Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945 e.V.

Buchbesprechungen "informationen" Nr. 63, Mai 2006

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Frauen aus Deutschland in der Résistance
Die Aufarbeitung eines solchen Themas war in der Bundesrepublik Deutschland aus drei Gründen schwierig. Zum einen hat es lange gedauert, bis der antifaschistische Kampf in den okkupierten Ländern als zu ehrender Widerstand überhaupt gewürdigt wurde. Dann dauerte es noch viele Jahre, bis auch in unserem Land anerkannt wurde, dass an diesem Kampf deutsche Antifaschisten teilgenommen haben, die sich beileibe nicht als „Vaterlandsverräter“ verstanden. Und es dauerte noch einmal einige Jahre, bis wahrgenommen wurde, dass der antifaschistische Kampf nicht nur eine Männerdomäne war, sondern der Anteil der Frauen im Widerstand noch der Erforschung bedurfte. Hanna Ellings Dokumentation „Frauen im antifaschistischen Widerstand“ war damals eine rühmliche Ausnahme. Einzelne Beispiele wie Johanna Kirchner, Henny Dreyfuss, Lilly Segal oder Lore Wolf waren bereits in den 1970er Jahren in Literatur und antifaschistischer Geschichtsforschung bekannt; Henny Dreyfuss und Lore Wolf besonders deswegen, da sie in der Vermittlung ihrer antifaschistischen Erfahrungen
gegenüber den jungen Generationen aktiv waren.

Für einen Bereich der Widerstandsforschung, nämlich bezogen auf die Aktivitäten von Frauen in der französischen Résistance, hat Ulla Plener zum 60. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus im Auftrag der DRAFD (Verband Deutscher in der Résistance, in den Streitkräften der Antihitlerkoalition und der Bewegung Freies Deutschland) diese Lücke geschlossen. Ausgehend von den Arbeiten für eine Text- und Anschauungsmappe als Ergänzung zur historischen Ausstellung der DRAFD wurden insgesamt 83 Namen von Frauen aus Deutschland ermittelt, die in der französischen Résistance mitgewirkt haben. Teilweise werden sie in Kurzbiographien vorgestellt, 27 von ihnen werden ausführlicher, teils mit autobiographischen Texten oder erläuterten Dokumenten und Fotos präsentiert. Dabei bezieht sich die Herausgeberin weitgehend auf vorhandene Literatur, in einigen Fällen wertete sie Berichte aus dem SAPMO-Archiv aus.

In der Dokumentation geht es u.a. um den hervorragenden Anteil deutscher politischer Emigrantinnen an der Travail allemand (TA), einem besonderen Arbeitsbereich der Résistance, der seit September 1940 für die politische und Widerstandsarbeit unter den Angehörigen der Besatzungsmacht entwickelt wurde. Dabei kam den Frauen zumeist die Aufgabe zu, Kontakte zu Wehrmachtsangehörigen zu knüpfen und sie von der Sinnlosigkeit des Krieges zu überzeugen. Gleichzeitig sollten sie wichtige Informationen für den militärischen Arm der Résistance sammeln, so dass deren Aktionen noch wirkungsvoller sein konnten. Selbst in den bewaffneten Einheiten waren Frauen aus Deutschland aktiv. Alle diese Tätigkeiten galten den Nazis als Hoch- und Landesverrat bzw. Wehrkraftzersetzung und waren mit der Todesstrafe bedroht. Ungeachtet dessen standen die hier Genannten „ihre Frau“ und blieben ihrer Überzeugung treu, selbst als sie verhaftet wurden
und Gefängnis oder KZ-Haft erdulden mussten.

Das Buch ist besonders für diejenigen empfehlenswert, die sich bereits mit den Themen Résistance oder Frauen im antifaschistischen Widerstand beschäftigt haben. Sie bekommen Anregungen zur Vertiefung und Hinweise zur Perspektiverweiterung. Auch regionale antifaschistische Initiativen können aus dieser Auflistung Impulse für die eigene geschichtspolitische und Erinnerungsarbeit gewinnen. Für den „historischen Laien“ kann diese
Dokumentation mit ihrem personenbezogenen Zugang den Anstoß bieten, sich mit der Geschichte des internationalen antifaschistischen Kampfes allgemein auseinanderzusetzen.

Ulla Plener (Hg.): Frauen aus Deutschland in der französischen Résistance. Berlin: edition bodoni, 2005
Ulrich Schneider

Briefwechsel zwischen Sophie Scholl und Fritz Hartnagel
Zu den bemerkenswertesten Büchern des Jahres 2005 aus dem Widerstand gegen die NS-Diktatur zählt der von Thomas Hartnagel herausgegebene Band zum Briefwechsel seines Vaters mit Sophie Scholl. Im Zentrum steht eine Auswahl von 313 Briefen, die zwischen dem 20. November 1937 und dem 22 . Februar 1943 geschrieben worden sind. Ungefähr zwei Drittel der Korrespondenz stammt von Fritz Hartnagel, da die an ihn gerichteten
Briefe von Sophie Scholl aus den Jahren 1941 und 1942 größtenteils nicht erhalten geblieben sind.

Vor den Briefen stehen das Vorwort und die gleichfalls vom Herausgeber verfassten Skizzen über die beiden Hauptpersonen. Von Vorteil für den Leser sind ausführliche Erläuterungen zu den Briefen. Hier wird die Mitarbeit von Elisabeth Hartnagel an dem Buch besonders deutlich. Anstelle eines Nachwortes erscheinen zwei Briefe der Mutter der Geschwister Scholl, von Magdalene Scholl, vom 22 . und 25. Februar 1943 an Fritz Hartnagel.

Bisher wurde aus dem Briefwechsel nur weniges, einzelne Briefe von Sophie Scholl, veröffentlicht. Fritz Hartnagel, der im April 2001 im Alter von 84 Jahren starb, war gegen eine Publikation. Seine Frau, Elisabeth Hartnagel geborene Scholl (die ältere Schwester von Sophie), und die Söhne entschieden sich später anders. Die Gründe dafür sind im Vorwort genannt.

In der Literatur gibt es bisher keine vergleichbare Publikation. Die Briefe geben in großer Ehrlichkeit tiefen Einblick in eine stark berührende Liebesbeziehung, die nicht frei von Prüfungen und Bewährungen war. Als sich beide im Herbst 1937 näher kamen, war Sophie Scholl, Schülerin einer Oberrealschule, 16 Jahre alt. Der vier Jahre ältere Fritz Hartnagel hatte sich für den Weg eines Berufsoffiziers der Wehrmacht entschieden. Zwischen ihren weltanschaulichen Positionen und der Haltung zum NS-Staat lag viel Trennendes. Trotzdem überwog sich gegenseitig Anziehendes. Fünf Jahre später war Sophie Scholl eine examinierte Kindergärtnerin und hatte im Sommersemester 1942 an der Münchener Universität ein Studium der Biologie und der Philosophie begonnen. Ihr Freund, der im Krieg an den verschiedenen Fronten (Niederlande, Belgien, Frankreich, Jugoslawien und Sowjetunion) zum Einsatz kam, war inzwischen zum Hauptmann aufgestiegen. Am 22 . Januar 1943 wurde er,
schwer verwundet, mit einem der letzten Flugzeuge aus dem Kessel von Stalingrad ausgeflogen.

Beide hatten in den dazwischen liegenden Jahren tiefe Wandlungen erlebt. Unter dem Einfluss von Sophie Scholl und ihrer ganzen Familie war Fritz Hartnagel von einem begeisterten Wehrmachtsoffizier zu einem Kriegsgegner geworden. Dieser konfliktreiche Prozess spiegelt sich in den Briefen in vielfältiger Weise wider. Gleichzeitig erfährt der Leser auch, wie sich die antinazistischen Positionen von Sophie Scholl festigen, wie konsequent ihre Ablehnung der Politik des Hitlerregimes und der NSIdeologie ist. Umfassend diskutierten beide über politische und weltanschauliche Probleme in enger Verknüpfung mit dem eigenen Handeln. In den ersten Jahren ihrer Liebe gab es deutliche Unterschiede zwischen ihnen. In Sophie Scholls Leben spielte zum Beispiel die Religion eine maßgebliche Rolle, während dies bei Fritz Hartnagel nicht der Fall war. Ab 1941 änderte sich dies.

Aus den Briefen ist auch Neues über den Widerstand der Anhänger der Gruppe „Weiße Rose“ sowie der Familie Scholl zu erfahren. Besonders aufschlussreich ist die Beurteilung der Rolle Nazideutschlands und der Wehrmacht
im Zweiten Weltkrieg durch Sophie Scholl. Interessante Details werden bekannt, zum Beispiel, dass sie 1941 im Reichsarbeitsdienst das verbotene Buch von Thomas Mann „Der Zauberberg“ gelesen hat und deshalb gemaßregelt wurde (S. 303 f.). Im Sommer 1942 half sie bei dem Einsatz in einer Ulmer Rüstungsfabrik sowjetischen Zwangsarbeitern (S. 397).

Die Briefe von Fritz Hartnagel aus den Jahren 1941/42 enthalten Angaben über Kriegsverbrechen der Wehrmacht, die von ihm entschieden verurteilt werden.

Als Robert Scholl 1942 von einem NS-Gericht zu Gefängnishaft verurteilt wurde, schreibt Hartnagel ein Gnadengesuch und unterstützt die Familie in finanzieller Hinsicht (S. 401 f.). Neben dem Privaten gewährt das Buch Einblick in das Alltagsgeschehen unter Kriegsbedingungen. Thomas Hartnagel schreibt dazu im Vorwort:

„Die Briefe sind ein hervorragendes Dokument der Alltagsgeschichte. Alltagsgeschichte … vermag all denen, die die Zeit des Nationalsozialismus nicht miterleben mussten, diese Zeit plastischer zu machen als offizielle Dokumente. Die Briefe spiegeln die Geschichte des Nationalsozialismus in dem subjektiven Erleben von zwei jungen Menschen wider.“ (S. 10)

Sophie Scholl – Fritz Hartnagel. Damit wir uns nicht verlieren. Briefwechsel 1937–1943. Herausgegeben von Thomas Hartnagel. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2005
Karl Heinz Jahnke 

Briefe von Josef Furtmeier
Aus der Literatur war bisher bekannt, dass Josef Furtmeier zu den Persönlichkeiten gehörte, die geistigen Einfluss auf Hans und Sophie Scholl hatten. Dies belegen Briefe und Tagebücher der Scholls. Über die Biographie des 1887 in Moosburg bei Freising geborenen Justizbeamten war bisher wenig bekannt. Im Oktober 1933 war er wegen seiner ablehnenden Haltung zum NS-Staat entlassen worden. Nach Angaben von Inge Aicher-Scholl hatte ihr Bruder Furtmeier im Frühjahr 1942 kennen gelernt, zwischen beiden fanden eine Reihe intensiver Gespräche über politische und weltanschauliche Themen statt. Verbindend wirkte die strikte Ablehnung des Hitlerregimes.

Durch Vermittlung von Josef Furtmeier lernte Hans Scholl den Kunstmaler und Architekten Manfred Eickemeyer kennen. In dessen Atelier fanden später Zusammenkünfte der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ statt – hier entstand ein Teil der Flugblätter.

Als im Februar 1943 zahlreiche Verhaftungen erfolgten, gehörte am 28. Februar auch Furtmeier zu den Festgenommenen. Da ihm keine direkte Beteiligung am Widerstand nachgewiesen werden konnte, kam er am 17. März wieder frei.

Bei Arbeiten für eine Dissertation über die „Weiße Rose“ stieß Sönke Zankel (Jg. 1973) auf Briefe von Josef Furtmeier an das Ehepaar Rudolf und Gerda Rossmann, welches von 1938 bis 1950 in der Schweiz Exil gefunden hatte. Deren Tochter, Angela Rossmann, gab jetzt Briefe und Fotos zur Publikation frei. Zusammen mit Christine Hikel (Jg. 1979), die an einer Dissertation über die Rezeptionsgeschichte der „Weißen Rose“ arbeitet, hat Zankel im Deutschen Taschenbuchverlag München eine Auswahl von 47 Briefen, die zwischen dem 20. März 1938 und dem 2. Mai 1947 datiert sind, veröffentlicht.

