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zum Heft "informationen" Nr. 65
Arisierungen in Thüringen
Mit „Arisierung in Thüringen" stellt die Erfurter Landeszentrale für Politische
Bildung die Ergebnisse der Arbeit eines quellenkundlichen Seminars an der
Friedrich-Schiller-Universität Jena im Wintersemester 2005/2006 vor. Die rund
300 Dokumente, von 17 Studentinnen und Studenten vorwiegend aus den
thüringischen Staatsarchiven zusammen getragen, durch Materialien aus lokalen
Archiven ergänzt und durch Zeitungsberichte bildhaft angereichert, entwerfen ein
bedrückendes Bild von der eskalierenden Entwürdigung, Entrechtung,
wirtschaftlichen und schlussendlich physischen Vernichtung der Thüringer
Bürgerinnen und Bürger jüdischer Abstammung in der Zeit des „Dritten Reiches".
Die Sammlung gliedert sich in drei Abschnitte: „Entrechtung", „Enteignung", und
„Vertreibung und Vernichtung", wobei der zweite Abschnitt mit den Kapiteln
„Raub von Privatvermögen" und „Arisierung der Wirtschaft" ziemlich genau die
Hälfte des Dokumententeils ausmacht.
In ihrer Einleitung macht die Herausgeberin deutlich, dass „Arisierung" weit
mehr bedeutete als die bloße „Ausschaltung der Juden aus der deutschen
Wirtschaft" - so die NS-offizielle Sprachregelung für den Raub jüdischen
Eigentums - in welchem Sinne der Begriff auch heute noch fast ausschließlich
verwendet wird.
„Arisierung" war ein gesellschaftspolitisches Programm, „die Grundlage der
NS-Politik: [...] Deutschland in eine ‚reinrassige Volksgemeinschaft' zu
verwandeln" (S. 20). Diesem Ziel dienten vielfältige und in schneller Folge sich
steigernde Maßnahmen, die die als „Juden" definierten Deutschen von der
„arischen" Mehrheitsbevölkerung trennten, die sie zum Verlassen des Landes
zwingen sollten - selbstverständlich unter fast völliger Zurücklassung ihres
Eigentums - und die schließlich diejenigen, die nicht auswandern konnten oder
wollten, enteigneten, rechtlich diskriminierten und am Ende der Vernichtung
preisgaben.
Im NS-„Mustergau" Thüringen wurden antijüdische Maßnahmen schon Jahre vor der
„Machtergreifung" der Nazis im Reich eingeleitet. Der schriftstellernde
Rasseideologe Artur Dinter, Verfasser dümmlich-antisemitischer Hetzromane,
behauptete etwa, dass eine „arische" Frau, die nur ein einziges Mal und
folgenlos Sexualkontakt mit einem Juden gehabt habe, nur noch „Judenmischlinge"
gebären könne (Die Sünde wider das Blut, 1918, Auflage bis 1934 - 260 000
Exemplare). Als Landtagsabgeordneter forderte Dinter bereits 1924 die
„bedingungslose Entfernung aller Juden aus Beamten- und Regierungsstellen", eine
Forderung, die die NSDAP-Fraktion gebetsmühlenhaft in fast jeder Landtagssitzung
wiederholte (S. 23-24). 1929 gelang es der NSDAP, zwei von sieben Mitgliedern in
der Landesregierung zu stellen. Sie nutzte dies, um den Philologen und
Bestsellerautor (Kleine Rassenkunde des deutschen Volkes, 1922 , Gesamtauflage
bis Kriegsende fast eine Million) Hans F. K. Günther („Rasse-Günther") 1930 auf
einen eigens für ihn eingerichteten Lehrstuhl für „Rassenfragen und Rassenkunde"
der Jenenser Universität zu hieven. Ministerpräsident und NSDAP-Gauleiter Fritz
Sauckel berief sich in seiner Regierungserklärung vom 29. August 1932 „auf
‚Rasse' und ‚Volkstum' als ideologische Grundpfeiler seiner künftigen
Regierungspolitik" und forderte schon am 3. Dezember desselben Jahres seine
Landsleute zum Boykott jüdischer Geschäfte auf (S. 24-26).
„Arisierung in Thüringen" zeigt dass Thüringen, der „nationalsozialistische
Mustergau", auch in der Judenverfolgung eine Vorreiterrolle spielte. Als
Beispiel sei hier noch die Zerstörung der Synagoge in Vacha durch „unbekannte
Täter" schon in der Nacht vom 9. auf den 10. Oktober 1938 erwähnt, einen Monat
vor dem Pogrom der „Reichskristallnacht" (S. 93-94). Die im vorliegenden Band
versammelten Dokumente machen ferner die oft verdrängte Tatsache der
massenhaften Beteiligung der „Volksgenossen" an Hetze, Denunziation,
Entwürdigung und Beraubung der als „Juden" definierten Mitbürgerinnen und
Mitbürger erschreckend deutlich.
Sie zeigen ferner, dass sich diese Vorgänge in aller Öffentlichkeit abspielten
und die Beteiligten oft einander persönlich kannten, wie dies in der Regel in
den Kleinstädten wie Saalfeld, Vacha oder Sonneberg der Fall war, zu denen hier
viele Dokumente veröffentlicht sind. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang
auch der faksimilierte Auszug aus dem Protokoll der Versteigerung des Hausrats
des nach Theresienstadt deportierten Apoldaer Bürgers Bernhard Prager (S. 232).
Es zeigt, dass mancher Nachbar keine Skrupel kannte, beim Erwerb der „Judenware"
sein Schnäppchen zu machen.
Für Leserinnen und Leser äußerst hilfreich ist das Abkürzungsverzeichnis am Ende
des zweiten Halbbandes. Auch eine nicht zu umfangreiche, sich auf wichtige Titel
beschränkende Bibliographie ist zu begrüßen und auch für diejenigen hilfreich,
die sich mit dem Thema auch über den lokalen Rahmen „Thüringen" hinaus
beschäftigen möchten. Schade nur, dass wiederum - vermutlich aus Gründen des
Datenund Personenschutzes - fast alle Täter und Profiteure, aber auch die
meisten Opfer, namenlos bleiben. Gerade für Letztere wäre es ein Akt später
Wiedergutmachung gewesen, sie über siebzig Jahre nach den Ereignissen, die sie
aus der „Gattung Mensch" ausschlossen, aus der Anonymität heraus zu holen und
ihnen ihren Namen zurück zu geben.
Monika Gibas (Hg.): „Arisierung" in Thüringen. Entrechtung, Enteignung und
Vernichtung der jüdischen Bürger Thüringens 1933-1945. (Quellen zur Geschichte
Thüringens). Erfurt: Landeszentrale für Politische Bildung, 2006
Joachim Neander
Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher
Das Buch des argentinischen Journalisten und Historikers Uki Goñi
gehört für mich zu den wichtigsten 2006 in Deutschland erschienenen
Publikationen. 2002 lag bereits in London eine englische Ausgabe vor.
Geboten wird eine erste fundierte Darstellung der Rolle Argentiniens bei der
Fluchthilfe für schwerbelastete Nazi-Kriegsverbrecher aus Deutschland und
anderen europäischen Ländern.
Der Autor hat über sechs Jahre an dem Werk gearbeitet. Von ihm wurden Unterlagen
aus Archiven in Argentinien, Belgien, Chile, Dänemark, Deutschland,
Großbritannien, der Schweiz und den USA ausgewertet. Darüber hinaus sind mehr
als 200 Zeitzeugen befragt worden.
Umfassend nachgewiesen werden kann, dass die argentinische Regierung unter dem
Präsidenten Juan Domingo Perón in Zusammenarbeit mit dem Vatikan und anderen
einflussreichen Kreisen der katholischen Kirche sowie alliierten Geheimdiensten
weitreichende Fluchthilfe zur Rettung von Kriegsverbrechern aus Belgien,
Deutschland, Frankreich, Kroatien, den Niederlanden, Österreich und der Slowakei
geleistet hat.
Erst nach Erscheinen der britischen Ausgabe konnten u.a. in London und
Washington weitere Quellen erschlossen werden, die eindeutig die Kontakte von
Papst Pius XII. zu Geheimdiensten in den USA und Großbritannien belegen, um
kroatische Kriegsverbrecher zu retten.
Die Fluchtwege nach Argentinien führten über Spanien, Schweden, die Schweiz und
Italien. Katholische Klöster und andere kirchliche Einrichtungen in Italien
boten den international gesuchten Verbrechern oft längere Zeit Zuflucht.
Goñi stellt detailliert dar, wo die Ursachen dafür zu suchen sind, dass
Argentinien eine derartige Politik betrieben hat. Zwischen den seit 1930 in
Argentinien herrschenden Militärdiktaturen und der NS-Diktatur in Deutschland
bestanden vielfältige Kontakte, die nach dem Machtantritt von Perón am 4. Juni
1943 noch ausgebaut wurden. Geheimverhandlungen fanden z.B. in Deutschland
zwischen Beauftragten des argentinischen Präsidenten und Ribbentrop sowie
Himmler statt. An diese Beziehungen wurde nach 1945 direkt angeknüpft.
Das Buch umfasst 21 Kapitel. Am Anfang wird Einblick in die innenpolitische Lage
Argentiniens in Verbindung mit dem Aufstieg Peróns gegeben. Im Zentrum der
folgenden drei Kapitel steht die Haltung Argentiniens zu den Juden. Bereits im
Juli und August 1938 wurden geheime Direktiven beschlossen, wodurch Juden aus
Deutschland und Österreich die Einreise nach Argentinien verwehrt wurde. Als die
Naziregierung 1942/43 im Interesse des Erhalts der Zusammenarbeit Argentinien
anbot, die in Deutschland und anderen europäischen Ländern lebenden
argentinischen Juden in ihr Heimatland ausreisen zu lassen, lehnte die Regierung
Perón dies ab.
Ab Kapitel 6 steht die unmittelbare Fluchthilfe im Mittelpunkt. Detailliert
belegt werden kann, welche Rolle höhere katholische Würdenträger,
Regierungsbeamte aus Argentinien, Spanien und der Schweiz sowie ehemalige
SS-Offiziere unterschiedlicher Nationalität dabei spielten. Eine
Schlüsselstellung nahm z.B. auf argentinischer Seite der ehemalige
SS-Hauptsturmführer Carlos Fuldner ein. 1948 war der Deutsch-Argentinier im
Auftrag Peróns wieder in Europa und baute Fluchthelferstützpunkte in Genua und
Bern auf. Dies war für schwerbelastete deutsche Kriegsverbrecher wie Adolf
Eichmann und Josef Mengele von besonderer Bedeutung.
Eine maßgebliche Stellung nahmen die katholischen Geistlichen Bischof Augustin
Barrére (Argentinien), Erzbischof Antonio Caggiano (Argentinien), Bischof Alois
Hudal (Österreich) und Kardinal Eugéne Tisserant (Frankreich) ein.
Nähere Informationen über verschiedene Flugrouten bieten Kapitel 11 und 12. Am
bekanntesten sind die Nordroute (Dänemark - Schweden - Argentinien bzw. Schweden
- Italien - Argentinien) sowie die Südroute (Schweiz - Italien - Argentinien).
Zwischen 1946 und 1951 sind über diese Wege mehrere schwer belastete
Kriegsverbrecher gegangen, und sie alle fanden in Argentinien sichere Aufnahme.
In den Kapiteln 13 bis 15 wird ausführlich die Flucht von französischsprachigen
Kriegsverbrechern sowie die der Anhänger des Regimes unter Jozef Tiso in der
Slowakei und der kroatischen Faschisten um die Regierung Ante Pavelic
dargestellt.
Bereits 1946 fanden ungefähr 100 Franzosen und Belgier Aufnahme in Argentinien.
Ausschlaggebend war wohl, dass es sich hierbei fast ausschließlich um Katholiken
handelte. Auch bei der Fluchthilfe für Slowaken und Kroaten spielte die
katholische Kirche eine maßgebliche Rolle. Am ausführlichsten wird in Kapitel 15
„Die Flucht der Ustaschen" dargestellt. Der Ustascha-Führer Ante Pavelic
einschließlich großer Teile seiner Regierung kamen nach Argentinien. Sie waren
für den Massenmord an mehr als 700.000 Menschen in den Konzentrationslagern
Kroatiens verantwortlich.
