Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945 e.V.

50 "informationen" - eine Auswahl

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Heft 1/1976: Zum Geleit

Angesichts der sprunghaft angestiegenen Papierpreise und der horrenden Portokosten gehört für einen kleinen Interessenverband ein erhebliches Maß an Mut und Überzeugung dazu, mit einem Informationsblatt an die Öffentlichkeit zu treten. Doch wer es ernst meint mit der Vermittlung der Geschichte des deutschen Widerstandes und dies nicht nur als eine historische, sondern auch als eine politische Aufgabe ansieht, ist hierzu wohl verpflichtet.

Bereits bei der Gründung des Studienkreises im Jahre 1967 wurde von dem damaligen, leider so früh verstorbenen Vorsitzenden Prof. Dr. Heinz-Joachim Heydorn darauf hingewiesen, daß eine wirksame Vermittlung des antifaschistischen Kampfes, vor allem an interessierte Studenten, nur möglich ist, wenn in umfassender Art und Weise Materialien aus öffentlichen und privaten Quellen zentral archiviert werden.

Diesem Zweck dient das in Aufbau befindliche Dokumentationsarchiv. Doch die Sammlung von Erlebnisberichten, Gestapodokumenten usw. sowie die Einrichtung einer umfassenden Bibliothek allein reichen nicht aus. Es ist die Information darüber, die es dem Interessenten ermöglicht, sich faktenmäßig die Voraussetzungen für Arbeiten, sei es auf publizistischem oder pädagogischem Gebiet, zu schaffen.

Die vierteljährlich erscheinenden Informationen werden laufend über den jeweiligen Stand der Sammlung informieren ein zusätzlicher Katalog ist in Vorbereitung.

Historiker, Pädagogen und Politologen werden kurze Beiträge über Probleme sowohl der Forschung als auch der Vermittlung der Geschichte des antifaschistischen Widerstandes und der NS-Verfolgung schreiben sowie wichtige Neuerscheinungen besprechen.

Die Hefte erheben nicht den Anspruch, als Fachzeitschrift angesehen zu werden. Sie sollen informieren und dadurch Hilfestellung geben für alle, die bereit sind, aus dem Widerstandskampf und seinen Lehren Schlußfolgerungen für die Gegenwartsauseinandersetzung zu ziehen. Geschichte als Lehrmeisterin der Politik - das ist das Motto dieser "Informationen" und der Arbeit des Studienkreises.

Heft 3/1976: Schwerpunkt: Widerstandsforschung vor Ort

Wollte man den Anteil antifaschistischer Bücher an den Neuerscheinungen der diesjährigen Frankfurter Buchmesse in Prozenten ausdrücken, so wären dies nur Bruchteile. Tatsächlich jedoch haben diese Titel, von denen wir einige in dieser Nummer vorstellen, weit größere Bedeutung. Trotz aller Erschwernisse ist die antifaschistische Widerstandsforschung zu einem nicht mehr zu negierenden Aspekt der Zeitgeschichte geworden. Bahnbrechend waren und sind gewiß nicht die Fachhistoriker, von Ausnahmen abgesehen, sondern die Widerstandskämpfer selbst und heute mit ihnen vor allem Lehrerstudenten, junge Historiker, die sich an die oft mühevolle, zeitaufwendige Arbeit setzen. Daß hier noch viel zu tun ist, zeigt ein Blick in die einschlägigen Bibliographien. Der Weg, der heute von vielen Arbeitsgruppen und einzelnen Forschern beschritten wird, ist erfolgversprechend, denn nur über eine Vielzahl lokaler und regionaler Studien wird sich ein vollständiges, konkretes, problembewußtes und der historischen Bedeutung gerecht werdendes Bild des antifaschistischen deutschen Widerstandes in seiner ganzen Breite herstellen lassen.

Die lokale und regionale Arbeitsweise hilft mit Sicherheit auch am besten, eines unserer Hauptprobleme, das der Quellensicherung, zu lösen. Dazu gehören vor allem die Interviews und Aufzeichnungen der Widerstandskämpfer selbst, dann aber auch das Durchforsten der verschiedenen staatlichen, kommunalen und privaten Archive. Leider ist es so, daß - von wenigen Ausnahmen abgesehen - die meisten Archive bisher keine Spezialinventare über den antifaschistischen Widerstand angelegt haben, bzw. eine Reihe von Quellen noch bei Verwaltungen oder Gerichten lagern.

