Wegschauen, wenn es brennt
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Ein ganzer Komplex von Motiven, Absichten, Zielen enthüllt sich dem heutigen Betrachter der Ereignisse in der
Pogromnacht, von den Nazis "Reichskristallnacht" genannt. Angesichts der Ähnlichkeiten, die beim Ablauf der
Ereignisse beobachtet werden können, gibt es keinen Zweifel daran, daß es sich um zentral gesteuerte Aktivitäten,
nicht aber um den Ausbruch spontanen Volkszorns handelte, wie es die Nazis und die von ihnen gesteuerten Medien
propagierten. Je genauer wir aber die Ereignisse vor Ort betrachten - und sie sind inzwischen vielerorts recht präzise
rekonstruiert -, um so deutlicher wird, daß diese Pogrome zugleich der Entladung systematisch geschürten Hasses
dienten. Sie wurden nicht von Befehlsempfängern kühl und sachlich ausgeführt, sondern: da waren Emotionen der
Täter im Spiel.
Aggressionen, zusammengeballt aus Sozialneid, Ohnmachts- und Unterlegenheitsgefühlen,
aus gesellschaftlichen Abstiegsängsten, beruflicher Perspektivlosigkeit, fanden ein erlaubtes Ventil.
Wer die allmähliche Steigerung der Juden-Diskriminierung seit 1933 im Blick hat, erkennt im
Novemberpogrom auch einen Test der Nazis, wie weit sie bei der Judenverfolgung bzw. Verfolgung systematisch diskriminierter Minderheiten
gehen konnten, ohne auf Protest oder gar Widerstand von größeren Teilen der deutschen Bevölkerung zu stoßen. Sie konnten sehr weit
gehen!
Zivilcourage oder Solidarität von seiten der Nichtjuden gab es in dieser Situation höchst selten. Aber auch davon sei
berichtet. Viele von ihnen schauten zu oder beteiligten sich sogar an den Ausschreitungen, die Mehrheit aber schaute
weg.
Heute, so eine Studie der FU-Berlin, hat jeder achte Deutsche ein rechtsextremes Weltbild. Die Mehrheit ist also
(noch) demokratisch eingestellt. Fragt sich nur, ob unser Demokratiebewußtsein zu mehr taugt als wegzuschauen,
wenn es brennt.
Vor 60 Jahren - die Pogromnacht in Deutschland
Die Beispiele, die im folgenden geschildert werden, stammen aus den verschiedensten Regionen Deutschlands. Für
die Pogromnacht in Kiel liegt eine genau recherchierte Darstellung vor 1, die in ihren allgemeinen Zügen auch für alle
anderen Beispiele gilt. Sie soll deswegen am Anfang stehen:
Als aktueller Anlaß für den Novemberpogrom diente das Attentat von Herschel Grynszpan auf den deutschen
Legationssekretär vom Rath in Paris am 7. November 1938.
"Die Nachricht vom Tode vom Raths erreichte die NS-Repräsentanten am 9. November 1938 bei einer Feier anläßlich
des 15. Jahrestages des Marsches Hitlers auf die Feldherrenhalle in München. An dieser Feier der ‚alten Kämpfer',
auf der Reichspropagandaleiter Goebbels die Nachricht bekanntgab, nahmen aus Schleswig-Holstein Gauleiter Lohse
und der SA-Obergruppenführer und Kieler Polizeipräsident Meyer-Quade teil. Goebbels Rede wurde allgemein so aufgefaßt,
daß die NSDAP zwar in der Öffentlichkeit nicht als Initiator von Aktionen gegen jüdische BürgerInnen erscheinen, sie
aber dennoch organisieren und durchführen solle. In Berlin wies Gestapo-Chef Heinrich Müller alle
Gestapodienststellen an, Aktionen gegen Jüdinnen und Juden nicht zu stören, Archivmaterial aus den Synagogen
sicherzustellen und 20.000-30.000 Juden in ‚Schutzhaft' zu nehmen.