Diese Briefe, die durch von Zankel verfasste „Biografische Notizen zu Josef Furtmeier“ eingeleitet werden, ermöglichen, die Persönlichkeit von Josef Furtmeier näher kennen zu lernen. Es handelt sich bei ihm um einen außerordentlich gebildeten Menschen. Die tiefe Ablehnung des Dritten Reiches und der NS-Ideologie wird in vielfältiger Weise deutlich. Darüber hinaus enthalten die Briefe aufschlussreiche Aussagen über die unmittelbare Nachkriegszeit.

Aus der Zeit der direkten Bekanntschaft zwischen Furtmeier und Hans Scholl sind zwei Briefe vom 6. März 1942 und vom 24. Januar 1943 enthalten. Im ersten Brief äußert er sich zu dem bevorstehenden Kriegsende und seinen Folgen:

„Allerdings glauben hier viele Leute, dass man im heurigen Herbst zum Mindesten wird sagen können, wer den Krieg gewinnt. Von da bis zum Kriegsende ist noch ein weiter Weg. Wenn ein totalitärer Staat gehen muss, so wird er die Türe so hinter sich zuschlagen, daß die Welt von diesem Schlag noch 100 Jahre lang zittert.“ (S. 65)

Im Brief vom 24. Januar wird die scharfe Kritik an der Haltung der katholischen Kirche gegenüber NS-Diktatur und Krieg deutlich:

„In Kirchen komme ich nur wenig. Und dann nur, wenn sie leer sind. Man kann das leere Gerede der Prediger gar nicht mehr hören. Niemand sieht es, daß Gott mit Flammenschrift schon an alle Wände sein Zeichen schreibt!“ (S. 68)

Der erste Brief nach Kriegsende wurde am 26. Mai 1945 geschrieben. Dies ist auch das einzige Zeugnis, wo auf die Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ und ihr Ende direkt Bezug genommen wird:

„Es hat so lang gedauert und es war so schwer! Das Jahr 1943 weißt Du! Hans Scholl, seine Schwester, Christl Probst, Prof. Huber und die Andern, liebe Freunde – alle tot, alle fort – gemordet! Als wären sie nie gewesen! 6
Tage nach Hans Scholls Tod wurde auch ich verhaftet. Sie brachten nichts heraus! Nach 4 Wochen wurde ich wieder entlassen. Vier Wochen fast nichts zu essen! Nachts isoliert! Auch Manfred E. wurde wieder frei.“ (S. 91/92) Im gleichen Brief wird auch die geistige Situation in Deutschland charakterisiert:

„Hört die Kirche bald auf zu schlafen? Das ganze deutsche Volk muß wieder auf die Schulbänke! Die innere Front der Nazis ist noch da! Die Jugend ist führerlos … Jetzt erst – da die Leute frei reden dürfen, spürt man das geistige Nichts, die Seelen-Entleerung, die Vernichtung der ‚persona’ im Virgilischen Sinne, welche die
Nazis zustandebrachten.“ (S. 93)

Das Verdienst der Herausgeber besteht in der Veröffentlichung der Briefe, versehen mit ausführlichen Erläuterungen.

Diese Briefe bedeuten eine Bereicherung der Literatur über den antifaschistischen Widerstand. Josef Furtmeier gebührt künftig ein Platz in den Überblicksdarstellungen zur deutschen Opposition gegen das Dritte Reich. Seine
Rolle für die Gruppe „Weiße Rose“ sollte jedoch nicht überbetont werden. Dies geschieht, wenn Zankel davon spricht, dass es geboten sei „den geistesgeschichtlichen Kontext der ‚Weißen Rose’ näher und gegebenenfalls neu zu beleuchten.“ (S. 11)

Ein Weggefährte der Geschwister Scholl. Die Briefe des Josef Furtmeier 1938–1947. Herausgegeben von Sönke Zankel und Christine Hikel. München: DTV, 2005
Karl Heinz Jahnke

FrauenKZ Moringen
Eine Ausnahme von den Regeln unserer Buchbesprechungen sei erlaubt: Von dem Buch, das hier vorgestellt wird, gibt es noch keine deutsche Übersetzung. Es handelt sich um die Erinnerungen von Gabriele Herz, die 1936/1937 als Jüdin im FrauenKZ Moringen gefangen gehalten wurde. Ein Abschnitt aus diesen Erinnerungen war mit der freundlichen Genehmigung der Nachkommen von Gabriele Herz bereits im Jahr 2000 in den informationen Nr. 51 unter dem Titel „Im Judensaal“ in deutscher Sprache veröffentlicht worden. Nun liegt der
vollständige Bericht vor, ergänzt durch eine umfassende, nicht nur für eine englischsprachige Leserschaft hochinteressante Einleitung von Jane Caplan und mit zahlreichen Anmerkungen versehen.

Gabriele Herz begann die Niederschrift ihrer Erinnerungen Ende 1938 unmittelbar nach der Flucht aus Deutschland und vollendete sie 1942 im US-amerikanischen Exil. Sie stellen ein einzigartiges Dokument zur Geschichte des ersten Frauenkonzentrationslagers dar; zugleich gehören sie zu den zeitgenössischen Aufzeichnungen, in denen die zunehmenden Repressionen gegen die jüdische Bevölkerung und die erzwungenen Wege ins Exil geschildert werden. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Emil, ehemals Direktor des liberalen Ullstein- Verlags, der im März 1934 zum Rücktritt gezwungen worden war, erkundete Gabriele Herz bereits 1935/1936 neue Existenzmöglichkeiten für die Familie, zu der vier Kinder gehören, im Exil, im damaligen Palästina und in Italien. Bei der Rückkehr nach Berlin wurde Gabriele Herz, damals 50 Jahre alt, verhaftet und als Remigrantin in das – wie es in diesen Fällen hieß – „Schulungslager“ Moringen eingeliefert. Die Bestimmungen sahen eine „Schulungshaft“ von drei Monaten vor; bei Gabriele Herz sollte es sechs Monate dauern, bis sie am 17. März 1937 mit der Auflage, Deutschland sofort zu verlassen, freikam.

Während ihrer Haft in Moringen steigt die Belegung im kleinen „Judensaal“ von fünf Gefangenen auf 16 Frauen; die Neuzugänge sind alle Remigrantinnen, sie kommen aus den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Italien, der Tschechoslowakei und Jugoslawien: „Sie haben überall versucht, als deutsche Erzieherinnen und Stützen der Hausfrau, als Modistinnen und als Stenotypistinnen sich eine bescheidene Existenz neu aufzubauen, aber sie konnten sich auf Dauer nicht halten ... Nazideutschland plündert seine jüdischen Auswanderer bis aufs Hemd aus, stellt die nackt und bloß an die Grenze. Kommen sie nicht weiter, müssen sie zurück, so harrt in ihrer ‚Heimat’ das Konzentrationslager. Die Stimmung in unserem Judensaal ist nicht nur gedrückt, sie ist gerade zu verzweifelt. Kein Ausblick auf eine bessere Zukunft. Kein Weg in die Freiheit.“ ( S. 140)

In ihren Erinnerungen schreibt Gabriele Herz berührend lebendige Portraits ihrer Mitgefangenen; sicherlich aus Schutzgründen verschlüsselt sie deren Namen – allerdings auf eine Weise, die eine spätere Identifizierung erlauben würde. Dies war z.B. möglich bei den Jüdinnen Hertha Kronheim und Gerda Lissack, letztere eine begabte Grafikerin, die später im KZ Ravensbrück ermordet wurden, den Kommunistinnen Dora Hösl, Hedwig Regnart-Laufer, Hilde Faul-Gerber und Centa Herker-Beimler, der Zeugin Jehovas Katharina Thoenes. Sie schildert mit großem Respekt die kollektive Verweigerung der Zeuginnen Jehovas, für das Winterhilfswerk zu arbeiten, und die deswegen gegen sie verhängten Sanktionen (S. 110 f.) Sie beobachtet die politischen Diskussionen unter den Kommunistinnen: viele der überwiegend jungen Frauen waren nach längerer Gefängnishaft, häufig in Einzelzellen, nach Moringen in „Schutzhaft“ gebracht worden; zum ersten Mal erfuhren sie wieder etwas über die Außenwelt, auch über die stalinistischen Prozesse von einer aus Moskau zurückgekehrten Remigrantin; es waren schwierige und schmerzliche Diskussionen.

Gabriele Herz war nicht nur eine gute Beobachterin, die ihren Mitgefangenen ohne Vorurteil begegnete und diese Begegnungen als Bereicherung des eigenen Welt- und Menschenbildes begriff; sie war auch und vor allem eine Frau, die zuhören, helfen und trösten konnte. Sie sorgte dafür, dass sie mit ihren Mitgefangenen Chanukka feiern konnte; sie erhielt die Erlaubnis, beim Hofgang jungen Kommunistinnen Englisch-Unterricht zu geben. Sie stärkte damit – wie Hed Regnart-Laufer, eine ihrer Schülerinnen, viel später berichtete – den Willen, nicht aufzugeben, den Zumutungen und Erniedrigungen der KZ-Haft zu widerstehen. Von vielen Mitgefangenen wurde sie Mutter Herz genannt.

Der Zwangsaufenthalt im FrauenKZ Moringen hatte Gabriele Herz auch verändert; bei ihrer Rückkehr nach Berlin fand sie alltägliche Gespräche „trivial“; in Moringen hatten sich „alle Gespräche um die tiefsten Fragen menschlichen Seins gedreht: um Freiheit, Leben und Tod.“ Sie konnte und wollte all die gut gekleideten Leute, die sorglos auf den Straßen schlenderten, nicht sehen. Das Leiden, die Sorgen, die Not ihrer Moringer Mitgefangenen hatten sich ihr zutiefst eingeprägt (S. 158 f.) Sie entwickelte sich – wie ihre Kinder in Gesprächen gegenüber Jane Caplan bestätigen (S. 34 f.) – von einer liebevollen Mutter und Hausfrau zu einer mutigen, starken und selbstständigen Persönlichkeit, die in den folgenden Jahren das Überleben der Familie im
Exil meisterte.

Hoffentlich findet sich bald ein deutscher Verlag, der dieses einzigartige Dokument herausbringt.

Gabriele Herz: The Women’s Camp in Moringen. A Memoir of Imprisonment in Germany, 1936–1937. Translated by Hildegard Herz and Howard Hartig. Edited an with an introduction by Jane Caplan. New York, Oxford: Berghahn Books, 2006
Ursula Krause-Schmitt

Widerstand in der Rosenstraße
In einer reichsweiten Judenrazzia verhaftete die Gestapo am 27. Februar 1943 über 10.000 bisher von Deportationen und KZ-Einweisung verschont gebliebene Menschen mit dem Ziel ihrer Abschiebung nach Auschwitz. Schwerpunkt der „Aktion“ war Berlin, wo es noch etwa 11.000 jüdische ZwangsarbeiterInnen gab, die überwiegend in Betrieben der Rüstungsindustrie eingesetzt waren. Weil diese „Rüstungsjuden“ meist an ihren Arbeitsstätten verhaftet wurden, ging die Razzia in Berlin als „Fabrikaktion“ in die Geschichte ein. Nicht nur „Volljuden“ wurden verhaftet, sondern auch in großer Zahl „jüdische Mischlinge“ sowie jüdische Partner „rassisch gemischter“ Ehen. Etwa 2.000 von ihnen wurden gesondert im Verwaltungsgebäude der jüdischen Gemeinde in der Rosenstraße 2–4 festgehalten. Noch am selben Tage versammelten sich spontan vor diesem Hause „arische“ Familienangehörige, weit überwiegend Ehefrauen und Mütter. Sie versuchten Kontakte zu den Festgehaltenen herzustellen und machten ihrem Unmut über die Verhaftungen Luft. Sie befürchteten nicht ohne Grund, dass ihre Männer und Kinder ebenfalls deportiert werden sollten. Der Straßenprotest dauerte eine ganze Woche an, bis zum 6. März 1943, als fast alle in der Rosenstraße Festgehaltenen wieder frei gekommen
waren.

