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Heft
1/1976: Zum Geleit
Angesichts
der sprunghaft angestiegenen Papierpreise und der horrenden Portokosten gehört
für einen kleinen Interessenverband ein erhebliches Maß an Mut und Überzeugung
dazu, mit einem Informationsblatt an die Öffentlichkeit zu treten. Doch wer
es ernst meint mit der Vermittlung der Geschichte des deutschen Widerstandes
und dies nicht nur als eine historische, sondern auch als eine politische
Aufgabe ansieht, ist hierzu wohl verpflichtet.
Bereits
bei der Gründung des Studienkreises im Jahre 1967 wurde von dem damaligen,
leider so früh verstorbenen Vorsitzenden Prof. Dr. Heinz-Joachim Heydorn
darauf hingewiesen, daß eine wirksame Vermittlung des antifaschistischen
Kampfes, vor allem an interessierte Studenten, nur möglich ist, wenn in
umfassender Art und Weise Materialien aus öffentlichen und privaten Quellen
zentral archiviert werden.
Diesem
Zweck dient das in Aufbau befindliche Dokumentationsarchiv. Doch die Sammlung
von Erlebnisberichten,
Gestapodokumenten usw. sowie die Einrichtung einer umfassenden Bibliothek
allein reichen nicht aus. Es ist die Information darüber, die es dem
Interessenten ermöglicht, sich faktenmäßig die Voraussetzungen für
Arbeiten, sei es auf publizistischem oder pädagogischem Gebiet, zu schaffen.
Die
vierteljährlich erscheinenden Informationen werden laufend über den
jeweiligen Stand der Sammlung informieren ein zusätzlicher Katalog ist in
Vorbereitung.
Historiker,
Pädagogen und Politologen werden kurze Beiträge über Probleme sowohl der
Forschung als auch der Vermittlung der Geschichte des antifaschistischen
Widerstandes und der NS-Verfolgung schreiben sowie wichtige Neuerscheinungen
besprechen.
Die
Hefte erheben nicht den Anspruch, als Fachzeitschrift angesehen zu werden. Sie
sollen informieren und dadurch Hilfestellung geben für alle, die bereit sind,
aus dem Widerstandskampf und seinen Lehren Schlußfolgerungen für die
Gegenwartsauseinandersetzung zu ziehen. Geschichte als Lehrmeisterin der
Politik - das ist das Motto dieser "Informationen" und der Arbeit
des Studienkreises.
Heft
3/1976: Schwerpunkt: Widerstandsforschung vor Ort
Wollte
man den Anteil antifaschistischer Bücher an den Neuerscheinungen der diesjährigen
Frankfurter Buchmesse in Prozenten ausdrücken, so wären dies nur Bruchteile.
Tatsächlich jedoch haben diese Titel, von denen wir einige in dieser Nummer
vorstellen, weit größere Bedeutung. Trotz aller Erschwernisse ist die
antifaschistische Widerstandsforschung zu einem nicht mehr zu negierenden
Aspekt der Zeitgeschichte geworden. Bahnbrechend waren und sind gewiß nicht
die Fachhistoriker, von Ausnahmen abgesehen, sondern die Widerstandskämpfer
selbst und heute mit ihnen vor allem Lehrerstudenten, junge Historiker, die
sich an die oft mühevolle, zeitaufwendige Arbeit setzen. Daß hier noch viel
zu tun ist, zeigt ein Blick in die einschlägigen Bibliographien. Der Weg, der
heute von vielen Arbeitsgruppen und einzelnen Forschern beschritten wird, ist
erfolgversprechend, denn nur über eine Vielzahl lokaler und regionaler
Studien wird sich ein vollständiges, konkretes, problembewußtes und der
historischen Bedeutung gerecht werdendes Bild des antifaschistischen deutschen
Widerstandes in seiner ganzen Breite herstellen lassen.
Die
lokale und regionale Arbeitsweise hilft mit Sicherheit auch am besten, eines
unserer Hauptprobleme, das der Quellensicherung, zu lösen. Dazu gehören vor
allem die Interviews und Aufzeichnungen der Widerstandskämpfer selbst, dann
aber auch das Durchforsten der verschiedenen staatlichen, kommunalen und
privaten Archive. Leider ist es so, daß - von wenigen Ausnahmen abgesehen -
die meisten Archive bisher keine Spezialinventare über den antifaschistischen
Widerstand angelegt haben, bzw. eine Reihe von Quellen noch bei Verwaltungen
oder
Gerichten lagern.