Nachdem Lohse in München das Angebot Meyer-Quades auf ‚Mitwirkung der SA-Gruppe Nordmark' angenommen
hatte, wies Meyer-Quade telefonisch den Stabsführer der SA-Gruppe Nordmark in Kiel, Oberführer Carsten
Volquardsen, an, jüdische Geschäfte und Synagogen in Zivilkleidung zu überfallen und zu zerstören. Volquardsen
gab diese Weisungen an die wichtigsten SA-Führer in Schleswig-Holstein weiter: an die SA-Brigade 16 in Schleswig
(Oberführer Clausen), die SA-Standarte 162 in Lübeck (Oberführer Dr. Währer), die SA-Standarte 85 in Heide
(Standartenführer Köhler) und die SA-Standarte 265 in Pinneberg (Standartenführer Becker). Im Anschluß informierte
er die Kieler SA-Führer.
Nach einer Besprechung im Gebäude der SA-Gruppe Nordmark, Niemannsweg 461, an der Oberführer Volquardsen,
der Kreisleiter der NSDAP, Otto Ziegenbein, und verschiedene Vertreter der Kreis- und Gauleitung der NSDAP, der
Gestapo, der SA, der SS, des SD und der Kriminalpolizei teilnahmen, gaben sie den Befehl, die Juden der Stadt
festzunehmen und ins Polizeipräsidium einzuliefern ...
Nach der Besprechung alarmierte Volquardsen die Gruppenschule Stift, die Marine-SA, Schule Düsternbrook, den
Verband zur See und einen weiteren Teil des Gruppenstabes. Weitere SA-Leute wurden zu Hause oder in den
SA-Stammlokalen informiert, wo sie nach einer Kundgebung vor dem Rathaus anläßlich der ‚Revolutionsfeierlichkeiten'
weitergefeiert hatten.
Ab 3.00 Uhr versammelten sie sich auf dem damaligen Adolf-Hitler-Platz am Rathaus. Wer nicht in Zivil erschienen
war, erhielt noch eine Bürojacke aus dem Rathaus. Dann zog die Meute zu ihren ‚Einsatzorten' los, zur Synagoge, zu den
Wohnungen und Läden der jüdischen BürgerInnen. Weitere SA-Trupps, die nicht mehr am zentralen Sammelpunkt
erschienen waren, beteiligten sich ebenfalls an der ‚Aktion'.
Bereits gegen 3.00 Uhr trafen SA-Männer bei der Synagoge ein, weitere vom Adolf-Hitler-Platz folgten. Sie zwangen
die Kastellanswitwe, die Synagoge zu öffnen, und zündeten mit Benzin die Inneneinrichtung an. Die wertvollsten
Einrichtungs- und Kultgegenstände ließen sie abtransportieren. Nach der Explosion eines Sprengsatzes, der vom
Führer des SA-Pioniersturms Kiel-West gelegt worden war, entwickelte sich der Brand erst richtig. Die Feuerwehr
wurde erst um 4.08 alarmiert. Sie hatte von Volquardsen den Befehl erhalten, nicht den Brand in der Synagoge zu
löschen, sondern nur das Übergreifen des Feuers auf die umliegenden Häuser zu verhindern.
So wurde in dieser Nacht die gesamte Inneneinrichtung der Kieler Synagoge zerstört ...
Der einzige jüdische Student in Kiel, Otto Lehmann aus Ahrensburg, wurde beim Versuch, die brennende Synagoge
zu fotografieren, am 10. November 1938 verhaftet. Er kam ins Kieler Polizeigefängnis und von dort am 4. Januar 1939
ins KZ Sachsenhausen.
Am Tag nach dem Pogrom zeigten NS-Lehrer ihren Schulklassen die ausgebrannte und zerstörte Synagoge und
stellte die nächtlichen Verwüstungen als ‚gerechtes Strafgericht an den Juden' dar.