Schon bald nach Kriegsende erschienen erste Berichte über diese Ereignisse, in denen die Straßenproteste als Ursache der Freilassungen genannt wurden. Der öffentliche Protest der Frauen gilt seither als ein herausragendes Beispiel für erfolgreichen, gewaltlosen Widerstand im Nationalsozialismus, eine Sichtweise, für die der amerikanische Historiker Nathan Stoltzfus in seinem 1996 veröffentlichten Buch „Resistance of the Heart“ (deutsch 1999 „Widerstand des Herzens“) vielfältige Belege zusammen getragen hat. Die Auffassung, die Straßenproteste seien Ursache der Freilassungen gewesen, wurde jedoch von dem Berliner Historiker Wolf Gruner in seiner 1997 veröffentlichten Dissertation erstmals offen in Frage gestellt und von ihm ab 2002 in mehreren Publikationen entschieden zurück gewiesen.

Beschränkte sich die Debatte anfangs im wesentlichen auf die Fachpresse, so löste das Erscheinen des preisgekrönten Spielfilms „Rosenstraße“ (Regie Margarethe von Trotta) auf Deutschlands Kinoleinwänden im Herbst 2003 einen „Kleinen Historikerstreit“ aus. In elektronischen und Printmedien lieferten sich die Kontrahenten – nicht immer Historiker vom Fach – heftige Wortgefechte, in denen sie auch nicht mit Argumenten ad hominem sparten. Weitgehend unstrittig ist auf beiden Seiten das Wie, der Ablauf der Ereignisse. Stark divergieren jedoch die Meinungen über das Warum: Weshalb wurden die „Mischlinge“ und „Mischehepartner“ verhaftet, warum wurden sie gesondert bis zu zwei Wochen in der Rosenstraße festgehalten, und schließlich, warum wurden sie freigelassen, und wer hat dies veranlasst?

Im vorliegenden Buch beschreibt der Autor einleitend die Rezeptionsgeschichte des Straßenprotests, stellt danach die „Fabrikaktion“ in den größeren Rahmen der Verfolgung jüdischer Deutscher während der Kriegsjahre, schildert sodann minutiös den Ablauf der Verhaftungen sowie der Vorgänge in der Rosenstraße und kommt zum Schluss noch einmal ausführlich auf den Protest und „dessen Folgen“ zurück. Er hält sich hierbei im Wesentlichen an seine seit 2002 vertretene Argumentationslinie, reichert sie mit mancherlei seine Thesen stützenden Beispielen an, geht jedoch inhaltlich nicht über das in seinen bisherigen Veröffentlichungen schon Gesagte hinaus. Er hält an seiner Grundaussage fest, die Gestapo habe um die Monatswende Februar/März 1943 keine Deportation von jüdischen „Mischlingen“ oder „Mischehe“-Partnern aus dem Reich nach Auschwitz beabsichtigt gehabt. Damit war folgerichtig der Straßenprotest, obwohl mutig und beispielhaft (was der Autor mehrfach betont), sowohl überflüssig als auch wirkungslos gewesen.

Die Gestapo habe zwar alle Juden erst einmal verhaften müssen. Um aber nicht versehentlich Personen zu deportieren, die von der „Abschiebung in den Osten“ auszunehmen waren, habe sie in Berlin, wo allein etwa 10.000 Juden verhaftet wurden, diejenigen aus „ Mischehen“ gesondert zusammen gefasst, um ihren „Rassestatus“ überprüfen und aus ihrer Mitte Ersatzleute für das zu deportierende „volljüdische“ Personal der jüdischen Einrichtungen auswählen zu können. „Nicht die Deportation, sondern die Freilassung der in der Rosenstraße Festgehaltenen [war] von der Gestapo von vornherein geplant“ (S. 112). Die von Gruners KritikerInnen etwa dagegen angeführte Anwesenheit zahlreicher Kinder im schulpflichtigen Alter in der Rosenstraße erklärt er – wenig überzeugend – mit der Sorge der Gestapo, „sie nicht bei der Festnahme eines Elternteils allein zu Haus zu lassen“ (S. 109).

Gruner betrachtet die „Fabrikaktion“ aus der Berliner Perspektive. In ihr erscheint „ Auschwitz“ als unheilige Dreifaltigkeit von Rampe, Gaskammer und Krematorium. Nicht ins Blickfeld kommt die kriegswirtschaftliche Funktion des KL Auschwitz, das mit seinen Außenkommandos und -lagern längst der größte KZ-Zwangsarbeitslager-Komplex im Deutschen Reich geworden war, der im Frühjahr 1943 schon viele Tausend Arbeitskräfte für die oberschlesische Rüstungswirtschaft bereitstellte und auf diesem Sektor ständig weiter expandierte. Es ist bedauerlich, dass der Autor auf seinem Erkenntnisstand von Anfang 2004 stehen geblieben ist und neuere Forschungen, die die „Empfängerseite“ der „Fabrikaktion“ einbeziehen und über deren erste Ergebnisse schon im Frühjahr 2004 auf einer Tagung zum Thema „Rosenstraße“ vorgetragen sowie kurz darauf im Internet in HSozKult und H-German berichtet wurde, nicht eingearbeitet hat. Sie hätten ihn zu einer weitgehenden Revision seines Standpunktes veranlassen müssen. Der Blick von der „Empfängerseite“ her zeigt nämlich, dass die dem KL Auschwitz Ende Februar 1943 von der SS zur Deckung seines dringenden Sofortbedarfs an Arbeitskräften zugesagten Berliner „Rüstungsjuden“ nur durch Deportation auch Tausender Juden aus „Mischehen“ zu bekommen waren. Das wusste man natürlich auch im Judenreferat des Reichssicherheitshauptamtes und zeigt, dass man dort – zumindest für Berlin – die selbst verfassten Ausnahmeregelungen nicht ernst genommen hat. Damit fällt der Eckpfeiler von Gruners Argumentation, und die Frage, warum „Mischlinge“ und Partner von „Mischehen“ in der Rosenstraße tagelang festgehalten wurden, warum man sie dann doch wieder freigelassen und sogar 35 schon nach Auschwitz Deportierte wieder zurück geholt hatte, und auf wessen Veranlassung letzteres geschehen sei, ist wieder offen.

„Widerstand in der Rosenstraße“ von Wolf Gruner kann also nicht das letzte Wort zum Thema gewesen sein. Zwar stellt sein Verfasser die „Fabrikaktion“ zu Recht in den Kontext des Zwangsarbeitseinsatzes jüdischer Deutscher in der Nazizeit (ein Gebiet, auf dem er unbestritten Pionierarbeit geleistet hat) und der Deportationsprogramme. Spannend liest sich auch seine Schilderung des Ablaufs der Verhaftungen der Berliner Juden sowie der Internierung der „Mischehen“ in der Rosenstraße. Es ist ihm auch zuzustimmen, dass der Straßenprotest höchstwahrscheinlich weniger lautstark und dramatisch ablief, als es zuweilen in der Literatur beschrieben wird und es etwa Margarethe von Trottas Film zeigt.

Aber seinen Anspruch, „die tatsächlichen Hintergründe zu schildern“ (S. 2), kann er – wie oben gezeigt – nur teilweise einlösen. Hat er wirklich eine „Entzauberung des Mythos Rosenstraße“ geliefert, wie ihm Sven Felix Kellerhoff in der „Berliner Morgenpost“ vom 28.10.2005 bescheinigt hat ? Oder hat er nur (unbewusst?) den altbekannten, für uns Deutsche ach so bequemen Mythos von der „allmächtigen SS und dem ohnmächtigen deutschen Volk“ bedient?

Wolf Gruner: Widerstand in der Rosenstraße. Die Fabrik-Aktion und die Verfolgung der „Mischehen“ 1943. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2005
Joachim Neander

„Im Zweifel nach Deutschland“
Wer sich die dramatische und menschenverschlingende Auslieferung ungezählter Schicksale deutsch-jüdischer Familien an die Verheerungen Deutschlands und Europas durch den Nationalsozialismus vor Augen führen und
gleichzeitig einen unglaublichen, allein von der Wirklichkeit zu „erfindenden“ Flucht- und Rückkehrweg eines widerständigen jüdischen Antifaschisten nacherleben will, der greife zu diesem Buch. Moritz Neumann erzählt die Geschichte seines Vaters Hans, Sohn einer geachteten jüdischen Kaufmannsfamilie in Breslau, kämpferischer Sozialdemokrat und Reichsbanneraktivist.

Hans Neumann entkommt 1936 in letzter Minute der Verhaftung und findet auf dem Fluchtweg über Prag und Paris, wie so viele politische, als Juden vertriebene Flüchtlinge seinen Platz wie selbstverständlich dort, wo der Abwehrkampf gegen den Faschismus auf des Messers Schneide steht und wo es gilt, die in Deutschland und Italien bereits siegreiche Barbarei vielleicht noch zu stoppen. Hans Neumann kämpft als Angehöriger des Thälmann-Batallions im spanischen Bürgerkrieg. Die Niederlage der nicht zuletzt von den westlichen Demokratien im Stich gelassenen spanischen Republik treibt ihn nach Frankreich zurück, wo er –nach einer Zwischenstation in Holland – in der Fremdenlegion mit Hunderten anderer deutscher Juden am Kampf gegen Hitler-Deutschland teilnehmen will. Nach der Besetzung Frankreichs und dem Beginn der Vichy-Kollaboration mit den Nazis werden deutsche und österreichische Juden aus der Legion wieder ausgeschlossen, mit anderen Spanienkämpfern zur Zwangsarbeit im südlichen Marokko verurteilt und dort unter grauenvollen Bedingungen zum Bau der Trans-Sahara-Bahn eingesetzt. Nach der Befreiung des Arbeitslagers durch Truppen de Gaulles wird Hans Neumann regulärer Soldat der französischen Armee, in deren Uniform er an der Befreiung Europas nun aktiv Teil hat und schließlich – immer wieder aufgewühlt von der Frage: Zurück nach Deutschland? – wieder deutschen Boden betritt. Auf seiner „Flucht rückwärts“ steht er in ständiger Auseinandersetzung mit sich selbst und mit Weggefährten, die mit dem Land der Täter nie wieder etwas zu tun haben wollen.

Wie Moritz Neumann den abenteuerlichen Weg des ehemaligen Breslauers Hans Neumann, von dessen Familie kaum jemand die Verbrechen des Holocaust überlebt, nach Frankfurt am Main, nach Potsdam und Berlin und schließlich nach Fulda schildert, wo für ihn mit und in der Jüdischen Gemeinde eine neue Heimat entsteht, ist ein Meisterstück bewegender, ebenso persönliche wie politischer Reportage. Sie lässt den Leser an den Erlebnissen und Begegnungen, an Hoffnungen und Enttäuschungen eines „emigrierten“ deutschen Juden in einer Weise teilnehmen, die uns auch das politische Denken, die Gefühlswelt und den Alltag eines fast zehn Jahre quer durch Westeuropa und Nordafrika getriebenen, am Ende überlebenden Antifaschisten zugänglich macht. Dass dann aus dem Mut zur Rückkehr in das Land der Täter, den Hans Neumann nicht zuletzt dank der Begegnung mit anderen Holocaust-Überlebenden tatsächlich aufbringt, über ungewisse Hoffnung hinaus zukünftiges, wenn auch vom Grauen der Vergangenheit begleitetes Leben entstanden ist, vermitteln die letzten Seiten des fesselndes Buches. Sie gelten dem Glück der in Fulda heimisch werdenden Eltern – Hans und Franja Neumann, die Auschwitz und Ravensbrück überlebt hat – über die Geburt ihres Sohnes im Jahre 1947, über den Lebensbeginn also des Autors. Moritz Neumann hat mit der politisch-biographischen Schilderung dieser Flucht- und Rückkehrjahre nicht nur seinem Vater in beeindruckender Weise einen literarischen Gedenkstein gesetzt, sondern auch uns, spannungs- und informationenreich geschrieben, den Zugang zu ebenso singulären wie exemplarischen Lebensgeschichten dem Holocaust entkommener Juden ermöglicht.

Moritz Neumann: Im Zweifel nach Deutschland. Geschichte einer Flucht und Rückkehr. Springe: Zu Klampen, 2005 (Der Hessische Rundfunk hat eine hörenswerte, von Heiko Deutschmann gelesene Hörfunkversion des Buchs publiziert.)
Christoph Jetter

Zwei Jugendbücher
In den Lebenswegen von Angela Reinhardt und Cilly Levitus gab es eine Gemeinsamkeit: beiden Mädchen hatten die Nationalsozialisten ihr Recht auf Leben abgesprochen, der einen, weil sie ein Sinti-Kind, der anderen, weil sie Jüdin war. Beide entkamen der geplanten Ermordung und haben im hohen Alter die Geschichte ihres Überlebens erzählt. Die Geschichte der Angela Reinhardt hat Michail Krausnick aufgezeichnet, die der Cilly Levitus Lutz van Dijk. Beiden Biografen gelingt es, die jeweils eigene Sprache der Berichte in ihren persönlichen Färbungen zu bewahren und mit den unterschiedlichen Lebenswegen heutigen jungen Leserinnen und Lesern ein Fenster in die damalige Zeit zu öffnen.

