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zum Heft "informationen" Nr. 63
Frauen aus Deutschland in der Résistance Die
Aufarbeitung eines solchen Themas war in der Bundesrepublik Deutschland aus drei
Gründen schwierig. Zum einen hat es lange gedauert, bis der antifaschistische
Kampf in den okkupierten Ländern als zu ehrender Widerstand überhaupt gewürdigt
wurde. Dann dauerte es noch viele Jahre, bis auch in unserem Land anerkannt
wurde, dass an diesem Kampf deutsche Antifaschisten teilgenommen haben, die sich
beileibe nicht als „Vaterlandsverräter“ verstanden. Und es dauerte noch einmal
einige Jahre, bis wahrgenommen wurde, dass der antifaschistische Kampf nicht nur
eine Männerdomäne war, sondern der Anteil der Frauen im Widerstand noch der
Erforschung bedurfte. Hanna Ellings Dokumentation „Frauen im antifaschistischen
Widerstand“ war damals eine rühmliche Ausnahme. Einzelne Beispiele wie Johanna
Kirchner, Henny Dreyfuss, Lilly Segal oder Lore Wolf waren bereits in den 1970er
Jahren in Literatur und antifaschistischer Geschichtsforschung bekannt; Henny
Dreyfuss und Lore Wolf besonders deswegen, da sie in der Vermittlung ihrer
antifaschistischen Erfahrungen
gegenüber den jungen Generationen aktiv waren.
Für einen Bereich der Widerstandsforschung, nämlich bezogen auf die Aktivitäten
von Frauen in der französischen Résistance, hat Ulla Plener zum 60. Jahrestag
der Befreiung vom Faschismus im Auftrag der DRAFD (Verband Deutscher in der
Résistance, in den Streitkräften der Antihitlerkoalition und der Bewegung Freies
Deutschland) diese Lücke geschlossen. Ausgehend von den Arbeiten für eine Text-
und Anschauungsmappe als Ergänzung zur historischen Ausstellung der DRAFD wurden
insgesamt 83 Namen von Frauen aus Deutschland ermittelt, die in der
französischen Résistance mitgewirkt haben. Teilweise werden sie in
Kurzbiographien vorgestellt, 27 von ihnen werden ausführlicher, teils mit
autobiographischen Texten oder erläuterten Dokumenten und Fotos präsentiert.
Dabei bezieht sich die Herausgeberin weitgehend auf vorhandene Literatur, in
einigen Fällen wertete sie Berichte aus dem SAPMO-Archiv aus.
In der Dokumentation geht es u.a. um den hervorragenden Anteil deutscher
politischer Emigrantinnen an der Travail allemand (TA), einem besonderen
Arbeitsbereich der Résistance, der seit September 1940 für die politische und
Widerstandsarbeit unter den Angehörigen der Besatzungsmacht entwickelt wurde.
Dabei kam den Frauen zumeist die Aufgabe zu, Kontakte zu Wehrmachtsangehörigen
zu knüpfen und sie von der Sinnlosigkeit des Krieges zu überzeugen. Gleichzeitig
sollten sie wichtige Informationen für den militärischen Arm der Résistance
sammeln, so dass deren Aktionen noch wirkungsvoller sein konnten. Selbst in den
bewaffneten Einheiten waren Frauen aus Deutschland aktiv. Alle diese Tätigkeiten
galten den Nazis als Hoch- und Landesverrat bzw. Wehrkraftzersetzung und waren
mit der Todesstrafe bedroht. Ungeachtet dessen standen die hier Genannten „ihre
Frau“ und blieben ihrer Überzeugung treu, selbst als sie verhaftet wurden
und Gefängnis oder KZ-Haft erdulden mussten.
Das Buch ist besonders für diejenigen empfehlenswert, die sich bereits mit den
Themen Résistance oder Frauen im antifaschistischen Widerstand beschäftigt
haben. Sie bekommen Anregungen zur Vertiefung und Hinweise zur
Perspektiverweiterung. Auch regionale antifaschistische Initiativen können aus
dieser Auflistung Impulse für die eigene geschichtspolitische und
Erinnerungsarbeit gewinnen. Für den „historischen Laien“ kann diese
Dokumentation mit ihrem personenbezogenen Zugang den Anstoß bieten, sich mit der
Geschichte des internationalen antifaschistischen Kampfes allgemein
auseinanderzusetzen.
Ulla Plener (Hg.): Frauen aus Deutschland in der
französischen Résistance. Berlin: edition bodoni, 2005
Ulrich Schneider
Briefwechsel zwischen Sophie Scholl und Fritz Hartnagel
Zu den bemerkenswertesten Büchern des Jahres 2005 aus dem Widerstand
gegen die NS-Diktatur zählt der von Thomas Hartnagel herausgegebene Band zum
Briefwechsel seines Vaters mit Sophie Scholl. Im Zentrum steht eine Auswahl von
313 Briefen, die zwischen dem 20. November 1937 und dem 22 . Februar 1943
geschrieben worden sind. Ungefähr zwei Drittel der Korrespondenz stammt von
Fritz Hartnagel, da die an ihn gerichteten
Briefe von Sophie Scholl aus den Jahren 1941 und 1942 größtenteils nicht
erhalten geblieben sind.
Vor den Briefen stehen das Vorwort und die gleichfalls vom Herausgeber
verfassten Skizzen über die beiden Hauptpersonen. Von Vorteil für den Leser sind
ausführliche Erläuterungen zu den Briefen. Hier wird die Mitarbeit von Elisabeth
Hartnagel an dem Buch besonders deutlich. Anstelle eines Nachwortes erscheinen
zwei Briefe der Mutter der Geschwister Scholl, von Magdalene Scholl, vom 22 .
und 25. Februar 1943 an Fritz Hartnagel.
Bisher wurde aus dem Briefwechsel nur weniges, einzelne Briefe von Sophie
Scholl, veröffentlicht. Fritz Hartnagel, der im April 2001 im Alter von 84
Jahren starb, war gegen eine Publikation. Seine Frau, Elisabeth Hartnagel
geborene Scholl (die ältere Schwester von Sophie), und die Söhne entschieden
sich später anders. Die Gründe dafür sind im Vorwort genannt.
In der Literatur gibt es bisher keine vergleichbare Publikation. Die Briefe
geben in großer Ehrlichkeit tiefen Einblick in eine stark berührende
Liebesbeziehung, die nicht frei von Prüfungen und Bewährungen war. Als sich
beide im Herbst 1937 näher kamen, war Sophie Scholl, Schülerin einer
Oberrealschule, 16 Jahre alt. Der vier Jahre ältere Fritz Hartnagel hatte sich
für den Weg eines Berufsoffiziers der Wehrmacht entschieden. Zwischen ihren
weltanschaulichen Positionen und der Haltung zum NS-Staat lag viel Trennendes.
Trotzdem überwog sich gegenseitig Anziehendes. Fünf Jahre später war Sophie
Scholl eine examinierte Kindergärtnerin und hatte im Sommersemester 1942 an der
Münchener Universität ein Studium der Biologie und der Philosophie begonnen. Ihr
Freund, der im Krieg an den verschiedenen Fronten (Niederlande, Belgien,
Frankreich, Jugoslawien und Sowjetunion) zum Einsatz kam, war inzwischen zum
Hauptmann aufgestiegen. Am 22 . Januar 1943 wurde er,
schwer verwundet, mit einem der letzten Flugzeuge aus dem Kessel von Stalingrad
ausgeflogen.
Beide hatten in den dazwischen liegenden Jahren tiefe Wandlungen erlebt. Unter
dem Einfluss von Sophie Scholl und ihrer ganzen Familie war Fritz Hartnagel von
einem begeisterten Wehrmachtsoffizier zu einem Kriegsgegner geworden. Dieser
konfliktreiche Prozess spiegelt sich in den Briefen in vielfältiger Weise wider.
Gleichzeitig erfährt der Leser auch, wie sich die antinazistischen Positionen
von Sophie Scholl festigen, wie konsequent ihre Ablehnung der Politik des
Hitlerregimes und der NSIdeologie ist. Umfassend diskutierten beide über
politische und weltanschauliche Probleme in enger Verknüpfung mit dem eigenen
Handeln. In den ersten Jahren ihrer Liebe gab es deutliche Unterschiede zwischen
ihnen. In Sophie Scholls Leben spielte zum Beispiel die Religion eine
maßgebliche Rolle, während dies bei Fritz Hartnagel nicht der Fall war. Ab 1941
änderte sich dies.
Aus den Briefen ist auch Neues über den Widerstand der Anhänger der Gruppe „Weiße
Rose“ sowie der Familie Scholl zu erfahren. Besonders aufschlussreich ist die
Beurteilung der Rolle Nazideutschlands und der Wehrmacht
im Zweiten Weltkrieg durch Sophie Scholl. Interessante Details werden bekannt,
zum Beispiel, dass sie 1941 im Reichsarbeitsdienst das verbotene Buch von Thomas
Mann „Der Zauberberg“ gelesen hat und deshalb gemaßregelt wurde (S. 303 f.). Im
Sommer 1942 half sie bei dem Einsatz in einer Ulmer Rüstungsfabrik sowjetischen
Zwangsarbeitern (S. 397).
Die Briefe von Fritz Hartnagel aus den Jahren 1941/42 enthalten Angaben über
Kriegsverbrechen der Wehrmacht, die von ihm entschieden verurteilt werden.
Als Robert Scholl 1942 von einem NS-Gericht zu Gefängnishaft verurteilt wurde,
schreibt Hartnagel ein Gnadengesuch und unterstützt die Familie in finanzieller
Hinsicht (S. 401 f.). Neben dem Privaten gewährt das Buch Einblick in das
Alltagsgeschehen unter Kriegsbedingungen. Thomas Hartnagel schreibt dazu im
Vorwort:
„Die Briefe sind ein hervorragendes Dokument der Alltagsgeschichte.
Alltagsgeschichte … vermag all denen, die die Zeit des Nationalsozialismus nicht
miterleben mussten, diese Zeit plastischer zu machen als offizielle Dokumente.
Die Briefe spiegeln die Geschichte des Nationalsozialismus in dem subjektiven
Erleben von zwei jungen Menschen wider.“ (S. 10)
Sophie Scholl – Fritz Hartnagel. Damit wir uns nicht
verlieren. Briefwechsel 1937–1943. Herausgegeben von Thomas Hartnagel. Frankfurt
am Main: S. Fischer, 2005
Karl Heinz Jahnke
Briefe von Josef Furtmeier
Aus der Literatur war bisher bekannt, dass Josef Furtmeier zu den
Persönlichkeiten gehörte, die geistigen Einfluss auf Hans und Sophie Scholl
hatten. Dies belegen Briefe und Tagebücher der Scholls. Über die Biographie des
1887 in Moosburg bei Freising geborenen Justizbeamten war bisher wenig bekannt.
Im Oktober 1933 war er wegen seiner ablehnenden Haltung zum NS-Staat entlassen
worden. Nach Angaben von Inge Aicher-Scholl hatte ihr Bruder Furtmeier im
Frühjahr 1942 kennen gelernt, zwischen beiden fanden eine Reihe intensiver
Gespräche über politische und weltanschauliche Themen statt. Verbindend wirkte
die strikte Ablehnung des Hitlerregimes.
Durch Vermittlung von Josef Furtmeier lernte Hans Scholl den Kunstmaler und
Architekten Manfred Eickemeyer kennen. In dessen Atelier fanden später
Zusammenkünfte der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ statt – hier entstand ein Teil
der Flugblätter.
Als im Februar 1943 zahlreiche Verhaftungen erfolgten, gehörte am 28. Februar
auch Furtmeier zu den Festgenommenen. Da ihm keine direkte Beteiligung am
Widerstand nachgewiesen werden konnte, kam er am 17. März wieder frei.
Bei Arbeiten für eine Dissertation über die „Weiße Rose“ stieß Sönke Zankel (Jg.
1973) auf Briefe von Josef Furtmeier an das Ehepaar Rudolf und Gerda Rossmann,
welches von 1938 bis 1950 in der Schweiz Exil gefunden hatte. Deren Tochter,
Angela Rossmann, gab jetzt Briefe und Fotos zur Publikation frei. Zusammen mit
Christine Hikel (Jg. 1979), die an einer Dissertation über die
Rezeptionsgeschichte der „Weißen Rose“ arbeitet, hat Zankel im Deutschen
Taschenbuchverlag München eine Auswahl von 47 Briefen, die zwischen dem 20. März
1938 und dem 2. Mai 1947 datiert sind, veröffentlicht.
Diese Briefe, die durch von Zankel verfasste „Biografische Notizen zu Josef
Furtmeier“ eingeleitet werden, ermöglichen, die Persönlichkeit von Josef
Furtmeier näher kennen zu lernen. Es handelt sich bei ihm um einen
außerordentlich gebildeten Menschen. Die tiefe Ablehnung des Dritten Reiches und
der NS-Ideologie wird in vielfältiger Weise deutlich. Darüber hinaus enthalten
die Briefe aufschlussreiche Aussagen über die unmittelbare Nachkriegszeit.
