"informationen"
Nr. 51, März 2000 - Editorial
Ursula Krause-Schmitt, Cora Mohr, Doris Seekamp
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"Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen". (Christa Wolf)
Auf der Suche nach Frauendarstellungen in der antifaschistischen Kunst durchblättern wir Bildbände, die meisten stammen aus
den 60er und 70er Jahren des gerade vergangenen Jahrhunderts. Unser Eindruck (ihn zu analysieren wäre ein weiteres Thema dieses Heftes gewesen): Frauen-Gestalten sind selten Gegenstand der antifaschistischen Kunst, und wenn, dann als "Trauernde", "Beweinende", als stumme und "mütterliche" Opfer. Besonders in den nach 1945 entstandenen künstlerischen Darstellungen spiegelt sich jenes reduzierte Frauenbild wieder, das wir aus der Nachkriegsgeschichtsschreibung kennen. Der Widerstand von Frauen wurde marginalisiert, abgewertet ("klein", "alltäglich", "privat") und in ein Rollenklischee gepreßt ("die Kraft der Schwachen").
Frauen sind jedoch nicht das schwache, sondern das andere Geschlecht. Im Widerstand gegen den Faschismus, im Kampf um die Rettung von Menschenleben haben sie alle ihre Begabungen eingesetzt: sie haben mit List und Klugheit gekämpft; sie haben, wenn es notwendig war, und das war fast ständig der Fall, die traditionelle Frauenrolle eingesetzt; sie waren Kundschafterinnen und Kurierinnen im bewaffneten Kampf. Es gab sie tatsächlich: die "Partisanin", die der Künstler Eugen Hoffmann 1941 im Exil in Großbritannien zeichnete. Die männlich dominierte Geschichtsschreibung hat sie jedoch aus vielerlei Gründen - politischen, ideologischen, patriarchalischen - Jahrzehnte lang unseren Blicken entzogen. Das dreifach Stigma, Frau, Jüdin und Kommunistin zu sein, garantierte - so Ingrid Strobl - aus der Geschichte verbannt zu werden; allzu häufig reichte auch nur eines dieser Attribute.
"Fragt uns, wir sind die letzten!": In diesem Heft antworten Fania Brancovskaja, Helena Kazimir und - mit ihren 1942 beendeten Erinnerungen - Gabriele Herz.
Beim Durchblättern der Kunstbände fällt noch etwas auf: Antifaschistische Künstlerinnen sind kaum vertreten, als hätte es sie nicht gegeben.
Natürlich gab es sie, doch sie gerieten - wie Helen Ernst - in "Vergessenheit". Gabriele Herz berichtet über die Künstlerin Gerda Lissack, die im Frauenkonzentrationslager Moringen Zeichnungen ihrer Mitgefangenen anfertigte. Gerda Lissack wurde 1942 in Ravensbrück ermordet, ihre Zeichnungen sind bis heute "verschollen". In den Werken von Künstlerinnen, die wir für dieses Heft ausgewählt haben - Aat Breur-Hibma, Helen Ernst, Agnes Lukacs, Janina Muszanka-Lakomska, und Gertrude Sandmann -, entdecken wir die Stärke von Frauen und schwesterliche Solidarität.
In diesem Heft schreiben Frauen über ihre Forschungen zur Frauen-Geschichte, zur Geschichte von Frauen im Faschismus. Ob gelernte Wissenschaftlerin oder an Frauengeschichte Interessierte , sie greifen Themen auf, die in der akademischen Wissenschaft keine oder nur eine männlich definierte
Rolle spielen: Kommunistinnen im sowjetischen Exil, Lesben im Nationalsozialismus, Zwangsprostitution, die Lebenssituation von Zwangsarbeiterinnen ...
Was Autorinnen und ihre in diesem Heft vorgestellten Themen verbindet, ist ein Geschichtsverständnis, das sich nicht auf ein in Daten, Fakten oder Strategien gepreßtes Wissen reduziert. Es geht nicht um sogenannte "neuere wissenschaftliche Erkenntnisse" (die gegenwärtig häufig zurück in die fünfziger Jahre führen), sondern es geht darum, die Geschichte der Hälfte der Menschheit aufzuklären. Einige Fragen sind erst in den letzten Jahrzehnten entstanden, neue werden nachkommen. Frauen können nur mit dem Wissen um ihre eigene Geschichte Verantwortung für das "nicht einmal Vergangene" (Christa Wolf) übernehmen und - das ist die Konsequenz - für Frauenrechte hier und weltweit eintreten.
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