Nach dem „Festschreibungserlass“ vom 17. Oktober 1939 lebte die damals fünf Jahre alte Angela Reinhardt mit ihren Eltern auf der Flucht in den Wäldern der Schwäbischen Alb. Ihr Vater hatte vorausgesehen, dass die erzwungene Registrierung die Sinti ihren Verfolgern ausliefern würde; das Auseinanderreißen der Familien und die Einweisung in Konzentrationslager wollte er den Seinen ersparen. Im Frühjahr 1940 wird die Familie von der Polizei verhaftet; auf dem Gesundheitsamt in Hechingen erstellt die „Zigeunerforscherin“ Eva Justin ein „Rassegutachten“. Noch einmal gelingt der Familie, der Vater ist inzwischen zur Zwangsarbeit im Straßenbau verpflichtet, die Flucht in die Wälder. Dort erfährt der Vater – es gibt einen Briefkasten in einer Baumhöhle, mit dem sich die im Versteck lebenden Sinti Nachrichten zu kommen lassen –, dass Angela von ihrer leiblichen Mutter, einer Deutschen, polizeilich gesucht wird.

Von da an lebte Angela in ständiger Angst: sie war es, die ihren Eltern weggenommen werden sollte, sie war es, auf die Jagd gemacht wurde. In der Nähe von Burladingen schließlich wurden die Reinhardts verhaftet: Während die Polizei Vater, „Herzensmutter“ und alle anderen Sinti abtransportierte, wurde Angela ihrer leiblichen Mutter übergeben. An Friedrichshafen, wo Erna Schwarz lebt, kann und will sich Angela nicht gewöhnen – nicht an die fremde Frau, nicht an die Schule, sie verweigert das Essen. Schließlich schaltet sich das Jugendamt ein. Sie kommt zunächst in ein katholisches Heim nach Leutkirch, wo sie sich nach und nach wohler fühlt. Doch die Sachbearbeiter im Stuttgarter Jugendamt hatten inzwischen das „Rassegutachten“ der Eva Justin auf dem Tisch und verfügten, dass Angela als „Zigeunermischling“ in die St. Josefspflege in Mulfingen eingewiesen wurde. Die St. Josefspflege war zu diesem Zeitpunkt Sammellager für alle württembergischen Sinti-Kinder, deren Eltern in Konzentrationslager deportiert worden waren und die nun als „Waisen“ galten. Angela war eine Ausnahme: sie hieß nun Angela Schwarz nach ihrer deutschen Mutter. Eines Tages erschien Eva Justin, die „Rote Frau“, in Mulfingen; für ihre Doktorarbeit führte sie rassistische Verhaltensexperimente durch.

Nach Abschluss dieser Experimente werden ihre Versuchsobjekte nicht mehr benötigt und im Mai 1944 zur Vernichtung nach Auschwitz gebracht. Es heißt, es geht auf einen „Ausflug“. Angela gehört nicht zu diesem Transport: „Meine Rettung verdanke ich einzig und alleine Schwester Agneta. Bis heute weiß ich nicht, warum ihre Wahl auf mich gefallen ist. Warum ausgerechnet ich? ... Ich wäre selbst so gerne mit gefahren ... Aber Schwester Agneta hat mich gesehen und hat mir gleich eine Ohrfeige gegeben. ‚Du gehörst nicht dazu!’, hat sie zu mir gesagt, ‚Sofort rauf in den Schlafsaal, in dein Bett, und lass dich ja nicht mehr blicken!’“ Schwester Agneta bringt Angela, nun zehn Jahre alt, zurück zu ihrer deutschen Mutter nach Friedrichshafen. Zwar ist die Mutter keine Anhängerin des Nationalsozialismus – sie hilft russischen Kriegsgefangenen –, doch wieder gibt es Konflikte u.a. mit einem Nazi-Lehrer und Angela kommt in ein Heim nach Donzdorf. Nach der Befreiung hört sie, dass „irgendwo am Bodensee Zigeuner leben“; sie verlässt heimlich das Heim, geht nach Friedrichshafen, arbeitet in einer Fabrik, macht sich mit einem Foto auf die Suche nach ihrem Vater. Wie durch ein Wunder findet sie ihn und die „Herzensmutter“.

Im Nachwort zu ihren Erinnerungen „Zu keinem ein Wort. Überleben im Versteck“ schreibt Cilly Levitus-Peiser: „Ich glaube daran, dass Geschichten, die erzählen, wie wichtig es ist, dass junge Menschen frei und mit Liebe und Achtung vor ihren Sehnsüchten aufwachsen können, eine universelle Bedeutung haben: Sie können uns – alten wie jungen Menschen und wo immer wir leben auf dieser Erde – Mut machen, niemals unsere Träume und Hoffnungen aufzugeben. Und in diesen Träumen und Hoffnungen können wir einander erkennen, unabhängig von Religion oder Hautfarbe oder Muttersprache oder was auch immer auf den ersten Blick sonst noch so trennend erscheinen mag.“

Die Pogromnacht im November 1938 musste Cilly, damals 13 Jahre alt, in der Israelitischen Waisenanstalt am Röderbergweg in Frankfurt am Main erleben. Zwei Wochen später kann sie zusammen mit ihrer 10 Jahre alten Schwester Jutta und weiteren Kindern aus dem Waisenhaus nach Amsterdam ausreisen. Die Mutter, die ältere Schwester Hanna und der kleine Bruder Jossel bleiben in Frankfurt zurück. In Amsterdam werden Cilly und Jutta im Israelitischen Mädchen-Waisenhaus in der Rapenburgerstraat aufgenommen. Cilly leidet unter Heimweh und dem stark reglementierten Alltag im Waisenhaus; das ändert sich langsam, als sie Freundinnen findet und die Haushaltungsschule besuchen darf; dort „gab es Lehrerinnen, die selbst Freude am Leben hatten und sie uns ebenfalls gönnten.“ Dann überfällt im Mai 1940 die Wehrmacht die Niederlande, deutsche Soldaten beherrschen die Straßen von Amsterdam. Irgendwann trifft ein Brief der Mutter ein: Cilly erfährt, dass die ältere Schwester Hanna auf dem Weg nach Palästina ist. Ihr wird plötzlich klar, dass sie nun allein auf sich gestellt war, dass sie die Verantwortung für ihre kleine Schwester würde tragen müssen: „Ich würde ab jetzt erwachsen sein. Wir würden es schaffen. Hanna war in Sicherheit. Mutter würde für Jossel sorgen und ich musste alles tun, damit Jutta nichts geschah. Dann würden wir eines Tages alle wieder zusammen sein. Ganz bestimmt, eines Tages.“
1941 begann Cilly eine Ausbildung als Säuglings- und Kinderpflegerin in der Crèche, einem Kindergarten, in der Plantage Middenlaan gegenüber der Schouwburg gelegen. Ab Juli 1942 bestimmten die Deutschen die Schouwburg zum zentralen Sammelplatz für die Deportation der niederländischen Juden; die Crèche durfte nicht mehr als normale Kindertagesstätte arbeiten, sondern hatte sich nur noch um die Kinder derjenigen Familien zu kümmern, die in der Schouwburg auf den Abtransport warteten: „Die Arbeit mit den Kindern“, beschreibt Cilly, „war völlig anders als früher. Jeden Tag konnten Kinder, die gestern noch da waren, weg sein. Dann kamen plötzlich wieder neue Mädchen und Jungen, die einen unruhig und verängstigt, die anderen völlig passiv und verschlossen, als hätten sie sich bereits gänzlich von dieser verrückten Erwachsenenwelt in sich selbst zurückgezogen. Und schließlich gab es eine neue Gruppe so genannter Findelkinder, meist Säuglinge, die ihre verzweifelten Eltern kurz vor der Deportation irgendwo so ausgesetzt hatten, dass sie eine gute Chance
hatten, gefunden zu werden.“

Cilly bekommt mit, dass die Leiterin der Crèche, Henriette Pimentel, und der aus Deutschland geflüchtete Walter Süskind, ein Mitarbeiter des Jüdischen Rates, ein Helfernetz aufgebaut haben, um Kinder in sichere Verstecke außerhalb Amsterdams zu bringen: „In den kommenden Wochen tat ich alles, um die Directrice bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Von ihren illegalen Aktionen hatte ich keine Ahnung. Aber ich wusste genau, worum es ging und dass jeder von uns tun musste, was möglich war.“ Am 10. Februar 1943 erfährt sie, dass „alle Waisenhäuser Amsterdams geschlossen abgeholt worden seien“ – darunter auch ihre Schwester Jutta. Mit Hilfe der Directrice kann Jutta in letzter Minute vom Bahnhof zurückgeholt werden. Die beiden Schwestern wohnen nun getrennt bei jüdischen Familien und die Lage wird immer bedrohlicher. Als Jutta bald darauf mit der Familie, die sie aufgenommen hat, in die Schouwburg gebracht wird, gelingt es Cilly erneut – mit Unterstützung
Walter Süskinds und eines SS-Mannes, Jutta frei zu bekommen. Die beiden Schwestern müssen nun untertauchen: Jutta wohnte bis zur Befreiung bei über zwanzig verschiedenen Adressen; über die beiden christlichen Lehrerinnen von der Haushaltungsschule – Cornelia W. Ouweleen und Marie L. Hoefsmit, die sich dem Untergrund angeschlossen haben –  kann Cilly Verbindung zu der Schwester halten. Sie selbst arbeitet mit gefälschten Papieren als „katholische Magd“ bei Familien in Nord-Brabant; zweimal muss sie die Dörfer verlassen, da Gerüchte aufkommen, die Familie beherberge eine Jüdin. Nach der Befreiung schlagen sich Cilly und Jutta nach Palästina zu ihrer Schwester Hanna durch; die Hoffnung, dort auch Mutter und Bruder zu treffen, erfüllt sich nicht ...

Beide Bücher erschienen zuerst bei Elefanten Press (2001 bzw. 2002), „Auf Wiedersehen im Himmel“ gibt es bereits als Taschenbuch; eine Taschenbuch-Ausgabe von „Zu keinem ein Wort“ ist geplant.

Michail Krausnick: Auf Wiedersehen im Himmel. Die Geschichte der Angela Reinhardt. Würzburg: Arena, 2005 Lutz van Dijk: Zu keinem ein Wort! Überleben im Versteck. München: Elefanten Press / C. Bertelsmann Jugendbuch Verlag, 2002
Ursula Krause-Schmitt

Widerstand im Bund mit dem „Feind“
Der Band stellt deutsche Männer und Frauen in Kurzbiografien vor, die in von Nazideutschland überfallenen Ländern gegen die NS-Kriegs- und Mordmaschine kämpften. Es waren Angehörige aller Schichten, von unterschiedlichen politischen, weltanschaulichen und religiösen Ansichten, die sich in die Résistance einreihten, zu fremden Streitkräften überliefen, in italienischen, jugoslawischen oder griechischen Partisaneneinheiten aktiv waren oder sich in der Bewegung Freies Deutschland zu Wort meldeten. Teils waren sie Emigranten der ersten Jahre, teils Menschen, die erst während der letzten Kriegsmonate z.B. den Weg ins Nationalkomitee Freies Deutschland fanden. Der Kreis ist also sehr weitgespannt und spannungsgeladen. Das Kriterium für die Aufnahme in den Band war: „Wer als Deutscher der Mordorgie des deutschen Faschismus, mit der die europäischen Völker überzogen wurden, nachweislich in den Streitkräften der Antihitlerkoalition, auch der französischen Résistance und den Aktionen der Partisanen und Wiederstandskämpfer anderer Länder oder in der weltweiten Bewegung ,Freies Deutschland‘ vor dem 8. Mai 1945 Widerstand gegen die Aggressoren ... leistet, gehört in dieses Buch.“ Es wird auch kein Unterschied bei den Formen des Widerstands gemacht. „Ob mit der Waffe in der Hand, ob an einem Radiosender tätig, ob als Lehrer in einem Kriegsgefangenlager, ob als Frontbeauftragte oder als Mitglieder von Organisation, die kollektiv der Bewegung ,Freies Deutschland‘ beigetreten waren – entscheidend ist das Was und nicht das Wie.“

Viele mögen gehofft haben, zusammen mit dem „inneren“ Widerstand das Naziregime zu besiegen. Dieser Erfolg blieb zwar aus, denn die Befreiung war letztlich den alliierten Streitkräften zu verdanken, wie Stefan Doernberg im Vorwort anmerkt. Die Anerkennung wurde den meisten in Westdeutschland, wo sie lange Zeit als Verräter galten, z.T. bis in die heutige Zeit versagt. Erinnert sei an das beredte Schweigen des Außenministeriums, als die französische Regierung deutsche Résistancekämpfer zu den Feiern zur Befreiung von Paris oder der Landung
in der Normandie einlud. Erinnert sei an die Schmutzkampagnen gegen Willy Brandt, den die Rechte in norwegischer Uniform zeigte und als Verräter „an die Wand“ stellen wollte. In der DDR erhielt eine größere Anzahl verantwortungsvolle Aufgaben in Partei und Gesellschaft, einige „Westemigranten“ gerieten aber in den Strudel haltloser Spionageverdächtigungen im Zuge der Noel Field-Affäre. Es dauerte bis in die 1990er Jahre, ehe sich eine Vereinigung der Menschen bilden konnte, „für die Deutschsein Widerstand gegen den Hitlerfaschismus auch im Bunde mit dem Kriegsgegner, dem ,Feind‘ nicht ausschloss“ – gemeint ist die DRAFD.

