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zum Heft "informationen" Nr. 64
Eine Geschichte aus dem niederländischen Widerstand
Unter den Niederländern, die im Sommer 1943
zur Zwangsarbeit nach Deutschland transportiert
wurden, befanden sich einige junge
Juden mit falschen Papieren. Einer von ihnen
hat seine Geschichte aufgezeichnet: Nathan
Mageen, 1922 in Düsseldorf als Hans Nathan
Mogendorff zur Welt gekommen, war im April
1937 mit Unterstützung seines dort lebenden
Onkels, des Rabbiners Louis Frank, nach Eindhoven
gegangen, um sich auf die Auswanderung
nach Palästina vorzubereiten. Über diesen
Onkel bekam er Kontakt zur Vereniging
voor vakopleiding van Palestina Pioniers unter
der Leitung von Ru (Rudolf) Cohen; diese Vereinigung
organisierte die Hachschara, die
berufliche und kulturelle Ausbildung (Landwirtschaft,
Handwerksberufe, Unterricht in
Iwrit und jüdischer Geschichte). Nathan erhielt
einen Ausbildungsplatz zum Schreiner auf der
Berufsschule der Fa. Philips, war in der zionistischen
Jugendbewegung aktiv und wurde 1940
in den Vorstand des Hechaluz (Verband der
Palästina-Pioniere) gewählt.
Als 1941 die Razzien der Deutschen gegen die
jüdische Bevölkerung begannen und antisemitische
Gesetze die Lebens- und Arbeitsverhältnisse
der Juden zunehmend bedrängten,
entschlossen sich Nathan und seine spätere
Frau Fietje de Winter, mit falschen Papieren in
den Untergrund zu gehen. Die auf die Namen
Adrian Franz Josef Klerks bzw. Elisabeth Mensink
gefälschten Personalausweise hatten
nicht-jüdische Freunde besorgt. Im August
1942 spitzte sich die Lage bedrohlich zu: Alle
Mitglieder der Hachschara, auch die 14 bis 16
Jahre alten Kinder, die sich auf der Jugend-Farm in Loosdrecht auf die Auswanderung vorbereiteten,
hatten von der deutschen Sicherheitspolizei
die Aufforderung erhalten, sich für
ein „Arbeitslager“ zu melden. Man alarmierte
den Leiter einer nicht-jüdischen Widerstandsgruppe,
Joop Westerweel (der zwei Jahre später
am 11. August 1944 im KZ Westerbork
erschossen wurde), dem es zusammen mit
Freunden in kürzester Zeit gelang, passende
Zufluchtsorte zu finden. Nathan bekam eine
Unterkunft bei der Familie Kroon in Soest, der
Sohn Dirk arbeitete in der Widerstandsorganisation
Vrij Nederland. Zu den Aufgaben von
Dirk, der bei der Freiwilligen Feuerwehr aktiv
war, gehörte es, den Alliierten in London Konstruktionszeichnungen
von deutschen Bombenzündern
zukommen zu lassen; Nathan half ihm
dabei. Dirk wiederum unterstützte den Hechaluz
bei der dringend erforderlichen Räumung
des Büros in Amsterdam; gemeinsam ließ man
das Bevölkerungsregister von Soest „verschwinden“.
Es war, wie Nathan Mageen schreibt, „der
Beginn einer fruchtbaren Zusammenarbeit von
Nichtjuden und Juden auf der Grundlage vollkommener
Gleichheit.“
Mit Kurt Hannemann (am 31. März 1944 im
Alter von 25 Jahren in Auschwitz ermordet)
und Kurt Reilinger (im Juli 1944 in Paris verhaftet)
hatte Nathan Mageen die Leitung der
Hachschara im Untergrund übernommen. Vordringlichste
Aufgabe: „Wir fragten uns, wie
lange die Untergetauchten es aushalten konnten.
Es würde nicht zu verhindern sein, dass ein
Teil gefasst werden würde, sei es durch Verrat
oder durch verdächtiges Verhalten ... So kamen
wir schnell zu dem Schluss, dass wir die Suche
nach Wegen in Richtung Süd-Frankreich und
von dort über die Pyrenäen nach Spanien fortsetzen
sollten. Von dort mussten Wege nach
Palästina gefunden werden. Das mochte sich
fantastisch anhören, aber sollte es auch nur
einem von uns gelingen, auf diesem Weg Palästina
zu erreichen, so würde es von enormer
Bedeutung sein.“ (S. 39)
Anfang Juli 1943 schien ein Weg über Belgien
und Frankreich nach Spanien gefunden zu sein,
doch die Gruppe, 34 Menschen, wurde beim
Grenzübergang im Wald bei Putte verhaftet.
Die Mehrzahl der Gefangenen gab beim Verhör
sofort zu, Juden zu sein; Nathan und Fietje
hatten verabredet, in einem solchen Fall unbedingt
ihre jüdische Identität zu verschweigen.
Das gelang und rettete ihnen das Leben: Fietje
kam frei, Nathan jedoch musste auf Transport
zum Zwangsarbeitseinsatz in das Ruhrgebiet.
Er kam als Bauzeichner zur Fa. Krupp nach
Essen, konnte sich als Niederländer ziemlich
frei bewegen und kehrte nach einem Bombenangriff
mit einen Sonderurlaubsschein für zehn
Tage nach Holland zurück. Dort erhielt er bei
einem Treffen mit Hannemann und Reilinger
den Auftrag, nach Deutschland zurückzukehren
und den Kontakt zu zwei Gruppen von
Hechaluz-Mitgliedern, die eine in Bielefeld, die
andere in Dortmund, aufzunehmen, die man
mit gefälschten Papieren zum „Arbeitseinsatz“
nach Deutschland geschickt hatte, als
sich in den Niederlanden ein Mangel an Untertauchmöglichkeiten
abzuzeichnen begann.
Die Bielefelder Gruppe war jedoch kurz zuvor
verhaftet worden, nachdem die Gestapo durch
Anfrage bei den niederländischen Behörden
ihre gefälschten Papiere entdeckt hatte. So
konnte Nathan die Dortmunder Gruppe warnen
und ihre heimliche Rückkehr nach Holland
organisieren. Das gelang. Er selbst wurde bei
seiner ebenfalls illegalen Rückkehr verhaftet
und „wegen des Versuchs die Grenze zu
überschreiten mit einem Ausweis, der auf den
Namen eines Dritten lautet“ zu sechs Monaten
Gefängnis verurteilt.
Nathan überstand die Gefängnishaft, kehrte
im April 1944 nach Essen zurück, bekam einen
Urlaubsschein und fuhr nach Holland. Aufs
Äußerste gefährdet musste er sich bis zur
Befreiung am 12. April 1945 in einer stillgelegten
Ziegelei in Terwolde verstecken – im
„Loch“, d.h. in der Einmündung des Rauchkanals
in den Schornstein. In diesem Versteck
schrieb er einen großen Teil der nun veröffentlichten
Erinnerungen.
1947 wanderten Nathan und Fietje Mageen
nach Palästina aus, wo beide in Be`er Sheva
Arbeit fanden, er als Architekt, sie als Bibliothekarin.
1991 wurde in Yad Vaschem eine
Gedenktafel enthüllt und ein Gedenkbuch
They were our friends übergeben. Bei der Übergabe
sagte Nathan Mageen: „Heute vermischen
sich Trauer und Stolz in unserem Herzen.
Trauer, weil wir nach so vielen Jahren vor einer
Gedenktafel mit 420 Namen von Chawerim,
die ermordet wurden, stehen. Als Mädchen und
Jungen auf Hachschara waren wir eine Großfamilie,
die nicht selten die biologische ersetzte.
Stolz, weil 55 % von unseren Chawerim den
Holocaust überlebt haben, dagegen nur 16 %
der allgemeinen jüdischen Bevölkerung in den
Niederlanden. – Lassen wir uns von der Statistik
nichts vorgaukeln. Jeder Tote bedeutet eine
Persönlichkeit, eine ganze Welt für sich. (...)
Nur einen Namen habe ich genannt: Joop Westerweel,
denn der Name ist zum Symbol geworden
für die so außergewöhnliche Zusammenarbeit
von einer Gruppe Niederländer für und mit
uns auf der Grundlage von Bundesgenossenschaft
und Gleichheit. Gefühle tiefer Freundschaft
werden uns immer begleiten.“
Nathan Mageen: Zwischen Abend und Morgenrot.
Eine Geschichte aus dem niederländischen
Widerstand. Bearbeitet von Angela
Genger und Andrea Kramp. Herausgegeben
von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische
Zusammenarbeit und der Mahn- und Gedenkstätte
der Landeshauptstadt Düsseldorf.
Düsseldorf, 2005
Ursula Krause-Schmitt
Die Gestapo war nicht allein
Mit seinem Buch „ ,Die Gestapo war nicht
allein ...‘. Politische Sozialkontrolle und Staatsterror
im deutsch- niederländischen Grenzgebiet
1929–1945“ legt Herbert Wagner eine
sozialwissenschaftliche Arbeit vor, mit der auf
empirischer Basis der Zusammenhang zwischen
Sozialkontrolle und Repression im Nationalsozialismus
(NS) untersucht wird. Wagner geht
es vorrangig darum zu prüfen, ob staatliche
Repressionsorgane im NS tatsächlich allwissend
und allmächtig waren oder ob sie zur
Durchführung ihres Terrors auf eine gesellschaftliche
Situation angewiesen waren, deren
Klima von Billigung oder Unterstützung des
Staatsterrorismus geprägt war.
Auf der Basis von Quellen zeichnet der Autor
für die kleine Region der Grafschaft Bentheim
ein möglichst exaktes und vollständiges Bild
der Rolle der Gestapo nach, aus dem Schlüsse
über die Arbeitsweise dieser Organisation
gezogen werden können. Auf diese Weise versucht
Wagner in seiner Arbeit, die als Dissertation
an der Fernuniversität Hagen eingereicht
wurde, einen neuen Blick auf die Repressionsmechanismen
des Nationalsozialismus zu werfen,
da in der bisherigen Wahrnehmung immer
von einer Allmacht der Repressionsorgane ausgegangen
wurde, die sowohl individuelle Handlungsspielräume
vernichteten als auch ohne
Kollaboration der Zivilbevölkerung hinreichend
funktionierten.
Diese Annahme der alleinigen Allmacht der
Repressionsorgane war zunächst auch naheliegend,
denn diese erklärte sich zum Einen aus
den Ohnmachtserfahrungen von NS-Opfern
gegenüber staatlichem Terror. Zum Anderen
war der Mythos eines totalitären Systems, in
dem Hitler und andere Funktionseliten eine
ganze Gesellschaft zu ihren Zwecken missbrauchten,
Teil eines Entschuldungsprozesses
der Nachkriegsgesellschaft. Herbert Wagner
beschreibt diesen Prozess mit der Kernaussage,
„die gesellschaftliche Konstellation sei vom
Einzelnen nicht zu verantworten gewesen“ (S.
33), seinen Höhepunkt findet.
Forschungsergebnisse aus den 1990er Jahren
deuteten jedoch an, dass man die Gestapo
entmystifizieren müsse. Auch Herbert Wagner
belegt in seiner vorliegenden Arbeit, dass die
Gestapo sehr wohl auf ein für sie günstiges
Umfeld angewiesen war und in der Ämterkonkurrenz
des NS auch für die Gestapo keine Allmächtigkeit
herrschte. Auch der Terror allein
vermag es nicht, den Erfolg der Diktatur zu
erklären, wenn nicht zumindest in Teilen der
Bevölkerung eine Zustimmung geherrscht hat.
Dieser Grundkonsens könnte z.B. die „Volksgemeinschaft“
gewesen sein, innerhalb derer
zwar über die Mittel gestritten wurde, jedoch
Einklang über ein gemeinsames Interesse
bestand.
Ausführlich beschreibt der ehemalige Polizist
Wagner in seiner Arbeit die Geschichte des
politischen Staatsschutzes mit seinen Wurzeln
im 19. Jahrhundert, dessen Aufgabe es war,
mittels sozialdisziplinierender Verfolgung eine
„politische Antwort der Machteliten auf Widerstand,
Umsturzversuche, sozialen Protest“ (S.
83) zu finden. In der Weimarer Republik lag
die Polizeistrategie darin, Denunziationsofferten
zu machen, d.h. die politische Polizei war
darum bemüht, mittels Sozialkontrolle eine
informationelle Hegemonie herzustellen. Die
bekämpften Milieus in der Weimarer Republik
und die Arbeitsmethoden stellen dabei durchaus
bereits einen Grundstock der späteren
Gestapo-Organisation dar, auch wenn 1932 ein
Großteil der Spitzenpositionen der politischen
Polizei neu besetzt wurden. Nach der Machtübernahme
durch die Nationalsozialisten wurde
sie in die Ideologie eingebunden und von
einem Staatsschutzorgan zum Instrument eines
autoritären Regimes.
War Staatsschutz in der Weimarer Republik
noch reaktiv, d.h. gegen existierende revolutionäre
Milieus gerichtet, wurde das Augenmerk
seit 1933 auf Prävention gegen alle Gruppen
und Einzelpersonen gesetzt, die nicht mit
der NS-Ideologie in Einklang standen. Verfolgt
wurden nun nicht mehr gegen den Staat
gerichtete Taten, sondern auch diejenigen, bei
denen man über V-Mann-Arbeit oder Denunziation
eine staatsfeindliche Gesinnung vermutete.
Wagner verfolgt mit „Die Gestapo war nicht
allein“ einen regionalgeschichtlichen Ansatz,
auch wenn er einen Zusammenhang zwischen
nationalen Topoi wie der „Volksgemeinschaft“
und sozialer und ethnischer Stigmatisierung
konstatiert. Sein Schwerpunkt liegt eher beim
intersubjektiven Handeln in bestimmten,
belegten Milieus als auf der Rolle des Individuums
innerhalb eines nationalen Kollektivs,
da Werte des regionalen Milieus und des nationalem
Kollektivs nicht immer deckungsgleich
sein müssen. Dies bedeutet zwar nicht, dass
keine „grundsätzliche Kongruenz zum Staatsterror
auf nationaler Ebene oder in anderen
Gebieten“ (S. 121) bestünde, jedoch können
sich die Methoden und der Erfolg des Terrors
je nach Region unterscheiden. Dieser Ansatz
– auf regionalgeschichtlicher Ebene, der unterhalb
von Aggregatsdaten auch Mikroprozesse
beleuchtet – schafft es daher besser, die Einbettung
der Individuen und das Handeln der
lokalen Gestapo-Dienststellen zu erklären.