In der selben Nacht wurden fast alle jüdischen Geschäfte und ein Teil der Wohnungen demoliert und zumindest vier
völlig zerstört ...
In den Geschäften beschlagnahmte die Gestapo die nicht zerstörte oder geplünderte Ware und ließ sie mit
Lastkraftwagen in das Lager der NSV in die Heintzestraße transportieren. Die Gestapo, die das alleinige
Verfügungsrecht über diese Waren hatte, gab sie erst wieder zurück, als amtlich bestellte Revisoren, auch Abwickler
genannt, die Leitung der Geschäfte mit dem Ziel der ‚Arisierung' oder Auflösung übernommen hatten.
Als besonderen Racheakt hatten die Kieler Nazis beschlossen, daß zwei Juden, die die Nazis zu den ‚politisch
gefährlichsten Juden' zählten, die ‚Tat Herschel Grynszpans' mit dem Tode zu büßen hätten.
Aus der Liste des SD wurden zwei der bekanntesten jüdischen Geschäftsleute Kiels herausgesucht: Gustav Lask,
Reventlowallee 28, der früher Vorsitzender der Kieler Ortsgruppe des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten und seit
1933 Mitglied des Gemeindevorstandes war, und Paul Leven, Forstweg 77. Lask besaß ein Gold- und
Silberwarengeschäft in der Dänischen Straße 30/32 und Leven ein Geschäft für Damenmoden im Schloßgarten.
Beide waren nationalkonservativ eingestellt und hatten gute Beziehungen zum Kieler Bürgertum. Nach Absprache der
Nazis sollten sie verhaftet und bei der geringsten Regung erschossen werden.
Mordkommandos der SA, SS und der Gestapo überfielen sie und gaben mehrere Schüsse auf ihre wehrlosen Opfer
ab. Aufgrund glücklicher Umstände konnten beide überleben."
In der Nacht vom 9./10. November wurden 58 Juden im Alter von 17 bis 72 Jahren in Haft genommen, einige von
ihnen wurden wegen ihres hohen Alters bzw. ihrer guten Beziehungen bis zum 11. November entlassen. Die anderen
wurden in veschiedene Gefängnisse, die meisten von ihnen schließlich in das KZ Sachsenhausen eingeliefert.
Die Aktionen der Pogromnacht, die am Beispiel Kiels sich wie die Bewegungen einer gut geölten Maschinerie
darstellen, verändern ihren Charakter vollständig in der Sicht der Opfer. Dazu ein Beispiel aus der Stadt Weißenfels
2 in Sachsen-Anhalt.
"In der ‚Reichskristallnacht', am 9./10. 11. 1938, bangten die Familien Schloß um ihr Überleben. Frau Geßner aus der
Bäckerei in der Schlachthofstraße, wo meine Mutter von 1938 bis 1940 ihr Brot kaufte, erinnerte sich an diese Nacht
und an die Familie Schloß. Mit ihrem Mann ging sie am 9. 11. 1938 nachts von der Katharinenstraße zur Alten
Leipziger Straße. In der Merseburger Straße, auf der Höhe Tankstelle/Kino ‚Gloria', sahen sie, wie SA-Männer und
Leute in Zivil mit Steinen, Flaschen und brennenden Fackeln das Haus Merseburger Straße 8 der Familie Schloß
bewarfen. Die Straße war zur Hälfte versperrt. Die Horde grölte und Feuer brannte. Mehr konnten Geßners nicht
wahrnehmen. Sie erschraken und hatten Angst. Sie kannten die beiden Familien Schloß als fleißige Bürger. Und nun
diese Ungerechtigkeit. Herr Geßner mußte sich vor SA-Männern ausweisen und wurde aufgefordert, weiterzugehen.
SA-Männer begleiteten sie bis zur Saale-Brücke. Am Morgen des 10. 11. 1938 wurden die Brüder Siegfried und
Arthur Schloß zusammen mit anderen jüdischen Männern aus Weißenfels verhaftet. Arthur Schloß hatten die SA-Männer
aus dem Krankenhaus gezerrt. Die Männer wurden zunächst im Keller des Weißenfelser Schlosses eingesperrt.
