Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945 e.V.

Buchbesprechungen "informationen" Nr. 64, November 2006

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Eine Geschichte aus dem niederländischen Widerstand
Unter den Niederländern, die im Sommer 1943 zur Zwangsarbeit nach Deutschland transportiert wurden, befanden sich einige junge Juden mit falschen Papieren. Einer von ihnen hat seine Geschichte aufgezeichnet: Nathan Mageen, 1922 in Düsseldorf als Hans Nathan Mogendorff zur Welt gekommen, war im April 1937 mit Unterstützung seines dort lebenden Onkels, des Rabbiners Louis Frank, nach Eindhoven gegangen, um sich auf die Auswanderung nach Palästina vorzubereiten. Über diesen Onkel bekam er Kontakt zur Vereniging voor vakopleiding van Palestina Pioniers unter der Leitung von Ru (Rudolf) Cohen; diese Vereinigung organisierte die Hachschara, die berufliche und kulturelle Ausbildung (Landwirtschaft, Handwerksberufe, Unterricht in Iwrit und jüdischer Geschichte). Nathan erhielt einen Ausbildungsplatz zum Schreiner auf der Berufsschule der Fa. Philips, war in der zionistischen Jugendbewegung aktiv und wurde 1940 in den Vorstand des Hechaluz (Verband der
Palästina-Pioniere) gewählt.

Als 1941 die Razzien der Deutschen gegen die jüdische Bevölkerung begannen und antisemitische Gesetze die Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Juden zunehmend bedrängten, entschlossen sich Nathan und seine spätere Frau Fietje de Winter, mit falschen Papieren in den Untergrund zu gehen. Die auf die Namen Adrian Franz Josef Klerks bzw. Elisabeth Mensink gefälschten Personalausweise hatten nicht-jüdische Freunde besorgt. Im August 1942 spitzte sich die Lage bedrohlich zu: Alle Mitglieder der Hachschara, auch die 14 bis 16
Jahre alten Kinder, die sich auf der Jugend-Farm in Loosdrecht auf die Auswanderung vorbereiteten, hatten von der deutschen Sicherheitspolizei die Aufforderung erhalten, sich für ein „Arbeitslager“ zu melden. Man alarmierte den Leiter einer nicht-jüdischen Widerstandsgruppe, Joop Westerweel (der zwei Jahre später am 11. August 1944 im KZ Westerbork erschossen wurde), dem es zusammen mit Freunden in kürzester Zeit gelang, passende Zufluchtsorte zu finden. Nathan bekam eine Unterkunft bei der Familie Kroon in Soest, der Sohn Dirk arbeitete in der Widerstandsorganisation Vrij Nederland. Zu den Aufgaben von Dirk, der bei der Freiwilligen Feuerwehr aktiv war, gehörte es, den Alliierten in London Konstruktionszeichnungen von deutschen Bombenzündern zukommen zu lassen; Nathan half ihm dabei. Dirk wiederum unterstützte den Hechaluz bei der dringend erforderlichen Räumung des Büros in Amsterdam; gemeinsam ließ man das Bevölkerungsregister von Soest „verschwinden“. Es war, wie Nathan Mageen schreibt, „der Beginn einer fruchtbaren Zusammenarbeit von Nichtjuden und Juden auf der Grundlage vollkommener Gleichheit.“

Mit Kurt Hannemann (am 31. März 1944 im Alter von 25 Jahren in Auschwitz ermordet) und Kurt Reilinger (im Juli 1944 in Paris verhaftet) hatte Nathan Mageen die Leitung der Hachschara im Untergrund übernommen. Vordringlichste Aufgabe: „Wir fragten uns, wie lange die Untergetauchten es aushalten konnten. Es würde nicht zu verhindern sein, dass ein Teil gefasst werden würde, sei es durch Verrat oder durch verdächtiges Verhalten ... So kamen wir schnell zu dem Schluss, dass wir die Suche nach Wegen in Richtung Süd-Frankreich und von dort über die Pyrenäen nach Spanien fortsetzen sollten. Von dort mussten Wege nach Palästina gefunden werden. Das mochte sich fantastisch anhören, aber sollte es auch nur einem von uns gelingen, auf diesem Weg Palästina zu erreichen, so würde es von enormer Bedeutung sein.“ (S. 39)

Anfang Juli 1943 schien ein Weg über Belgien und Frankreich nach Spanien gefunden zu sein, doch die Gruppe, 34 Menschen, wurde beim Grenzübergang im Wald bei Putte verhaftet. Die Mehrzahl der Gefangenen gab beim Verhör sofort zu, Juden zu sein; Nathan und Fietje hatten verabredet, in einem solchen Fall unbedingt ihre jüdische Identität zu verschweigen. Das gelang und rettete ihnen das Leben: Fietje kam frei, Nathan jedoch musste auf Transport zum Zwangsarbeitseinsatz in das Ruhrgebiet. Er kam als Bauzeichner zur Fa. Krupp nach Essen, konnte sich als Niederländer ziemlich frei bewegen und kehrte nach einem Bombenangriff mit einen Sonderurlaubsschein für zehn Tage nach Holland zurück. Dort erhielt er bei einem Treffen mit Hannemann und Reilinger den Auftrag, nach Deutschland zurückzukehren und den Kontakt zu zwei Gruppen von Hechaluz-Mitgliedern, die eine in Bielefeld, die andere in Dortmund, aufzunehmen, die man mit gefälschten Papieren zum „Arbeitseinsatz“ nach Deutschland geschickt hatte, als sich in den Niederlanden ein Mangel an Untertauchmöglichkeiten abzuzeichnen begann. Die Bielefelder Gruppe war jedoch kurz zuvor verhaftet worden, nachdem die Gestapo durch Anfrage bei den niederländischen Behörden ihre gefälschten Papiere entdeckt hatte. So konnte Nathan die Dortmunder Gruppe warnen und ihre heimliche Rückkehr nach Holland organisieren. Das gelang. Er selbst wurde bei seiner ebenfalls illegalen Rückkehr verhaftet und „wegen des Versuchs die Grenze zu überschreiten mit einem Ausweis, der auf den Namen eines Dritten lautet“ zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt.

Nathan überstand die Gefängnishaft, kehrte im April 1944 nach Essen zurück, bekam einen Urlaubsschein und fuhr nach Holland. Aufs Äußerste gefährdet musste er sich bis zur Befreiung am 12. April 1945 in einer stillgelegten Ziegelei in Terwolde verstecken – im „Loch“, d.h. in der Einmündung des Rauchkanals in den Schornstein. In diesem Versteck schrieb er einen großen Teil der nun veröffentlichten Erinnerungen.

1947 wanderten Nathan und Fietje Mageen nach Palästina aus, wo beide in Be`er Sheva Arbeit fanden, er als Architekt, sie als Bibliothekarin. 1991 wurde in Yad Vaschem eine Gedenktafel enthüllt und ein Gedenkbuch They were our friends übergeben. Bei der Übergabe sagte Nathan Mageen: „Heute vermischen sich Trauer und Stolz in unserem Herzen. Trauer, weil wir nach so vielen Jahren vor einer Gedenktafel mit 420 Namen von Chawerim, die ermordet wurden, stehen. Als Mädchen und Jungen auf Hachschara waren wir eine Großfamilie, die nicht selten die biologische ersetzte. Stolz, weil 55 % von unseren Chawerim den Holocaust überlebt haben, dagegen nur 16 % der allgemeinen jüdischen Bevölkerung in den Niederlanden. – Lassen wir uns von der Statistik nichts vorgaukeln. Jeder Tote bedeutet eine Persönlichkeit, eine ganze Welt für sich. (...) Nur einen Namen habe ich genannt: Joop Westerweel, denn der Name ist zum Symbol geworden für die so außergewöhnliche Zusammenarbeit von einer Gruppe Niederländer für und mit uns auf der Grundlage von Bundesgenossenschaft und Gleichheit. Gefühle tiefer Freundschaft werden uns immer begleiten.“

Nathan Mageen: Zwischen Abend und Morgenrot. Eine Geschichte aus dem niederländischen Widerstand. Bearbeitet von Angela Genger und Andrea Kramp. Herausgegeben von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und der Mahn- und Gedenkstätte der Landeshauptstadt Düsseldorf. Düsseldorf, 2005
Ursula Krause-Schmitt

Die Gestapo war nicht allein
Mit seinem Buch „ ,Die Gestapo war nicht allein ...‘. Politische Sozialkontrolle und Staatsterror im deutsch- niederländischen Grenzgebiet 1929–1945“ legt Herbert Wagner eine sozialwissenschaftliche Arbeit vor, mit der auf empirischer Basis der Zusammenhang zwischen Sozialkontrolle und Repression im Nationalsozialismus (NS) untersucht wird. Wagner geht es vorrangig darum zu prüfen, ob staatliche Repressionsorgane im NS tatsächlich allwissend und allmächtig waren oder ob sie zur Durchführung ihres Terrors auf eine gesellschaftliche Situation angewiesen waren, deren Klima von Billigung oder Unterstützung des Staatsterrorismus geprägt war.

Auf der Basis von Quellen zeichnet der Autor für die kleine Region der Grafschaft Bentheim ein möglichst exaktes und vollständiges Bild der Rolle der Gestapo nach, aus dem Schlüsse über die Arbeitsweise dieser Organisation gezogen werden können. Auf diese Weise versucht Wagner in seiner Arbeit, die als Dissertation an der Fernuniversität Hagen eingereicht wurde, einen neuen Blick auf die Repressionsmechanismen des Nationalsozialismus zu werfen, da in der bisherigen Wahrnehmung immer von einer Allmacht der Repressionsorgane ausgegangen wurde, die sowohl individuelle Handlungsspielräume vernichteten als auch ohne Kollaboration der Zivilbevölkerung hinreichend funktionierten.

Diese Annahme der alleinigen Allmacht der Repressionsorgane war zunächst auch naheliegend, denn diese erklärte sich zum Einen aus den Ohnmachtserfahrungen von NS-Opfern gegenüber staatlichem Terror. Zum Anderen war der Mythos eines totalitären Systems, in dem Hitler und andere Funktionseliten eine ganze Gesellschaft zu ihren Zwecken missbrauchten, Teil eines Entschuldungsprozesses der Nachkriegsgesellschaft. Herbert Wagner beschreibt diesen Prozess mit der Kernaussage, „die gesellschaftliche Konstellation sei vom Einzelnen nicht zu verantworten gewesen“ (S. 33), seinen Höhepunkt findet.

Forschungsergebnisse aus den 1990er Jahren deuteten jedoch an, dass man die Gestapo entmystifizieren müsse. Auch Herbert Wagner belegt in seiner vorliegenden Arbeit, dass die Gestapo sehr wohl auf ein für sie günstiges Umfeld angewiesen war und in der Ämterkonkurrenz des NS auch für die Gestapo keine Allmächtigkeit herrschte. Auch der Terror allein vermag es nicht, den Erfolg der Diktatur zu erklären, wenn nicht zumindest in Teilen der Bevölkerung eine Zustimmung geherrscht hat. Dieser Grundkonsens könnte z.B. die „Volksgemeinschaft“ gewesen sein, innerhalb derer zwar über die Mittel gestritten wurde, jedoch Einklang über ein gemeinsames Interesse bestand.

Ausführlich beschreibt der ehemalige Polizist Wagner in seiner Arbeit die Geschichte des politischen Staatsschutzes mit seinen Wurzeln im 19. Jahrhundert, dessen Aufgabe es war, mittels sozialdisziplinierender Verfolgung eine „politische Antwort der Machteliten auf Widerstand, Umsturzversuche, sozialen Protest“ (S. 83) zu finden. In der Weimarer Republik lag die Polizeistrategie darin, Denunziationsofferten zu machen, d.h. die politische Polizei war darum bemüht, mittels Sozialkontrolle eine informationelle Hegemonie herzustellen. Die
bekämpften Milieus in der Weimarer Republik und die Arbeitsmethoden stellen dabei durchaus bereits einen Grundstock der späteren Gestapo-Organisation dar, auch wenn 1932 ein Großteil der Spitzenpositionen der politischen Polizei neu besetzt wurden. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde sie in die Ideologie eingebunden und von einem Staatsschutzorgan zum Instrument eines autoritären Regimes.

War Staatsschutz in der Weimarer Republik noch reaktiv, d.h. gegen existierende revolutionäre Milieus gerichtet, wurde das Augenmerk seit 1933 auf Prävention gegen alle Gruppen und Einzelpersonen gesetzt, die nicht mit der NS-Ideologie in Einklang standen. Verfolgt wurden nun nicht mehr gegen den Staat gerichtete Taten, sondern auch diejenigen, bei denen man über V-Mann-Arbeit oder Denunziation eine staatsfeindliche Gesinnung vermutete.