Nur wenige von ihnen sind einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, wie z.B. Wolfgang Abendroth, Ettie und Peter Gingold, Ernst Melis, Stefan Heym, Erich Weinert, Johanna Kirchner, Generalfeldmarschall Friedrich Paulus. Die meisten sind nur einem kleinen Kreis bekannt oder vergessen. Ihre Namen und ihre Schicksal in Erinnerung zu halten, ist das Verdienst von Gottfried Hamacher und seinen Mitarbeitern. Drei von ihnen seien hier stellvertretend genannt:

Gottfried Hamacher, geb. 17.9.1916 in Bonn, kaufm. Lehre, Arbeit als Handlungsgehilfe, 1934 RAD, 1936–1938 und August 1939 Wehrmacht, 1941 sowjetische Kriegsgefangenschaft, Juni 1943 Kursant an der Antifaschule in Taliza, 1943 Frontbeauftragter und Armeebeauftragter des NKFD in der 65. Armee, April-Juni 1945 Gehilfe beim Stab der 2. Belorussischen Front in Stettin, 1945 KPD, 1946 SED, Redakteur der „Volkszeitung“, 1945/46 Leiter der KPD-Landesparteischule Mecklenburg, 1946/47 Leiter der Abteilung Kultur im SEDLandesvorstand Mecklenburg, 1947–1949 Sekretär, 1949–1951 stellvertretender Generalsekretär der Gesellschaft der DSF, Juni 1951 „wegen ungenügender Wachsamkeit gegen über dem Klassenfeind“ Ausschluss aus der SED und Entbindung von allen Funktionen, 1951–1955 Transportarbeiter, 1955–1959 FDGB-Instrukteur, 1959 Rehabilitierung, 1960 Abteilungs-Leiter, 1963–1965 Direktor für Ausländerbetreuung, 1965–1973 Leiter der Auslandsvertretungen des DDR-Reisebüros in der UdSSR bzw. Bulgarien, 1973–1990 wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Generaldirektor des Reisebüros der DDR.

Dr. Edith Leffmann, Deutsche Antifaschistin im französischen Exil: TA („travail allemand“ der Résistance unter deutschen Soldaten), CALPO (Bewegung Freies Deutschland für den Westen), Propagandaarbeit unter den Angehörigen der Wehrmacht in Südfrankreich, u.a. Verbreitung der Zeitung „Soldat am Mittelmeer“, getarnt als ausländische Arbeitskraft nach Deutschland, um Informationen zu sammeln und den Widerstand in den Rüstungsbetrieben zu organisieren.

Walter Vesper, geb. 26.6.1897 in Wuppertal, gest. 12.12.1978: Sohn einer Arbeiterfamilie, Hilfsarbeiter, Lehre als Maurer, 1912 Mitglied der SAJ, 1915/1918 Soldat im 1. Weltkrieg, 1917 Spartakusbund, 1918 KPD, 1920 Kämpfer der Roten Ruhrarmee, Teilnahme am Mitteldeutschen Aufstand, im März Flucht nach Hamburg, Arbeit als Seemann und Schiffsheizer, 1933 Verhaftung (KZ Papenburg), 1934 Emigration in die CSR, 1935 UdSSR, 1937/1939 Kämpfer in den Internationalen Brigaden in Spanien, Febr. 1939 Rückkehr nach Frankreich, bis September 1939 illegale Arbeit in Paris, 1939/1940 Internierung, 1940–1945 Résistance, CALPO, Mai 1945 Rückkehr nach Deutschland, Funktionär der KPD, Abgeordneter des Landtages NRW, Abgeordneter des Bundestages, 1951 Übersiedlung in die DDR, tätig in der Nationalen Front, 1959 Botschafter.

Der Band schließt eine Lücke in der Widerstandsgeschichte und -forschung. Die von den Herausgebern eingestandene, den Umständen geschuldete Vorläufigkeit und Lückenhaftigkeit der Sammlung sollte Ansporn sein, fehlende Namen und biografische Daten der Rosa-Luxemburg-Stiftung zu melden.

Gottfried Hamacher unter Mitarbeit von André Lohmar, Herbert Mayer, Günter Wehner, Harald Wittstock: Gegen Hitler. Deutsche in der Résistance, in den Streitkräften der Antihitlerkoalititon und der Bewegung „Freies Deutschland“. Kurzbiografien. Berlin: Karl Dietz, 2005 (Rosa-Luxemburg-Stiftung. Manuskripte 53)
Hermann Unterhinninghofen

Das Urteil im Auschwitz-Prozess
Die informationen Nr. 60 (Oktober 2004) hatten den Frankfurter Auschwitz-Prozess als Schwerpunkt-Thema. Eine der wichtigsten Publikationen erschien nach Redaktionsschluss und soll daher wenigstens kurz annotiert werden. Es handelt sich um die „erste selbstständige Veröffentlichung“ des Urteils.

Die geschichtspolitische Bedeutung des Prozesses muss an dieser Stelle nicht ausführlich erläutert werden, wichtig ist nur der Hinweis, dass Auschwitz mehr ist als nur ein historischer Ort unter vielen. Er hat sich als Synonym für die Gesamtheit der faschistischen Verfolgungsund Vernichtungspolitik etabliert. Der Gedenktag für die „Opfer des deutschen Faschismus“, der 27. Januar, ist mit diesem Ort und dem Datum der Befreiung durch die Rote Armee verbunden.

Die Bedeutung des Prozesses lag auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Zum einen wurden in einem zwanzigmonatigen Verfahren mit einer Vielzahl von Zeugen, darunter über zweihundert überlebende Häftlinge von Auschwitz, akribisch und detailliert diese Verbrechen in ihren verschiedenen Facetten nachgezeichnet. Und das Gericht machte sich die Mühe, die Fülle der Fakten in die Begründung des Urteils für jedes einzelne der 20 Verfahren aufzunehmen. So entstand eine Urteilsbegründung, die ihresgleichen in der Prozessgeschichte sucht.
930 Seiten Manuskript umfasst der gesamte Wortlaut der schriftlichen Urteilsbegründung. Friedrich-Martin Balzer und Werner Renz haben diesen Text im Pahl-Rugenstein-Verlag herausgegeben und mit sehr lesenswerten Einführungen versehen. Ergänzt wird der Urteilstext, der immer noch gut 500 Druckseiten umfasst, mit Nachbemerkungen zur Strafverbüßung, einem Personenregister und einer Auswahlbiographie. Zur Vereinfachung der Recherche in diesem umfangreichen Werk legte der Verlag noch zusätzlich eine CD-ROM auf, die um weitere Materialien ergänzt ist.

Friedrich-Martin Balzer, Werner Renz (Hg.): Das Urteil im Frankfurter Auschwitz-Prozess (1963–1965) Bonn: Pahl-Rugenstein, 2004 (Die von Friedrich-Martin Balzer herausgegebene CD-Rom enthält das Urteil sowie von Werner Renz zusammengestellte Materialien zum Ausschwitz-Prozess, die von Ulrich Schneider herausgegebene Dokumentation „Auschwitz – ein Prozess“, Zeichnungen aus Auschwitz und Gedichte von Todja Tartschoff)
Ulrich Schneider

Bürokratische Knauserigkeit – zur Entschädigung von NS-Opfern
Schon die erste Pläne zur Entschädigung der Verfolgten sahen vor: die Wurzeln des Faschismus eliminieren, Wirtschaft und Gesellschaft demokratisch erneuern, die NS-Opfer entschädigen, die NS-Täter bestrafen. Die Geschichte verlief anders, die Bilanz der „Wiedergutmachung“ ist – trotz der Gesamtsumme von ca. 100 Mrd. DM – kritisch. Über die Gründe und die Alternativen ist viel geschrieben worden (vgl. z.B. Christian Pross: Wiedergutmachung. Der Kleinkrieg gegen die Opfer, Frankfurt 1988; Constantin Goschler: Wiedergutmachung.
Westdeutschland und die Verfolgten des Nationalsozialismus 1945-1954, München 1992; Heinz Düx: Die Beschützer der willigen Vollstrecker. Persönliche Innenansichten der bundesdeutschen Justiz, Köln 2004; Thomas Kuczynski: Brosamen vom Herrentisch, Berlin 2004).


Heiko Scharffenberg untersucht in einem regionalen Ansatz die Entschädigungspraxis in Schleswig-Holstein mit dem Schwerpunkt Flensburg. Er wertet erstmals systematisch die Entschädigungsakten aus. Dabei beleuchtet er drei Perioden: die Anfänge der Unterstützung für NS-Verfolgte auf lokaler Ebene 1945–1948; die Entschädigung nach den Landesgesetzen 1948–1953; die Wiedergutmachung nach den Bundesgesetzen ab 1953. Die erste „Sonderunterstützung“ wurde von örtlichen Ausschüssen ehemaliger Verfolgter geleistet und durch eine britische Zonenanweisung vom 22 .12.1945 auf eine formale Grundlage gestellt. In den „Sonderhilfsausschüssen“ arbeiteten ehemalige Verfolgte, die Entscheidungswege waren kurz, persönlich und unbürokratisch, die Beträge gering, die Fürsorge diente der Linderung unmittelbarer Not. „Die Betroffenheit über das Schicksal der Verfolgten (war) noch spürbar“, und auch der politische Wille zu einem demokratischen Neubeginn.

Dann wurde die Entschädigung im beginnenden Ost-West-Konflikt auf der Liste der politischen Prioritäten auf einen hinteren Platz abgedrängt. In die zweite Periode fielen die rudimentären Landesgesetze über Renten und Haftentschädigung, die Verdrängung der NS-Geschichte und das Ende der Entnazifizierung, die Überlagerung der Entschädigung durch fiskalische Erwägungen der „Sparsamkeit“, die Spaltung der Verfolgtenverbände und das Verschwinden einer politischen Lobby. In Schleswig-Holstein „distanzierte sich die Politik zunehmend von den NS-Verfolgten“. Sollten bisher die Anträge „großzügig und warmherzig“ geprüft werden, so wurde jetzt das Gegenteil empfohlen. Z.B. seien die Anträge von „Zigeunern“ stets „mit Vorsicht zu genießen“. Frauen wurden häufig politische Motive abgesprochen, sie müssten „das aus der politischen Verfolgung des Ehemannes resultierende Ungemach als schicksalshafte Fügung hinnehmen“. Es folgte der „Sieg des Rotstifts“: Haushaltsmittel wurden auf die Hälfte gekürzt, Renten nicht angepasst, von Verfolgten wurden Nachuntersuchungen verlangt – mit dem vorrangigen Ziel, die Renten zu kürzen. Der zuständige Referent warnte: Die Alten sterben, ohne eine Mark bekommen zu haben; die Verfolgten werden immer wieder gegenüber den früheren NSDAP-Mitgliedern benachteiligt. In der Tat: die Ausgaben des Landes für die „131er Pensionen“ der NS-belasteten Personen, Täter und Angehörigen (darunter der ehemalige Reichsjustizminister Schlegelberger und die Witwe von Reinhard Heydrich) waren inzwischen doppelt so hoch wie die Entschädigung der Opfer.