Wagners Buch gliedert sich in insgesamt vier
Abschnitte, in denen zuerst die Einbettung
der Staatsschutzarbeit in die gesellschaftlichen
Verhältnisse erfolgt und im Weiteren
der Staatsterror in der untersuchten Region
dargestellt wird. Hauptquelle ist hierbei die
Gestapokartei der Staatspolizeistelle, aber
auch andere Dokumente aus der republikanischen,
diktatorischen und demokratischen
Zeit des Gebiets werden mit herangezogen. Um
den Staatsterror in sein Umfeld einzubetten,
werden minutiös die Milieus, die politische und
gesellschaftliche Situation und der Grad der
NS-Aktivitäten soziologisch beschrieben.
Dieser zweite Teil ist der umfassendste Abschnitt
des Werks und bietet einen detaillierten Überblick
über die Situation, die Arbeitsweise
und die Administration der Staatspolizei im
Bezirk. Anhand der Delikte, der Opfergruppen
und nicht zuletzt des Erfolgs der Repression
lässt sich die Etablierung der Diktatur und die
Instrumentalisierung
des Terrors nachzeichnen.
Den Umstieg auf die Mikroebene leistet
der dritte Teil des Buches, in dem eine Biographie
des Arbeiters Heinrich Kloppers Zeugnis
über das individuelle Empfinden des Terrors
im NS-System ablegt. Im vierten Teil wird der
Nachweis der Quellen und der Literatur, sowie
ergänzende Karten geliefert.
Herbert Wagner legt mit seinem Buch eine
beeindruckende sozialwissenschaftliche Aufarbeitung
des instrumentalisierten Terrors in
einem kleinen Grenzgebiet dar, die nicht nur
eine Entmystifizierung der Staatsschutzpolizei
ist, sondern gleichzeitig eine auf vielen Ebenen
liegende Milieubeschreibung.
Herbert Wagner: „Die Gestapo war nicht
allein...“. Politische Sozialkontrolle und
Staatsterror im deutsch-niederländischen
Grenzgebiet 1929–1945. Münster: LIT Verlag,
2004
Benjamin Huhn
Gerechte unter den Völkern
1953 wurde im israelischen Parlament ein
Gesetz verabschiedet, das die Gründung der
staatlichen Institution von Yad Vashem zur
Erinnerung an die Märtyrer und Helden des
Holocaust zur Folge hatte. Eine der Aufgaben
dieser Einrichtung ist die Ehrung und Erinnerung
an die Personen, die als „Gerechte unter
den Völkern“ ihr Leben zur Rettung von Juden
riskierten. Bis zum 1. Januar 2005 wurden
insgesamt 20.757 Menschen als „Gerechte“
geehrt, darunter allein 5.874 Polen und 4.638
Niederländer. Lediglich 410 Deutschen und 86
Österreichern wurde die Ehrung bis zu diesem
Stichtag zuteil.
Das „Lexikon der Gerechten unter den Völkern.
Deutsche und Österreicher“, erschienen im
Wallstein-Verlag, stellt knapp 500 Menschen
vor und dokumentiert in Kurzform die Biografien
dieser Retter/innen. Diese haben, ohne
eine materielle Entlohnung zu erhalten – dies
ist ein zentrales Kriterium bei der Vergabe
der Ehrung durch Yad Vashem –, ihr Leben
zur Rettung unschuldiger Menschen riskiert.
„Das überraschendste Merkmal der Retter als
Gruppe ist ihre völlige ‚Normalität‘: Sie waren
[...] ‚normale Menschen‘ – sehr häufig ‚normale
Frauen‘“ (S. 25). Hausfrauen, Soldaten, Kommunisten
gehörten ebenso zu den Rettern wie
Stadtbewohner, Bauern, Kirchenmänner, Konservative
etc.
Bekanntester „Gerechter“ durch Spielbergs
Film „Schindlers Liste“ sicherlich Oskar Schindler.
Aber auch die zahlreichen, meist weniger
prominenten Menschen, die von Yad Vashem
geehrt wurden, werden in diesem Lexikon vorgestellt.
So zum Beispiel die Kölner Edelweißpiraten
Michael Jovy, Jean Jülich und Bartholomäus
Schink, die zwei jüdische Jugendliche
in ihre Organisation aufnahmen und ihnen so
ermöglichten, der Deportation zu entgehen.
Außerdem versteckten die drei Kölner, ohne
finanzielle Entlohnung für die Hilfe anzunehmen,
weitere Personen gegen Ende des Krieges
in einem Keller. Auch Frieda Impekoven gehört
zu den dokumentierten Rettern. Die Frau des
Intendanten des Frankfurter Schauspielhauses
versteckte eine ehemalige Schülerin der Schauspielschule
in ihrer leer stehenden Wohnung
und versorgte sie mit Lebensmitteln. Der aus
Darmstadt stammende Major Karl Plagge
widersetzte sich als Wehrmachtsoffizier in
Wilna der Vernichtungsmaschinerie und rettete
mehrere hundert Juden vor den Mordaktionen
der SS-Vernichtungskommandos. Am 22 . Juli
2004 wurde Plagge mit dem Titel „Gerechter
unter den Völkern“ ausgezeichnet. Zu den Ausgezeichneten
gehören auch der Spanienkämpfer
und spätere Sekretär des „Internationalen
Auschwitz Komitees“ Hermann Langbein
oder der kommunistische Buchenwaldhäftling
Franz Leitner. Julius Natali – um exemplarisch
einen weiteren Österreicher zu nennen – rettete
Juden vor der Deportation, indem er sie in
seiner Werkstatt beschäftigte, falsche Papiere
druckte und Hilfeleistungen für untergetauchte
Verfolgte organisierte. Die Berlinerin
Else Blochwitz, die Zugang zu verschiedenen
leer stehenden Wohnungen hatte und dort
flüchtige Juden versteckte, ist ein weiteres
Beispiel der knapp 500 zusammengetragenen
Kurzbiographien der Retter/innen.
„Jede Rettungsaktion ist die Geschichte eines
großen Wagnisses, das manchmal fehlschlug
und manchmal erfolgreich war. Diese Geschichten
müssen bewahrt werden, denn sie zeugen
von einer heldenhaften humanen Einstellung
einiger Menschen, die nicht bereit waren, sich
Barbarei und Bösem zu beugen“ (S. 14), so die
Herausgeber.
Mit dem vorliegenden „Lexikon der Gerechten
unter den Völkern“ wird diese Erinnerung
bewahrt. Eingeleitet wird das Lexikon durch
eine „Einführung“, die einen Überblick über den
Antisemitismus im Dritten Reich und wesentliche
Fakten zu Yad Vashem und den von dieser
Institution ausgesprochenen Ehrungen liefert.
Zwei Beiträge, einer zu den deutschen und
einer zu den österreichischen Gerechten, ordnen
wesentliche Aspekte der Retterthematik
und führen durch ihren Überblickscharakter in
den personenbezogenen Teil des Lexikons ein.
Leider fehlt ein Ortsregister neben dem bestehenden
Personenregister. Dies würde weitere
Zugänge in das Lexikon ermöglichen.
Die in dieser Publikation dargelegten biographischen
Skizzen können auch als Grundsteine
für die pädagogische Arbeit dienen. Auf jeden
Fall laden sie zum Blättern und Stöbern ein.
Daniel Fraenkel/Jakob Borut: Lexikon der
Gerechten unter den Völkern. Deutsche
und Österreicher. Göttingen: Wallstein Verlag,
2005, 2. Auflage
Thomas Altmeyer
Gedichte aus Ravensbrück
Die Gedichtsammlung „Europa im Kampf 1939-1944" umfasst Gedichte, die 1943/1944
im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück von den beiden Tschechinnen Vlasta
Kladivová und Vera Hozáková zusammengetragen wurden. Die vorliegende Sammlung
besteht dabei aus drei Teilen: dem Gedichtband mit den Texten in den
Originalsprach en, einem deutschsprachigen Band mit den Übersetzungen und
erläuternden Texten sowie einer Hör-CD, auf der Überlebende (z.T. auch deren
Angehörigen) viele dieser Gedichte vortragen. Der Hardcoverband mit den
Originalgedichten ist ein Nachdruck der Sammlung aus Ravensbrück 1944; die Texte
sind handschriftlich aufgezeichnet und mit ein paar Zeichnungen versehen. Allein
diese Gestaltung würdigt bereits die Arbeit von Vlasta Kladivová und Vera
Hozáková, die Gedichte und Lieder aus Russland/ Ukraine, Tschechien, Polen,
Niederlande, Deutschland/Österreich, Frankreich, Belgien, Slowenien, Spanien und
Italien zusammengetragen und aus dem KZ Ravensbrück herausgeschmuggelt haben.
Die CD wurde von Jacob David Pambuch aufgezeichnet und
zusammengestellt; die Vortragenden traf sein Team u.a. im damaligen
SS-Aufseherinnenhaus, einem Ort, den die KZHäftlinge damals nie betreten hatten;
andere Texte wurden in Lidice aufgezeichnet. „Die Gedichte gerieten in dieser
Situation" (und an diesen Orten) „vor unseren Ohren, erneut zu einem Akt der
Auflehnung" (S. 172), schreibt J.D. Pambuch. Sowohl die politischen Texte als
auch die Art des Vortrags sind sehr unterschiedlich; sie sind dezent musikalisch
unterstrichen. „Weil die Frauen den Gedichten Gegenwart und Präsenz verleihen,
haben wir heute, indem wir zuhören, die Möglichkeit, den darin geborgenen
Menschen Gegenwart und Präsenz zu geben" (S. 175). Unter den Vortragenden
befinden sich neben den Überlebenden Stella Nikiforova, Vera Hozáková und Vlasta
Kladivová auch Angehörige von KZ-Insassinnen, wie z.B. Dunya Breur, die Tochter
von Art Breur-Hibma oder Thérèse Hautval, die Schwägerin von Haidi Hautval, um
nur wenige Namen zu nennen. Dass es den Herausgeberinnen gelang, viele Texte
(und auch ein paar andere Lieder/Gedichte, die für Frauen in Ravensbrück damals
eine große Bedeutung hatten) von Überlebenden oder deren Kindern singen/
sprechen zu lassen, bringt uns die Gedichte noch näher, denn hier werden über
die Texte hinaus Emotionen hörbar. Somit gelingt es der Hörerin, aber auch der
Leserin, die Bedeutung der Texte für die inhaftierten Frauen vor Augen zu führen
und greifbar zu machen.
„Europa im Kampf" umfasst sehr unterschiedliche Gedichte, sie
handeln vom Leben und Überleben im KZ, vom Kampf gegen den Faschismus, von der
Sehnsucht nach Familie und Freunden, von Trauer und Wut. Zum Teil wurden diese
Gedichte bereits aus den Heimatländern mitgebracht, andere wurden erst in
Ravensbrück verfasst. Als Bestandteil ihres Überlebenskampfes haben die Frauen
in Ravensbrück sich die Gedichte gegenseitig vorgesprochen oder gesungen.
Constanze Jaiser erläutert die Entstehung dieser Sammlung, die
thematische Zusammenstellung, zeitliche Bezüge und Personenkonstellationen. Sie
hat zu allen Prosatexten kurze oder längere Anmerkungen geschrieben, die oft
wichtige Hintergrundinformationen über die Entstehung der Gedichte enthalten,
die historische Situation, über die Dichterin/den Dichter, über die Bedeutung
von verwendeten Symbolen. An manchen (wenigen) Stellen begibt sie sich in
psychologische Interpretationen, die meiner Meinung nach nicht notwendig gewesen
wären. Die Texte sprechen für sich und jede/jeder kann und wird eine eigene
Interpretation vornehmen.
Am Ende des Buches finden sich Kurzbiografien über die
Dichterinnen und Sprecherinnen; als Information bilden sie eine wichtige
Ergänzung zu den Gedichten und der CD.
An den Anfang des deutschsprachigen Textbuches hat die Autorin
einen Text über die Bedeutung von „Dichten im Konzentrationslager" gestellt. Das
Gedicht im KZ, so Jaiser, will weniger als Kunst verstanden werden, es
„dokumentiert die Ereignisse und die Verbrechen in ihren Auswirkungen auf den
einzelnen Menschen, der seines Menschseins beraubt zu werden drohte" (S. 20).
Jeder Text ist immer auch Hilfe- und Protestschrei.
Die Sammlung der Gedichte erfüllt in jedem Fall die Absicht, die
die Frauen im Konzentrationslager hatten: „Die Gedichte appellieren an ein
zukünftiges verantwortliches Handeln - kraft der Erinnerung an all die
Geschundenen und Ermordeten" (ebd.).
Constanze Jaiser, Jacob David Pambuch (Hrsg.): Europa u
boji. Europa im Kampf 1939-1944. Internationale Poesie aus dem
Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Berlin: Metropol Verlag, 2005
Doris Seekamp
Was wussten die Deutschen?
Ob mit dem professionellen Interesse des Historikers oder der
zweckfreien Neugier des Laien, wer je mit Zeitzeugen über die Jahre zwischen
1933 und 1945 gesprochen hat, wird unweigerlich das Mantra des postnazistischen
Deutschland: „Davon haben wir nichts gewusst!" gehört haben. Eine Behauptung,
die, wie Peter Longerich in seiner jüngst vorgelegten Monografie einleitend
betont, mehr Fragen aufwirft als beantwortet. Schließlich haben nicht erst die
wichtigen Arbeiten von Christopher Browning zu den ganz „normalen Männern" des
Reservebataillons 101, die kontrovers diskutierte Studie zu „Hitlers willigen
Vollstreckern" (Daniel Jonah Goldhagen) sowie die jüngst von Götz Aly
formulierten Thesen von dem in materiellen Interessen basierenden Grundkonsens
in „Hitlers Volksstaat" allen Kritiken zum Trotz deutlich gezeigt, wie schmal
der Grat zwischen Täter/in und Zuschauer/ in, zwischen Indifferenz, Tolerierung,
Befürwortung, Komplizenschaft und unmittelbarer Beteiligung war. Nun
fokussierten diese - und andere - Arbeiten primär auf diejenigen, die sich
direkt an den deutschen Verbrechen beteiligt hatten oder ihre Vorteile daraus
zogen.