Am Nachmittag des 10. 11. 1938 verwüsteten fünf oder sechs junge Männer in Zivil die Wohnungen der beiden
Familien Schloß. Die 13jährige Hannelore Schloß saß mit ihrer Tante Lucie erstarrt am Tisch, als Glas, Porzellan und
Möbel zerbarsten. Als einer der Männer die Kaffeekanne zerschlug, die vor Hannelore auf dem Tisch stand, verbrühte
sie sich die Beine. Aus Angst blieb sie wie gelähmt sitzen.
Am späten Nachmittag ging Hannelore ins Schloß, um ihren kranken Vater zu suchen. Das Gefängnis befand sich in
den Kellerräumen. Hinter den Gittern erblickte sie ihren Vater in der großen Gruppe jüdischer Jungen und Männer.
Sie durfte ihm durch die Gitter die Hand geben. Es war ein erschütternder Augenblick, denn sie liebte ihren Vater über
alles.
Nachts schlief Hannelore bei einer nichtjüdischen Bekannten, bei Frau Gunkel. Als sie am nächsten Morgen ihren
Vater besuchen wollte, war das Schloßgefängnis geräumt. Arthur und Siegfried Schloß kamen in das KZ Buchenwald.
Dorthin fuhren ihnen die Brüder Otto und Erich Würfel aus Weißenfels nach und erpreßten von den Häftlingen den
Verkauf der Merseburgerstr. 8. Würfels erhielten das Grundstück für eine lächerliche Summe. Aber selbst dieses Geld
sahen die Familien Schloß nie."
Die Ausschaltung der wirtschaftlichen Konkurrenz, die jüdische Geschäftsleute darstellten, war immer auch ein
starkes Motiv für die Beteiligten am Pogrom, obwohl sie selbst nur in Einzelfällen - wie z.B. die Würfels in Weißenfels
- direkt davon profitieren konnten. Daß die Zerstörung der wirtschaftlichen Existenz der jüdischen Familien diese an
den Rand des Ruins brachten, stellte für die Nutznießer kein moralisches Problem dar.
Aus dem mecklenburgischen Waren 3 ein weiteres Beispiel:
"Es kam der 9. November 1938 - die sogenannte ‚Reichskristallnacht' mit all ihren Schrecken verschonte auch die
Warener Juden nicht.
In den Morgenstunden des 10. November 1938 zerschlugen die Faschisten den jüdischen Kaufleuten in Waren die
Schaufenster. Die Waren aus den jüdische Geschäften - z.B. die Schuhe aus dem Geschäft Loewenberg -, sogar
Kinderwagen, wurden auf dem Markt zusammengetragen und verbrannt.
Georg Baruch schildert in einem Schreiben vom 24. 8. 1945 an den Rat der Stadt Waren die Vorgänge wie folgt:
‚Am 10. 11. 1938 früh, ca. 7 Uhr, wurden mir die Schaufenster meines Geschäftes zerschlagen und das Warenlager
zum Teil demoliert. (Es werden hier die Namen der damals Beteiligten angeführt, die die Broschüre nicht nennen will,
d.Red.) Am selben Vormittag wurde ich verhaftet und nach Alt-Strelitz transportiert. Nach meiner Entlassung aus der
Haft wurde mir verboten, mein Geschäft wieder aufzumachen, auch mußte ich 1.400 Mark Buße bezahlen. Mein
Warenlager wurde, ohne daß ich gefragt wurde, verschleudert; ich erhielt nur ca. 25% des Einkaufspreises dafür. Um
mit meiner Frau nicht zu verhungern und um die Buße zahlen zu können, war ich gezwungen, mein Haus zu
verkaufen. Da ich auf Barzahlung angewiesen war, mußte ich das Haus für 8.000 Mark verkaufen, obwohl ich selbst
13.000 Mark bezahlt hatte.' Georg Baruch ist mit seiner Frau nach der Kristallnacht aus Waren verzogen."
Die Ausschaltung der jüdischen Konkurrenz war nur ein Motiv für die Beteiligung am Pogrom. Weitere Motive, an
denen die führenden Nazis anknüpfen konnten, waren der von ihnen selbst systematisch geschürte Haß und Neid.