In Kapitel 16 nimmt der Autor zusammenfassend zu der umstrittenen Frage
Stellung, inwieweit Papst Pius XII. über die Fluchthilfe für
Nazikriegsverbrecher unterrichtet war. Goñi kommt zu folgendem Ergebnis:
„Die Öffnung der Nachkriegsarchive des Roten Kreuzes hat die Debatte, ob
NS-Verbrecher bei ihrer Flucht nach Argentinien von der katholischen Kirche
unterstützt wurden oder nicht, beendet. Zieht man die sonstigen Archivquellen
hinzu, dann liegen die Beweise klar auf der Hand. Kardinäle wie Montini,
Tisserant und Caggiano waren das Hirn des Fluchthilfeunternehmens. Bischöfe und
Erzbischöfe wie Hudal, Siri und Barrére brachten die notwendigen bürokratischen
Verfahren auf den Weg. Priester wie Draganovic, Heinemann und Dömöter
unterschrieben die Pass-Anträge. Angesichts dieser nicht zu widerlegenden
Beweise ist die Frage, ob Papst Pius XII. über diese Vorgänge Bescheid wusste
oder nicht, völlig naiv." (S.238) Die gut funktionierende Organisation der
Fluchthilfe nach Argentinien diente auch einflussreichen deutschen
Kriegsverbrechern. Aufnahme in diesem Land fanden u.a. der Kommandant des KZ
Treblinka Franz Stangl und der SS-Obersturmbannführer Otto Skorzeny.
In den Kapiteln 17 bis 21 werden die „Fluchtwege" von SS-Hauptsturmführer Erich
Priebke, SS-Hauptsturmführer Gerhard Bohne, SS-Oberscharführer Josef
Schwammberger sowie von SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann und
SS-Hauptsturmführer Josef Mengele dargestellt. Mengele, der berüchtigte KZ-Arzt
von Auschwitz, lebte bis 1948 unter fremdem Namen in Deutschland, im Juni 1949
kam er unter dem Namen Helmut Gregor nach Argentinien. Seit 1956 führte er den
Namen José Mengele.
Durchgängig wird in dem Buch deutlich, wie schwierig sich die Forschungen von
Uki Goñi gestalteten, viele Hemmnisse mussten überwunden werden bis es gelang,
die Rolle der politischen Führer Argentiniens bei der Massenflucht von
Nazikriegsverbrechern aufzudecken.
Diese Wahrheit weltweit bekannt zu machen, ist mit weiteren Schwierigkeiten
verbunden. So war z.B. keiner der führenden deutschen Verlage, denen das Buch
zum Druck angeboten wurde, zu einer Publikation bereit. Es ist das Verdienst des
Berliner Verlages Assoziation A, dass der Titel nunmehr vorliegt. Dem Buch sind
viele Leser zu wünschen, bietet es doch auch wesentliche Aufschlüsse über die
internationale Geschichte des 20. Jahrhunderts in Verbindung mit der Herrschaft
der NS-Diktatur in Deutschland.
Uki Goñi: Odessa. Die wahre Geschichte. Fluchthilfe für
NS-Kriegsverbrecher. Berlin, Hamburg: Assoziation A, 2006
Karl Heinz Jahnke
Liebe in der Zwangsarbeit
Abgeleitet von dem bekannten Lied der beiden Königskinder, muss es im
vorliegenden Falle nicht heißen, dass das Wasser zu tief gewesen sei, welches
sie am Zusammenkommen hinderte, sondern dass „die Schranken - die politischen
wie die ideologischen - zu hoch gewesen seien", die ein gutes Ende ihrer
Liebesbeziehung verhinderten. Nicht umsonst heißt der Untertitel des
vorliegenden Buches „eine Liebe in zwei Diktaturen".
Erzählt wird die Geschichte von Olga und Piet, die sich zwangsweise - und damit
„zufällig"
- begegneten: als Zwangsarbeitskräfte im VWWerk bei Fallersleben. Olga ist eine
17-jährige aus Russland stammende Hilfsarbeiterin, der 22 -jährige Piet aus den
Niederlanden ist ebenfalls als Hilfsarbeiter tätig. Beide verliebten sich
ineinander. In einer ansonsten tristen Umwelt erlebten die beiden ein Stückchen
Sonnenschein und Menschlichkeit, mussten aber ihre Beziehung zueinander vor den
anderen permanent verbergen.
Der „Historischen Kommunikation der Volkswagen AG" ist mit diesem Werk ein
beredtes Zeugnis von der Liebe zweier Menschen gelungen, deren Liebe eigentlich
aus „rassischen" Gründen nicht sein durfte. Dokumentiert werden hier
Tagebucheinträge und Briefe der beiden. Ein Nachwort von Hans Mommsen rundet den
Band ab. Ihre Zuneigung zueinander war so innig, dass Olga ihr Empfinden in dem
Schwur zusammenfasste, dass sie Piet ewig lieben und ihn nicht vergessen werde,
aber erwarte, dass auch er sie nicht vergesse. Doch das Schicksal meinte es
grausam mit ihnen. Ein(e) jede(r) kehrte bei Kriegsende in ihre/seine Welt
zurück. Der „Eiserne Vorhang" schien in jeder Richtung unüberwindbar zu sein.
Beide gründeten jeweils eine Familie. Briefliche Kontaktversuche von westlicher
Seite (Piet) blieben viele Jahre erfolglos. Erst nach mehr als vier Jahrzehnten
hatten sie Erfolg und konnten sich wiedersehen. Die Freude darüber wurde durch
die Bitterkeit begleitet, dass alles so anders gelaufen war als geplant.
Rückblickend stellt Olga fest, dass diese Zeit in der KdF-Wagen-Stadt Wolfsburg
der einzige weiße Fleck in ihrem Leben gewesen sei.
Bemerkenswert ist, dass zwei junge Leute, die innerhalb der Belegschaft der
Zwangsarbeiter es verstanden, „sich selbst und ihre Liebesbeziehung in den
Verhältnissen der Zwangsarbeit in der Rüstungsfabrik am Mittellandkanal
einzurichten" - trotz ihrer Herkunft aus zwei durch die rassistische
Hierarchisierung so unterschiedlich bewerteten Bevölkerungsgruppen. Das macht
den sehr persönlich eingefärbten Bericht so lesenswert.
Manfred Grieger, Ulrike Gutzmann, Dirk Schlinkert für die
Historische Kommunikation der Volkswagen AG (Hg.): Olga und Piet, eine Liebe in
zwei Diktaturen. Wolfsburg: Schriftenreihe der Historischen Kommunikation der
Volkswagen AG. Heft 12, 2006
Wolfgang Janz
Ein Attentäter als Vorbild
Spät, aber nicht zu spät erfahren die Haltung und Handlung des Schreinergesellen
und Hitlerattentäters Georg Elser aus dem württembergischen Königsbronn die
ihnen zukommende Würdigung und Ehrung. Georg Elser war ein Einzelgänger,
vielleicht ein Sonderling, kein Revolutionär und dennoch ein Widerstandskämpfer,
der auch bereit war, Verantwortung zu übernehmen. Elser machte so etwas wie
Zivilcourage zum Motto seines Handelns. Weder irgendeine Widerstandsgruppe noch
der britische Geheimdienst standen hinter seinem Tun und
Treiben.
Er war, wie man so schön sagt, „ein Mann aus dem Volke", dem man eigentlich so
viel Wissen und Können gar nicht zutraute. Seinen Schergen von der Gestapo
verlangte dies angesichts Elsers Akribie und Zielstrebigkeit einigen Respekt und
Hochachtung ab. Elser wurde wenige Wochen vor Kriegsende im April 1945 im KZ
Dachau durch Genickschuss getötet, taggleich mit Bonhoeffer, Canaris und
Dohnanyi. Zufall?
Den Herausgebern der „Georg-Elser-Initiative Bremen" und den Autoren des Bandes
ist es gelungen, in zwanzig Aufsätzen zum Thema „Georg Elser - ein Attentäter
als Vorbild", die neuesten Forschungsergebnisse über diesen „Mann aus dem Volke"
zusammen zu tragen und seine Aktivitäten in einem neuen Licht kritisch und
positiv zu betrachten. Dabei wird ein um das andere Mal eine heimliche
Bewunderung zum Ausdruck gebracht über die technisch fast geniale Leistung
dieses Einzelgängers, was jedoch niemals zu Lasten der Sachlichkeit geht. Die
Arbeitsresultate sind gut lesbar und mit gründlichem Quellenstudium belegt. Die
moralische
Handlungsenergie und Bereitschaft zu Verantwortungsübernahme, die hinter dem Tun
Georg Elsers stecken, werden durchgängig spürbar.
Achim Rogoss, Eike Hemmer, Edgar Zimmer (Hg.):
Georg Elser - Ein Attentäter als Vorbild. Bremen: Edition Temmen, 2007.
Wolfgang Janz
Holocaust in Lettland und Litauen
Trotz einer Flut von Spielfilmen und Dokumentarberichten, trotz
sensationsheischender Medienproduktionen und trotz seriöser Fachliteratur sei es
auffällig, dass „kaum regionale Studien zum Massenmord an Juden in Ost- und
Südosteuropa vorliegen und solche offenbar auch nicht in ‚Mode' sind", schreiben
Andrej Angrick und Peter Klein im Vorwort ihrer Monographie „Die ‚Endlösung' in
Riga". Weil diese Feststellung zutrifft, füllt diese Studie nicht nur die häufig
konstatierte „Lücke" im einschlägigen Forschungs- und Publikationsbereich, sie
kann vielmehr ohne Überschätzung als das auf breitem Quellen- und Archivstudium
und umfassender Literaturauswertung beruhende Grundlagenwerk zum Holocaust in
Lettland auf heutigem Erkenntnisstand gewertet werden. Die Monographie geht auf
eine Anregung der „Vereinigung der Überlebenden des Rigaer Ghettos" (New York)
zurück und ist über ihre vorbildliche wissenschaftliche Qualität hinaus
gleichzeitig ein Buch der „Gedächtnissicherung", das persönliche Erinnerung und
Zeugenschaft ebenso zu Wort kommen lässt, wie es das in vielfältiger Form
festgehaltene, von Historikern auswertbare Material (Archive, Gerichts- und
Ermittlungsakten, persönliche Berichte, internationale Literatur und Medien)
umfassend auswertet.
Die Studie beginnt mit einer prägnanten Übersicht zu den Jahren der lettischen
Unabhängigkeit bis zur Annexion durch die Sowjetunion (1920-1940) und schließt
nicht mit der Schreckensbilanz im Befreiungsjahr 1944 ab, sondern mit einem
umfangreichen Kapitel, das dem „Neubeginn" und der justiziellen „Suche nach
Gerechtigkeit", nach den Tätern also, gewidmet ist - zentralen Fragen der
Überlebenden in Riga selbst, der Verschleppten und Geflohenen in den DP-Lagern
des Westens und in den Ländern, in denen sie vorübergehend oder auf Dauer
Aufnahme gefunden hatten. Den Raum zwischen diesen beiden Eckkapiteln füllen
achtzehn (der insgesamt
einundzwanzig) sorgfältig und vorbildlich recherchierten Kapitel, die ein bis in
den organisatorischen, lokalen und persönlichen Mikrokosmos des Terrors
reichendes Gesamtbild des Holocaust-Verbrechens in und um Riga vermitteln - ein
Gesamtbild, das sich kaum genauer, deshalb nicht niederschmetternder vorstellen
lässt. Details dieses Gesamtbildes in Stichworten: die Pogrome, die von der
Einsatzgruppe A nach dem Einmarsch der Wehrmacht mit zum Teil fanatischer
lettischer Kollaboration inszeniert wurden; Ghettobildung und nachfolgende
Vernichtung der Rigaer Juden; Planung und Abfolge der Deportationen deutscher
Juden nach Riga und die Etablierung des Lagers Salaspils, das die Opfer selbst
errichten mussten; gescheiterter Widerstand; System und Methoden der Vernichtung
durch Zwangsarbeit bis zur Ablösung dieses Terrorinstruments durch direkte
Vernichtung; der grauenvolle Versuch der Täter, die „Spuren" der Massaker durch
Öffnen der Massengräber und Leichenverbrennung mit Hilfe von Spezialkommandos
beseitigen zu lassen; schließlich das Inferno der Konzentrationslager Kaiserwald
und, gegen Ende, Stutthof mit den von dort aus eingeleiteten Todesmärschen.