Was war aber mit der breiten Masse der Bevölkerung, jenen
Millionen „Volksgenossen", die nicht unmittelbar in den Herrschaftsapparat
eingebunden waren oder von der Verfolgung der Juden profitierten, ja noch nicht
einmal zur ideologisch gefestigten Massenbasis im engeren Sinne zählten? Der am
Royal Holloway College in London tätige Historiker Peter Longerich hat sich der
keineswegs leicht zu bewältigenden Aufgabe gestellt, zu ergründen, welche
Kenntnis die deutsche Bevölkerung von der Judenverfolgung hatte und wie sie
darauf reagierte. Damit wird ein zentraler Aspekt, nicht nur der Holocaust
Forschung, sondern der deutschen Gesellschafts und Mentalitätsgeschichte
insgesamt angeschnitten, nämlich die „brennende Frage", welche „Basis die
Verfolgung der Juden in der deutschen Bevölkerung hatte". Fand sie „breite
Zustimmung, ja entsprach sie möglicherweise dem Willen breiter
Bevölkerungskreise?" (S. 7f) Um der Frage nach Kenntnis und Reaktion der
Deutschen nachzugehen, analysiert Longerich ein breites Spektrum von Quellen, zu
denen in erster Linie die Protokolle der täglichen Konferenzen des
Propagandaministeriums, die dort herausgegebenen Presseanweisungen, die
Goebbels-Tagebücher sowie nicht weniger als zwei Dutzend regionale und
überregionale Zeitungen gehören. Ergänzend wurden die von verschiedenen
NS-Organisationen produzierten Stimmungs- und Lageberichte zur „Judenfrage"
ausgewertet. Um die durch diese Quellen vorgegebene regimeinterne Perspektive um
einen zwar nicht neutralen, so aber zumindest nichtnazistischen Blickwinkel zu
erweitern, wurden zudem die Deutschland-Berichte des exilierten Vorstands der
Sozialdemokratie (SOPADE) nebst einigen publizierten Tagebuchaufzeichnungen und
Briefe herangezogen.
Auf dieser Grundlage schildert Longerich in einer
chronologischen Darstellung die je nach Zeitpunkt und politischem Kalkül zwar
unterschiedlich intensiven, nach lokalen oder medienspezifischen Besonderheiten
ausgerichteten, immer aber präsenten Formen und Inhalte der antijüdischen
Propaganda in Presse, Rundfunk, Wochenschauen und Spielfilm. Wenig Zweifel
können danach (noch) daran bestehen, dass die Mehrheit der Deutschen im Bilde
war, welches Schicksal die „nach dem Osten" deportierten Juden zu erwarten
hatten. Zwar schwieg sich die offizielle antijüdische Propaganda wohlweislich
über genaue Details der antijüdischen Maßnahmen aus, die vom Regime betriebene
„Politik gezielter Andeutungen" (S. 209) machte indes jedem, der es wissen
wollte, unmissverständlich klar, dass es sich bei der von Hitler und anderen
ranghohen Nazis seit Anfang 1939 offen angekündigten „Vernichtung der jüdischen
Rasse in Europa" um ein konsequent realisiertes Mordprogramm in gigantischem
Ausmaß handelte.
Mehr noch: Die im letzten Kriegsabschnitt praktizierten
Versuche, die Bevölkerung über die Mitwisserschaft an den Verbrechen und die
Ankündigung von Vergeltungsaktionen durch die Alliierten enger an das moribunde
Regime zu binden („Kraft durch Furcht"), setzte ein gewisses Grundwissen über
die Vorgänge sogar zwingend voraus. Ohne Frage ist mit Blick auf die
antijüdische Propaganda festzuhalten, dass der Satz „Davon haben wir nichts
gewusst" richtig lauten müsste: „Davon haben wir nichts wissen wollen."
Methodisch und quellenbedingt ungleich schwieriger ist dagegen die Frage nach
den Reaktionen der Bevölkerung auf die Verfolgung der Juden zu beantworten.
Sicher ist Longerich zuzustimmen, wenn er darauf hinweist, dass die vom
Nazi-Regime unternommenen Kampagnen zur Lenkung der „Volksmeinung" kaum nötig
gewesen wären, wenn es in der Bevölkerung so etwas wie einen
radikal-antisemitischen Konsens gegeben hätte. Allerdings ist damit genau so
wenig wie mit kurzschlüssigen Schlüssen von der gewünschten auf die erzielten
Wirkung von Propagandabotschaften etwas über die „wirkliche" Haltung der
Deutschen gesagt. Und gerade hierbei zeigen sich die Schwierigkeiten der von
Longerich herangezogenen Quellen.
Selbst wenn man mit dem Autor davon ausgeht, dass die
berichtführenden Instanzen ohnehin nicht an einer realitätsgerechten
demoskopischen Berichterstattung interessiert waren, sondern in erster Linie die
Reaktionen der Bevölkerung auf die antijüdische Politik protokollierten, ist
unverkennbar, dass sie sich recht schwer mit präzisen Aussagen über das Ausmaß
ablehnender wie zustimmender Haltungen taten. Angesichts der Radikalität der
Gegenmaßnahmen und der Gefahr, von Spitzeln oder Denunzianten verraten zu
werden, war an eine öffentliche geäußerte Grundsatzkritik kaum zu denken, so
dass allenfalls Kritiken an einzelnen Aspekten dokumentiert werden konnten.
Zudem waren den nazistischen Beobachtern jene privaten Nischen, die sich
jenseits der „Volksgemeinschaft" erhalten konnten und in denen Kritik offen
geäußert werden konnte, nur eingeschränkt zugänglich. Auch musste etwa die
zurückhaltende Bewertung der „Rassengesetze", die Nichtteilnahme oder gar
explizite Ablehnung antijüdischer Maßnahmen durch die Bevölkerung wenig mit
Solidarität mit den Verfolgten zu tun haben, sondern konnte in handfesten
materiellen Erwägungen, dem Beharren auf fest gefügten Traditionen begründet
liegen oder schlicht ein Mittel sein, die Unzufriedenheit in anderen Fragen zum
Ausdruck zu bringen.
Immerhin war der Antisemitismus in Deutschland vor 1933
keineswegs ein unbekanntes Phänomen geschweige denn, dass er erst durch die
Machthaber von oben herab verordnet werden musste. So bezogen sich die
registrierten Kritiken oft primär auf die Form und die Brutalität, nicht aber
auf den Inhalt der durchgeführten antijüdischen Maßnahmen.
Unter dem Strich rekonstruiert Longerich auf der Basis der
ausgewerteten Berichte eine breite Palette von möglichen Verhaltensweisen, die
im Kern das Bild bestätigen, dass auch andere Studien gezeichnet haben: Im
Großen und Ganzen war die Haltung der Deutschen zum Schicksal der Juden von
Desinteresse und Passivität gekennzeichnet, während fanatische Zustimmung,
insbesondere aber Solidarität, offene Kritik oder gar Widerspruch (um von
Protest und Widerstand gar nicht zu reden) die Sache einer Minderheit war. Die
„sichtbar zur Schau getragene Indifferenz und Passivität" sei aber, so die
abschließende Bilanz, nicht mit „bloßem Desinteresse an der Verfolgung" zu
verwechseln, sondern als „Versuch" zu deuten, „sich jeder Verantwortung für das
Geschehen durch ostentative Ahnungslosigkeit zu entziehen" (S. 328).
Peter Longerich: „Davon haben wir nichts
gewusst!“ Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933–1945. München: Siedler,
2006
Sven Steinacker
Die Völker klagen an
Im Herbst 1945 eröffnete das Internationale Militärtribunal (IMT),
welches aus Vertretern der vier Siegermächte USA, Sowjetunion, Großbritannien
und Frankreich bestand, ein Strafverfahren gegen die noch lebenden, führenden
Vertreter des NS-Regimes. Angeklagt waren 24 Männer wegen Verschwörung gegen den
Frieden, Führung eines Angriffskrieges, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen
die Menschlichkeit.
Der Prozess, der in Berlin startete und dann in Nürnberg
fortgesetzt wurde, versuchte, die hauptverantwortlichen Funktionsträger des
Regimes strafrechtlich für die im NS begangenen Verbrechen zu belangen. Diese
Prozesse, die auch in der Öffentlichkeit eine Aufarbeitung der
nationalsozialistischen Verbrechen bewerkstelligen sollten, gingen unter dem
Namen „Nürnberger Prozesse" in die Geschichte ein.
Anlässlich des 60. Jahrestags der Prozesseröffnung 1945 sind
eine Reihe von Büchern erschienen, die sich verschiedenen Aspekten dieses
Prozesses widmen. Eines davon ist das Buch „Die Völker klagen an. Der Nürnberger
Prozess 1945-1946" von Prof. Dr. Klaus Kastner. Kastner - bis 2001 Präsident des
Landgerichts Nürnberg-Fürth und Inhaber einer Honorarprofessur für
Rechtswissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg - präsentiert in seinem
Buch eine detaillierte Übersicht über die Nürnberger Prozesse. Dabei werden
sowohl Ansätze zu einer strafrechtlichen Aufarbeitung der Verbrechen des Zweiten
Weltkrieges dargestellt, als auch ein Gesamtbild des Verlaufs der
Gerichtsprozesse gegen die führenden NSFunktionäre wiedergegeben.
Das Buch beginnt mit einem völkerrechtlichen Diskurs über den
Krieg. Dabei erfolgt die Feststellung des Autors, dass Krieg ein historisch
überall belegbares Phänomen für die ultima ratio der Politik sei. Im Weiteren
schließt sich eine Darstellung der jeweiligen zeitgenössischen Wertungen des
Krieges an: vom ‚gerechten Krieg' bis zur Ausweitung der generellen
Kriegsbefugnis machiavellianischer Prägung. Diese besagt, dass die Souveränität
der Staaten alles rechtfertige und sieht Krieg als moralisch legitimes Mittel
an. Eine Abkehr von dieser Sichtweise, die sich spätestens im 17. Jahrhundert
durchgesetzt hatte, erfolgte erst im Deutsch Französischen Krieg mit der „Haager
Landkriegsordnung".
Aus dem Versuch, den Ersten Weltkrieg strafrechtlich
aufzuarbeiten und einen neuen Weltkrieg zu verhindern, wurde schließlich der
Völkerbund gegründet und bestehende Ansätze des Völkerrechts ausgebaut, denen
letztlich auch das Deutsche Reich verpflichtet war. Diese Einleitung Kastners
schafft den Hintergrund der Gerichtsbarkeit der Verbrechen im
Nationalsozialismus. Zwar waren die Verbrechen des NS-Regimes einerseits durch
positives Recht gedeckt oder begünstigt worden (vgl. die Nürnberger
Rassengesetze), andererseits verstießen diese gegen die bestehenden Ansätze des
Völkerrechts. Hier zeigt sich klar das Missverhältnis von Recht und Legitimität,
da sich die Funktionsträger für ihr illegitimes Handeln als Täter im NS-System
immer wieder positiven Rechts bedienen konnten.
Mit den Nürnberger Prozessen wurden zum ersten Mal in der
Geschichte Personen individuell für Kriegsverbrechen strafrechtlich zur
Verantwortung gezogen und so ein Grundstein für die juristische Aufarbeitung des
Nationalsozialismus gelegt. Kastner legt in seinem Buch großen Wert auf diese
juristische Einbettung des Verfahrens und gibt damit mehr als nur einen
deskriptiven Abriss der Prozesse wieder. Das Internationale Militärtribunal
(IMT) versuchte ein nach angelsächsischen Grundsätzen organisiertes
Strafverfahren durchzuführen, in welchem Vertreter der vier Alliierten eine
Anklage gegen Hauptfunktionsträger des NSSystems verhandelten. Hauptinitiator
des IMT waren die USA, weshalb dieser Prozess nicht in der ehemaligen
Reichshauptstadt Berlin, sondern in Nürnberg in der Amerikanischen Zone
stattfinden sollte. Beweisgrundlage waren neben Zeugenaussagen vor Gericht,
eidesstattliche Erklärungen von Opfern und Zeugen der NS-Verbrechen, sowie
zahlreiche Dokumente über Regierungshandlungen während der NSZeit, die z.T. von
den angeklagten Funktionsträgern selbst unterzeichnet waren.
Das Buch gibt eine minutiöse Beschreibung der Anklagepunkte und
der Verteidigungsstrategie der Angeklagten wieder. Nicht nur durch Bilder der
Gerichtsfotografen, sondern auch durch Abdrucken wörtlicher Reden wird die
Atmosphäre im Gerichtssaal, aber auch in der Stadt Nürnberg gut nachgezeichnet.
Die Anklage ließe sich mit den Tatbeständen „Entfesselung eines
Aggressionskrieges" und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit" kurz
zusammenfassen. Hierbei berief sich die Verteidigung wiederholt darauf, nur auf
Befehl Hitlers gehandelt zu haben, bzw. von den Verbrechen des
Nationalsozialismus nichts gewusst zu haben. Angesichts einer biologistischen
Ideologie, die auf Vernichtung ausgelegt ist und die nicht nur durch
Funktionsträger alltäglich propagiert wurde, eine leicht zu durchschauende
Farce.
Kastner gibt in seinem Buch die jeweiligen Antworten der
Staatsanwälte und der Vorsitzenden Richter auf jene Verteidigungsstrategie
ebenso wieder, wie auch die Beweise, die gegen die Angeklagten sprechen.
Letztlich wurde ein Teil der „braunen Elite" durch das IMT
aufgrund der erbrachten Beweislage zum Tode oder zu lebenslangen
Freiheitsstrafen verurteilt, ein weiterer Teil wurde freigesprochen. Die
Nürnberger Prozesse waren so Teil einer Entnazifizierung, die in vollem Maße nie
stattgefunden hat: Zum Einen, weil vielen Funktionsträgern der Prozess nicht
gemacht wurde oder werden konnte und diese in der BRD einen Teil der neuen Elite
bilden konnten. Zum Anderen, weil eine Entnazifizierung noch weitaus größere
Ausmaße hätte annehmen müssen: Da jedoch schon die Nürnberger Prozesse als
„Siegerjustiz" betitelt wurden, dürfte klar sein, wie die Bevölkerung darauf
reagiert hätte. Sich herleitend aus nullum crimen, nulla poena sine lege, d.h.
kein Verbrechen, keine Strafe ohne Gesetz, ergibt sich für den Autor die
Notwendigkeit eines allumfassenden Völkerrechts. Rechtsstaatliche Grundsätze
müssen nach Auffassung Kastners in Form des Völkerrechts positives Recht werden
- auch dies ist eine Lehre aus dem Nationalsozialismus. Eine juristische
Instanz, die Völkerrecht international durchzusetzen vermag, wäre der
Internationale Strafgerichtshof.