Aus der Zeit der direkten Bekanntschaft zwischen Furtmeier und Hans Scholl sind
zwei Briefe vom 6. März 1942 und vom 24. Januar 1943 enthalten. Im ersten Brief
äußert er sich zu dem bevorstehenden Kriegsende und seinen Folgen:
„Allerdings glauben hier viele Leute, dass man im heurigen Herbst zum Mindesten
wird sagen können, wer den Krieg gewinnt. Von da bis zum Kriegsende ist noch ein
weiter Weg. Wenn ein totalitärer Staat gehen muss, so wird er die Türe so hinter
sich zuschlagen, daß die Welt von diesem Schlag noch 100 Jahre lang zittert.“
(S. 65)
Im Brief vom 24. Januar wird die scharfe Kritik an der Haltung der katholischen
Kirche gegenüber NS-Diktatur und Krieg deutlich:
„In Kirchen komme ich nur wenig. Und dann nur, wenn sie leer sind. Man kann das
leere Gerede der Prediger gar nicht mehr hören. Niemand sieht es, daß Gott mit
Flammenschrift schon an alle Wände sein Zeichen schreibt!“ (S. 68)
Der erste Brief nach Kriegsende wurde am 26. Mai 1945 geschrieben. Dies ist auch
das einzige Zeugnis, wo auf die Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ und ihr Ende
direkt Bezug genommen wird:
„Es hat so lang gedauert und es war so schwer! Das Jahr 1943 weißt Du! Hans
Scholl, seine Schwester, Christl Probst, Prof. Huber und die Andern, liebe
Freunde – alle tot, alle fort – gemordet! Als wären sie nie gewesen! 6
Tage nach Hans Scholls Tod wurde auch ich verhaftet. Sie brachten nichts heraus!
Nach 4 Wochen wurde ich wieder entlassen. Vier Wochen fast nichts zu essen!
Nachts isoliert! Auch Manfred E. wurde wieder frei.“ (S. 91/92) Im gleichen
Brief wird auch die geistige Situation in Deutschland charakterisiert:
„Hört die Kirche bald auf zu schlafen? Das ganze deutsche Volk muß wieder auf
die Schulbänke! Die innere Front der Nazis ist noch da! Die Jugend ist führerlos
… Jetzt erst – da die Leute frei reden dürfen, spürt man das geistige Nichts,
die Seelen-Entleerung, die Vernichtung der ‚persona’ im Virgilischen Sinne,
welche die
Nazis zustandebrachten.“ (S. 93)
Das Verdienst der Herausgeber besteht in der Veröffentlichung der Briefe,
versehen mit ausführlichen Erläuterungen.
Diese Briefe bedeuten eine Bereicherung der Literatur über den
antifaschistischen Widerstand. Josef Furtmeier gebührt künftig ein Platz in den
Überblicksdarstellungen zur deutschen Opposition gegen das Dritte Reich. Seine
Rolle für die Gruppe „Weiße Rose“ sollte jedoch nicht überbetont werden. Dies
geschieht, wenn Zankel davon spricht, dass es geboten sei „den
geistesgeschichtlichen Kontext der ‚Weißen Rose’ näher und gegebenenfalls neu zu
beleuchten.“ (S. 11)
Ein Weggefährte der Geschwister Scholl. Die Briefe des
Josef Furtmeier 1938–1947. Herausgegeben von Sönke Zankel und Christine Hikel.
München: DTV, 2005
Karl Heinz Jahnke
FrauenKZ Moringen
Eine Ausnahme von den Regeln unserer Buchbesprechungen sei erlaubt: Von dem
Buch, das hier vorgestellt wird, gibt es noch keine deutsche Übersetzung. Es
handelt sich um die Erinnerungen von Gabriele Herz, die 1936/1937 als Jüdin im
FrauenKZ Moringen gefangen gehalten wurde. Ein Abschnitt aus diesen Erinnerungen
war mit der freundlichen Genehmigung der Nachkommen von Gabriele Herz bereits im
Jahr 2000 in den informationen Nr. 51 unter dem Titel „Im Judensaal“ in
deutscher Sprache veröffentlicht worden. Nun liegt der
vollständige Bericht vor, ergänzt durch eine umfassende, nicht nur für eine
englischsprachige Leserschaft hochinteressante Einleitung von Jane Caplan und
mit zahlreichen Anmerkungen versehen.
Gabriele Herz begann die Niederschrift ihrer Erinnerungen Ende 1938 unmittelbar
nach der Flucht aus Deutschland und vollendete sie 1942 im US-amerikanischen
Exil. Sie stellen ein einzigartiges Dokument zur Geschichte des ersten
Frauenkonzentrationslagers dar; zugleich gehören sie zu den zeitgenössischen
Aufzeichnungen, in denen die zunehmenden Repressionen gegen die jüdische
Bevölkerung und die erzwungenen Wege ins Exil geschildert werden. Gemeinsam mit
ihrem Ehemann Emil, ehemals Direktor des liberalen Ullstein- Verlags, der im
März 1934 zum Rücktritt gezwungen worden war, erkundete Gabriele Herz bereits
1935/1936 neue Existenzmöglichkeiten für die Familie, zu der vier Kinder
gehören, im Exil, im damaligen Palästina und in Italien. Bei der Rückkehr nach
Berlin wurde Gabriele Herz, damals 50 Jahre alt, verhaftet und als Remigrantin
in das – wie es in diesen Fällen hieß – „Schulungslager“ Moringen eingeliefert.
Die Bestimmungen sahen eine „Schulungshaft“ von drei Monaten vor; bei Gabriele
Herz sollte es sechs Monate dauern, bis sie am 17. März 1937 mit der Auflage,
Deutschland sofort zu verlassen, freikam.
Während ihrer Haft in Moringen steigt die Belegung im kleinen „Judensaal“ von
fünf Gefangenen auf 16 Frauen; die Neuzugänge sind alle Remigrantinnen, sie
kommen aus den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Italien, der Tschechoslowakei
und Jugoslawien: „Sie haben überall versucht, als deutsche Erzieherinnen und
Stützen der Hausfrau, als Modistinnen und als Stenotypistinnen sich eine
bescheidene Existenz neu aufzubauen, aber sie konnten sich auf Dauer nicht
halten ... Nazideutschland plündert seine jüdischen Auswanderer bis aufs Hemd
aus, stellt die nackt und bloß an die Grenze. Kommen sie nicht weiter, müssen
sie zurück, so harrt in ihrer ‚Heimat’ das Konzentrationslager. Die Stimmung in
unserem Judensaal ist nicht nur gedrückt, sie ist gerade zu verzweifelt. Kein
Ausblick auf eine bessere Zukunft. Kein Weg in die Freiheit.“ ( S. 140)
In ihren Erinnerungen schreibt Gabriele Herz berührend lebendige Portraits ihrer
Mitgefangenen; sicherlich aus Schutzgründen verschlüsselt sie deren Namen –
allerdings auf eine Weise, die eine spätere Identifizierung erlauben würde. Dies
war z.B. möglich bei den Jüdinnen Hertha Kronheim und Gerda Lissack, letztere
eine begabte Grafikerin, die später im KZ Ravensbrück ermordet wurden, den
Kommunistinnen Dora Hösl, Hedwig Regnart-Laufer, Hilde Faul-Gerber und Centa
Herker-Beimler, der Zeugin Jehovas Katharina Thoenes. Sie schildert mit großem
Respekt die kollektive Verweigerung der Zeuginnen Jehovas, für das
Winterhilfswerk zu arbeiten, und die deswegen gegen sie verhängten Sanktionen
(S. 110 f.) Sie beobachtet die politischen Diskussionen unter den
Kommunistinnen: viele der überwiegend jungen Frauen waren nach längerer
Gefängnishaft, häufig in Einzelzellen, nach Moringen in „Schutzhaft“ gebracht
worden; zum ersten Mal erfuhren sie wieder etwas über die Außenwelt, auch über
die stalinistischen Prozesse von einer aus Moskau zurückgekehrten Remigrantin;
es waren schwierige und schmerzliche Diskussionen.
Gabriele Herz war nicht nur eine gute Beobachterin, die ihren Mitgefangenen ohne
Vorurteil begegnete und diese Begegnungen als Bereicherung des eigenen Welt- und
Menschenbildes begriff; sie war auch und vor allem eine Frau, die zuhören,
helfen und trösten konnte. Sie sorgte dafür, dass sie mit ihren Mitgefangenen
Chanukka feiern konnte; sie erhielt die Erlaubnis, beim Hofgang jungen
Kommunistinnen Englisch-Unterricht zu geben. Sie stärkte damit – wie Hed
Regnart-Laufer, eine ihrer Schülerinnen, viel später berichtete – den Willen,
nicht aufzugeben, den Zumutungen und Erniedrigungen der KZ-Haft zu widerstehen.
Von vielen Mitgefangenen wurde sie Mutter Herz genannt.
Der Zwangsaufenthalt im FrauenKZ Moringen hatte Gabriele Herz auch verändert;
bei ihrer Rückkehr nach Berlin fand sie alltägliche Gespräche „trivial“; in
Moringen hatten sich „alle Gespräche um die tiefsten Fragen menschlichen Seins
gedreht: um Freiheit, Leben und Tod.“ Sie konnte und wollte all die gut
gekleideten Leute, die sorglos auf den Straßen schlenderten, nicht sehen. Das
Leiden, die Sorgen, die Not ihrer Moringer Mitgefangenen hatten sich ihr
zutiefst eingeprägt (S. 158 f.) Sie entwickelte sich – wie ihre Kinder in
Gesprächen gegenüber Jane Caplan bestätigen (S. 34 f.) – von einer liebevollen
Mutter und Hausfrau zu einer mutigen, starken und selbstständigen
Persönlichkeit, die in den folgenden Jahren das Überleben der Familie im
Exil meisterte.
Hoffentlich findet sich bald ein deutscher Verlag, der dieses einzigartige
Dokument herausbringt.
Gabriele Herz: The Women’s Camp in Moringen. A Memoir of
Imprisonment in Germany, 1936–1937. Translated by Hildegard Herz and Howard
Hartig. Edited an with an introduction by Jane Caplan. New York, Oxford:
Berghahn Books, 2006
Ursula Krause-Schmitt
Widerstand in der Rosenstraße
In einer reichsweiten Judenrazzia verhaftete die Gestapo am 27.
Februar 1943 über 10.000 bisher von Deportationen und KZ-Einweisung verschont
gebliebene Menschen mit dem Ziel ihrer Abschiebung nach Auschwitz. Schwerpunkt
der „Aktion“ war Berlin, wo es noch etwa 11.000 jüdische ZwangsarbeiterInnen
gab, die überwiegend in Betrieben der Rüstungsindustrie eingesetzt waren. Weil
diese „Rüstungsjuden“ meist an ihren Arbeitsstätten verhaftet wurden, ging die
Razzia in Berlin als „Fabrikaktion“ in die Geschichte ein. Nicht nur
„Volljuden“ wurden verhaftet, sondern auch
in großer Zahl „jüdische Mischlinge“ sowie
jüdische Partner „rassisch gemischter“ Ehen.
Etwa 2.000 von ihnen wurden gesondert im
Verwaltungsgebäude der jüdischen Gemeinde
in der Rosenstraße 2–4 festgehalten. Noch am
selben Tage versammelten sich spontan vor
diesem Hause „arische“ Familienangehörige,
weit überwiegend Ehefrauen und Mütter. Sie
versuchten Kontakte zu den Festgehaltenen
herzustellen und machten ihrem Unmut über
die Verhaftungen Luft. Sie befürchteten nicht
ohne Grund, dass ihre Männer und Kinder
ebenfalls deportiert werden sollten. Der Straßenprotest
dauerte eine ganze Woche an, bis
zum 6. März 1943, als fast alle in der Rosenstraße
Festgehaltenen wieder frei gekommen
waren.
Schon bald nach Kriegsende erschienen erste
Berichte über diese Ereignisse, in denen die
Straßenproteste als Ursache der Freilassungen
genannt wurden. Der öffentliche Protest der
Frauen gilt seither als ein herausragendes
Beispiel für erfolgreichen, gewaltlosen Widerstand
im Nationalsozialismus, eine Sichtweise,
für die der amerikanische Historiker Nathan
Stoltzfus in seinem 1996 veröffentlichten
Buch „Resistance of the Heart“ (deutsch 1999
„Widerstand des Herzens“) vielfältige Belege
zusammen getragen hat. Die Auffassung, die
Straßenproteste seien Ursache der Freilassungen
gewesen, wurde jedoch von dem Berliner
Historiker Wolf Gruner in seiner 1997
veröffentlichten Dissertation erstmals offen in
Frage gestellt und von ihm ab 2002 in mehreren
Publikationen entschieden zurück gewiesen.
Beschränkte sich die Debatte anfangs im
wesentlichen auf die Fachpresse, so löste
das Erscheinen des preisgekrönten Spielfilms
„Rosenstraße“ (Regie Margarethe von Trotta)
auf Deutschlands Kinoleinwänden im Herbst
2003 einen „Kleinen Historikerstreit“ aus. In
elektronischen und Printmedien lieferten sich
die Kontrahenten – nicht immer Historiker vom
Fach – heftige Wortgefechte, in denen sie auch
nicht mit Argumenten ad hominem sparten.
Weitgehend unstrittig ist auf beiden Seiten
das Wie, der Ablauf der Ereignisse. Stark divergieren
jedoch die Meinungen über das Warum:
Weshalb wurden die „Mischlinge“ und „Mischehepartner“
verhaftet, warum wurden sie gesondert
bis zu zwei Wochen in der Rosenstraße
festgehalten, und schließlich, warum wurden
sie freigelassen, und wer hat dies veranlasst?