Wagner verfolgt mit „Die Gestapo war nicht allein“ einen regionalgeschichtlichen Ansatz, auch wenn er einen Zusammenhang zwischen nationalen Topoi wie der „Volksgemeinschaft“ und sozialer und ethnischer Stigmatisierung konstatiert. Sein Schwerpunkt liegt eher beim intersubjektiven Handeln in bestimmten, belegten Milieus als auf der Rolle des Individuums innerhalb eines nationalen Kollektivs, da Werte des regionalen Milieus und des nationalem Kollektivs nicht immer deckungsgleich sein müssen. Dies bedeutet zwar nicht, dass keine „grundsätzliche Kongruenz zum Staatsterror auf nationaler Ebene oder in anderen Gebieten“ (S. 121) bestünde, jedoch können sich die Methoden und der Erfolg des Terrors je nach Region unterscheiden. Dieser Ansatz – auf regionalgeschichtlicher Ebene, der unterhalb von Aggregatsdaten auch Mikroprozesse beleuchtet – schafft es daher besser, die Einbettung der Individuen und das Handeln der lokalen Gestapo-Dienststellen zu erklären. Wagners Buch gliedert sich in insgesamt vier Abschnitte, in denen zuerst die Einbettung der Staatsschutzarbeit in die gesellschaftlichen Verhältnisse erfolgt und im Weiteren der Staatsterror in der untersuchten Region dargestellt wird. Hauptquelle ist hierbei die Gestapokartei der Staatspolizeistelle, aber auch andere Dokumente aus der republikanischen, diktatorischen und demokratischen Zeit des Gebiets werden mit herangezogen. Um den Staatsterror in sein Umfeld einzubetten, werden minutiös die Milieus, die politische und gesellschaftliche Situation und der Grad der NS-Aktivitäten soziologisch beschrieben. Dieser zweite Teil ist der umfassendste Abschnitt des Werks und bietet einen detaillierten Überblick über die Situation, die Arbeitsweise und die Administration der Staatspolizei im Bezirk. Anhand der Delikte, der Opfergruppen und nicht zuletzt des Erfolgs der Repression lässt sich die Etablierung der Diktatur und die Instrumentalisierung des Terrors nachzeichnen.
Den Umstieg auf die Mikroebene leistet der dritte Teil des Buches, in dem eine Biographie des Arbeiters Heinrich Kloppers Zeugnis über das individuelle Empfinden des Terrors im NS-System ablegt. Im vierten Teil wird der Nachweis der Quellen und der Literatur, sowie ergänzende Karten geliefert.

Herbert Wagner legt mit seinem Buch eine beeindruckende sozialwissenschaftliche Aufarbeitung des instrumentalisierten Terrors in einem kleinen Grenzgebiet dar, die nicht nur eine Entmystifizierung der Staatsschutzpolizei ist, sondern gleichzeitig eine auf vielen Ebenen liegende Milieubeschreibung.

Herbert Wagner: „Die Gestapo war nicht allein...“. Politische Sozialkontrolle und Staatsterror im deutsch-niederländischen Grenzgebiet 1929–1945. Münster: LIT Verlag, 2004
Benjamin Huhn 

Gerechte unter den Völkern
1953 wurde im israelischen Parlament ein Gesetz verabschiedet, das die Gründung der staatlichen Institution von Yad Vashem zur Erinnerung an die Märtyrer und Helden des Holocaust zur Folge hatte. Eine der Aufgaben dieser Einrichtung ist die Ehrung und Erinnerung an die Personen, die als „Gerechte unter den Völkern“ ihr Leben zur Rettung von Juden riskierten. Bis zum 1. Januar 2005 wurden insgesamt 20.757 Menschen als „Gerechte“ geehrt, darunter allein 5.874 Polen und 4.638 Niederländer. Lediglich 410 Deutschen und 86 Österreichern wurde die Ehrung bis zu diesem Stichtag zuteil.

Das „Lexikon der Gerechten unter den Völkern. Deutsche und Österreicher“, erschienen im Wallstein-Verlag, stellt knapp 500 Menschen vor und dokumentiert in Kurzform die Biografien dieser Retter/innen. Diese haben, ohne eine materielle Entlohnung zu erhalten – dies ist ein zentrales Kriterium bei der Vergabe der Ehrung durch Yad Vashem –, ihr Leben zur Rettung unschuldiger Menschen riskiert. „Das überraschendste Merkmal der Retter als Gruppe ist ihre völlige ‚Normalität‘: Sie waren [...] ‚normale Menschen‘ – sehr häufig ‚normale Frauen‘“ (S. 25). Hausfrauen, Soldaten, Kommunisten gehörten ebenso zu den Rettern wie Stadtbewohner, Bauern, Kirchenmänner, Konservative etc.

Bekanntester „Gerechter“ durch Spielbergs Film „Schindlers Liste“ sicherlich Oskar Schindler. Aber auch die zahlreichen, meist weniger prominenten Menschen, die von Yad Vashem geehrt wurden, werden in diesem Lexikon vorgestellt. So zum Beispiel die Kölner Edelweißpiraten Michael Jovy, Jean Jülich und Bartholomäus Schink, die zwei jüdische Jugendliche in ihre Organisation aufnahmen und ihnen so ermöglichten, der Deportation zu entgehen. Außerdem versteckten die drei Kölner, ohne finanzielle Entlohnung für die Hilfe anzunehmen, weitere Personen gegen Ende des Krieges in einem Keller. Auch Frieda Impekoven gehört zu den dokumentierten Rettern. Die Frau des Intendanten des Frankfurter Schauspielhauses versteckte eine ehemalige Schülerin der Schauspielschule in ihrer leer stehenden Wohnung und versorgte sie mit Lebensmitteln. Der aus Darmstadt stammende Major Karl Plagge widersetzte sich als Wehrmachtsoffizier in Wilna der Vernichtungsmaschinerie und rettete mehrere hundert Juden vor den Mordaktionen der SS-Vernichtungskommandos. Am 22 . Juli 2004 wurde Plagge mit dem Titel „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet. Zu den Ausgezeichneten gehören auch der Spanienkämpfer und spätere Sekretär des „Internationalen Auschwitz Komitees“ Hermann Langbein oder der kommunistische Buchenwaldhäftling Franz Leitner. Julius Natali – um exemplarisch einen weiteren Österreicher zu nennen – rettete Juden vor der Deportation, indem er sie in seiner Werkstatt beschäftigte, falsche Papiere druckte und Hilfeleistungen für untergetauchte Verfolgte organisierte. Die Berlinerin Else Blochwitz, die Zugang zu verschiedenen leer stehenden Wohnungen hatte und dort flüchtige Juden versteckte, ist ein weiteres Beispiel der knapp 500 zusammengetragenen Kurzbiographien der Retter/innen. „Jede Rettungsaktion ist die Geschichte eines großen Wagnisses, das manchmal fehlschlug und manchmal erfolgreich war. Diese Geschichten müssen bewahrt werden, denn sie zeugen von einer heldenhaften humanen Einstellung einiger Menschen, die nicht bereit waren, sich Barbarei und Bösem zu beugen“ (S. 14), so die Herausgeber.

Mit dem vorliegenden „Lexikon der Gerechten unter den Völkern“ wird diese Erinnerung bewahrt. Eingeleitet wird das Lexikon durch eine „Einführung“, die einen Überblick über den Antisemitismus im Dritten Reich und wesentliche Fakten zu Yad Vashem und den von dieser Institution ausgesprochenen Ehrungen liefert. Zwei Beiträge, einer zu den deutschen und einer zu den österreichischen Gerechten, ordnen wesentliche Aspekte der Retterthematik und führen durch ihren Überblickscharakter in den personenbezogenen Teil des Lexikons ein. Leider fehlt ein Ortsregister neben dem bestehenden Personenregister. Dies würde weitere Zugänge in das Lexikon ermöglichen.

Die in dieser Publikation dargelegten biographischen Skizzen können auch als Grundsteine für die pädagogische Arbeit dienen. Auf jeden Fall laden sie zum Blättern und Stöbern ein. 

Daniel Fraenkel/Jakob Borut: Lexikon der Gerechten unter den Völkern. Deutsche und Österreicher. Göttingen: Wallstein Verlag, 2005, 2. Auflage
Thomas Altmeyer

Gedichte aus Ravensbrück
Die Gedichtsammlung „Europa im Kampf 1939-1944" umfasst Gedichte, die 1943/1944 im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück von den beiden Tschechinnen Vlasta Kladivová und Vera Hozáková zusammengetragen wurden. Die vorliegende Sammlung besteht dabei aus drei Teilen: dem Gedichtband mit den Texten in den Originalsprach en, einem deutschsprachigen Band mit den Übersetzungen und erläuternden Texten sowie einer Hör-CD, auf der Überlebende (z.T. auch deren Angehörigen) viele dieser Gedichte vortragen. Der Hardcoverband mit den Originalgedichten ist ein Nachdruck der Sammlung aus Ravensbrück 1944; die Texte sind handschriftlich aufgezeichnet und mit ein paar Zeichnungen versehen. Allein diese Gestaltung würdigt bereits die Arbeit von Vlasta Kladivová und Vera Hozáková, die Gedichte und Lieder aus Russland/ Ukraine, Tschechien, Polen, Niederlande, Deutschland/Österreich, Frankreich, Belgien, Slowenien, Spanien und Italien zusammengetragen und aus dem KZ Ravensbrück herausgeschmuggelt haben.

Die CD wurde von Jacob David Pambuch aufgezeichnet und zusammengestellt; die Vortragenden traf sein Team u.a. im damaligen SS-Aufseherinnenhaus, einem Ort, den die KZHäftlinge damals nie betreten hatten; andere Texte wurden in Lidice aufgezeichnet. „Die Gedichte gerieten in dieser Situation" (und an diesen Orten) „vor unseren Ohren, erneut zu einem Akt der Auflehnung" (S. 172), schreibt J.D. Pambuch. Sowohl die politischen Texte als auch die Art des Vortrags sind sehr unterschiedlich; sie sind dezent musikalisch unterstrichen. „Weil die Frauen den Gedichten Gegenwart und Präsenz verleihen, haben wir heute, indem wir zuhören, die Möglichkeit, den darin geborgenen Menschen Gegenwart und Präsenz zu geben" (S. 175). Unter den Vortragenden befinden sich neben den Überlebenden Stella Nikiforova, Vera Hozáková und Vlasta Kladivová auch Angehörige von KZ-Insassinnen, wie z.B. Dunya Breur, die Tochter von Art Breur-Hibma oder Thérèse Hautval, die Schwägerin von Haidi Hautval, um nur wenige Namen zu nennen. Dass es den Herausgeberinnen gelang, viele Texte (und auch ein paar andere Lieder/Gedichte, die für Frauen in Ravensbrück damals eine große Bedeutung hatten) von Überlebenden oder deren Kindern singen/ sprechen zu lassen, bringt uns die Gedichte noch näher, denn hier werden über die Texte hinaus Emotionen hörbar. Somit gelingt es der Hörerin, aber auch der Leserin, die Bedeutung der Texte für die inhaftierten Frauen vor Augen zu führen und greifbar zu machen.

„Europa im Kampf" umfasst sehr unterschiedliche Gedichte, sie handeln vom Leben und Überleben im KZ, vom Kampf gegen den Faschismus, von der Sehnsucht nach Familie und Freunden, von Trauer und Wut. Zum Teil wurden diese Gedichte bereits aus den Heimatländern mitgebracht, andere wurden erst in Ravensbrück verfasst. Als Bestandteil ihres Überlebenskampfes haben die Frauen in Ravensbrück sich die Gedichte gegenseitig vorgesprochen oder gesungen.

Constanze Jaiser erläutert die Entstehung dieser Sammlung, die thematische Zusammenstellung, zeitliche Bezüge und Personenkonstellationen. Sie hat zu allen Prosatexten kurze oder längere Anmerkungen geschrieben, die oft wichtige Hintergrundinformationen über die Entstehung der Gedichte enthalten, die historische Situation, über die Dichterin/den Dichter, über die Bedeutung von verwendeten Symbolen. An manchen (wenigen) Stellen begibt sie sich in psychologische Interpretationen, die meiner Meinung nach nicht notwendig gewesen wären. Die Texte sprechen für sich und jede/jeder kann und wird eine eigene Interpretation vornehmen.

Am Ende des Buches finden sich Kurzbiografien über die Dichterinnen und Sprecherinnen; als Information bilden sie eine wichtige Ergänzung zu den Gedichten und der CD.

An den Anfang des deutschsprachigen Textbuches hat die Autorin einen Text über die Bedeutung von „Dichten im Konzentrationslager" gestellt. Das Gedicht im KZ, so Jaiser, will weniger als Kunst verstanden werden, es „dokumentiert die Ereignisse und die Verbrechen in ihren Auswirkungen auf den einzelnen Menschen, der seines Menschseins beraubt zu werden drohte" (S. 20). Jeder Text ist immer auch Hilfe- und Protestschrei.

Die Sammlung der Gedichte erfüllt in jedem Fall die Absicht, die die Frauen im Konzentrationslager hatten: „Die Gedichte appellieren an ein zukünftiges verantwortliches Handeln - kraft der Erinnerung an all die Geschundenen und Ermordeten" (ebd.).

Constanze Jaiser, Jacob David Pambuch (Hrsg.): Europa u boji. Europa im Kampf 1939-1944. Internationale Poesie aus dem Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Berlin: Metropol Verlag, 2005
Doris Seekamp

Was wussten die Deutschen?
Ob mit dem professionellen Interesse des Historikers oder der zweckfreien Neugier des Laien, wer je mit Zeitzeugen über die Jahre zwischen 1933 und 1945 gesprochen hat, wird unweigerlich das Mantra des postnazistischen Deutschland: „Davon haben wir nichts gewusst!" gehört haben. Eine Behauptung, die, wie Peter Longerich in seiner jüngst vorgelegten Monografie einleitend betont, mehr Fragen aufwirft als beantwortet. Schließlich haben nicht erst die wichtigen Arbeiten von Christopher Browning zu den ganz „normalen Männern" des Reservebataillons 101, die kontrovers diskutierte Studie zu „Hitlers willigen Vollstreckern" (Daniel Jonah Goldhagen) sowie die jüngst von Götz Aly formulierten Thesen von dem in materiellen Interessen basierenden Grundkonsens in „Hitlers Volksstaat" allen Kritiken zum Trotz deutlich gezeigt, wie schmal der Grat zwischen Täter/in und Zuschauer/ in, zwischen Indifferenz, Tolerierung, Befürwortung, Komplizenschaft und unmittelbarer Beteiligung war. Nun fokussierten diese - und andere - Arbeiten primär auf diejenigen, die sich direkt an den deutschen Verbrechen beteiligt hatten oder ihre Vorteile daraus zogen.

