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Anmerkung
der Redaktion:
Dr. Rafael de la Vega. Spanischer Philosoph, Jahrgang
1930, kommt aus einer angesehenen, einflußreichen spanischen Familie,
deren Angehörige häufig Offiziere und Juristen waren. Der Vater war ein
bekannter liberaler Politiker der spanischen Republik. De la Vega kam während
seines Philosophie- und Jurastudiums an der Alten Madrider Universität mit
regierungsfeindlichen Auffassungen in Verbindung, die sich während seiner
militärischen Laufbahn – nach drei Jahren Militärakademie – erheblich
verstärkten. Anfang der 70er Jahre konnte er Spanien verlassen, an der Gießener
Universität sein Philosophie-Studium fortsetzen, dort über Hegel und Marx
promovieren und bis zu seiner Emeritierung als Philosoph tätig sein.
Letzte
Anmerkungen zum Spanischen Bürgerkrieg
Rafael
de la Vega
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Letzte? Wirklich letzte? Oder werden wir vielleicht doch in einigen wenigen
Jahren die alten Schwerter aus ihren inzwischen
rostigen Scheiden wieder herausziehen müssen? Wer könnte heute noch daran
glauben, wer hütet noch im Herzen das alte Feuer?
Vor
über 15 Jahren fragte mich ein spanischer Journalist: "Franco. War das
vor hundert Jahren?" Sicher, das war es. Aber
andere Francos sind inzwischen aufgetreten, genauso schäbig und verachtungswürdig
wie er: Sie scheinen das natürliche Produkt einer Gesellschaft zu sein, die
unter der Fuchtel der allermächtigsten USA und ihrer Vasallen auf die endgültige
Verwirklichung der menschlichen Globalisierung und der planetarischen
Kontrolle durch die Vernunftregel des DAX-Index sehnsuchtsvoll wartet. Das ist
die wahre Lage; alles andere zu erwarten oder zu hoffen ist nicht nur ein
Beweis der Naivität, sondern der Dummheit, oder noch schlimmer, des offenen
Komplizentums.
In
diesem Sinne: Was kann man heute tun, außer vielleicht durch persönliche
Erinnerungen, Anekdotisches und Nostalgisches,
das fast erloschene Feuer der alten Zeiten wiederbeleben? Wie könnten wir,
die von "damals", der heutigen Jugend die Erfahrungen, die
(frustrierten) Hoffnungen, die (verratenen) Opfer verständlich machen, d.h.,
als nachahmungswert empfehlen? Wie könnten wir unsere allzu evidenten Irrtümer,
falschen oder voreiligen Prognosen, natürlich auch unsere unentschuldbaren
Verbrechen, ohne ein radikales "mea culpa" anzustimmen, für die
neuen Generationen verständlich und, gerade deswegen, doch entschuldbar zu
machen?
Am
Beispiel des Spanischen Krieges, und gerade weil er – in der Meinung vieler
Historiker – als Prolog oder Auftakt zum
Zweiten Weltkrieg gelten kann, erhellen sich viele der grundlegenden Aspekte
einer immer noch virulenten – und auch globalen – Konfrontation.
Trotzdem:
Die Machtverhältnisse, die sozialen Strukturen, die
wissenschaftlich-technischen, die militärischen Möglichkeiten
haben sich inzwischen verhundertfacht, und sie liegen gerade in den Händen
derer, die für die damaligen Ideale, sozialen und politischen Ziele der
spanischen Republikaner und Linken wirklich sehr wenig übrig haben. Ja, sogar
die heutige spanische Linke muß sich volens nolens an die übermächtigen
facts der heutigen Weltpolitik anpassen.
War
also der Bürgerkrieg im Endeffekt nutzlos? War er, als erstes Kapitel des
Zweiten Weltkrieges, ebenso unfähig, die
rabiateste Form des Kapitalismus zu besiegen, die man als Faschismus
bezeichnen kann, wie es auch andere, unvergleichlich mächtigere und größere
Nationen auch nicht erreichen konnten?
Die
Heroisierung vergangener Zeiten, die Verklärung von – wahren oder
vermeintlichen – Heldentaten bildet zweifellos
eine der Konstanten des historischen Denkens. Die reale Geschichte aber,
"magistra vitae", wie schon die Römer wußten, lehrt uns heute –
mehr denn je – daß die gerade in Bezug auf den Spanischen Bürgerkrieg
hochgelobten Tugenden (Opfermut, Tapferkeit, Volksnähe, unbändiger
Freiheitswille), nicht nur n i c h t gegen einen zwar moralisch und politisch
verruchten, aber militärisch und wirtschaftlich mächtigeren Feind siegen können,
sondern sich auch an ihn als "objektive Gesetzmäßigkeit"(?)
langsam angleichen.
Die
heutige spanische Linke ist leider in diesem Sinne nur ein beredtes Beispiel
unter vielen anderen, allen voran die inzwischen
in Rauch und Schatten aufgelöste, damals für etwa ein Drittel der spanischen
Republikaner als Beispiel, Fackel und wichtigste Verbündete geltende UdSSR.
Transit
sic gloria mundi? Oder: Gibt es überhaupt Herrlichkeit in der Welt? Jemand
hat gesagt, daß auf den Schlachtfeldern
des Spanischen Bürgerkrieges zum letzten Male in der Geschichte der
Menschheit für die hehren, edlen Ideale der Freiheit, Menschlichkeit,
Gerechtigkeit und wahren Demokratie gekämpft und gestorben wurde. Was nachher
kam, war nur brutalste, schäbigste Machtpolitik: Kapitalismus pur.
