Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945 e.V.

Die neugestaltete Ausstellung "Frauen im KZ 1933-1945. Moringen, Lichtenburg, Ravensbrück"

Christine Krause
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Hed Regnart lernt ihre jüdische Freundin Herta Kronheim 1935 im Gefängnis Landshut kennen. Beide Frauen, wegen antifaschistischer Aktionen seit 1933 in Haft, werden im Frühjahr 1936 nach Moringen überstellt. Hed kümmert sich um die Kameradin, die in einer schlechten Verfassung ist: "Für Herta war das ganze Leben im Lager, die Bedrohung
durch ständige Bespitzelung, ihre vorangegangenen Erlebnisse, das alles war für sie unerträglich geworden." 
Ende Januar 1937 wird Hed entlassen, Herta bleibt in Moringen zurück. Nach 1945 beginnt Hed mit der Suche nach Herta, ergebnislos: "Um sie werde ich immer weinen!"
Bei der Neugestaltung der Ausstellung wünscht sich Hed Regnart, daß an Herta Kronheim erinnert wird. Die
Biographien beider Frauen werden nun in der graphisch anspruchsvoll gestalteten und erweiterten Ausstellung vorgestellt.

In ihrer Rede anläßlich der Eröffnung am 20. September 1998 in der Evangelischen Akademie in Wittenberg sprach Dr. Ursula Krause-Schmitt über das Prinzip dieser Ausstellung: "Es ist das gemeinsame Bemühen von Überlebenden wie von Besuchern und Besucherinnen und Forscherinnen und Forschern, Zeugnis abzulegen und dem Vergessen entgegenzuwirken. Unsere Ausstellung ist inspiriert von persönlichen Begegnungen, von Freundschaften, von dem für die persönliche Biographie so wichtigen Dialog zwischen den Generationen, von dem Bemühen, sich einem fremden Leben mit Empathie zu nähern."

Maria A. fand Vertrauen zu jungen Frauen der Lagergemeinschaft Ravensbrück/ Freundeskreis und hat ihnen ihre unendlich bittere Leidensgeschichte erzählt. Sie ist die einzige Frau in dieser Ausstellung, deren Namen anonymisiert wurde: Ihre Angst vor erneuter Diskriminierung, ihre Wut und Scham über das, was die SS-Ärzte ihr angetan hatten, überwältigen sie noch immer. Maria wird im Januar 1939 in Breslau denunziert und in das KZ Lichtenburg gebracht. Im Juni nach Ravensbrück überstellt, weigert sie sich, Kolonnenführerin zu werden, weil sie Frauen, die vom Alter her ihre Mutter sein könnten, nicht herumkommandieren will. Zur Strafe muß sie für sechs Wochen in den Zellenbau. Ende 1943 werden Maria und zehn weitere Frauen für das Häftlingsbordell im KZ Mauthausen selektiert.

Die Biographien der Frauen werden, soweit es möglich ist, bis heute fortgeschrieben, denn fast immer ist die zweite Lebenshälfte überschattet von den psychischen und physischen Folgen der KZ-Haft, von erneuter Diskriminierung, von verweigerter Entschädigung, von entwürdigenden Verfahren, um einen kleinen Rentenanspruch durchzusetzen, von erneuter Verfolgung aufgrund der politischen, aber auch der religiösen Überzeugung.

Ein Besucher der "alten" Ausstellung machte auf das Schicksal der Zeugin Jehovas Charlotte Müller, die die Lichtenburg und Ravensbrück überlebt hat, aufmerksam und half, den Kontakt zu ihr herzustellen. Charlotte Müller wird im August 1936 verhaftet, weil sie jahrelang die heimlich gedruckte Zeitung "Der Wachtturm" verteilte. Nach zwei Jahren Gefängnis wird sie im Februar 1939 in die Lichtenburg, drei Monate später nach Ravensbrück überstellt. Nach der Befreiung arbeitet  sie  in Magdeburg  für die Wachtturm-Gesellschaft, die 1950 in der DDR verboten wird. Im April 1951 wird Charlotte Müller  verhaftet  und zu einer hohen Zuchthausstrafe verurteilt. Nach ihrer krankheitsbedingten vorzeitigen Entlassung siedelt sie 1957 in die Bundesrepublik über.

