Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945 e.V.

Anmerkung der Redaktion:
Dr. Rafael de la Vega. Spanischer Philosoph, Jahrgang 1930, kommt aus einer angesehenen, einflußreichen spanischen
Familie, deren Angehörige häufig Offiziere und Juristen waren. Der Vater war ein bekannter liberaler Politiker der spanischen Republik. De la Vega kam während seines Philosophie- und Jurastudiums an der Alten Madrider Universität mit regierungsfeindlichen Auffassungen in Verbindung, die sich während seiner militärischen Laufbahn – nach drei Jahren Militärakademie – erheblich verstärkten. Anfang der 70er Jahre konnte er Spanien verlassen, an der Gießener Universität sein Philosophie-Studium fortsetzen, dort über Hegel und Marx promovieren und bis zu seiner Emeritierung als Philosoph tätig sein.

Letzte Anmerkungen zum Spanischen Bürgerkrieg

Rafael de la Vega
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Letzte? Wirklich letzte? Oder werden wir vielleicht doch in einigen wenigen Jahren die alten Schwerter aus ihren
inzwischen rostigen Scheiden wieder herausziehen müssen? Wer könnte heute noch daran glauben, wer hütet noch im Herzen das alte Feuer?

Vor über 15 Jahren fragte mich ein spanischer Journalist: "Franco. War das vor hundert Jahren?" Sicher, das war es. Aber andere Francos sind inzwischen aufgetreten, genauso schäbig und verachtungswürdig wie er: Sie scheinen das natürliche Produkt einer Gesellschaft zu sein, die unter der Fuchtel der allermächtigsten USA und ihrer Vasallen auf die endgültige Verwirklichung der menschlichen Globalisierung und der planetarischen Kontrolle durch die Vernunftregel des DAX-Index sehnsuchtsvoll wartet. Das ist die wahre Lage; alles andere zu erwarten oder zu hoffen ist nicht nur ein Beweis der Naivität, sondern der Dummheit, oder noch schlimmer, des offenen Komplizentums.

In diesem Sinne: Was kann man heute tun, außer vielleicht durch persönliche Erinnerungen, Anekdotisches und Nostalgisches, das fast erloschene Feuer der alten Zeiten wiederbeleben? Wie könnten wir, die von "damals", der heutigen Jugend die Erfahrungen, die (frustrierten) Hoffnungen, die (verratenen) Opfer verständlich machen, d.h., als nachahmungswert empfehlen? Wie könnten wir unsere allzu evidenten Irrtümer, falschen oder voreiligen Prognosen, natürlich auch unsere unentschuldbaren Verbrechen, ohne ein radikales "mea culpa" anzustimmen, für die neuen Generationen verständlich und, gerade deswegen, doch entschuldbar zu machen?

Am Beispiel des Spanischen Krieges, und gerade weil er – in der Meinung vieler Historiker – als Prolog oder Auftakt zum Zweiten Weltkrieg gelten kann, erhellen sich viele der grundlegenden Aspekte einer immer noch virulenten – und auch globalen – Konfrontation.

Trotzdem: Die Machtverhältnisse, die sozialen Strukturen, die wissenschaftlich-technischen, die militärischen Möglichkeiten haben sich inzwischen verhundertfacht, und sie liegen gerade in den Händen derer, die für die damaligen Ideale, sozialen und politischen Ziele der spanischen Republikaner und Linken wirklich sehr wenig übrig haben. Ja, sogar die heutige spanische Linke muß sich volens nolens an die übermächtigen facts der heutigen Weltpolitik anpassen.

War also der Bürgerkrieg im Endeffekt nutzlos? War er, als erstes Kapitel des Zweiten Weltkrieges, ebenso unfähig, die rabiateste Form des Kapitalismus zu besiegen, die man als Faschismus bezeichnen kann, wie es auch andere, unvergleichlich mächtigere und größere Nationen auch nicht erreichen konnten?

Die Heroisierung vergangener Zeiten, die Verklärung von – wahren oder vermeintlichen – Heldentaten bildet zweifellos eine der Konstanten des historischen Denkens. Die reale Geschichte aber, "magistra vitae", wie schon die Römer wußten, lehrt uns heute – mehr denn je – daß die gerade in Bezug auf den Spanischen Bürgerkrieg hochgelobten Tugenden (Opfermut, Tapferkeit, Volksnähe, unbändiger Freiheitswille), nicht nur n i c h t gegen einen zwar moralisch und politisch verruchten, aber militärisch und wirtschaftlich mächtigeren Feind siegen können, sondern sich auch an ihn als "objektive Gesetzmäßigkeit"(?) langsam angleichen.

Die heutige spanische Linke ist leider in diesem Sinne nur ein beredtes Beispiel unter vielen anderen, allen voran die inzwischen in Rauch und Schatten aufgelöste, damals für etwa ein Drittel der spanischen Republikaner als Beispiel, Fackel und wichtigste Verbündete geltende UdSSR.

Transit sic gloria mundi? Oder: Gibt es überhaupt Herrlichkeit in der Welt? Jemand hat gesagt, daß auf den Schlachtfeldern des Spanischen Bürgerkrieges zum letzten Male in der Geschichte der Menschheit für die hehren, edlen Ideale der Freiheit, Menschlichkeit, Gerechtigkeit und wahren Demokratie gekämpft und gestorben wurde. Was nachher kam, war nur brutalste, schäbigste Machtpolitik: Kapitalismus pur.