Das nach hinhaltenden Konflikten, trotz der Mauertaktik aus Schleswig-Holstein zustandegekommene und widerwillig zusammengezimmerte Bundesergänzungsgesetz von 1953 brachte – trotz seiner offensichtlichen inhaltlichen und verfahrensmäßigen Mängel – für die Verfolgten in Schleswig-Holstein einige Verbesserungen: z.B. war die Entschädigung nicht mehr von der Bedürftigkeit abhängig, Opfer konnten auch Nachteile im beruflichen und wirtschaftlichen Fortkommen sowie an Eigentum und Vermögen geltend machen. Die Praxis in Schleswig-Holstein war nicht „von Hirn und Herz“ geprägt, sondern blieb äußerst restriktiv. Die Zahl der abgelehnten Anträge war die zweithöchste im Bundesgebiet: nach der offiziellen – stark geschönten – Statistik 55,5% gegenüber dem Bundesdurchschnitt von 43,5%; nach der Akten-Analyse von Scharffenberg lag sie bei 70%, bei Gesundheitsschäden sogar bei 80%. Abschreckend war die Praxis der medizinischen Gutachten für Rentenansprüche, jene „zweiten Qual“. Das zuständige Amt beauftragte fast nur Ärzte, die mit der Feststellung von Verfolgungsschäden äußerst restriktiv umgingen und häufig den Zusammenhang von Verfolgung und Leiden verneinten. Sie kannten in der Regel die Bedingungen des Überlebens in den Konzentrationslagern und Zuchthäusern und die Erkenntnisse über die seelischen Folgen von Verfolgung und KZ-Haft nicht oder missachteten sie. So verneinte ein Gutachter bei einem Mann, der 12 Jahre in Zuchthaus und KZ verbringen musste und an Arteriosklerose, Herzschwäche und Asthma litt, jeden Zusammenhang mit der Verfolgung. Häufiger Gutachter war übrigens der berüchtigte Euthanasie-Prof. Dr. Werner Heyde alias Dr. Fritz Sawade. So verfestigte sich der Eindruck, dass die Hauptfunktion der Gutachten in der Abwehr der Ansprüche bestand.

Fazit des Autors: der bisher einmalige Versuch der Wiedergutmachung bleibt „mit vielen Makeln behaftet“: Entfremdung von der Basis, Bürokratisierung, abnehmende Bereitschaft zur Wiedergutmachung je besser es Staat und Gesellschaft ging, zunehmende Priorität für fiskalische Erwägungen gegenüber den moralischen und rechtlichen Verpflichtungen, Ausgrenzung von Opfergruppen. Zu Recht sieht er einen wesentlichen Mangel im „Umgang von Gesellschaft, Politik und Verwaltung mit den Tätern des Nationalsozialismus ... Das krasse Missverhältnis zwischen der Behandlung der Täter und der Opfer wirft das entscheidende Licht auf die Wiedergutmachung. 1951, zwei Jahre bevor es eine allgemeingültiges Entschädigungsgesetz für die NS-Opfer gab, war nahezu allen Tätern nicht nur ihre Schuld erlassen, sondern sie waren ... bestens rehabilitiert und versorgt worden.“

Heiko Scharffenberg: Sieg der Sparsamkeit. Die Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts in Schleswig-Holstein. Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte, 2004
Hermann Unterhinninghofen

Zwangsarbeit in Hamburg
Im Jahre 2003 erschien das Buch des Historikers Karl Heinrich Biehl „Hanseatisches  Kettenwerk 1935–1945. Ein sozial- und wirtschaftsgeschichtlicher Beitrag zur Kriegswirtschaft und Rüstungsproduktion in Hamburgs Stadtteil Langenhorn“. Es zählt inzwischen zu den Standardwerken über die Geschichte der Hamburger Rüstungsindustrie im Dritten Reich.

1934 erhielt der Düsseldorfer Industrielle Clemens Pötz über den Reichsfiskus Heer den Auftrag, in Hamburg-Langenhorn einen Rüstungsbetrieb zu errichten. In dem Hanseatischen Kettenwerk wurden zwischen 1935 und 1945 für Luftwaffe und Kriegsmarine Geschoßhülsen und Zünder für Flakgeschütze und Fliegerbordkanonen produziert.

In dem Betrieb waren im Zweiten Weltkrieg mehrere Tausend Arbeiter und Angestellte, unter ihnen ab 1940 ausländische Zivilbeschäftigte u.a. aus Dänemark und den Niederlanden, beschäftigt. Ab 1942 kamen verstärkt Zwangsarbeiter zum Einsatz. Die stärkste Gruppe stammte aus der Sowjetunion, die meisten aus der Ukraine und Weißrussland. Zu diesem besonders tragischen Kapitel der Geschichte des Kettenwerkes entstand auf Initiative der Geschichtswerkstatt der Hamburger Willi-Bredel-Gesellschaft eine gesonderte Publikation des gleichen Autors. Seit 1998 zählt die Geschichte der Zwangsarbeiter in Hamburg zu den Schlüsselthemen der Auseinandersetzung der Willi-Bredel-Gesellschaft mit dem Hitlerfaschismus.

Im Zentrum der neuen Veröffentlichung stehen Berichte und Briefe von fünf ehemaligen Zwangsarbeitern aus der Ukraine, die im Kettenwerk zwischen 1942 und 1945 tätig waren. Im Oktober 2002 waren elf Frauen und Männer im Alter zwischen 76 und 81 Jahren aus der Ukraine und Weißrussland nach Hamburg eingeladen worden, um die Stätten zu besuchen, an denen sie die schwersten Jahre ihres Lebens verbracht hatten. Als sie nach Nazi-Deutschland verschleppt wurden, waren sie zwischen 16 und 21 Jahren alt. Sie kamen aus Dnepropetrowsk, Kiew, dem Gebiet Donezk und Minsk. Vier von ihnen haben keine geschlossenen Erinnerungsberichte geschrieben, sondern Biehl hat sie bei ihrem Besuch in Hamburg befragt und mit einzelnen von ihnen korrespondiert. Die so entstandenen Texte enthalten aufschlussreiche Angaben über die Festnahme der Einzelnen und den Transport nach Deutschland. Im Mittelpunkt der Schilderungen stehen die katastrophalen Arbeits- und Lebensbedingungen im Kettenwerk. Bemerkenswert sind auch Angaben über die Rolle von leitenden Angestellten im Rahmen des Terrorregimes gegenüber den Zwangsarbeitern.

Nur wenige Deutsche, vorrangig einzelne Arbeiter, verhielten sich gegenüber den Ausländern solidarisch, indem sie ihnen Lebensmittel gaben und hilfsbereit waren. Die Publikation ist ein weiterer Baustein zur Erforschung der Geschichte der Zwangsarbeit in Hamburg. Vieles bleibt aber nach wie vor offen, denn die Geschichte der Mehrzahl der mehr als 300 Zwangsarbeiterlager in der Hansestadt ist nicht erforscht.

Karl Heinrich Biehl: Zwangsarbeit im Hanseatischen Kettenwerk (Hak) in Langenhorn. Erinnerungsberichte. Firmengeschichte. Hamburg: Willi-Bredel-Gesellschaft, 2005
Karl Heinz Jahnke

Verfolgung „Asozialer“
Die Stigmatisierung, Ausgrenzung und Verfolgung von angeblich „minderwertigen“ oder „asozialen“ Menschen begann weder mit der Machtübertragung im Januar 1933, noch gehörte dies nach der Befreiung vom Nazismus
der Geschichte an. Dennoch zeichnete sich der NS-Staat durch eine besondere Radikalität beim Vorgehen gegenüber gesellschaftlichen Randgruppen aus. Gerade weil zu keiner Zeit verbindlich bestimmt wurde, wer als „asozial“ oder „gemeinschaftsfremd“ zu bezeichnen war, entwickelte sich eine expansive Verfolgungsdynamik und im Lauf der Jahre gerieten immer neue Personengruppen ins Visier der Verfolger. In den Lagern Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen machten die so genannten „ Asozialen“ nach den als „Aktion Arbeitscheu Reich“ bekannt gewordenen Massenverhaftungen vom Frühjahr und Sommer 1938 zwischenzeitig sogar die größte Häftlingskategorie aus. „Der Kampf gegen die ‚Asozialen’ kannte“, wie Wolfgang Ayaß dazu treffend schreibt, „keinen Endpunkt und wäre ohne die Kriegsniederlage Deutschlands nie zum Abschluss gekommen“ (S. 54). Mit der Verfolgung von Menschen, die als so genannte „Asoziale“, „Minderwertige“ oder „Gemeinschaftsfremde“ bezeichnet wurden, beschäftigt sich der vorliegende Sammelband, der auf ein bundesweites Gedenkstättenseminar vom September 2003 zurückgeht. Insgesamt zehn Beiträge von neun Autoren und Autorinnen geben einen fundierten Überblick über die Grundlagen, Rahmenbedingungen und Etappen der nazistischen „Asozialenpolitik“ – und ihrer Kontinuitäten.

Die ersten beiden Beiträge befassen sich mit der Vorgeschichte bzw. den geistesgeschichtlichen Grundlagen der Verfolgung gesellschaftlicher Außenseiter. Andrea Woeldike beleuchtet zunächst die Genese und Entwicklung des Begriffs der „Deutschen Arbeit“, der, so die These der Autorin, wesentlich dazu beigetragen habe, ein Gegenbild von jenen zu konstruieren, die den damit verbundenen Projektionen nicht entsprechen konnten oder wollten. Der Eugenik und Rassenhygiene als wissenschaftlichen Legitimationsfolien der Verfolgung
angeblich „minderwertiger“ gesellschaftlicher Minderheiten widmet sich der Beitrag von Ingrid Tomkowiak. Zwar können sozialtechnologische Utopien von der Verbesserungen des Menschen durch „Auslese“ und „Ausmerze“
auf eine lange kulturgeschichtliche Tradition zurückblicken, erst die katastrophalen gesellschaftlichen Bedingungen des frühen 20. Jahrhunderts verhalfen ihnen zu einer breiteren, auch außerwissenschaftlichen Popularität, an der die Nazis bei den Versuchen zur Herstellung einer sozial und „rassisch“ homogenen „Volksgemeinschaft“ anknüpfen konnten.

Dass es sich dabei allerdings nicht nur um die bruchlose Realisierung lang zuvor erdachter Maßnahmen, Programme und Forderungen ging, sondern die „Asozialenpolitik“ der Nazis in ihren Praxen zum Teil weit darüber hinausging, zeigen die Beiträge, die sich auf den Zeitraum von 1933 bis 1945 konzentrieren. Einen profunden Überblick über die Bandbreite der Maßnahmen und die an der Verfolgung sozialer Außenseiter im Nazismus beteiligten Institutionen präsentiert zunächst Wolfgang Ayaß. Dabei wird nicht nur deutlich, welche Vielzahl von Institutionen und Organisationen sich zum Ziel gesetzt hatten, den „Volkskörper“ vor angeblich „minderwertigen“ Menschen zu „reinigen“, sondern auch, auf welche personellen, organisatorischen, rechtlichen und weltanschaulichen Kontinuitätslinien sich die beteiligten Akteure dabei stützen konnten. Einer der seit Mitte der 1930er Jahre an Bedeutung zunehmenden Instanzen, der Kriminalpolizei, widmen sich anschließend zwei Beiträge.

Während sich Thomas Roth vor allem auf die ideologischen Grundlagen und Denkmuster der kriminalpolizeilichen „Verbrechensbekämpfung“ konzentriert, schildert Wolfgang Ayaß in seinem zweiten Beitrag die kriminalpolizeiliche Praxis der „Vorbeugungshaft“, die für die meisten Betroffenen mit der Verschleppung in ein Konzentrationslager mündete. An dieser Stelle setzen die Artikel von Christa Schikorra und Martin Guse an, die sich dem Schicksal „Asozialer“ oder „Gemeinschaftsfremder“ in den Konzentrationslagern widmen und damit gewissermaßen den Endpunkt der Verfolgung beleuchten. Insbesondere Christa Schikorra zeigt eindrücklich, wie sich die gesellschaftliche Stigmatisierung auch in den Häftlingsgesellschaften der Lager reproduzierte: Die Häftlinge mit dem „Schwarzen Winkel“ standen in der Lagerhierarchie weit unten und erschienen auch ihren Leidensgenossen als suspekt und verdächtig.