Katharina Katzenmaier, Schwester Theodolinde, nimmt seit den 60er Jahren an allen Treffen der Lagergemeinschaft Ravensbrück teil. Nach einer Ausbildung am Seminar für Seelsorge in Freiburg arbeitet  Katharina im Saarland und engagiert sich in der katholischen Kinder- und Jugendarbeit. Im Religionsunterricht bezieht sie Stellung gegen die "Euthanasie". Im Frühjahr 1943 verhört die Gestapo Saarbrücken Katharinas Schülerinnen und Schüler; im Juli wird sie festgenommen. Nach drei Monaten Einzelhaft  kommt sie im Oktober 1943 nach Ravensbrück. Dort muß sie Zwangsarbeit im Siemens-Werk verrichten. Nach der Befreiung beginnt sie ein Theologiestudium in Mainz und tritt im November 1949  in das Benediktinerinnenkloster St. Lioba in Freiburg ein.

Zwei Frauen, die ebenfalls neu in der Ausstellung vorgestellt werden, haben die Autorinnen nach dem Zusammenschluß der Lagergemeinschaften Ost und West kennengelernt. Hildeburg Späth wird 1936 wegen der Beteiligung an Widerstandsaktionen von sozialistischen und kommunistischen Jugendlichen festgenommen und zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Statt ihrer Freilassung ordnet die Gestapo 1938 die Einlieferung in die Lichtenburg an. Im Mai 1939 muß sie trotz einer Mittelohrentzündung auf Transport nach Ravensbrück; schwerkrank wird sie im Mai 1940 entlassen. Nach der Befreiung lebt und arbeitet sie in Leipzig und ist beim Demokratischen Frauenbund und im Komitee der antifaschistischen Widerstandskämpfer aktiv.

Elisabeth Kunesch ist heute im Vorstand der Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis aktiv. Als 13jährige nimmt sie an Demonstrationen teil und klebt Plakate – auch noch, nachdem Hitler an die Macht gekommen ist. 1936 will sie ihren Freund Werner Anschütz heiraten, doch Elisabeth bekommt keine Genehmigung: Ihr "Ariernachweis" reicht väterlicherseits nur bis zum Großvater zurück. Im Juni 1940 wird sie, nunmehr zweifache Mutter, verhaftet und Ende Februar 1941 nach Ravensbrück überstellt. (Zu ihrer Lebensgeschichte siehe auch ihren Bericht "Von jetzt an war ich eine Nummer" in diesem Heft)

In den 15 Jahren der Beschäftigung mit dem Widerstand und der Verfolgung von Frauen lernten die Autorinnen der Ausstellung Überlebende kennen, die nach jahrzehntelangem Schweigen erstmals über die Geschichte ihrer Verfolgung berichten konnten – Frauen, die vor 1933 nicht politisch organisiert waren, und die sich in der NS-Zeit ihre Mitmenschlichkeit bewahrten, Verfolgten halfen oder die Arbeit in der Rüstungsproduktion verweigerten.

Eine dieser Frauen ist Ilse Stephan. Sie muß als Älteste von elf Geschwistern zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. 1934 weigert sie sich, dem Bund deutscher Mädchen beizutreten. Im Dezember 1943 soll sie in ein Sprengstoffwerk dienstverpflichet werden. Sie weigert sich und wird nach knapp sieben Monaten Polizeihaft nach Ravensbrück überstellt.  Im Februar 1945 kommt sie nach Bergen-Belsen, wo sie die Befreiung erlebt. Nach ihrer Rückkehr arbeitet sie im Komitee für die Opfer des Faschismus. Ilse beantragt 1950 und 1975 eine Rente als Verfolgte des Naziregimes; beide Anträge werden abgelehnt. Ein Jahr nach ihrem Umzug nach Niedersachsen wird ihr 1993 eine laufende monatliche Beihilfe, die sie seit November 1991 aus dem Härtefonds bezieht, aberkannt, da sie "nicht anspruchsberechtigt sei".