Das
Dokumentationsarchiv des deutschen Widerstandes, dessen Bestände zur Zeit
nach Ortsnamen, Regionen, Personennamen und Sachbegriffen aufgeschlüsselt
werden, wird dazu beitragen, daß die Forschungssituation auch im lokalen
Bereich verbessert wird.
Allen
Arbeitsgruppen sind wir für Hinweise auf Fundstellen dankbar, ebenso wie wir
der Meinung sind, daß ein Erfahrungsaustausch über diese Fragen in den
,,Informationen" sehr nützlich wäre.
Die
Verankerung des antifaschistischen Widerstandskampfes in der lokalen
Geschichte ist nicht zuletzt ein wesentlicher Beitrag zur Bildung eines
demokratischen Geschichtsbewußtseins. Man muß den antifaschistischen
Widerstandskämpfern, wie ihre Vorfahren als ,,vaterlandslose Gesellen"
verfemt, ihren Platz in jeder Stadt, in jedem Dorf, in ihrer Heimat zurückerobern
- und vor allem auch ihren Platz im Geschichtsunterricht (...)
Heft
8/1978: Erfahrungen mit Schulklassen in der KZ-Gedenkstätte Dachau
Die
Gedenkstätte und das Museum des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau wurden
seit der Eröffnung im Frühjahr 1965 von rund 5 Millionen Menschen besucht.
Von Anfang an war der Anteil der ausländischen Besucher höher als der der
Deutschen (bis zu 75%), eine seit dem Jahr 1975 feststellbare radikale
Steigerung der Besucherzahlen, die vor allem auf den anwachsenden Besuch von
deutschen Schulklassen und Jugendgruppen zurückzuführen ist, hat die
Gewichtung etwas zugunsten der deutschen Besucher verschoben, deren Anteil
jetzt bei etwa 40% liegt. Der überwiegende Teil dieser deutschen Besucher
sind also Jugendliche in schulpflichtigem Alter. In immer stärkerem Maße
wird deshalb auch die Arbeit an der Gedenkstätte von den Bedürfnissen und
Ansprüchen dieser Besuchergruppe bestimmt.
Aus
einem kontinuierlichen Erfahrungsaustausch mit Schülern, Lehrern und pädagogischen
Institutionen lassen sich dazu folgende Aussagen machen:
-
In Dachau, das, als erstes KZ in Nazideutschland zur Ausschaltung der
politischen Gegner errichtet, zur Schule für die SS wurde und dessen Name bis
heute ein Begriff für Unmenschlichkeit geblieben ist, läßt sich noch immer
- auch für Jugendliche zwei Generationen später - auf nicht vergleichbare
Weise vermitteln, was Faschismus in letzter Konsequenz bedeutete.
Die
sachliche Information durch die ausgestellte Dokumentation und den Film wird
ergänzt durch die emotionale Begegnung mit dem Ort.
-
Vor allem Schulklassen aus kleinen, entlegenen Ortschaften, wo es kaum
Anschauungsmaterial zu diesem Thema gibt, ist der Besuch in Dachau oft eine
eindrucksvolle Erfahrung. Bezeichnenderweise kommen auch immer mehr Gruppen
aus ländlichen Gebieten.
-
Für Lehrer, die wenig Möglichkeiten und Anregungen haben, sich über dieses
The ma zu informieren, gibt der Besuch in Dachau oft den Anstoß, es stärker
in den Unterricht einzubeziehen und sich um zusätzliches Material zu bemühen.
Wesentliche
Voraussetzung jedoch, daß der Besuch der Gedenkatätte für den Jugendlichen
zu einer positiven Lernerfahrung wird, sind Vorbereitung in der Schule,
Betreuung während des Rundgangs und eine anschließende Aussprache, bei der
Fragen beantwortet und Vorbehalte geäußert werden können. Da die wenigen
Mitarbeiter der Gedenkstättenverwaltung nicht in der Lage sind, die Betreuung
während des Besuchs zu übernehmen - (auf Anfrage wird Klassen eine kurze
Einführung gegeben, allerdings sind die Anfragen dafür zahlenmäßig so
angestiegen, daß kaum noch allen Rechnung getragen werden kann - in Einzelfällen
können Diskussionen in der Verwaltung durchgeführt werden, wo allerdings nur
ein kleiner Raum zur Verfügung steht), hängt der Erfolg letzten Endes
wesentlich vom Wissen und Engagement des Lehrers ab, der seine Klasse nach
Dachau führt.