Beide Motive speisten die "erfinderischen" Zerstörungsaktionen der Zukurzgekommenen, wie das Beispiel aus
Geestemünde (Bremerhaven) 4 zeigt:
"In der Reichspogromnacht wurden in Geestendorf von der SA die Schaufenster und die Auslagen des
Spielwarengeschäftes Ahronheim in der Georgstraße 4 und des Damenkonfektionsgeschäftes Henry Liepmann in der
Georgstraße 6 zerstört. Karl Ahronheim selbst holte man in der Nacht aus seiner Wohnung in der Ulmenstraße. Auch
Henry Liepmann nahmen SA-Leute in 'Schutzhaft', nachdem sie ihn zusammengeschlagen hatten. Er hatte nämlich
zu protestieren gewagt, als sie die Fenster seines Geschäftes zerschlugen.
Auch im Kaufhaus Schocken in der gleichen Straße, an der Ecke Grashoffstraße, wurden in der Reichspogromnacht
die Schaufensterscheiben zerstört. Viele Lebensmittel machten die SA-Leute unbrauchbar, indem sie Glasscherben
dazwischenmischten. Margarinefässer wurden auf die Straße gerollt und entleert, Stoffe und Kleidung mit Tinte
übergossen oder zerschnitten ...
Neben Albert Mertin, einem der aktivsten SA-Männer in der Reichspogromnacht, wohnte in der Schiffdorfer Chaussee
11 beim Bürgerpark der jüdische Viehhändler Siegfried Seligmann. In dem Haus zerschlug man in dieser Nacht die
Fensterscheiben und legte ein Feuer. Der Brand wurde aber wieder gelöscht, weil der SA-Nachbar Angst um sein
eigenes Anwesen hatte."
Sorge um die Reaktionen des Auslands - sofern es um Geschäfte ging - bremsten nur in geringem Maße die
antisemitischen Ausschreitungen. So das Beispiel aus Emden 5:
"In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die Emdener Synagoge Am Sandpfad, heute Bollwerkstraße,
geplündert und dann in Brand gesetzt. Die Nazis hatten den Jahrestag des Münchner Putschversuches ihrer Partei
von 1923 mit einem Fackelumzug gefeiert und anschließend ein Fest in der Herrentorschule veranstaltet: Von dort
brachen sie nachts um vier Uhr auf, zerstörten die Kultstätte der jüdischen Gemeinde und überfielen zahlreiche
jüdische Familien, ihre Häuser und Läden. Ein jüdischer Schlachter, Daniel de Beer, wurde in seinem Haus in der
Nähe der Oldersume Straße angeschossen; er schleppte sich noch bis zum Rathausplatz, bevor er seinen
Verletzungen erlag. Ebenfalls angeschossen wurde der Vater von Walter Philipson in seinem Haus, in das vier
Emdener Marine-SA-Männer eingedrungen waren. Alle jüdischen Mitbürger wurden in der Turnhalle der Neutorschule
zusammengetrieben, wo sie die Nacht verbringen mußten. Am Morgen wurden die Frauen entlassen, die Männer
aber blieben inhaftiert:
‚Auch das Lager in der Neutorschule mußte von Blut gereinigt werden ... Emden war Hafenstadt. Die Schiffer, die in
die Stadt kamen, sollten die Dinge nicht sehen und nicht fotografieren, das wäre ja ein Greuelmärchen.' ...
