotypistinnen sich eine bescheidene Existenz neu
aufzubauen, aber sie konnten sich auf Dauer nicht halten. Die Arbeitserlaubnis
wurde ihnen nach kurzer Zeit genommen oder erst gar nicht erteilt. Zu schwer
lastet der Druck der Arbeitslosigkeit auf ganz Europa. Der heimische Markt
soll vor fremder Konkurrenz geschützt werden ... Eine Auswanderung in
kleinenrem oder größerem Ausmaß bräuchte kein Problem sein. Viele Staaten
haben noch im Laufe der letzten Jahrzehnte sie ohne Zwangsmaßnahme in humaner
Weise durchgeführt ... Nazideutschland hingegen plündert seine jüdischen
Auswanderer bis aufs Hemd aus, stellt sie nackt und bloß an die Grenze.
Kommen sie nicht weiter, müssen sie zurück, so harrt ihrer in der
"Heimat" das Konzenwtrationslager. Die Stimmung in unserem
"Judensaal" ist nicht nur gedrückt, sie ist geradezu verzweifelt.
Kein Ausblick in eine bessere Zukunft. Kein Weg in die Freiheit. Erschwert
wird die Lage hier noch durch die qualvolle Enge. Als ich vor fast vier
Monaten herkam, reichte der Raum kaum für uns fünf Häftlinge aus, jetzt
sind 16 Frauen hier zusammen gepfercht. Wir können buchstäblich nicht die
Ellbogen bewegen, ohne rechts oder links anzustoßen, wir können die Beine
nicht strecken, ohne die Knie unseres Gegenüber mehr oder weniger unsanft zu
berühren. Die Luft ist schlecht und verbraucht, sie zu erneuern aber ist fast
unmöglich, wird das Fenster geöffnet, so erheben die in der Nähe sitzenden
Frauen gegen den Zug und die eindringende eisige Kälte erregten Einspruch.
Hart im Raum stoßen sich die Dinge, und erst recht die Menschen ...
Moringen,
Anfang Februar 1937
Unser
Zimmer hat eine neue starke Anziehungskraft in der Person der Zeichnerin und
Graphikerin Vera List (12) erhalten. Sie ist eine begabte Künstlerin, der es
meisterhaft gelingt, nicht nur die körperliche Erscheinung, sondern auch den
geistigen Gehalt der von ihr porträtierten Frauen wiederzugeben. Sie zeichnet
Dora Doebel (13) über ein Buch gebeugt, und die Willensstärke Doras und ihre
Kraft zur Konzentration kommen packend in der Anspannung ihres Gesichts zum
Ausdruck und in dem festen Zugriff ihrer Hände, die das Buch umschließen,
als sei es kostbarer Besitz. Ein reizvolles Doppelbildnis stellt die beiden
Freundinnen gegenüber, die ältere, müde, ganz im Geistigen verwurzelte
Herta Kronau und die jüngere, urwüchsige, aufnahmefreudige Ursel Renner. Das
Bild steigert das Individuelle ins Typische, man empfindet die beiden nicht
nur als Einzelpersonen, sondern ebenso als Vertreterinnen zweier Rassen. Eine
in Kohle ausgeführte Skizze zeigt die immer ernste und bedrückte
Reichstagsabgeordnete Anna Loeser (14), man glaubt, der schmale, fest
geschlossene Mund würde sich zu der stets zurückgehaltenen Bitte öffnen:
"Kinder, laßt mich allein mit meinem Schicksal." ... Vera List hat
ihre Ausbildung in der Kunstakademie von Antwerpen erhalten, ging dann in
Deutschland ihrem Beruf nach, bis man ihren nun zwei Jahre zurückliegenden
Aufenthalt im Ausland als Vorwand nahm, um sie nach hier zu bringen. Sie ist
leidend, hinkt und trägt eine Prothese. Die allgemeine Anerkennung, die ihre
Leistungen finden, hebt ihr Selbstbewußtsein, das unter den körperlichen
Gebrechen gelitten hatte. Die Frauen drängen sich um sie, umschmeicheln sie,
bis sie die schönen Vorreden mit der Frage unterbricht: "Na, sag schon
mal, wann hat ‚Er' denn Geburtstag?" Die Sitzungen werden, um die
Aufmerksamkeit der Beamtinnen nicht zu erregen, im Geheimen abgehalten, meist
unter Mitwirkung mehrerer Freundinnen. Oft muß die nicht gerade anziehende
Toilette als Atelier dienen. Zum Versand der Bilder werden die Papprollen
verwendet, die den festen Kern des Toilettenpapiers bilden.