Die gleichrangig hohe Einordnung kommt dem von Bartusevicius, Tauber und Wette
herausgegebenen Sammelband „Holocaust in Litauen. Krieg, Judenmorde und
Kollaboration im Jahre 1941" zu. Es handelt sich um ein Gemeinschaftswerk von
Historikerinnen und Historikern aus Deutschland, Litauen, Österreich und den
USA, in das Berichte heute noch lebender Zeitzeugen und als Dokument der sog.
Jäger Bericht, die „Gesamtaufstellung der im Bereich des EK 3 bis zum 1. Dez.
1941 durchgeführten Exekutionen" (so dessen Originalüberschrift), Aufnahme
gefunden haben. In zweiundzwanzig Beiträgen wird das Gesamtgeschehen, ausgehend
vom Forschungsstand 2001, umfassend dargestellt und beleuchtet. Wer wissen will,
mit welch barbarischer Systematik das jüdische
Litauen, dieser heute nur noch aus der Vergangenheit leuchtende Bestandteil
europäisch jüdischer Kultur, von der nur dreijährigen Nazi-
Vernichtungsherrschaft 1941-1944 zermalmt wurde, wer zudem wissen will, in welch
enger Kooperation von Wehrmacht, SS-Mordkommandos, Zivilverwaltung und
litauischer Hilfswilligkeit dies geschah, an welchen Orten und mit welcher
organisierten Brutalität des Geschehens, der studiere die Beiträge dieses
Sammelbandes. Thematisch untersuchen sie die - wie auch in Lettland - im
Anschluss an die sowjetische Annexion 1941 zusätzlich aufgeheizte Wirkung des
Stereotyps des „jüdischen Kommunisten", die zur antisemitischen Mordbereitschaft
der litauischen Hilfs- und Sicherheitspolizei erheblich beigetragen hat; die
Rolle der Wehrmacht und die Praxis der Besatzungspolitik, die Ghettoisierung und
Ermordung der städtisch-jüdischen Bevölkerung in Kaunas, Wilna, in den
besonderen Exekutionsorten des IX. Forts in Kaunas und in Ponari bei Wilna; die
Vernichtung der ländlichen jüdischen Bevölkerung;
Leben, Selbstbehauptung und Sterben in den großen Ghettos und deren
Liquidierung;
den von unglaublichem Mut getragenen, äußerlich vergeblichen Widerstand (nicht
allein im Ghetto), der mit dem legendären Aufruf der
„Vereinigten Partisanenorganisation" (FPO) von Wilna aus zur Initialzündung des
heldenhaften jüdischen Widerstandes in den anderen großen Ghettos werden sollte;
eingeschlossen auch der „Rettungswiderstand der Wenigen", die - wie der wegen
seiner Unterstützung des Widerstandes 1942 hingerichtete Feldwebel Anton Schmidt
und wie Major Karl Plagge, der jüdische Zwangsarbeiter und deren Familien
schützte und über zweihundert von ihnen zum
Überleben verhalf - ihre Hilfsmöglichkeiten auf der Seite der Opfer genutzt
haben. Ralph Giordano gibt in seinem Vorwort dem Sammelband zu Recht „schon
heute den Rang eines Standardwerks, das zum Fundament jeder weiteren Forschung
des litauischen ‚Holocaust im Holocaust' werden wird". Im seinem Beitrag zur
litauischen Holocaust-Geschichtsschreibung hebt Liudas Truska als
Einzigartigkeit des litauischen Holocaust im europäischen Kontext hervor: die
Kollaboration der litauischen Institutionen; den in Litauen ausgeprägten,
virulenten Antisemitismus; die Massivität der Vernichtungsorgie, der schon bis
Ende 1941 dreiviertel der 240.000 litauischen Juden zum Opfer fielen. „Ganz
Litauen ist heute ein jüdischer Friedhof" (Liudas Truska). Markas Zingeris, 1947
geborener Schriftsteller und seit 2005 Leiter des Staatlichen Jüdischen Museums
Wilna, bemerkt - nach historisch-politischen Reflexionen zur litauischen
Geschichte seit 1944 und der ambivalenten Erfahrung zwischen anhaltendem bzw.
erneutem Antisemitismus und Einsicht in die litauische Mitschuld
- im Schlussbeitrag über die jüdische Gemeinde Litauens nach dem Holocaust
illusionslos, fast sarkastisch: „Alles was die verbleibenden wenigen tausend tun
können, ist, bildlich gesprochen, Litauen in einen sauberen Friedhof oder eine
Touristenattraktion zu verwandeln"; er beharrt aber gleichzeitig darauf, dass
die Bürger litauischer Abstammung im Grunde heute schon Träger des kulturellen
jüdischen Erbes geworden seien, inmitten des gegenwärtigen Entstehungsprozesses
einer neuen litauischen Gesellschaft.
Andrej Angrick, Peter Klein: Die „Endlösung" in Riga. Ausbeutung und Vernichtung
1941-1944. Veröffentlichungen der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität
Stuttgart. Band 6, hg. von Michael Mallmann. Darmstadt: Wissenschaftliche
Buchgesellschaft, 2006 Vincas Bartusevicius, Joachim Tauber, Wolfram Wette
(Hg.): Holocaust in Litauen.Krieg, Judenmorde und Kollaboration im Jahre 1941.
Köln: Böhlau-Verlag, 2003
Christoph Jetter
Schule im Dritten Reich
Ausgangspunkt der vorliegenden Dokumentation war der Wunsch von
Schülerinnen und Schülern der Gerhart-Hauptmann-Schule in Kassel sich an dem
„Schülerwettbewerb Deutsche Geschichte um den Preis des Bundespräsidenten" zu
beteiligen. Das war im Herbst 1980. Zur Leitfrage des Projektes wurde „wie es
damals war, in den Schulen des ,Dritten Reiches', seinem Erziehungssystem und
schulischen Alltag" (S. 9). Daraus erwuchsen eine Reihe von nachgeordneten
Fragen, die man mehr oder minder prominenten Politikern und Kulturschaffenden -
allesamt Zeitzeuginnen und Zeitzeugen - zur Beantwortung vorlegte. In Ergänzung
dazu sollten Auszüge aus Schulbüchern der NS-Zeit dokumentiert werden. Im Mai
1983 erschien die erste Auflage der Dokumentation und wurde mit großer medialer
Aufmerksamkeit in Kassel der Öffentlichkeit vorgestellt. Von da an nahm „das
Buch einen wahren Siegeslauf. Binnen kurzem (wurden) 10.000 Exemplare verkauft
und etliche Preise eingeheimst" (S. 9). Zum Erfolg hat sicherlich auch die enge
Zusammenarbeit mit Ralph Giordano beigetragen. Die vorliegende Rezension bezieht
sich auf die inzwischen 4. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage aus
dem Jahr 2005.
Die ersten 38 Seiten des Buches sind der Erfolgsgeschichte des Projekts und
seiner Dokumentation, seiner Entstehung und Erarbeitung durch 32 Jungen,
allesamt Schüler der Gerhart-Hauptmann-Realschule in Kassel, und der Aufzählung
seiner zahlreichen prominenten Unterstützer gewidmet.
Kernstück der Dokumentation ist eine Ansammlung von persönlichen, subjektiv
gehaltenen und damit nicht wissenschaftlich beglaubigten Äußerungen (mehr oder
weniger) prominenter Politiker und Kulturschaffenden, die inzwischen entweder
von der politischen Bühne abgetreten oder bereits verstorben sind. Die Fragen
beziehen sich auf ganz unterschiedliche Aspekten der NS-Zeit. So finden sich zum
Thema „Rassismus im Unterricht" u.a.
Äußerungen von Gerhart Baum, Eugen Loderer, Hans Krollmann, Walther Leisler
Kiep, Hannelore Schmidt und Richard von Weizsäcker.
Zum Thema „Die Ausgestoßenen" äußern sich u.a. Harald Buss, Eva Steinbrück,
Rudolf Augstein, Jürgen Schmude und Jürgen Gaede Weitere Themen sind
„Militarismus im Unterricht", u.a. mit Beiträgen von Egon Bahr, Holger Börner,
Erich Fried und Manfred Rommel.
Beiträge von Dieter Hildebrandt, Helmut Kohl, Alfred Dregger oder auch Heiner
Geißler finden sich im Kapitel „Lernziel Krieg". Einer Einzelbetrachtung von
Ralph Giordano zum Thema „Rassismus und Militarismus im NS-Schulalltag" schließt
sich das Thema „Lehrer, die uns unterrichteten" an. Dazu äußern sich u.a. Franz
Josef Strauß, Walter Jens, Karl Carstens, Ursula Fuchs und Christine Brückner.
Weitere Themen sind: „Schule und Elternhaus im Dritten Reich" und „Was haben wir
daraus gelernt?" u.a. mit Beiträgen von Rainer Barzel und Willy Brandt. Es folgt
ein ausführliches Gespräch mit Joseph Beuys.
Das Kapitel „Die Betroffenen berichten" ist im letzten, „für uns wichtigste(n)
Teil unseres Projektes" zu finden und versucht, „Berichte der Schüler zu
erhalten, die zu den Ausgestoßenen gehörten; zu den Gruppen, gegen die sich der
Hass der Nazis richtete" (S. 123). Hier finden sich u.a. Beiträge von Horst
Wagner, William Katz, Tamar Brecher, Seew Vardi, David Alster Yardeni, A.
Goldgerg, Horst Wagner, Erich Fried, Inge Deutschkron und Lore Herrmann Pintus.
Dem Kapitel „Die jüdische Schule" mit einem gelungenen Beitrag von Inge
Deutschkron, folgen zwei ausführliche, beeindruckende Berichte, die sich auf
Vorgänge im KZ Buchenwald beziehen, zum Thema „Erziehung zum Leben - die
illegale Schule": Darin schildern die beiden Buchenwald-Häftlinge Wilhelm
Hammann, dem das Buch gewidmet wurde, und Emil Carlebach ihre Schicksale und die
Schicksale der Kinder im KZ.
Ein dritter Teil (ab S. 197) vereint teilweise in Auszügen „Dokumente aus
Schulbüchern" aufgegliedert nach einzelnen Fächern. Dieser Teil ist
hochinformativ und bietet vielfältigen Anlass, daraus zu zitieren.
Im vierten und letzten Teil sind die Nachworte der vorherigen Auflagen
versammelt und ergänzt durch eine Rückbesinnung („Vom Schulprojekt zum
Lebenswerk") der Lerngruppe auf die Entstehung des Projektes. Sie stammt aus dem
Jahre 2004, also 22 Jahre nach ihrer Schulentlassung. Abgerundet wird dieser
Teil durch einen „Rückblick eines ehemaligen Gerhart Hauptmann-Schülers".
Die Dokumentation dieses Schulprojektes ist außerordentlich beeindruckend. Es
zeigt, mit welch tiefer Anteilnahme Jugendliche sich engagieren können, wenn sie
für ein Thema - in diesem Fall für das Thema Schule und Erziehung im
Nationalsozialismus - begeistert worden sind. Das kann auf Lehrerinnen und
Lehrer ermutigend wirken. Der enorme zeitliche und materielle Aufwand wirkt aber
eher abschreckend. Ein Projekt wie das in dem Buch dokumentierte kann daher
(leider) nur die Ausnahme sein. Kritisch anzumerken ist:
Die Aussagen der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen stammen alle aus der Zeit von 1980
bis 1984, und sie bleiben in der reinen Beschreibung ihrer subjektiven
Erlebnisse verhaftet.
Das kann ganz reizvoll sein. Es fehlt aber eine kritische Bewertung und
Auseinandersetzung (auch von Seiten der Lerngruppe). Nicht erwähnt werden
darüber hinaus die Kriterien für die Auswahl der Befragten. In dem Bestreben,
möglichst zahlreich Antworten von Prominenten zu erhalten, wurde versäumt, auch
Menschen die Fragen vorzulegen, deren Eltern damals Widerstandskämpfer waren,
die offen in Opposition zum Hitler-Faschismus gestanden haben, die als Kinder
damals offenen und/ oder versteckten Anfeindungen im Schulalltag ausgesetzt
waren. Es liegen Berichte von Kindern vor, deren (nicht jüdische) Eltern in den
ersten „wilden" Konzentrationslagern waren.
