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Am
11. April 1999 wurde die "Internationale Jugendbegegnungsstätte der
KZ-Gedenkstätte Buchenwald offiziell eröffnet. "Peter Krahulec hielt zu
diesem Anlaß den im Folgenden wiedergegebenen Vortrag.
Zur
"Zukunft der Erinnerung"
Peter
Krahulec
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Frau Staatsministerin, Herr Vorsitzender Barrier, an dieser Stelle
absichtsvoll: lieber Helmut Rook, lieber Daniel Gaede, Herr Direktor Knigge,
meine Damen und Herren,
ich
freue mich über diesen Tag, der die 54. Wiederkehr der Befreiung von innen
und von außen begeht - und ich freue mich über diese Stunde, in der die
"neue", "alte" Jugendbegegnungsstätte übergeben wird.
Ich
begleite diesen Prozeß seit längerem. Und wenn ich nach einem persönlichen
Superlativ haschen will, dann gehören der anwesende Kollege Prof.Dr.
Siegfried Wolf und ich wohl zu den "Instandbesetzern" der ersten
Stunde, als wir im Frühjahr 1990 einen "Hessischen-thüringischen
Ratschlag" in den Räumen der damaligen "Jugendherberge Albert
Kuntz" organisierten (mit ihren Betten ... unseligen Eingedenkens).
Eine
konkrete Folge war die Verabredung eines Kooparationsprojektes zwischen der
damaligen PH Erfurt und der Fachhochschule Fulda, mit ost- und westdeutschen
Studierenden also, zu einer "Spurensuche Buchenwald" in einem
gleichermaßen gesamtdeutschen Lernlabor.
In
die vielfältigen Verwerfungen hier am europäischen Ort und auch in die große
Friedensstiftung der Historikerkommission hinein haben wir immer eine Anfrage
gestellt: Die Historiker haben gesprochen; gut so. Aber wo bleiben die Pädagogen?
Und
damit zur Hauptsache: Vor Ihnen steht ein Erziehungswissenschaftler und ich
mache Ihnen einige Vorschläge zur "Zukunft der Erinnerung" - so wie
wir sie uns auf dem Ettersberg erarbeitet haben und wie wir sie uns wünschen
in der neuen alten Jugendbegegnungsstätte.
Die
Historiker haben gesprochen; gut so. Aber wo bleiben die Pädagogen?
Unser
Erfurt-Fuldaer Projekt konzentrierte sich - seinerzeit zur eigenen
Qualifikation, aber auch, um ein Modell für Bildungs- und Erinnerungsarbeit
zu stiften - ganz im Sinne des Negtschen "exemplarischen Lernens"
auf einen Tag, in dem eine ganze Epoche zusammenlief: den 16. April heute vor
54 Jahren, als der amerikanische Stadtkommandant 1000 Weimarer Bürgerinnen
und Bürger ins gerade befreite KZ befahl, "um sich von den Zuständen
dort zu überzeugen". Siegfried Wolf und ich haben die Ergebnisse jener
speziellen Unfähigkeit zu trauern in einem Buch aufgeschrieben.
"Unabgegolten"
aber im Blochschen Sinne blieb der Denkstachel, den uns die 1945 22jährige
Weimarer Zeitzeugin Gisela Hemman mit den Worten aufgab: "Wie unbedacht
man durch diese Zeit gegangen ist ...".
Das
ist doch auch die Anfrage an jeden auf dem Ettersberg Spurensuchenden: Wie
bedacht gehst Du durch Deine Zeit - und in welche Zukunft? Emphatisch ausgedrückt:
An welche Orte müßten den wir Heutigen - vermutlich auch verordnet - geführt
werden, "um uns von den Umständen heute zu überzeugen"?
Programmatisch ausgedrückt hat dies eine bedeutende US-amerikanische Stiftung
zu "Holocaust and human behavior" mit der Lernmaxime: "Facing
History and Ourselves".
Dies
ist doch der Sinn historisch-politischer Bildung in demokratischer Absicht: im
Spiegel der Geschichte sich zu erkennen als Produkt und Produzent seiner Verhältnisse
gleichermaßen. Aus dem Wissen um das, was geschehen ist, entspringen Ahnung
und Maßstäbe für das, was auch geschehen könnte. Konkreter: Aus dem Wissen
um die Verletzung von Menschenrechten, gar in der singulären Form der
nationalsozialistischen Verbrechen, resultiere eine Orientierung an der
universalen Geltung von Menschenrechten.
Ich
rufe den Artikel 1 der erst 50jährigen Charta in Erinnerung: "Alle
Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit
Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit
(Geschwisterlichkeit) begegnen." Geht nicht auch diese Forderung "so
sehr jeglicher anderen voran, daß ich weder glaube, sie begründen zu müssen
noch zu sollen?" Ist sie also nicht auch "die allererste an
Erziehung" und Bildung?
Die
didaktische Figur hierzu ist an der Jugendbegegnungsstätte Anne Frank in
Frankfurt am Main als "thematisches Dreieck" ersonnen worden.