Am 11. November 1938 vormittags wurden die etwa 60 jüdischen Männer von der Gestapo übernommen. Sie mußten
durch die ganze Stadt bis zum Bahnhof-West marschieren, von wo aus sie nach Oldenburg und von dort in das
Konzentrationslager Sachsenhausen kamen."
Die massenhafte Ermordung von Juden war noch nicht das Ziel des Novemberpogroms. Aber einzelne Fälle von
Mord und Totschlag wurden von den Nazis, um die abschreckende Wirkung zu erhöhen oder als unvermeidliche, weil
unkontrollierbare Begleiterscheinung der Exzesse, in Kauf genommen. Dazu das Beispiel aus Peine 6:
"Am 10. 11. 1938, in der Reichspogromnacht, wurden auch in Peine die Wohnungen jüdischer Bürger demoliert, u.a.
auch die Wohnung der Familie Marburger. Als der 16jährige Hans Marburger seiner Mutter gegen Angriffe der Nazis
zu Hilfe kam, wurde er von ihnen in die Synagoge geschleppt und gezwungen, den Teppich mit Petroleum zu
übergießen und anzuzünden. Danach schlugen die SA-Leute Hans Marburger bewußtlos und ließen ihn in der
Synagoge liegen, so daß er lebendig verbrannte."
Die Reaktionen der Behörden, Schulen und Medien zielten darauf ab, die auch im Dritten Reich gesetzwidrigen
Gewaltaktionen zu legitimieren und das schlechte Gewissen, das bei dem einen oder anderen Beobachter vielleicht
noch geschlagen haben mag, zu beruhigen. Aus dem hessischen Gießen 7 dazu ein Beispiel:
"Beim Pogrom am 10. November 1938 brannten die beiden Synagogen in der Südanlage und in der Steinstraße,
angezündet von Männern, die der SA angehörten - manche waren Akademiker -, die ihre Uniform aber
nicht trugen, um der Brandstiftung den Schein der ‚berechtigten Entrüstung unserer Volksgenossen' zu geben,
wie der ‚Gießener Anzeiger' am 11. November mitteilte. Lehrer der benachbarten Schulen führten ihre Kinder mit derselben Darstellung
zu den Brandplätzen. ‚Brandschutz' leisteten als Mittäter die Männer der Feuerwehr, die den Brand hätten löschen
können, aber nur die Nachbarhäuser bespritzten. Opfer von Diebstählen und Flammen wurden die
Inneneinrichtungen und Kultgegenstände.
Wenige Tage später ließ die Stadtverwaltung die Grundmauern sprengen und den Schutt abtragen, an dem
zahlreiche Gießener für Auffüllarbeiten Interesse hatten ...
Die Brandstifungen waren begleitet von einer Verhaftungswelle unter der jüdischen Bevölkerung. Sie
wurden in den beiden örtlichen Zeitungen so dargestellt, als hätten sich diese Menschen ‚freiwillig in Schutzhaft begeben'.
Für die meisten der verhafteten Männer führte der Weg ins KZ Buchenwald, wo sie qualvolle Wochen verbrachten, bis
sie Auswanderungspapiere vorlegten und/oder bereit waren, ihren Grundbesitz zu verkaufen.
Die Notlage der jüdischen Eigentümer nützten zahlreiche christliche Mitbürger aus, um auf dem Weg der ‚Arisierung'
Grundstücke und Betriebe unter ihrem tatsächlichen Wert zu erwerben."
Im nordhessischen Hersfeld 8 trug die "Hersfelder Zeitung" schon in den Jahren zuvor zur Erzeugung einer
Pogromstimmung gegen die Juden bei. Tagtäglich hatte sie in lockerem Ton über antisemitische Ausschreitungen
berichtet und ihren Leser auf diese Weise signalisiert: "Menschenverfolgung ist eine heitere Angelegenheit". Als in der
Pogromnacht die jüdischen Mitbürger mißhandelt und ihre religiösen Einrichtungen, ihre Wohnhäuser, Geschäfte und
die Schule zerstört wurden, zeigten die Hersfelder Christen schon vielfach das gewünschte Verhalten:
"Tausende Hersfelder Einwohner beteiligten sich aktiv oder passiv an den Pogromen, vergriffen sich an den
wehrlosen Verhafteten, nahmen an den Plünderungen und Mißhandlungen teil oder sahen tatenlos der
Brandschatzung zu."