Der Erfolg des Buches erklärt sich vor allem aus dem Umstand, dass viel
politische Prominenz „aus ihrer Jugend, aus ihrer Schulzeit plaudern" konnte -
und das ganz ohne lästige Nachfragen.
Zu bedauern ist auch die mangelnde Verbindung der historischen Schilderungen mit
den Auseinandersetzungen in heutigen Schulen. Es hätte dem Projekt gut getan,
wenn man Themen wie „Rassismus und Militarismus" im heutigen Schulalltag
untersucht und die Ergebnisse dokumentiert hätte.
So bleibt nur die bezeichnende Feststellung: „1990, schon bald nach der ersten
Übernahme der hessischen Landesregierung durch die CDU, wurde die
Gerhart-Hauptmann-Schule aufgelöst." (S. 10)
Geert Platner und Schüler der Gerhart Hauptmann-Schule in Kassel (Hg.): Schule
im Dritten Reich. Erziehung zum Tod. Eine Dokumentation. Mit einem Vorwort von
Ralph Giordano, Bonn: Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger, 2005, 4. vollständig
überarbeitete und erweiterte Auflage
Dirk Krüger
Nationalsozialismus und Holocaust in der
Lehrerausbildung
Das vorliegende Buch vereint eine Schar von Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftlern, die sich in ihren Beiträgen mit dem Beziehungsgeflecht Lehrer,
Lehreraus- und -fortbildung, Erziehung, Nationalsozialismus und Holocaust
beschäftigen. Dabei beschränken sich die Herausgeber Rathenow und Weber nicht
auf Deutschland. Vielmehr ist es ihnen gelungen, auch Wissenschaftler und
Wissenschaftlerinnen aus Israel, Palästina, Polen, Tschechien und England zu
gewinnen, um einen forschenden Blick auf die Situation in ihren jeweiligen
Ländern zu werfen. Auch ein Länder übergreifendes, ein
kanadisch-deutschpolnisches Universitätsprojekt „Learning from the Past -
Teaching for the Future" fand Eingang in diese Veröffentlichung. Diese
internationale Perspektive macht den besonderen Reiz dieser Publikation aus.
Die Ausgangspunkte für die Übersicht wurden für Rathenow und Weber gesetzt durch
eine Studien- und Gedenkstättenfahrt mit Studierenden nach Auschwitz im Jahre
1985 und durch Adornos Arbeit „Erziehung nach Auschwitz"
- eine gesellschaftlich-politische Herausforderung. Daraus entstand zunächst die
Broschüre mit dem Titel „Auschwitz - mehr als ein Ort in Polen". In der
Folgezeit sind die Autoren der Frage nachgegangen, „in welcher Weise sich die
politische Kultur im Nachkriegsdeutschland mit dem Nationalsozialismus und dem
Holocaust auseinander gesetzt hat", und bieten als Antwort einen sehr
informativen und stimmigen „stichpunktartigen Rückblick auf die (drei) Etappen
der Aufarbeitung der 12-jährigen NS-Zeit" (S. 11 ff) an.
Angestoßen durch und gestützt auf eine empirische Studie der
Erziehungswissenschaftler Klaus Ahlheim und Bardo Heger, die im Wintersemester
2000/2001 mehr als 2000 Essener Studierende nach ihrem Umgang mit der
nationalsozialistischen deutschen Vergangenheit befragten, ist die vorliegende
Publikation entstanden, die, so die Herausgeber, „unterschiedliche methodische
Ansätze und differenzierte Zugänge in der Lehrerbildung zur Auseinandersetzung
mit dem Nationalsozialismus und Holocaust" (S. 19) dokumentiert.
Die breite Themenpalette ist in vier Teilbereiche gegliedert:
Im Teil I werden „Annäherungen an das Thema" angeboten. Wolfgang Stammwitz
beleuchtet, wie die NS-Zeit in der (west)-deutschen Lehrerbildung bearbeitet
wurde, welche Lehrangebote und fachwissenschaftlichen Publikationen dabei zur
Verfügung standen.
Im Teil II werden Arbeiten präsentiert, die sich mit Blick auf das Thema mit der
ersten und zweiten Phase der Lehrerausbildung beschäftigen.
Alle Autoren dieses Teils haben regelmäßig Lehrveranstaltungen zum Thema
durchgeführt, kommen also aus der Praxis. Als außerordentlich gelungen ist zu
sehen, dass dieser Teil weiter untergliedert wurde, nämlich auf die Ebene
einzelner Fächer: Deutsch (Dagmar Grenz), Geschichte (Wolfgang Wippermann),
Sozialkunde und ihre Didaktik (Hanns-Fred Rathenow und Studierende) sowie
Soziologie (Eckhard Tramsen). Das erhöht den Wert dieser Publikation für die
Lehrerinnen und Lehrer in der Praxis. Aus wissenschaftlichem Interesse des
Rezensenten gilt ein besonderer Hinweis dem Beitrag von Dagmar Grenz „Kinder-
und Jugendliteratur zum Thema Nationalsozialismus und Holocaust in der
(Deutsch-)Lehrerausbildung" (S. 47 ff.).
Im Teil III werden Beiträge angeboten, die das Thema aus der Sicht von in der
Fortbildung Tätigen beleuchten, also dem weiten und wachsenden Bereich der
Fortbildungsmaßnahmen, dem sich bekanntlich auch Lehrerinnen und Lehrer
unterziehen müssen.
Einen Schwerpunkt bilden dabei die Berichte
über Studienreisen nach Israel und Polen, die
„zugleich immer auch eine Begegnung mit der NS-Zeit darstellen" (S. 20).
Im Teil IV sind schließlich einige internationalen Ansätze und Erfahrungen
zusammengetragen, die die Frage nach dem Zusammenhang von Holocaust, NS-Zeit und
Lehrerbildung aus der jeweiligen nationalen Perspektive zu beantworten suchen.
In diesem Teil sieht der Rezensent die eigentliche Stärke der Publikation, denn
es lenkt den sehr national zentrierten Blick auf internationale Erfahrungen, die
bei der Bewältigung des Themas von großem Nutzen sein können.
Als Fazit bleibt festzuhalten: Das Buch gehört in die Hand eines jeden Lehrers
und einer jeden Lehrerin, die sich gewissenhaft dem schwierigen Thema in der
Praxis nähern, sei es aus Interesse am historisch-politischen Lernen in der
Lehrerbildung und mit Schülerinnen und Schülern, sei es, weil es der Lehrplan
vorschreibt. Das Buch hält eine Fülle von ausgezeichneten Gedanken und Ideen
bereit, auch für die Bewältigung der täglichen Unterrichtspraxis.
Hanns-Fred Rathenow, Norbert H. Weber (Hg.):
Nationalsozialismus und Holocaust. Historisch-politisches Lernen in der
Lehrerbildung. Hamburg: Reinhold Krämer Verlag, 2005
Dirk Krüger
Stadtrundgang in Bad Wildungen
Nach dem Rundgang über den Jüdischen Friedhof von Bad Wildungen hat
Johannes Grötecke nun einen Spaziergang zum Thema „Juden und NS-Zeit“ vorgelegt.
Die 14 Stationen führen an ehemaligen Wohn- und Geschäftshäusern, dem Rathaus
und dem ehemaligen Standort der beim Novemberpogrom 1938 zerstörten Synagoge
vorbei: man erfährt einiges über das Schicksal der etwa 150 Jüdinnen und
Juden,die 1933 noch in der Kurstadt lebten und nach vertrieben wurden und auch
einiges über die langanhaltende Verweigerung des Gedenkens. Am Beispiel des
Hauses Lindenstraße 14 - bis 1933 Gastwirtschaft der Familie Rosenbusch und
Treffpunkt von Arbeitersportlern, Sozialdemokraten und Angehörigen des Vereins
jüdischer Frontsoldaten, danach „Brauhaus-Schenke" im Besitz des
NSDAPKreisleiters und Bürgermeisters Rudolf Sempf - zeigt er den „fragwürdigen
Umgang mit der NS-Vergangenheit", der bis in die 1990er Jahre reicht, auf. Ein
weiteres Beispiel ist der Kurarzt Dr. Ludwig Plücker: In der Wehrmacht hatte er
als Oberstabsarzt gedient und war in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft
geraten; die Amerikaner setzten ihn beim Nürnberger Prozess gegen die
Hauptkriegsverbrecher 1946/47 als Gefängnisarzt der Angeklagten ein. 1948 nach
Bad Wildungen zurückgekehrt, war er als Heimarzt für etwa 60 ehemalige
KZHäftlinge, die zur Kur im ehemaligen „Palasthotel"
- bis Anfang 1939 im Besitz der Familie Baruch, danach im Besitz der Stadt -
untergebracht waren, zuständig. Plücker veröffentlichte 1952 in der
„Waldeckschen Landeszeitung" eine umfangreiche Serie mit Erinnerungen an die
Nürnberger Zeit, in denen er den Hauptkriegsverbrechern „einwandfreies
Verhalten" bescheinigte und deren Dankesschreiben „für aufopfernde Güte" und
„Mitgefühl" abdruckte. Über das Schicksal seiner Patienten im „Palast-Hotel"
verlor er kein Wort.
Zu erwähnen ist auch die Geschichte des Haus Brunnenstraße 20, Wohn- und
Geschäftshaus der Familie Hammerschlag, von der als einzige Überlebende Selma
Hammerschlag aus dem KZ Theresienstadt zurückgekehrt war. Hier hatte nach der
Befreiung die „Jewish Community. Jüdische Gemeinde für den Kreis Waldeck" eine
Unterkunft gefunden: zu ihr gehörten einige US-Soldaten und Überlebende der
Shoah, die es als displaced persons nach Bad Wildungen verschlagen hatte. Es
wird sich lohnen, sowohl den Spuren dieser kleinen jüdischen Gemeinschaft als
auch den Schicksalen der ehemaligen KZ-Häftlinge, die 1948 in Bad Wildungen
Erholung suchten, nachzugehen.
Johannes Grötecke: Stadtrundgang Juden und NS-Zeit in Bad
Wildungen.
Korbach: Druckerei Bing & Schwarz, 2005
Ursula Krause-Schmitt
Tagebuchbriefe aus Amsterdam, Westerbork und
Bergen-Belsen
In seiner Einleitung schildert der Historiker Johannes Houwink ten Cate die
Entstehungsgeschichte dieses Buches: Als die Deutschen 1940 die Niederlande
besetzen, befindet sich die holländische Jüdin Mirjam Levie in Amsterdam, ihr
Verlobter Leo Bolle konnte bereits nach Palästina auswandern. 1943 beginnt
Mirjam Briefe an Leo zu schreiben, in denen sie versucht, ihm einen Eindruck vom
Leben unter der deutschen Besatzung zu vermitteln. Es ist ihr bewusst, dass sie
diese Briefe nie abschicken wird. Doch das Schreiben hilft ihr, an der Hoffnung
auf bessere Zeiten festzuhalten („Liebster, ich muß dir schreiben, sonst halte
ich es nicht aus"). Die Briefe, die sie in Amsterdam und später in Westerbork
schrieb, konnte sie mit Hilfe einiger Freunde verstecken. Ihre Aufzeichnungen
aus ihrer Zeit in Bergen-Belsen schmuggelte sie selbst aus dem Lager. In den
Wirren der Nachkriegszeit hat sie diese völlig vergessen, erst als sie 1994 für
einen Dokumentarfilm über die Zeit der Besatzung befragt wurde, erinnerte sie
sich an die Aufzeichnungen und stimmte einer Veröffentlichung zu.
Mirjam beginnt im Januar 1943 zu schreiben. In ihren ersten Briefen gibt sie Leo
einen Rückblick auf den Einmarsch der Deutschen in die Niederlande, den Krieg,
die Besatzung und die damit verbundenen Repressalien gegen die jüdische
Bevölkerung. Sie schildert ihre Eindrücke angesichts der ersten Deportationen,
Razzien und Geiselnahmen, bei der Entlassung aller jüdischen Beamten, bei
Einführung des Judensterns u.a. Zwischen diese - in einem recht
nüchtern-sachlich gehaltenen - Ausführungen mischen sich immer auch ihre
persönlichen Probleme: die Krankheit des Vaters, die Sorge um die Großmutter,
die Verschleppung einer befreundeten Familie. Aber sie erwähnt auch den
Widerstand der holländischen Bevölkerung: den zweitägigen Generalstreik im
Januar 1942, die prosemitische Erklärung von Hochschullehrern, das
Protestschreiben der Kirchen gegen den Abtransport der Juden.