Stellen Sie sich also bitte ein Dreieck vor. Die eine Kathete bildet
"historisches Lernen" - Wissen, was war; Wissen um das katastrophale
Scheitern einer Mehrheitsgesellschaft vor der Integration ihrer Minderheiten.
"Ge_fühlseinschließende Wissensvermittlung" nennen die KollegInnen
im Wannseeheim dies. Denn: "Die Dinge klären", sagt Hartmut von
Hentig, sei die Aufgabe von Pädagogik, aber in der Absicht, "die
Menschen zu stärken". Und dies ist die andere Kathete, die Stärkung der
Menschen durch Menschenrechtsorientierung, durch die Vermittlung von
Grundhaltungen (wie Empathie) und Kompetenzen (wie Zivilcourage), um für eine
humane, das heißt gewaltärmere und gerechtere Gesellschaft einzutreten.
Wie
bedacht gehst Du durch Deine Zeit - und in welche "Zukunft?
Und
zum Lernereignis werden Klärung und Stärkung auf der Basis von Begegnungen;
prädestiniert an Orten wie diesem, mit Menschen wie den verehrungswürdigen
Überlebenden und all jenen, die den "schmerzhaften, wunderbaren
aufrechten Gang" gingen (Volker Braun).
Letztlich
geht es um eine Form des Lernens und Umgangs mit "Anderen" und
Anderem", um eine "Unterscheidungsfähigkeit gegen
Mehrheitsstimmungen" zu gewinnen - wie Friedrich Schorlemmer anläßlich
des Schülerwettbewerbs "Zivilcourage" formulierte; damit Bürgermut
eine "ansteckende Gesundheit" werde (so Reinhard Höppner aus
gleichem Anlaß).
Mindestens
drei "Werkzeuge" sollte der Bildungsarbeiter hierfür bereit halten:
die Multiperspektivität, den biographischen Ansatz und Spurensuche als Weg
und als Ziel von Begegnung. Ich habe darüber wiederholt geschrieben; zuletzt
im Rundbrief des "Studienkreises Deutscher Widerstand". Lassen Sie
mich hier daher nur das Fundament, skizzieren, die Multiperspektivität.
Ihre
Entdeckung läßt sich ziemlich genau datieren: 1962 hörte der Rabbi Harold
Schulweis aus Kalifornien während des Eichmann-Prozesses in Jerusalem die
Zeugenaussage des deutschen Bauingenieurs Hermann Gräbe, der mehr als 300 JüdInnen
vor dem Tode rettete - nicht nur für ihn "ein schwacher Lichtschein der
Erlösung" angesichts des entsetzlichen Bildes vom ganz normalen
Menschen, das jener Massenmörder mit dem Werkzeug der Administration
offenbarte. Schulweis gründete daraufhin das "Institute for Righteous
Acts" ("Institut für Gerechte unter den Völkern") in Oakland,
um solche Retter zu finden, zu befragen und auch zu ehren. Schulweis stieß
damit eine Forschung an, die im Angelsächsischen mittlerweile boomt und
langsam auch bei uns rezipiert wird (am systematischsten am Berliner Zentrum für
Antisemitismusforschung).
Einen
vorläufigen Höhepunkt an Brillanz fand sie in einem der schönsten, weil
ehrlichen und doch Mut machenden Bücher, das ich je gelesen habe, Eva
Fogelmans Lebenswerk: "Wir waren keine Helden", 1995 auf deutsch bei
Campus. Die Milgram-Doktorandin "fesselten jedoch nicht", wie sie
schreibt, "die Menschen, die der Autorität gehorchten, sondern die
anderen, die ihr nicht Folge leisteten". In zehn Jahren cführte sie über
300 Tiefeninterviews mit RetterInnen weltweit - immer erstaunt über das
monumentale Mißverhältnis: "In den von Nazis besetzten Gebieten lebten
fast 700 Millionen Menschen. Nur ein verschwindend geringer Bruchteil von
ihnen war an Rettungsaktivitäten beteiligt."
Und
dennoch: Es gab sie! Und sie können ein die Zeit überdauerndes Modell
abgeben auf die Fragen: Wie wird ein Mensch mutig? Was sind die Bedingungen für
Zivilcourage heute, da nur eine Art "Gratismut" verlangt wird?
Die
"rescuer"-Forschung (so der angelsächsische Terminus) läßt sich
so zusammenfassen: Helfermenschen (rescuer) haben relativ übereinstimmende
Merkmale:
-
eine moralisch stabile Bezugsperson in Kindheit und Jugend;
-
ein gesellschaftliches Außenseiterdasein im Sinne von Nonkonformismus;
-
eine ausgeprägte Urteilskraft in schwierigen Situationen gepaart mit
Selbstwertgefühl und Selbstwirksamkeitskompetenz;_
-
ein großes Maß, um sich in die Lage anderer hineinzuversetzen: Sie
verfügen also über die Schlüsselqualifikation der EMPATHIE!