Im vorliegenden Buch beschreibt der Autor
einleitend die Rezeptionsgeschichte des Straßenprotests,
stellt danach die „Fabrikaktion“ in
den größeren Rahmen der Verfolgung jüdischer
Deutscher während der Kriegsjahre, schildert
sodann minutiös den Ablauf der Verhaftungen
sowie der Vorgänge in der Rosenstraße und kommt zum Schluss noch einmal
ausführlich auf den Protest und „dessen Folgen“ zurück. Er hält sich hierbei im
Wesentlichen an seine seit 2002 vertretene Argumentationslinie, reichert sie mit
mancherlei seine Thesen stützenden Beispielen an, geht jedoch inhaltlich nicht
über das in seinen bisherigen Veröffentlichungen schon Gesagte hinaus. Er hält
an seiner Grundaussage fest, die Gestapo habe um die Monatswende Februar/März
1943 keine Deportation von jüdischen „Mischlingen“ oder „Mischehe“-Partnern aus
dem Reich nach Auschwitz beabsichtigt gehabt. Damit war folgerichtig der
Straßenprotest, obwohl mutig und beispielhaft (was der Autor mehrfach betont),
sowohl überflüssig als auch wirkungslos gewesen.
Die Gestapo habe zwar alle Juden erst einmal verhaften müssen. Um aber nicht
versehentlich Personen zu deportieren, die von der „Abschiebung in den Osten“
auszunehmen waren, habe sie in Berlin, wo allein etwa 10.000 Juden verhaftet
wurden, diejenigen aus „ Mischehen“ gesondert zusammen gefasst, um ihren
„Rassestatus“ überprüfen und aus ihrer Mitte Ersatzleute für das zu
deportierende „volljüdische“ Personal der jüdischen Einrichtungen auswählen zu
können. „Nicht die Deportation, sondern die Freilassung der in der Rosenstraße
Festgehaltenen [war] von der Gestapo von vornherein geplant“ (S. 112). Die von
Gruners KritikerInnen etwa dagegen angeführte Anwesenheit zahlreicher Kinder im
schulpflichtigen Alter in der Rosenstraße erklärt er – wenig überzeugend – mit
der Sorge der Gestapo, „sie nicht bei der Festnahme eines Elternteils allein zu
Haus zu lassen“ (S. 109).
Gruner betrachtet die „Fabrikaktion“ aus der Berliner Perspektive. In ihr
erscheint „ Auschwitz“ als unheilige Dreifaltigkeit von Rampe, Gaskammer und
Krematorium. Nicht ins Blickfeld kommt die kriegswirtschaftliche Funktion des KL
Auschwitz, das mit seinen Außenkommandos und -lagern längst der größte
KZ-Zwangsarbeitslager-Komplex im Deutschen Reich geworden war, der im Frühjahr
1943 schon viele Tausend Arbeitskräfte für die oberschlesische
Rüstungswirtschaft bereitstellte und auf diesem Sektor ständig weiter
expandierte. Es ist bedauerlich, dass der Autor auf seinem Erkenntnisstand von
Anfang 2004 stehen geblieben ist und neuere Forschungen, die die
„Empfängerseite“ der „Fabrikaktion“ einbeziehen und über deren erste Ergebnisse
schon im Frühjahr 2004 auf einer Tagung zum Thema „Rosenstraße“ vorgetragen
sowie kurz darauf im Internet in HSozKult und H-German berichtet wurde, nicht
eingearbeitet hat. Sie hätten ihn zu einer weitgehenden Revision seines
Standpunktes veranlassen müssen. Der Blick von der „Empfängerseite“ her zeigt
nämlich, dass die dem KL Auschwitz Ende Februar 1943 von der SS zur Deckung
seines dringenden Sofortbedarfs an Arbeitskräften zugesagten Berliner
„Rüstungsjuden“ nur durch Deportation auch Tausender Juden aus „Mischehen“ zu
bekommen waren. Das wusste man natürlich auch im Judenreferat des
Reichssicherheitshauptamtes und zeigt, dass man dort – zumindest für Berlin –
die selbst verfassten Ausnahmeregelungen nicht ernst genommen hat. Damit fällt
der Eckpfeiler von Gruners Argumentation, und die Frage, warum „Mischlinge“ und
Partner von „Mischehen“ in der Rosenstraße tagelang festgehalten wurden, warum
man sie dann doch wieder freigelassen und sogar 35 schon nach Auschwitz
Deportierte wieder zurück geholt hatte, und auf wessen Veranlassung letzteres
geschehen sei, ist wieder offen.
„Widerstand in der Rosenstraße“ von Wolf Gruner kann also nicht das letzte Wort
zum Thema gewesen sein. Zwar stellt sein Verfasser die „Fabrikaktion“ zu Recht
in den Kontext des Zwangsarbeitseinsatzes jüdischer Deutscher in der Nazizeit
(ein Gebiet, auf dem er unbestritten Pionierarbeit geleistet hat) und der
Deportationsprogramme. Spannend liest sich auch seine Schilderung des Ablaufs
der Verhaftungen der Berliner Juden sowie der Internierung der „Mischehen“ in
der Rosenstraße. Es ist ihm auch zuzustimmen, dass der Straßenprotest
höchstwahrscheinlich weniger lautstark und dramatisch ablief, als es zuweilen in
der Literatur beschrieben wird und es etwa Margarethe von Trottas Film zeigt.
Aber seinen Anspruch, „die tatsächlichen Hintergründe zu schildern“ (S. 2), kann
er – wie oben gezeigt – nur teilweise einlösen. Hat er wirklich eine
„Entzauberung des Mythos Rosenstraße“ geliefert, wie ihm Sven Felix Kellerhoff
in der „Berliner Morgenpost“ vom 28.10.2005 bescheinigt hat ? Oder hat er nur
(unbewusst?) den altbekannten, für uns Deutsche ach so bequemen Mythos von der
„allmächtigen SS und dem ohnmächtigen deutschen Volk“ bedient?
Wolf Gruner: Widerstand in der Rosenstraße. Die
Fabrik-Aktion und die Verfolgung der „Mischehen“ 1943. Frankfurt am Main:
Fischer Taschenbuch Verlag, 2005
Joachim Neander
„Im Zweifel nach Deutschland“
Wer sich die dramatische und menschenverschlingende Auslieferung
ungezählter Schicksale deutsch-jüdischer Familien an die Verheerungen
Deutschlands und Europas durch den Nationalsozialismus vor Augen führen und
gleichzeitig einen unglaublichen, allein von der Wirklichkeit zu „erfindenden“
Flucht- und Rückkehrweg eines widerständigen jüdischen Antifaschisten
nacherleben will, der greife zu diesem Buch. Moritz Neumann erzählt die
Geschichte seines Vaters Hans, Sohn einer geachteten jüdischen Kaufmannsfamilie
in Breslau, kämpferischer Sozialdemokrat und Reichsbanneraktivist.
Hans Neumann entkommt 1936 in letzter Minute der Verhaftung und findet auf dem
Fluchtweg über Prag und Paris, wie so viele politische, als Juden vertriebene
Flüchtlinge seinen Platz wie selbstverständlich dort, wo der Abwehrkampf gegen
den Faschismus auf des Messers Schneide steht und wo es gilt, die in Deutschland
und Italien bereits siegreiche Barbarei vielleicht noch zu stoppen. Hans Neumann
kämpft als Angehöriger des Thälmann-Batallions im spanischen Bürgerkrieg. Die
Niederlage der nicht zuletzt von den westlichen Demokratien im Stich gelassenen
spanischen Republik treibt ihn nach Frankreich zurück, wo er –nach einer
Zwischenstation in Holland – in der Fremdenlegion mit Hunderten anderer
deutscher Juden am Kampf gegen Hitler-Deutschland teilnehmen will. Nach der
Besetzung Frankreichs und dem Beginn der Vichy-Kollaboration mit den Nazis
werden deutsche und österreichische Juden aus der Legion wieder ausgeschlossen,
mit anderen Spanienkämpfern zur Zwangsarbeit im südlichen Marokko verurteilt und
dort unter grauenvollen Bedingungen zum Bau der Trans-Sahara-Bahn eingesetzt.
Nach der Befreiung des Arbeitslagers durch Truppen de Gaulles wird Hans Neumann
regulärer Soldat der französischen Armee, in deren Uniform er an der Befreiung
Europas nun aktiv Teil hat und schließlich – immer wieder aufgewühlt von der
Frage: Zurück nach Deutschland? – wieder deutschen Boden betritt. Auf seiner
„Flucht rückwärts“ steht er in ständiger Auseinandersetzung mit sich selbst und
mit Weggefährten, die mit dem Land der Täter nie wieder etwas zu tun haben
wollen.
Wie Moritz Neumann den abenteuerlichen Weg des ehemaligen Breslauers Hans
Neumann, von dessen Familie kaum jemand die Verbrechen des Holocaust überlebt,
nach Frankfurt am Main, nach Potsdam und Berlin und schließlich nach Fulda
schildert, wo für ihn mit und in der Jüdischen Gemeinde eine neue Heimat
entsteht, ist ein Meisterstück bewegender, ebenso persönliche wie politischer
Reportage. Sie lässt den Leser an den Erlebnissen und Begegnungen, an Hoffnungen
und Enttäuschungen eines „emigrierten“ deutschen Juden in einer Weise
teilnehmen, die uns auch das politische Denken, die Gefühlswelt und den Alltag
eines fast zehn Jahre quer durch Westeuropa und Nordafrika getriebenen, am Ende
überlebenden Antifaschisten zugänglich macht. Dass dann aus dem Mut zur Rückkehr
in das Land der Täter, den Hans Neumann nicht zuletzt dank der Begegnung mit
anderen Holocaust-Überlebenden tatsächlich aufbringt, über ungewisse Hoffnung
hinaus zukünftiges, wenn auch vom Grauen der Vergangenheit begleitetes Leben
entstanden ist, vermitteln die letzten Seiten des fesselndes Buches. Sie gelten
dem Glück der in Fulda heimisch werdenden Eltern – Hans und Franja Neumann, die
Auschwitz und Ravensbrück überlebt hat – über die Geburt ihres Sohnes im Jahre
1947, über den Lebensbeginn also des Autors. Moritz Neumann hat mit der
politisch-biographischen Schilderung dieser Flucht- und Rückkehrjahre nicht nur
seinem Vater in beeindruckender Weise einen literarischen Gedenkstein gesetzt,
sondern auch uns, spannungs- und informationenreich geschrieben, den Zugang zu
ebenso singulären wie exemplarischen Lebensgeschichten dem Holocaust entkommener
Juden ermöglicht.
Moritz Neumann: Im Zweifel nach Deutschland. Geschichte
einer Flucht und Rückkehr. Springe: Zu Klampen, 2005 (Der Hessische Rundfunk hat
eine hörenswerte, von Heiko Deutschmann gelesene Hörfunkversion des Buchs
publiziert.)
Christoph Jetter
Zwei Jugendbücher
In den Lebenswegen von Angela Reinhardt und Cilly Levitus gab es eine
Gemeinsamkeit: beiden Mädchen hatten die Nationalsozialisten ihr Recht auf Leben
abgesprochen, der einen, weil sie ein Sinti-Kind, der anderen, weil sie Jüdin
war. Beide entkamen der geplanten Ermordung und haben im hohen Alter die
Geschichte ihres Überlebens erzählt. Die Geschichte der Angela Reinhardt hat
Michail Krausnick aufgezeichnet, die der Cilly Levitus Lutz van Dijk. Beiden
Biografen gelingt es, die jeweils eigene Sprache der Berichte in ihren
persönlichen Färbungen zu bewahren und mit den unterschiedlichen Lebenswegen
heutigen jungen Leserinnen und Lesern ein Fenster in die damalige Zeit zu
öffnen.
Nach dem „Festschreibungserlass“ vom 17. Oktober 1939 lebte die damals fünf
Jahre alte Angela Reinhardt mit ihren Eltern auf der Flucht in den Wäldern der
Schwäbischen Alb. Ihr Vater hatte vorausgesehen, dass die erzwungene
Registrierung die Sinti ihren Verfolgern ausliefern würde; das Auseinanderreißen
der Familien und die Einweisung in Konzentrationslager wollte er den Seinen
ersparen. Im Frühjahr 1940 wird die Familie von der Polizei verhaftet; auf dem
Gesundheitsamt in Hechingen erstellt die „Zigeunerforscherin“ Eva Justin ein
„Rassegutachten“. Noch einmal gelingt der Familie, der Vater ist inzwischen zur
Zwangsarbeit im Straßenbau verpflichtet, die Flucht in die Wälder. Dort erfährt
der Vater – es gibt einen Briefkasten in einer Baumhöhle, mit dem sich die im
Versteck lebenden Sinti Nachrichten zu kommen lassen –, dass Angela von ihrer
leiblichen Mutter, einer Deutschen, polizeilich gesucht wird.
Von da an lebte Angela in ständiger Angst: sie war es, die ihren Eltern
weggenommen werden sollte, sie war es, auf die Jagd gemacht wurde. In der Nähe
von Burladingen schließlich wurden die Reinhardts verhaftet: Während die Polizei
Vater, „Herzensmutter“ und alle anderen Sinti abtransportierte, wurde Angela
ihrer leiblichen Mutter übergeben. An Friedrichshafen, wo Erna Schwarz lebt,
kann und will sich Angela nicht gewöhnen – nicht an die fremde Frau, nicht an
die Schule, sie verweigert das Essen. Schließlich schaltet sich das Jugendamt
ein. Sie kommt zunächst in ein katholisches Heim nach Leutkirch, wo sie sich
nach und nach wohler fühlt. Doch die Sachbearbeiter im Stuttgarter Jugendamt
hatten inzwischen das „Rassegutachten“ der Eva Justin auf dem Tisch und
verfügten, dass Angela als „Zigeunermischling“ in die St. Josefspflege in
Mulfingen eingewiesen wurde. Die St. Josefspflege war zu diesem Zeitpunkt
Sammellager für alle württembergischen Sinti-Kinder, deren Eltern in
Konzentrationslager deportiert worden waren und die nun als „Waisen“ galten.