Wie weit die Entsolidarisierung zwischen Juden und Christen vorangetrieben war, auch das sollte mit dem
Novemberpogrom getestet werden. Dieser Aspekt wird bei den Ereignissen im St. Wendel
(Saarland) 9 deutlich:
"So versammelten sich vor dem Haus des nichtjüdischen Rechtsanwaltes Dr. Krämer, der jüdische Emigranten
gerichtlich vertreten hatte, Demonstranten und forderten, man solle den ‚Judenknecht' aufhängen. Auf den Protest
des Anwalts antwortete ihm ein Sturmbannführer der SA: ‚Gesetz und Recht gibt es nicht mehr. Jetzt spricht das Volk.
Sie sind ein Paragraphenschwein, sonst nichts.'
Mit drei jüdischen Bürgern wurde der Anwalt in einem Überfallwagen der Gestapo aus St. Wendel geschafft. Auf der
Fahrt nach Saarbrücken wurden in Ottweiler, Wiebelskirchen, Illingen und Merchweiler weitere Juden zugeladen. Sie
wurden geschlagen, gezwungen zu singen und zu rufen: ‚Wir sind gemeine Mörder, sind Lumpen.'
Keiner, der nicht verletzt war, als sie in Saarbrücken ankamen.
Bei der Gestapo auf dem Schloßplatz gingen die Schikanen weiter. Ihre Gesichter wurden dann mit Hakenkreuzen
bemalt. Bis zur Erschöpfung, die dann wieder mit Schlägen beantwortet wurde, wurden sie in den Korridoren des
Schlosses treppauf und treppab getrieben, bevor auch sie in das Gefängnis Lerchesflur und von dort später nach
Dachau eingewiesen wurden. Dr. Krämer wurde nach zwei Tagen entlassen."
Aus dem saarländischen Dillingen 10 sind besonders sadistische Übergriffe auf die jüdische Bevölkerung überliefert.
"Während der Nacht drangen die Horden in die Wohnung der Familie Alexander ein, rissen die Frau aus dem Bett und
mißhandelten sie vor den Augen der Kinder. Danach wurden die Kinder nackt aus der Wohnung gejagt. Bei einem
beherzten Nachbarn fanden sie vorübergehend Unterschlupf. Ein jüdischer Greis, dem man Rizinusöl eingeflößt
hatte, wurde johlend durch die Stummstraße getrieben, aus dem Altenheim in Pachten eine Jüdin, die sich dort
versteckt hatte, herausgeholt und weggeschleppt. Ihr Schicksal blieb unaufklärbar. Geschändet wurde auch der
jüdische Friedhof in Diefflen."
Die Beteiligung der christlichen Nachbarn am Pogrom, mit denen die Juden bislang weitgehend friedlich
zusammengelebt hatten, war eine besonders schmerzliche Erfahrung.
So geschah es z.B. auch in Emmendingen 11 in Baden-Württemberg:
"Käte Sandhelm geb. Weil hatte unmittelbar neben der Synagoge in der Kirchstraße gewohnt und berichtete über die
Zerstörung am 10. November 1938:
‚Am frühen Morgen war der Eingang zur Synagoge schon völlig aufgerissen. Die Gebetsbücher, die Gebetsschäle
und die Thorarollen sind hinten zum Fenster rausgeflogen. Die wurden dann im hinteren Synagogenhof alle
angebrannt ...
Das waren alles Emmendinger Bürger, die meine Eltern alle gut gekannt haben, die hier mitgemacht haben. Das hat
uns besonders weh getan.'