Klaus Kastner: Die Völker klagen an. Der Nürnberger
Prozess 1945–1946. Darmstadt: Primusverlag, 2005
Benjamin Huhn
Comics über Widerstand und Verfolgung
Dass Widerstand und Verfolgung durchaus ein Thema für Comics sein
kann, wurde bereits vor 20 Jahren von Art Spiegelman mit seinem Werk „Maus"
gezeigt. Auch in jüngster Zeit sind einige Comicbände erschienen, die das Thema
zeichnerisch und erzählerisch aufgreifen und bearbeiten. Drei dieser Werke
sollen im folgenden vorgestellt werden.
Besonders auf Jugendliche zielt das von Eric Heuvel gezeichnete
Comic „Die Entdeckung". In dem in verschiedenen Übersetzungen erschienen Werk
stöbert Jeroen auf dem Dachboden seiner Großmutter und entdeckt dort Tagebücher
und Zeitungsschnipsel aus den 1930er und 1940er Jahren sowie einen Davidstern -
ein Anlass um mit seiner Großmutter Helena ins Gespräch über die Zeit des
Dritten Reiches in den Niederlanden und die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung
zu sprechen. Seine Großmutter berichtet ihm über ihre Erlebnisse in dieser Zeit
und ihre Freundschaft zu dem jüdischen Mädchen Esther, das aus Deutschland nach
Amsterdam geflüchtet war. Jeroen erfährt durch ihre Erzählungen auch einiges
über das Verhalten seiner Familie: Sein Urgroßvater war Polizist und Mitglied
der niederländischen Nazi-Partei NSB. Theo, ein Bruder seiner Großmutter,
kämpfte als Freiwilliger einer niederländischen Einheit in Russland. Der andere
Bruder, Wim, tauchte unter und beteiligte sich - wie auch Jeroens Großmutter -
am antinazistischen Widerstand.
Dem Zeichner Heuvel gelingt es, die wichtigsten Stationen der
niederländischen Geschichte während Mitte des vergangenen Jahrhunderts zu
skizzieren und stellt dabei die Themen Diskriminierung, Zivilcourage und
Widerstand in den Mittelpunkt der Erzählung. Die Darstellung des Widerstandes
geschieht in einer realistischen und nicht mythisierenden Weise. Selbst die
Liquidation eines Verräters durch Widerstandskämpfer wird nicht verschwiegen.
Sowohl die Art der Zeichnung also auch Handlung und beteiligte Charaktere sind
auf junge Leser zugeschnitten: Die Hauptdarsteller sind auf beiden Erzählebenen
der Geschichte Jugendliche. Auch dass „Die Entdeckung" zeichnerisch an die
bekannte Comicstrip-Serie „Tim und Struppi" erinnert, dürfte den
Lesegewohnheiten von Jugendlichen entsprechen. Dass die Geschichte mit einem
Happy End endet und Jeroen die für tot geglaubte Esther wiederfindet, dürfte
diesen ebenfalls entgegen kommen. Heuvels Werk ist damit sicher ein Comic, das
auch für die pädagogische Arbeit geeignet ist. Von den Herausgebern wurde daher
auch eine pädagogische Handreichung erarbeitet, die verschiedene
Unterrichtsmodule, wie Zuordnungs- bzw. Rechercheaufträge, Rollenspiele u.v.m.
vorschlägt.
Das Comic „Yossel - 19. April 1943" von Joe Kubert bildet künstlerisch quasi den
Gegenpol zu Heuvels buntem, schön gezeichnetem und leicht zugänglichem Werk.
Kubert verzichtet nicht nur auf Farbzeichnungen, sondern belässt es bei
Bleistiftzeichnungen, begleitet von zahlreichen, relativ klein gedruckten
Rahmentexten. Im Gegensatz zum oben genannten Werk verzichtet der Zeichner hier
zudem auf ein Happy End.
Ausgangspunkt für sein Comic ist Kuberts Familiengeschichte. Die
jüdischen Eltern des amerikanischen Comic-Zeichner sind 1926 aus Ytzeran in
Ost-Polen emigiriert. „Wären meine Eltern nicht nach Amerika gekommen", so
Kubert, „dann hätte uns dieser Mahlstrom eingefangen, eingesaugt und
verschlungen, mit den Millionen anderen, die jetzt verloren sind." (S.6) Kubert
fragt nach dem „was wäre wenn" und beantwortet diese Frage, aufbauend auf
Erzählungen seiner Eltern, Überlebender und historischen Informationen, in Form
eines Comics. „Es ist ein Werk der Fiktion, basierend auf dem Alptraum der
Fakten. Es gibt für mich keinen Zweifel, dass das [...] hätte geschehen können."
(S. 7)
Im Zentrum der graphic novel steht der Jugendliche Yossel, der mit seiner
Familie ins Warschauer Ghetto deportiert wird und dort den grauenvollen Alltag
des Ghettos erleben muss. Allein seinen Zeichenkünsten, die auch von den Nazis
geschätzt wurden, verdankt Yossel, dass er nicht wie seine Familie ins
Vernichtungslager Auschwitz deportiert wird. Yossel schließt sich einer Gruppe
aufständischer jüdischer Jugendlicher an und begegnet einem aus Auschwitz
geflüchteten Rabbi, der die brutale Realität des Vernichtungslagers schildert.
Daraufhin beschließen Yossel und seine Freunde aktiv zu werden: „ ,Das Ghetto
beherbergt Tausende von uns Juden, Yossel. Wir sind alle für die Öfen bestimmt.
Wenn wir anderen zeigen, wie man es macht, werden sie sich uns anschließen.'
‚D-Das ist der einzige Weg. Wir müssen handeln.' "(S. 92)
Kubert hat mit "Yossel - 19. April 1943" ein sehr gelungenes Werk über die
Verfolgung durch den Nationalsozialismus und den Widerstand dagegen vorgelegt.
Nicht nur die spannende Erzählweise zieht den Leser in seinen Bann, auch die
Darstellungsweise Kuberts zeichnet dieses Werk aus. Die Protagonisten des Comics
werden alles andere als oberflächlich dargestellt. Gefühle von Trauer, Angst und
Wut werden ebenso zugelassen wie das Trauma der Vernichtungslager. Deutlich wird
dies beispielsweise durch den Rabbi, der nach der Flucht aus Auschwitz
traumatisiert ist: „Kein Rebbe mehr. Kein Thora mehr. K-Kein Unterricht mehr.
Ich habe Dinge gesehen ... D-Dinge getan. Ich habe gelernt. Es gibt keinen Gott"
(S. 84). Auch Yossel muss die erlebten Brutalitäten in seinen Zeichnungen
verarbeiten. "Ich bannte die Bilder aufs Papier, die durch meinen Kopf
schwirrten. Sie verblassten schnell, um von neuen Bildern ersetzt zu werden. Ich
sah die Verkörperung von Grausamkeit und Tod in einer grauen Uniform, die ein
Hakenkreuz trug. Eine Frau, die ein Kind trug, vom Obergeschoss eines brennenden
Gebäudes geschleudert. [...] In mein Hirn eingegraben waren die gequälten Minen,
die sich in die Züge derer prägten, die rannten, aber keinen Ort mehr hatten,
wohin sie hätten fliehen können" (S. 112). Darüber hinaus werden die diversen
Überlebensstrategien in den Konzentrationslagern ohne Wertungen aufgezeigt, und
auch die Widerstandsaktivisten werden nicht zu mythischen Helden verklärt.
Besonders wohltuend ist, dass Kubert nicht versucht, den
Alptraum der Konzentrationslager quasi fotografisch in seinen Zeichnungen
wiederzugeben: Bewusst verzichtet er hierauf - seine Erzähl- und
Zeichenstrategie unterstreicht dies: Auschwitz wird nicht von Yossel erlebt,
sondern er bebildert für sich die Erzählungen des Auschwitzflüchtlings:
„Unbemerkt zeichnete ich, während er sprach. Ich musste zeichnen, damit sich die
Bilder in meine Vorstellung absenkten. Damit ich die Bilder sehen konnte."
„Yossel - 19. April 1943" ist demnach ein sehr spannendes und
lesenswertes Comic, das Lust macht, sich auf die Spuren des oft venachlässigten
jüdischen Widerstandes und des Warschauer Ghettoaufstandes zu begeben. Während
Heuvel und Kubert den Fokus in ihren Comics auf die Entstehung und
Radikalisierung der Verfolgung der Juden legen und den Widerstand dagegen
porträtieren, steht in Pascal Crocis Werk „Auschwitz" der Alltag im
Vernichtungslager Auschwitz im Zentrum der Aufmerksamkeit.
Ausgangspunkt der Erzählung Crocis ist die Flucht der beiden
Hauptpersonen Kazik und Cessia in den Bürgerkriegswirren Anfang der 1990er Jahre
in Jugoslawien. Auf dieser Flucht erzählen sich beide erstmals ihre Erlebnisse
aus Auschwitz. Kaziks Erzählung setzt mit der Deportation und der Ankunft in
Auschwitz ein und berichtet vom grauenhaften Lageralltag, der durch die
Brutalität der mordenden Wachmannschaften und der brutalen Kapos geprägt ist. Um
seine Frau und seine Tochter wieder zu sehen, meldet sich Kazik freiwillig für
ein Sonderkommando, dass die Leichen aus der Gaskammer räumt. Dort findet er
seine Tochter, die als Einzige die Gaskammer überlebt hat. Damit spielt Croci
auf das Überleben eines Mädchens an, wie es von Christian Bernadac in seinem
Buch „Les Mannequins nus" geschildert wurde. Im Mittelpunkt des Berichtes von
Cessia, Kaziks Frau, stehen die letzten Tage des Lagers kurz vor der Befreiung.
Interessant an Crocis Werk ist die Wahl zweier Perspektiven, um
das Vernichtungslager Auschwitz darzustellen. So können unterschiedliche
Sichtweisen und Erfahrungen verschiedener Häftlinge innerhalb des Lagerlebens
dargelegt werden. Unerklärlich ist jedoch, warum Croci der (männlichen)
Darstellung Kaziks eine ungleich größere Bedeutung zumisst als der seiner Frau.
Während Kazik auf 45 Seiten den Lageralltag schildern darf, widmen sich 15
Seiten der Erzählung von Cessia und die von ihr dargestellten Leere und
Unbegreiflichkeit des Erlebten. „Mein Hauptanliegen dabei war - wichtiger noch
als die Rekonstruktion von historischen Fakten -, jede Form von Voyeurismus zu
vermeiden [...]. Aus dem gleichen Grund gibt es keine visuelle Repräsentation
der Verbrennungsöfen", so erläutert der Zeichner Croci sein Anliegen im Anhang
des Buches. Dementsprechend bemüht sich der Zeichner auch, den eigentlichen
Todesmoment aus dem Bild auszublenden. Gewöhnungsbedürftig sind seine
Zeichnungen dennoch. So erinnern diese an Szenen aus Horror- und Splatterfilmen.
So wird bereits auf S. 9 ein Häftling, der gerade ein Baby in der Hand hält, von
hinten erschossen
- die Flugbahn der Kugel kann der Leser noch sehen. Auch
gleichen sich beispielsweise der Augenausdruck der Täter und Opfer in manchen
Zeichnungen so sehr, dass der Ausdruck von Wut und Angst nahezu identisch sind.
Im Gegensatz zu Heuvel, der auf die bildliche Darstellung der
Konzentrationslager verzichtet, und Kubert, der die Darstellung des
Konzentrationslagers auf intelligente Weise bricht, will Croci mit seinen
Zeichnungen das Lager dokumentieren und abbilden.
Nicht unproblematisch ist zudem die von Croci gewählte
Aktualisierung, indem er als Rahmenhandlung den Jugoslawienkonflikt wählt und
damit zwei quantitativ und qualitativ verschiedenartige Verbrechen
parallelisiert.
Mit Heuvels „Entdeckung", Kuberts „Yossel" und Crocis
„Auschwitz" liegen drei Comic-Erzählungen zum Thema Nationalsozialismus vor, die
in Erzähl- und Zeichenweise sehr verschieden sind. Am überzeugendsten und
künstlerisch das wohl gelungenste Werk ist hiervon sicherlich „Yossel". Von den
pädagogischen Einsatzmöglichkeiten und Jugendlichen als Zielgruppe her gesehen,
ist aber auch das Comic „Die Entdeckung" zu empfehlen. Crocis „Auschwitz" kann
trotz der gewissenhaften Recherche des Autors weder mit diesen pädagogischen
Qualitäten, noch mit der erzählerischen Dichte und künstlerischen Konzeption von
Yosell mithalten. Es ist damit von den drei besprochenen Comicbänden das
schwächste Werk.
Eric Heuvel: Die Entdeckung, 2003 Eric Heuvel:
Auf Entdeckung. Arbeitsheft für die Oberstufe, 2005 Joe Kubert: Yossel – 19.
April 1943. Eine Geschichte des Aufstands im Warschauer Ghetto. Köln: Ehapa,
2003 Pascal Croci: Auschwitz – Eine Graphic Novel. Köln: Ehapa, 2002
Thomas Altmeyer
Der unwerte Schatz
Zunächst fiel es mir schwer, mich in den Roman „Der unwerte Schatz"
von Tino Hemmann hineinzulesen. Die Sprache und der Wechsel der Perspektive des
Erzählens und die Einschübe der historischen Ereignisse haben mich beim Lesen
gestört. Doch schon nach kurzer Zeit waren die Ereignisse so spannungsreich,
dass ich unbedingt das Buch in einem „Atemzug" durchlesen wollte.