Moringen,
Mitte März 1937
Unter
den Neuankömmlingen befindet sich auch eine junge Berliner Studentin, Ruth
Abt (15), ein frisches und sehr gescheites Mädchen. Sie erzählt Einzelheiten
über den Fall Schloss, der wegen seiner Begleitumstände in Berlin viel
besprochen wurde. Die Söhne, aufgefordert die Leiche des Vaters abzuholen,
durften das Lager nicht betreten. Der Sarg wurde ihnen außerhalb des Tores übergeben.
Er war mit Blei verlötet und mit vielen Plomben verschlossen. Die Öffnung
des Sarges wurde unter Androhung der Todesstrafe verboten. Die Beisetzung fand
in Gegenwart von Gestapo-Beamten statt, nachdem sie den unversehrten Zustand
der Plomben festgestellt hatten. Ich muß immer wieder an die Worte der armen
Frau Schloss denken: "Bis zu meinem letzten Atemzug wird mich der Gedanke
quälen, ob diese Unmenschen meinen Mann erschossen oder zu Tode geprügelt
haben. Nie werde ich die Wahrheit erfahren." ... Herta Kronau, in ihrer
verzweifelten Verfassung, hat die Anstaltsleitung um den Besuch eines
Geistlichen gebeten. Das Gesuch ist abgelehnt worden. Ich stand mit ihr an dem
vergitterten Fenster, wir tauschten unsere Besorgnisse, unsere Seelennot aus,
wir sprachen über diese Ablehnung, über die arme Frau Schloss, über unsere
Freundin Dora Döbel, die sich in Sehnsucht nach ihrem Sohn Herbert aufreibt
...
Am
folgenden Morgen wurde ich zu der Frau Oberwachtmeisterin befohlen ...
"Ich habe gute Nachricht für Sie, Frau Herz, Sie sind entlassen"
... Ein tiefes Glücksgefühl erfüllte mich so stark, so brausend, daß ich
schier schwindlig wurde. "Endlich, endlich darfst du heim zu deinem Mann
und zu deinen Kindern", jubelte es in mir. Aber gleichzeitig überkam
mich eine große Traurigkeit über den Abschied hier von so vielen lieben
Menschen. Beklommen, in einem inneren Aufruhr, nahm ich langsam den Weg zu
unserem Raum zurück. Ich zögerte eine Weile, dann trat ich ein. Ich ging auf
Herta zu. "Es ist soweit. Ich bin entlassen." Herta schaute mich
verständnislos und ungläubig an, dann zuckte sie zusammen. "Ich bin
benglückt ihretwegen, und ich bin bestürzt meinetwegen. Sie haben mir viel
gegeben, Frau Herz, ich mag nicht sagen wie viel. Nun trennen sich unsere
Wege. Wir wollen uns den Abschied nicht durch Worte erschweren. Wir wissen um
unsere innere Verbundenheit. Leben Sie wohl." Sie drückte mir die Hand
und verließ das Zimmer. Ich schaute ihr traurig nach ... Ich kam mir vor wie
ein nur auf die eigene Sicherheit bedachter Verräter. Wie wird diese stolze,
zurückhaltende Frau die Haft durchhalten? Wird sie, die innerlich Einsame,
wieder einem gleichgestimmten Menschen sich anschließen? Eine Hand legte sich
auf meine Schulter. Ruth Abt stand vor mir: "Seien Sie ohne Sorge, Mutter
Herz. Ich liebe und verehre Frau Kronau, und ich glaube, sie ist mir auch
zugeneigt. Ich werde alles daran setzen, um ihr das Leben hier so erträglich
als möglich zu gestalten." Aus ihren Worten klang Verantwortungsgefühl
und Zuverlässigkeit. Ich fühlte mich unsagbar erleichtert. Ich packte meine
wenigen Habseligkeiten. Wäsche- und Kleidungstücke ließ ich meinen arischen
und nicht-arischen Gefährtinnen zurück. Ich ging in den Großen Saal und in
den Bayernsaal. Viele Hände streckten sich mir entgegen und viele gute Wünsche
wurden mir mitgegeben. Mein letzter Besuch galt Dora Döbel. Sie war gleich
nach mir zum Direktor beschieden worden, der ihr die Ablehnung ihres Gesuchs
mitteilte. Dora lag zu Bett. Sie war so schwach, daß sie sich nicht
aufzurichten vermochte. Ihr liebes, gutes Gesicht war ganz klein. Ich setzte
mich zu ihr, ich konnte nicht sprechen, die Kehle war mir wie zugeschnürt.