Angela war eine Ausnahme: sie hieß nun Angela Schwarz nach ihrer deutschen
Mutter. Eines Tages erschien Eva Justin, die „Rote Frau“, in Mulfingen; für ihre
Doktorarbeit führte sie rassistische Verhaltensexperimente durch.
Nach Abschluss dieser Experimente werden ihre Versuchsobjekte nicht mehr
benötigt und im Mai 1944 zur Vernichtung nach Auschwitz gebracht. Es heißt, es
geht auf einen „Ausflug“. Angela gehört nicht zu diesem Transport: „Meine
Rettung verdanke ich einzig und alleine Schwester Agneta. Bis heute weiß ich
nicht, warum ihre Wahl auf mich gefallen ist. Warum ausgerechnet ich? ... Ich
wäre selbst so gerne mit gefahren ... Aber Schwester Agneta hat mich gesehen und
hat mir gleich eine Ohrfeige gegeben. ‚Du gehörst nicht dazu!’, hat sie zu mir
gesagt, ‚Sofort rauf in den Schlafsaal, in dein Bett, und lass dich ja nicht
mehr blicken!’“ Schwester Agneta bringt Angela, nun zehn Jahre alt, zurück zu
ihrer deutschen Mutter nach Friedrichshafen. Zwar ist die Mutter keine
Anhängerin des Nationalsozialismus – sie hilft russischen Kriegsgefangenen –,
doch wieder gibt es Konflikte u.a. mit einem Nazi-Lehrer und Angela kommt in ein
Heim nach Donzdorf. Nach der Befreiung hört sie, dass „irgendwo am Bodensee
Zigeuner leben“; sie verlässt heimlich das Heim, geht nach Friedrichshafen,
arbeitet in einer Fabrik, macht sich mit einem Foto auf die Suche nach ihrem
Vater. Wie durch ein Wunder findet sie ihn und die „Herzensmutter“.
Im Nachwort zu ihren Erinnerungen „Zu keinem ein Wort. Überleben im Versteck“
schreibt Cilly Levitus-Peiser: „Ich glaube daran, dass Geschichten, die
erzählen, wie wichtig es ist, dass junge Menschen frei und mit Liebe und Achtung
vor ihren Sehnsüchten aufwachsen können, eine universelle Bedeutung haben: Sie
können uns – alten wie jungen Menschen und wo immer wir leben auf dieser Erde –
Mut machen, niemals unsere Träume und Hoffnungen aufzugeben. Und in diesen
Träumen und Hoffnungen können wir einander erkennen, unabhängig von Religion
oder Hautfarbe oder Muttersprache oder was auch immer auf den ersten Blick sonst
noch so trennend erscheinen mag.“
Die Pogromnacht im November 1938 musste Cilly, damals 13 Jahre alt, in der
Israelitischen Waisenanstalt am Röderbergweg in Frankfurt am Main erleben. Zwei
Wochen später kann sie zusammen mit ihrer 10 Jahre alten Schwester Jutta und
weiteren Kindern aus dem Waisenhaus nach Amsterdam ausreisen. Die Mutter, die
ältere Schwester Hanna und der kleine Bruder Jossel bleiben in Frankfurt zurück.
In Amsterdam werden Cilly und Jutta im Israelitischen Mädchen-Waisenhaus in der
Rapenburgerstraat aufgenommen. Cilly leidet unter Heimweh und dem stark
reglementierten Alltag im Waisenhaus; das ändert sich langsam, als sie
Freundinnen findet und die Haushaltungsschule besuchen darf; dort „gab es
Lehrerinnen, die selbst Freude am Leben hatten und sie uns ebenfalls gönnten.“
Dann überfällt im Mai 1940 die Wehrmacht die Niederlande, deutsche Soldaten
beherrschen die Straßen von Amsterdam. Irgendwann trifft ein Brief der Mutter
ein: Cilly erfährt, dass die ältere Schwester Hanna auf dem Weg nach Palästina
ist. Ihr wird plötzlich klar, dass sie nun allein auf sich gestellt war, dass
sie die Verantwortung für ihre kleine Schwester würde tragen müssen: „Ich würde
ab jetzt erwachsen sein. Wir würden es schaffen. Hanna war in Sicherheit. Mutter
würde für Jossel sorgen und ich musste alles tun, damit Jutta nichts geschah.
Dann würden wir eines Tages alle wieder zusammen sein. Ganz bestimmt, eines
Tages.“
1941 begann Cilly eine Ausbildung als Säuglings- und Kinderpflegerin in der
Crèche, einem Kindergarten, in der Plantage Middenlaan gegenüber der Schouwburg
gelegen. Ab Juli 1942 bestimmten die Deutschen die Schouwburg zum zentralen
Sammelplatz für die Deportation der niederländischen Juden; die Crèche durfte
nicht mehr als normale Kindertagesstätte arbeiten, sondern hatte sich nur noch
um die Kinder derjenigen Familien zu kümmern, die in der Schouwburg auf den
Abtransport warteten: „Die Arbeit mit den Kindern“, beschreibt Cilly, „war
völlig anders als früher. Jeden Tag konnten Kinder, die gestern noch da waren,
weg sein. Dann kamen plötzlich wieder neue Mädchen und Jungen, die einen unruhig
und verängstigt, die anderen völlig passiv und verschlossen, als hätten sie sich
bereits gänzlich von dieser verrückten Erwachsenenwelt in sich selbst
zurückgezogen. Und schließlich gab es eine neue Gruppe so genannter
Findelkinder, meist Säuglinge, die ihre verzweifelten Eltern kurz vor der
Deportation irgendwo so ausgesetzt hatten, dass sie eine gute Chance
hatten, gefunden zu werden.“
Cilly bekommt mit, dass die Leiterin der Crèche, Henriette Pimentel, und der aus
Deutschland geflüchtete Walter Süskind, ein Mitarbeiter des Jüdischen Rates, ein
Helfernetz aufgebaut haben, um Kinder in sichere Verstecke außerhalb Amsterdams
zu bringen: „In den kommenden Wochen tat ich alles, um die Directrice bei ihrer
Arbeit zu unterstützen. Von ihren illegalen Aktionen hatte ich keine Ahnung.
Aber ich wusste genau, worum es ging und dass jeder von uns tun musste, was
möglich war.“ Am 10. Februar 1943 erfährt sie, dass „alle Waisenhäuser
Amsterdams geschlossen abgeholt worden seien“ – darunter auch ihre Schwester
Jutta. Mit Hilfe der Directrice kann Jutta in letzter Minute vom Bahnhof
zurückgeholt werden. Die beiden Schwestern wohnen nun getrennt bei jüdischen
Familien und die Lage wird immer bedrohlicher. Als Jutta bald darauf mit der
Familie, die sie aufgenommen hat, in die Schouwburg gebracht wird, gelingt es
Cilly erneut – mit Unterstützung
Walter Süskinds und eines SS-Mannes, Jutta frei zu bekommen. Die beiden
Schwestern müssen nun untertauchen: Jutta wohnte bis zur Befreiung bei über
zwanzig verschiedenen Adressen; über die beiden christlichen Lehrerinnen von der
Haushaltungsschule – Cornelia W. Ouweleen und Marie L. Hoefsmit, die sich dem
Untergrund angeschlossen haben – kann Cilly Verbindung zu der Schwester
halten. Sie selbst arbeitet mit gefälschten Papieren als „katholische Magd“ bei
Familien in Nord-Brabant; zweimal muss sie die Dörfer verlassen, da Gerüchte
aufkommen, die Familie beherberge eine Jüdin. Nach der Befreiung schlagen sich
Cilly und Jutta nach Palästina zu ihrer Schwester Hanna durch; die Hoffnung,
dort auch Mutter und Bruder zu treffen, erfüllt sich nicht ...
Beide Bücher erschienen zuerst bei Elefanten Press (2001 bzw. 2002), „Auf
Wiedersehen im Himmel“ gibt es bereits als Taschenbuch; eine Taschenbuch-Ausgabe
von „Zu keinem ein Wort“ ist geplant.
Michail Krausnick: Auf Wiedersehen im Himmel. Die
Geschichte der Angela Reinhardt. Würzburg: Arena, 2005 Lutz van Dijk: Zu keinem
ein Wort! Überleben im Versteck. München: Elefanten Press / C. Bertelsmann
Jugendbuch Verlag, 2002
Ursula Krause-Schmitt
Widerstand im Bund mit dem „Feind“
Der Band stellt deutsche Männer und Frauen in Kurzbiografien vor, die
in von Nazideutschland überfallenen Ländern gegen die NS-Kriegs- und
Mordmaschine kämpften. Es waren Angehörige aller Schichten, von
unterschiedlichen politischen, weltanschaulichen und religiösen Ansichten, die
sich in die Résistance einreihten, zu fremden Streitkräften überliefen, in
italienischen, jugoslawischen oder griechischen Partisaneneinheiten aktiv waren
oder sich in der Bewegung Freies Deutschland zu Wort meldeten. Teils waren sie
Emigranten
der ersten Jahre, teils Menschen, die erst während
der letzten Kriegsmonate z.B. den Weg
ins Nationalkomitee Freies Deutschland fanden.
Der Kreis ist also sehr weitgespannt und
spannungsgeladen. Das Kriterium für die Aufnahme
in den Band war: „Wer als Deutscher
der Mordorgie des deutschen Faschismus, mit
der die europäischen Völker überzogen wurden,
nachweislich in den Streitkräften der Antihitlerkoalition,
auch der französischen Résistance
und den Aktionen der Partisanen und Wiederstandskämpfer
anderer Länder oder in der
weltweiten Bewegung ,Freies Deutschland‘
vor dem 8. Mai 1945 Widerstand gegen die
Aggressoren ... leistet, gehört in dieses Buch.“
Es wird auch kein Unterschied bei den Formen
des Widerstands gemacht. „Ob mit der Waffe
in der Hand, ob an einem Radiosender tätig, ob
als Lehrer in einem Kriegsgefangenlager, ob als
Frontbeauftragte oder als Mitglieder von Organisation,
die kollektiv der Bewegung ,Freies
Deutschland‘ beigetreten waren – entscheidend
ist das Was und nicht das Wie.“
Viele mögen gehofft haben, zusammen mit
dem „inneren“ Widerstand das Naziregime zu
besiegen. Dieser Erfolg blieb zwar aus, denn
die Befreiung war letztlich den alliierten Streitkräften
zu verdanken, wie Stefan Doernberg im
Vorwort anmerkt. Die Anerkennung wurde den
meisten in Westdeutschland, wo sie lange Zeit
als Verräter galten, z.T. bis in die heutige Zeit
versagt. Erinnert sei an das beredte Schweigen
des Außenministeriums, als die französische
Regierung deutsche Résistancekämpfer zu den
Feiern zur Befreiung von Paris oder der Landung
in der Normandie einlud. Erinnert sei an
die Schmutzkampagnen gegen Willy Brandt,
den die Rechte in norwegischer Uniform zeigte
und als Verräter „an die Wand“ stellen wollte.
In der DDR erhielt eine größere Anzahl verantwortungsvolle
Aufgaben in Partei und
Gesellschaft, einige „Westemigranten“ gerieten
aber in den Strudel haltloser Spionageverdächtigungen
im Zuge der Noel Field-Affäre. Es
dauerte bis in die 1990er Jahre, ehe sich eine
Vereinigung der Menschen bilden konnte, „für
die Deutschsein Widerstand gegen den Hitlerfaschismus
auch im Bunde mit dem Kriegsgegner,
dem ,Feind‘ nicht ausschloss“ – gemeint ist
die DRAFD.
Nur wenige von ihnen sind einer breiteren
Öffentlichkeit bekannt, wie z.B. Wolfgang
Abendroth, Ettie und Peter Gingold, Ernst
Melis, Stefan Heym, Erich Weinert, Johanna
Kirchner, Generalfeldmarschall Friedrich Paulus.
Die meisten sind nur einem kleinen Kreis
bekannt oder vergessen. Ihre Namen und ihre
Schicksal in Erinnerung zu halten, ist das Verdienst
von Gottfried Hamacher und seinen
Mitarbeitern. Drei von ihnen seien hier stellvertretend
genannt:
Gottfried Hamacher, geb. 17.9.1916 in Bonn,
kaufm. Lehre, Arbeit als Handlungsgehilfe,
1934 RAD, 1936–1938 und August 1939
Wehrmacht, 1941 sowjetische Kriegsgefangenschaft,
Juni 1943 Kursant an der Antifaschule
in Taliza, 1943 Frontbeauftragter und Armeebeauftragter
des NKFD in der 65. Armee, April-Juni 1945 Gehilfe beim Stab der 2. Belorussischen
Front in Stettin, 1945 KPD, 1946 SED,
Redakteur der „Volkszeitung“, 1945/46 Leiter
der KPD-Landesparteischule Mecklenburg,
1946/47 Leiter der Abteilung Kultur im SEDLandesvorstand
Mecklenburg, 1947–1949
Sekretär, 1949–1951 stellvertretender Generalsekretär
der Gesellschaft der DSF, Juni 1951
„wegen ungenügender Wachsamkeit gegen
über dem Klassenfeind“ Ausschluss aus der
SED und Entbindung von allen Funktionen,
1951–1955 Transportarbeiter, 1955–1959
FDGB-Instrukteur, 1959 Rehabilitierung, 1960
Abteilungs-Leiter, 1963–1965 Direktor für
Ausländerbetreuung, 1965–1973 Leiter der
Auslandsvertretungen des DDR-Reisebüros in
der UdSSR bzw. Bulgarien, 1973–1990 wissenschaftlicher
Mitarbeiter beim Generaldirektor
des Reisebüros der DDR.