Es
ist festzustellen, daß eine nicht geringe Zahl der Klassen offenbar ohne
Vorbereitung und völlig auf sich gestellt durch die Gedenkstätte geschickt
wird (nach dem Motto: "In zwei Stunden seid ihr wieder am
Parkplatz"). Eine aus Vorurteilen und Halbwissen entstehende Unsicherheit
schlägt dann leicht in Aggressivität um und führt manchmal sogar zum
Randalieren. Man muß annehmen, daß der Eindruck der Dokumentation und des
Films unter solchen Bedingungen ohne nachhaltige Wirkung bleibt.
Dem
gegenüber stehen positive Erfahrungen mit gut vorbereiteten Schülern, die
manchmal mit vorher erarbeiteten Fragen durch die Ausstellung gehen und deren
Lehrer bei auftauchenden Unklarheiten zur Verfügung stehen. In einer an den
Rundgang anschließenden Diskussion wird der Klasse die Möglichkeit gegeben,
Kritiken und Fragen zu dem Gesehenen zu artikulieren. Oft werden gerade dann
die aus dem Elternhaus mitgebrachten Vorurteile und Fehlinformationen zur
Sprache gebracht. Außerdem hat sich gezeigt, daß vielen Jugendlichen, die
persönliche Begegnung mit einem ehemaligen Häftling und aktiven Gegner
Hitlers ein nachhaltiges Erlebnis sein kann, das ihnen Möglichkeiten zur
Identifizierung bietet und ein Gegenmodell zum Mitläufertum ihrer Eltern -
oder Großeltern - vorführt, das ihnen bis dahin zumeist völlig unbekannt
war. Immer mehr Lehrer bemühen sich, den Besuch ihrer Klasse in Dachau mit
einer solchen Begegnung zu verbinden; allerdings müssen es bei mehr als 3.000
Schulklassen pro Jahr Ausnahmen bleiben, da nur noch wenige ehemalige Dachauer
Häftlinge als Gesprächspartner zur Verfügung stehen.
Die
Leitung der Gedenkstätte hat sich bemüht, dazu beizutragen, daß mehr gutes
Informationsmaterial erstellt wird, das eine sachkundige Vorbereitung ermöglicht:
Neben einigen kleineren Broschüren zur Geschichte des Lagers und der Gedenkstätte
wurde nun ein Gesamtkatalog der ausgestellten Dokumentation erstellt, der auch
für den Unterricht als Quellenmaterial verwendet werden kann (...)
Barbara
Distel
Heft
15/1980:
Gedenkstätten und lnformationszentren zur Geschichte von Verfolgung und
Widerstand 1933-1945
Immer
mehr Menschen, vor allem Schulklassen und Jugendgruppen, suchen in ihrem
antifaschistischen Engagement nach Erinnerungen an die Zeit 1933-1945, nach
Gedenkstätten, Mahnmalen und Friedhöfen, auf denen Opfer der NS-Diktatur und
Kämpfer gegen den Faschismus beigesetzt sind. Dabei machen sie nur allzu oft
die Erfahrung, daß es in ihrer jeweiligen Stadt schlecht bestellt ist mit dem
Gedenken an die Widerstandskämpfer und die Opfer des Faschismus. Es fehlen in
Stadtchroniken und Stadtplänen Erwähnung und Hinweise auf die Stätten des
Kampfes und des Leidens. Soweit aber Aufzeichnungen in einzelnen Städten
vorhanden sind, wird in den meisten Fällen wenig getan, um solche Orte einem
breiten Publikum bekanntzumachen und dafur zu sorgen, daß dieser Teil unserer
Geschichte nicht dem Vergessen anheimfällt.
Um
das anwachsende Interesse zu fördern, erscheint es dringend notwendig, einen
Katalog der auf dem Boden der Bundesrepublik Deutschland vorhandenen und
geplanten Gedenkstätten und Informationszentren zusammenzustellen. Als
Vorbereitung für diese Arbeit soll im folgenden mit einer ersten Aufstellung
begonnen werden, wobei wir uns des vorläufigen Charakters bewußt sind.
Diese
Aufstellung benennt die Gedenkstätten, die es in ehemaligen
Konzentrationslagern und einigen ihrer Außenkommandos gibt.