Hugo, der während der Geburt seinen Zwillingsbruder verliert,
ihn aber als sein zweites ich, als Fritz, betrachtet, gerät durch seine
gespaltene Persönlichkeit in die Aussonderungsmechanismen des auf Rassehygiene
bedachten NS-Staates. In seiner Familie erfährt er keine Zuneigung, wird in
einem dunklen, fensterlosen Raum von der restlichen Familie isoliert. Der für
seine Umwelt verhaltensauffällige Hugo überlebt zunächst nur, weil er durch
seine schnelle Auffassungsgabe und Intelligenz in der Schule anerkannt wird.
Immer wieder in seinem kurzen Leben finden sich Menschen, die ihm helfen wollen.
Sie scheitern aber letztendlich alle am System des NS-Staates.
Für mich am beeindrucksten ist die Beschreibung des
wissenschaftlichen Interesses der Ärzte an ihrem Opfer geraten. Die Verfolgung
des Kindes Hugo Hassel durch seine Peiniger zieht sich durch wie ein roter
Faden, von seiner Einschulung bis zu seinem Tod in der Gaskammer der ehemaligen
Anstalt Pirna-Sonnenstein. Die Spannung erreicht der Autor dadurch, dass man
zwischendurch immer wieder glaubt, jetzt hat es der kleine Junge geschafft und
kann als ganz „normales" Kind weiterleben. Immer wieder holen ihn jedoch die
Schergen der NSMedizin ein, um endlich an sein Gehirn zu kommen, von dessen
Untersuchung sie sich besondere Erkenntnisse erhoffen. Der Mensch dient als
medizinisches Versuchsobjekt, nicht freiwillig, sondern von Staats wegen
angeordnet. Der Bürokratie und dem barbarischen Forschungsinteresse kann Hugo
nicht entfliehen. Ebenfalls nicht entfliehen können die Menschen, die ihm helfen
wollten und gut zu ihm waren. Fast alle von ihnen wurden denunziert und sind im
Krieg umgekommen.
Der Autor hat sich kenntnisreich mit der Geschichte der
„Euthanasie", insbesondere der Kinder-„Euthanasie", der NS-Zeit
auseinandergesetzt. Viele Facetten des Romans sind mir aus Lebensgeschichten von
Betroffenen, von denen die Eltern oder Geschwister getötet wurden, bekannt. Es
sind die hier genau beschriebenen zwischenmenschlichen Katastrophen, die eben
nicht in den Paragraphen der damaligen Gesetze und Anordnungen zu fassen sind,
die den Lebensweg des kleinen Hugo bestimmen. Das stilistische Mittel des
Einschubs der historischen Abläufe, hat im Nachhinein seine Berechtigung für den
Lesenden. Es hilft, den Roman mit seinen Handlungssträngen besser zu verstehen.
Bedauerlich ist, dass die redaktionelle Überarbeitung des Textes
nicht gründlich genug war. Die sprachlichen Nachlässigkeiten sind beim Lesen
ärgerlich. Und inhaltliche Fehler wie „Georg Eisler" (S. 242) anstatt Georg
Elser als Attentäter auf Hitler zu benennen, ist nicht mit redaktionellem Stress
zu entschuldigen.
Trotz dieser kleinen „Mängel" hat Tino Hemmann mit seinem Roman
„Der unwerte Schatz" ein wichtiges Buch vorgelegt, weil man einen Einblick in
das funktionierende NS-System mit all seinen menschenverachtenden Grausamkeiten
erfährt. Es gibt nur sehr wenige Lebensgeschichten, Berichte und wie hier einen
Roman zum Thema „Euthanasie" (oder auch zum Thema Zwangssterilisation). Dieser
Themenkomplex interessiert unsere heutige Gesellschaft leider viel zu wenig.
Tino Hemmann: Der unwerte Schatz. Wider dem Vergessen –
ein Roman über die Kinder-Euthanasie im NS-Staat. Roman einer Kindheit. Leipzig:
Engelsdorfer-Verlag, 2005
Margret Hamm
Völkermord in Köln – Eine Studie zur Verfolgung von
Zigeunern im Rheinland
Nicht nur wer die mit antiziganistischen Klischees und Vorurteilen gespickte
Berichterstattung der Kölner Boulevardpresse über die angeblich überhand
nehmenden Taschendiebstähle der als »Klau-Kids« diffamierten Roma Kinder sowie
die nahtlos daran anknüpfende ausländerfeindliche Stimmungsmache der rechten
„Bürgerbewegung pro Köln e.V." in den letzten Jahren verfolgt hat, wird sich dem
Geleitwort des Direktors des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln zur
vorliegenden Publikation ohne Weiteres anschließen können. „Ein dreifaches
Schicksal prägte und prägt das Leben der Sinti und Roma in Deutschland. Der
rassistischen Erfassung und dem Völkermord an den Zigeunern in der NS-Zeit ging
eine über Jahrhunderte dauernde Tradition von Ausgrenzung und Verfolgung voraus
und schloss sich nach 1945 eine Fortsetzung ihrer Diskriminierung an" (S. 7).
Vor dem Hintergrund dieser Kontinuitätslinien untersuchen Karola Fings und Frank
Sparing in ihrer Studie die Hintergründe, Strukturen, Entwicklungsetappen und
Folgen der Verfolgung der von den Nazis als „Zigeuner" klassifizierten Menschen
in Köln.
Mit ihrer äußerst kenntnis- und detailreichen Studie haben sie,
um die positive Bilanz an dieser Stelle gleich vorweg zu nehmen, nicht nur einen
Beitrag zur Stadtgeschichte der Rheinmetropole vorgelegt, sondern auch die
bislang eher übersichtliche Forschungslandschaft zur Zigeunerpolitik des
NS-Regimes um einen wichtigen Bestandteil ergänzt, an dem sich künftige Studien
werden messen lassen müssen.
Wer hinter dem Titel „Die nationalsozialistische
Zigeunerverfolgung in Köln" eine thematisch und räumlich eng begrenzte
Lokalstudie vermutet, wird schnell eines Besseren belehrt. Und dies bezieht sich
nicht nur auf den mit über 500 Seiten stattlichen Umfang der vorgelegten
Monografie. Auch die vorbildliche methodische Konzeption überzeugt. So
beschränkt sich die Untersuchung geografisch keineswegs auf das Gebiet der
Kernstadt Köln, sondern richtet den Blick - je nach dem, welche
Verfolgungsinstanz untersucht wird - auch auf den umliegenden Regierungsbezirk
bzw. den NSDAP-Gau Köln-Rheinland oder bezieht sich auf die nächst höhere
Verwaltungseinheit (d.h. auf die Ebene der preußischen Rheinprovinz oder auf die
Reichsebene). Durch diesen Fokus wird es möglich, die am Kölner Beispiel
gewonnen Befunde komparativ in einen größeren Rahmen einzuordnen, sie mit den
Ergebnissen vorliegender Studien abzugleichen und die Frage nach Unterschieden
und Gemeinsamkeiten zu anderen Regionen beantworten zu können. Hierbei zeigt
sich, dass die Stadt Köln in mancherlei Hinsicht eine unrühmliche Vorreiterrolle
bei der Zigeunerpolitik des NS-Regimes einnahm. Das im Mai 1935 auf Initiative
der Stadtverwaltung in Köln-Bickendorf errichtete „Zigeunerlager" beispielsweise
ging nicht nur auf seit 1929 laufende Überlegungen lokaler Behörden zurück,
sondern war auch die erste Einrichtung dieser Art im Deutschen Reich, die eine
Art „Pilotcharakter" (S. 68) für das Vorgehen in anderen Kommunen hatte.
Auch in anderer Hinsicht erweist sich die komparative
Perspektive als fruchtbar. Dort, wo es notwendig und sinnvoll ist, vergleichen
Fings und Sparing die Situation der als Zigeuner verfolgten Menschen mit dem
Schicksal anderer Minderheiten in der nazistischen Diktatur. Ausdrücklich wenden
sich die Autorin und der Autor gegen Interpretationen, die davon ausgehen, dass
es sich bei der Verfolgung der Zigeuner im Gegensatz zur Vernichtung der
europäischen Juden nicht um einen Völkermord gehandelt habe. Dass von den rund
1.600 Zigeunern, die im Zugriffsbereich der Kölner Kriminalpolizeileitstelle
lebten, drei Viertel deportiert und in den meisten Fällen ermordet wurden,
belegt eindeutig, dass die Machthaber den Genozid an den Zigeunern auch ohne das
Vorliegen einer eindeutigen Befehlsgrundlage nicht nur geplant hatten, sondern
ihn auch in die Tat umsetzten. Auch kann angesichts dieser Zahlen keine Rede
davon sein, dass eine zahlenmäßig große Gruppe von der Deportation resp.
Ermordung verschont geblieben sei, zumal auch diejenigen, die der Verschleppung
entgehen konnten, unter ein rigides Sonderrecht gestellt wurden, von
Zwangssterilisationen betroffen waren und unter permanenter Furcht leben
mussten. Obwohl kein exakt formuliertes Programm vorlag und die nazistische
Zigeunerpolitik keineswegs frei von Widersprüchen war, ergab sich aus der
Verbindung „traditioneller Zigeunerbekämpfung und rassistischer
Vernichtungsutopie" jene „Dynamik, die unter den Bedingungen des Krieges in
einem arbeitsteiligen Völkermord kulminierte" (S. 388). Die Darstellung der
konkreten Verfolgungsetappen folgt weitgehend einer, die Zeiträume vor 1933 bzw.
nach 1945 übergreifenden chronologischen Struktur, wobei die insgesamt neun
Kapitel die phasenweise Radikalisierung der Verfolgung nachzeichnen. In einer
hier nicht ansatzweise wiederzugebenden Dichte wird das Vorgehen der beteiligten
Instanzen, ihr Zusammenspiel sowie die Dynamik im Verhältnis von lokaler Praxis
und reichsweiten Vorgaben in den Blick genommen.
Detailliert arbeiten Fings und Sparing heraus, dass bis zum Ende
der 1930er Jahre vor allem lokale Instanzen eine wesentliche Rolle bei der
Verfolgung der Zigeuner einnahmen. Eine besondere Qualität erhielt der
systematische Zugriff durch die in Köln frühzeitig in Angriff genommene
Verflechtung von Stadtverwaltung und Parteidienststellen. Insbesondere das
„Rassenpolitische Amt" der NSDAP tat sich hier federführend hervor, indem es
sich über die Erfassungstätigkeit hinaus initiativ um die Aussonderung von
Zigeunerkindern aus der Schule und Fürsorgeanstalten bemühte und dabei in großem
Umfang auf Informationen anderer Institutionen zurückgreifen konnte.
Auch mit der Zentralisierung der antiziganistischen Maßnahmen
auf eine bevölkerungspolitische „Gesamtlösung" der angeblichen „Zigeunerfrage"
nach Kriegsbeginn büßten die lokalen Verfolgungsinstanzen ihre Stellung nicht
ein. Bei den ab 1940 einsetzenden Deportationen ins Generalgouvernement bzw. ab
Frühjahr 1943 nach Auschwitz verfügten die Kölner Kriminalpolizeileitstelle und
ihre nachgeordneten Dienststellen über einen erheblichen Ermessenspielraum, den
sie keineswegs zu Gunsten der Betroffenen nutzten. Da es „keinerlei
Zahlenbegrenzung gab, versuchten sie in der Regel, so viele Zigeuner wie möglich
zu deportieren" (S. 386) und noch am 8. März 1945, also nachdem das Lager
Auschwitz durch die Rote Armee befreit worden war, wollten die Kölner Beamten
ihr blutiges Geschäft weiter betreiben (S. 312).
Abschließend ist zu erwähnen, dass das überzeugende Bild der
Studie durch ein Orts- und Personenregister, einige ergänzende Tabellen sowie
eine Vielzahl von Abbildungen abgerundet wird. Zu hoffen bleibt, dass dieses
Kapitel der Naziherrschaft auch in weiteren Lokal- oder Regionalstudien weiter
ausgeleuchtet wird.
Karola Fings, Frank Sparing: Rassimus – Lager –
Völkermord. Die nationalsozialistische Zigeunerverfolgung in Köln. Köln: Emons
Verlag, 2005
Sven Steinacker
Eine Biografie über Wolfgang Abendroth
Zwischen dem „Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945" und Prof.
Dr. Wolfgang Abendroth gibt es eine enge Beziehung. Er gehört zu den Begründern
des Studienkreises, der im Februar 1967 aus der wissenschaftlichen Tagung
„Probleme des Widerstandes und der Verfolgung im Dritten Reich im Spiegel des
Schulbuches und des Unterrichts" hervorgegangen ist. Abendroth sprach damals zu
dem Thema „Der Widerstand der Arbeiterbewegung".
Die Nr. 63 der „informationen" mit den Beiträgen „Wolfgang Abendroth zum 100.
Geburtstag" dokumentiert die enge Verbundenheit. Für die Mitglieder des
Studienkreises und die Leser der „informationen" ist das von Andreas Diers
vorgelegte Buch zur Biografie von Wolfgang Abendroth von besonderem Interesse.
Zum ersten Mal wird das Leben Abendroths von der Geburt 1906 bis zum Jahre 1948
detailliert dargestellt. Es handelt sich dabei nicht um eine Teilbiografie im
üblichen Sinne, sondern um eine juristische Dissertation. Mit der Arbeit hat
Andreas Diers im Dezember 2005 an der Bremer Universität promoviert.
Gegenstand des ersten Kapitels ist „Wolfgang Abendroth und die materialistische
Staatstheorie heute". Damit wird eine interessante Ausgangsposition fixiert.
In den nächsten zehn Kapiteln steht die Biographie von Abendroth in der Weimarer
Republik, der NS-Zeit und in den ersten Nachkriegsjahren im Zentrum. Die
Darstellung erfolgt zu unterschiedlichen Aspekten. Dies schließt Wiederholungen
und Überschneidungen ein, bietet aber auch die Möglichkeit, die zentrale
Fragestellung „Arbeiterbewegung - Demokratie - Staat" aus interdisziplinärer
Sicht gründlicher auszuloten. Dieses methodologische Problem wird bei der
Behandlung der Zeit der Weimarer Republik besonders deutlich. In den Kapiteln 3
bis 7 werden die Jugendjahre, die Mitgliedschaft in der Arbeiterjugendbewegung,
der „Weg zum politischen Wissenschaftler", die Tätigkeit in KPD und KPO sowie zu
jener Zeit entstandene Publikationen Abendroths zu Grundfragen der
Arbeiterbewegung vorgestellt. Die Darstellung der ersten 42 Lebensjahre
Abendroths enthält viele interessante Informationen. Durch den Autor wurden neue
Quellen erschlossen. Diese Dichte der Angaben wird nicht in allen Kapiteln
erreicht. Lücken sind vor allem in den Kapiteln 9 und 10 zu finden, wo es um die
Teilnahme am antifaschistischen Widerstand und die Zeit in britischer
Kriegsgefangenschaft geht.