Das
mag auch sicher stimmen. Wenn man aber die Grundlinien einer materialistischen
Geschichtsphilosophie nicht ganz aufgeben will, so muß man konsequenterweise
fragen, warum die machtpolitische Entwicklung, die mit dem Spanischen Bürgerkrieg
ihren Auftakt hatte und heute eine vorläufig endgültige Globalisierung
erreicht hat, von uns nicht objektiv genug – d.h. fern von allen
moralischen, humanistischen Träumereien – eingeschätzt und geeicht wurde.
In
diesem Sinne ist die durchschnittliche Haltung des heutigen Spaniers gegenüber
diesen Fragen als skeptisch bis zynisch
zu nennen. Die Ideale sind tot, sie werden als inoperant, wenn nicht gar als lächerlich
empfunden.
Pragmatismus
des Alltags versus hochtrabende Konstruktionen zu einer besseren, vernünftigeren,
menschlicheren, gerechteren Welt hin, an die sowieso niemand heute zu glauben
vermag. Aber gerade deswegen wirkt heute der Spanische Bürgerkrieg immer noch
wie eine Fackel, wie der letzte menschliche, heroische Krieg, auf dessen
Schlachtfeldern immer noch für die hehren Ideale gekämpft und gestorben
wurde, zum ersten Male auch gegen den Menschheitsfeind schlechthin: den
Faschismus.
Aber
dieser Krieg war eine äußerst komplexe Textur von verschiedenen Tendenzen,
Ideen, politischen Credos. Das Spanien
von damals war – Ortega "dixit" – eine Espana invertebrada, eine
"wirbellose Nation".
Die
"Gespenster" der eigenen Geschichte, die spezifischen
Charakteristika der spanischen sozialen, historischen und
kulturellen Entwicklung wurden von beiden Seiten (…) gründlich
ignoriert.
Sie
hatte nicht die Reife der bürgerlichen Gesellschaft erreicht wie Frankreich
oder England, und deswegen war auch der
juristisch-bürgerliche Begriff des "Staates" eine reine
Abstraktion. Hier erwies sich als fatal die von der KPdSU unter Stalin für
Spanien diktierte Politik. Mochte sie auch als taktische Notwendigkeit
angesichts der Zersplitterung der spanischen Linken und Geschlossenheit der
Rechten gelten, natürlich auch der kompromißlosen Brutalität der
faschistischen Achsen-Mächte: das spanische Volk war – insofern es nicht zu
den reaktionären, klerikalen oder faschistischen Kräften gehörte – selbst
in viele verschiedene, sich bis aufs Blut bekämpfende Parteien, Gruppen und
ideologische Richtungen zersplittert.
Der
Versuch der sowjetischen Politkommissare, diese Querelen mit Brachialgewalt zu
beenden, führte zwar hie und da,
und meist nur für kurze Perioden, zu einer scheinbaren Vereinigung der
antifaschistischen Kräfte, die zu positiven Ergebnissen in mehreren
Frontabschnitten führte, ohne jedoch eine wahre, kohärente Einigung
hervorzurufen.
Daß
in diesem Punkt die "Schuld" in gleichen Teilen auf beide Gruppen
verteilt werden muß, ist nur eine der vielen Eigentümlichkeiten
der spanischen Geschichte in diesem Jahrhundert, aber auch ein Problem, das
wir mit vielen anderen Ländern der Welt geteilt haben.
Die
"Gespenster" der eigenen Geschichte, die spezifischen
Charakteristika der spanischen sozialen, historischen und kulturellen
Entwicklung wurden von beiden Seiten der in den bewaffneten Konflikt
intervenierenden Mächte (allen voran Hitler-Deutschland und die UdSSR) gründlich
ignoriert. Die nicht-staatlich organisierte Hilfe – auf der Basis eines
humanistischen Sozialismus oder Anarchismus, zum Teil auch aus christlichen
oder ethischen Gründen – hatte, ja, eine große praktisch-menschliche
Bedeutung, aber keine stärkende oder klärende Funktion auf der Ebene der
ideologischen Fronten.
Deswegen
ist nur verständlich, daß die strengste, disziplinierteste und effektivste
aller "Hilfen" – die der Sowjetunion und
ihrem Geheimdienstkader – eine praktisch alleinherrschende Rolle in der
zweiten Hälfte des Kriegs erreichen konnte, was für viele echte Republikaner
(insbesonders natürlich für die sehr zahlreichen und im spanischen Volk tief
verwurzelten Anarchisten, die von der UdSSR genauso bekämpft wurden wie die
Faschisten) als inakzeptabel galt und zu der langsamen Zersplitterung der
linken Kräfte im Spanischen Bürgerkrieg führte.
Der
Spanische Bürgerkrieg war vielleicht der letzte der "alten" und der
erste der "Neuen" Kriege. Darüber hat man schon
viel geschrieben, aus strategischen, militärisch-taktischen,
waffentechnischen Perspektiven. Gernica wurde die erste Stadt der Welt, die
durch einen Terrorangriff aus der Luft fast zerstört wurde; andere Beispiele
könnten in beliebiger Zahl angeführt werden.
Es
ist gerade dieser Charakter, was den Spanischen Bürgerkrieg in eine spezielle
Gloriole einhüllt: Es handelt sich um
den ersten antifaschistischen Krieg, um einen Krieg, in dem man (noch!) um
Ideen, Glaubensbekenntnisse, Ideale, Fata Morgana kämpfte – natürlich
auch, wie könnte es anders sein, um nackte materielle, wirtschaftliche,
strategische Machtinteressen.
In
diesem Sinne wurde hier Spanien zum "Spielball der Götter". Umso
befreiender kann heute deswegen der Satz klingen:
"Franco ... War das vor hundert Jahren?"
"informationen"
Nr. 49, Mai 1999
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