Das Dokumentationsarchiv des deutschen Widerstandes, dessen Bestände zur Zeit nach Ortsnamen, Regionen, Personennamen und Sachbegriffen aufgeschlüsselt werden, wird dazu beitragen, daß die Forschungssituation auch im lokalen Bereich verbessert wird.

Allen Arbeitsgruppen sind wir für Hinweise auf Fundstellen dankbar, ebenso wie wir der Meinung sind, daß ein Erfahrungsaustausch über diese Fragen in den ,,Informationen" sehr nützlich wäre.

Die Verankerung des antifaschistischen Widerstandskampfes in der lokalen Geschichte ist nicht zuletzt ein wesentlicher Beitrag zur Bildung eines demokratischen Geschichtsbewußtseins. Man muß den antifaschistischen Widerstandskämpfern, wie ihre Vorfahren als ,,vaterlandslose Gesellen" verfemt, ihren Platz in jeder Stadt, in jedem Dorf, in ihrer Heimat zurückerobern - und vor allem auch ihren Platz im Geschichtsunterricht (...)

Heft 8/1978: Erfahrungen mit Schulklassen in der KZ-Gedenkstätte Dachau

Die Gedenkstätte und das Museum des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau wurden seit der Eröffnung im Frühjahr 1965 von rund 5 Millionen Menschen besucht. Von Anfang an war der Anteil der ausländischen Besucher höher als der der Deutschen (bis zu 75%), eine seit dem Jahr 1975 feststellbare radikale Steigerung der Besucherzahlen, die vor allem auf den anwachsenden Besuch von deutschen Schulklassen und Jugendgruppen zurückzuführen ist, hat die Gewichtung etwas zugunsten der deutschen Besucher verschoben, deren Anteil jetzt bei etwa 40% liegt. Der überwiegende Teil dieser deutschen Besucher sind also Jugendliche in schulpflichtigem Alter. In immer stärkerem Maße wird deshalb auch die Arbeit an der Gedenkstätte von den Bedürfnissen und Ansprüchen dieser Besuchergruppe bestimmt.

Aus einem kontinuierlichen Erfahrungsaustausch mit Schülern, Lehrern und pädagogischen Institutionen lassen sich dazu folgende Aussagen machen:

- In Dachau, das, als erstes KZ in Nazideutschland zur Ausschaltung der politischen Gegner errichtet, zur Schule für die SS wurde und dessen Name bis heute ein Begriff für Unmenschlichkeit geblieben ist, läßt sich noch immer - auch für Jugendliche zwei Generationen später - auf nicht vergleichbare Weise vermitteln, was Faschismus in letzter Konsequenz bedeutete.

Die sachliche Information durch die ausgestellte Dokumentation und den Film wird ergänzt durch die emotionale Begegnung mit dem Ort.

- Vor allem Schulklassen aus kleinen, entlegenen Ortschaften, wo es kaum Anschauungsmaterial zu diesem Thema gibt, ist der Besuch in Dachau oft eine eindrucksvolle Erfahrung. Bezeichnenderweise kommen auch immer mehr Gruppen aus ländlichen Gebieten.

- Für Lehrer, die wenig Möglichkeiten und Anregungen haben, sich über dieses The ma zu informieren, gibt der Besuch in Dachau oft den Anstoß, es stärker in den Unterricht einzubeziehen und sich um zusätzliches Material zu bemühen.

Wesentliche Voraussetzung jedoch, daß der Besuch der Gedenkatätte für den Jugendlichen zu einer positiven Lernerfahrung wird, sind Vorbereitung in der Schule, Betreuung während des Rundgangs und eine anschließende Aussprache, bei der Fragen beantwortet und Vorbehalte geäußert werden können. Da die wenigen Mitarbeiter der Gedenkstättenverwaltung nicht in der Lage sind, die Betreuung während des Besuchs zu übernehmen - (auf Anfrage wird Klassen eine kurze Einführung gegeben, allerdings sind die Anfragen dafür zahlenmäßig so angestiegen, daß kaum noch allen Rechnung getragen werden kann - in Einzelfällen können Diskussionen in der Verwaltung durchgeführt werden, wo allerdings nur ein kleiner Raum zur Verfügung steht), hängt der Erfolg letzten Endes wesentlich vom Wissen und Engagement des Lehrers ab, der seine Klasse nach Dachau führt.

