Spurensuche
in den Pyrenäen
Margret
Hamm
<<Zurück
Vor
nicht allzulanger Zeit fuhren wir kreuz und quer durch die Pyrenäen, um alte
Kulturstätten zu besuchen und die Landschaft zwischen Atlantik und Mittelmeer
und ihre Bewohner kennenzulernen. Aber wo wir auch hinkamen, wir stießen
immer wieder auf Spuren unserer jüngeren Geschichte, erst zufällig, dann
haben wir danach gesucht. Wir fanden Menschen, die den deutschen Faschismus überlebt
haben sowie Orte des Gedenkens an jene Zeit. Ich hatte eine Karte aus einem
alten DDR-Buch mit, wo die Internierungslager im Pyrenäenvorland
eingezeichnet waren.
Wir
suchten das Lager Gurs im Tal der Oloron, das wir trotz der genauen Straßenkarte
nur nach mehrmaligem Nachfragen fanden. Der Friedhof und ein Stück
Eisenbahnschiene, als Hinweis auf das ehemalige Lager, lagen abseits der
Dorfstraße. In den Jahren 1939 – 1945 waren hier Tausende Menschen
verschiedener Nationalitäten eingesperrt. Allein in diesem Internierungslager
lebten über die Jahre neunzehntausend Spanienkämpfer unter unvorstellbar
harten Bedingungen. Auf dem Friedhof entdeckten wir aber auch Gräber von
Frauen und Kindern. Einige der Toten stammten aus der Gegend südlich von
Darmstadt und aus der Pfalz. In dieser absoluten Stille der Landschaft fiel
mir die Schilderung eines ehemaligen Spanienkämpfers ein, der mir die
Lagerzustände in Gurs (Region Béarn) geschildert hatte und dessen (unveröffentlichte)
Lebenserinnerungen ich kannte. Er und seine Kameraden überquerten wie
Gefangene - zu Fuß - die Pyrenäen und kamen über verschiedene Zwischenlager
an der Mittelmeerküste nach Gurs. Im ehemaligen Lager erinnerte fast nichts
mehr an jene schlimme Zeit der Internierung. Die Landschaft war verträumt und
still und am Horizont erhoben sich die Pyrenäen. Wir waren die einzigen, die
sich hierher verirrt hatten und um uns herum war nur Ruhe und hügelige grüne
Landschaft.
Auf
unserer Weiterreise in die Berge fand ich in Saint-Jean-Pied-de-Port (Region
Basse-Navarre) in einer Buchhandlung eine Studie über das Lager Gurs (von
1939 – 1945) mit etlichen Dokumenten aus der Zeit der Vichy-Regierung. Auf
dem Rückweg dieser Tour, wir fuhren auf der Route de Fromage, machten wir
einen Abstecher in ein kleines Bergdorf, nahe der spanischen Grenze, um köstlichen
Pyrenäenkäse zu kaufen. Der Bauer merkte gleich, daß wir Deutsche waren und
ehe wir unseren Wunsch richtig äußern konnten, rief er seinen alten Vater
herbei und erklärte, daß dieser in Deutschland im KZ war. Ich konnte die
Details nicht alle verstehen und bin vor Schreck gar nicht auf die Schilderung
eingegangen. Seine Worte klangen nicht vorwurfsvoll, sie klangen fast stolz.
Wir tätigten nur unseren Einkauf und fuhren fort mit dem Gefühl, daß uns
die Nazi-Vergangenheit auch in den entlegensten Gegenden dieser Welt einholt.
Auf
einer anderen Reise wohnten wir in Céret, nicht weit von Perpignan. In der
Zeit, als wir dort waren, feierten die Franzosen den 8.Mai, den Tag der
Befreiung vom Faschismus. Geschäfte und Banken waren geschlossen.
Veteranenverbände, eine Schulklasse und Bürger der Stadt versammelten sich
am Denkmal zur Erinnerung an die Kriegstoten, um die Rede eines Staatsdieners
zu hören. Mitten unter ihnen stand ein ehemaliger KZ-Häftling in seiner Häftlingskleidung.
Nach dem Gedenken zogen sie im Demonstrationszug ins Bürgerhaus zu einem
Umtrunk.
In
unser Hotel zurückgekehrt, zeigte ich dem Hotelier meine Karte mit den Lagern
St. Cyprien, Argelès sur-Mer, Rivsaltes u.a. und fragte ihn, ob er sie kenne.
Wir waren sehr blauäugig und glaubten, es seien Gedenkstätten, auf die
wenigstens hingewiesen sei. Er erzählte, daß es keine Überreste gebe, da
die meisten Internierungslager unter freiem Himmel gewesen seien, und es
selten Baracken gegeben habe. Wir machten uns, mit meinem bewährten Atlas ,
in dem fast jeder Feldweg und jede Häusergruppe eingetragen ist, auf die mühsame
Suche nach den historischen Stätten. Hinweise auf die Lager haben wir nicht
gefunden. Auf Grund der Beschreibungen konnte man nur ahnen, wo die Spanienkämpfer
nach ihrem langen Marsch über den Col du Perthus interniert waren. Nur in der
Nähe von Rivsaltes fanden wir ein militärisch genutztes Gelände, mit einem
verrosteten Tor, das in seiner Bauform dem ähnelte, wie wir es von Auschwitz
kennen. Ich betrat, gegen die Bedenken meiner Freundin, das Militärgelände
und wurde von einem Soldaten mit Hund “begrüßt”. Auf meine Frage, ob an
dieser Stelle das ehemalige Lager von Rivsaltes gewesen sei, konnte oder
wollte er nicht antworten und die Geschichte des Spanischen Bürgerkriegs
schien ihm fremd. Wir waren enttäuscht und hatten nach dem “freundlichen”
Empfang keinen Mut mehr, das Tor zu fotografieren und fuhren zurück ins
Hotel.
Auf
einem der Ausflüge von Céret aus kamen wir in ein entlegenes kleines
Bergdorf, Coustages, wo außerhalb des Ortes in Richtung spanischer Grenze ein
Gedenkstein an der Straße stand. Wir hielten und waren erstaunt, daß dort
oben, kurz vor der spanischen Grenze der mehreren Tausend Interbrigadisten
gedacht wurde, die hier über die Pyrenäen nach Frankreich zurückkehrten, wo
man sie erwartete und in die Lager brachte.
Von
diesem kleinen verträumten Dorf und seinem einsamen Gedenkstein aus ging es
die Berge hinab nach Spanien über schmale Straßen und viele Kurven. Wir
wollten über den Col du Perthus zurück nach Frankreich. Die dortige Überquerung
der Pyrenäen ist heute die Hauptreiseroute in Richtung Süden. Nach dem Ende
des Spanischen Bürgerkriegs war dies einer der Hauptwege der zurückkehrenden
Interbrigadisten, da auf der französischen Seite die Lager St. Cyprien, Argelès-sur-Mer,
Rivsaltes, Barcarès lagen. Dort internierte man die Ankommenden bis zur
weiteren Verlegung in andere Lager.
Später,
nach unserer Rückkehr aus Südfrankreich, habe ich mir von Fred, dem Spanienkämpfer,
die Stelle auf meiner Karte zeigen lassen, wo er und seine Kameraden, nach
ihrem Marsch über den Col du Perthus, zwischen zwei Flußmündungen
eingesperrt wurden. Es war Argelès-sur-Mer, wo wir Spuren suchten und keine
mehr fanden, wo heute wieder Strand ist und das Meer und im Hintergrund die
Pyrenäen.
"informationen"
Nr. 49, Mai 1999
|