Ich umfaßte und streichelte ihre eiskalten Hände. Auch Dora blieb lange
stumm. Endlich sagte sie leise, fast unhörbar: "Grüßen Sie mir Ihren
Mann und Ihre lieben Kinder." Die Augen wurden mir feucht. "Gott schütze
Sie und ihren tapferen Herbert." Draußen vor dem Schlafsaal mußte ich
mich einige Zeit auf die Treppenstufen setzen. Die Knie versagten mir. Ich
stand das letzte Mal vor der Frau Oberwachtmeisterin. Ich unterschrieb eine
Anerkenntnis, daß ich völlig gesund das Lager verlasse und keine irgendwie
gearteten Ansprüche gegen den Staat erhebe ... Frau Hobrecht, die widerwärtigste
aller Beamtinnen, schloß mir das Tor auf, reckte sich hoch, hob die Hand,
deutete gerade aus: "Dort!" Dann machte sie kehrt und ging grußlos
zurück. So verließ ich am 17. März 1937 das Frauenlager von Moringen.
Wir
danken Ellen Kracauer Hartig, Howard Hartig und den weiteren Angehörigen der
Familie Herz für die Erlaubnis, diesen Abschnitt aus den Erinnerungen von
Gabriele Herz in den "informationen" zu veröffentlichen.
Zur
Identifizierung der in den Erinnerungen von Gabriele Herz erwähnten
Mitgefangenen. Bald
nach der Freilassung flohen Gabriele und Emil Herz zunächst nach Florenz und
im Oktober 1938 nach Lugano. Dort begann Gabriele Herz, ihre Erinnerungen an
die Haft im Frauenkonzentrationslager Moringen aufzuzeichnen. Um ihre
ehemaligen Mitgefangenen zu schützen, veränderte sie alle Namen - jedoch auf
eine Weise, die eine spätere Identifizierung erlauben würde. Aufgrund
unserer eigenen Recherche, der Hilfe der ehemaligen Moringer Gefangenen Anni
Pröll, Hilde Faul und Hed Regnart, der Gedenkstätte Moringen - hier gilt
besonders Matthias Kuse und Dieter Sedlazcek unser Dank - und der Historikerin
Linde Appel wurde es möglich, ein Großteil der im Text erwähnten Namen zu
entschlüsseln.
(1)
Herta Kronau = Herta Kronheim geb. Laredo. Sie wurde am 17. August 1893 in Würzburg
geboren. 1932 kehrte sie von Berlin in ihre Heimatstadt zurück und beteiligte
sich im Frühjahr 1933 an Widerstandsaktionen der KPD. Im Oktober 1933 wurde
sie verhaftet und im August 1934 zu 15 Monaten Zuchthaus verurteilt. Nach dem
Ende der Haftzeit im Zuchthaus Aichach und im Gefängnis Landshut wurde Herta
Kronheim im April 1936 in das Frauenkonzentrationslager Moringen überstellt.
Ihre Gesundheit war durch die beinahe dreijährige Haft sehr geschwächt.
Im November/Dezember 1936 stellte sie ein Entlassungsgesuch, das die Gestapo
jedoch ablehnte. Das weitere Schicksal von Herta Kronheim ist noch nicht geklärt.
Nach den Angaben im Biographischen Handbuch der Würzburger Juden wäre Herta
Kronheim im November 1938 in die USA emigriert. Andererseits wird am 18.
November 1938 Herta Kronheim in das Frauenkonzentrationslager Lichtenburg
eingeliefert und von dort im Mai 1939 nach Ravensbrück überstellt. Nach den
Erinnerungen der Mitgefangenen Mina Nußpickel wurde Herta Kronheim im Frühjahr
1942 in Ravensbrück für den Todestransport in die Gaskammer der
"Euthanasie"-Anstalt Bernburg selektiert.
(2)
Ilse Lipinski = Ilse Gostynski. Sie wurde am 3. Januar 1909 in Berlin geboren.