Es ist festzustellen, daß eine nicht geringe Zahl der Klassen offenbar ohne Vorbereitung und völlig auf sich gestellt durch die Gedenkstätte geschickt wird (nach dem Motto: "In zwei Stunden seid ihr wieder am Parkplatz"). Eine aus Vorurteilen und Halbwissen entstehende Unsicherheit schlägt dann leicht in Aggressivität um und führt manchmal sogar zum Randalieren. Man muß annehmen, daß der Eindruck der Dokumentation und des Films unter solchen Bedingungen ohne nachhaltige Wirkung bleibt.

Dem gegenüber stehen positive Erfahrungen mit gut vorbereiteten Schülern, die manchmal mit vorher erarbeiteten Fragen durch die Ausstellung gehen und deren Lehrer bei auftauchenden Unklarheiten zur Verfügung stehen. In einer an den Rundgang anschließenden Diskussion wird der Klasse die Möglichkeit gegeben, Kritiken und Fragen zu dem Gesehenen zu artikulieren. Oft werden gerade dann die aus dem Elternhaus mitgebrachten Vorurteile und Fehlinformationen zur Sprache gebracht. Außerdem hat sich gezeigt, daß vielen Jugendlichen, die persönliche Begegnung mit einem ehemaligen Häftling und aktiven Gegner Hitlers ein nachhaltiges Erlebnis sein kann, das ihnen Möglichkeiten zur Identifizierung bietet und ein Gegenmodell zum Mitläufertum ihrer Eltern - oder Großeltern - vorführt, das ihnen bis dahin zumeist völlig unbekannt war. Immer mehr Lehrer bemühen sich, den Besuch ihrer Klasse in Dachau mit einer solchen Begegnung zu verbinden; allerdings müssen es bei mehr als 3.000 Schulklassen pro Jahr Ausnahmen bleiben, da nur noch wenige ehemalige Dachauer Häftlinge als Gesprächspartner zur Verfügung stehen.

Die Leitung der Gedenkstätte hat sich bemüht, dazu beizutragen, daß mehr gutes Informationsmaterial erstellt wird, das eine sachkundige Vorbereitung ermöglicht: Neben einigen kleineren Broschüren zur Geschichte des Lagers und der Gedenkstätte wurde nun ein Gesamtkatalog der ausgestellten Dokumentation erstellt, der auch für den Unterricht als Quellenmaterial verwendet werden kann (...)

Barbara Distel

Heft 15/1980: Gedenkstätten und lnformationszentren zur Geschichte von Verfolgung und Widerstand 1933-1945

Immer mehr Menschen, vor allem Schulklassen und Jugendgruppen, suchen in ihrem antifaschistischen Engagement nach Erinnerungen an die Zeit 1933-1945, nach Gedenkstätten, Mahnmalen und Friedhöfen, auf denen Opfer der NS-Diktatur und Kämpfer gegen den Faschismus beigesetzt sind. Dabei machen sie nur allzu oft die Erfahrung, daß es in ihrer jeweiligen Stadt schlecht bestellt ist mit dem Gedenken an die Widerstandskämpfer und die Opfer des Faschismus. Es fehlen in Stadtchroniken und Stadtplänen Erwähnung und Hinweise auf die Stätten des Kampfes und des Leidens. Soweit aber Aufzeichnungen in einzelnen Städten vorhanden sind, wird in den meisten Fällen wenig getan, um solche Orte einem breiten Publikum bekanntzumachen und dafur zu sorgen, daß dieser Teil unserer Geschichte nicht dem Vergessen anheimfällt.

Um das anwachsende Interesse zu fördern, erscheint es dringend notwendig, einen Katalog der auf dem Boden der Bundesrepublik Deutschland vorhandenen und geplanten Gedenkstätten und Informationszentren zusammenzustellen. Als Vorbereitung für diese Arbeit soll im folgenden mit einer ersten Aufstellung begonnen werden, wobei wir uns des vorläufigen Charakters bewußt sind.

Diese Aufstellung benennt die Gedenkstätten, die es in ehemaligen Konzentrationslagern und einigen ihrer Außenkommandos gibt.