Wolfgang Abendroth ist in einer sozialdemokratisch orientierten Familie
aufgewachsen, besonders groß war der Einfluss des Großvaters mütterlicherseits.
Seit 1911 lebte die Familie in Frankfurt, wo die Eltern als Lehrer tätig waren.
Die Stadt Frankfurt hat zeitlebens auf Abendroth großen Einfluss. Hier hat er
das Gymnasium besucht und den größten Teil des Studiums der Rechtswissenschaften
und der Volkswirtschaftslehre absolviert sowie begonnen, als Jurist zu arbeiten.
In dieser Stadt fand der Anschluss an die kommunistische Arbeiterbewegung statt.
Er wurde Mitglied der Kommunistischen Jugend und später der KPD. In ihren Reihen
sah er seine erste politische Heimat. 1928 geriet er in Konflikt mit der KPD und
wurde ausgeschlossen. Er setzte seine politische Tätigkeit in der KPO fort, ohne
jemals völlig mit der KPD zu brechen.
Abendroth sah frühzeitig die Gefahren, die vom deutschen Faschismus ausgingen
und trat für eine Einheitsfrontpolitik frei von ultralinken und
antikommunistischen Tendenzen ein.
Der Machtantritt des Hitlerregimes in Deutschland machte die Promotion in
Frankfurt unmöglich und bedeutete auch das Ende der juristischen Tätigkeit in
dieser Stadt.
Von Oktober 1933 bis Februar 1935 studierte Abendroth in der Schweiz an der
Universität Bern, wo er seine Ausbildung mit der Promotion beendete. Seine
Dissertation befasste sich mit der völkerrechtlichen Stellung der B- und
C-Mandate. Hierbei handelte es sich um die ehemaligen deutschen Kolonien, die zu
B- und C-Mandatsgebieten des Völkerbundes geworden waren. Im Zentrum der
Dissertation stand die völkerrechtliche Stellung dieser Gebiete.
Während des Aufenthalts in der Schweiz unterhielt Abendroth regelmäßigen Kontakt
nach Deutschland. Im Rahmen des von der KPO organisierten Widerstandes übernahm
er verschiedene Aufgaben. Dies war mit der Grund für seine Verhaftung nach
seiner Rückkehr nach Deutschland im Februar 1937 und die Verurteilung vom
30.11.1937 zu vier Jahren Zuchthaus. Den größten Teil dieser Zeit war Abendroth
Gefangener im Zuchthaus Luckau. Das Buch enthält detaillierte Angaben über die
Studienjahre in der Schweiz und über die Haftzeit.
Besonders aufschlussreich sind die Briefe Abendroths aus dem Zuchthaus an seine
Familie. Eine besondere Rolle spielte in jener Zeit seine Verlobte, die
Studentin Bertha Pitschner, eine Jungkommunistin aus Halle. Gemeinsam hatten sie
am antifaschistischen Widerstand teilgenommen. Nach Abendroths Verhaftung
befürchtete die Studentin, ebenfalls festgenommen zu werden, um dem zu entgehen,
schied sie im Sommer 1937 aus dem Leben. Abendroth hat dies sehr getroffen.
Reich an neuen Tatsachen ist das Kapitel 11 „Für ein demokratisches und
sozialistisches Deutschland (1947 bis 1948)". Hier erfährt der Leser viel über
die Tätigkeit von Abendroth in der Sowjetischen Besatzungszone, wo er zusammen
mit seiner Frau Lisa von Januar 1947 bis Dezember 1948 lebte und arbeitete.
Abendroth war u.a. als Regierungsrat im Justizministerium der Mark Brandenburg
und danach als Oberjustizrat in der Deutschen Justizverwaltung in Berlin tätig.
Aufgaben als Hochschullehrer nahm er zunächst als Dozent an der Universität
Halle und später als Professor mit Lehrstuhl für Völkerrecht an den
Universitäten Halle, Leipzig und Jena wahr.
Ein Vorteil der Dissertation ist, dass Diers präzise die Publikationen von
Abendroth vorstellt, die zwischen 1926 und 1948 erschienen sind. Seit 1926
veröffentlichte Abendroth Artikel in einer kleinen linkssozialistischen
Zeitschrift, die, wie die Organisation, den Namen „Freie Sozialistische Jugend"
trug. Hier erschienen von ihm Aufsätze über „Zur Entwicklung der marxistischen
Theorie", „Religion und Sozialismus", „Sozialismus und Nation" sowie „Frieden
und Abrüstung". Mehrfach äußerte er sich auch kritisch zur Entwicklung in der
Sowjetunion.
Im Zusammenhang mit Abendroths Dissertation entstanden 1935/36 mehrere
juristische Arbeiten zu Fragen des Völkerrechts unter besonderer Beachtung der
Rolle des Völkerbundes.
1947/48 publizierte Abendroth in Ostdeutschland eine Reihe Beiträge in der
Zeitschrift „Neue Justiz" vorrangig zu juristischen und ökonomischen Fragen.
Zwei Themenbereiche seien herausgehoben: der Aufbau eines neuen Justizwesens in
Verbindung mit der Volksrichterausbildung und die gesetzlichen Grundlagen der
volkseigenen Betriebe.
Andreas Diers kann stolz sein auf das Ergebnis einer jahrelangen intensiven
Arbeit; gleichzeitig betont er, dass noch manches offen geblieben ist. Sehr
wünschenswert wäre, wenn die Jahre 1949 bis 1985 der Biografie von Wolfgang
Abendroth ebenfalls umfassend erforscht würden. Das abschließende Kapitel
„Wolfgang Abendroth 1906 bis 1948 und 1948 bis 1985 Ergebnisse und Ausblicke"
deutet dies an. Durch die Dissertation entstehen Fragen, die wahrscheinlich auf
der Basis der bisher erschlossenen Quellen nicht näher beantwortet werden
können. Einige davon seien genannt. Bisher konnte die 1932/33 entstandene erste
Doktorarbeit über das Betriebsrätegesetz nicht aufgefunden werden. Interessant
wäre, Näheres über den damals erreichten Stand und über Teilergebnisse zu
erfahren.
Sehr knapp behandelt wird die Zeit in Berlin nach der Rückkehr aus der Schweiz
im Frühjahr 1935 bis zur Verhaftung im Februar 1937. Die Jahre im Zuchthaus
Luckau sind ebenfalls erst in Ansätzen erforscht. Der Aufenthalt in der
britischen Kriegsgefangenschaft bietet Aufschlussreiches über die aktive
Teilnahme Abendroths an den Schulungen an der „Wüstenuniversität" in Ägypten.
Über die Monate in Großbritannien, im Lager Wilton Park, ist offenbar bisher
weniger bekannt.
Ausführlicher dargestellt wird die Tätigkeit Abendroths als Jurist und
Hochschullehrer 1947/48 in der Sowjetischen Besatzungszone. Mehr würde der Leser
gern darüber erfahren, ob Abendroth von Beginn an nur Kritiker des
antifaschistisch demokratischen Neuanfangs war oder aus sozialistischer
Überzeugung mitgeholfen hat, Neues zu schaffen. 1948 hatten sich die
Verhältnisse so ungünstig entwickelt, dass die Familie Abendroth keinen anderen
Weg sah, als im Dezember 1948 die Sowjetische Besatzungszone fluchtartig zu
verlassen.
Der Anhang des Buches enthält eine Zeittafel, den Stammbaum der Familie
Abendroth sowie das Quellen- und Literaturverzeichnis und ein Personenregister.
Der Umfang des Quellenund Literaturverzeichnisses geht weit über das Gewohnte
bei einer Dissertation hinaus. Es zeigt, wie intensiv der Autor gearbeitet hat.
Von ihm wurden allein Akten in 24 Archiven in den Niederlanden, Deutschland, der
Schweiz und Dänemark ausgewertet. Hinzu kamen Unterlagen aus sechs
Privatarchiven. Am wichtigsten war die Arbeit im Internationaal Instituut voor
Sociale Geschiedenis (IISG) in Amsterdam, wo sich der Nachlass von Wolfgang
Abendroth befindet.
Andreas Diers ist eine wichtige Arbeit gelungen, die wesentlich dazu beiträgt,
die Biografie des außergewöhnlichen Wissenschaftlers Wolfgang Abendroth besser
kennen zu lernen.
Andreas Diers: Arbeiterbewegung - Demokratie
- Staat. Wolfgang Abendroth.
Leben und Werk 1906-1948. Hamburg:
VSA-Verlag, 2006
Karl Heinz Jahnke
Fritz Bauers Widerstandsbegriff
Im Oktober 1960 hatte der Landesjugendring Rheinland-Pfalz Fritz
Bauer zu einer Tagung zum Thema Rechtsextremismus eingeladen. In seinem Vortrag
über die „Wurzeln faschistischen und nationalsozialistischen Handelns" stellte
Bauer die Frage nach den Wurzeln des nicht geleisteten Widerstands gegen das
NS-Regime zur Diskussion und erklärte: „Der Nazismus ist nicht eine Bewegung
gewesen, die von Hitler und ein paar Helfershelfern geschaffen wurde und sich
mit ihm erschöpfte." Der Landesjugendring veröffentlichte seinen Vortrag und
regte an, ihn an höheren und Berufsschulen zu verteilen. Damit setzte er eine
Debatte in Gang, in der Bauers Ausführungen vom Kultusministerium Fragwürdigkeit
und Einseitigkeit vorgeworfen wurde.
Der Kultusminister sollte in einem Streitgespräch mit Bauer seine Position
erläutern. Aber er blieb der Veranstaltung im Oktober 1962 fern und statt seiner
erschien der CDU-Abgeordnete Helmut Kohl. Nach Ansicht des promovierten
Historikers sei der zeitliche Abstand noch zu kurz, um ein abschließendes Urteil
über den Nationalsozialismus zu fällen.
Wer war dieser Fritz Bauer, der als Jurist besser mit der Geschichtsforschung
vertraut war als der Politiker aus Rheinland-Pfalz und spätere Bundeskanzler?
Der 1903 geborene Mann arbeitete seit 1928 im Justizdienst, engagierte sich im
Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und im Republikanischen Richterbund. Als
SPD-Mitglied und Jude wurde er 1933 aus dem Staatsdienst entlassen, verhaftet
und emigrierte 1936 zunächst nach Dänemark und 1943 nach Schweden. 1949 kehrte
er in die Bundesrepublik zurück und praktizierte eine „kritische
Vergangenheitspolitik".
Er initiierte mehrere Ermittlungs- und Gerichtsverfahren, in denen er das Recht
widerständigen Verhaltens im NS-Unrechtsstaat begründete. Bezogen auf diesen
Aspekt hat Claudia Fröhlich sein Wirken analysiert: Sie untersucht Bauers
Widerstandsbegriff zwischen Pragmatismus und Prinzip, den er zuerst 1952 als
Generalstaatsanwalt in einem Prozess thematisierte. In diesem Verfahren
beurteilte zum ersten Mal ein deutsches Gericht den militärischen Widerstand als
rechtmäßig. Sein Widerstandsbegriff zielte auf die Überwindung einer in
Deutschland tief verankerten „Tabuisierung des Ungehorsams". Bauer war nicht nur
Jurist, sondern auch ein politischer Akteur, der sich häufig öffentlich
positionierte, wie in der eingangs erwähnten Auseinandersetzung.
Als Jurist initiierte er den Frankfurter Auschwitz Prozess (1963-1965) und
Strafverfahren gegen an der „Euthanasie" beteiligte Ärzte und Juristen.
Fritz Bauer zählte zu den radikalen Demokraten, dessen Initiativen die Autorin
als Veränderungsimpulse bezeichnet, die zur Etablierung von Opposition, Kritik
und bürgerschaftlicher Partizipation sowie zur Konstituierung einer
demokratischen politischen Kultur in Deutschland beigetragen haben. So ist eine
überzeugende Darstellung des Wirkens von Fritz Bauer entstanden und es ist zu
hoffen, dass dieses Buch und dessen Hauptperson in zukünftigen Diskussionen über
den Widerstand berücksichtigt werden.
Claudia Fröhlich: Wider die Tabuisierung des Ungehorsams.
Fritz Bauers Widerstandsbegriff und die Aufarbeitung von NS-Verbrechen.
Frankfurt a.M: Campus Verlag, 2006
Kurt Schilde
Ravensbrücker Gedenkbuch
Anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung des
NS-Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück erschien ein außergewöhnliches Buch
zum Gedenken an die Toten aus 34 Ländern. Bisher gab es keine umfassende
Publikation über die Namen der in diesem Konzentrationslager zwischen 1939 und
1945 umgekommenen Frauen, Kinder und Männer. Die Ermordeten hatten meist nur
eine Nummer. Zusammenhängende Listen mit den persönlichen Daten der Toten gab es
nicht.
Es war eine schwierige Suche nach den biografischen Angaben notwendig.
Umfangreiche Recherchen an verschiedenen Orten erfolgten außerhalb Deutschlands
u.a. in Amsterdam, Brüssel, Jerusalem, Moskau, Paris, Prag und Warschau. Sehr
entgegen kam der Forschungsgruppe die Öffnung der Archive in West und Ost nach
1990. Groß war die Hilfe von Überlebenden aus Ravensbrück, allen voran des
Internationalen Ravensbrück-Komitees.
Am Ende dieser intensiven Arbeit - acht Jahre haben die Autorinnen unter Leitung
der Berliner Historikerin Dr. Bärbel Schindler-Saefkow an dem Projekt gearbeitet
- stand die Entschlüsselung von 13.161 Namen. Diese sind in Totenlisten
verzeichnet, die im Zentrum des Buches stehen. Die Listen enthalten:
Familienname, Vorname, Nationalität, Geburtsdatum, Geburtsort, Todesort und
Todesdatum.