Dr. Edith Leffmann, Deutsche Antifaschistin
im französischen Exil: TA („travail allemand“
der Résistance unter deutschen Soldaten),
CALPO (Bewegung Freies Deutschland für den
Westen), Propagandaarbeit unter den Angehörigen
der Wehrmacht in Südfrankreich, u.a. Verbreitung
der Zeitung „Soldat am Mittelmeer“,
getarnt als ausländische Arbeitskraft nach
Deutschland, um Informationen zu sammeln
und den Widerstand in den Rüstungsbetrieben
zu organisieren.
Walter Vesper, geb. 26.6.1897 in Wuppertal,
gest. 12.12.1978: Sohn einer Arbeiterfamilie,
Hilfsarbeiter, Lehre als Maurer, 1912 Mitglied
der SAJ, 1915/1918 Soldat im 1. Weltkrieg,
1917 Spartakusbund, 1918 KPD, 1920 Kämpfer
der Roten Ruhrarmee, Teilnahme am Mitteldeutschen
Aufstand, im März Flucht nach
Hamburg, Arbeit als Seemann und Schiffsheizer,
1933 Verhaftung (KZ Papenburg),
1934 Emigration in die CSR, 1935 UdSSR,
1937/1939 Kämpfer in den Internationalen
Brigaden in Spanien, Febr. 1939 Rückkehr nach
Frankreich, bis September 1939 illegale Arbeit
in Paris, 1939/1940 Internierung, 1940–1945
Résistance, CALPO, Mai 1945 Rückkehr nach
Deutschland, Funktionär der KPD, Abgeordneter
des Landtages NRW, Abgeordneter des Bundestages,
1951 Übersiedlung in die DDR, tätig
in der Nationalen Front, 1959 Botschafter.
Der Band schließt eine Lücke in der Widerstandsgeschichte
und -forschung. Die von den
Herausgebern eingestandene, den Umständen
geschuldete Vorläufigkeit und Lückenhaftigkeit
der Sammlung sollte Ansporn sein, fehlende
Namen und biografische Daten der Rosa-Luxemburg-Stiftung zu melden.
Gottfried Hamacher unter Mitarbeit von
André Lohmar, Herbert Mayer, Günter Wehner,
Harald Wittstock: Gegen Hitler. Deutsche
in der Résistance, in den Streitkräften
der Antihitlerkoalititon und der Bewegung
„Freies Deutschland“. Kurzbiografien. Berlin:
Karl Dietz, 2005 (Rosa-Luxemburg-Stiftung.
Manuskripte 53)
Hermann Unterhinninghofen
Das Urteil im
Auschwitz-Prozess
Die informationen Nr. 60 (Oktober 2004) hatten
den Frankfurter Auschwitz-Prozess als
Schwerpunkt-Thema. Eine der wichtigsten
Publikationen erschien nach Redaktionsschluss
und soll daher wenigstens kurz annotiert werden.
Es handelt sich um die „erste selbstständige
Veröffentlichung“ des Urteils.
Die geschichtspolitische Bedeutung des Prozesses
muss an dieser Stelle nicht ausführlich erläutert werden, wichtig ist nur der
Hinweis,
dass Auschwitz mehr ist als nur ein historischer
Ort unter vielen. Er hat sich als Synonym für
die Gesamtheit der faschistischen Verfolgungsund
Vernichtungspolitik etabliert. Der Gedenktag
für die „Opfer des deutschen Faschismus“,
der 27. Januar, ist mit diesem Ort und dem
Datum der Befreiung durch die Rote Armee
verbunden.
Die Bedeutung des Prozesses lag auf ganz
unterschiedlichen Ebenen. Zum einen wurden
in einem zwanzigmonatigen Verfahren mit
einer Vielzahl von Zeugen, darunter über zweihundert
überlebende Häftlinge von Auschwitz,
akribisch und detailliert diese Verbrechen in
ihren verschiedenen Facetten nachgezeichnet.
Und das Gericht machte sich die Mühe, die
Fülle der Fakten in die Begründung des Urteils
für jedes einzelne der 20 Verfahren aufzunehmen.
So entstand eine Urteilsbegründung, die
ihresgleichen in der Prozessgeschichte sucht.
930 Seiten Manuskript umfasst der gesamte
Wortlaut der schriftlichen Urteilsbegründung.
Friedrich-Martin Balzer und Werner Renz haben
diesen Text im Pahl-Rugenstein-Verlag herausgegeben
und mit sehr lesenswerten Einführungen
versehen. Ergänzt wird der Urteilstext,
der immer noch gut 500 Druckseiten umfasst,
mit Nachbemerkungen zur Strafverbüßung,
einem Personenregister und einer Auswahlbiographie.
Zur Vereinfachung der Recherche in
diesem umfangreichen Werk legte der Verlag
noch zusätzlich eine CD-ROM auf, die um weitere
Materialien ergänzt ist.
Friedrich-Martin Balzer, Werner Renz (Hg.): Das Urteil im
Frankfurter Auschwitz-Prozess (1963–1965) Bonn: Pahl-Rugenstein, 2004 (Die von
Friedrich-Martin Balzer herausgegebene CD-Rom enthält das Urteil sowie von
Werner Renz zusammengestellte Materialien zum Ausschwitz-Prozess, die von Ulrich
Schneider herausgegebene Dokumentation „Auschwitz – ein Prozess“, Zeichnungen
aus Auschwitz und Gedichte von Todja Tartschoff)
Ulrich Schneider
Bürokratische Knauserigkeit – zur Entschädigung von
NS-Opfern
Schon die erste Pläne zur Entschädigung der
Verfolgten sahen vor: die Wurzeln des Faschismus
eliminieren, Wirtschaft und Gesellschaft
demokratisch erneuern, die NS-Opfer entschädigen,
die NS-Täter bestrafen. Die Geschichte
verlief anders, die Bilanz der „Wiedergutmachung“
ist – trotz der Gesamtsumme von ca.
100 Mrd. DM – kritisch. Über die Gründe und
die Alternativen ist viel geschrieben worden
(vgl. z.B. Christian Pross: Wiedergutmachung.
Der Kleinkrieg gegen die Opfer, Frankfurt
1988; Constantin Goschler: Wiedergutmachung.
Westdeutschland und die Verfolgten
des Nationalsozialismus 1945-1954, München
1992; Heinz Düx: Die Beschützer der willigen
Vollstrecker. Persönliche Innenansichten der
bundesdeutschen Justiz, Köln 2004; Thomas
Kuczynski: Brosamen vom Herrentisch, Berlin
2004).
Heiko Scharffenberg untersucht in einem regionalen Ansatz die
Entschädigungspraxis in Schleswig-Holstein mit dem Schwerpunkt Flensburg. Er
wertet erstmals systematisch die Entschädigungsakten aus. Dabei beleuchtet er
drei Perioden: die Anfänge der Unterstützung für NS-Verfolgte auf lokaler Ebene
1945–1948; die Entschädigung nach den Landesgesetzen 1948–1953; die
Wiedergutmachung nach den Bundesgesetzen ab 1953. Die erste
„Sonderunterstützung“ wurde von örtlichen Ausschüssen ehemaliger Verfolgter
geleistet und durch eine britische Zonenanweisung vom 22 .12.1945 auf eine
formale Grundlage gestellt. In den „Sonderhilfsausschüssen“ arbeiteten ehemalige
Verfolgte, die Entscheidungswege waren kurz, persönlich und unbürokratisch, die
Beträge gering, die Fürsorge diente der Linderung unmittelbarer Not. „Die
Betroffenheit über das Schicksal der Verfolgten (war) noch spürbar“, und auch
der politische Wille zu einem demokratischen Neubeginn.
Dann wurde die Entschädigung im beginnenden Ost-West-Konflikt auf der Liste der
politischen Prioritäten auf einen hinteren Platz abgedrängt. In die zweite
Periode fielen die rudimentären Landesgesetze über Renten und Haftentschädigung,
die Verdrängung der NS-Geschichte und das Ende der Entnazifizierung, die
Überlagerung der Entschädigung durch fiskalische Erwägungen der „Sparsamkeit“,
die Spaltung der Verfolgtenverbände und das Verschwinden einer politischen
Lobby. In Schleswig-Holstein „distanzierte sich die Politik zunehmend von den
NS-Verfolgten“. Sollten bisher die Anträge „großzügig und warmherzig“ geprüft
werden, so wurde jetzt das Gegenteil empfohlen. Z.B. seien die Anträge von
„Zigeunern“ stets „mit Vorsicht zu genießen“. Frauen wurden häufig politische
Motive abgesprochen, sie müssten „das aus der politischen Verfolgung des
Ehemannes resultierende Ungemach als schicksalshafte Fügung hinnehmen“. Es
folgte der „Sieg des Rotstifts“: Haushaltsmittel wurden auf die Hälfte gekürzt,
Renten nicht angepasst, von Verfolgten wurden Nachuntersuchungen verlangt – mit
dem vorrangigen Ziel, die Renten zu kürzen. Der zuständige Referent warnte: Die
Alten sterben, ohne eine Mark bekommen zu haben; die Verfolgten werden immer
wieder gegenüber den früheren NSDAP-Mitgliedern benachteiligt. In der Tat: die
Ausgaben des Landes für die „131er Pensionen“ der NS-belasteten Personen, Täter
und Angehörigen (darunter der ehemalige Reichsjustizminister Schlegelberger und
die Witwe von Reinhard Heydrich) waren inzwischen doppelt so hoch wie die
Entschädigung der Opfer.
Das nach hinhaltenden Konflikten, trotz der Mauertaktik aus Schleswig-Holstein
zustandegekommene und widerwillig zusammengezimmerte Bundesergänzungsgesetz von
1953 brachte – trotz seiner offensichtlichen inhaltlichen und verfahrensmäßigen
Mängel – für die Verfolgten in Schleswig-Holstein einige Verbesserungen: z.B.
war die Entschädigung nicht mehr von der Bedürftigkeit abhängig, Opfer konnten
auch Nachteile im beruflichen und wirtschaftlichen Fortkommen sowie an Eigentum
und Vermögen geltend machen. Die Praxis in Schleswig-Holstein war nicht „von
Hirn und Herz“ geprägt, sondern blieb äußerst restriktiv. Die Zahl der
abgelehnten Anträge war die zweithöchste im Bundesgebiet: nach der offiziellen –
stark geschönten – Statistik 55,5% gegenüber dem Bundesdurchschnitt von 43,5%;
nach der Akten-Analyse von Scharffenberg lag sie bei 70%, bei Gesundheitsschäden
sogar bei 80%. Abschreckend war die Praxis der medizinischen Gutachten für
Rentenansprüche, jene „zweiten Qual“. Das zuständige Amt beauftragte fast nur
Ärzte, die mit der Feststellung von Verfolgungsschäden äußerst restriktiv
umgingen und häufig den Zusammenhang von Verfolgung und Leiden verneinten. Sie
kannten in der Regel die Bedingungen des Überlebens in den Konzentrationslagern
und Zuchthäusern und die Erkenntnisse über die seelischen Folgen von Verfolgung
und KZ-Haft nicht oder missachteten sie. So verneinte ein Gutachter bei einem
Mann, der 12 Jahre in Zuchthaus und KZ verbringen musste und an Arteriosklerose,
Herzschwäche und Asthma litt, jeden Zusammenhang mit der Verfolgung. Häufiger
Gutachter war übrigens der berüchtigte Euthanasie-Prof. Dr. Werner Heyde alias
Dr. Fritz Sawade. So verfestigte sich der Eindruck, dass die Hauptfunktion der
Gutachten in der Abwehr der Ansprüche bestand.
Fazit des Autors: der bisher einmalige Versuch der Wiedergutmachung bleibt „mit
vielen Makeln behaftet“: Entfremdung von der Basis, Bürokratisierung, abnehmende
Bereitschaft zur Wiedergutmachung je besser es Staat und Gesellschaft ging,
zunehmende Priorität für fiskalische Erwägungen gegenüber den moralischen und
rechtlichen Verpflichtungen, Ausgrenzung von Opfergruppen. Zu Recht sieht er
einen wesentlichen Mangel im „Umgang von Gesellschaft, Politik und Verwaltung
mit den Tätern des Nationalsozialismus ... Das krasse Missverhältnis zwischen
der Behandlung der Täter und der Opfer wirft das entscheidende Licht auf die
Wiedergutmachung. 1951, zwei Jahre bevor es eine allgemeingültiges
Entschädigungsgesetz für die NS-Opfer gab, war nahezu allen Tätern nicht nur
ihre Schuld erlassen, sondern sie waren ... bestens rehabilitiert und versorgt
worden.“
Heiko Scharffenberg: Sieg der Sparsamkeit. Die
Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts in Schleswig-Holstein.
Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte, 2004
Hermann Unterhinninghofen
Zwangsarbeit in Hamburg
Im Jahre 2003 erschien das Buch des Historikers Karl Heinrich Biehl
„Hanseatisches Kettenwerk 1935–1945. Ein sozial- und
wirtschaftsgeschichtlicher Beitrag zur Kriegswirtschaft und Rüstungsproduktion
in Hamburgs Stadtteil Langenhorn“. Es zählt inzwischen zu den Standardwerken
über die Geschichte der Hamburger Rüstungsindustrie im Dritten Reich.