Am hellichten Tag wurden die jüdischen Männer ‚wie Vieh an den Bahnhof getrieben' und ‚die Bevölkerung hat
gejubelt.'
Der Transport ging über Karlsruhe in das KZ Dachau. Dort wurde Richard Günzburger, Sohn des Viehhändlers
Günzburger, ermordet. Diejenigen, die aus Dachau zurückkehrten, betrieben so schnell wie möglich ihre
Auswanderung."
In Freiburg 12 reagierten die christlichen Augenzeugen des Novemberpogroms mit Schweigen - das durchaus
unterschiedlich interpretiert worden ist:
"10. November 1938: In den frühen Morgenstunden beginnt unter der Leitung des SS-Standartenführers Walter Gunst
und des SA-Brigadeführers Joachim Weist die Zerstörung der Synagoge. Rabbiner Dr. Siegfried Scheuermann,
Kantor David Ziegler und der Vorsteher des Synagogenrates, Löb David Meier, werden aus ihren Wohnungen geholt
und müssen die Schändung des Gotteshauses mitansehen. ‚Unbekannte' dringen in den Jüdischen Friedhof ein,
verwüsten Grabsteine und zerstören das Leichenhaus. In der Kaiser-Joseph-Straße werden jüdische Geschäfte
geplündert. Noch während die Synagoge brennt, beginnen die Verhaftungen. Im Laufe des 10. November liefert die
Polizei 137 Juden in das Gefängnis ein. Am Abend werden sie zum Bahnhof getrieben, wo der Zug bereitsteht, der
sie in das KZ Dachau bringt.
Der Freiburger Bevölkerung wird sowohl von einem überlebenden Juden - Max Mayer - als auch vom damaligen
Gefängnisdirektor ‚schweigendes Herumstehen' bescheinigt; Max Mayer sah in diesem ‚tiefen Schweigen' sogar eine
‚teilnehmende, würdige Haltung, eine Kritik'. Der Schriftsteller Reinhold Schneider schrieb 1959 über sein Schweigen
an diesem Tag:
‚Am Tage des Synagogensturms hätte die Kirche schwesterlich neben der Synagoge erscheinen müssen. Es ist
entscheidend, daß dies nicht geschah ... Aber was tat ich selbst? Als ich von den Bränden, Plünderungen, Greueln
hörte, verschloß ich mich in meinem Arbeitszimmer, zu feige, um mich dem Geschehen zu stellen und etwas zu
sagen'."
Anmerkungen:
* Die meisten abgedruckten Beispiele stammen aus den Heimatgeschichtlichen Wegweisern zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Diese Bände werden vom Studienkreis Deutscher Widerstand herausgegeben.
1) Heimatgeschichtlicher Wegweiser, Schleswig-Holstein I, S. 41-43
2) Vgl. Richard Schramm: Ich will leben. Berichte über Juden einer deutschen Stadt. Hg.: Komitee der Antifaschistischen
Widerstandskämpfer, Basisgruppe Weißenfels, 1990, S. 68-69
3) Vgl. Bildungshefte Müritzkreis (Heft 1). Aus der Geschichte der Juden in den Städten Waren, Röbel, Malchow und
Penzlin. Hg. Müritz-Sparkasse. o.O.,o.J., S. 14
4) Heimatgeschichtlicher Wegweiser, Bremen, S. 124
5) Heimatgeschichtlicher Wegweiser, Niedersachsen II, S. 116
6) Heimatgeschichtlicher Wegweiser, Niedersachsen I, S. 46-47
7) Heimatgeschichtlicher Wegweiser, Hessen II, S. 35
8) a.a.O., S, 53
9) Heimatgeschichtlicher Wegweiser, Saarland, S. 162
10) a.a.O., S. 118
11) Heimatgeschichtlicher Wegweiser, Baden-Württemberg II, S. 25
12) a.a. O., S. 41.
"informationen"
Nr. 48, November 1998
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