Am Anfang des Buches steht ein Geleitwort der Leiterin der Mahn- und
Gedenkstätte Ravensbrück, Prof. Dr. Sigrid Jacobeit.
Die Einleitung, die von Bärbel Schindler-Saefkow verfasst wurde, gibt einen
detaillierten Eindruck in den Forschungsprozess und den erreichten Stand der
Untersuchungen. Deutlich wird, wie groß die Anstrengungen waren, das angestrebte
Ziel zu erreichen. Um die Namenslisten vorlegen zu können, war in der Mahn- und
Gedenkstätte die Sammlung umfangreicher Quellen notwendig. Für die Forschung und
andere Interessierte sind nunmehr in Ravensbrück eine entsprechende Datenbank
sowie eine Dokumentensammlung zugänglich.
Die Autoren sind zu Recht stolz auf das Erreichte, gleichzeitig sprechen sie
aber auch davon, dass die Untersuchungen „unvollendet" sind. Dies steht damit im
Zusammenhang, dass noch lange nicht alle Namen der Toten von Ravensbrück
ermittelt werden konnten.
Das jetzt abgeschlossene Projekt enthält zahlreiche Anregungen zur Fortsetzung
der Suche. Weitgehend gesichert sind die folgenden statistischen Angaben, von
denen sich auch die Verfasserin der Einleitung leiten lässt: Im KZ Ravensbrück
waren ca. 130.000 Frauen und 20.000 Männer inhaftiert. Die größten Gruppen kamen
aus Polen, der Sowjetunion, Frankreich, Ungarn und Deutschland. Nach Ravensbrück
waren ca. 15.000 Jüdinnen und Juden verschleppt worden sowie ca. 4.000 Roma und
Sinti. Aufgrund der jüngsten Forschungen kann davon ausgegangen werden, daß im
KZ Ravensbrück etwa 28.000 Frauen, Kinder und Männer umgekommen sind. Bei den
Todesmärschen im April 1945 starben weitere 3.000 Frauen.
Sehr zu wünschen ist, dass die so erfolgreich begonnenen Untersuchungen in der
Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück fortgesetzt werden können und die Erfahrungen
bei der Arbeit an dem vorgelegten Gedenkbuch von anderen Forschern genutzt
werden. Es bleibt noch viel zu tun, um möglichst vielen Opfern des NS-Terrors
ihren Namen und ihre Biografie zurückzugeben.
Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück (Hg.): Gedenkbuch für
die Opfer des Konzentrationslagers Ravensbrück 1939-1945. Wissenschaftliche
Leitung: Bärbel Schindler Saefkow unter Mitarbeit von Monika Schnell. Berlin:
Metropol Verlag, 2005
Karl Heinz Jahnke
Zwangsarbeit für den „Endsieg"
Mit dem großformatigen, gerade 71 Seiten umfassenden Buch legt
Jens-Christian Wagner, seit 2001 Leiter der Gedenkstätte „Mittelbau Dora" in
Nordhausen, einen Abriss der Geschichte des Konzentrationslagers „Mittelbau"
vor: von dessen Anfang am 28. August 1943 als „Außenkommando Dora" des KZ
Buchenwald über die Verselbstständigung als die letzte eigenständige KZ-Gründung
des Dritten Reiches am 1. Oktober 1944 bis zur Befreiung des Hauptlagers am 11.
April 1945. Über diesen zeitlichen Rahmen hinaus greifen das Kapitel zur Räumung
der Mittelbau-Lager (erst am Vortag der deutschen Kapitulation wurden die
letzten von der SS auf einen der „Todesmärsche" geschickten Dora-Häftlinge
befreit) sowie der ein gutes Sechstel des gesamten Textes umfassende Abschnitt
„Nach dem Krieg". Eine Auswahl weiterführender Literatur rundet das mit 34
Abbildungen, darunter 3 Karten, reich bebilderte Werk ab.
Inhaltlich beschreibt Wagner zunächst die Stellung des KZ Mittelbau-Dora im
System der nationalsozialistischen KZ. Die Geschichte des Lagers vom britischen
Luftangriff auf das Raketenzentrum Peenemünde (17./18. August 1943), der zur
Verlagerung der Raketenfabrik in den Berg Kohnstein bei Nordhausen und zugleich
zum Aufbau des KZ „Dora" führte, sowie die Pläne zur Verlagerung der
mitteldeutschen Junkers-Werke in den Bereich um Nordhausen („Unternehmen
Mittelbau") und der damit verbundenen Herausbildung eines ganzen Komplexes von
Nebenlagern auf dem Gebiet dreier heutiger Bundesländer (Thüringen,
Niedersachsen und Sachsen-Anhalt) bildet den zweiten Abschnitt des Buches. Die
unterschiedlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Häftlinge in den Bau- oder
Produktionskommandos sowie die Herkunft, der Widerstand und die Selbstbehauptung
der Häftlinge und deren soziale Schichtung innerhalb der Häftlingsgesellschaft
bilden weitere Themen des Werkes. Die Betrachtung der Täter, Mittäter und
Zuschauer im KZ und seinem Umfeld und das Verschwinden der Lager nach dem Krieg,
Lebensläufe von Tätern und Opfern nach dem Krieg, und nicht zuletzt das Gedenken
am authentischen Ort seit 1963 an das KZ Mittelbau-Dora und seiner über 20.000
Toten schließen Wagners Publikation ab.
Mit bewundernswerter Präzision und in sachlich klarer, verständlicher Sprache
gelingt es Wagner, das vielschichtige und komplex ineinander verwobene Geschehen
in und um „Dora-Mittelbau" herum in überschaubare Einzelstränge aufzulösen, ohne
dabei wesentliche Gesichtspunkte auszulassen oder gar in Simplifizierungen zu
verfallen. Bewusst erhebt er nicht den Zeigefinger, auch nicht gegenüber dem
Verhalten von Funktionshäftlingen buchbesprechungen informationen 64|Seite 44
(„Kapos"). Er vermeidet Pathos und Heroisierungen (etwa des Widerstandes) und
wohlfeile Schlagworte, die mehr zudecken als konkret erklären (wie etwa
„Vernichtung durch Arbeit"). Die sachliche Diktion des Textes kontrastiert
effektiv mit den Abbildungen, die das Elend der Häftlinge veranschaulichen, und
sie macht die Selbstbehauptung der Häftlinge
- conditio sine qua non für jede Art von Widerstand - auch dem Nachgeborenen
erfahrbar.
Zu Recht weist Wagner darauf hin, dass Mittelbau Dora ein reines
(Zwangs-)„Arbeits-KZ" war. Weder „Umerziehung", wie sie noch bis Kriegsbeginn
ein durchaus ernst genommenes Ziel von KZ wie Dachau oder Ravensbrück war, noch
Vernichtung der Häftlinge, wie es als Ziel für Mauthausen vorgegeben war (dem
einzigen KZ der „Lagerstufe III", gedacht für nicht „resozialisierbare"
Häftlinge) oder wie sie in den Gaskammern von Auschwitz praktiziert wurde, stand
hier im Mittelpunkt. Auch mit dem Holocaust, der „Endlösung der Judenfrage", kam
Mittelbau erst in den letzten 8 Wochen seiner Existenz in Berührung, als die
Lager im Osten vor der herannahenden Roten Armee geräumt wurden und aus
Auschwitz, Groß Rosen und Tschenstochau Tausende jüdischer Häftlinge nach Dora
verlegt wurden. Was in Mittelbau-Dora allein zählte, war der Baufortschritt -
erst bei der Verlagerung der Raketenproduktion, dann beim Ausschachten riesiger
unterirdischer Hohlräume für geplante Flugzeug-, Raketen- und Treibstoff
Fabriken. Wagner weist darauf hin, dass dies von vornherein unrealistische
Projekte waren, die kein einziges ihrer Ziele erreichten, aber wegen der im
Wortsinne mörderischen Arbeits- und Lebensbedingungen der Häftlinge deren
massenhaften Tod bewirkten. Der Gesundheit und dem Leben Tausender
Häftlingsarbeiter standen die SS-Baustäbe und die Manager der
Beschäftigungsfirmen gleichgültig gegenüber. Sie sahen die KZ-Häftlinge nicht
als Menschen, sondern als „Verbrauchsmaterial" im Produktionsprozess
- als „Wegwerfartikel", wie man heute sagen würde. Keiner von ihnen wurde
übrigens nach dem Kriege strafrechtlich verfolgt.
„Zwangsarbeit für den ,Endsieg' " bietet Leserinnen und Lesern einen idealen
Einstieg in das Thema „Mittelbau-Dora". Von Inhalt und Aufmachung her (etwa dem
lesefreundlichen Großdruck und den vielen Abbildungen) dürfte es sich
hervorragend für den Einsatz im pädagogischen Raum eignen, zum Beispiel für Vor-
und Nachbereitung eines Gedenkstättenbesuchs mit Jugendlichen oder im Rahmen der
Erwachsenenbildung.
Wer sich in das Thema „Mittelbau Dora" vertiefen möchte, findet weiterführende
Literatur (auch weniger gängige, die man aber am Bücherstand der Gedenkstätte
erwerben kann) in der sorgfältig ausgewählten Kurzbibliografie am Ende des
Bandes.
Jens-Christian Wagner: Zwangsarbeit für den „Endsieg". Das
KZ Mittelbau-Dora 1943-1945. Erfurt: Landeszentrale für Politische Bildung, 2006
Joachim Neander
Hitler war's
Hannes Heers Veröffentlichung „Hitler war's" setzt fort, was bereits
in „Vom Verschwinden der Täter" Gegenstand war: Es geht um eine tief greifende
geschichtspolitische Wende, um das Problem eines Paradigmenwechsels in der
Geschichte.
Nachdem die Täter langsam verschwinden, bleibt konsequenterweise nur einer
übrig, der die Schuld trägt: „Hitler war's". Bereits in seiner Einleitung
zitiert Hannes Heer Saul K. Padover, einen amerikanischen Offizier, der im
Oktober 1944 in Aachen Deutsche interviewte und deprimiert feststellen musste:
„Jeder ist ein Nazigegner. Alle Leute sind gegen Hitler. Was das heißt? Es
heißt, dass Hitler die Sache ganz allein, ohne Hilfe und Unterstützung
irgendeines Deutschen durchgezogen hat" (S. 5). Padover nennt die Verbrechen und
stellt fest: „Wer das alleine schaffen will, muss schon ziemlich gut sein. Ich
kenne nur zwei Menschen in der ganzen Welt, die so etwas können. Der andere ist
Superman" (ebd.). Das hört sich zwar etwas flapsig an, entspricht aber genau der
Richtung, in die die Umdeutung der Geschichte geht.
Heer untersucht im Folgenden Eichingers Film „Der Untergang" über die letzten
Tage Hitlers und seiner Gefolgschaft in der Reichskanzlei. Eichingers Film
erhebt den Anspruch des Dokumentarischen, erfindet aber die Geschichte
Nazideutschlands neu. Bewusst werden, wie Heer analysiert, historische Fakten
und Zusammenhänge im Film vernachlässigt: Hitler wird als psychisch krank,
gebrechlich und zugleich als „hypnotischer Überwältiger" in Szene gesetzt, in
dessen „schwarzmagischen Bann" die Täter verschwinden und ihrerseits zu Opfern
werden.
In dem Kapitel „An Hitlers Hof. Joachim Fest. Eine Karriere" erörtert Hannes
Heer die Rolle Joachim Fests mit seiner Hitlerbiographie in diesem Prozess der
Geschichtsrevision. Heer beschreibt eindrucksvoll, wie vor allem der
Hitler-Biograf und Mitherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Joachim
Fest, gemeinsam mit Speer die „Umdeutung" seiner Rolle plante und umsetzte.
Dabei störte sich Fest nicht an den historischen Fakten, er ignoriert sie
schlicht. Fest lässt Albert Speer quasi zum Prototyp des verschwindenden Täters
werden. Heer sieht in Fest den großen Erzähler und Stilisten, dem aber völlig
das Ethos des Geschichtsforschers fehlt. Umso ärgerlicher ist, dass öffentlicher
Diskurs darüber verhindert wird. Stattdessen wird Fest 2006 mit dem
renommiertesten deutschen Journalistenpreis ausgezeichnet.
Doch nicht nur hier verschwinden die Täter. Mit besonderem Engagement
argumentiert Heer gegen das Verschwinden der Wehrmachtstäter. Heer, der die
erste „Wehrmachtsausstellung" leitete, nach ihrer Neukonzeption 1999 aber aus
der Leitung ausschied, deckt anschaulich die zuweilen zynisch anmutenden
Argumentationsstrategien auf, mit denen eine Beteiligung der Wehrmacht an den
Verbrechen der Nazis vor allem der Ermordung von Juden entweder klein geredet
oder geradezu geleugnet werden. Im 6. Kapitel geht es um den Beitrag des
Münchener Instituts zur Wehrmachtsforschung. Die Wehrmacht wird „entlastet":
behauptet wurde, die Wehrmacht hätte im „Hinterland", wo die meisten Verbrechen
stattgefunden hätten, kaum eine Bedeutung gehabt, höchstens 5% der
Wehrmachtsangehörigen seien belastet, die Wehrmacht folglich „sauber". Auch hier
verschwinden die Täter!
Besonders kritisch setzt sich Heer mit Guido Knopp und dem von ihm vermittelten
Geschichtsbild auseinander: „Die Rückkehr der Geschichte als Nazi-Clip." Zu den
diversen Serien des ZDF-Chefhistorikers schreibt Heer:
„Knopps Serien können den Anspruch des Fernsehens auf Aufklärung [...] nicht
erfüllen. […] Guido Knopp ist nicht der Exorzist der Hitler Nostalgie, als den
er sich anpreist, sondern deren Vermarkter. Und indem er Täter mit Goldrand und
die Nazizeit als Erlebnis präsentiert, verstärkt er das Faszinosum, das von
dieser Spukgeschichte immer noch ausgeht" (S. 195). Knopp gibt vor, Aufklärung
zu leisten, die er in Wirklichkeit verhindert. Statt Dokumenten und Fakten
präsentiert er Zeitzeugen - in verschiedenen Rollen -, die die Thesen Knopps
bezeugen und Authentizität suggerieren sollen.
In den eingefügten drei Gegenreden wird die Person Dietrich Bonhoeffers als
kritischer Geist gewürdigt. In einer weiteren Gegenrede „Literatur und
Erinnerung" geht es um die Aufarbeitung der Geschichte im Familienroman.