In den Amsterdamer Briefen berichtet sie auch von ihrer Arbeit für den Judenrat,
bei dem sie als Sekretärin angestellt ist. Der „Joodse Raad", 1942 von den
Nationalsozialisten eingerichtet, war zuständig für alle jüdischen
Angelegenheiten. Nach und nach wurde er immer mehr von den Besatzern
instrumentalisiert, zum Handlanger der deutschen Interessen gemacht. Der Hass
innerhalb der jüdischen Bevölkerung wird immer größer, da den Mitgliedern des
Rates auch unterstellt wurde, vornehmlich eigene Interessen zu vertreten. „Die
Deutschen haben uns einen Knochen hingeworfen und mit viel Vergnügen zugesehen,
wie die Juden um ihn gekämpft haben ... Es ist schrecklich, dass dieser
wahnsinnige Hass auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft besteht." Im Mai 1943
muss der Rat 7000 seiner jüdischen Mitbürger auf die Deportationslisten setzen.
Mirjam schildert eindrucksvoll die Dramatik dieser Tage, als die Mitarbeiter
z.T. Aufforderungen an die eigenen Familienmitglieder und Freunde verschicken
müssen.
Im Juni 1943 wird Mirjam nach Westerbork deportiert. In ihren Briefen, die sie
heimlich weiterhin schreibt, schildert sie Leo präzise den Alltag im Lager, die
hygienischen Verhältnisse, den Kampf ums Überleben. Sie beschreibt das perfide
System von „Sperren", Sonderausweisen und Freistempelungen, das die Gefangenen
hoffen lässt freizukommen, das aber letztendlich völlig der Willkür der
Deutschen unterliegt. Auch die Rolle der jüdischen Funktionshäftlinge wird
thematisiert. Angesichts der angespannten Lage nehmen die Auseinandersetzungen
zwischen den Lagerinsassen zu.
Im Januar 1944 wird Mirjam gemeinsam mit ihrer Familie nach Bergen-Belsen
transportiert. Lange Zeit hofft sie immer wieder, mit einem Austauschzug nach
Palästina ausreisen zu können. Nach Monaten quälenden Wartens wird das Gerücht
von einem Austausch (gegen Deutsche, die sich auf britischen Gebiet befanden) im
Juni 1944 endlich wahr. Eine kleine Gruppe von 222 Juden kann in einem Sonderzug
nach Palästina ausreisen. Es ist der einzige Austauschzug, der Bergen-Belsen je
verlassen hat.
Wenige Wochen nach ihrer Ankunft in Palästina heiratet sie ihren Verlobten Leo
Bolle. Sie ziehen 1947 nach Jerusalem, wo Mirjam Bolle heute noch lebt.
Mirjam Bolles Tagebuchbriefe spiegeln den Mut und auch die Verzweiflung der
jungen Frau. Und sie vermitteln einen authentischen Eindruck von einer Zeit, die
selbst der Autorin im Nachhinein unglaublich erscheint: „Als ich versuchte,
meinen Kindern daraus vorzulesen, konnte ich mir selbst kaum mehr vorstellen,
dass das wirklich geschehen war. Ich hoffe, dass dieses Buch gelesen wird."
Mirjam Bolle: „Ich weiß, dieser Brief wird dich nie
erreichen". Tagebuchbriefe aus Amsterdam, Westerbork und Bergen-Belsen. Berlin:
Eichborn, 2006
Elke Engelhard
Von der Klassensolidarität zur humanitären Hilfe
Als die Nationalsozialisten Anfang 1933 in Deutschland an die Macht
kamen, setzte sogleich eine Fluchtbewegung politischer Gegner - vor allem von
Sozialisten und Kommunisten - ein, die nun nicht mehr nur dem Terror der SA,
sondern auch einer verstärkten Repression von Seiten des Staates ausgesetzt
waren. Bevorzugtes Ziel vieler Flüchtlinge war neben Frankreich und Tschechien
die Schweiz, wo bereits im 19. Jahrhundert viele politische Flüchtlinge
untergekommen waren. Björn-Erik Lupp geht in seiner Dissertation der Frage nach,
wie die Schweizer Genossen mit diesen Flüchtlingen umgingen, wie sie diese
unterstützten und wo sie ihnen die Hilfe versagten.
Obgleich die Schweizer Flüchtlingspolitik während des Zweiten Weltkrieges im
Rahmen der Untersuchungen der „Unabhängigen Expertenkommission Schweiz - Zweiter
Weltkrieg" (UEK) Ende der 1990er Jahre wissenschaftlich aufgearbeitet wurde,
blieb die Flüchtlingspolitik der Schweizer Linken bisher ein wenig untersuchtes
Randthema. Lupp schließt diese Lücke mit einer umfassenden, auf zahlreichen
Quellen basierenden Forschungsarbeit. Dabei räumt er gleich zu Beginn der Arbeit
mit dem Mythos der vermeintlich „edlen" (S. 34) Asyltradition auf und verweist
auf die spezifische Gruppensolidarität, die im 19. und Anfang des 20.
Jahrhunderts vielen politischen Flüchtlingen den Weg in die Schweiz ebnete.
Mit der Zerstrittenheit der schweizerischen Arbeiterbewegung benennt der Autor
einen weiteren Bestimmungsfaktor linker Flüchtlingspolitik dieser Zeit: So
schloss die 1933 gegründete Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH) deutsche
Kommunisten kategorisch von der Unterstützung aus und betrieb erfolgreich die
Ausgrenzung der kommunistischen Roten Hilfe Schweiz (RHS) aus der Zusammenarbeit
mit anderen Hilfswerken. Dies geschah jedoch nicht allein aus politischer
Konkurrenz, sondern ist auch im Zusammenhang mit dem maßgeblichen
Entwicklungsprozess der Sozialdemokratie dieser Jahre zu sehen: der Integration
in das politisches System der bürgerlichen Schweiz.
Genauso wenig wie diese Entwicklung linear von Statten ging, kann von „der
Sozialdemokratie" als einer einheitlichen politischen Kraft gesprochen werden.
So stellt Lupp die etwas konservativeren Positionen des Gewerkschaftsflügels
denen der Partei gegenüber und weist auf die Unterschiede zwischen der
offiziellen Hilfswerkspolitik und der Arbeit vor Ort hin.
Dabei ist nicht nur von Anfang an das Bemühen um eine gute Zusammenarbeit mit
den Behörden, sondern auch eine Arbeitsteilung zwischen offizieller
Zusammenarbeit mit dem bürgerlichen Staat und solidarischer Unterstützung der
politischen Untergrundarbeit der Flüchtlinge zu erkennen. Letzteres stand dabei
im schroffen Gegensatz zu der auch von sozialdemokratischer Seite immer wieder
gestellten Forderung an die Flüchtlinge, jegliche politische Betätigung zu
unterlassen. Klar arbeitet Lupp auch das Umschwenken der sozialdemokratischen
Flüchtlingshilfe von einer politisch motivierten Position allgemeiner
Flüchtlingsunterstützung vor 1933 zu einer pragmatischen Eingrenzung der Hilfe
aus Angst vor zu großer finanzieller Belastung nach Beginn der
Flüchtlingsbewegung heraus. Weitere Ergebnisse der Arbeit sind die
Professionalisierung der Flüchtlingshilfe und die Entwicklung von einem
politisch-funktionalen zu einem humanitären Verständnis der Solidarität.
Alles in allem entsteht ein umfassendes Bild der sozialdemokratischen
Flüchtlingshilfe der Schweiz in den 1930er und 1940er Jahren.
Die Darstellung der kommunistischen Flüchtlingshilfe fällt demgegenüber deutlich
knapper aus: Auf gerade mal rund 60 Seiten (gegenüber knapp 280 Seiten
Darstellung sozialdemokratischer Flüchtlingspolitik) umreißt Lupp die
Flüchtlingspolitik der Roten Hilfe Schweiz auch über ihr Verbot 1940 hinaus.
Dieser Umstand ist jedoch nicht einer einseitigen Darstellung Lupps, sondern
vielmehr der zwangsläufig schlechten Quellenlage der meist clandestinen
Flüchtlingsarbeit der Schweizer Kommunisten geschuldet.
Dadurch ist das Buch vor allem ein Werk über die sozialdemokratische
Flüchtlingspolitik im weiteren Sinne. Diese gliedert Lupp analytisch in Kapitel
zur Organisation und Finanzierung der Flüchtlingshilfe, zur eigentlichen
Flüchtlingspolitik sowie zur alltäglichen Flüchtlingsarbeit.
Durch diese Aufteilung kommt es zwangsläufig zu Wiederholungen, die den
Lesefluss aber nicht stören, sondern das Verständnis einzelner Aspekte eher
vertiefen. Einige Informationen werden durch diese Gliederung jedoch weit
verstreut. So würde man sich bereits im Kapitel über Finanzierung der
Flüchtlingshilfe freuen zu erfahren, wie weit die einzelnen Flüchtlinge mit
diesen Beiträgen ihren Alltag in der Schweiz bestreiten konnten.
Dergleichen erfährt der Leser jedoch erst nach gut 200 Seiten im Kapitel über
die eigentliche Flüchtlingsarbeit. Ebenfalls wünschenswert wäre ein kurzer
Überblick über die wichtigsten Stationen und Aspekte der Schweizer
Flüchtlingspolitik gewesen, etwa die Grenzsperrungen von 1938 und 1942 oder das
Lagersystem.
Ein Blick in den anfangs erwähnten Zwischenbericht der UEK „Die Schweiz und die
Flüchtlinge zur Zeit des Nationalsozialismus" (Bern 1999) mag hier aber Abhilfe
schaffen, denn die Darstellung der Schweizer Flüchtlingspolitik aus
sozialistischer Perspektive hat durchaus ihren Reiz. Lupp ist mit seinem Buch
ein quellenreicher und umfassender Überblick über die Flüchtlingspolitik der
politischen Linken der Schweiz der 1930er und 1940er Jahre gelungen, der bei
allen Details (und trotz manchen für deutsche Leser eher ungewohnten
Formulierungen) spannend zu lesen und dessen Analyse gut nachvollziehbar ist.
Björn-Erik Lupp: Von der Klassensolidarität zur
humanitären Hilfe. Die Flüchtlingspolitik der politischen Linken 1930-1950.
Zürich: Chronos-Verlag, 2006
Marcel Berlinghoff
Nur ein Durchgangsland
Mit seiner Dissertation „ ,Nur ein Durchgangsland'. Arbeitslager und
Internierungsheime für Flüchtlinge und Emigranten in der Schweiz 1940-1949"
greift der Autor Simon Erlanger ein in der Schweiz kontrovers diskutiertes Thema
auf: die Politik der Schweiz während des Nationalsozialismus. Zahlreiche
wissenschaftliche Arbeiten haben seit Ende der 1990er Jahre den Mythos der
humanistischen Schweiz angekratzt. Erlanger widmet sich in seiner Arbeit den
Arbeitslagern für Flüchtlinge und der ambivalenten Situation der dort
internierten Menschen. Diese wurden einerseits durch die Schweiz vor Verfolgung
und Tod in Deutschland gerettet, andererseits wurden sie vielfach in Lagern
interniert und erfuhren somit Ausgrenzung und repressive Maßnahmen. „Statt der
erhofften Freiheit und Sicherheit auf der von den Achsenmächten eingekreisten
letzten demokratischen Insel im Herzen Europas wurden die Flüchtlinge aber
ziemlich schnell mit behördlichen Zwangsmaßnahmen konfrontiert, von Staates
wegen ausgegrenzt und mit einem Sonderstatus versehen" (S. 46).
Die Lager existierten für Flüchtlinge und Emigranten und müssen im Kontext der
Geschichte des „Dritten Reiches", aber auch im Kontext der migrationspolitischen
Debatte in der Schweiz gesehen werden. Deshalb widmet sich der Autor nicht nur
der Analyse der Situation in den Lagern, sondern untersucht auch die Ausländer-
und Asylpolitik der Schweiz in der damaligen Zeit. Diese ist in einem
„Überfremdungsdiskurs" eingebettet gewesen, was zu einer Abwehrhaltung gegenüber
Flüchtlingen und Emigranten führte. Ziel der Schweizer Flüchtlingspolitik war
nicht die soziale und berufliche Integration der Immigranten. Im Gegenteil, die
Schweiz sah sich als ein reines Durchgangsland: „Oberstes Postulat
schweizerischer Flüchtlingspolitik blieb bis in die fünfziger Jahre die
Forderung nach Weiterwanderung derjenigen Emigranten und Flüchtlinge, denen die
Einreise in die Schweiz geglückt war und die hier Aufnahme gefunden hatten" (S.