1934 erhielt der Düsseldorfer Industrielle Clemens Pötz über den Reichsfiskus
Heer den Auftrag, in Hamburg-Langenhorn einen Rüstungsbetrieb zu errichten. In
dem Hanseatischen Kettenwerk wurden zwischen 1935 und 1945 für Luftwaffe und
Kriegsmarine Geschoßhülsen und Zünder für Flakgeschütze und Fliegerbordkanonen
produziert.
In dem Betrieb waren im Zweiten Weltkrieg mehrere Tausend Arbeiter und
Angestellte, unter ihnen ab 1940 ausländische Zivilbeschäftigte u.a. aus
Dänemark und den Niederlanden, beschäftigt. Ab 1942 kamen verstärkt
Zwangsarbeiter zum Einsatz. Die stärkste Gruppe stammte aus der Sowjetunion, die
meisten aus der Ukraine und Weißrussland. Zu diesem besonders tragischen Kapitel
der Geschichte des Kettenwerkes entstand auf Initiative der Geschichtswerkstatt
der Hamburger Willi-Bredel-Gesellschaft eine gesonderte Publikation des gleichen
Autors. Seit 1998 zählt die Geschichte der Zwangsarbeiter in Hamburg zu den
Schlüsselthemen der Auseinandersetzung der Willi-Bredel-Gesellschaft mit dem
Hitlerfaschismus.
Im Zentrum der neuen Veröffentlichung stehen Berichte und Briefe von fünf
ehemaligen Zwangsarbeitern aus der Ukraine, die im Kettenwerk zwischen 1942 und
1945 tätig waren. Im Oktober 2002 waren elf Frauen und Männer im Alter zwischen
76 und 81 Jahren aus der Ukraine und Weißrussland nach Hamburg eingeladen
worden, um die Stätten zu besuchen, an denen sie die schwersten Jahre ihres
Lebens verbracht hatten. Als sie nach Nazi-Deutschland verschleppt wurden, waren
sie zwischen 16 und 21 Jahren alt. Sie kamen aus Dnepropetrowsk, Kiew, dem
Gebiet Donezk und Minsk. Vier von ihnen haben keine geschlossenen
Erinnerungsberichte geschrieben, sondern Biehl hat sie bei ihrem Besuch in
Hamburg befragt und mit einzelnen von ihnen korrespondiert. Die so entstandenen
Texte enthalten aufschlussreiche Angaben über die Festnahme der Einzelnen und
den Transport nach Deutschland. Im Mittelpunkt der Schilderungen stehen die
katastrophalen Arbeits- und Lebensbedingungen im Kettenwerk. Bemerkenswert sind
auch Angaben über die Rolle von leitenden Angestellten im Rahmen des
Terrorregimes gegenüber den Zwangsarbeitern.
Nur wenige Deutsche, vorrangig einzelne Arbeiter, verhielten sich gegenüber den
Ausländern solidarisch, indem sie ihnen Lebensmittel gaben und hilfsbereit
waren. Die Publikation ist ein weiterer Baustein zur Erforschung der Geschichte
der Zwangsarbeit in Hamburg. Vieles bleibt aber nach wie vor offen, denn die
Geschichte der Mehrzahl der mehr als 300 Zwangsarbeiterlager in der Hansestadt
ist nicht erforscht.
Karl Heinrich Biehl: Zwangsarbeit im Hanseatischen
Kettenwerk (Hak) in Langenhorn. Erinnerungsberichte. Firmengeschichte. Hamburg:
Willi-Bredel-Gesellschaft, 2005
Karl Heinz Jahnke
Verfolgung „Asozialer“
Die Stigmatisierung, Ausgrenzung und Verfolgung von angeblich
„minderwertigen“ oder „asozialen“ Menschen begann weder mit der Machtübertragung
im Januar 1933, noch gehörte dies nach der Befreiung vom Nazismus
der Geschichte an. Dennoch zeichnete sich der NS-Staat durch eine besondere
Radikalität beim Vorgehen gegenüber gesellschaftlichen Randgruppen aus. Gerade
weil zu keiner Zeit verbindlich bestimmt wurde, wer als „asozial“ oder
„gemeinschaftsfremd“ zu bezeichnen war, entwickelte sich eine expansive Verfolgungsdynamik
und im Lauf der Jahre gerieten immer neue Personengruppen ins Visier der
Verfolger. In den Lagern Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen machten die so
genannten „ Asozialen“ nach den als „Aktion Arbeitscheu Reich“ bekannt
gewordenen Massenverhaftungen vom Frühjahr und Sommer 1938 zwischenzeitig sogar
die größte Häftlingskategorie aus. „Der Kampf gegen die ‚Asozialen’ kannte“, wie
Wolfgang Ayaß dazu treffend schreibt, „keinen Endpunkt und wäre ohne die
Kriegsniederlage Deutschlands nie zum Abschluss gekommen“ (S. 54). Mit der
Verfolgung von Menschen, die als so genannte „Asoziale“, „Minderwertige“ oder
„Gemeinschaftsfremde“ bezeichnet wurden, beschäftigt sich der vorliegende
Sammelband, der auf ein bundesweites Gedenkstättenseminar vom September 2003
zurückgeht. Insgesamt zehn Beiträge von neun Autoren und Autorinnen geben einen
fundierten Überblick über die Grundlagen, Rahmenbedingungen und Etappen der
nazistischen „Asozialenpolitik“ – und ihrer Kontinuitäten.
Die ersten beiden Beiträge befassen sich mit der Vorgeschichte bzw. den
geistesgeschichtlichen Grundlagen der Verfolgung gesellschaftlicher Außenseiter.
Andrea Woeldike beleuchtet zunächst die Genese und Entwicklung des Begriffs der
„Deutschen Arbeit“, der, so die These der Autorin, wesentlich dazu beigetragen
habe, ein Gegenbild von jenen zu konstruieren, die den damit verbundenen
Projektionen nicht entsprechen konnten oder wollten. Der Eugenik und
Rassenhygiene als wissenschaftlichen Legitimationsfolien der Verfolgung
angeblich „minderwertiger“ gesellschaftlicher Minderheiten widmet sich der
Beitrag von Ingrid Tomkowiak. Zwar können sozialtechnologische Utopien von der
Verbesserungen des Menschen durch „Auslese“ und „Ausmerze“
auf eine lange kulturgeschichtliche Tradition zurückblicken, erst die
katastrophalen gesellschaftlichen Bedingungen des frühen 20. Jahrhunderts
verhalfen ihnen zu einer breiteren, auch außerwissenschaftlichen Popularität, an
der die Nazis bei den Versuchen zur Herstellung einer sozial und „rassisch“
homogenen „Volksgemeinschaft“ anknüpfen konnten.
Dass es sich dabei allerdings nicht nur um die bruchlose Realisierung lang zuvor
erdachter Maßnahmen, Programme und Forderungen ging, sondern die
„Asozialenpolitik“ der Nazis in ihren Praxen zum Teil weit darüber hinausging,
zeigen die Beiträge, die sich auf den Zeitraum von 1933 bis 1945 konzentrieren.
Einen profunden Überblick über die Bandbreite der Maßnahmen und die an der
Verfolgung sozialer Außenseiter im Nazismus beteiligten Institutionen
präsentiert zunächst Wolfgang Ayaß. Dabei wird nicht nur deutlich, welche
Vielzahl von Institutionen und Organisationen sich zum Ziel gesetzt hatten, den
„Volkskörper“ vor angeblich „minderwertigen“ Menschen zu „reinigen“, sondern
auch, auf welche personellen, organisatorischen, rechtlichen und
weltanschaulichen Kontinuitätslinien sich die beteiligten Akteure dabei stützen
konnten. Einer der seit Mitte der 1930er Jahre an Bedeutung zunehmenden
Instanzen, der Kriminalpolizei, widmen sich anschließend zwei Beiträge.
Während sich Thomas Roth vor allem auf die ideologischen Grundlagen und
Denkmuster der kriminalpolizeilichen „Verbrechensbekämpfung“ konzentriert,
schildert Wolfgang Ayaß in seinem zweiten Beitrag die kriminalpolizeiliche
Praxis der „Vorbeugungshaft“, die für die meisten Betroffenen mit der
Verschleppung in ein Konzentrationslager mündete. An dieser Stelle setzen die
Artikel von Christa Schikorra und Martin Guse an, die sich dem Schicksal
„Asozialer“ oder „Gemeinschaftsfremder“ in den Konzentrationslagern widmen und
damit gewissermaßen den Endpunkt der Verfolgung beleuchten. Insbesondere Christa
Schikorra zeigt eindrücklich, wie sich die gesellschaftliche Stigmatisierung
auch in den Häftlingsgesellschaften der Lager reproduzierte: Die Häftlinge mit
dem „Schwarzen Winkel“ standen in der Lagerhierarchie weit unten und erschienen
auch ihren Leidensgenossen als suspekt und verdächtig.
Den deutschen bzw. nazistischen Kontext verlassen schließlich die abschließenden
Beiträge von Thomas Meier, der die Verfolgung der Jenischen in der Schweiz am
Beispiel des „Hilfswerk für die Kinder der Landstraße“ zwischen den 1920er und
1970er Jahren skizziert und Lothar Evers, der den skandalösen Umgang mit den als
„asozial“ diskriminierten NS-Opfern in den Blick nimmt. Der Umstand, dass es bis
zur Anerkennung als Verfolgte des Nationalsozialismus mehr als fünf Jahrzehnte
dauerte, ist nur ein Beleg für das Andauern der gesellschaftlichen
Stigmatisierung nach 1945.
Vor diesem Hintergrund ist das im abschließendem Beitrag von Agnes Ohm
geschilderte Schülerprojekt „‚Asoziale’ gestern – ‚Asoziale’ heute“ nicht hoch
genug zu bewerten. Den Zusammenhang zwischen der Verfolgung von „Asozialen“ in
der NS-Zeit und der Ermordung von Obdachlosen heute zu thematisieren ist nicht
nur ein verdienstvolles Unterfangen, sondern um so wichtiger in Zeiten, in denen
erwerbslose Menschen medial in die Nähe von „Arbeitsscheuen“ gerückt werden,
sich die Mörder von Obdachlosen zu Vollstreckern eines vermeintlichen
„Volkswillens“ stilisieren können und Arbeitspapiere aus einem Bundesministerium
versuchen, die selbst zu verantwortende politische Misere mit billiger
Stimmungsmache gegen angebliche „Parasiten“ und „Abzocker“ zu kaschieren. Um
sich über die Kontinuitäten solcher Denkweisen und ihre Folgen zu informieren,
bietet der Sammelband eine solide Grundlage.
Dietmar Sedlaczek, Thomas Lutz, Ulrike Puvogel, Ingrid
Tomkowiak (Hg.): ‚minderwertig’ und ‚asozial’. Stationen der Verfolgung
gesellschaftlicher Außenseiter. Zürich: Chronos, 2005
Sven Steinacker
„Der Beamte im Staat Adolf Hitlers ist
Verwaltungssoldat“
Diese Maxime des Darmstädter Oberfinanzpräsidenten Hans Werth aus dem
Jahre 1937 verdeutlicht, was im nationalsozialistischen Deutschland von
Finanzbeamten erwartet wurde. Ohne die Beamten und Angestellten der
Reichsfinanzverwaltung im Ministerium in Berlin, den Landesfinanzämtern bzw.
Oberfinanzpräsidenten und den Finanzämtern in den Städten und Gemeinden wäre es
unmöglich gewesen, die totale Ausplünderung der im nationalsozialistischen
Deutschland verfolgten, deportierten und ermordeten jüdischen Menschen
durchzuführen.
Dieser Aspekt der Geschichte des Faschismus in Deutschland ist in
den vergangenen Jahren zunehmend zu einem Thema der Forschung geworden, die sich
verstärkt der Täterseite zugewandt hat. Nach den teilweise öffentliches Aufsehen
erregenden Ausstellungen und Publikationen, die auf rheinischen und
westfälischen Finanzamtakten beruhten, wurde nach Rheinland-Pfalz auch in Hessen
eine umfassende Untersuchung durchgeführt. Weitere Forschungsprojekte zu Bayern
und Niedersachsen sind abgeschlossen. Die Aufzählung ist
möglicherweise unvollständig.
In mehrjähriger Arbeit haben die Historikerinnen Susanne Meinl
(wissenschaftliche Mitarbeiterin des Fritz Bauer Instituts) und Jutta Zwilling
ein voluminöses Werk von 745 Seiten über die Ausplünderung der jüdischen
Bevölkerung in Hessen erarbeitet. Es ist eine Begleitpublikation zu der
Wanderausstellung „Legalisierter Raub – Der Fiskus und die Ausplünderung der
Juden in Hessen 1933–1945“ des Fritz Bauer Instituts in Zusammenarbeit mit dem
Hessischen Hauptstaatsarchiv.
Die beiden Forscherinnen haben sich die Arbeit aufgeteilt: Meinl stellt die
fiskalische Benachteiligung und Diskriminierung, die „gesetzlich geregelte
Ausplünderung“ und das Netzwerk der Ausplünderung dar, was sie mit vielen
Beispielen belegt. So ist es ihr gelungen, die hoch komplexe Materie relativ
verständlich darzustellen: Das Mitwirken der Angehörigen der Finanzverwaltung an
der Judenverfolgung, Deportation und restlosen Verwertung der Ersparnisse und
Lebensversicherungen und der zurückgelassenen Habseligkeiten der aus Deutschland
Geflohen wie der Verschleppten und Ermordeten. Das Finanzpersonal handelte
streng nach „nationalsozialistischer Weltanschauung“ und tat fast bis zur
letzten Stunde im Frühjahr 1945 „seine Pflicht“. Susanne Meinl schließt ihren
Teil ab, indem sie das Thema auf die Frage nach den Opfern, Tätern und
Nutznießern fokussiert. Sie stellt die Verwaltungsabläufe ebenso anschaulich
dar, wie sie beispielhaft die Profiteure beschreibt: Auktionshäuser,
Gerichtsvollzieher, Immobilienmakler, Hausverwalter, Speditionen und die vielen
„Volksgenossen“ und „Volksgenossinnen“.