In vielen Städten der Bundesrepublik gibt es bekannte und unbekannte Mahnmale, Ehrenmale, Denkmale, die in den geplanten Katalog aufgenommen werden sollen; für diese Auflistung werden einige Städte ausgewählt.

Aufgenommen sind ferner Museen, Archive und Ausstellungen, die sich mit der Dokumentierung und Vermittlung des genannten Komplexes befassen. Eine neue Tendenz in der Vermittlung von Geschichte bieten alternative Stadtpläne und Stadtrundfahrten zu Stätten der Arbeiterbewegung, zu Stätten des antifaschistischen Kampfes und zu Stätten des Leidens und der Verfolgung, die als notwendige Ergänzung vorhandener offizieller Stadtführer und -pläne anzusehen sind. Die inzwischen vorliegenden alternativen Stadtplane und Stadtrundfahrten wurden hier mit aufgenommen.

Über den Rahmen der Bundesrepublik hinaus wird in steigendem Maße von Einzelpersonen, Studienreisenden und Feriengruppen der Besuch von Gedenkstätten in näherer und weiterer Entfernung geplant und realisiert. Wir beabsichtigen daher in diesen Katalog die wichtigsten Gedenkstätten und lnformationszentren in West-Berlin und in der Deutschen Demokratischen Republik mitaufzunehmen; eine Aufstellung weiterer ausländischer Gedenkstätten - in den ehemals vom deutschen Faschismus überfallenen Ländern - ist ebenso geplant wie die Auflistung derjenigen Literatur, die die historische Aufarbeitung des Geschehens präsentiert, für die die Gedenkstätten und Mahnmale errichtet wurden.

Wir richten die dringende Bitte an unsere Leser, uns mit Hinweisen auf Gedenkstätten, Ehrenmale, Friedhöfe, Gedenksteine, Gedenktafeln, bekannten und vergessenen Mahnungen an die Zeit des deutschen Faschismus zu helfen.

Barbara Mausbach Bromberger

Heft 22/1985: Der 8. Mai 1945 - Befreiung oder Katastrophe?

Der Tag der Katastrophe, nicht nur für die Arbeiterbewegung, sondern auch für den Rest der demokratischen Rechte und aller Hoffnungen auf Verteidigung der Humanität, die die Periode der Präsidialdiktatur, begonnen mit dem Brüning-Regime, noch überdauert hatten, war der 30. Januar 1933. Der Zweite Weltkrieg war die notwendige Konsequenz dieser Katastrophe, und also auch dessen unvermeidliche Folge, die totale Niederlage und der Untergang des Dritten Reiches.

Mit dieser Katastrophe hatte eine neue Phase des antifaschistischen Kampfes in Deutschland begonnen, die des illegalen Widerstandes. Er wurde sogleich vom revolutionären Flügel der geschlagenen Arbeiterbewegung aufgenommen, wo auch immer er parteipolitisch organisiert war. Bald kamen Teile ihres vorher reformistischen Flügels hinzu, auch dürfen die - zahlenmäßig sehr geringen - Gruppen der für ihr Bewußtsein bürgerlichen Intelligenz nicht vergessen werden, die sich sogleich gegen die Akklamierung des Ermächtigungsgesetzes durch alle bürgerlichen politischen Parteien im deutschen Reichstag gewendet haben, weil sie ihren demokratischen oder christlichen Traditionen treu bleiben wollten.

Diese Widerstandsbewegung im Dritten Reich stützte sich nur auf Kader und konnte, nachdem der wirtschaftliche Aufschwung - durch die Aufrüstung angeregt und hochgetrieben - sich durchgesetzt hatte, nur noch Kader stabilisieren, aber keine Massen mehr zu eigenem Handeln mobilisieren. Sie war zu schwach, um 1939 den Beginn des Krieges zu verhindern.