189).
Erlanger stellt in seinem Buch das System der Schweizer Arbeits- und
Internierungslager in seiner Struktur und Geschichte dar. Darüber hinaus ist
seine Arbeit aber auch ein Zeugnis der Lebensbedingungen jener Menschen, die in
diesen Lagern interniert waren und dokumentiert diese mit Zeitzeugenberichten
und Bildmaterialien.
Insbesondere die Privatarchive von Flüchtlingen wie z.B. die Erinnerungen von
Edith Dietz oder das Tagebuch des internierten Journalisten Felix Stössinger
dienten dem Autor als Quellenbasis - nicht zuletzt deshalb, weil viele der
Dossiers zu den Flüchtlingen genauso verschwunden sind wie das vormals zahlreich
vorhandene Aktenmaterial der Zentralleitung der Arbeitslager für Emigranten
(ZLA).
Erlanger lässt in seiner Untersuchung die militärischen Lager außen vor und
widmet sich den zivilen Lagern, welche als Aufnahmestelle für Flüchtlinge und
Emigranten dienten und die mit der ZLA direkt dem eidgenössischen Justizund
Polizeidepartement unterstanden. In den Jahren von 1940 bis 1949 wurden
zeitgleich bis zu 12.000 Flüchtlinge in den Lagern untergebracht. Meist nutzte
die ZLA leerstehende Güter als Lager. Diese zivilen Lager wurden oft mit
militärischem Drill geführt, hinter dem das Leitbild eines Erziehungsauftrags
für die Flüchtlinge stand.
Um das Ziel, die Weiterreise in ein endgültiges Aufnahmeland zu erleichtern, kam
es aber auch zu Weiterbildungsmaßnahmen. Hauptbeschäftigung der Flüchtlinge aber
war die bezahlte Arbeit in den von der ZLA verwalteten Betrieben. Die Maßnahmen
gewährten bestimmten Flüchtlingen einen Asylstatus mit Einschränkungen - ein
allgemein verbindliches Asylrecht gab es in dieser Zeit nur für politische
Flüchtlinge. Dieser Status galt aber nicht für die Zivilflüchtlinge und ihre
Duldung beinhaltete keine Integration in die Schweizer Gesellschaft und den
Arbeitsmarkt, sondern sollte das Gegenteil bewirken. Eine Ausnahme bildete die
Gruppe der „Rückwanderer", Auslandsschweizer, die bei Kriegsende in die Schweiz
flüchteten. Dieser Gruppe wurde sehr wohl zur Integration in Gesellschaft und
Arbeitsmarkt verholfen. „Bestimmend war offenbar eine ethnische Definition von
Zugehörigkeit, ein nur selten offen ausgesprochenes
‚ius sanguinis'". (S. 181)
Die Schweizer Asyl- und Ausländerpolitik dieser Zeit ist ein vielschichtiges
Thema, dies stellt das Buch unter Beweis. Der „Überfremdungsdiskurs" bildete
gemeinsam mit dem Druck der Achsenmächte auf die neutrale Schweiz den Rahmen für
diese Politik. Trotz ihrer repressiven Politik und der Abweisung vom Tode
bedrohter Flüchtlinge blieb die Schweiz in einer Zeit, in der es in Europa
angesichts der deutschen Hegemonie kaum noch einen sicheren Ort für Verfolgte
gab, ein letzter Rückzugsort der Demokratie. „Trotz der Grenzsperre galt die
Schweiz den Verfolgten in ganz Europa als letzter Vorposten einer verloren
gegangenen Humanität ". (S. 39)
Simon Erlanger: „Nur ein Durchgangsland". Arbeitslager und
Internierungsheime für Flüchtlinge und Emigranten in der Schweiz 1940-1949.
Zürich: Chronos, 2006
Benjamin Huhn
Darf eine Schule diesen Namen tragen?
Das aus einer Magisterarbeit hervorgegangene Buch von Geralf Gemser
geht der Frage nach, inwieweit die Rolle des Wehrmachtgenerals Erich Höpner im
Zweiten Weltkrieg als ethisch vorbildlich gelten kann. Und weiter, ob es nach
demokratischen Wertvorstellungen angemessen ist, ihn wie im Falle der 1956 nach
ihm benannten Erich-Höpner-Oberschule in Berlin Charlottenburg als Namenspatron
in Erscheinung treten zu lassen.
Höpner war am Widerstand des 20. Juli 1944 beteiligt und hat so seinen Bruch mit
dem NS-Regime deutlich zum Ausdruck gebracht. Ausgelöst wurde dieser Bruch durch
ein eher persönliches Ereignisses - seine Beurlaubung als Befehlshaber aufgrund
der Verweigerung eines Befehls Hitlers vor Moskau. Höpner hat sein Handeln mit
dem Leben bezahlt und verdient daher wie alle Menschen im Widerstand Respekt für
sein Handeln. Allerdings hat die Person des Wehrmachtsgenerals durchaus seine
Schattenseiten, wie bspw. sein Aufmarschbefehl vom 2. Mai 1941 zeigt: „Der Krieg
gegen Russland ist ein wesentlicher Abschnitt im Daseinskampf des deutschen
Volkes. Er ist der alte Kampf der Germanen gegen das Slawentum, die Verteidigung
europäischer Kultur gegen moskowitisch-asiatische Überschwemmung, die Abwehr des
jüdischen Bolschewismus. Dieser Kampf muß die Zertrümmerung des heutigen
Russland zum Ziele haben und deshalb mit unerhörter Härte geführt werden.
Insbesondere gibt es keine Schonung für die Träger des heutigen
russischbolschewistischen Systems."
Die von Geralf Gemser vorgelegte Arbeit stellt keine umfassende Biographie Erich
Höpners dar, sondern beschränkt sich bewusst auf die für die Fragestellung
relevanten Entwicklungsschritte Höpners und greift diese auch immer wieder
heraus, um das Handeln Höpners in einen Zusammenhang mit seinem
gesellschaftlichen Umfeld und seiner Funktion zu bringen. Das Werk gliedert sich
in mehrere Abschnitte, in denen sowohl verschiedene Quellen (Bundesarchive und
Nachlaß Höpners) als auch verschiedene Leitfragen den Inhalt prägen.
So findet sich nach der Einleitung das für die westdeutsche Rezeption der Person
Höpners maßgebliche Ereignis, seine Rolle am 20.Juli 1944. Weiter wird aber auch
sein Werdegang in der Armee, seine Positionierung und vor allem sein Handeln als
Befehlshaber der Wehrmacht dargelegt. Letztlich wird der Prozess der
Namensgebung einer Berliner Schule unter judikativen und moralischen
Gesichtspunkten dargestellt und versucht, die Fragestellung der Arbeit zu
beantworten.
Als Quellenmaterial sind bereits publizierte Biographien zu Erich Höpner
wichtige Bezugspunkte des Buches, oft aber ergänzt oder kritisiert der Autor die
Darstellungen vorhergehender Veröffentlichungen zu Erich Höpner.
Diese sind zum Einen das 1969 erschienene Buch von Walter Chales de Beaulieu,
dem ehemaligen Stabschef unter Höpner, mit dem Titel „Generaloberst Erich
Hoepner - Militärisches Porträt eines Panzerführers", zum Anderen Heinrich
Büchelers „Hoepner - ein deutsches Soldatenschicksal des zwanzigsten
Jahrhunderts" (1980). Beide Autoren lieferten in ihren Arbeiten eine umfassende
Darstellung der militärischen Einsätze unter General Erich Höpner. Allerdings
findet die Darstellung des Vernichtungskrieges, die moralische Disqualifikation
Erich Höpners durch Führung eines Angriffskrieges, der nur als gezielter Terror
in einem ideologisch begründeten Vernichtungsfeldzug gedeutet werden kann, kaum
Platz. Exemplarisch hierfür stehen neben Tagebucheinträgen Erich Höpners seine
Rolle als „Oberbefehlshaber der Stadt Warschau" 1939, als er die Bevölkerung der
Stadt Warschau wissen ließ:
„Bewohner Warschaus! Ihr seid von allen Seiten umzingelt. [..] Für jeden
deutschen, in Warschau gefallenen Soldaten werden zwanzig von euch erschossen!
Sollte Widerstand geleistet werden, wird die Stadt von unserer Artillerie und
den Fliegern gänzlich zerstört." (S. 101)
Auch als Befehlshaber im sog. Barbarossa-Feldzug ist Höpner Protagonist jenes
Vernichtungsfeldzuges, was nicht nur in seinem Mitwissen an den Verbrechen der
SD-Einsatzgruppen, seiner antikommunistischen Propaganda und den unter seiner
Machtbefugnis begangenen Verbrechen gegen Zivilisten gesehen werden kann. So
schlägt dieser am 4. August 1941 dem Heeresgruppenstab den Einsatz von Nebel-
und Reizstoffen vor. „Mit diesem Vorschlag nahm Höpner wiederum den Verstoß
gegen internationale Bestimmungen in Kauf. Gemäß Art. 23a der HLKO [Haager
Landkriegsordnung] war die Verwendung von Gift namentlich untersagt." (S. 155)
Das hier skizzierte Handeln des Wehrmachtsgenerals wird von Gemser dahingehend
untersucht, inwieweit es normativen Ansprüchen genügt, um ihn als Vorbild und
Namensgeber einer Institution in einer demokratischen Gesellschaft in
Erscheinung treten zu lassen
- bereits 1956 wurde Höpner Namenspatron einer Berliner Schule. Ob Höpners Werte
und Leitvorstellungen den Ansprüchen einer demokratischen Erziehung gerecht
werden und inwieweit dies mit den Vorgaben des Schulgesetzes in Einklang zu
bringen ist, steht im Fokus der Ausführungen Gemsers. Das Berliner Schulgesetz
gibt nämlich vor: „Ziel muß die Heranbildung von Persönlichkeiten sein, welche
fähig sind, der Ideologie des Nationalsozialismus
[..] entschieden entgegenzutreten sowie das staatliche und gesellschaftliche
Leben auf der Grundlage der Demokratie, des Friedens, der Freiheit [und] der
Menschenwürde zu gestalten." (Schulgesetz von Berlin, §1)
Geralf Gemser beschränkt sich nicht auf eine Darstellung, sondern sein Werk
wertet im Hinblick auf die Leitfrage des Buches bewusst nach normativen
Maßstäben. Hinsichtlich dieser ist nach ihm über Erich Höpner zu sagen:
„Seine Lebensleistung ist mit den heutigen, unseren Schülern zu vermittelnden
Werten, wie sie nachdrücklich im Berliner Schulgesetz ausgewiesen sind, nicht
vereinbar." (S.223)
Geralf Gemser: Darf eine Schule diesen Namen tragen? Zur
Vorbildwirkung des Wehrmachtsgenerals Erich Höpner. Marburg: Tectum, 2005
Benjamin Huhn
Fritz Lamm, Streiter für Demokratie und Menschenrechte
Bei einer Veranstaltung zur Erinnerung an Fritz Lamm am 25. Januar
2007 in Stuttgart waren statt der erwarteten 100 Teilnehmer ca. 300 erschienen.
Ein Beleg dafür, dass Fritz Lamm nicht nur sehr wirkungsvoll in seiner Zeit
arbeitete, sondern seine unterschiedlichen Aktivitäten bis heute nachwirken. Die
von Michael Benz verfasste politische Biographie zeichnet das Leben des Juden,
Linkssozialisten und Emigranten Lamm nach.
Sein Lebensweg begann in Stettin, wo er seine Kindheit und Jugend verbrachte.
Aufgewachsen in einem liberalen, jüdischen Elternhaus, schloss sich der 1911
geborene Lamm dort einer jüdisch-bündischen Jugendgruppe an, deren Leiter er
einige Jahre war.1930 wechselte er zu den Naturfreunden, trat in die SPD und die
SAJ ein, ein Jahr später wurde er Gewerkschaftsmitglied im Zentralverband der
Angestellten (ZdA).