Am 20. Januar 1936 wurde sie wegen "kommunistischer Aktivitäten"
verhaftet und nach vier Monaten Gestapo- und Untersuchungshaft in das
Frauenkonzentrationslager Moringen eingewiesen. Im März 1938 wurde sie in das
Frauenkonzentrationslager Lichtenburg und ein Jahr später nach Ravensbrück
überstellt. Am 26. Mai 1939 kam sie frei - mit der Auflage, innerhalb von
drei Wochen Deutschland zu verlassen. Ilse Gostynski konnte die notwendigen
Papiere beschaffen und traf noch vor Kriegsbeginn in London ein. Sie heiratete
Mr. Rolfe und bekam eine Tochter.
(3)
Gertrud Mannheim = vermutlich Gertrud Herrmann. Sie wurde am 2. April 1889 in
Aschersleben geboren. Grund für ihre Überstellung in das
Frauenkonzentrationslager Moringen durch die Gestapo Potsdam am 10. September
1936 war ein Aufenthalt bei ihrem Bruder in Danzig. Bei ihrer Rückkehr galt
sie als "Remigrantin". Gertrud Herrmann wurde am 1. Oktober 1937
entlassen mit der Auflage, "sich unverzüglich nach Danzig zu
begeben". Über ihr weiteres Schicksal ist noch nichts bekannt.
(4)
Anni Reiner - Eine Identifizierung ist noch nicht möglich: Zum fraglichen
Zeitpunkt (Oktober 1936 - März 1937) befinden sich vier Frauen mit dem
Haftgrund "Rassenschande" in Moringen.
(5)
Hilde Weber = Hilde Gerber verh. Faul. Hilde Gerber kam am 26. August 1915 in
Nürnberg zur Welt. Sie gehörte dem Kommunistischen Jugendverband an und
verbreitete im Frühjahr 1933 antifaschistische Flugblätter. Am 15. August
1933 wurde sie verhaftet und nach 14 Monaten Einzelhaft am 29. Oktober 1934 zu
acht Monaten Gefängnis verurteilt. Datnach überstellte die Gestapo Nürnberg-Fürth
Hilde zur "Schutzhaft" zunächst in das Gefängnis Landshut und im
Herbst 1935 in das Frauenkonzentrationslager Moringen. In Moringen erhalten
Hilde und ihre Freundin Hedwig (Hed) Laufer während der Hofgänge
Englischunterricht von Gabriele Herz. Am 2. Mai 1937 wird sie entlassen mit
der Auflage, den Wohnort nicht zu verlassen und sich zweimal wöchentlich bei
der Gestapo zu melden.
(6)
Ursel Renner = Hedwig (Hed) Laufer verh. Regnart. Sie wurde am 25. Oktober
1908 in Fürth bei Nürnberg geboren und war Mitglied im Kommunistischen
Jugendverband. Am 10. März 1933 wurde sie zur "Schutzhaft" in das
Gefängni_s Fürth, später nach Landshut eingewiesen. Im März 1936 brachte
die Gestapo sie in das Frauenkonzentrationslager Moringen. Sie lernte während
der Hofgänge von Gabriele Herz Englisch mit Hilfe von Shakespeare-Texten.
Ende Januar 1937 wurde Hed entlassen.
(7)
Magdalene Mewes - Die Identifizierung ist noch nicht eindeutig. Von den bis
jetzt 383 namentlich bekannten Zeuginnen Jehovas, die in Moringen inhaftiert
waren, stammten vier aus dem kleinen Dorf Wildbach im Riesengebirge, das
Gabriele Herz als Heimatort von Magdalene Mewes nennt: Helene Alma Dietrich
verh. Lorenz, Jg. 1890, Dora Georgi, Jg. 1894, Gertrud Paula Georgi, Jg. 1905,
und Frieda Kamilla Möckel verh. Burkhardt, Jg. 1909. Nach den Erinnerungen
von Gabriele Herz hatte Magdalene Mewes einen 12jährigen Sohn Konrad. So wäre
auch an die Zeugin Jehovas Katharina Thoenes zu denken. Katharina Thoenes
wurde am 18. Mai 1904 in Krefeld geboren. Sie war verheiratet und hatte einen
1925 geborenen Sohn namens Hans. Sie wurde am 18. August 1936 in das
Frauenkonzentrationslager Moringen eingeliefert. In ihre Haftzeit in Moringen
fiel jene Briefsperre und die Isolierung der Zeuginnen Jehovas von den übrigen
Gefangenen, einschneidende Ereignisse, von denen Gabriele Herz berichtet.