Die Minderheitsgruppierungen in den nach wie vor ökonomisch und politisch herrschenden Klassen und Schichten, die vor der Münchener Konferenz 1938 gegen einen nach ihrer Meinung zu frühen Beginn des Krieges aus Gründen des zu hohen militärischen Risikos Bedenken hatten, haben sich dann bald wieder eingefügt und nach den militärischen Erfolgen Hitlers im Westen 1941 dem Überfall auf die UdSSR begeistert zugestimmt, um erst nach der Winterschlacht vor Moskau ihre Kritik zum Teil wieder aufzunehmen. In dieser militärischen und bürgerlichen Opposition - so klein sie selbst nach der für jedermann, der noch Reste von Vernunft bewahrt hatte, deutlich erkennbaren endgültigen Entscheidung des Krieges durch Stalingrad und nach der Landung der Westalliierten zunächst in Nordafrika und nach allzu langem Zögern endlich auch in Frankreich geblieben war - war wiederum nur eine winzige Minderheit zu humanistischen Vorstellungen vorgedrungen, so daß ihre Ablehnung dieses Krieges und der Diktatur Hitlers und der Unmenschlichkeiten des Dritten Reiches, sich auf mehr als auf bloße militärische Opportunitätsvorstellungen bezogen hätte.

Das Scheitern aller dieser Gruppierungen um den 20. Juli 1944 ließ von nun an keinen anderen Weg zum Frieden und zur Vernichtung des Regimes der totalen Unmenschlichkeit mehr offen als den militärischen Sieg der Staaten, die Hitlers Angriffe in einer Koalition der Selbstverteidigung zusammengeführt hatte.

Spätestens seit dem Scheitern dieses letzten - noch so halbherzigen - Versuches der Selbstbefreiung des deutschen Volkes gab es keine reale Chance mehr, das Regime der totalen Inhumanität, die es in der europäischen Geschichte seit dem Mittelalter und der Hexenverfolgung gegeben hatte, vom deutschen Volke abzuschütteln als den Sieg der Alliierten.

Deshalb war der 8. Mai 1945 als Tag der vollständigen Kapitulation der geschlagenen militärischen Kräfte des Dritten Reiches auch vom Gesichtspunkt der Widerstandskräfte im deutschen Volk aus gesehen nicht ein Tag der Katastrophe, sondern - so viel Leid er auch immer für Teile der Bevölkerung mit sich bringen mochte - vor allem ein Tag der Befreiung. Ohne ihn hätte es keine Möglichkeit zur Wiederanknüpfung an humane Traditionen im deutschen Volk gegeben.

Wo auch immer wir im übrigen weltanschaulich oder politisch stehen mochten, wir haben seit Beginn des Krieges darum gewußt, daß nur die Niederlage des Dritten Reiches die Hoffnung auf einen Neubeginn in Anknüpfung an seine besseren Traditionen eröffnen können. Deshalb waren wir seit dem ersten Tag des Krieges entschlossen, alles zu tun, um zur möglichst baldigen Katastrophe des Herrn Hitlers beizutragen. Bei uns konnte es damals keinen Zweifel daran geben, daß - wie widerspruchsvoll und verschlungen die Wege des Geschichtsprozesses auch immer künftig laufen mochten (zumal seit 1941 kapitalistische und imperialistische Mächte mit sozialistischen Staaten gemeinsam gegen Hitler kämpften) -, doch alles getan werden müsse, um deren Sieg über das Dritte Reich zu fördern. Je früher er kam, desto weniger Mitmenschen würden durch seinen unmenschlichen Terror geschunden und ermordet werden können.

Deshalb war der Tag der Kapitulation am 8. Mai 1945 nicht nur für die vom Dritten Reich angegriffenen Staaten, sondern auch für das deutsche Volk der Tag der Befreiung, der Tag der Entlastung der Welt vom unmenschlichsten politischen System, das sie bis dahin gekannt hat.

Wer heute zu diesem Tag nach vierzig Jahren Stellung nimmt, kennt alles, was im Dritten Reich und seinem Krieg geschehen ist. So ist dieser Tag zum eindeutigen Mittel geworden, zwischen denen zu unterscheiden, die um der Vorteile ihrer Klassen und Schichten willen erneut bereit sein würden, Brutalität in extremster Form hinzunehmen und denen, die für eine Zukunft der Menschheit und auch des deutschen Volkes eintreten wollen, in der kein Rückfall in faschistische Barbarei mehr denkbar ist.