Den deutschen bzw. nazistischen Kontext verlassen schließlich die abschließenden Beiträge von Thomas Meier, der die Verfolgung der Jenischen in der Schweiz am Beispiel des „Hilfswerk für die Kinder der Landstraße“ zwischen den 1920er und 1970er Jahren skizziert und Lothar Evers, der den skandalösen Umgang mit den als „asozial“ diskriminierten NS-Opfern in den Blick nimmt. Der Umstand, dass es bis zur Anerkennung als Verfolgte des Nationalsozialismus mehr als fünf Jahrzehnte dauerte, ist nur ein Beleg für das Andauern der gesellschaftlichen Stigmatisierung nach 1945.

Vor diesem Hintergrund ist das im abschließendem Beitrag von Agnes Ohm geschilderte Schülerprojekt „‚Asoziale’ gestern – ‚Asoziale’ heute“ nicht hoch genug zu bewerten. Den Zusammenhang zwischen der Verfolgung von „Asozialen“ in der NS-Zeit und der Ermordung von Obdachlosen heute zu thematisieren ist nicht nur ein verdienstvolles Unterfangen, sondern um so wichtiger in Zeiten, in denen erwerbslose Menschen medial in die Nähe von „Arbeitsscheuen“ gerückt werden, sich die Mörder von Obdachlosen zu Vollstreckern eines vermeintlichen „Volkswillens“ stilisieren können und Arbeitspapiere aus einem Bundesministerium versuchen, die selbst zu verantwortende politische Misere mit billiger Stimmungsmache gegen angebliche „Parasiten“ und „Abzocker“ zu kaschieren. Um sich über die Kontinuitäten solcher Denkweisen und ihre Folgen zu informieren, bietet der Sammelband eine solide Grundlage.

Dietmar Sedlaczek, Thomas Lutz, Ulrike Puvogel, Ingrid Tomkowiak (Hg.): ‚minderwertig’ und ‚asozial’. Stationen der Verfolgung gesellschaftlicher Außenseiter. Zürich: Chronos, 2005
Sven Steinacker

„Der Beamte im Staat Adolf Hitlers ist Verwaltungssoldat“
Diese Maxime des Darmstädter Oberfinanzpräsidenten Hans Werth aus dem Jahre 1937 verdeutlicht, was im nationalsozialistischen Deutschland von Finanzbeamten erwartet wurde. Ohne die Beamten und Angestellten der Reichsfinanzverwaltung im Ministerium in Berlin, den Landesfinanzämtern bzw. Oberfinanzpräsidenten und den Finanzämtern in den Städten und Gemeinden wäre es unmöglich gewesen, die totale Ausplünderung der im nationalsozialistischen Deutschland verfolgten, deportierten und ermordeten jüdischen Menschen durchzuführen.

Dieser Aspekt der Geschichte des Faschismus in Deutschland ist in den vergangenen Jahren zunehmend zu einem Thema der Forschung geworden, die sich verstärkt der Täterseite zugewandt hat. Nach den teilweise öffentliches Aufsehen erregenden Ausstellungen und Publikationen, die auf rheinischen und westfälischen Finanzamtakten beruhten, wurde nach Rheinland-Pfalz auch in Hessen eine umfassende Untersuchung durchgeführt. Weitere Forschungsprojekte zu Bayern und Niedersachsen sind abgeschlossen. Die Aufzählung ist
möglicherweise unvollständig.

In mehrjähriger Arbeit haben die Historikerinnen Susanne Meinl (wissenschaftliche Mitarbeiterin des Fritz Bauer Instituts) und Jutta Zwilling ein voluminöses Werk von 745 Seiten über die Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung in Hessen erarbeitet. Es ist eine Begleitpublikation zu der Wanderausstellung „Legalisierter Raub – Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen 1933–1945“ des Fritz Bauer Instituts in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Hauptstaatsarchiv.

Die beiden Forscherinnen haben sich die Arbeit aufgeteilt: Meinl stellt die fiskalische Benachteiligung und Diskriminierung, die „gesetzlich geregelte Ausplünderung“ und das Netzwerk der Ausplünderung dar, was sie mit vielen Beispielen belegt. So ist es ihr gelungen, die hoch komplexe Materie relativ verständlich darzustellen: Das Mitwirken der Angehörigen der Finanzverwaltung an der Judenverfolgung, Deportation und restlosen Verwertung der Ersparnisse und Lebensversicherungen und der zurückgelassenen Habseligkeiten der aus Deutschland Geflohen wie der Verschleppten und Ermordeten. Das Finanzpersonal handelte streng nach „nationalsozialistischer Weltanschauung“ und tat fast bis zur letzten Stunde im Frühjahr 1945 „seine Pflicht“. Susanne Meinl schließt ihren Teil ab, indem sie das Thema auf die Frage nach den Opfern, Tätern und Nutznießern fokussiert. Sie stellt die Verwaltungsabläufe ebenso anschaulich dar, wie sie beispielhaft die Profiteure beschreibt: Auktionshäuser, Gerichtsvollzieher, Immobilienmakler, Hausverwalter, Speditionen und die vielen „Volksgenossen“ und „Volksgenossinnen“.

Jutta Zwilling hat die Aufgabe übernommen, eine systematische Übersicht der Akteure der Ausplünderung zu geben: Die Strukturen der Reichsfinanzverwaltung, der hessischen Landesfinanzämter bzw. Oberfinanzverwaltungen und der einzelnen Finanzämter sowie die Beteiligung der Devisenstellen und der Zollverwaltung. Sehr hilfreich für anschließende Forschungen ebenso wie für die Weiterbildung in der Finanzverwaltung sind die zahlreichen Hinweise auf die Aktenüberlieferungen. Sie geht auch auf die Behörden ein, ohne deren Mitwirkung die Finanzverwaltung nicht effektiv hätte handeln können: Justizbehörden, Geheime Staatspolizei, NSDAP u.a. sowie die zur Zusammenarbeit gezwungenen jüdischen Institutionen. Abschließend wird noch auf die an der „Wiedergutmachung“ beteiligten Behörden – die teilweise identisch waren mit den ausbeutenden Dienststellen – hingewiesen.

Susanne Meinl, Jutta Zwilling: Legalisierter Raub. Die Ausplünderung der Juden im Nationalsozialismus durch die Reichsfinanzverwaltung in Hessen. Frankfurt/M.: Campus, 2004 (Wissenschaftliche Reihe des Fritz Bauer Instituts, Band 10)
Kurt Schilde

Jugendfürsorge in Frankfurt/Main
Die Geschichte des Jugendamtes der Stadt Frankfurt/Main wird von Harry Hubert in einer umfangreichen Dokumentation dargestellt: Band 1 umfasst die Anfänge bis 1945; Band 2, der noch nicht erschienen ist, die Geschichte nach 1945 bis zur Gegenwart. Der Autor hat für seine Dissertation neben umfangreicher Literatur insbesondere Akten des Jugendamtes, des Wohlfahrtsamtes, des Fürsorgeamtes und die diesbezüglichen Magistratsberichte der Stadt Frankfurt ausgewertet.

Mit der Reichsgründung 1871 veränderte sich auch der Umgang mit Kindern und Jugendlichen, die Unterstützung durch die Gesellschaft benötigten: vom Almosenwesen zur Armenordnung; einer mehr oder weniger staatlichen Regelung des Umgangs. Ziel war immer die „Erziehung zur Arbeit“.

Im Jahr 1914 wurde das Frankfurter Jugendamt gegründet, bereits 1908 das Frankfurter Jugendgericht. Die Auseinandersetzung spiegelte sich in Begriffen wie „Erziehung statt Strafe“ bzw. das Jugendamt als verlängerter Arm der Staatsanwaltschaft. Die Kriegsjahre bis 1918 erschwerten dann die vielfältigen Aufgaben von Armenunterstützung, Unterbringung von Waisenkindern, Pflegekindern, Unterstützung für obdachlose bzw. wandernde Jugendliche, Umgang mit straffällig gewordenen Kindern und Jugendlichen etc.; einerseits erhöhte sich die Anzahl der zu betreuenden Kinder/Jugendlichen massiv, andererseits herrschte Geld- und Arbeitskräftemangel. In der Weimarer Republik fand die gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung um fortschrittliche, demokratische Bestrebungen gerade auch im Bereich der Jugendfürsorge ihren Niederschlag. So führten skandalöse Zustände in Fürsorgeerziehungsheimen zu Revolten in einigen Heimen und stellten den Sinn von Heimerziehung grundsätzlich in Frage. Interessant finde ich in diesem Zusammenhang die Entstehungsgeschichte des Hauses der Jugend, heute noch große Jugendherberge in Frankfurt. Dieses entstand durch vielfältige jahrelange Initiativen von Jugendorganisationen aus Parteien, Kirchen und Sportvereinen. Die Eröffnungsfeier 1930 wurde von HJ-Mitgliedern massiv gestört, die als einzige nicht an diesem Zusammenschluss beteiligt gewesen waren.

Die Wirtschaftskrise und die Machtübernahme der Faschisten machten aber bald alle fortschrittlichen (von denen es wenige gab) Ansätze zunichte. Die gesamte Jugend wurde zur Staatsjugend erklärt. Mit dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ ging ab dem Frühjahr 1933 die Entlassung vieler Beamtinnen aus politischen Gründen einher; Hinweise zu jüdischen Mitarbeiterinnen fehlen. Die Hitler-Jugend (HJ) wurde zur alleinigen Trägerin von außerfamiliärer und außerschulischer Erziehung ernannt. In den Magistratsberichten der Stadt Frankfurt wurde bald die „erfreuliche Zusammenarbeit“ von Jugendamt und HJ auf dem Gebiet der Gefährdeten- und Heilfürsorge und im Bereich der Jugendpflege hervorgehoben. Die Träger der freien Wohlfahrtspflege kooperierten auf allen Gebieten mit der NSVolkswohlfahrt. Die meisten Mitarbeiter/innen des Frankfurter Jugendamtes akzeptierten die eugenischen und rassenhygienischen Deutungsmuster. Es gab z.B. Diskussionen um die Beschulungspflicht von Sinti- und Romakinder, wobei die Tendenz eindeutig in Richtung „Endlösung der Zigeunerfrage“ ging. Bereits 1933 wurden „Erbkarteien“ im Gesundheitsamt angelegt. Es sollten für die Erziehung von „Bastarden, Zigeuner- und Judenkinder“ keine öffentliche Mittel mehr ausgegeben werden.

Gerade auch das Frankfurter Fürsorge- und Jugendamt kann mit Götz Aly als „Gehilfe und konstruktiver Mitorganisator“ des Faschismus bezeichnet werden. Dies weist Harry Hubert mit den vorliegenden Quellen eindeutig nach. Ein Widerspruch gegen nationalsozialistische Politik lässt sich nicht finden.

Das vorliegende Buch umfasst neben umfangreichen historischen Dokumenten auch Kurzbiografien einzelner im Bereich der Jugendfürsorge tätigen Personen in leitenden Funktionen, z.B. Stadtrat Dr. med. Werner Fischer- Defoy, ab 1924 zum Stadtmedizinalrat befördert, ab 1929 Mitglied der NSDAP und als „alter Kämpfer“ 1933 zum Stadtrat ernannt. Bis 1945 war er zuständig für Stadtgesundheitsamt, Fürsorgeamt und damit auch Jugendamt. 1945 wurde er auf Befehl der US-Militärregierung seines Amtes enthoben und 1948 von der Hauptspruchkammer Frankfurt nur als „Mitläufer“ verurteilt. Allein aufgrund seines Alters wurde seinem Antrag auf Wiedereinstellung in den städtischen Dienst nach 1945 nicht entsprochen.

Das Hauptanliegen des Autors ist die zeitgeschichtliche Dokumentation; allerdings lässt er die Quellen oft für sich selbst sprechen. Ich hätte mir etwas mehr Interpretation und Bewertung gewünscht; angesichts der Quellenmenge fällt einer historisch nicht ausgebildeten Leserin wie mir die Auswertung doch oft schwer. Das Buch ist ein Nachschlagewerk; aber es bietet auch viele interessante Aspekte zur Stadtgeschichte in Frankfurt.