In
vielen Städten der Bundesrepublik gibt es bekannte und unbekannte Mahnmale,
Ehrenmale, Denkmale, die in den geplanten Katalog aufgenommen werden sollen; für
diese Auflistung werden einige Städte ausgewählt.
Aufgenommen
sind ferner Museen, Archive und Ausstellungen, die sich mit der Dokumentierung
und Vermittlung des genannten Komplexes befassen. Eine neue Tendenz in der
Vermittlung von Geschichte bieten alternative Stadtpläne und Stadtrundfahrten
zu Stätten der Arbeiterbewegung, zu Stätten des antifaschistischen Kampfes
und zu Stätten des Leidens und der Verfolgung, die als notwendige Ergänzung
vorhandener offizieller Stadtführer und -pläne anzusehen sind. Die
inzwischen vorliegenden alternativen Stadtplane und Stadtrundfahrten wurden
hier mit aufgenommen.
Über
den Rahmen der Bundesrepublik hinaus wird in steigendem Maße von
Einzelpersonen, Studienreisenden und Feriengruppen der Besuch von Gedenkstätten
in näherer und weiterer Entfernung geplant und realisiert. Wir beabsichtigen
daher in diesen Katalog die wichtigsten Gedenkstätten und lnformationszentren
in West-Berlin und in der Deutschen Demokratischen Republik mitaufzunehmen;
eine Aufstellung weiterer ausländischer Gedenkstätten - in den ehemals vom
deutschen Faschismus überfallenen Ländern - ist ebenso geplant wie die
Auflistung derjenigen Literatur, die die historische Aufarbeitung des
Geschehens präsentiert, für die die Gedenkstätten und Mahnmale errichtet
wurden.
Wir
richten die dringende Bitte an unsere Leser, uns mit Hinweisen auf Gedenkstätten,
Ehrenmale, Friedhöfe, Gedenksteine, Gedenktafeln, bekannten und vergessenen
Mahnungen an die Zeit des deutschen Faschismus zu helfen.
Barbara
Mausbach Bromberger
Heft
22/1985: Der 8. Mai 1945 - Befreiung oder Katastrophe?
Der
Tag der Katastrophe, nicht nur für die Arbeiterbewegung, sondern auch für
den Rest der demokratischen Rechte und aller Hoffnungen auf Verteidigung der
Humanität, die die Periode der Präsidialdiktatur, begonnen mit dem Brüning-Regime,
noch überdauert hatten, war der 30. Januar 1933. Der Zweite Weltkrieg war die
notwendige Konsequenz dieser Katastrophe, und also auch dessen unvermeidliche
Folge, die totale Niederlage und der Untergang des Dritten Reiches.
Mit
dieser Katastrophe hatte eine neue Phase des antifaschistischen Kampfes in
Deutschland begonnen, die des illegalen Widerstandes. Er wurde sogleich vom
revolutionären Flügel der geschlagenen Arbeiterbewegung aufgenommen, wo auch
immer er parteipolitisch organisiert war. Bald kamen Teile ihres vorher
reformistischen Flügels hinzu, auch dürfen die - zahlenmäßig sehr geringen
- Gruppen der für ihr Bewußtsein bürgerlichen Intelligenz nicht vergessen
werden, die sich sogleich gegen die Akklamierung des Ermächtigungsgesetzes
durch alle bürgerlichen politischen Parteien im deutschen Reichstag gewendet
haben, weil sie ihren demokratischen oder christlichen Traditionen treu
bleiben wollten.
Diese
Widerstandsbewegung im Dritten Reich stützte sich nur auf Kader und konnte,
nachdem der wirtschaftliche Aufschwung - durch die Aufrüstung angeregt und
hochgetrieben - sich durchgesetzt hatte, nur noch Kader stabilisieren, aber
keine Massen mehr zu eigenem Handeln mobilisieren. Sie war zu schwach, um 1939
den Beginn des Krieges zu verhindern.