Lamm begann in diesen jungen Jahren eine rege Referententätigkeit und war
besonders von den Arbeiten Rosa Luxemburgs beeindruckt. 1931 wurde er aus der
SPD ausgeschlossen und trat in die SAP, einer der kleineren Arbeiterparteien und
-gruppen dieser Zeit. Deutlich wird in der Biographie Lamms (faszinierendes)
Leben „zwischen den Stühlen" und zwischen den großen Arbeiterparteien - für die
einen war er ein „Verführer der Jugend", für die anderen war Lamm ein Glied der
„linken Fraktion des Sozialfaschismus".
Am 1. Mai 1933 verteilte er bei der Maidemonstration in Stettin unerschrocken
ein Flugblatt mit dem Titel „Trotz alledem". Damit begann sein weiterer
Lebensabschnitt, der auch seine Gesundheit zerstörte. Verhaftung, Gefängnis und
Flucht mit Hilfe des Malers Otto Marquard über den Bodensee in die Schweiz, wo
er wieder ausgewiesen wurde. Über Österreich gelangte er dann nach Prag. Mehr
als zwei Jahre lebte und arbeitete er rege im „Wartesaal der Emigration". Der
hohe Anteil der deutschsprachigen Bevölkerung ermöglichte ihm und den vielen
anderen Emigranten ein Leben in einem vertrautem Umfeld. Er baute die
„Büchergilde Gutenberg" für die CSR auf und war maßgebend daran beteiligt, dass
1937 aus einer Arbeitsgemeinschaft der proletarischen Jugendverbände, nämlich
KJVD, SAJ, und SJVD sowie jüdischen und bündischen Jugendlichen 1938 die
überparteiliche Freie Deutsche Jugend (FDJ) in Prag gegründet wurde.
Schon 1937 wurde ihm die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt. Im Antrag auf
die Ausbürgerung heißt es: „Auf Grund der politischen Vergangenheit dieses Juden
und auf Grund seiner charakterlichen Eigenschaften steht außer Zweifel, dass er
im Auslande als vorbestrafter Hochverräter und Emigrant zum Nachteil des
Deutschen Reiches und Nationalsozialismus arbeitet" (S. 157).
Recht genau schildert Benz, wie Fritz Lamm über Zürich 1938 nach Frankreich
kommt, dem Land, das traditionell für Flüchtlinge eine gute zweite Heimat ist.
Dort war er Sekretär bei der Zeitung „Neue Front". Bei Kriegsbeginn wird er als
„feindlicher Ausländer" von der „Garde mobile" verhaftet. Seine Bücher der
Büchergilde Gutenberg werden beschlagnahmt. Er kommt mit weiteren 560
„Suspekten" im Sammeltransport nach Südfrankreich ins Internierungslager Le
Vernet. Schließlich gelangte er aus den elenden Bedingungen auf abenteuerlicher
weiterer Flucht mit Hilfe einer Hilfsorganisation nach Cuba, das neben Mexiko
und der Dominikanischen Republik ein beliebtes Transitland war. Fritz Lamm blieb
ein halbes Jahr in einem Flüchtlingslager und wurde dort auch in die
Lagerleitung gewählt. Im cubanischen Exil publizierte Lamm nur wenig - lediglich
vier Artikel in „Das andere Deutschland" und einige gewerkschaftliche Artikel
sind bekannt.
Zudem war er später in der cubanischen Diamantenindustrie tätig und dort auch
gewerkschaftlich aktiv.
1948 kehrte Lamm aus dem cubanischen Exil nach Deutschland zurück. Seine
Rückkehr nach Deutschland hatte er so begründet: „Gemeinsam mit den Kämpfern des
Widerstands müssen die Wurzeln des Faschismus ausgetilgt, die Schuldigen
gerichtet werden. Die Alliierten haben Deutschland besiegt, Deutschland vom
Faschismus befreien können nur wir." (S. 255) Bis zu diesem Punkt wird Lamms
Leben chronologisch geschildert. Die zweite Hälfte des Buches ist in
Sachbereiche aufgeteilt: im Kapitel „Stuttgart - die neue Heimat" wird u.a.
seine Zeit als Angestellter und Betriebsrat der „Stuttgarter Zeitung"
dargestellt. Das war der Start für Lamms engagierte Betriebsrats- und
Gewerkschaftsarbeit. Darüber hinaus stellt Benz Lamms gewerkschaftliches Wirken,
sein Engagement bei den Naturfreunden und Freidenkern dar. Als Fürsprecher der
Jugend prägte er das Denken und Handeln vieler Jugendlicher bei den
Naturfreunden, den Falken und der Gewerkschaftsjugend der Nachkriegszeit. Ein
weiterer Abschnitt ist Lamms Beziehungen zur SPD gewidmet. Die SAP, in der Lamm
aktiv war, hatte ihre Mitglieder bei Kriegsende aufgefordert, in die SPD
einzutreten. Auch Fritz Lamm tat dies, obwohl er die SPD für „spießiger" als vor
1933 hielt. Heftige Kritik übte er beispielsweise am Entwurf des
Aktionsprogramms für den Parteitag 1952 und zwei Jahre später am Referat
Ollenhauers zur Frage der Wiederaufrüstung. Er trat auch gegen die Godesberger
Linie an. Wegen seiner marxistischen Positionen geriet er aber politisch in der
SPD immer mehr ins Abseits und sah sich von einem Ausschlussverfahren bedroht.
1962 trat Fritz Lamm auf einer vom SDS initiierten Maiveranstaltung als ein
Sprecher der „Neuen Linken" auf. Nachdem er auch noch beim Sozialistischen Bund
(SB) Mitglied wurde, erfolgte 1963 sein Ausschluss aus der SPD. Diesem hier
angedeuteten Engagement an der Seite der „Neuen Linken" widmet Benz ebenso ein
Kapitel seines Buches wie den publizistischen Interventionen Lamms.
Fritz Lamm starb am 15. März 1977 in Stuttgart an Herzversagen. Das Buch von
Michael Benz, dass außerordentlich gut erzählt ist, dokumentiert Lamms Leben
„zwischen den Stühlen". Der Autor hat eine beachtliche Menge Material aus in-
und ausländischen Archiven hierfür verarbeitet. Die vorliegende politische
Biographie kann aber darüber hinaus auch als eine Geschichte des Exils und der
Arbeiterbewegung gelesen werden.
Michael Benz: Der unbequeme Streiter Fritz Lamm. Jude,
Linkssozialist, Emigrant 1911-1977. Eine politische Biographie. Essen:
Klartext-Verlag, 2007
Karl Löffert
Rassenhygiene und Erziehung
Die von den Nazis unmittelbar nach der
Machtübertragung eingeleiteten rassen- und bevölkerungspolitischen Maßnahmen
wurden von Anfang an mit einer Unzahl pädagogischer Initiativen flankiert und
mit dem Aufstieg der Rassenhygiene zur Staatsdoktrin eröffneten sich den
erzieherisch oder erziehungswissenschaftlich Tätigen vielfältige und bedeutsame
Praxisfelder: Von Beiträgen legitimatorischer und popularisierender Art über die
Erstellung und Anwendung didaktischer Materialen zur pädagogischen
Vermittlungsarbeit, von der methodischen und theoretischen Konzeptualisierung
von Grundlagenforschung bis zur praktischen Umsetzung rassistischer
Selektionskriterien reichte der Einsatzbereich rassenpolitischer Erziehung.
Einen wichtigen Baustein zur Erforschung der theoretischen und praktischen
Schnittmengen von Pädagogik und Rassenhygiene präsentiert das im Berliner
Akademie Verlag erschienene Handbuch zur „Rassehygiene als Erziehungsideologie
im Dritten Reich". Präsentiert werden die biographischen und bibliographischen
Daten von fast 1.000 Autoren (und seltener: Autorinnen), die in den Jahren 1933
bis 1945 mit einschlägigen Veröffentlichungen zur „Rassenpädagogik"
hervorgetreten sind. Es handelt sich dabei um das Ergebnis einer mehrjährigen
Forschungsarbeit, deren Ziel es war, zu untersuchen, wie rassenhygienische,
rassenkundliche und rassenpolitische Argumentationen in die Pädagogik
eindrangen, dort rezipiert und weiterentwickelt wurden. Gleichzeitig sollte die
Rassenhygiene unter erziehungswissenschaftlichen Aspekten als „Erziehungsideologie"
untersucht und überprüft werden, welche Bedeutung die Pädagogik bei der
Umsetzung der rassenpolitischen Ziele des Nazistaates hatte.
Im Kern ruht die Untersuchung auf zwei Säulen: Zum einen haben die Autoren eine
rund 2.000 Titel umfassende Bibliographie zwischen 1933 und 1945 erschienener
„rassenpädagogischer" Schriften erstellt (ca. 800 Buchveröffentlichungen und
1.200 Aufsätze oder Zeitschriftenartikel). Aufgenommen wurden Arbeiten, die
entweder von professionellen Pädagogen verfasst wurden und explizit mit dem
Konzept der „Rasse" operierten oder rassenhygienische Schriften, die einen
direkten pädagogischen bzw. erziehungswissenschaftlichen Bezug aufwiesen. Bei
einem Großteil der Werke handelte es sich um Beiträge zum rassenhygienischen
rassenkundlichen Unterricht bzw. der unmittelbaren „politisch-weltanschaulichen"
(Volks-)Erziehung. Demgegenüber sind Texte mit einem im engeren Sinn
wissenschaftlichen Charakter zwar deutlich weniger vertreten, belegen aber immer
noch die nach 1933 intensivierte Institutionalisierung der „Rassen"-Thematik im
Hochschulapparat. Über eine detaillierte Strukturanalyse des Textkorpus'
ermitteln die Autoren eine Reihe prägnanter Merkmale zu Verlauf, Verbreitung und
Verwendung der „rassenpädagogischen" Schriften und arbeiten die Grundlinien des
„rassenpädagogischen" Diskurses heraus.
Die zweite Säule der Untersuchung bilden biographische Recherchen zu den
insgesamt 920 Autoren und 62 Autorinnen der ausgewerteten Schriften, deren
sozialbiografischen Daten über eine quantitative Querschnittuntersuchung
erschlossen werden. Die Verfasser beschreiben die Trägergruppe des
„rassenpädagogischen" Diskurses im Kern als akademisch gebildete Autorenschaft
mit einem hohen Anteil an Naturwissenschaftlern. Fast achtzig Prozent der
Autoren waren promoviert, die Hälfte davon in naturwissenschaftlichen Fächern.
Vertreter einer geisteswissenschaftlichen Pädagogik spielten demgegenüber eine
eher ungeordnete Rolle.
Charakteristisch war ein durchgängig hoher Grad des politischen Engagements. 85
Prozent waren Mitglieder der NSDAP, viele von ihnen politisch aktiv.
Aufschlussreich ist hierbei vor allem, dass mehr als vierzig Prozent der Autoren
bereits vor der Machtübertragung völkisch, nationalistisch oder
rassentheoretisch orientiert waren, entsprechende Schriften veröffentlichten
oder in einschlägigen Organisationen aktiv waren. Angesichts dieser
Kontinuitäten betonen die Herausgeber zu Recht, dass viele der von ihnen
untersuchten Pädagogen den Machtwechsel als Chance gesehen haben, ihre
Überzeugungen in die Tat umzusetzen und folgerichtig (aktiv, freiwillig und zum
Teil als treibende Kräfte) an der Durchsetzung der nazistischen Rassen- und
Bevölkerungspolitik mitwirkten. Das rassenpolitische Engagement, daran lassen
die Autoren keinen Zweifel, ist nicht als eine Form passiver
Instrumentalisierung oder gar als „Verführung" misszuverstehen.
Um die Zusammenhänge zwischen wissenschaftlich literarischer und
praktisch-politischer Arbeit der „Rassenpädagogen" genauer auszuloten, wird eine
Teilgruppe der Autoren, insgesamt 146, in vertiefenden biographischen Analysen
auf der Basis von archivalischen Quellen und biographischem Material näher
untersucht. Neben den Pädagogen im engeren Sinne, also Lehrern und Studienräten,
Professoren und Dozenten der Lehrerbildung sowie Vertretern der universitären
Pädagogik, werden hierbei auch Mediziner und Naturwissenschaftler
berücksichtigt, die zu erziehungswissenschaftlich relevanten Themen
publizierten.