Jutta Zwilling hat die Aufgabe übernommen, eine systematische Übersicht der
Akteure der Ausplünderung zu geben: Die Strukturen der Reichsfinanzverwaltung,
der hessischen Landesfinanzämter bzw. Oberfinanzverwaltungen und der einzelnen
Finanzämter sowie die Beteiligung der Devisenstellen und der Zollverwaltung.
Sehr hilfreich für anschließende Forschungen ebenso wie für die Weiterbildung in
der Finanzverwaltung sind die zahlreichen Hinweise auf die Aktenüberlieferungen.
Sie geht auch auf die Behörden ein, ohne deren Mitwirkung die Finanzverwaltung
nicht effektiv hätte handeln können: Justizbehörden, Geheime Staatspolizei,
NSDAP u.a. sowie die zur Zusammenarbeit gezwungenen jüdischen Institutionen.
Abschließend wird noch auf die an der „Wiedergutmachung“ beteiligten Behörden –
die teilweise identisch waren mit den ausbeutenden Dienststellen – hingewiesen.
Susanne Meinl, Jutta Zwilling: Legalisierter Raub. Die
Ausplünderung der Juden im Nationalsozialismus durch die Reichsfinanzverwaltung
in Hessen. Frankfurt/M.: Campus, 2004 (Wissenschaftliche Reihe des Fritz Bauer
Instituts, Band 10)
Kurt Schilde
Jugendfürsorge in Frankfurt/Main
Die Geschichte des Jugendamtes der Stadt Frankfurt/Main wird von
Harry Hubert in einer umfangreichen Dokumentation dargestellt: Band 1 umfasst
die Anfänge bis 1945; Band 2, der noch nicht erschienen ist, die Geschichte nach
1945 bis zur Gegenwart. Der Autor hat für seine Dissertation neben umfangreicher
Literatur insbesondere Akten des Jugendamtes, des Wohlfahrtsamtes, des
Fürsorgeamtes und die diesbezüglichen Magistratsberichte der Stadt Frankfurt
ausgewertet.
Mit der Reichsgründung 1871 veränderte sich auch der Umgang mit Kindern und
Jugendlichen, die Unterstützung durch die Gesellschaft benötigten: vom
Almosenwesen zur Armenordnung; einer mehr oder weniger staatlichen Regelung des
Umgangs. Ziel war immer die „Erziehung zur Arbeit“.
Im Jahr 1914 wurde das Frankfurter Jugendamt gegründet, bereits 1908 das
Frankfurter Jugendgericht. Die Auseinandersetzung spiegelte sich in Begriffen
wie „Erziehung statt Strafe“ bzw. das Jugendamt als verlängerter Arm der
Staatsanwaltschaft. Die Kriegsjahre bis 1918 erschwerten dann die vielfältigen
Aufgaben von Armenunterstützung, Unterbringung von Waisenkindern, Pflegekindern,
Unterstützung für obdachlose bzw. wandernde Jugendliche, Umgang mit straffällig
gewordenen Kindern und Jugendlichen etc.; einerseits erhöhte sich die Anzahl der
zu betreuenden Kinder/Jugendlichen massiv, andererseits herrschte Geld- und
Arbeitskräftemangel. In der Weimarer Republik fand die gesamtgesellschaftliche
Auseinandersetzung um fortschrittliche, demokratische Bestrebungen gerade auch
im Bereich der Jugendfürsorge ihren Niederschlag. So führten skandalöse Zustände
in Fürsorgeerziehungsheimen zu Revolten in einigen Heimen und stellten den Sinn
von Heimerziehung grundsätzlich in Frage. Interessant finde ich in diesem
Zusammenhang die Entstehungsgeschichte des Hauses der Jugend, heute noch große
Jugendherberge in Frankfurt. Dieses entstand durch vielfältige jahrelange
Initiativen von Jugendorganisationen aus Parteien, Kirchen und Sportvereinen.
Die Eröffnungsfeier 1930 wurde von HJ-Mitgliedern massiv gestört, die als
einzige nicht an diesem Zusammenschluss beteiligt gewesen waren.
Die Wirtschaftskrise und die Machtübernahme der Faschisten machten aber bald
alle fortschrittlichen (von denen es wenige gab) Ansätze zunichte. Die gesamte
Jugend wurde zur Staatsjugend erklärt. Mit dem „Gesetz zur Wiederherstellung des
Berufsbeamtentums“ ging ab dem Frühjahr 1933 die Entlassung vieler Beamtinnen
aus politischen Gründen einher; Hinweise zu jüdischen Mitarbeiterinnen fehlen.
Die Hitler-Jugend (HJ) wurde zur alleinigen Trägerin von außerfamiliärer und
außerschulischer Erziehung ernannt. In den Magistratsberichten der Stadt
Frankfurt wurde bald die „erfreuliche Zusammenarbeit“ von Jugendamt und HJ auf
dem Gebiet der Gefährdeten- und Heilfürsorge und im Bereich der Jugendpflege
hervorgehoben. Die Träger der freien Wohlfahrtspflege kooperierten auf allen
Gebieten mit der NSVolkswohlfahrt. Die meisten Mitarbeiter/innen des Frankfurter
Jugendamtes akzeptierten die eugenischen und rassenhygienischen Deutungsmuster.
Es gab z.B. Diskussionen um die Beschulungspflicht von Sinti- und Romakinder,
wobei die Tendenz eindeutig in Richtung „Endlösung der Zigeunerfrage“ ging.
Bereits 1933 wurden „Erbkarteien“ im Gesundheitsamt angelegt. Es sollten für die
Erziehung von „Bastarden, Zigeuner- und Judenkinder“ keine öffentliche Mittel
mehr ausgegeben werden.
Gerade auch das Frankfurter Fürsorge- und Jugendamt kann mit Götz Aly als
„Gehilfe und konstruktiver Mitorganisator“ des Faschismus bezeichnet werden.
Dies weist Harry Hubert mit den vorliegenden Quellen eindeutig nach. Ein
Widerspruch gegen nationalsozialistische Politik lässt sich nicht finden.
Das vorliegende Buch umfasst neben umfangreichen historischen Dokumenten auch
Kurzbiografien einzelner im Bereich der Jugendfürsorge tätigen Personen in
leitenden Funktionen, z.B. Stadtrat Dr. med. Werner Fischer- Defoy, ab 1924 zum
Stadtmedizinalrat befördert, ab 1929 Mitglied der NSDAP und als „alter Kämpfer“
1933 zum Stadtrat ernannt. Bis 1945 war er zuständig für Stadtgesundheitsamt,
Fürsorgeamt und damit auch Jugendamt. 1945 wurde er auf Befehl der
US-Militärregierung seines Amtes enthoben und 1948 von der Hauptspruchkammer
Frankfurt nur als „Mitläufer“ verurteilt. Allein aufgrund seines Alters wurde
seinem Antrag auf Wiedereinstellung in den städtischen Dienst nach 1945 nicht
entsprochen.
Das Hauptanliegen des Autors ist die zeitgeschichtliche Dokumentation;
allerdings lässt er die Quellen oft für sich selbst sprechen. Ich hätte mir
etwas mehr Interpretation und Bewertung gewünscht; angesichts der Quellenmenge
fällt einer historisch nicht ausgebildeten Leserin wie mir die Auswertung doch
oft schwer. Das Buch ist ein Nachschlagewerk; aber es bietet auch viele
interessante Aspekte zur Stadtgeschichte in Frankfurt.
Harry Hubert: Jugendfürsorge, Jugendwohlfahrt und
Jugendhilfe. Zur Geschichte des Jugendamtes der Stadt Frankfurt am Main. Band 1:
Von den Anfängen bis 1945 Frankfurt am Main: Fachhochschulverlag, 2005
Doris Seekamp
Praxis der Deportationen
Der 20. Band der jährlich erscheinenden „Beiträge zur Geschichte des
Nationalsozialismus“ beschäftigt sich mit dem Komplex der Deportation der
jüdischen Bevölkerung aus Deutschland. Dabei wird die Geschichte der
Deportationen von 1938–1945 in acht Aufsätzen eingekreist. Schwerpunkte werden
dabei auf die „politische Praxis im dritten Reich“ und die Betrachtung
verschiedener sozialer Gruppen gesetzt. Inhaltlich versuchen die
Herausgeberinnen dabei eine „multiperspektivische“ Sichtweise einzunehmen.
Thematisch werden drei Ebenen betrachtet: Die Geschichte der deportierten
jüdischen Bevölkerung, die Absichten und Praxen der deutschen Behörden und die
Reaktionen der deutschen Bevölkerung auf die Deportationen, wobei der
Schwerpunkt auf der
ersten Ebene liegt.
Zu Beginn des Bandes steht ein Überblicksartikel von Wolf Gruner. In diesem
zeichnet er detailreich die Geschichte der Deportationen nach, wobei er die
These vertritt, dass die Deportation der Juden kurz nach dem
Überfall auf Polen beschlossen und in Angriff genommen wurde. Nachdem die Pläne
von „Judenreservaten“ etwa in Madagaskar oder im Generalgouvernement
scheiterten, wurde 1941/42 die Ermordung der Juden endgültig geplant. Allerdings
weist Gruner auf den genozidalen Gehalt der Pläne hin, der diesen bereits
1939/40 zu eigen war.
Beate Meyer behandelt in ihrem Beitrag die Rolle der „Reichsvereinigung der
Juden“ bei der Organisation und Durchführung der Deportationen. Dabei werden
exemplarisch die Deportationen in Frankfurt, Nürnberg und Mainz behandelt. Teils
unter Zwang, teils in der Hoffnung auf „mildere“ Verfahren beteiligten sich
dabei die jüdischen Repräsentanten an der Organisation der Deportationen.
Insgesamt blieb jedoch ihr Einfluss auf die Vorgänge marginal. Lediglich in
einigen Fällen konnte die Anzahl der Deportierten verringert oder das allgemeine
Klima der Deportationen verbessert werden.
Ein Fülle von Quellen präsentiert Monica Kingreen in ihrem Aufsatz. Aus
Abschiedsbriefen, von Jüdinnen und Juden, die angesichts der Deportationen
Selbstmord begingen, Postkarten, Briefen, Tagebucheintragungen und
Nachkriegsberichten kann Kingreen einen schwer erträglichen Blick auf die
Erfahrung der Deportation und das harte Leben in den Gettos werfen. Die Quellen
zeigen dabei eindrücklich, welche Schlüsse die Zurückgebliebenen oder noch nicht
Deportierten aus den Nachrichten schließen konnten. Viele Jüdinnen und Juden
glaubten bis zuletzt sich ihrer Ermordung durch Arbeitsfähigkeit entziehen zu
können.
Wie das Leben der Deportierten in den Gettos der Durchgangslager aussah, damit
beschäftigt sich der Aufsatz von Robert Kuwalek. Am Beispiel des Distrikts
Lublin, eines der wichtigsten Zielgebiete für Deportationen aus dem deutschen
Reich, versucht er auch die Konflikte nachzuzeichnen, die zwischen „Westjuden“
und „Ostjuden“ entstanden. Dabei verwendet der Autor nicht nur Archivmaterial,
sondern führte auch Interviews mit Polen und polnischen jüdischen Überlebenden.
In einem weiteren Beitrag wertet Beate Kosmala die Daten von circa 1000
deutschen Juden aus, die sich der Deportation durch Flucht entzogen hatte. Ein
Großteil von ihnen stammte aus Berlin. Je mehr Wissen über das Leiden im Osten
zu den Zurückgeblieben durchdrang, um so mehr vergrößerte sich die Bereitschaft
unterzutauchen oder mit einer gefälschten Identität weiterzuleben. Jedoch
erlebten nur etwa ein Viertel der Untergetauchten den Untergang des dritten
Reichs. Die anderen fielen Denunziationen, Razzien oder den Bomben zum Opfer.
Die Beiträge von Christiane Kuller und Frank Bajohr wechseln dann das Blickfeld
von den Opfern der Deportationen auf die deutschen Behörden und die Bevölkerung.
Exemplarisch beschäftigt sich der erste Aufsatz mit der Verwertung jüdischen
Eigentums, während der zweite Aufsatz die Entwicklung eines schlechten
Gewissens bei den deutschen „Volksgenossen“ nachzeichnet.
Christiane Kuller setzt sich mit der Verwertung jüdischen Eigentums der
Nürnberger Juden im Rahmen der „Aktion 3“ auseinander. Sie zeigt insbesondere
die Konflikte und Verteilungskämpfe zwischen Reichsfinanzverwaltung auf der
einen und Gestapo und NSDAP auf der anderen Seite. Im weiteren geht sie auf die
rechtlichen Grundlagen und auf die Praxis der Verteilung des jüdischen Eigentums
ein.