Was war aber mit der breiten Masse der Bevölkerung, jenen Millionen „Volksgenossen", die nicht unmittelbar in den Herrschaftsapparat eingebunden waren oder von der Verfolgung der Juden profitierten, ja noch nicht einmal zur ideologisch gefestigten Massenbasis im engeren Sinne zählten? Der am Royal Holloway College in London tätige Historiker Peter Longerich hat sich der keineswegs leicht zu bewältigenden Aufgabe gestellt, zu ergründen, welche Kenntnis die deutsche Bevölkerung von der Judenverfolgung hatte und wie sie darauf reagierte. Damit wird ein zentraler Aspekt, nicht nur der Holocaust Forschung, sondern der deutschen Gesellschafts und Mentalitätsgeschichte insgesamt angeschnitten, nämlich die „brennende Frage", welche „Basis die Verfolgung der Juden in der deutschen Bevölkerung hatte". Fand sie „breite Zustimmung, ja entsprach sie möglicherweise dem Willen breiter Bevölkerungskreise?" (S. 7f) Um der Frage nach Kenntnis und Reaktion der Deutschen nachzugehen, analysiert Longerich ein breites Spektrum von Quellen, zu denen in erster Linie die Protokolle der täglichen Konferenzen des Propagandaministeriums, die dort herausgegebenen Presseanweisungen, die Goebbels-Tagebücher sowie nicht weniger als zwei Dutzend regionale und überregionale Zeitungen gehören. Ergänzend wurden die von verschiedenen NS-Organisationen produzierten Stimmungs- und Lageberichte zur „Judenfrage" ausgewertet. Um die durch diese Quellen vorgegebene regimeinterne Perspektive um einen zwar nicht neutralen, so aber zumindest nichtnazistischen Blickwinkel zu erweitern, wurden zudem die Deutschland-Berichte des exilierten Vorstands der Sozialdemokratie (SOPADE) nebst einigen publizierten Tagebuchaufzeichnungen und Briefe herangezogen.

Auf dieser Grundlage schildert Longerich in einer chronologischen Darstellung die je nach Zeitpunkt und politischem Kalkül zwar unterschiedlich intensiven, nach lokalen oder medienspezifischen Besonderheiten ausgerichteten, immer aber präsenten Formen und Inhalte der antijüdischen Propaganda in Presse, Rundfunk, Wochenschauen und Spielfilm. Wenig Zweifel können danach (noch) daran bestehen, dass die Mehrheit der Deutschen im Bilde war, welches Schicksal die „nach dem Osten" deportierten Juden zu erwarten hatten. Zwar schwieg sich die offizielle antijüdische Propaganda wohlweislich über genaue Details der antijüdischen Maßnahmen aus, die vom Regime betriebene „Politik gezielter Andeutungen" (S. 209) machte indes jedem, der es wissen wollte, unmissverständlich klar, dass es sich bei der von Hitler und anderen ranghohen Nazis seit Anfang 1939 offen angekündigten „Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa" um ein konsequent realisiertes Mordprogramm in gigantischem Ausmaß handelte.

Mehr noch: Die im letzten Kriegsabschnitt praktizierten Versuche, die Bevölkerung über die Mitwisserschaft an den Verbrechen und die Ankündigung von Vergeltungsaktionen durch die Alliierten enger an das moribunde Regime zu binden („Kraft durch Furcht"), setzte ein gewisses Grundwissen über die Vorgänge sogar zwingend voraus. Ohne Frage ist mit Blick auf die antijüdische Propaganda festzuhalten, dass der Satz „Davon haben wir nichts gewusst" richtig lauten müsste: „Davon haben wir nichts wissen wollen." Methodisch und quellenbedingt ungleich schwieriger ist dagegen die Frage nach den Reaktionen der Bevölkerung auf die Verfolgung der Juden zu beantworten. Sicher ist Longerich zuzustimmen, wenn er darauf hinweist, dass die vom Nazi-Regime unternommenen Kampagnen zur Lenkung der „Volksmeinung" kaum nötig gewesen wären, wenn es in der Bevölkerung so etwas wie einen radikal-antisemitischen Konsens gegeben hätte. Allerdings ist damit genau so wenig wie mit kurzschlüssigen Schlüssen von der gewünschten auf die erzielten Wirkung von Propagandabotschaften etwas über die „wirkliche" Haltung der Deutschen gesagt. Und gerade hierbei zeigen sich die Schwierigkeiten der von Longerich herangezogenen Quellen.

Selbst wenn man mit dem Autor davon ausgeht, dass die berichtführenden Instanzen ohnehin nicht an einer realitätsgerechten demoskopischen Berichterstattung interessiert waren, sondern in erster Linie die Reaktionen der Bevölkerung auf die antijüdische Politik protokollierten, ist unverkennbar, dass sie sich recht schwer mit präzisen Aussagen über das Ausmaß ablehnender wie zustimmender Haltungen taten. Angesichts der Radikalität der Gegenmaßnahmen und der Gefahr, von Spitzeln oder Denunzianten verraten zu werden, war an eine öffentliche geäußerte Grundsatzkritik kaum zu denken, so dass allenfalls Kritiken an einzelnen Aspekten dokumentiert werden konnten. Zudem waren den nazistischen Beobachtern jene privaten Nischen, die sich jenseits der „Volksgemeinschaft" erhalten konnten und in denen Kritik offen geäußert werden konnte, nur eingeschränkt zugänglich. Auch musste etwa die zurückhaltende Bewertung der „Rassengesetze", die Nichtteilnahme oder gar explizite Ablehnung antijüdischer Maßnahmen durch die Bevölkerung wenig mit Solidarität mit den Verfolgten zu tun haben, sondern konnte in handfesten materiellen Erwägungen, dem Beharren auf fest gefügten Traditionen begründet liegen oder schlicht ein Mittel sein, die Unzufriedenheit in anderen Fragen zum Ausdruck zu bringen.

Immerhin war der Antisemitismus in Deutschland vor 1933 keineswegs ein unbekanntes Phänomen geschweige denn, dass er erst durch die Machthaber von oben herab verordnet werden musste. So bezogen sich die registrierten Kritiken oft primär auf die Form und die Brutalität, nicht aber auf den Inhalt der durchgeführten antijüdischen Maßnahmen.

Unter dem Strich rekonstruiert Longerich auf der Basis der ausgewerteten Berichte eine breite Palette von möglichen Verhaltensweisen, die im Kern das Bild bestätigen, dass auch andere Studien gezeichnet haben: Im Großen und Ganzen war die Haltung der Deutschen zum Schicksal der Juden von Desinteresse und Passivität gekennzeichnet, während fanatische Zustimmung, insbesondere aber Solidarität, offene Kritik oder gar Widerspruch (um von Protest und Widerstand gar nicht zu reden) die Sache einer Minderheit war. Die „sichtbar zur Schau getragene Indifferenz und Passivität" sei aber, so die abschließende Bilanz, nicht mit „bloßem Desinteresse an der Verfolgung" zu verwechseln, sondern als „Versuch" zu deuten, „sich jeder Verantwortung für das Geschehen durch ostentative Ahnungslosigkeit zu entziehen" (S. 328).

Peter Longerich: „Davon haben wir nichts gewusst!“ Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933–1945. München: Siedler, 2006
Sven Steinacker

Die Völker klagen an
Im Herbst 1945 eröffnete das Internationale Militärtribunal (IMT), welches aus Vertretern der vier Siegermächte USA, Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich bestand, ein Strafverfahren gegen die noch lebenden, führenden Vertreter des NS-Regimes. Angeklagt waren 24 Männer wegen Verschwörung gegen den Frieden, Führung eines Angriffskrieges, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Der Prozess, der in Berlin startete und dann in Nürnberg fortgesetzt wurde, versuchte, die hauptverantwortlichen Funktionsträger des Regimes strafrechtlich für die im NS begangenen Verbrechen zu belangen. Diese Prozesse, die auch in der Öffentlichkeit eine Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen bewerkstelligen sollten, gingen unter dem Namen „Nürnberger Prozesse" in die Geschichte ein.

Anlässlich des 60. Jahrestags der Prozesseröffnung 1945 sind eine Reihe von Büchern erschienen, die sich verschiedenen Aspekten dieses Prozesses widmen. Eines davon ist das Buch „Die Völker klagen an. Der Nürnberger Prozess 1945-1946" von Prof. Dr. Klaus Kastner. Kastner - bis 2001 Präsident des Landgerichts Nürnberg-Fürth und Inhaber einer Honorarprofessur für Rechtswissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg - präsentiert in seinem Buch eine detaillierte Übersicht über die Nürnberger Prozesse. Dabei werden sowohl Ansätze zu einer strafrechtlichen Aufarbeitung der Verbrechen des Zweiten Weltkrieges dargestellt, als auch ein Gesamtbild des Verlaufs der Gerichtsprozesse gegen die führenden NSFunktionäre wiedergegeben.

Das Buch beginnt mit einem völkerrechtlichen Diskurs über den Krieg. Dabei erfolgt die Feststellung des Autors, dass Krieg ein historisch überall belegbares Phänomen für die ultima ratio der Politik sei. Im Weiteren schließt sich eine Darstellung der jeweiligen zeitgenössischen Wertungen des Krieges an: vom ‚gerechten Krieg' bis zur Ausweitung der generellen Kriegsbefugnis machiavellianischer Prägung. Diese besagt, dass die Souveränität der Staaten alles rechtfertige und sieht Krieg als moralisch legitimes Mittel an. Eine Abkehr von dieser Sichtweise, die sich spätestens im 17. Jahrhundert durchgesetzt hatte, erfolgte erst im Deutsch Französischen Krieg mit der „Haager Landkriegsordnung".

Aus dem Versuch, den Ersten Weltkrieg strafrechtlich aufzuarbeiten und einen neuen Weltkrieg zu verhindern, wurde schließlich der Völkerbund gegründet und bestehende Ansätze des Völkerrechts ausgebaut, denen letztlich auch das Deutsche Reich verpflichtet war. Diese Einleitung Kastners schafft den Hintergrund der Gerichtsbarkeit der Verbrechen im Nationalsozialismus. Zwar waren die Verbrechen des NS-Regimes einerseits durch positives Recht gedeckt oder begünstigt worden (vgl. die Nürnberger Rassengesetze), andererseits verstießen diese gegen die bestehenden Ansätze des Völkerrechts. Hier zeigt sich klar das Missverhältnis von Recht und Legitimität, da sich die Funktionsträger für ihr illegitimes Handeln als Täter im NS-System immer wieder positiven Rechts bedienen konnten.

Mit den Nürnberger Prozessen wurden zum ersten Mal in der Geschichte Personen individuell für Kriegsverbrechen strafrechtlich zur Verantwortung gezogen und so ein Grundstein für die juristische Aufarbeitung des Nationalsozialismus gelegt. Kastner legt in seinem Buch großen Wert auf diese juristische Einbettung des Verfahrens und gibt damit mehr als nur einen deskriptiven Abriss der Prozesse wieder. Das Internationale Militärtribunal (IMT) versuchte ein nach angelsächsischen Grundsätzen organisiertes Strafverfahren durchzuführen, in welchem Vertreter der vier Alliierten eine Anklage gegen Hauptfunktionsträger des NSSystems verhandelten. Hauptinitiator des IMT waren die USA, weshalb dieser Prozess nicht in der ehemaligen Reichshauptstadt Berlin, sondern in Nürnberg in der Amerikanischen Zone stattfinden sollte. Beweisgrundlage waren neben Zeugenaussagen vor Gericht, eidesstattliche Erklärungen von Opfern und Zeugen der NS-Verbrechen, sowie zahlreiche Dokumente über Regierungshandlungen während der NSZeit, die z.T. von den angeklagten Funktionsträgern selbst unterzeichnet waren.

Das Buch gibt eine minutiöse Beschreibung der Anklagepunkte und der Verteidigungsstrategie der Angeklagten wieder. Nicht nur durch Bilder der Gerichtsfotografen, sondern auch durch Abdrucken wörtlicher Reden wird die Atmosphäre im Gerichtssaal, aber auch in der Stadt Nürnberg gut nachgezeichnet.

Die Anklage ließe sich mit den Tatbeständen „Entfesselung eines Aggressionskrieges" und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit" kurz zusammenfassen. Hierbei berief sich die Verteidigung wiederholt darauf, nur auf Befehl Hitlers gehandelt zu haben, bzw. von den Verbrechen des Nationalsozialismus nichts gewusst zu haben. Angesichts einer biologistischen Ideologie, die auf Vernichtung ausgelegt ist und die nicht nur durch Funktionsträger alltäglich propagiert wurde, eine leicht zu durchschauende Farce.

Kastner gibt in seinem Buch die jeweiligen Antworten der Staatsanwälte und der Vorsitzenden Richter auf jene Verteidigungsstrategie ebenso wieder, wie auch die Beweise, die gegen die Angeklagten sprechen.

Letztlich wurde ein Teil der „braunen Elite" durch das IMT aufgrund der erbrachten Beweislage zum Tode oder zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt, ein weiterer Teil wurde freigesprochen. Die Nürnberger Prozesse waren so Teil einer Entnazifizierung, die in vollem Maße nie stattgefunden hat: Zum Einen, weil vielen Funktionsträgern der Prozess nicht gemacht wurde oder werden konnte und diese in der BRD einen Teil der neuen Elite bilden konnten. Zum Anderen, weil eine Entnazifizierung noch weitaus größere Ausmaße hätte annehmen müssen: Da jedoch schon die Nürnberger Prozesse als „Siegerjustiz" betitelt wurden, dürfte klar sein, wie die Bevölkerung darauf reagiert hätte. Sich herleitend aus nullum crimen, nulla poena sine lege, d.h. kein Verbrechen, keine Strafe ohne Gesetz, ergibt sich für den Autor die Notwendigkeit eines allumfassenden Völkerrechts. Rechtsstaatliche Grundsätze müssen nach Auffassung Kastners in Form des Völkerrechts positives Recht werden - auch dies ist eine Lehre aus dem Nationalsozialismus. Eine juristische Instanz, die Völkerrecht international durchzusetzen vermag, wäre der Internationale Strafgerichtshof.