Wolfgang Abendroth

Heft 21/1984: Gedenkfeier zum 40. Todestag von Johanna Kirchner

(...) Hanna Kirchner war ein lebendiges Stück Tradition und selbstverständliches "An sich selbst glauben" der Arbeiterbewegung. Aus ihrer Familientradition hatte sie den Gedanken, daß es einer Partei, die die Arbeiterklasse zu Selbstbewußtsein, zu Klassenbewußtsein, zu Klassenkampf erziehen müsse, bedürfe, ganz selbstverständlich mitgebracht. Sie war keine Theoretikerin.

Hanna Kirchner war eine Frau, in der sich dies Selbstverständnis der deutschen Arbeiterbewegung verkörperte und die immer wieder auch in steter gegenseitiger menschlicher Hilfe in dieser Arbeiterbewegung lebte. Daher ihre frühe Arbeit in der Arbeiterwohlfahrt. Daher aber auch eine andere Seite ihres Lebens und ihres Denkens: die Spaltung der Arbeiterbewegung, sie hat um sie gewußt und hat unter ihr gelitten. Sie hatte ihre eigene politische Position in dieser Spaltung. Aber gleichwohl, trotz der Spaltung blieb das Empfinden, daß der Kampf der Arbeiterbewegung einheitlich bleiben müsse, das hat sie gewußt und das hat sie gelebt. Für sie war es kein Unglück, daß ihre Kinder in den Fraktionspositionen innerhalb der Arbeiterbewegung andere Wege gegangen sind, als sie glaubte, sie gehen zu müssen.

Es war kein Grund für sie, hier die Solidarität, die die ganze Bewegung umfassen müsse, aufzulösen. Und für sie war deshalb nach der schrecklichen Niederlage des Jahres 1933 in Deutschland und nach dem Versagen vieler Organisationsspitzen der Arbeiterbewegung die Wiederaufnahme des illegalen Kampfes zur Stabilisierung des Klassenbewußtseins der Arbeiterbewegung selbstverständlich. Und für sie war es ebenso selbstverständlich, daß nach den Rückschlägen in diesem Kampfe, die sie zur Emigration zwangen, dann in der Emigration der gleiche Kampf aufgenommen werden müsse. (...)

Sie hatte in ihrem eigenen Leben erfahren, diese Wendung ist notwendig, und diese Wendung muß gemeinsam gegangen werden von beiden Parteien der Arbeiterklasse, und in diese Wendung muß man große, demokratisch denkende Teile auch der katholischen Bevölkerung und des Bürgertums einbeziehen.

Für sie war es unverständlich, wie Carl Severing in seinen Memoiren das noch nach 1945 beschreibt, daß manche früheren Führer der alten Arbeiterbewegung gleichwohl, obwohl im Reich der Terror und Hitler herrschten, für das Reich eintreten wollten. Und deshalb war für sie diese Periode der Einheitsfront im Saargebiet, diese Periode des gemeinsamen Kampfes beider Parteien der Arbeiterklasse, eine Periode seelischen Wiederaufschwungs. Sie hat ihr geholfen, das Entsetzen und die Trauer über die Katastrophe im Reich zu überwinden.

Hanna Kirchner hat dann noch größere spätere Niederlagen erleben müssen. Als sie in Forbach nach der Saarabstimmung die Flucht vieler Funktionäre der Arbeiterbewegung aus dem Saargebiet und aus dem Reich organisierte, da konnte sie damals noch mit Lore Wolf zusammenarbeiten, die für die Rote Hilfe ähnliche Arbeit am gleichen Ort geleistet hat.

Beide haben alles getan, um deutsche Genossen auch für den Kampf in Spanien zu gewinnen. Otto Niebergall hat es eingehend beschrieben. Diese Einheitsfront, diese gemeinsame Verteidigung von Demokratie und Sozialismus über alle Organisationsgrenzen hinweg, sie ist dann in den Wirren der folgenden Jahre noch vor Beginn des Zweiten Weltkrieges zerschlagen worden. Zerschlagen aus vielen Gründen, da gab es natürlich auch Gegensätze in der spanischen Führung, und da gab es vorher jenen furchtbaren Rückschlag, den die Weigerung der französischen Volksfrontregierung unter Leon Blum bewirken mußte, die spanische Republik aktiv zu unterstützen, und da gab es endlich die entsetzliche Welle der stalinistischen Prozesse in der SU. So kam das, was in jeder Emigration anscheinend in zunächst aussichtloser Lage immer wiedergekommen ist; das Wiederaufleben sinnloser Fraktionskämpfe der Emigrierten untereinander.