Zahlreiche Beispiele werden hier erörtert, Wibke Bruhns und Uwe Timm, Wackwitz,
Medicus u.a. Die dritte Gegenrede hat die Einübung in den Holocaust um Lemberg
zum Gegenstand.
Ein umfangreicher Anmerkungsapparat trägt einerseits zur Lesbarkeit bei und
bringt über die Quellen hinaus und viele interessante zusätzliche Informationen.
Gerade angesichts der Art und Weise, wie das Thema Nationalsozialismus in
neueren Publikationen und vor allem in den Medien, besonders im Fernsehen, aber
auch im Film behandelt wird, ist Hannes Heers „Hitler war's" ein außerordentlich
wichtiges Buch, das der medialen Umdeutung der Geschichte entschieden
entgegentritt. Denn, wie Heer in einem Interview mit der Zeitschrift „Das
Parlament" feststellt: „[...] in der Mythisierung liegt die Gefahr des
Abkoppelns der Schuld- und Verantwortungsfrage. Und aus der Mythisierung der
Geschichte wird ganz schnell deren Anthropologisierung. Wie bei Fest, der Hitler
zum 'wiedergekehrten Unmenschen' und den Mord an den Juden zum unlösbaren
‚Rätsel' erklärt."
Hannes Heer: Hitler war's. Die Befreiung der Deutschen von
ihrer Vergangenheit. Berlin: Aufbau-Verlag, 2005
Renate Dreesen
Erinnerungskulturen im Dialog
Die historisch-politische Bildung und die Erinnerung sowie der Umgang mit
dem Nationalsozialismus steht zahlreichen Herausforderungen und Umbrüchen
gegenüber, die durch Migrationsprozesse, Europäisierung, Globalisierung, das
Aufkommen neuer Medien und die Etablierung rechter Jugendkulturen ebenso
hervorgerufen
werden wie durch die zunehmende zeitliche Distanz zum Nationalsozialismus und
das bevorstehende Ende der primären Geschichtserfahrung. Aufgrund dieser
Veränderungen in den sozialen und politischen Rahmenbedingungen widmet sich der
Band „Erinnerungskulturen im Dialog", in dem sich 29 AutorInnen versammelt
haben, aktuellen Fragen der historisch-politischen Bildung. Dabei verstehen die
Herausgeber des Bandes unter Gedenk- und Erinnerungskulturen „immer eine
vermittelte und nachträglich konstruierte Sicht auf die Vergangenheit [...],
wobei diese Vergangenheitsbezüge jedoch gleichzeitig eine unabdingbare Grundlage
für kulturelle Identität und Stabilität eines politischen Gemeinwesens sind."
(S. 9)
Die Beiträge ordnen sich in fünf übergeordnete Abschnitte. Im ersten Abschnitt
steht die deutsche Besatzung in vier europäischen Ländern und deren Rolle in der
jeweiligen nationalen Erinnerungskultur im Mittelpunkt der Betrachtung. Annette
Warrings Beitrag beschäftigt sich mit der kollektiven Erinnerung an die deutsche
Besatzung in Dänemark und deren Bedeutung für die politischen Kultur des Landes.
Dabei kritisiert sie den mythologisierten Gebrauch der Vergangenheit in
Dänemark. „Sowohl die positive Mythologisierung des Widerstandes als auch die
negative Mythologisierung des Nazismus sind das Gegenteil von
Vergangenheitsbewältigung - einer aktiven Auseinandersetzung mit der
Vergangenheit -, die das einzige ist, was letzten Endes Demokratie sichern
kann." (S. 29) Stein Ugelvik Larsen erklärt in seinem Beitrag am Beispiel der
Kinder deutscher Soldaten in Norwegen erinnerungskulturelle Entwicklungen mit
der Metapher eines ins Wasser geworfenen Steins und den dadurch ausgelösten
Wellen. Die französische Erinnerungskultur steht in den Beiträgen von Michel
Cullin und Mechtild Gilzmer im Mittelpunkt. Gilzmer zeigt in ihrem Beitrag, wie
umkämpft der erinnerungskulturelle Raum in Frankreich in den vergangenen
Jahrzehnten war und skizziert Schwierigkeiten in deutschfranzösischen
Jugendbegegnungen, die aufgrund unterschiedlicher Ausgangspositionen entstehen
können. Cullin plädiert in seinem Beitrag für eine Verknüpfung deutscher und
französischer Erinnerungskulturen durch eine geteilte bzw. einer doppelten
Erinnerung, denn, so Cullin: „Ohne die transnationale Dimension des Widerstandes
kann es keine Basis für die ‚citoynenneté' (bürgerschaftliches Engagement) in
den beiden Ländern geben. [...] Im deutsch-französischen Kontext heißt es, das
Interesse und das Bewußtsein für Transkulturalität zu schaffen" (S. 63).
Jan Grosfeld und Hartmut Ziesing gehen in ihren Aufsätzen auf das Fallbeispiel
Polen und den dortigen Erinnerungsdiskurs ein. Dieser richtet sein
Hauptaugenmerk auf die polnischen Opfer des Nationalsozialismus
- jüdische Opfer geraten hierdurch aus dem Blick. Ziesing fordert daher für die
deutschpolnische Pädagogik einen Perspektivwechsel, den er mit den Begriffen
„Aufhebung von Distanz" und „Historisierung" sowie „Empathie und
Selbstreflexion" beschreibt.
Die deutsche Erinnerungskultur „zwischen stabilen Werten und fragilen
Identitäten" steht anschließend im zweiten Abschnitt im Zentrum der dort
versammelten vier Beiträgen. Bernd Faulenbach analysiert in seinem Beitrag die
„Erinnerungsarbeit und demokratische politische Kultur heute". Dabei zeichnet
sich nach seinem Verständnis eine demokratische Erinnerungsarbeit durch eine
plurale, partizipatorische Ausrichtung mit einer wissenschaftlichen Fundierung
ebenso aus wie durch eine dezentrale und gesellschaftliche Verankerung. Zudem
ist diese ihm zufolge „auf die deutsche Gesellschaft bezogen, doch international
vernetzt" (S. 88). Faulenbach plädiert in diesem Zusammenhang für eine stärkere
Verknüpfung der verschiedenen europäischen Erinnerungskulturen. „Langfristiges
Ziel sollte [...] ein europäisches Gedächtnis und eine europäische
Erinnerungskultur sein, die zwar nicht die nationalen Erinnerungskulturen
substituiert, doch als Überschneidungsbereich mit eigener Perspektivik diese
verbindet und ergänzt" (S. 85).
Einen sehr anregenden Beitrag hat Annegret Ehmann abgeliefert, indem sie gängige
Gedenkstätten- und Ausstellungskonzepte hinterfragt. „Wenn historische
Erinnerungskultur und kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus
demokratisches Bewusstsein fördern sollen", so Ehmann, „dann müssten vor allem
die Formen der Vermittlung demokratischer werden. Der Teilnehmer von
Bildungsveranstaltungen, der Besucher von Ausstellungen [...] muss als mündiger
Bürger, als Subjekt eines freiwillig eingegangenen Lernprozesses ernst genommen
werden und nicht lediglich zum Objekt von Belehrung und Bekehrung gemacht
werden." (S. 94f). Darüber hinaus kritisiert sie, dass historisch-politische
Bildung vor allem „eine Angelegenheit der Bessergebildeten, nicht der
Bildungsbenachteiligten" (S. 96) ist. Zwei Thesen, die im Rahmen neuer
Ausstellungskonzeptionen Beachtung finden sollten. Astrid Messerschmidt
problematisiert in ihrem Beitrag die nationalstaatliche Ausrichtung der
Erinnerungskultur und plädiert für eine „Erinnerung jenseits nationaler
Identitätsstiftung". „Anstatt also nach Identität zu suchen und mit dem
Holocaust eine nationale Mitte finden zu wollen" so Messerschmidt, „ist weiter
an der Erinnerung zu arbeiten, und zwar an einer inklusiven Erinnerung, die
nicht Identität stiftet, sondern uns immer wieder dazu herausfordert, nach der
Beschaffenheit unserer Kultur und unserer Demokratie zu fragen" (S. 104).
Abgeschlossen wird der zweite Abschnitt des Buches von Regina Scheers Aufsatz zu
den Wandlungen und Umdeutungen in der brandenburgischen Denkmallandschaft.
Vier weitere Beiträge widmen sich im dritten Abschnitt des Buches den
„Erinnerungskulturen in der Einwanderungsgesellschaft - zwischen Exklusion und
Teilhabe".
Wolfgang Meseth weist in seinem Aufsatz dabei auf das folgende grundlegende
Problem hin: „Die Vermittlung der Geschichte des Nationalsozialismus läuft daher
auch immer Gefahr, zu einem Akt der Ausschließung von Schülern mit
nichtdeutscher Herkunft zu werden, da der Holocaust - wenn auch in guter Absicht
- zu einem exklusiven Gegenstand der deutschen ‚Abstammungsgemeinschaft' gemacht
werden könnte. Zugleich stellt sich andersherum die Frage, ob die NS-Geschichte
für junge Migranten einen relevanten zugehörigkeitsstiftenden Bezugspunkt
darstellt oder ob sie vielleicht wieder zum Gegenstand der Abgrenzung wird.
Provokant formuliert: Wer möchte schon freiwillig zum Kollektiv der Nachfahren
von Tätern, Mitläufern und Zuschauern gehören?" (S. 131). Wie konkret die von
Meseth formulierten Ausgrenzungsmechanismen von Betroffenen erlebt werden
können, beschreibt Ülfet Talu in ihrem Erlebnisbericht. Mechthild Kiegelmann
blickt in ihrem Aufsatz noch einmal auf die Gedenkstättenpädagogik und betont
die Beachtung migrantischer und geschlechtsspezifischer Perspektiven; sie
plädiert dafür, „Lernen in Gedenkstätten in eine langfristige Auseinandersetzung
mit Herrschaftsstrukturen und Unterdrückungsgeschichten einzubinden, um
oberflächliches Erlernen ‚betroffener' Sprache zu vermeiden" (S. 142).
Rechtsextreme Strukturen im Schulumfeld und mögliche Maßnahmen gegen diese
Entwicklungen im Geschichtsunterricht werden in dem Beitrag von Stefan Küchler
skizziert.
Die Beiträge von Jens Michelsen, Katharina Hoffmann und Gerrit Kaschuba, die im
vierten Abschnitt des Buches zu finden sind, rücken die Zeitzeugen und die
Entwicklung vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis in das Zentrum der
Aufmerksamkeit.
Jens Michelsen beschreibt zunächst den audiovisuellen Bestand an
Zeitzeugenberichten in der Gedenkstätte Neuengamme. Die Chance der Gedenkstätten
in der Geschichtsvermittlung liegt ihm zufolge in der „Doppelbedeutung als
authentischer Ort und außerschulischer Lernort. Der Kontext einer Gedenkstätte
ist ein anderer als in der Schule. Die Vorführung eines Films mit Zeitzeugen,
die am authentischen Ort leben mussten, vermag eine andere Wirkung zu erzielen
als die Vorführung im Schulunterricht und erst recht die Ausstrahlung eines
Compilation-Films im Stile Guido Knopps im Fernsehen" (S. 171).
Katharina Hoffmann problematisiert in ihrem Aufsatz die Auswirkungen der
Komplexität der retrospektiven Erinnerungen von Zeitzeugen in der
Gedenkstättenarbeit und fragt, „inwieweit die Strukturen und Merkmale
individueller Erinnerungen auch in didaktisch-methodischen Überlegungen
berücksichtigt" (S. 176) und für die historisch-politische Bildung auch
kontextualisiert werden. Dem kollektiven Erinnern von Zeitzeuginnen widmet sich
der Beitrag von Gerrit Kaschuba, die einen Erfahrungsbericht aus einem
intergenerationellen Erzählcafé für Frauen gibt. Ebenfalls in diesem Abschnitt
sind Bilder der Fotografin Gesa Becker aus der KZ-Gedenkstätte Neuengamme zu
finden.
Der Sammelband wird im fünften und letzten Abschnitt mit diversen Beispielen
didaktischmethodischer Konzepte aus der pädagogischen Praxis abgeschlossen. So
beleuchtet beispielsweise Stephanie Marra zeitgeschichtliche Online-Angebote
kritisch und Erika Hirsch stellt Möglichkeiten der Theaterarbeit in der
historisch-politischen Bildung dar. Zudem werden die Leitideen zum Einsatz neuer
Informationstechnologien im Jüdischen Museum Berlin ebenso vorgestellt, wie z.B.
das Projekt „Konfrontationen" des Fritz-Bauer-Institutes oder das pädagogische
Konzept des „Haus der Wannsee-Konferenz" u.a.m.
Positiv am vorliegenden Sammelband ist sicherlich, dass Erinnerungskultur die
Erinnerung an den Widerstand gegen den Faschismus miteinschließt. Unbeachtet
blieb im Rahmen des vorliegenden Bandes aber dennoch leider der Widerstand in
Deutschland. Zudem beschränkt sich die internationale Perspektive im
wesentlichen auf den ersten Abschnitt des Buches. Ein Blick über den deutschen
Tellerrand hinaus wäre sicherlich auch beim Thema „Erinnerungskultur in der
Einwanderungsgesellschaft" lohnend. Hier könnten z.B. niederländische und
französische Perspektiven die Diskussion anreichern. Trotzdem liegt mit
„Erinnerungskulturen im Dialog" ein Sammelband vor, der vielseitige Perspektiven
und zahlreiche Annäherungen an aktuelle Fragestellungen der
historisch-politischen Bildung ermöglicht. Dass mancher Beitrag etwas kurz
ausgefallen und manches Thema nur angerissen ist, könnte man eventuell als
Mangel der Publikation empfinden. Aber vielleicht liegt hierin auch der Wert des
Buches, indem es mehr Fragen aufwirft als beantwortet und die Diskussion über
aktuelle Entwicklungen in der historisch-politischen anregt.
Claudia Lenz, Jens Schmidt, Oliver von Wrochem:
Erinnerungskulturen im Dialog. Europäische Perspektiven auf die
NS-Vergangenheit. Hamburg/Münster: Unrast, 2002
Thomas Altmeyer
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