Klaus Kastner: Die Völker klagen an. Der Nürnberger Prozess 1945–1946. Darmstadt: Primusverlag, 2005
Benjamin Huhn

Comics über Widerstand und Verfolgung
Dass Widerstand und Verfolgung durchaus ein Thema für Comics sein kann, wurde bereits vor 20 Jahren von Art Spiegelman mit seinem Werk „Maus" gezeigt. Auch in jüngster Zeit sind einige Comicbände erschienen, die das Thema zeichnerisch und erzählerisch aufgreifen und bearbeiten. Drei dieser Werke sollen im folgenden vorgestellt werden.

Besonders auf Jugendliche zielt das von Eric Heuvel gezeichnete Comic „Die Entdeckung". In dem in verschiedenen Übersetzungen erschienen Werk stöbert Jeroen auf dem Dachboden seiner Großmutter und entdeckt dort Tagebücher und Zeitungsschnipsel aus den 1930er und 1940er Jahren sowie einen Davidstern - ein Anlass um mit seiner Großmutter Helena ins Gespräch über die Zeit des Dritten Reiches in den Niederlanden und die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung zu sprechen. Seine Großmutter berichtet ihm über ihre Erlebnisse in dieser Zeit und ihre Freundschaft zu dem jüdischen Mädchen Esther, das aus Deutschland nach Amsterdam geflüchtet war. Jeroen erfährt durch ihre Erzählungen auch einiges über das Verhalten seiner Familie: Sein Urgroßvater war Polizist und Mitglied der niederländischen Nazi-Partei NSB. Theo, ein Bruder seiner Großmutter, kämpfte als Freiwilliger einer niederländischen Einheit in Russland. Der andere Bruder, Wim, tauchte unter und beteiligte sich - wie auch Jeroens Großmutter - am antinazistischen Widerstand.

Dem Zeichner Heuvel gelingt es, die wichtigsten Stationen der niederländischen Geschichte während Mitte des vergangenen Jahrhunderts zu skizzieren und stellt dabei die Themen Diskriminierung, Zivilcourage und Widerstand in den Mittelpunkt der Erzählung. Die Darstellung des Widerstandes geschieht in einer realistischen und nicht mythisierenden Weise. Selbst die Liquidation eines Verräters durch Widerstandskämpfer wird nicht verschwiegen. Sowohl die Art der Zeichnung also auch Handlung und beteiligte Charaktere sind auf junge Leser zugeschnitten: Die Hauptdarsteller sind auf beiden Erzählebenen der Geschichte Jugendliche. Auch dass „Die Entdeckung" zeichnerisch an die bekannte Comicstrip-Serie „Tim und Struppi" erinnert, dürfte den Lesegewohnheiten von Jugendlichen entsprechen. Dass die Geschichte mit einem Happy End endet und Jeroen die für tot geglaubte Esther wiederfindet, dürfte diesen ebenfalls entgegen kommen. Heuvels Werk ist damit sicher ein Comic, das auch für die pädagogische Arbeit geeignet ist. Von den Herausgebern wurde daher auch eine pädagogische Handreichung erarbeitet, die verschiedene Unterrichtsmodule, wie Zuordnungs- bzw. Rechercheaufträge, Rollenspiele u.v.m. vorschlägt.

Das Comic „Yossel - 19. April 1943" von Joe Kubert bildet künstlerisch quasi den Gegenpol zu Heuvels buntem, schön gezeichnetem und leicht zugänglichem Werk. Kubert verzichtet nicht nur auf Farbzeichnungen, sondern belässt es bei Bleistiftzeichnungen, begleitet von zahlreichen, relativ klein gedruckten Rahmentexten. Im Gegensatz zum oben genannten Werk verzichtet der Zeichner hier zudem auf ein Happy End.

Ausgangspunkt für sein Comic ist Kuberts Familiengeschichte. Die jüdischen Eltern des amerikanischen Comic-Zeichner sind 1926 aus Ytzeran in Ost-Polen emigiriert. „Wären meine Eltern nicht nach Amerika gekommen", so Kubert, „dann hätte uns dieser Mahlstrom eingefangen, eingesaugt und verschlungen, mit den Millionen anderen, die jetzt verloren sind." (S.6) Kubert fragt nach dem „was wäre wenn" und beantwortet diese Frage, aufbauend auf Erzählungen seiner Eltern, Überlebender und historischen Informationen, in Form eines Comics. „Es ist ein Werk der Fiktion, basierend auf dem Alptraum der Fakten. Es gibt für mich keinen Zweifel, dass das [...] hätte geschehen können." (S. 7)

Im Zentrum der graphic novel steht der Jugendliche Yossel, der mit seiner Familie ins Warschauer Ghetto deportiert wird und dort den grauenvollen Alltag des Ghettos erleben muss. Allein seinen Zeichenkünsten, die auch von den Nazis geschätzt wurden, verdankt Yossel, dass er nicht wie seine Familie ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert wird. Yossel schließt sich einer Gruppe aufständischer jüdischer Jugendlicher an und begegnet einem aus Auschwitz geflüchteten Rabbi, der die brutale Realität des Vernichtungslagers schildert. Daraufhin beschließen Yossel und seine Freunde aktiv zu werden: „ ,Das Ghetto beherbergt Tausende von uns Juden, Yossel. Wir sind alle für die Öfen bestimmt. Wenn wir anderen zeigen, wie man es macht, werden sie sich uns anschließen.' ‚D-Das ist der einzige Weg. Wir müssen handeln.' "(S. 92)

Kubert hat mit "Yossel - 19. April 1943" ein sehr gelungenes Werk über die Verfolgung durch den Nationalsozialismus und den Widerstand dagegen vorgelegt. Nicht nur die spannende Erzählweise zieht den Leser in seinen Bann, auch die Darstellungsweise Kuberts zeichnet dieses Werk aus. Die Protagonisten des Comics werden alles andere als oberflächlich dargestellt. Gefühle von Trauer, Angst und Wut werden ebenso zugelassen wie das Trauma der Vernichtungslager. Deutlich wird dies beispielsweise durch den Rabbi, der nach der Flucht aus Auschwitz traumatisiert ist: „Kein Rebbe mehr. Kein Thora mehr. K-Kein Unterricht mehr. Ich habe Dinge gesehen ... D-Dinge getan. Ich habe gelernt. Es gibt keinen Gott" (S. 84). Auch Yossel muss die erlebten Brutalitäten in seinen Zeichnungen verarbeiten. "Ich bannte die Bilder aufs Papier, die durch meinen Kopf schwirrten. Sie verblassten schnell, um von neuen Bildern ersetzt zu werden. Ich sah die Verkörperung von Grausamkeit und Tod in einer grauen Uniform, die ein Hakenkreuz trug. Eine Frau, die ein Kind trug, vom Obergeschoss eines brennenden Gebäudes geschleudert. [...] In mein Hirn eingegraben waren die gequälten Minen, die sich in die Züge derer prägten, die rannten, aber keinen Ort mehr hatten, wohin sie hätten fliehen können" (S. 112). Darüber hinaus werden die diversen Überlebensstrategien in den Konzentrationslagern ohne Wertungen aufgezeigt, und auch die Widerstandsaktivisten werden nicht zu mythischen Helden verklärt.

Besonders wohltuend ist, dass Kubert nicht versucht, den Alptraum der Konzentrationslager quasi fotografisch in seinen Zeichnungen wiederzugeben: Bewusst verzichtet er hierauf - seine Erzähl- und Zeichenstrategie unterstreicht dies: Auschwitz wird nicht von Yossel erlebt, sondern er bebildert für sich die Erzählungen des Auschwitzflüchtlings: „Unbemerkt zeichnete ich, während er sprach. Ich musste zeichnen, damit sich die Bilder in meine Vorstellung absenkten. Damit ich die Bilder sehen konnte."

„Yossel - 19. April 1943" ist demnach ein sehr spannendes und lesenswertes Comic, das Lust macht, sich auf die Spuren des oft venachlässigten jüdischen Widerstandes und des Warschauer Ghettoaufstandes zu begeben. Während Heuvel und Kubert den Fokus in ihren Comics auf die Entstehung und Radikalisierung der Verfolgung der Juden legen und den Widerstand dagegen porträtieren, steht in Pascal Crocis Werk „Auschwitz" der Alltag im Vernichtungslager Auschwitz im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Ausgangspunkt der Erzählung Crocis ist die Flucht der beiden Hauptpersonen Kazik und Cessia in den Bürgerkriegswirren Anfang der 1990er Jahre in Jugoslawien. Auf dieser Flucht erzählen sich beide erstmals ihre Erlebnisse aus Auschwitz. Kaziks Erzählung setzt mit der Deportation und der Ankunft in Auschwitz ein und berichtet vom grauenhaften Lageralltag, der durch die Brutalität der mordenden Wachmannschaften und der brutalen Kapos geprägt ist. Um seine Frau und seine Tochter wieder zu sehen, meldet sich Kazik freiwillig für ein Sonderkommando, dass die Leichen aus der Gaskammer räumt. Dort findet er seine Tochter, die als Einzige die Gaskammer überlebt hat. Damit spielt Croci auf das Überleben eines Mädchens an, wie es von Christian Bernadac in seinem Buch „Les Mannequins nus" geschildert wurde. Im Mittelpunkt des Berichtes von Cessia, Kaziks Frau, stehen die letzten Tage des Lagers kurz vor der Befreiung.

Interessant an Crocis Werk ist die Wahl zweier Perspektiven, um das Vernichtungslager Auschwitz darzustellen. So können unterschiedliche Sichtweisen und Erfahrungen verschiedener Häftlinge innerhalb des Lagerlebens dargelegt werden. Unerklärlich ist jedoch, warum Croci der (männlichen) Darstellung Kaziks eine ungleich größere Bedeutung zumisst als der seiner Frau. Während Kazik auf 45 Seiten den Lageralltag schildern darf, widmen sich 15 Seiten der Erzählung von Cessia und die von ihr dargestellten Leere und Unbegreiflichkeit des Erlebten. „Mein Hauptanliegen dabei war - wichtiger noch als die Rekonstruktion von historischen Fakten -, jede Form von Voyeurismus zu vermeiden [...]. Aus dem gleichen Grund gibt es keine visuelle Repräsentation der Verbrennungsöfen", so erläutert der Zeichner Croci sein Anliegen im Anhang des Buches. Dementsprechend bemüht sich der Zeichner auch, den eigentlichen Todesmoment aus dem Bild auszublenden. Gewöhnungsbedürftig sind seine Zeichnungen dennoch. So erinnern diese an Szenen aus Horror- und Splatterfilmen. So wird bereits auf S. 9 ein Häftling, der gerade ein Baby in der Hand hält, von hinten erschossen

- die Flugbahn der Kugel kann der Leser noch sehen. Auch gleichen sich beispielsweise der Augenausdruck der Täter und Opfer in manchen Zeichnungen so sehr, dass der Ausdruck von Wut und Angst nahezu identisch sind.

Im Gegensatz zu Heuvel, der auf die bildliche Darstellung der Konzentrationslager verzichtet, und Kubert, der die Darstellung des Konzentrationslagers auf intelligente Weise bricht, will Croci mit seinen Zeichnungen das Lager dokumentieren und abbilden.

Nicht unproblematisch ist zudem die von Croci gewählte Aktualisierung, indem er als Rahmenhandlung den Jugoslawienkonflikt wählt und damit zwei quantitativ und qualitativ verschiedenartige Verbrechen parallelisiert.

Mit Heuvels „Entdeckung", Kuberts „Yossel" und Crocis „Auschwitz" liegen drei Comic-Erzählungen zum Thema Nationalsozialismus vor, die in Erzähl- und Zeichenweise sehr verschieden sind. Am überzeugendsten und künstlerisch das wohl gelungenste Werk ist hiervon sicherlich „Yossel". Von den pädagogischen Einsatzmöglichkeiten und Jugendlichen als Zielgruppe her gesehen, ist aber auch das Comic „Die Entdeckung" zu empfehlen. Crocis „Auschwitz" kann trotz der gewissenhaften Recherche des Autors weder mit diesen pädagogischen Qualitäten, noch mit der erzählerischen Dichte und künstlerischen Konzeption von Yosell mithalten. Es ist damit von den drei besprochenen Comicbänden das schwächste Werk.

Eric Heuvel: Die Entdeckung, 2003 Eric Heuvel: Auf Entdeckung. Arbeitsheft für die Oberstufe, 2005 Joe Kubert: Yossel – 19. April 1943. Eine Geschichte des Aufstands im Warschauer Ghetto. Köln: Ehapa, 2003 Pascal Croci: Auschwitz – Eine Graphic Novel. Köln: Ehapa, 2002
Thomas Altmeyer

Der unwerte Schatz
Zunächst fiel es mir schwer, mich in den Roman „Der unwerte Schatz" von Tino Hemmann hineinzulesen. Die Sprache und der Wechsel der Perspektive des Erzählens und die Einschübe der historischen Ereignisse haben mich beim Lesen gestört. Doch schon nach kurzer Zeit waren die Ereignisse so spannungsreich, dass ich unbedingt das Buch in einem „Atemzug" durchlesen wollte.

Hugo, der während der Geburt seinen Zwillingsbruder verliert, ihn aber als sein zweites ich, als Fritz, betrachtet, gerät durch seine gespaltene Persönlichkeit in die Aussonderungsmechanismen des auf Rassehygiene bedachten NS-Staates. In seiner Familie erfährt er keine Zuneigung, wird in einem dunklen, fensterlosen Raum von der restlichen Familie isoliert. Der für seine Umwelt verhaltensauffällige Hugo überlebt zunächst nur, weil er durch seine schnelle Auffassungsgabe und Intelligenz in der Schule anerkannt wird. Immer wieder in seinem kurzen Leben finden sich Menschen, die ihm helfen wollen. Sie scheitern aber letztendlich alle am System des NS-Staates.