Die
Minderheitsgruppierungen in den nach wie vor ökonomisch und politisch
herrschenden Klassen und Schichten, die vor der Münchener Konferenz 1938
gegen einen nach ihrer Meinung zu frühen Beginn des Krieges aus Gründen des
zu hohen militärischen Risikos Bedenken hatten, haben sich dann bald wieder
eingefügt und nach den militärischen Erfolgen Hitlers im Westen 1941 dem Überfall
auf die UdSSR begeistert zugestimmt, um erst nach der Winterschlacht vor
Moskau ihre Kritik zum Teil wieder aufzunehmen. In dieser militärischen und bürgerlichen
Opposition - so klein sie selbst nach der für jedermann, der noch Reste von
Vernunft bewahrt hatte, deutlich erkennbaren endgültigen Entscheidung des
Krieges durch Stalingrad und nach der Landung der Westalliierten zunächst in
Nordafrika und nach allzu langem Zögern endlich auch in Frankreich geblieben
war - war wiederum nur eine winzige Minderheit zu humanistischen Vorstellungen
vorgedrungen, so daß ihre Ablehnung dieses Krieges und der Diktatur Hitlers
und der Unmenschlichkeiten des Dritten Reiches, sich auf mehr als auf bloße
militärische Opportunitätsvorstellungen bezogen hätte.
Das
Scheitern aller dieser Gruppierungen um den 20. Juli 1944 ließ von nun an
keinen anderen Weg zum Frieden und zur Vernichtung des Regimes der totalen
Unmenschlichkeit mehr offen als den militärischen Sieg der Staaten, die
Hitlers Angriffe in einer Koalition der Selbstverteidigung zusammengeführt
hatte.
Spätestens
seit dem Scheitern dieses letzten - noch so halbherzigen - Versuches der
Selbstbefreiung des deutschen Volkes gab es keine reale Chance mehr, das
Regime der totalen Inhumanität, die es in der europäischen Geschichte seit
dem Mittelalter und der Hexenverfolgung gegeben hatte, vom deutschen Volke
abzuschütteln als den Sieg der Alliierten.
Deshalb
war der 8. Mai 1945 als Tag der vollständigen Kapitulation der geschlagenen
militärischen Kräfte des Dritten Reiches auch vom Gesichtspunkt der
Widerstandskräfte im deutschen Volk aus gesehen nicht ein Tag der
Katastrophe, sondern - so viel Leid er auch immer für Teile der Bevölkerung
mit sich bringen mochte - vor allem ein Tag der Befreiung. Ohne ihn hätte es
keine Möglichkeit zur Wiederanknüpfung an humane Traditionen im deutschen
Volk gegeben.
Wo
auch immer wir im übrigen weltanschaulich oder politisch stehen mochten, wir
haben seit Beginn des Krieges darum gewußt, daß nur die Niederlage des
Dritten Reiches die Hoffnung auf einen Neubeginn in Anknüpfung an seine
besseren Traditionen eröffnen können. Deshalb waren wir seit dem ersten Tag
des Krieges entschlossen, alles zu tun, um zur möglichst baldigen Katastrophe
des Herrn Hitlers beizutragen. Bei uns konnte es damals keinen Zweifel daran
geben, daß - wie widerspruchsvoll und verschlungen die Wege des
Geschichtsprozesses auch immer künftig laufen mochten (zumal seit 1941
kapitalistische und imperialistische Mächte mit sozialistischen Staaten
gemeinsam gegen Hitler kämpften) -, doch alles getan werden müsse, um deren
Sieg über das Dritte Reich zu fördern. Je früher er kam, desto weniger
Mitmenschen würden durch seinen unmenschlichen Terror geschunden und ermordet
werden können.
Deshalb
war der Tag der Kapitulation am 8. Mai 1945 nicht nur für die vom Dritten
Reich angegriffenen Staaten, sondern auch für das deutsche Volk der Tag der
Befreiung, der Tag der Entlastung der Welt vom unmenschlichsten politischen
System, das sie bis dahin gekannt hat.
Wer
heute zu diesem Tag nach vierzig Jahren Stellung nimmt, kennt alles, was im
Dritten Reich und seinem Krieg geschehen ist. So ist dieser Tag zum
eindeutigen Mittel geworden, zwischen denen zu unterscheiden, die um der
Vorteile ihrer Klassen und Schichten willen erneut bereit sein würden,
Brutalität in extremster Form hinzunehmen und denen, die für eine Zukunft
der Menschheit und auch des deutschen Volkes eintreten wollen, in der kein Rückfall
in faschistische Barbarei mehr denkbar ist.
Wolfgang
Abendroth
Heft
21/1984:
Gedenkfeier zum
40. Todestag von Johanna Kirchner
(...)