Im
Kontext einer allgemeinen Menschenrechtserziehung erscheinen aber nicht nur
die Retter im multiperspektiven Blick, sondern auch ihr majoratives Gegenbild:
die "bystanders", die Zu-, besser Wegschauer. Leitmotivisch stehe
ein Einstein-Wort: "Die Welt ist zu gefährlich, um darin zu leben -
nicht wegen der Menschen, die Böses tun, sondern wegen der Menschen, die es
zulassen."
Das
scheint mir der Kern von Multiperspektivität zu sein: In den Blick geraten
nicht nur "Täter" und "Opfer", sondern mit neuem
Schwerpunkt auch die "Zuschauer" und die "Retter" und die
"Widerständler". Den Zuschauern, den Unterlasser_n wird eine Schlüsselrolle
zugewiesen, dabei aber auf das Konzept der "Handlungsspielräume"
beharrlich hingewiesen.
"Facing
History and Ourselves" nimmt dazu leitmotivisch ein Gedicht von Robert
Frost: "The Way not taken" - den Weg, den ich nicht genommen habe.
Und dieses endet mit dem Vers: "and that has made all the
difference" - und das hat den ganzen Unterschied ausgemacht.
Eva
Fogelman faßt die Moral ihrer RetterInnen-Studie mit einem Gedicht der
ungarischen Jüdin Hannah Senesh zusammen:
"Es
gibt Sterne,
deren Strahlen auf Erden noch
sichtbar sind,
obwohl sie längst verloschen.
Es gibt Menschen,
die die Welt mit ihrem Glanz
erleuchten,
obwohl sie nicht mehr unter den
Lebenden weilen.
Diese Lichter sind am hellsten,
wenn die Nacht am finstersten.
Sie leuchten der Menschheit
ihren Weg".
Dieses
Licht möge auch in die Internationale Jugendbegegnungsstätte fallen.
"Spurensuche als Weg und als Ziel von Begegnung"
kann ich kurz abhandeln. Es gibt ja die hervorragende achtbändige
Reihe mit höchstem Gebrauchswert des schon erwähnten Frankfurter
"Studienkreises", betitelt: "Heimatgeschichtliche Wegweiser zu
Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933- 1945". Wenn
"Grabe, wo Du stehst" die Topographie forschenden Lernens
bezeichnet, dann geben uns die "Wegweiser" zielführende Wünschelr
uten an die Hand für die Wiederaneignung einer demokratischen
Heimatgeschichte. An den beiden, von der Hessischen Landeszentrale für
politische Bildung geförderten Hessen-Bänden hatte ich Gelegenheit
mitzuarbeiten. Ich_ höre, daß für Thüringen die planerischen
Vorbereitungen, das heißt immer auch die Finanzierungsanträge laufen. Fürs
entdeckende Lernen aber selbst wünsche ich mir den Lernort Jugendbildungsstätte
als Nukleus zur Entwicrklung jenes Maßstabs Nummer 1 für
"Bildung", wie ihn wiederum Hartmut von Hentig 1996 postulierte:
"Abscheu vor und Abwehr von Unmenschlichkeit".
Ich
erinnere daran, daß bereits Stanley Milgrams Erkenntisinteresse für seine
legendären Gehorsams- und Willfährigkeitsexperimente einer möglichen
Wiederholbarkeit des Holocaust galt unter den Bedingungen einer formalem
Demokratie. Denn, so Milgram, "wenn man das Problem ausschließlich
historisch behandelt, verleiht man ihm eine allzu große, zu Illusionen
verleitende Distanz" - der Illusion nämlich, Demokratie sei ein
unverlierbarer Besitz.
Facing
History "and Ourselves
Und
damit wäre schließlich auch die Brücke geschlagen zur didaktischen
Wirksamkeit des biografischen Ansatzes.
Für meine eigene Lernbiografie habe ich einen Grund-Satz gehört, an dem ich
noch lange abzuarbeiten habe. Die heute 86jährige Ellie Wilde aus Gersfeld in
unserer Rhön hat in den dreißiger Jahren den Juden Theophil Posen in ihrem
Haus versteckt und ihn schließlich, da sie als Rotkreuzhelferin eine Möglichkeit
dazu sah, mit selbst gefälschten Papieren in die Schweiz
"geschmuggelt". Das Erschütternde aber kommt erst: Wenn ich sie
heute frage, "warum" sie das gemacht hat und wieso gerade sie,
versteht sie meine Fragen gar nicht. "Wir warn uns doch gut ...",
sagt sie schließlich.
"Wir
warn uns doch gut". Wie das geht, daß Menschen einander "gut"
sind, daran arbeiten Siegfried und Wolf und ich. Und wenn es hilfreich
erscheint: gerne auch in dieser neuen alten Jugendbegegnungsstätte ...
Peter
Krahulec ist Professor am Fachbereich für Sozialwesen an der Fachhochschule
Fulda und Mitglied des Vorstandes und des wissenschaftlichen Beirates des
Studienkreises Deutscher Widerstand.
"informationen"
Nr. 50, November 1999
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