Für mich am beeindrucksten ist die Beschreibung des wissenschaftlichen Interesses der Ärzte an ihrem Opfer geraten. Die Verfolgung des Kindes Hugo Hassel durch seine Peiniger zieht sich durch wie ein roter Faden, von seiner Einschulung bis zu seinem Tod in der Gaskammer der ehemaligen Anstalt Pirna-Sonnenstein. Die Spannung erreicht der Autor dadurch, dass man zwischendurch immer wieder glaubt, jetzt hat es der kleine Junge geschafft und kann als ganz „normales" Kind weiterleben. Immer wieder holen ihn jedoch die Schergen der NSMedizin ein, um endlich an sein Gehirn zu kommen, von dessen Untersuchung sie sich besondere Erkenntnisse erhoffen. Der Mensch dient als medizinisches Versuchsobjekt, nicht freiwillig, sondern von Staats wegen angeordnet. Der Bürokratie und dem barbarischen Forschungsinteresse kann Hugo nicht entfliehen. Ebenfalls nicht entfliehen können die Menschen, die ihm helfen wollten und gut zu ihm waren. Fast alle von ihnen wurden denunziert und sind im Krieg umgekommen.

Der Autor hat sich kenntnisreich mit der Geschichte der „Euthanasie", insbesondere der Kinder-„Euthanasie", der NS-Zeit auseinandergesetzt. Viele Facetten des Romans sind mir aus Lebensgeschichten von Betroffenen, von denen die Eltern oder Geschwister getötet wurden, bekannt. Es sind die hier genau beschriebenen zwischenmenschlichen Katastrophen, die eben nicht in den Paragraphen der damaligen Gesetze und Anordnungen zu fassen sind, die den Lebensweg des kleinen Hugo bestimmen. Das stilistische Mittel des Einschubs der historischen Abläufe, hat im Nachhinein seine Berechtigung für den Lesenden. Es hilft, den Roman mit seinen Handlungssträngen besser zu verstehen.

Bedauerlich ist, dass die redaktionelle Überarbeitung des Textes nicht gründlich genug war. Die sprachlichen Nachlässigkeiten sind beim Lesen ärgerlich. Und inhaltliche Fehler wie „Georg Eisler" (S. 242) anstatt Georg Elser als Attentäter auf Hitler zu benennen, ist nicht mit redaktionellem Stress zu entschuldigen.

Trotz dieser kleinen „Mängel" hat Tino Hemmann mit seinem Roman „Der unwerte Schatz" ein wichtiges Buch vorgelegt, weil man einen Einblick in das funktionierende NS-System mit all seinen menschenverachtenden Grausamkeiten erfährt. Es gibt nur sehr wenige Lebensgeschichten, Berichte und wie hier einen Roman zum Thema „Euthanasie" (oder auch zum Thema Zwangssterilisation). Dieser Themenkomplex interessiert unsere heutige Gesellschaft leider viel zu wenig.

Tino Hemmann: Der unwerte Schatz. Wider dem Vergessen – ein Roman über die Kinder-Euthanasie im NS-Staat. Roman einer Kindheit. Leipzig: Engelsdorfer-Verlag, 2005
Margret Hamm

Völkermord in Köln – Eine Studie zur Verfolgung von Zigeunern im Rheinland
Nicht nur wer die mit antiziganistischen Klischees und Vorurteilen gespickte Berichterstattung der Kölner Boulevardpresse über die angeblich überhand nehmenden Taschendiebstähle der als »Klau-Kids« diffamierten Roma Kinder sowie die nahtlos daran anknüpfende ausländerfeindliche Stimmungsmache der rechten „Bürgerbewegung pro Köln e.V." in den letzten Jahren verfolgt hat, wird sich dem Geleitwort des Direktors des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln zur vorliegenden Publikation ohne Weiteres anschließen können. „Ein dreifaches Schicksal prägte und prägt das Leben der Sinti und Roma in Deutschland. Der rassistischen Erfassung und dem Völkermord an den Zigeunern in der NS-Zeit ging eine über Jahrhunderte dauernde Tradition von Ausgrenzung und Verfolgung voraus und schloss sich nach 1945 eine Fortsetzung ihrer Diskriminierung an" (S. 7). Vor dem Hintergrund dieser Kontinuitätslinien untersuchen Karola Fings und Frank Sparing in ihrer Studie die Hintergründe, Strukturen, Entwicklungsetappen und Folgen der Verfolgung der von den Nazis als „Zigeuner" klassifizierten Menschen in Köln.

Mit ihrer äußerst kenntnis- und detailreichen Studie haben sie, um die positive Bilanz an dieser Stelle gleich vorweg zu nehmen, nicht nur einen Beitrag zur Stadtgeschichte der Rheinmetropole vorgelegt, sondern auch die bislang eher übersichtliche Forschungslandschaft zur Zigeunerpolitik des NS-Regimes um einen wichtigen Bestandteil ergänzt, an dem sich künftige Studien werden messen lassen müssen.

Wer hinter dem Titel „Die nationalsozialistische Zigeunerverfolgung in Köln" eine thematisch und räumlich eng begrenzte Lokalstudie vermutet, wird schnell eines Besseren belehrt. Und dies bezieht sich nicht nur auf den mit über 500 Seiten stattlichen Umfang der vorgelegten Monografie. Auch die vorbildliche methodische Konzeption überzeugt. So beschränkt sich die Untersuchung geografisch keineswegs auf das Gebiet der Kernstadt Köln, sondern richtet den Blick - je nach dem, welche Verfolgungsinstanz untersucht wird - auch auf den umliegenden Regierungsbezirk bzw. den NSDAP-Gau Köln-Rheinland oder bezieht sich auf die nächst höhere Verwaltungseinheit (d.h. auf die Ebene der preußischen Rheinprovinz oder auf die Reichsebene). Durch diesen Fokus wird es möglich, die am Kölner Beispiel gewonnen Befunde komparativ in einen größeren Rahmen einzuordnen, sie mit den Ergebnissen vorliegender Studien abzugleichen und die Frage nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten zu anderen Regionen beantworten zu können. Hierbei zeigt sich, dass die Stadt Köln in mancherlei Hinsicht eine unrühmliche Vorreiterrolle bei der Zigeunerpolitik des NS-Regimes einnahm. Das im Mai 1935 auf Initiative der Stadtverwaltung in Köln-Bickendorf errichtete „Zigeunerlager" beispielsweise ging nicht nur auf seit 1929 laufende Überlegungen lokaler Behörden zurück, sondern war auch die erste Einrichtung dieser Art im Deutschen Reich, die eine Art „Pilotcharakter" (S. 68) für das Vorgehen in anderen Kommunen hatte.

Auch in anderer Hinsicht erweist sich die komparative Perspektive als fruchtbar. Dort, wo es notwendig und sinnvoll ist, vergleichen Fings und Sparing die Situation der als Zigeuner verfolgten Menschen mit dem Schicksal anderer Minderheiten in der nazistischen Diktatur. Ausdrücklich wenden sich die Autorin und der Autor gegen Interpretationen, die davon ausgehen, dass es sich bei der Verfolgung der Zigeuner im Gegensatz zur Vernichtung der europäischen Juden nicht um einen Völkermord gehandelt habe. Dass von den rund 1.600 Zigeunern, die im Zugriffsbereich der Kölner Kriminalpolizeileitstelle lebten, drei Viertel deportiert und in den meisten Fällen ermordet wurden, belegt eindeutig, dass die Machthaber den Genozid an den Zigeunern auch ohne das Vorliegen einer eindeutigen Befehlsgrundlage nicht nur geplant hatten, sondern ihn auch in die Tat umsetzten. Auch kann angesichts dieser Zahlen keine Rede davon sein, dass eine zahlenmäßig große Gruppe von der Deportation resp. Ermordung verschont geblieben sei, zumal auch diejenigen, die der Verschleppung entgehen konnten, unter ein rigides Sonderrecht gestellt wurden, von Zwangssterilisationen betroffen waren und unter permanenter Furcht leben mussten. Obwohl kein exakt formuliertes Programm vorlag und die nazistische Zigeunerpolitik keineswegs frei von Widersprüchen war, ergab sich aus der Verbindung „traditioneller Zigeunerbekämpfung und rassistischer Vernichtungsutopie" jene „Dynamik, die unter den Bedingungen des Krieges in einem arbeitsteiligen Völkermord kulminierte" (S. 388). Die Darstellung der konkreten Verfolgungsetappen folgt weitgehend einer, die Zeiträume vor 1933 bzw. nach 1945 übergreifenden chronologischen Struktur, wobei die insgesamt neun Kapitel die phasenweise Radikalisierung der Verfolgung nachzeichnen. In einer hier nicht ansatzweise wiederzugebenden Dichte wird das Vorgehen der beteiligten Instanzen, ihr Zusammenspiel sowie die Dynamik im Verhältnis von lokaler Praxis und reichsweiten Vorgaben in den Blick genommen.

Detailliert arbeiten Fings und Sparing heraus, dass bis zum Ende der 1930er Jahre vor allem lokale Instanzen eine wesentliche Rolle bei der Verfolgung der Zigeuner einnahmen. Eine besondere Qualität erhielt der systematische Zugriff durch die in Köln frühzeitig in Angriff genommene Verflechtung von Stadtverwaltung und Parteidienststellen. Insbesondere das „Rassenpolitische Amt" der NSDAP tat sich hier federführend hervor, indem es sich über die Erfassungstätigkeit hinaus initiativ um die Aussonderung von Zigeunerkindern aus der Schule und Fürsorgeanstalten bemühte und dabei in großem Umfang auf Informationen anderer Institutionen zurückgreifen konnte.

Auch mit der Zentralisierung der antiziganistischen Maßnahmen auf eine bevölkerungspolitische „Gesamtlösung" der angeblichen „Zigeunerfrage" nach Kriegsbeginn büßten die lokalen Verfolgungsinstanzen ihre Stellung nicht ein. Bei den ab 1940 einsetzenden Deportationen ins Generalgouvernement bzw. ab Frühjahr 1943 nach Auschwitz verfügten die Kölner Kriminalpolizeileitstelle und ihre nachgeordneten Dienststellen über einen erheblichen Ermessenspielraum, den sie keineswegs zu Gunsten der Betroffenen nutzten. Da es „keinerlei Zahlenbegrenzung gab, versuchten sie in der Regel, so viele Zigeuner wie möglich zu deportieren" (S. 386) und noch am 8. März 1945, also nachdem das Lager Auschwitz durch die Rote Armee befreit worden war, wollten die Kölner Beamten ihr blutiges Geschäft weiter betreiben (S. 312).

Abschließend ist zu erwähnen, dass das überzeugende Bild der Studie durch ein Orts- und Personenregister, einige ergänzende Tabellen sowie eine Vielzahl von Abbildungen abgerundet wird. Zu hoffen bleibt, dass dieses Kapitel der Naziherrschaft auch in weiteren Lokal- oder Regionalstudien weiter ausgeleuchtet wird.

Karola Fings, Frank Sparing: Rassimus – Lager – Völkermord. Die nationalsozialistische Zigeunerverfolgung in Köln. Köln: Emons Verlag, 2005
Sven Steinacker

Eine Biografie über Wolfgang Abendroth
Zwischen dem „Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945" und Prof. Dr. Wolfgang Abendroth gibt es eine enge Beziehung. Er gehört zu den Begründern des Studienkreises, der im Februar 1967 aus der wissenschaftlichen Tagung „Probleme des Widerstandes und der Verfolgung im Dritten Reich im Spiegel des Schulbuches und des Unterrichts" hervorgegangen ist. Abendroth sprach damals zu dem Thema „Der Widerstand der Arbeiterbewegung".

Die Nr. 63 der „informationen" mit den Beiträgen „Wolfgang Abendroth zum 100. Geburtstag" dokumentiert die enge Verbundenheit. Für die Mitglieder des Studienkreises und die Leser der „informationen" ist das von Andreas Diers vorgelegte Buch zur Biografie von Wolfgang Abendroth von besonderem Interesse.
Zum ersten Mal wird das Leben Abendroths von der Geburt 1906 bis zum Jahre 1948 detailliert dargestellt. Es handelt sich dabei nicht um eine Teilbiografie im üblichen Sinne, sondern um eine juristische Dissertation. Mit der Arbeit hat Andreas Diers im Dezember 2005 an der Bremer Universität promoviert.
Gegenstand des ersten Kapitels ist „Wolfgang Abendroth und die materialistische Staatstheorie heute". Damit wird eine interessante Ausgangsposition fixiert.

In den nächsten zehn Kapiteln steht die Biographie von Abendroth in der Weimarer Republik, der NS-Zeit und in den ersten Nachkriegsjahren im Zentrum. Die Darstellung erfolgt zu unterschiedlichen Aspekten. Dies schließt Wiederholungen und Überschneidungen ein, bietet aber auch die Möglichkeit, die zentrale Fragestellung „Arbeiterbewegung - Demokratie - Staat" aus interdisziplinärer Sicht gründlicher auszuloten. Dieses methodologische Problem wird bei der Behandlung der Zeit der Weimarer Republik besonders deutlich. In den Kapiteln 3 bis 7 werden die Jugendjahre, die Mitgliedschaft in der Arbeiterjugendbewegung, der „Weg zum politischen Wissenschaftler", die Tätigkeit in KPD und KPO sowie zu jener Zeit entstandene Publikationen Abendroths zu Grundfragen der Arbeiterbewegung vorgestellt. Die Darstellung der ersten 42 Lebensjahre Abendroths enthält viele interessante Informationen. Durch den Autor wurden neue Quellen erschlossen. Diese Dichte der Angaben wird nicht in allen Kapiteln erreicht. Lücken sind vor allem in den Kapiteln 9 und 10 zu finden, wo es um die Teilnahme am antifaschistischen Widerstand und die Zeit in britischer Kriegsgefangenschaft geht.