Hanna Kirchner war ein lebendiges Stück Tradition und selbstverständliches
"An sich selbst glauben" der Arbeiterbewegung. Aus ihrer
Familientradition hatte sie den Gedanken, daß es einer Partei, die die
Arbeiterklasse zu Selbstbewußtsein, zu Klassenbewußtsein, zu Klassenkampf
erziehen müsse, bedürfe, ganz selbstverständlich mitgebracht. Sie war keine
Theoretikerin.
Hanna
Kirchner war eine Frau, in der sich dies Selbstverständnis der deutschen
Arbeiterbewegung verkörperte und die immer wieder auch in steter
gegenseitiger menschlicher Hilfe in dieser Arbeiterbewegung lebte. Daher ihre
frühe Arbeit in der Arbeiterwohlfahrt. Daher aber auch eine andere Seite
ihres Lebens und ihres Denkens: die Spaltung der Arbeiterbewegung, sie hat um
sie gewußt und hat unter ihr gelitten. Sie hatte ihre eigene politische
Position in dieser Spaltung. Aber gleichwohl, trotz der Spaltung blieb das
Empfinden, daß der Kampf der Arbeiterbewegung einheitlich bleiben müsse, das
hat sie gewußt und das hat sie gelebt. Für sie war es kein Unglück, daß
ihre Kinder in den Fraktionspositionen innerhalb der Arbeiterbewegung andere
Wege gegangen sind, als sie glaubte, sie gehen zu müssen.
Es
war kein Grund für sie, hier die Solidarität, die die ganze Bewegung
umfassen müsse, aufzulösen. Und für sie war deshalb nach der schrecklichen
Niederlage des Jahres 1933 in Deutschland und nach dem Versagen vieler
Organisationsspitzen der Arbeiterbewegung die Wiederaufnahme des illegalen
Kampfes zur Stabilisierung des Klassenbewußtseins der Arbeiterbewegung
selbstverständlich. Und für sie war es ebenso selbstverständlich, daß nach
den Rückschlägen in diesem Kampfe, die sie zur Emigration zwangen, dann in
der Emigration der gleiche Kampf aufgenommen werden müsse. (...)
Sie
hatte in ihrem eigenen Leben erfahren, diese Wendung ist notwendig, und diese
Wendung muß gemeinsam gegangen werden von beiden Parteien der Arbeiterklasse,
und in diese Wendung muß man große, demokratisch denkende Teile auch der
katholischen Bevölkerung und des Bürgertums einbeziehen.
Für
sie war es unverständlich, wie Carl Severing in seinen Memoiren das noch nach
1945 beschreibt, daß manche früheren Führer der alten Arbeiterbewegung
gleichwohl, obwohl im Reich der Terror und Hitler herrschten, für das Reich
eintreten wollten. Und deshalb war für sie diese Periode der Einheitsfront im
Saargebiet, diese Periode des gemeinsamen Kampfes beider Parteien der
Arbeiterklasse, eine Periode seelischen Wiederaufschwungs. Sie hat ihr
geholfen, das Entsetzen und die Trauer über die Katastrophe im Reich zu überwinden.
Hanna
Kirchner hat dann noch größere spätere Niederlagen erleben müssen. Als sie
in Forbach nach der Saarabstimmung die Flucht vieler Funktionäre der
Arbeiterbewegung aus dem Saargebiet und aus dem Reich organisierte, da konnte
sie damals noch mit Lore Wolf zusammenarbeiten, die für die Rote Hilfe ähnliche
Arbeit am gleichen Ort geleistet hat.
Beide
haben alles getan, um deutsche Genossen auch für den Kampf in Spanien zu
gewinnen. Otto Niebergall hat es eingehend beschrieben. Diese Einheitsfront,
diese gemeinsame Verteidigung von Demokratie und Sozialismus über alle
Organisationsgrenzen hinweg, sie ist dann in den Wirren der folgenden Jahre
noch vor Beginn des Zweiten Weltkrieges zerschlagen worden. Zerschlagen aus
vielen Gründen, da gab es natürlich auch Gegensätze in der spanischen Führung,
und da gab es vorher jenen furchtbaren Rückschlag, den die Weigerung der
französischen Volksfrontregierung unter Leon Blum bewirken mußte, die
spanische Republik aktiv zu unterstützen, und da gab es endlich die
entsetzliche Welle der stalinistischen Prozesse in der SU. So kam das, was in
jeder Emigration anscheinend in zunächst aussichtloser Lage immer
wiedergekommen ist; das Wiederaufleben sinnloser Fraktionskämpfe der
Emigrierten untereinander.