Das mag auch sicher stimmen. Wenn man aber die Grundlinien einer materialistischen Geschichtsphilosophie nicht ganz aufgeben will, so muß man konsequenterweise fragen, warum die machtpolitische Entwicklung, die mit dem Spanischen Bürgerkrieg ihren Auftakt hatte und heute eine vorläufig endgültige Globalisierung erreicht hat, von uns nicht objektiv genug – d.h. fern von allen moralischen, humanistischen Träumereien – eingeschätzt und geeicht wurde.

In diesem Sinne ist die durchschnittliche Haltung des heutigen Spaniers gegenüber diesen Fragen als skeptisch bis zynisch zu nennen. Die Ideale sind tot, sie werden als inoperant, wenn nicht gar als lächerlich empfunden.

Pragmatismus des Alltags versus hochtrabende Konstruktionen zu einer besseren, vernünftigeren, menschlicheren, gerechteren Welt hin, an die sowieso niemand heute zu glauben vermag. Aber gerade deswegen wirkt heute der Spanische Bürgerkrieg immer noch wie eine Fackel, wie der letzte menschliche, heroische Krieg, auf dessen Schlachtfeldern immer noch für die hehren Ideale gekämpft und gestorben wurde, zum ersten Male auch gegen den Menschheitsfeind schlechthin: den Faschismus.

Aber dieser Krieg war eine äußerst komplexe Textur von verschiedenen Tendenzen, Ideen, politischen Credos. Das Spanien von damals war – Ortega "dixit" – eine Espana invertebrada, eine "wirbellose Nation".  

Die "Gespenster" der eigenen Geschichte, die spezifischen Charakteristika der spanischen sozialen, historischen und kulturellen Entwicklung wurden von beiden Seiten (…) gründlich ignoriert. 

Sie hatte nicht die Reife der bürgerlichen Gesellschaft erreicht wie Frankreich oder England, und deswegen war auch der juristisch-bürgerliche Begriff des "Staates" eine reine Abstraktion. Hier erwies sich als fatal die von der KPdSU unter Stalin für Spanien diktierte Politik. Mochte sie auch als taktische Notwendigkeit angesichts der Zersplitterung der spanischen Linken und Geschlossenheit der Rechten gelten, natürlich auch der kompromißlosen Brutalität der faschistischen Achsen-Mächte: das spanische Volk war – insofern es nicht zu den reaktionären, klerikalen oder faschistischen Kräften gehörte – selbst in viele verschiedene, sich bis aufs Blut bekämpfende Parteien, Gruppen und ideologische Richtungen zersplittert.

Der Versuch der sowjetischen Politkommissare, diese Querelen mit Brachialgewalt zu beenden, führte zwar hie und da, und meist nur für kurze Perioden, zu einer scheinbaren Vereinigung der antifaschistischen Kräfte, die zu positiven Ergebnissen in mehreren Frontabschnitten führte, ohne jedoch eine wahre, kohärente Einigung hervorzurufen.

Daß in diesem Punkt die "Schuld" in gleichen Teilen auf beide Gruppen verteilt werden muß, ist nur eine der vielen Eigentümlichkeiten der spanischen Geschichte in diesem Jahrhundert, aber auch ein Problem, das wir mit vielen anderen Ländern der Welt geteilt haben.

Die "Gespenster" der eigenen Geschichte, die spezifischen Charakteristika der spanischen sozialen, historischen und kulturellen Entwicklung wurden von beiden Seiten der in den bewaffneten Konflikt intervenierenden Mächte (allen voran Hitler-Deutschland und die UdSSR) gründlich ignoriert. Die nicht-staatlich organisierte Hilfe – auf der Basis eines humanistischen Sozialismus oder Anarchismus, zum Teil auch aus christlichen oder ethischen Gründen – hatte, ja, eine große praktisch-menschliche Bedeutung, aber keine stärkende oder klärende Funktion auf der Ebene der ideologischen Fronten.

Deswegen ist nur verständlich, daß die strengste, disziplinierteste und effektivste aller "Hilfen" – die der Sowjetunion und ihrem Geheimdienstkader – eine praktisch alleinherrschende Rolle in der zweiten Hälfte des Kriegs erreichen konnte, was für viele echte Republikaner (insbesonders natürlich für die sehr zahlreichen und im spanischen Volk tief verwurzelten Anarchisten, die von der UdSSR genauso bekämpft wurden wie die Faschisten) als inakzeptabel galt und zu der langsamen Zersplitterung der linken Kräfte im Spanischen Bürgerkrieg führte.

Der Spanische Bürgerkrieg war vielleicht der letzte der "alten" und der erste der "Neuen" Kriege. Darüber hat man schon viel geschrieben, aus strategischen, militärisch-taktischen, waffentechnischen Perspektiven. Gernica wurde die erste Stadt der Welt, die durch einen Terrorangriff aus der Luft fast zerstört wurde; andere Beispiele könnten in beliebiger Zahl angeführt werden.

Es ist gerade dieser Charakter, was den Spanischen Bürgerkrieg in eine spezielle Gloriole einhüllt: Es handelt sich um den ersten antifaschistischen Krieg, um einen Krieg, in dem man (noch!) um Ideen, Glaubensbekenntnisse, Ideale, Fata Morgana kämpfte – natürlich auch, wie könnte es anders sein, um nackte materielle, wirtschaftliche, strategische Machtinteressen.

In diesem Sinne wurde hier Spanien zum "Spielball der Götter". Umso befreiender kann heute deswegen der Satz klingen: "Franco ... War das vor hundert Jahren?"

"informationen" Nr. 49, Mai 1999

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