Wolfgang Abendroth ist in einer sozialdemokratisch orientierten Familie aufgewachsen, besonders groß war der Einfluss des Großvaters mütterlicherseits. Seit 1911 lebte die Familie in Frankfurt, wo die Eltern als Lehrer tätig waren. Die Stadt Frankfurt hat zeitlebens auf Abendroth großen Einfluss. Hier hat er das Gymnasium besucht und den größten Teil des Studiums der Rechtswissenschaften und der Volkswirtschaftslehre absolviert sowie begonnen, als Jurist zu arbeiten. In dieser Stadt fand der Anschluss an die kommunistische Arbeiterbewegung statt. Er wurde Mitglied der Kommunistischen Jugend und später der KPD. In ihren Reihen sah er seine erste politische Heimat. 1928 geriet er in Konflikt mit der KPD und wurde ausgeschlossen. Er setzte seine politische Tätigkeit in der KPO fort, ohne jemals völlig mit der KPD zu brechen.

Abendroth sah frühzeitig die Gefahren, die vom deutschen Faschismus ausgingen und trat für eine Einheitsfrontpolitik frei von ultralinken und antikommunistischen Tendenzen ein.

Der Machtantritt des Hitlerregimes in Deutschland machte die Promotion in Frankfurt unmöglich und bedeutete auch das Ende der juristischen Tätigkeit in dieser Stadt.

Von Oktober 1933 bis Februar 1935 studierte Abendroth in der Schweiz an der Universität Bern, wo er seine Ausbildung mit der Promotion beendete. Seine Dissertation befasste sich mit der völkerrechtlichen Stellung der B- und C-Mandate. Hierbei handelte es sich um die ehemaligen deutschen Kolonien, die zu B- und C-Mandatsgebieten des Völkerbundes geworden waren. Im Zentrum der Dissertation stand die völkerrechtliche Stellung dieser Gebiete.

Während des Aufenthalts in der Schweiz unterhielt Abendroth regelmäßigen Kontakt nach Deutschland. Im Rahmen des von der KPO organisierten Widerstandes übernahm er verschiedene Aufgaben. Dies war mit der Grund für seine Verhaftung nach seiner Rückkehr nach Deutschland im Februar 1937 und die Verurteilung vom 30.11.1937 zu vier Jahren Zuchthaus. Den größten Teil dieser Zeit war Abendroth Gefangener im Zuchthaus Luckau. Das Buch enthält detaillierte Angaben über die Studienjahre in der Schweiz und über die Haftzeit.
Besonders aufschlussreich sind die Briefe Abendroths aus dem Zuchthaus an seine Familie. Eine besondere Rolle spielte in jener Zeit seine Verlobte, die Studentin Bertha Pitschner, eine Jungkommunistin aus Halle. Gemeinsam hatten sie am antifaschistischen Widerstand teilgenommen. Nach Abendroths Verhaftung befürchtete die Studentin, ebenfalls festgenommen zu werden, um dem zu entgehen, schied sie im Sommer 1937 aus dem Leben. Abendroth hat dies sehr getroffen.

Reich an neuen Tatsachen ist das Kapitel 11 „Für ein demokratisches und sozialistisches Deutschland (1947 bis 1948)". Hier erfährt der Leser viel über die Tätigkeit von Abendroth in der Sowjetischen Besatzungszone, wo er zusammen mit seiner Frau Lisa von Januar 1947 bis Dezember 1948 lebte und arbeitete. Abendroth war u.a. als Regierungsrat im Justizministerium der Mark Brandenburg und danach als Oberjustizrat in der Deutschen Justizverwaltung in Berlin tätig. Aufgaben als Hochschullehrer nahm er zunächst als Dozent an der Universität Halle und später als Professor mit Lehrstuhl für Völkerrecht an den Universitäten Halle, Leipzig und Jena wahr.
Ein Vorteil der Dissertation ist, dass Diers präzise die Publikationen von Abendroth vorstellt, die zwischen 1926 und 1948 erschienen sind. Seit 1926 veröffentlichte Abendroth Artikel in einer kleinen linkssozialistischen Zeitschrift, die, wie die Organisation, den Namen „Freie Sozialistische Jugend" trug. Hier erschienen von ihm Aufsätze über „Zur Entwicklung der marxistischen Theorie", „Religion und Sozialismus", „Sozialismus und Nation" sowie „Frieden und Abrüstung". Mehrfach äußerte er sich auch kritisch zur Entwicklung in der Sowjetunion.
Im Zusammenhang mit Abendroths Dissertation entstanden 1935/36 mehrere juristische Arbeiten zu Fragen des Völkerrechts unter besonderer Beachtung der Rolle des Völkerbundes.

1947/48 publizierte Abendroth in Ostdeutschland eine Reihe Beiträge in der Zeitschrift „Neue Justiz" vorrangig zu juristischen und ökonomischen Fragen. Zwei Themenbereiche seien herausgehoben: der Aufbau eines neuen Justizwesens in Verbindung mit der Volksrichterausbildung und die gesetzlichen Grundlagen der volkseigenen Betriebe.

Andreas Diers kann stolz sein auf das Ergebnis einer jahrelangen intensiven Arbeit; gleichzeitig betont er, dass noch manches offen geblieben ist. Sehr wünschenswert wäre, wenn die Jahre 1949 bis 1985 der Biografie von Wolfgang Abendroth ebenfalls umfassend erforscht würden. Das abschließende Kapitel „Wolfgang Abendroth 1906 bis 1948 und 1948 bis 1985 Ergebnisse und Ausblicke" deutet dies an. Durch die Dissertation entstehen Fragen, die wahrscheinlich auf der Basis der bisher erschlossenen Quellen nicht näher beantwortet werden können. Einige davon seien genannt. Bisher konnte die 1932/33 entstandene erste Doktorarbeit über das Betriebsrätegesetz nicht aufgefunden werden. Interessant wäre, Näheres über den damals erreichten Stand und über Teilergebnisse zu erfahren.

Sehr knapp behandelt wird die Zeit in Berlin nach der Rückkehr aus der Schweiz im Frühjahr 1935 bis zur Verhaftung im Februar 1937. Die Jahre im Zuchthaus Luckau sind ebenfalls erst in Ansätzen erforscht. Der Aufenthalt in der britischen Kriegsgefangenschaft bietet Aufschlussreiches über die aktive Teilnahme Abendroths an den Schulungen an der „Wüstenuniversität" in Ägypten. Über die Monate in Großbritannien, im Lager Wilton Park, ist offenbar bisher weniger bekannt.

Ausführlicher dargestellt wird die Tätigkeit Abendroths als Jurist und Hochschullehrer 1947/48 in der Sowjetischen Besatzungszone. Mehr würde der Leser gern darüber erfahren, ob Abendroth von Beginn an nur Kritiker des antifaschistisch demokratischen Neuanfangs war oder aus sozialistischer Überzeugung mitgeholfen hat, Neues zu schaffen. 1948 hatten sich die Verhältnisse so ungünstig entwickelt, dass die Familie Abendroth keinen anderen Weg sah, als im Dezember 1948 die Sowjetische Besatzungszone fluchtartig zu verlassen.

Der Anhang des Buches enthält eine Zeittafel, den Stammbaum der Familie Abendroth sowie das Quellen- und Literaturverzeichnis und ein Personenregister. Der Umfang des Quellenund Literaturverzeichnisses geht weit über das Gewohnte bei einer Dissertation hinaus. Es zeigt, wie intensiv der Autor gearbeitet hat. Von ihm wurden allein Akten in 24 Archiven in den Niederlanden, Deutschland, der Schweiz und Dänemark ausgewertet. Hinzu kamen Unterlagen aus sechs Privatarchiven. Am wichtigsten war die Arbeit im Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis (IISG) in Amsterdam, wo sich der Nachlass von Wolfgang Abendroth befindet.

Andreas Diers ist eine wichtige Arbeit gelungen, die wesentlich dazu beiträgt, die Biografie des außergewöhnlichen Wissenschaftlers Wolfgang Abendroth besser kennen zu lernen.

Andreas Diers: Arbeiterbewegung - Demokratie - Staat. Wolfgang Abendroth. Leben und Werk 1906-1948. Hamburg: VSA-Verlag, 2006
Karl Heinz Jahnke

Fritz Bauers Widerstandsbegriff
Im Oktober 1960 hatte der Landesjugendring Rheinland-Pfalz Fritz Bauer zu einer Tagung zum Thema Rechtsextremismus eingeladen. In seinem Vortrag über die „Wurzeln faschistischen und nationalsozialistischen Handelns" stellte Bauer die Frage nach den Wurzeln des nicht geleisteten Widerstands gegen das NS-Regime zur Diskussion und erklärte: „Der Nazismus ist nicht eine Bewegung gewesen, die von Hitler und ein paar Helfershelfern geschaffen wurde und sich mit ihm erschöpfte." Der Landesjugendring veröffentlichte seinen Vortrag und regte an, ihn an höheren und Berufsschulen zu verteilen. Damit setzte er eine Debatte in Gang, in der Bauers Ausführungen vom Kultusministerium Fragwürdigkeit und Einseitigkeit vorgeworfen wurde.
Der Kultusminister sollte in einem Streitgespräch mit Bauer seine Position erläutern. Aber er blieb der Veranstaltung im Oktober 1962 fern und statt seiner erschien der CDU-Abgeordnete Helmut Kohl. Nach Ansicht des promovierten Historikers sei der zeitliche Abstand noch zu kurz, um ein abschließendes Urteil über den Nationalsozialismus zu fällen.

Wer war dieser Fritz Bauer, der als Jurist besser mit der Geschichtsforschung vertraut war als der Politiker aus Rheinland-Pfalz und spätere Bundeskanzler? Der 1903 geborene Mann arbeitete seit 1928 im Justizdienst, engagierte sich im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und im Republikanischen Richterbund. Als SPD-Mitglied und Jude wurde er 1933 aus dem Staatsdienst entlassen, verhaftet und emigrierte 1936 zunächst nach Dänemark und 1943 nach Schweden. 1949 kehrte er in die Bundesrepublik zurück und praktizierte eine „kritische Vergangenheitspolitik".

Er initiierte mehrere Ermittlungs- und Gerichtsverfahren, in denen er das Recht widerständigen Verhaltens im NS-Unrechtsstaat begründete. Bezogen auf diesen Aspekt hat Claudia Fröhlich sein Wirken analysiert: Sie untersucht Bauers Widerstandsbegriff zwischen Pragmatismus und Prinzip, den er zuerst 1952 als Generalstaatsanwalt in einem Prozess thematisierte. In diesem Verfahren beurteilte zum ersten Mal ein deutsches Gericht den militärischen Widerstand als rechtmäßig. Sein Widerstandsbegriff zielte auf die Überwindung einer in Deutschland tief verankerten „Tabuisierung des Ungehorsams". Bauer war nicht nur Jurist, sondern auch ein politischer Akteur, der sich häufig öffentlich positionierte, wie in der eingangs erwähnten Auseinandersetzung.

Als Jurist initiierte er den Frankfurter Auschwitz Prozess (1963-1965) und Strafverfahren gegen an der „Euthanasie" beteiligte Ärzte und Juristen.

Fritz Bauer zählte zu den radikalen Demokraten, dessen Initiativen die Autorin als Veränderungsimpulse bezeichnet, die zur Etablierung von Opposition, Kritik und bürgerschaftlicher Partizipation sowie zur Konstituierung einer demokratischen politischen Kultur in Deutschland beigetragen haben. So ist eine überzeugende Darstellung des Wirkens von Fritz Bauer entstanden und es ist zu hoffen, dass dieses Buch und dessen Hauptperson in zukünftigen Diskussionen über den Widerstand berücksichtigt werden.

Claudia Fröhlich: Wider die Tabuisierung des Ungehorsams. Fritz Bauers Widerstandsbegriff und die Aufarbeitung von NS-Verbrechen. Frankfurt a.M: Campus Verlag, 2006
Kurt Schilde

Ravensbrücker Gedenkbuch
Anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung des NS-Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück erschien ein außergewöhnliches Buch zum Gedenken an die Toten aus 34 Ländern. Bisher gab es keine umfassende Publikation über die Namen der in diesem Konzentrationslager zwischen 1939 und 1945 umgekommenen Frauen, Kinder und Männer. Die Ermordeten hatten meist nur eine Nummer. Zusammenhängende Listen mit den persönlichen Daten der Toten gab es nicht.

Es war eine schwierige Suche nach den biografischen Angaben notwendig. Umfangreiche Recherchen an verschiedenen Orten erfolgten außerhalb Deutschlands u.a. in Amsterdam, Brüssel, Jerusalem, Moskau, Paris, Prag und Warschau. Sehr entgegen kam der Forschungsgruppe die Öffnung der Archive in West und Ost nach 1990. Groß war die Hilfe von Überlebenden aus Ravensbrück, allen voran des Internationalen Ravensbrück-Komitees.

Am Ende dieser intensiven Arbeit - acht Jahre haben die Autorinnen unter Leitung der Berliner Historikerin Dr. Bärbel Schindler-Saefkow an dem Projekt gearbeitet - stand die Entschlüsselung von 13.161 Namen. Diese sind in Totenlisten verzeichnet, die im Zentrum des Buches stehen. Die Listen enthalten: Familienname, Vorname, Nationalität, Geburtsdatum, Geburtsort, Todesort und Todesdatum.

Am Anfang des Buches steht ein Geleitwort der Leiterin der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Prof. Dr. Sigrid Jacobeit.