Hanna
Kirchner hat darunter gelitten, Hanna Kirchner hat aber bewußt alles getan,
um die Übersteigerung solcher Fraktionskämpfe möglichst hintanzuhalten und
hat ihre Verbindung zu anderen Politischen Gruppierungen als der
Sozialdemokratie aufrechterhalten, auch zu ihren Töchtern. Gewiß, alle, die
diese Zeit erlebt haben, und wir, die wir damals im illegalen Kampf in
Deutschland standen, haben jene erneute Übersteigerung von
Fraktionsauseinandersetzungen - vor allen Dingen in der Emigration, damals
kaum im Deutschen Reich selbst - als Rückschlag empfunden. Dieser Rückschlag
hat uns seelisch manchmal stärker bedrückt, als der Terror, unter dem wir
lebten und gegen den wir anzukämpfen hatten.
Ähnlich
ist es zweifellos auch Hanna Kirchner draußen in Frankreich gegangen. Und so
hat sie Niederlage nach Niederlage erleben müssen. Sie hat es getan, ohne den
Glauben an die Sache, ohne die Einsicht, daß man um der Sache Willen weiterkämpfen
müsse, jemals zu verlieren. Das hat sich niemals geändert. Und so muß Hanna
Kirchner uns Vorbild bleiben, Vorbild gerade auch in diesem Glauben. Unser
Vorbild auch darin, daß wir lernen müssen, auch Rückschläge ertragen zu können,
ohne den Kampf auch nur einen Augenblick aufzugeben.
Wir
wissen, in welcher Lage wir heute stehen. Wir wissen, mit welchen Mitteln die
Bundesregierung versucht, den Kampf von IG Metall und IG Druck und Papier für
die 35-Stundenwoche zurückzuwerfen. Wir wissen, wie mit allen Mitteln die
Friedensbewegung verdrängt werden soll, wir wissen, daß in dieser
Bundesrepublik - etwas, was es in dieser Form erst ganz am Ende der Weimarer
Republik gegeben hat - die Berufsverbote sich als ganz selbstverständlicher
Tatbestand eingefressen haben. Und wir wissen, eine Hanna Kirchner, sie hätte
versucht, in allen diesen Fällen mobil zu machen, und die Kräfte, die hier
mitkämpfen wollen1 um Demokratie und Sozialismus zu schützen, zusammenzuführen,
auch wenn sie in anderen Fragen noch so große Differenzen haben. Dessen
sollten wir auch am 40. Jahrestag der Ermordung Hanna Kirchners gedenken. Und
wir sollten auch nicht vergessen: diesen Mördern, was ist ihnen denn nach
1945 passiert? Diese Richter des Volksgerichtshofes und der politischen Senate
der Oberlandesgerichte, nun, sie blieben - nach Beginn des "Kalten
Krieges" aus vorübergehender Schutzhaft entlassen - nicht nur in
Freiheit, sie sind zum großen Teil in die deutschen Gerichte zurückgekehrt,
und niemand hat danach gefragt. Der Bundesgerichtshof hat entschieden, daß
die Mitwirkung an Todesurteilen im Volksgerichtshof kein strafbarer Tatbestand
sei. Denn man habe ja nur damals geltendes Recht zur Anwendung gebracht. Wir
alle haben das geduldet. Dürfen wir es dulden?
Ist
es nicht die Pflicht aller, die Johanna Kirchner gedenken, um dieses Gedenkens
willen den Kampf um die Demokratisierung der Justiz in der BRD weiterzuführen?
Ist es nicht unser aller Pflicht, beim Kampf der Gewerkschaften um die
35-Stundenwoche alle Versuche, gottseidank heute nicht mehr der unteren
Arbeits- und Sozialgerichte, aber höherer Gerichte zurückzuweisen, hier mit
Verbiegung des Rechts den Unternehmern zur Hilfe zu kommen?
Müssen
wir uns nicht erinnern, wie die Weimarer Republik starb? Sie starb daran, daß
die Arbeiterklasse nicht rechtzeitig gekämpft und sich nicht rechtzeitig
gemeinsam gewehrt hat. Das darf kein zweites Mal passieren. Hanna Kirchner
darf nicht umsonst gestorben sein.
Wolfgang
Abendroth
"informationen"
Nr. 50, November 1999
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