Frank Bajohr versucht die Entwicklung eines „schlechten Gewissens“ bei der
deutschen Bevölkerung nachzuzeichnen. Nur ein kleiner Teil der deutschen
Bevölkerung lehnte die Deportationen aus humanistischen Gründen ab. Der Großteil
der „Volksgenossen“ schwankte zwischen aktiver Zustimmung, unauffälliger
Zurückhaltung und kritischer Distanz, wobei letztere Position nur selten offen
geäußert wurde. Mit der zunehmend absehbaren Niederlage wurden auch innerhalb
der deutschen Bevölkerung zunehmend Bestrafungsängste aktuell. Auch die
Bombardierungen der deutschen Städte durch die Alliierten wurden in diesem
Kontext gesehen. Von so manchem Deutschen wurden die Deportationen dann auch
nicht als Verbrechen kritisiert, sondern als „taktischer“ Fehler: „Statt die
Juden in den Osten zu deportieren (...), hätte man sie besser als Geiseln und
lebende Schutzschilde in den Städten belassen“ (Bajohr, 192).
In der Rubrik „Fundstücke“ wird zuletzt noch auf die Sichtweise eines
unbeteiligten ausländischen Beobachters hingewiesen. Nicholas Terry kommentiert
hierbei das Protokoll des schwedischen Geschäftsmannes Jacob Wallenberg mit dem
britischen Botschafter in Stockholm. Von britischer Seite wurden die
Deportationen hauptsächlich unter ökonomischen Gesichtspunkten interpretiert.
Man ging davon aus, dass das deutsche Reich vor allem Zwangsarbeiter im Osten
benötigte. An dieser Fehleinschätzung hielten die britischen Behörden leider
auch noch fest, als das NS Regime bereits die systematische Ermordung der Juden
vollzog. Ergänzt werden die Aufsätze durch einen umfangreichen Rezensionsteil
und ein Personenregister.
Die Beiträge bieten einen stark an den Quellen orientierten Einblick in die
Geschichte der Deportationen von 1938–1945. Gerade das macht diese
Aufsatzsammlung so interessant. Als Kritikpunkt bleibt lediglich, dass ein
Beitrag zur Rolle der Reichsbahn bei den Deportationen fehlt.
Die Deportation der Juden aus Deutschland. Pläne – Praxis
– Reaktionen 1938–1945. Herausgegeben von Birthe Kundrus und Beate Meyer.
Göttingen: Wallstein, 2004 (Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus Band
20)
Michael Damboer
Zentralfriedhof Wien – Gruppe 40
In Wien befindet sich Europas größter Friedhof. Auf dem
Zentralfriedhof sind zahlreiche Frauen und Männer beigesetzt, die zwischen 1938
und 1945 vom Nazifaschismus ermordet wurden, weil sie Widerstand leisteten. Ein
besonderer Ort sind die Gräber der Gruppe 40.
Im Zentrum der österreichischen Hauptstadt, im Landgericht I, sind Hunderte
Gegner der NS-Diktatur vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und in den
Kellern des gleichen Gebäudes enthauptet worden. Die meisten Leichen wurden
später auf dem Zentralfriedhof verscharrt.
Es hat lange gedauert, bis diese Opfer des NS-Terrors im Bereich der Gräber der
Gruppe 40 eine würdige Gedenkstätte erhielten. Am 21. April 2005 nahm der
Bürgermeister der Stadt Wien, Dr. Michael Häupl, die Einweihung vor.
Mit dem neuen Buch von Willi Weinert, das im Auftrag der Alfred Klahr
Gesellschaft herausgegeben wurde, liegt erstmalig ein wissenschaftlich
fundierter Führer zu den Gräbern der Gruppe 40 vor. Willi Weinert arbeitet seit
mehreren Jahrzehnten zu dieser Thematik und gehört zu den sachkundigsten
Forschern. Die Publikation gibt darüber hinaus einen umfassenden Einblick in den
zwischen 1938 und 1945 geleisteten Widerstand gegen Hitlerdeutschland, für ein
freies und unabhängiges Österreich.
Im Mittelpunkt des Buches stehen biografische Texte über die Widerstandskämpfer,
die von 1942 bis April 1945 im Wiener Landgericht I ermordet wurden, weil sie
aus politischen und weltanschaulichen Gründen gegen die Herrschaft der
NS-Diktatur in Österreich aufgetreten sind. 577 Personen, 47 Frauen und 530
Männer fanden Aufnahme. Die Texte informieren über wichtige Lebensdaten, den
Einsatz im Widerstand, die Festnahme, das Urteil und die Hinrichtung. Schwierig
war es, von jedem Einzelnen Fotos zu finden. Dies ist bei 342 der Hingerichteten
gelungen.
Erfasst werden die gesamte Breite und Vielfalt des Widerstandes und der
Opposition. Besonders hoch war der Anteil der Angehörigen der kommunistischen
und sozialistischen Arbeiterbewegung am Widerstand. Fast jeder fünfte der
Ermordeten war jünger als 30 Jahre. Verständlicherweise sind die Angaben zu den
Einzelnen in ihrem Umfang und im Aussagegehalt unterschiedlich.
In den Anhang sind Gedichte und Lieder aus dem Widerstand, persönliche Zeugnisse
Hingerichteter, letzte Briefe und Kassiber sowie Erinnerungen von Angehörigen
aufgenommen worden. Weiter wird in einer Chronik Auskunft über die Geschichte
der Grabstätte „Gruppe 40“ gegeben (S. 29–38).
In dem Geleitwort zu dem Buch schreibt Bürgermeister Dr. Michael Häupl über die
Menschen, die hier bestattet sind: „Auch wenn das Wirken dieser
ÖsterreicherInnen nicht massenwirksam wurde, so repräsentieren sie doch
das bessere Österreich. Die Erinnerung an sie spielte nach 1945 und bis heute im
öffentlichen Bewusstsein leider eine untergeordnete Rolle. Dieses Buch möge dazu
beitragen, dem Vergessen dieser tapferen Menschen entgegenzuwirken.“ (S. 7)
Willi Weinert: „Mich könnt ihr löschen, aber nicht das
Feuer.“ Ein Führer durch den Ehrenhain der Gruppe 40 am Wiener Zentralfriedhof
für die hingerichteten WiderstandskämpferInnen. Wien: Alfred Klahr Gesellschaft,
2. verb. u. erw. Auflage 2005
Karl Heinz Jahnke
Zwangssterilisation und „Euthanasie“: Geschichte,
Erinnerung und Folgen
Unmittelbar nach der Übertragung der politischen Macht an die Nazis
wurde der Rassismus in den Rang staatlicher Politik gehoben und ein Programm zur
rassenhygienischen Umformung der deutschen Gesellschaft initiiert, das
angesichts seiner mörderischen Dynamik historisch ohne Vergleich ist. Bis zum
Ende der Diktatur wurden rund 400.000 Menschen zwangssterilisiert und mit dem
Übergang zur aktiven Tötung von Menschen fielen seit Herbst 1939 ungefähr
300.000 Menschen dem Vernichtungswillen der Machthaber in den
„Euthanasie“-Aktionen zum Opfer. Diesen Entwicklungen und ihren gravierenden
Folgen widmen sich die Beiträge des von Margarete Hamm vom Bund der
„Euthanasie“-Geschädigten und Zwangssterilisierten e.V. (BEZ) edierten
Sammelbandes. Dabei wird eine mehrdimensionale Perspektive verfolgt, die sich
der Thematik sowohl aus einem erfahrungsgeschichtlichem als auch aus einem
ereignisgeschichtlichem Blickwinkel nähert und dies mit übergreifenden Bezügen
wie etwa den aktuellen Diskussionen zur „Sterbehilfe“ verbindet. Mit dieser
thematischen Breite und der gelungenen Auswahl der Beiträge bietet sich der Band
nicht nur zur Verwendung im zeitgeschichtlichen Unterricht an, sondern kann auch
Kennern der Materie zu interessanten Einsichten verhelfen.
Im ersten Teil werden die „Lebensgeschichten“ von über zwanzig Menschen
rekonstruiert, die auf unterschiedliche Weise Opfer der nazistischen Rassen- und
Tötungspolitik wurden. Auf der Basis von persönlichen Berichten und
Archivunterlagen des BEZ werden behutsam die Lebens- und Leidenswege der
Betroffenen geschildert, denen bei aller Unterschiedlichkeit eines gemeinsam
war: Sie galten im Kontext einer Politik, die den vermeintlichen „rassischen
Wert“ von Menschen zum Kriterium von Leben und Tod verabsolutierte, als
„minderwertig“ und als „Ballastexistenzen“. Der biografische Zugang lässt ahnen,
welche seelischen, psychischen und physischen Verheerungen das erlittene Unrecht
bei den Betroffenen ausgelöst hat und wie weit dies auch über die politische
Zäsur von 1945 nachwirkte. Denn eine zweite Gemeinsamkeit vieler
Lebensgeschichten ist, dass die Erfahrungen von Ausgrenzung und Verfolgung mit
der Befreiung vom Nazismus keineswegs beendet waren.
„Unrecht, das nicht endet“ (S. 52) ist daher die treffende Formel für den
Umstand, dass sich die Zeit nach 1945 für viele Betroffene als eine zweite
Verfolgungsperiode entpuppte. Die 1921 geborene Hamburgerin Anna D., um nur ein
exemplarisches Beispiel zu nennen, war zugleich Opfer der NS-Diktatur und
„lebenslang auch ein Opfer der Hamburger Sozialbehörde“ (S. 23–26), auf deren
Betreiben sie als Zwölfjährige unmittelbar nach der
Machtübertragung in ein Waisenhaus gesteckt und dort zwangsweise sterilisiert
wurde. Die Volljährigkeit bedeutete für sie nicht das Ende der Tortur, sondern
die zugleich zu ihrer Entmündigung betriebene Verbringung in das berüchtigte
Arbeitshaus Farmsen. Mit Zustimmung der Sozialbehörde bzw. der zuständigen
Beamtin Dr. Käthe Petersen wurde sie im Juni 1943 in das Arbeitslager Tiefstack
gebracht und einen Monat später in die Bordellbaracke des KZ Buchenwald
verschleppt, wo sie so schwer misshandelt wurde, dass sie sich von den Folgen
Zeit ihres Lebens nicht mehr erholte. Erst zwölf Jahre nach dem Ende der
Diktatur wurde die Entmündigung von Anna D. rückgängig gemacht. Einen Ausgleich
für ihre unwiderruflich zerstörte Gesundheit hat sie nie erhalten und selbst ein
würdiges Begräbnis musste gegenüber der Hamburger Sozialbehörde erstritten
werden. Dagegen konnte Käthe Petersen ihrer Tätigkeit in der Sozialbehörde nicht
nur bis zur Pensionierung ungehindert weiter nachgehen, sondern wurde mit dem
Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik dekoriert.
Wie die Funktionseliten von staatlichen Sozialbürokratien und Gerichten,
NS-Organisationen und unzähligen anderen Institutionen in die nazistische
Rassen- und Tötungspolitik eingebunden waren, wird im zweiten – umfangreicheren
– Teil des Buches geschildert. In insgesamt 13 Beiträgen skizzieren die Autoren
und Autorinnen zentrale Aspekte der Geschichte von Zwangssterilisation und
„Euthanasie“. Die ersten vier Artikel konzentrieren sich zunächst auf den
Vollzug der Zwangssterilisationen. Dabei wird die Funktion der staatlichen
Gesundheitsämter (Johannes Vossen) ebenso in den Blick genommen wie die Rolle
der Fürsorgebehörden als Kostenträger der Anstaltsunterbringung (Peter Sandner),
die Zwangssterilisation sogenannter „Asozialer“ (Wolfgang Ayaß) und die
Entwicklung der Sonderpädagogik im Nazismus (Petra Fuchs).
Vier weitere Artikel schlagen den Bogen von der staatlich getragenen
Körperverletzung und Verstümmelung zum massenhaften Mord und konzentrieren sich
auf die in der Regel als „Euthanasie“ gefasste Tötung von Menschen mit geistigen
oder körperlichen Behinderungen. Hierbei reicht die thematische Bandbreite von
der Einbeziehung von Minderjährigen in die nazistischen Medizinverbrechen
(Thomas Beddies), der bürokratischen Organisation der „T4-Aktion“ (Georg
Lilienthal) und dem Übergang von der „Euthanasie“ zum Holocaust (Ute
Hoffmann) bis zur Haltung der Amtskirchen gegenüber den Krankentötungen (Annette
Hinz-Wessels).
Abgerundet wird die Darstellung von fünf Beiträgen, die den Zeitraum von 1933
bis 1945 überschreiten. Dabei werden einerseits die personellen,
institutionellen und vor allem ideologischen Kontinuitätslinien des
rassistischen Denkens aufgezeigt, die Andreas Scheulen am Beispiel der
Rechtslage des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, Michel Wunder
mit Blick auf die Debatten zur genetischen Verbessung des Menschen sowie Erika
Feyerabend anhand der aktuellen „Euthanasie“-Diskussionen nachzeichnen.
Andererseits wird abermals belegt, dass zwangssterilisierte und
„Euthanasie“-geschädigte Menschen zu den „ausgegrenzten Opfergruppen“ (Dorothee
Roer, S. 191) zählen. Betrachtet man die „Aburteilung der Täter und die
Rehabilitation sowie die Entschädigung der Opfer“ mit Rolf Surmann als
„Gradmesser für den Distanzgewinn
zu den NS-Verbrechen“ (S. 198), dann ergibt sich einmal mehr ein recht trübes
Bild der deutschen „Vergangenheitsbewältigung“.
Margret Hamm (Hg.): Lebensunwert – zerstörte Leben.
Zwangssterilisation und „Euthanasie“. Frankfurt: Verlag für akademische
Schriften, 2005
Sven Steinacker
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