Die Einleitung, die von Bärbel Schindler-Saefkow verfasst wurde, gibt einen detaillierten Eindruck in den Forschungsprozess und den erreichten Stand der Untersuchungen. Deutlich wird, wie groß die Anstrengungen waren, das angestrebte Ziel zu erreichen. Um die Namenslisten vorlegen zu können, war in der Mahn- und Gedenkstätte die Sammlung umfangreicher Quellen notwendig. Für die Forschung und andere Interessierte sind nunmehr in Ravensbrück eine entsprechende Datenbank sowie eine Dokumentensammlung zugänglich.

Die Autoren sind zu Recht stolz auf das Erreichte, gleichzeitig sprechen sie aber auch davon, dass die Untersuchungen „unvollendet" sind. Dies steht damit im Zusammenhang, dass noch lange nicht alle Namen der Toten von Ravensbrück ermittelt werden konnten.

Das jetzt abgeschlossene Projekt enthält zahlreiche Anregungen zur Fortsetzung der Suche. Weitgehend gesichert sind die folgenden statistischen Angaben, von denen sich auch die Verfasserin der Einleitung leiten lässt: Im KZ Ravensbrück waren ca. 130.000 Frauen und 20.000 Männer inhaftiert. Die größten Gruppen kamen aus Polen, der Sowjetunion, Frankreich, Ungarn und Deutschland. Nach Ravensbrück waren ca. 15.000 Jüdinnen und Juden verschleppt worden sowie ca. 4.000 Roma und Sinti. Aufgrund der jüngsten Forschungen kann davon ausgegangen werden, daß im KZ Ravensbrück etwa 28.000 Frauen, Kinder und Männer umgekommen sind. Bei den Todesmärschen im April 1945 starben weitere 3.000 Frauen.

Sehr zu wünschen ist, dass die so erfolgreich begonnenen Untersuchungen in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück fortgesetzt werden können und die Erfahrungen bei der Arbeit an dem vorgelegten Gedenkbuch von anderen Forschern genutzt werden. Es bleibt noch viel zu tun, um möglichst vielen Opfern des NS-Terrors ihren Namen und ihre Biografie zurückzugeben.

Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück (Hg.): Gedenkbuch für die Opfer des Konzentrationslagers Ravensbrück 1939-1945. Wissenschaftliche Leitung: Bärbel Schindler Saefkow unter Mitarbeit von Monika Schnell. Berlin: Metropol Verlag, 2005
Karl Heinz Jahnke

Zwangsarbeit für den „Endsieg"
Mit dem großformatigen, gerade 71 Seiten umfassenden Buch legt Jens-Christian Wagner, seit 2001 Leiter der Gedenkstätte „Mittelbau Dora" in Nordhausen, einen Abriss der Geschichte des Konzentrationslagers „Mittelbau" vor: von dessen Anfang am 28. August 1943 als „Außenkommando Dora" des KZ Buchenwald über die Verselbstständigung als die letzte eigenständige KZ-Gründung des Dritten Reiches am 1. Oktober 1944 bis zur Befreiung des Hauptlagers am 11. April 1945. Über diesen zeitlichen Rahmen hinaus greifen das Kapitel zur Räumung der Mittelbau-Lager (erst am Vortag der deutschen Kapitulation wurden die letzten von der SS auf einen der „Todesmärsche" geschickten Dora-Häftlinge befreit) sowie der ein gutes Sechstel des gesamten Textes umfassende Abschnitt „Nach dem Krieg". Eine Auswahl weiterführender Literatur rundet das mit 34 Abbildungen, darunter 3 Karten, reich bebilderte Werk ab.

Inhaltlich beschreibt Wagner zunächst die Stellung des KZ Mittelbau-Dora im System der nationalsozialistischen KZ. Die Geschichte des Lagers vom britischen Luftangriff auf das Raketenzentrum Peenemünde (17./18. August 1943), der zur Verlagerung der Raketenfabrik in den Berg Kohnstein bei Nordhausen und zugleich zum Aufbau des KZ „Dora" führte, sowie die Pläne zur Verlagerung der mitteldeutschen Junkers-Werke in den Bereich um Nordhausen („Unternehmen Mittelbau") und der damit verbundenen Herausbildung eines ganzen Komplexes von Nebenlagern auf dem Gebiet dreier heutiger Bundesländer (Thüringen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt) bildet den zweiten Abschnitt des Buches. Die unterschiedlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Häftlinge in den Bau- oder Produktionskommandos sowie die Herkunft, der Widerstand und die Selbstbehauptung der Häftlinge und deren soziale Schichtung innerhalb der Häftlingsgesellschaft bilden weitere Themen des Werkes. Die Betrachtung der Täter, Mittäter und Zuschauer im KZ und seinem Umfeld und das Verschwinden der Lager nach dem Krieg, Lebensläufe von Tätern und Opfern nach dem Krieg, und nicht zuletzt das Gedenken am authentischen Ort seit 1963 an das KZ Mittelbau-Dora und seiner über 20.000 Toten schließen Wagners Publikation ab.

Mit bewundernswerter Präzision und in sachlich klarer, verständlicher Sprache gelingt es Wagner, das vielschichtige und komplex ineinander verwobene Geschehen in und um „Dora-Mittelbau" herum in überschaubare Einzelstränge aufzulösen, ohne dabei wesentliche Gesichtspunkte auszulassen oder gar in Simplifizierungen zu verfallen. Bewusst erhebt er nicht den Zeigefinger, auch nicht gegenüber dem Verhalten von Funktionshäftlingen buchbesprechungen informationen 64|Seite 44 („Kapos"). Er vermeidet Pathos und Heroisierungen (etwa des Widerstandes) und wohlfeile Schlagworte, die mehr zudecken als konkret erklären (wie etwa „Vernichtung durch Arbeit"). Die sachliche Diktion des Textes kontrastiert effektiv mit den Abbildungen, die das Elend der Häftlinge veranschaulichen, und sie macht die Selbstbehauptung der Häftlinge
- conditio sine qua non für jede Art von Widerstand - auch dem Nachgeborenen erfahrbar.

Zu Recht weist Wagner darauf hin, dass Mittelbau Dora ein reines (Zwangs-)„Arbeits-KZ" war. Weder „Umerziehung", wie sie noch bis Kriegsbeginn ein durchaus ernst genommenes Ziel von KZ wie Dachau oder Ravensbrück war, noch Vernichtung der Häftlinge, wie es als Ziel für Mauthausen vorgegeben war (dem einzigen KZ der „Lagerstufe III", gedacht für nicht „resozialisierbare" Häftlinge) oder wie sie in den Gaskammern von Auschwitz praktiziert wurde, stand hier im Mittelpunkt. Auch mit dem Holocaust, der „Endlösung der Judenfrage", kam Mittelbau erst in den letzten 8 Wochen seiner Existenz in Berührung, als die Lager im Osten vor der herannahenden Roten Armee geräumt wurden und aus Auschwitz, Groß Rosen und Tschenstochau Tausende jüdischer Häftlinge nach Dora verlegt wurden. Was in Mittelbau-Dora allein zählte, war der Baufortschritt - erst bei der Verlagerung der Raketenproduktion, dann beim Ausschachten riesiger unterirdischer Hohlräume für geplante Flugzeug-, Raketen- und Treibstoff Fabriken. Wagner weist darauf hin, dass dies von vornherein unrealistische Projekte waren, die kein einziges ihrer Ziele erreichten, aber wegen der im Wortsinne mörderischen Arbeits- und Lebensbedingungen der Häftlinge deren massenhaften Tod bewirkten. Der Gesundheit und dem Leben Tausender Häftlingsarbeiter standen die SS-Baustäbe und die Manager der Beschäftigungsfirmen gleichgültig gegenüber. Sie sahen die KZ-Häftlinge nicht als Menschen, sondern als „Verbrauchsmaterial" im Produktionsprozess
- als „Wegwerfartikel", wie man heute sagen würde. Keiner von ihnen wurde übrigens nach dem Kriege strafrechtlich verfolgt.

„Zwangsarbeit für den ,Endsieg' " bietet Leserinnen und Lesern einen idealen Einstieg in das Thema „Mittelbau-Dora". Von Inhalt und Aufmachung her (etwa dem lesefreundlichen Großdruck und den vielen Abbildungen) dürfte es sich hervorragend für den Einsatz im pädagogischen Raum eignen, zum Beispiel für Vor- und Nachbereitung eines Gedenkstättenbesuchs mit Jugendlichen oder im Rahmen der Erwachsenenbildung.
Wer sich in das Thema „Mittelbau Dora" vertiefen möchte, findet weiterführende Literatur (auch weniger gängige, die man aber am Bücherstand der Gedenkstätte erwerben kann) in der sorgfältig ausgewählten Kurzbibliografie am Ende des Bandes.

Jens-Christian Wagner: Zwangsarbeit für den „Endsieg". Das KZ Mittelbau-Dora 1943-1945. Erfurt: Landeszentrale für Politische Bildung, 2006
Joachim Neander

Hitler war's
Hannes Heers Veröffentlichung „Hitler war's" setzt fort, was bereits in „Vom Verschwinden der Täter" Gegenstand war: Es geht um eine tief greifende geschichtspolitische Wende, um das Problem eines Paradigmenwechsels in der Geschichte.

Nachdem die Täter langsam verschwinden, bleibt konsequenterweise nur einer übrig, der die Schuld trägt: „Hitler war's". Bereits in seiner Einleitung zitiert Hannes Heer Saul K. Padover, einen amerikanischen Offizier, der im Oktober 1944 in Aachen Deutsche interviewte und deprimiert feststellen musste: „Jeder ist ein Nazigegner. Alle Leute sind gegen Hitler. Was das heißt? Es heißt, dass Hitler die Sache ganz allein, ohne Hilfe und Unterstützung irgendeines Deutschen durchgezogen hat" (S. 5). Padover nennt die Verbrechen und stellt fest: „Wer das alleine schaffen will, muss schon ziemlich gut sein. Ich kenne nur zwei Menschen in der ganzen Welt, die so etwas können. Der andere ist Superman" (ebd.). Das hört sich zwar etwas flapsig an, entspricht aber genau der Richtung, in die die Umdeutung der Geschichte geht.

Heer untersucht im Folgenden Eichingers Film „Der Untergang" über die letzten Tage Hitlers und seiner Gefolgschaft in der Reichskanzlei. Eichingers Film erhebt den Anspruch des Dokumentarischen, erfindet aber die Geschichte Nazideutschlands neu. Bewusst werden, wie Heer analysiert, historische Fakten und Zusammenhänge im Film vernachlässigt: Hitler wird als psychisch krank, gebrechlich und zugleich als „hypnotischer Überwältiger" in Szene gesetzt, in dessen „schwarzmagischen Bann" die Täter verschwinden und ihrerseits zu Opfern werden.

In dem Kapitel „An Hitlers Hof. Joachim Fest. Eine Karriere" erörtert Hannes Heer die Rolle Joachim Fests mit seiner Hitlerbiographie in diesem Prozess der Geschichtsrevision. Heer beschreibt eindrucksvoll, wie vor allem der Hitler-Biograf und Mitherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Joachim Fest, gemeinsam mit Speer die „Umdeutung" seiner Rolle plante und umsetzte. Dabei störte sich Fest nicht an den historischen Fakten, er ignoriert sie schlicht. Fest lässt Albert Speer quasi zum Prototyp des verschwindenden Täters werden. Heer sieht in Fest den großen Erzähler und Stilisten, dem aber völlig das Ethos des Geschichtsforschers fehlt. Umso ärgerlicher ist, dass öffentlicher Diskurs darüber verhindert wird. Stattdessen wird Fest 2006 mit dem renommiertesten deutschen Journalistenpreis ausgezeichnet.

Doch nicht nur hier verschwinden die Täter. Mit besonderem Engagement argumentiert Heer gegen das Verschwinden der Wehrmachtstäter. Heer, der die erste „Wehrmachtsausstellung" leitete, nach ihrer Neukonzeption 1999 aber aus der Leitung ausschied, deckt anschaulich die zuweilen zynisch anmutenden Argumentationsstrategien auf, mit denen eine Beteiligung der Wehrmacht an den Verbrechen der Nazis vor allem der Ermordung von Juden entweder klein geredet oder geradezu geleugnet werden. Im 6. Kapitel geht es um den Beitrag des Münchener Instituts zur Wehrmachtsforschung. Die Wehrmacht wird „entlastet": behauptet wurde, die Wehrmacht hätte im „Hinterland", wo die meisten Verbrechen stattgefunden hätten, kaum eine Bedeutung gehabt, höchstens 5% der Wehrmachtsangehörigen seien belastet, die Wehrmacht folglich „sauber". Auch hier verschwinden die Täter!

Besonders kritisch setzt sich Heer mit Guido Knopp und dem von ihm vermittelten Geschichtsbild auseinander: „Die Rückkehr der Geschichte als Nazi-Clip." Zu den diversen Serien des ZDF-Chefhistorikers schreibt Heer:
„Knopps Serien können den Anspruch des Fernsehens auf Aufklärung [...] nicht erfüllen. […] Guido Knopp ist nicht der Exorzist der Hitler Nostalgie, als den er sich anpreist, sondern deren Vermarkter. Und indem er Täter mit Goldrand und die Nazizeit als Erlebnis präsentiert, verstärkt er das Faszinosum, das von dieser Spukgeschichte immer noch ausgeht" (S. 195). Knopp gibt vor, Aufklärung zu leisten, die er in Wirklichkeit verhindert. Statt Dokumenten und Fakten präsentiert er Zeitzeugen - in verschiedenen Rollen -, die die Thesen Knopps bezeugen und Authentizität suggerieren sollen.

In den eingefügten drei Gegenreden wird die Person Dietrich Bonhoeffers als kritischer Geist gewürdigt. In einer weiteren Gegenrede „Literatur und Erinnerung" geht es um die Aufarbeitung der Geschichte im Familienroman. Zahlreiche Beispiele werden hier erörtert, Wibke Bruhns und Uwe Timm, Wackwitz, Medicus u.a. Die dritte Gegenrede hat die Einübung in den Holocaust um Lemberg zum Gegenstand.