Besonderes Augenmerk gilt darüber hinaus der Gruppe der „rassenpolitischen
Aktivisten" - dazu zählte immerhin jeder fünfte der untersuchten Autoren -, die
nicht nur publizistisch aktiv waren, sondern für die SS oder das
Rassenpolitische Amt der NSDAP arbeiten und als Kern- und Trägergruppe der
Umsetzung des rassenwissenschaftlichen Paradigmas identifiziert werden. Positiv
hervorzuheben ist, dass mit dem biographiegeschichtlichen Vorgehen der engere
diskursgeschichtliche Rahmen verlassen wird und damit Aussagen zur konkreten
Mitwirkung der Pädagogen an der Umsetzung nazistischer Rassenpolitik möglich
werden, die über die Auswertung des veröffentlichten Schrifttums allein nicht zu
ermitteln sind. Dies ist vor allem für Personen von Belang, die sich nicht
vorwiegend auf die wissenschaftlich-literarische Legitimierung und Verbreitung
rassenhygienischen Gedankenguts kapriziert hatten, sondern als „rassenpolitische
Aktivisten", aber auch als Mitarbeiter der Bildungsadministration und Lehrer
aktiv an der Umsetzung und Vollstreckung der rassenpolitischen Ziele beteiligt
waren.
Zu hoffen ist, dass zukünftige Forschungen weitere Erkenntnisse über die
Mitwirkung der Pädagogik bzw. der Pädagogen an der Rassenpolitik des NS-Staates
zu Tage fördern. Das bio-bibliographische Handbuch liefert hierzu zweifellos
eine wertvolle Materialgrundlage.
Hans-Christian Harten, Uwe Neirich, Matthias Schwerendt:
Rassenhygiene als Erziehungsideologie des Dritten Reichs. Bio-Bibliographisches
Handbuch. Berlin: Akademie Verlag, 2006
Sven Steinacker
Tag der Opfer des Faschismus
Für den 9. September 1945 rief der Berliner Magistrat auf Anregung
von NS-Verfolgten zu einer Gedenkkundgebung für die Opfer des Faschismus auf.
Hunderttausend Menschen „manifestierten feierlich für das andere Deutschland",
schrieb „Das Volk", die Tageszeitung der SPD. Auch in anderen Städten, wie z.B.
Leipzig oder Stuttgart, folgten viele Menschen den Aufrufen der demokratischen
Parteien, jüdischen Gemeinden, christlichen Kirchen, Gewerkschaften und
Verbände. Die VVN versuchte in der Gründungsphase nicht, die Widersprüche
einzuebnen, sondern in gleichberechtigter und respektvoller Debatte auszutragen.
Doch bald geriet der Gedenktag für die Opfer des Faschismus, der am zweiten
Sonntag im September gefeiert wurde, in die Mühlen des Kalten Krieges. Im Westen
wurde das Gedenken an die Verfolgten verdrängt durch den Volkstrauertag, der in
problematischer Weise Täter, Profiteure, Mitläufer und Verfolgte des NS-Regimes
gleichermaßen zu Opfern erklärte. Im Osten wurde der - nun offizielle - Feiertag
politisch vereinnahmt und verengt, er verlor seine große Überzeugungskraft und
Legitimität. Nach der Wende wird der OdF-Tag in Berlin als „Tag der Erinnerung,
Mahnung und Begegnung" fortgeführt - in veränderter Form, in der Vielfalt und
Widersprüchlichkeit antifaschistischen Denkens und Handelns einen Platz haben.
Seit 1996 wird der 27. Januar, der Tag der Befreiung des KZ Auschwitz durch die
Rote Armee, als Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus begangen.
Hans Coppi und Nicole Warmbold haben eine sehens- und lesenswerte Ausstellung
zum OdFGedenktag zusammengestellt und jetzt eine erweiterte Broschüre dazu
verfasst. Sie trägt mit dazu bei, den aus politischen, rassistischen,
religiösen, weltanschaulichen Gründen Verfolgten, den Opfern der Shoa, der
NS-Euthanasie und Militärjustiz, den Widerstandskämpfern einen Platz im
kollektiven Gedächtnis zurückzugeben.
Und sie fordert zum Nachdenken auf: „Wie aber kann ein Gedenken aussehen, das im
besten Sinne des Wortes Anstoß und Denk-mal ist, das zu Reflektion und
kritischem Auseinandersetzen, zu Nachfragen und Wissen-Wollen anregt und
zugleich das Herz anspricht? ...
Dass sie sich das Engagement der Opfer und Überlebenden, für eine Welt ohne
Krieg und Faschismus zu streiten, ebenso zu ihrem ureigensten Anliegen macht ?"
Die Ausstellung (12 Tafeln) kann ausgeliehen werden über die Berliner VVN-BdA,
Franz-Mehring Platz 1, 10243 Berlin.
Hans Coppi, Nicole Warmbold: Der zweite Sonntag im
September. Gedenken und Erinnern an die Opfer des Faschismus. Zur Geschichte des
OdF-Tages. Berlin: VVN-BdA, 2006
Hermann Unterhinninghofen
Frankfurter Stadtverordnete zwischen Anpassung und
Widerstand
Die Machtübertragung auf Hitler leitete auch das Ende der
demokratischen Gemeindeverfassung und die Verfolgung von Stadtverordneten ein.
Am schnellsten wurde dies in Preußen durchgezogen: Der als Kommissar eingesetzte
Innenminister Göring löste am 4. Februar 1933 kurzerhand die Kommunalparlamente
auf und setzte für den 12. März Neuwahlen an, so auch in Frankfurt/Main.
Zahlreiche demokratische Kandidaten wurden eingeschüchtert, manche vorübergehend
festgenommen, Versammlungen von SA gestört oder aufgelöst, die Presse zeitweise
verboten, kurz: der Wahlkampf massiv behindert, von freien Wahlen konnte kaum
die Rede sein. Am 7. März, in der letzten Sitzung der
Stadtverordnetenversammlung, unterstützte die Mehrheit einen SPD-Protest gegen
die Auflösung, die SPD-Abgeordneten wurden von NS-Gefolgsleuten aus dem Saal
geprügelt. Eine Woche nach der Reichstagswahl, in einem Klima von
nationalistischem Taumel und Einschüchterung, machte die NSDAP einen Sprung von
10 auf 47,9 Prozent der Stimmen. Einen Tag später besetzte eine braune Horde das
Rathaus, ein NS-Mann wurde als kommissarischer Oberbürgermeister bestimmt; der
bisherige OB, Ludwig Landmann, hatte unter dem Druck der Verhältnisse seinen
Rücktritt erklärt, er musste später nach Holland flüchten und untertauchen, wo
er kurz vor der Befreiung starb. Die Mandate der gewählten Abgeordneten der KPD,
soweit diese überhaupt noch in Freiheit waren, wurden im März für ungültig
erklärt, die der SPD am 22 . Juni - ihr Wohlverhalten bei der Schein-Wahl des
NS-Oberbürgermeisters Krebs hatte ihnen nicht geholfen. Die anderen Parteien
wurden ab Juli aufgelöst oder lösten sich, wie z.B. das Zentrum, selber auf.
Noch ein halbes Jahr vegetierte die Versammlung vor sich hin, da alle wichtigen
Fragen auf die von Nazis dominierten Ausschüsse übertragen worden waren. Am
31.12.1933 wurde die Amtszeit beendet und die demokratische Gemeindeverfassung
durch das Führerprinzip, gewählte Vertreter durch von der NSDAP ernannte „Räte"
ersetzt. Das erste wieder frei gewählte Stadtparlament kam am 21. Juni 1946
zusammen.
Vor diesem von ihm kurz skizzierten Hintergrund geht Michael Bermejo der Frage
nach, wie die Frankfurter Gemeindevertreter die Hitler Diktatur erlebt und
erlitten, was sie dagegen getan und wie die Machthaber darauf reagiert haben,
wie sie versucht haben, das Überleben zu organisieren, durch Anpassung
Schlimmerem zu entgehen oder wie manche ein Rad im Getriebe der
Unterdrückungsmaschinerie wurden. Er vermittelt dies durch Kurzbiografien von 92
Stadtverordneten und Stadträten (aller Parteien außer NSDAP und DNVP/Kampfgruppe
Schwarzweißrot). Er hat vielfältige Quellen ausgewertet: Archivmaterial, Briefe,
Gestapo-Akten, Urteile der
NS-Justiz, Spruchkammer- und Entschädigungsakten, Gespräche mit Zeitzeugen. So
entsteht ein sehr
differenziertes Bild mit vielen Zwischentönen, das nicht nur den äußeren Ablauf
von Entrechtung und Verfolgung, von Mitmachen, Kompromissen und Anpassung
schildert, sondern auch persönliche Betroffenheit, Beweggründe, Zweifel und
Widersprüche nachvollziehbar macht.
Die biografischen Notizen bestätigen die These, dass Kommunisten und
Sozialdemokraten am frühesten und härtesten politisch verfolgt wurden: Fast alle
kommunistischen Stadtverordneten wurden verhaftet, z.T. zu hohen Haftstrafen
verurteilt, sieben in KZ deportiert, wo drei ermordet wurden (Paul Böhler, Karl
Fehler und Anton Müller). Von den 38 SPD-PolitikerInnen wurden 25 aus
politischen Gründen verhaftet, vier in KZ verschleppt, drei starben in KZ-Haft
oder durch Hinrichtung (Konrad Broßwitz, Stephan Heise und Albrecht Ege). Eine
ganze Anzahl wurde aus politischen Gründen entlassen und einige Jahre vom
Arbeitsamt nicht in neue Arbeit vermittelt. VertreterInnen der anderen Parteien
blieben überwiegend von politischen Verhaftungen verschont (Ausnahmen: Christine
Lill, Heinrich Scharp und Damian Schleicher vom Zentrum und Georg
Korndörfer von der Deutschen Volkspartei), erlitten aber oft berufliche
Nachteile. Von rassistischer Verfolgung waren betroffen oder bedroht: Elsa
Bauer, Max Michel und Theodor Plaut (SPD), Else Alken (Zentrum), Else Epstein,
Sally Goldschmidt und OB Ludwig Landmann (Deutsche Staatspartei) sowie Richard
Merton (Deutsche Volkspartei).
Nach Bermejo wird „eine primär auf Parteimitgliedschaft reduzierte Sichtweise
oder eine schlichte schwarz-weiß Kategorisierung ... in opportunistische
Kollaborateure und heroische Widerstandskämpfer den oft komplexen historischen
Realitäten nicht gerecht." Dem kann man zustimmen, aber: Jeder Gemeindevertreter
musste die Grundfrage beantworten, ob er Ja oder Nein zu dem Verbrechersystem
sagt und wie er entsprechend handelt. Der Autor schildert Beispiele dafür, dass
es schwierig aber möglich war, nicht mitzumachen und zu widerstehen.
Andererseits gibt es viele Grautöne, nämlich die der Mitläufer. Es gibt
Gratwanderungen wie etwa des katholischen Journalisten Heinrich Scharp oder
einiger Lehrer.
Schwer verständlich erscheint das Verhalten des Industriellen Richard Merton,
der 1933 beim Wiederaufbau eines starken Deutschen Reiches unter Hitlers Führung
mitzuwirken versprach - nach dem Novemberpogrom 1938 wurde er in das KZ
Buchenwald deportiert und musste 1939 nach England emigrieren. Unklar sind die
genauen Gründe für die Haft von Ludwig Fertsch, der 1943 über sieben Monate im
Frankfurter Polizeigefängnis eingesperrt war - wegen seiner
antinationalsozialistischen Haltung, wie er meinte, oder wegen unhaltbarer
Zustände in seinem Betrieb, wie Zeugen aussagten. Tragisch das Schicksal des
Kommunisten Heinrich Schulmeyer, der in die Sowjetunion auswanderte, 1937 in ein
Arbeitslager gesteckt und 1941 an die deutschen Behörden ausgeliefert wurde und
unter dem Druck der Gestapo Stimmungs- oder Spitzelberichte lieferte, nach der
Befreiung zunächst als Hauptschuldiger zu vier Jahren Arbeitslager verurteilt,
später aber freigesprochen wurde.
Michael Bermejo: Die Opfer der Diktatur. Frankfurter
Stadtverordnete und Magistratsmitglieder als Verfolgte des NS-Staates.
Geschichte der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung Band III. Frankfurt:
Verlag Waldemar Kramer, 2006
Hermann Unterhinninghofen
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