Hanna Kirchner hat darunter gelitten, Hanna Kirchner hat aber bewußt alles getan, um die Übersteigerung solcher Fraktionskämpfe möglichst hintanzuhalten und hat ihre Verbindung zu anderen Politischen Gruppierungen als der Sozialdemokratie aufrechterhalten, auch zu ihren Töchtern. Gewiß, alle, die diese Zeit erlebt haben, und wir, die wir damals im illegalen Kampf in Deutschland standen, haben jene erneute Übersteigerung von Fraktionsauseinandersetzungen - vor allen Dingen in der Emigration, damals kaum im Deutschen Reich selbst - als Rückschlag empfunden. Dieser Rückschlag hat uns seelisch manchmal stärker bedrückt, als der Terror, unter dem wir lebten und gegen den wir anzukämpfen hatten.

Ähnlich ist es zweifellos auch Hanna Kirchner draußen in Frankreich gegangen. Und so hat sie Niederlage nach Niederlage erleben müssen. Sie hat es getan, ohne den Glauben an die Sache, ohne die Einsicht, daß man um der Sache Willen weiterkämpfen müsse, jemals zu verlieren. Das hat sich niemals geändert. Und so muß Hanna Kirchner uns Vorbild bleiben, Vorbild gerade auch in diesem Glauben. Unser Vorbild auch darin, daß wir lernen müssen, auch Rückschläge ertragen zu können, ohne den Kampf auch nur einen Augenblick aufzugeben.

Wir wissen, in welcher Lage wir heute stehen. Wir wissen, mit welchen Mitteln die Bundesregierung versucht, den Kampf von IG Metall und IG Druck und Papier für die 35-Stundenwoche zurückzuwerfen. Wir wissen, wie mit allen Mitteln die Friedensbewegung verdrängt werden soll, wir wissen, daß in dieser Bundesrepublik - etwas, was es in dieser Form erst ganz am Ende der Weimarer Republik gegeben hat - die Berufsverbote sich als ganz selbstverständlicher Tatbestand eingefressen haben. Und wir wissen, eine Hanna Kirchner, sie hätte versucht, in allen diesen Fällen mobil zu machen, und die Kräfte, die hier mitkämpfen wollen1 um Demokratie und Sozialismus zu schützen, zusammenzuführen, auch wenn sie in anderen Fragen noch so große Differenzen haben. Dessen sollten wir auch am 40. Jahrestag der Ermordung Hanna Kirchners gedenken. Und wir sollten auch nicht vergessen: diesen Mördern, was ist ihnen denn nach 1945 passiert? Diese Richter des Volksgerichtshofes und der politischen Senate der Oberlandesgerichte, nun, sie blieben - nach Beginn des "Kalten Krieges" aus vorübergehender Schutzhaft entlassen - nicht nur in Freiheit, sie sind zum großen Teil in die deutschen Gerichte zurückgekehrt, und niemand hat danach gefragt. Der Bundesgerichtshof hat entschieden, daß die Mitwirkung an Todesurteilen im Volksgerichtshof kein strafbarer Tatbestand sei. Denn man habe ja nur damals geltendes Recht zur Anwendung gebracht. Wir alle haben das geduldet. Dürfen wir es dulden?

Ist es nicht die Pflicht aller, die Johanna Kirchner gedenken, um dieses Gedenkens willen den Kampf um die Demokratisierung der Justiz in der BRD weiterzuführen? Ist es nicht unser aller Pflicht, beim Kampf der Gewerkschaften um die 35-Stundenwoche alle Versuche, gottseidank heute nicht mehr der unteren Arbeits- und Sozialgerichte, aber höherer Gerichte zurückzuweisen, hier mit Verbiegung des Rechts den Unternehmern zur Hilfe zu kommen?

Müssen wir uns nicht erinnern, wie die Weimarer Republik starb? Sie starb daran, daß die Arbeiterklasse nicht rechtzeitig gekämpft und sich nicht rechtzeitig gemeinsam gewehrt hat. Das darf kein zweites Mal passieren. Hanna Kirchner darf nicht umsonst gestorben sein.

Wolfgang Abendroth  

"informationen" Nr. 50, November 1999

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