Ein umfangreicher Anmerkungsapparat trägt einerseits zur Lesbarkeit bei und bringt über die Quellen hinaus und viele interessante zusätzliche Informationen.

Gerade angesichts der Art und Weise, wie das Thema Nationalsozialismus in neueren Publikationen und vor allem in den Medien, besonders im Fernsehen, aber auch im Film behandelt wird, ist Hannes Heers „Hitler war's" ein außerordentlich wichtiges Buch, das der medialen Umdeutung der Geschichte entschieden entgegentritt. Denn, wie Heer in einem Interview mit der Zeitschrift „Das Parlament" feststellt: „[...] in der Mythisierung liegt die Gefahr des Abkoppelns der Schuld- und Verantwortungsfrage. Und aus der Mythisierung der Geschichte wird ganz schnell deren Anthropologisierung. Wie bei Fest, der Hitler zum 'wiedergekehrten Unmenschen' und den Mord an den Juden zum unlösbaren ‚Rätsel' erklärt."

Hannes Heer: Hitler war's. Die Befreiung der Deutschen von ihrer Vergangenheit. Berlin: Aufbau-Verlag, 2005
Renate Dreesen

Erinnerungskulturen im Dialog
Die historisch-politische Bildung und die Erinnerung sowie der Umgang mit dem  Nationalsozialismus steht zahlreichen Herausforderungen und Umbrüchen gegenüber, die durch Migrationsprozesse, Europäisierung, Globalisierung, das Aufkommen neuer Medien und die Etablierung rechter Jugendkulturen ebenso hervorgerufen
werden wie durch die zunehmende zeitliche Distanz zum Nationalsozialismus und das bevorstehende Ende der primären Geschichtserfahrung. Aufgrund dieser Veränderungen in den sozialen und politischen Rahmenbedingungen widmet sich der Band  „Erinnerungskulturen im Dialog", in dem sich 29 AutorInnen versammelt haben, aktuellen Fragen der historisch-politischen Bildung. Dabei verstehen die Herausgeber des Bandes unter Gedenk- und Erinnerungskulturen „immer eine vermittelte und nachträglich konstruierte Sicht auf die Vergangenheit [...], wobei diese Vergangenheitsbezüge jedoch gleichzeitig eine unabdingbare Grundlage für kulturelle Identität und Stabilität eines politischen Gemeinwesens sind." (S. 9)

Die Beiträge ordnen sich in fünf übergeordnete Abschnitte. Im ersten Abschnitt steht die deutsche Besatzung in vier europäischen Ländern und deren Rolle in der jeweiligen nationalen Erinnerungskultur im Mittelpunkt der Betrachtung. Annette Warrings Beitrag beschäftigt sich mit der kollektiven Erinnerung an die deutsche Besatzung in Dänemark und deren Bedeutung für die politischen Kultur des Landes. Dabei kritisiert sie den mythologisierten Gebrauch der Vergangenheit in Dänemark. „Sowohl die positive Mythologisierung des Widerstandes als auch die negative Mythologisierung des Nazismus sind das Gegenteil von Vergangenheitsbewältigung - einer aktiven Auseinandersetzung mit der Vergangenheit -, die das einzige ist, was letzten  Endes Demokratie sichern kann." (S. 29) Stein Ugelvik Larsen erklärt in seinem Beitrag am Beispiel der Kinder deutscher Soldaten in Norwegen erinnerungskulturelle Entwicklungen mit der Metapher eines ins Wasser geworfenen Steins und den dadurch ausgelösten Wellen. Die französische Erinnerungskultur steht in den Beiträgen von Michel Cullin und Mechtild Gilzmer im Mittelpunkt. Gilzmer zeigt in ihrem Beitrag, wie umkämpft der erinnerungskulturelle Raum in Frankreich in den vergangenen Jahrzehnten war und skizziert Schwierigkeiten in deutschfranzösischen Jugendbegegnungen, die aufgrund unterschiedlicher Ausgangspositionen entstehen können. Cullin plädiert in seinem Beitrag für eine Verknüpfung deutscher und französischer Erinnerungskulturen durch eine geteilte bzw. einer doppelten Erinnerung, denn, so Cullin: „Ohne die transnationale Dimension des Widerstandes kann es keine Basis für die ‚citoynenneté' (bürgerschaftliches Engagement) in den beiden Ländern geben. [...] Im deutsch-französischen Kontext heißt es, das Interesse und das Bewußtsein für Transkulturalität zu schaffen" (S. 63).

Jan Grosfeld und Hartmut Ziesing gehen in ihren Aufsätzen auf das Fallbeispiel Polen und den dortigen Erinnerungsdiskurs ein. Dieser richtet sein Hauptaugenmerk auf die polnischen Opfer des Nationalsozialismus
- jüdische Opfer geraten hierdurch aus dem Blick. Ziesing fordert daher für die deutschpolnische Pädagogik einen Perspektivwechsel, den er mit den Begriffen „Aufhebung von Distanz" und „Historisierung" sowie „Empathie und Selbstreflexion" beschreibt.

Die deutsche Erinnerungskultur „zwischen stabilen Werten und fragilen Identitäten" steht anschließend im zweiten Abschnitt im Zentrum der dort versammelten vier Beiträgen. Bernd Faulenbach analysiert in seinem Beitrag die „Erinnerungsarbeit und demokratische politische Kultur heute". Dabei zeichnet sich nach seinem Verständnis eine demokratische Erinnerungsarbeit durch eine plurale, partizipatorische Ausrichtung mit einer wissenschaftlichen Fundierung ebenso aus wie durch eine dezentrale und gesellschaftliche Verankerung. Zudem ist diese ihm zufolge „auf die deutsche Gesellschaft bezogen, doch international vernetzt" (S. 88). Faulenbach plädiert in diesem Zusammenhang für eine stärkere Verknüpfung der verschiedenen europäischen Erinnerungskulturen. „Langfristiges Ziel sollte [...] ein europäisches Gedächtnis und eine europäische Erinnerungskultur sein, die zwar nicht die nationalen Erinnerungskulturen substituiert, doch als Überschneidungsbereich mit eigener Perspektivik diese verbindet und ergänzt" (S. 85).

Einen sehr anregenden Beitrag hat Annegret Ehmann abgeliefert, indem sie gängige Gedenkstätten- und Ausstellungskonzepte hinterfragt. „Wenn historische Erinnerungskultur und kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus demokratisches Bewusstsein fördern sollen", so Ehmann, „dann müssten vor allem die Formen der Vermittlung demokratischer werden. Der Teilnehmer von Bildungsveranstaltungen, der Besucher von Ausstellungen [...] muss als mündiger Bürger, als Subjekt eines freiwillig eingegangenen Lernprozesses ernst genommen werden und nicht lediglich zum Objekt von Belehrung und Bekehrung gemacht werden." (S. 94f). Darüber hinaus kritisiert sie, dass historisch-politische Bildung vor allem „eine Angelegenheit der Bessergebildeten, nicht der Bildungsbenachteiligten" (S. 96) ist. Zwei Thesen, die im Rahmen neuer Ausstellungskonzeptionen Beachtung finden sollten. Astrid Messerschmidt problematisiert in ihrem Beitrag die nationalstaatliche Ausrichtung der Erinnerungskultur und plädiert für eine „Erinnerung jenseits nationaler Identitätsstiftung". „Anstatt also nach Identität zu suchen und mit dem Holocaust eine nationale Mitte finden zu wollen" so Messerschmidt, „ist weiter an der Erinnerung zu arbeiten, und zwar an einer inklusiven Erinnerung, die nicht Identität stiftet, sondern uns immer wieder dazu herausfordert, nach der Beschaffenheit unserer Kultur und unserer Demokratie zu fragen" (S. 104). Abgeschlossen wird der zweite Abschnitt des Buches von Regina Scheers Aufsatz zu den Wandlungen und Umdeutungen in der brandenburgischen Denkmallandschaft.

Vier weitere Beiträge widmen sich im dritten Abschnitt des Buches den „Erinnerungskulturen in der Einwanderungsgesellschaft - zwischen Exklusion und Teilhabe".

Wolfgang Meseth weist in seinem Aufsatz dabei auf das folgende grundlegende Problem hin: „Die Vermittlung der Geschichte des Nationalsozialismus läuft daher auch immer Gefahr, zu einem Akt der Ausschließung von Schülern mit nichtdeutscher Herkunft zu werden, da der Holocaust - wenn auch in guter Absicht - zu einem exklusiven Gegenstand der deutschen ‚Abstammungsgemeinschaft' gemacht werden könnte. Zugleich stellt sich andersherum die Frage, ob die NS-Geschichte für junge Migranten einen relevanten zugehörigkeitsstiftenden Bezugspunkt darstellt oder ob sie vielleicht wieder zum Gegenstand der Abgrenzung wird. Provokant formuliert: Wer möchte schon freiwillig zum Kollektiv der Nachfahren von Tätern, Mitläufern und Zuschauern gehören?" (S. 131). Wie konkret die von Meseth formulierten Ausgrenzungsmechanismen von Betroffenen erlebt werden können, beschreibt Ülfet Talu in ihrem Erlebnisbericht. Mechthild Kiegelmann blickt in ihrem Aufsatz noch einmal auf die Gedenkstättenpädagogik und betont die Beachtung migrantischer und geschlechtsspezifischer Perspektiven; sie plädiert dafür, „Lernen in Gedenkstätten in eine langfristige Auseinandersetzung mit Herrschaftsstrukturen und Unterdrückungsgeschichten einzubinden, um oberflächliches Erlernen ‚betroffener' Sprache zu vermeiden" (S. 142). Rechtsextreme Strukturen im Schulumfeld und mögliche Maßnahmen gegen diese Entwicklungen im Geschichtsunterricht werden in dem Beitrag von Stefan Küchler skizziert.

Die Beiträge von Jens Michelsen, Katharina Hoffmann und Gerrit Kaschuba, die im vierten Abschnitt des Buches zu finden sind, rücken die Zeitzeugen und die Entwicklung vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis in das Zentrum der Aufmerksamkeit.

Jens Michelsen beschreibt zunächst den audiovisuellen Bestand an Zeitzeugenberichten in der Gedenkstätte Neuengamme. Die Chance der Gedenkstätten in der Geschichtsvermittlung liegt ihm zufolge in der „Doppelbedeutung als authentischer Ort und außerschulischer Lernort. Der Kontext einer Gedenkstätte ist ein anderer als in der Schule. Die Vorführung eines Films mit Zeitzeugen, die am authentischen Ort leben mussten, vermag eine andere Wirkung zu erzielen als die Vorführung im Schulunterricht und erst recht die Ausstrahlung eines Compilation-Films im Stile Guido Knopps im Fernsehen" (S. 171).

Katharina Hoffmann problematisiert in ihrem Aufsatz die Auswirkungen der Komplexität der retrospektiven Erinnerungen von Zeitzeugen in der Gedenkstättenarbeit und fragt, „inwieweit die Strukturen und Merkmale individueller Erinnerungen auch in didaktisch-methodischen Überlegungen berücksichtigt" (S. 176) und für die historisch-politische Bildung auch kontextualisiert werden. Dem kollektiven Erinnern von Zeitzeuginnen widmet sich der Beitrag von Gerrit Kaschuba, die einen Erfahrungsbericht aus einem intergenerationellen Erzählcafé für Frauen gibt. Ebenfalls in diesem Abschnitt sind Bilder der Fotografin Gesa Becker aus der KZ-Gedenkstätte Neuengamme zu finden.

Der Sammelband wird im fünften und letzten Abschnitt mit diversen Beispielen didaktischmethodischer Konzepte aus der pädagogischen Praxis abgeschlossen. So beleuchtet beispielsweise Stephanie Marra zeitgeschichtliche Online-Angebote kritisch und Erika Hirsch stellt Möglichkeiten der Theaterarbeit in der historisch-politischen Bildung dar. Zudem werden die Leitideen zum Einsatz neuer Informationstechnologien im Jüdischen Museum Berlin ebenso vorgestellt, wie z.B. das Projekt „Konfrontationen" des Fritz-Bauer-Institutes oder das pädagogische Konzept des „Haus der Wannsee-Konferenz" u.a.m.

Positiv am vorliegenden Sammelband ist sicherlich, dass Erinnerungskultur die Erinnerung an den Widerstand gegen den Faschismus miteinschließt. Unbeachtet blieb im Rahmen des vorliegenden Bandes aber dennoch leider der Widerstand in Deutschland. Zudem beschränkt sich die internationale Perspektive im wesentlichen auf den ersten Abschnitt des Buches. Ein Blick über den deutschen Tellerrand hinaus wäre sicherlich auch beim Thema „Erinnerungskultur in der Einwanderungsgesellschaft" lohnend. Hier könnten z.B. niederländische und französische Perspektiven die Diskussion anreichern. Trotzdem liegt mit „Erinnerungskulturen im Dialog" ein Sammelband vor, der vielseitige Perspektiven und zahlreiche Annäherungen an aktuelle Fragestellungen der historisch-politischen Bildung ermöglicht. Dass mancher Beitrag etwas kurz ausgefallen und manches Thema nur angerissen ist, könnte man eventuell als Mangel der Publikation empfinden. Aber vielleicht liegt hierin auch der Wert des Buches, indem es mehr Fragen aufwirft als beantwortet und die Diskussion über aktuelle Entwicklungen in der historisch-politischen anregt.

Claudia Lenz, Jens Schmidt, Oliver von Wrochem: Erinnerungskulturen im Dialog. Europäische Perspektiven auf die NS-Vergangenheit. Hamburg/Münster: Unrast, 2002
Thomas Altmeyer
 
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