Neu vorgestellt wird in der Ausstellung auch die österreichische Ärztin Dr. Ilse Reibmayr, deren Porträt die Filmemacherin Loretta Waltz zur Verfügung stellte. Nach der Beendigung ihres Medizinstudiums arbeitet Ilse als Assistenzärztin in Leoben. Als sie  um Hilfe für einen verwundeten Partisanen gebeten wird, stellt sie Tetanus und Verbandstoff zur Verfügung. Ende September 1944 wird Ilse verhaftet und Anfang November nach Ravensbrück gebracht. Sie wird als Häftlingsärztin in das Revier abkommandiert und muß dem SS-Arzt Dr. Treite assistieren: "In den drei Monaten, von kurz vor Weihnachten bis Ende März 1945, habe ich 360 Geburten begleitet. Von den Kindern hat nur ein einziges überlebt. Die Mutter, eine Österreicherin, ist mit meinem Transport aus Leoben gekommen. Sie war die letzte, die noch von uns entbunden wurde. Es ist uns gelungen, Mutter und Kind im Revier 1 versteckt zu halten." Ende April 1945 bleibt Ilse bei den Kranken im Lager zurück und hilft nach der Befreiung bei der Einrichtung eines Lazarettes. Im Dezember 1945 kehrt sie nach Österreich zurück.

Ärztin ist auch Dr. Haidi Hautval aus Frankreich. 1942 wird sie auf dem Weg zur Beerdigung ihrer Mutter verhaftet. Als im Gefängnis von Bourges eine jüdische Frau in ihre Zelle kommt, sieht sie, daß diese den gelben Stern tragen muß.
Aus Protest gegen diese Diskriminierung heftet sie sich einen Stern aus Papier an. Die Gestapo behandelt sie ab diesem Moment wie ihre jüdischen Mitgefangenen. Im Januar 1943 wird Haidi nach Auschwitz deportiert, im August 1944 schließlich nach Ravensbrück. In Auschwitz wie in Ravensbrück muß sie als Häftlingsärztin arbeiten, sie bemüht sich um die Rettung ihrer Mitgefangenen. Die Grenzen der Möglichkeiten des Helfens, die Gratwanderung, die hierzu notwendig ist, quälen sie ihr ganzes Leben. Nach der Befreiung kehrt sie nach Frankreich zurück und ist Zeugin in mehreren Auschwitz- und Ravensbrück-Prozessen.

Die neue Ausstellung ist neben der inhaltlichen Überarbeitung und Erweiterung durch Ursula Krause-Schmitt, Cora Mohr und Conny S.-Seyler auch graphisch völlig neu gestaltet. Diese künstlerische Aufgabe übernahmen Peter Schmidt und Klaus Knödler, nachdem sie die Ausstellung in der alten Form in Ludwigsburg kennengelernt hatten.

In seiner Eröffnungsrede sagte Peter Schmidt, daß für ihn das Thema KZ eine der schwierigsten künstlerischen Aufgaben sei, nämlich Formen zu finden, die diesem Thema entsprächen und sich auf zeitgemäßen Niveau mit ihm auseinandersetzten. Als wichtige zeitgenössische Werke, die ihn bei der graphischen Konzeption der Ausstellung beschäftigten, nannte er den Comic Maus von Art Spiegelmann und das Saarbrücker "Unsichtbare Mahnmal" von Jochen Gerz. Spiegelmann sei es gelungen, KZ-Vergangenheit und die Auswirkung auch auf die nächste Generation in einem Comic aufzuarbeiten, ohne kitschig, pathetisch, banal oder reißerisch zu werden. Gerz setze sich mit dem Thema Erinnern und Verschwinden des Erinnerns ohne große Formen, ohne erhobenen Zeigefinger und sehr unpathetisch auseinander.

"Eine der Hauptqualitäten der Ausstellung" sei, "daß sie sich nicht auf die KZ-Zeit beschränkt, sondern 
nachvollziehbar macht, wie es zu der KZ-Haft kam und wie sich diese auf den weiteren Lebenslauf ausgewirkt hat, soweit es überhaupt noch einen weiteren Lebenslauf gab." Durch die Verwendung von Photographien der Frauen vor der oder zur Zeit ihrer Verfolgung und möglichst aus jüngerer Zeit gelänge es, auch visuell eine Zeitspanne sichtbar zu machen.

"informationen" Nr. 48, November 1998

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