(8)
Ilse, Studentin aus Wien = Lotte Katz. Sie war, als sie am 12. November 1936
als "Remigrantin" in das Frauenkonzentrationslager Moringen
eingeliefert wurde, 25 Jahre alt und hatte laut Häftlingsakte "vier
Semester Mathematik und Physik in Wien studiert, von April 1933 bis März
1935." Danach lernte sie Köchin. Lotte Katz wurde am 13. März 1937
entlassen. Sie ist - schreibt Matthias Kuse - "offenbar nicht
ausgewandert". Im "Gedenkbuch für die Opfer der
nationalsozialistischen Judenverfolgung" fanden wir den Eintrag
"Lotte Katz geb. Vogel, geb. 17. Februar 1921, Düsseldorf, verschollen
in Minsk".
(9)
Sophie, Gouvernante aus Spanien = möglicherweise Hertha Eichholz aus Hamburg.
Sie war laut Häftlingsakte vom 29. Februar 1936 bis zum 4. August 1936 in
Barcelona. Nachdem sich dort ihre Stelle zerschlug, kehrte sie nach
Deutschland zurück und wußte, daß man sie festnehmen würde. Hertha
Eichholz wurde am 27. Juli 1937 freigelassen. Sie konnte nach Palästina
auswandern.
(10)
Lilo, Farmarbeiterin aus Pa lästina = möglicherweise Hildegard Conitzer, die
laut Häftlingsakte von Ende Oktober 1934 bis zum 18. August 1936 in Palästina
war. Am 22. Oktober 1936 wurde sie in das Frauenkonzentrationslager Moringen
eingeliefert und am 16. Juli 1937 entlassen. Ihr weiteres Schicksal ist noch
nicht geklärt.
(11)
Frau Schloss - Eine Identifizierung ist noch nicht möglich.
(12)
Vera List, Zeichnerin und Graphikerin aus Belgien = Gerda Lissack aus Berlin,
geboren am 25. Mai 1904. Die gehbehinderte Künstlerin wurde am 24. Dezember
1936 in das Frauenkonzentrationslager Moringen eingeliefert. Eine ihrer
Bleistiftzeichnungen, von denen Gabriele Herz berichtet, konnten wir bis jetzt
finden. Es ist ein Porträt von Dora Hösl (13), das diese ihrem Sohn Herbert
schickte. Gerda Lissack wurde am 2. Juni 1937 in das Polizeigefängnis Berlin
überstellt. Über ihren weiteren Leidensweg ist noch nichts bekannt. Aus dem
"Gedenkbuch für die Opfer der nationalsozialistischen
Judenverfolgung" geht hervor, daß Gerda Lissack am 21. Januar 1942 in
Ravensbrück ermordet wurde.
(13)
Dora Doebel = Viktoria (Dora) Hösl. Sie wurde am 2. Juni 1902 in München
geboren, war Tabakarbeiterin von Beruf und 1932 KPD-Abgeordnete im bayerischen
Landtag. Vom 10. März 1933 bis März 1936 war sie im Gefängnis München-Stadelheim
inhaftiert, dann ließ sie die Gestapo München in das
Frauenkonzentrationslager Moringen überstellen. Ihr 1923 geborener Sohn
Herbert war während ihrer langen Haft im katholischen Clemens Maria
Kinderheim in München untergebracht. Dora Hösl, so berichtet Gabriele Herz,
machte sich große Sorgen um den Sohn und versuchte, einen regelmäßigen
Briefwechsel aufrechtzuerhalten. Dieser Briefwechsel und das von Gerda Lissack
gezeichnete Porträt ist erhalten geblieben. Dora Hösl gehörte während der
ersten Kriegsjahre zur Widerstandsgruppe "Bund Oberland" unter Beppo
Römer. Sie wurde am 14. März 1942 verhaftet und am 20. Juni 1944 zu drei
Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach der Befreiung heiratete sie ihren
Mitgefangenen Josef Angerer. Dora Hösl starb im Alter von 51 Jahren am 9. Mai
1953 in München.
(14)
Ruth Abt, Studentin aus Berlin = Ruth Arzt aus Berlin. Sie wurde am 31.
Dezember 1936 in das Frauenkonzentrationslager Moringen eingeliefert. In ihrer
Gefangenenakte ist als Haftgrund "Remigrantin" und als Beruf
"Kinderpflegerin" angegeben. Sie wurde am 11. September 1937
entlassen und konnte noch nach Palästina auswandern.
Ursula
Krause-Schmitt
"informationen"
Nr. 51, März 2000
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