Harry Hubert: Jugendfürsorge, Jugendwohlfahrt und Jugendhilfe. Zur Geschichte des Jugendamtes der Stadt Frankfurt am Main. Band 1: Von den Anfängen bis 1945 Frankfurt am Main: Fachhochschulverlag, 2005
Doris Seekamp


Praxis der Deportationen
Der 20. Band der jährlich erscheinenden „Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus“ beschäftigt sich mit dem Komplex der Deportation der jüdischen Bevölkerung aus Deutschland. Dabei wird die Geschichte der Deportationen von 1938–1945 in acht Aufsätzen eingekreist. Schwerpunkte werden dabei auf die „politische Praxis im dritten Reich“ und die Betrachtung verschiedener sozialer Gruppen gesetzt. Inhaltlich versuchen die Herausgeberinnen dabei eine „multiperspektivische“ Sichtweise einzunehmen. Thematisch werden drei Ebenen betrachtet: Die Geschichte der deportierten jüdischen Bevölkerung, die Absichten und Praxen der deutschen Behörden und die Reaktionen der deutschen Bevölkerung auf die Deportationen, wobei der Schwerpunkt auf der
ersten Ebene liegt.

Zu Beginn des Bandes steht ein Überblicksartikel von Wolf Gruner. In diesem zeichnet er detailreich die Geschichte der Deportationen nach, wobei er die These vertritt, dass die Deportation der Juden kurz nach dem
Überfall auf Polen beschlossen und in Angriff genommen wurde. Nachdem die Pläne von „Judenreservaten“ etwa in Madagaskar oder im Generalgouvernement scheiterten, wurde 1941/42 die Ermordung der Juden endgültig geplant. Allerdings weist Gruner auf den genozidalen Gehalt der Pläne hin, der diesen bereits 1939/40 zu eigen war.

Beate Meyer behandelt in ihrem Beitrag die Rolle der „Reichsvereinigung der Juden“ bei der Organisation und Durchführung der Deportationen. Dabei werden exemplarisch die Deportationen in Frankfurt, Nürnberg und Mainz behandelt. Teils unter Zwang, teils in der Hoffnung auf „mildere“ Verfahren beteiligten sich dabei die jüdischen Repräsentanten an der Organisation der Deportationen. Insgesamt blieb jedoch ihr Einfluss auf die Vorgänge marginal. Lediglich in einigen Fällen konnte die Anzahl der Deportierten verringert oder das allgemeine Klima der Deportationen verbessert werden.

Ein Fülle von Quellen präsentiert Monica Kingreen in ihrem Aufsatz. Aus Abschiedsbriefen, von Jüdinnen und Juden, die angesichts der Deportationen Selbstmord begingen, Postkarten, Briefen, Tagebucheintragungen und
Nachkriegsberichten kann Kingreen einen schwer erträglichen Blick auf die Erfahrung der Deportation und das harte Leben in den Gettos werfen. Die Quellen zeigen dabei eindrücklich, welche Schlüsse die Zurückgebliebenen oder noch nicht Deportierten aus den Nachrichten schließen konnten. Viele Jüdinnen und Juden glaubten bis zuletzt sich ihrer Ermordung durch Arbeitsfähigkeit entziehen zu können.

Wie das Leben der Deportierten in den Gettos der Durchgangslager aussah, damit beschäftigt sich der Aufsatz von Robert Kuwalek. Am Beispiel des Distrikts Lublin, eines der wichtigsten Zielgebiete für Deportationen aus dem deutschen Reich, versucht er auch die Konflikte nachzuzeichnen, die zwischen „Westjuden“ und „Ostjuden“ entstanden. Dabei verwendet der Autor nicht nur Archivmaterial, sondern führte auch Interviews mit Polen und polnischen jüdischen Überlebenden.

In einem weiteren Beitrag wertet Beate Kosmala die Daten von circa 1000 deutschen Juden aus, die sich der Deportation durch Flucht entzogen hatte. Ein Großteil von ihnen stammte aus Berlin. Je mehr Wissen über das Leiden im Osten zu den Zurückgeblieben durchdrang, um so mehr vergrößerte sich die Bereitschaft unterzutauchen oder mit einer gefälschten Identität weiterzuleben. Jedoch erlebten nur etwa ein Viertel der Untergetauchten den Untergang des dritten Reichs. Die anderen fielen Denunziationen, Razzien oder den Bomben zum Opfer.

Die Beiträge von Christiane Kuller und Frank Bajohr wechseln dann das Blickfeld von den Opfern der Deportationen auf die deutschen Behörden und die Bevölkerung. Exemplarisch beschäftigt sich der erste Aufsatz mit der Verwertung jüdischen Eigentums, während der zweite Aufsatz die Entwicklung eines schlechten
Gewissens bei den deutschen „Volksgenossen“ nachzeichnet.

Christiane Kuller setzt sich mit der Verwertung jüdischen Eigentums der Nürnberger Juden im Rahmen der „Aktion 3“ auseinander. Sie zeigt insbesondere die Konflikte und Verteilungskämpfe zwischen Reichsfinanzverwaltung auf der einen und Gestapo und NSDAP auf der anderen Seite. Im weiteren geht sie auf die rechtlichen Grundlagen und auf die Praxis der Verteilung des jüdischen Eigentums ein.

Frank Bajohr versucht die Entwicklung eines „schlechten Gewissens“ bei der deutschen Bevölkerung nachzuzeichnen. Nur ein kleiner Teil der deutschen Bevölkerung lehnte die Deportationen aus humanistischen Gründen ab. Der Großteil der „Volksgenossen“ schwankte zwischen aktiver Zustimmung, unauffälliger Zurückhaltung und kritischer Distanz, wobei letztere Position nur selten offen geäußert wurde. Mit der zunehmend absehbaren Niederlage wurden auch innerhalb der deutschen Bevölkerung zunehmend Bestrafungsängste aktuell. Auch die Bombardierungen der deutschen Städte durch die Alliierten wurden in diesem Kontext gesehen. Von so manchem Deutschen wurden die Deportationen dann auch nicht als Verbrechen kritisiert, sondern als „taktischer“ Fehler: „Statt die Juden in den Osten zu deportieren (...), hätte man sie besser als Geiseln und lebende Schutzschilde in den Städten belassen“ (Bajohr, 192).

In der Rubrik „Fundstücke“ wird zuletzt noch auf die Sichtweise eines unbeteiligten ausländischen Beobachters hingewiesen. Nicholas Terry kommentiert hierbei das Protokoll des schwedischen Geschäftsmannes Jacob Wallenberg mit dem britischen Botschafter in Stockholm. Von britischer Seite wurden die Deportationen hauptsächlich unter ökonomischen Gesichtspunkten interpretiert. Man ging davon aus, dass das deutsche Reich vor allem Zwangsarbeiter im Osten benötigte. An dieser Fehleinschätzung hielten die britischen Behörden leider auch noch fest, als das NS Regime bereits die systematische Ermordung der Juden vollzog. Ergänzt werden die Aufsätze durch einen umfangreichen Rezensionsteil und ein Personenregister.

Die Beiträge bieten einen stark an den Quellen orientierten Einblick in die Geschichte der Deportationen von 1938–1945. Gerade das macht diese Aufsatzsammlung so interessant. Als Kritikpunkt bleibt lediglich, dass ein Beitrag zur Rolle der Reichsbahn bei den Deportationen fehlt.

Die Deportation der Juden aus Deutschland. Pläne – Praxis – Reaktionen 1938–1945. Herausgegeben von Birthe Kundrus und Beate Meyer. Göttingen: Wallstein, 2004 (Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus Band 20)
Michael Damboer

Zentralfriedhof Wien – Gruppe 40
In Wien befindet sich Europas größter Friedhof. Auf dem Zentralfriedhof sind zahlreiche Frauen und Männer beigesetzt, die zwischen 1938 und 1945 vom Nazifaschismus ermordet wurden, weil sie Widerstand leisteten. Ein besonderer Ort sind die Gräber der Gruppe 40.

Im Zentrum der österreichischen Hauptstadt, im Landgericht I, sind Hunderte Gegner der NS-Diktatur vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und in den Kellern des gleichen Gebäudes enthauptet worden. Die meisten Leichen wurden später auf dem Zentralfriedhof verscharrt.

Es hat lange gedauert, bis diese Opfer des NS-Terrors im Bereich der Gräber der Gruppe 40 eine würdige Gedenkstätte erhielten. Am 21. April 2005 nahm der Bürgermeister der Stadt Wien, Dr. Michael Häupl, die Einweihung vor.

Mit dem neuen Buch von Willi Weinert, das im Auftrag der Alfred Klahr Gesellschaft herausgegeben wurde, liegt erstmalig ein wissenschaftlich fundierter Führer zu den Gräbern der Gruppe 40 vor. Willi Weinert arbeitet seit mehreren Jahrzehnten zu dieser Thematik und gehört zu den sachkundigsten Forschern. Die Publikation gibt darüber hinaus einen umfassenden Einblick in den zwischen 1938 und 1945 geleisteten Widerstand gegen Hitlerdeutschland, für ein freies und unabhängiges Österreich.

Im Mittelpunkt des Buches stehen biografische Texte über die Widerstandskämpfer, die von 1942 bis April 1945 im Wiener Landgericht I ermordet wurden, weil sie aus politischen und weltanschaulichen Gründen gegen die Herrschaft der NS-Diktatur in Österreich aufgetreten sind. 577 Personen, 47 Frauen und 530 Männer fanden Aufnahme. Die Texte informieren über wichtige Lebensdaten, den Einsatz im Widerstand, die Festnahme, das Urteil und die Hinrichtung. Schwierig war es, von jedem Einzelnen Fotos zu finden. Dies ist bei 342 der Hingerichteten gelungen.

Erfasst werden die gesamte Breite und Vielfalt des Widerstandes und der Opposition. Besonders hoch war der Anteil der Angehörigen der kommunistischen und sozialistischen Arbeiterbewegung am Widerstand. Fast jeder fünfte der Ermordeten war jünger als 30 Jahre. Verständlicherweise sind die Angaben zu den Einzelnen in ihrem Umfang und im Aussagegehalt unterschiedlich.

In den Anhang sind Gedichte und Lieder aus dem Widerstand, persönliche Zeugnisse Hingerichteter, letzte Briefe und Kassiber sowie Erinnerungen von Angehörigen aufgenommen worden. Weiter wird in einer Chronik Auskunft über die Geschichte der Grabstätte „Gruppe 40“ gegeben (S. 29–38).

In dem Geleitwort zu dem Buch schreibt Bürgermeister Dr. Michael Häupl über die Menschen, die hier bestattet sind: „Auch wenn das Wirken dieser ÖsterreicherInnen nicht massenwirksam wurde, so repräsentieren sie doch
das bessere Österreich. Die Erinnerung an sie spielte nach 1945 und bis heute im öffentlichen Bewusstsein leider eine untergeordnete Rolle. Dieses Buch möge dazu beitragen, dem Vergessen dieser tapferen Menschen entgegenzuwirken.“ (S. 7)

Willi Weinert: „Mich könnt ihr löschen, aber nicht das Feuer.“ Ein Führer durch den Ehrenhain der Gruppe 40 am Wiener Zentralfriedhof für die hingerichteten WiderstandskämpferInnen. Wien: Alfred Klahr Gesellschaft, 2. verb. u. erw. Auflage 2005
Karl Heinz Jahnke

Zwangssterilisation und „Euthanasie“: Geschichte, Erinnerung und Folgen
Unmittelbar nach der Übertragung der politischen Macht an die Nazis wurde der Rassismus in den Rang staatlicher Politik gehoben und ein Programm zur rassenhygienischen Umformung der deutschen Gesellschaft initiiert, das angesichts seiner mörderischen Dynamik historisch ohne Vergleich ist. Bis zum Ende der Diktatur wurden rund 400.000 Menschen zwangssterilisiert und mit dem Übergang zur aktiven Tötung von Menschen fielen seit Herbst 1939 ungefähr 300.000 Menschen dem Vernichtungswillen der Machthaber in den „Euthanasie“-Aktionen zum Opfer. Diesen Entwicklungen und ihren gravierenden Folgen widmen sich die Beiträge des von Margarete Hamm vom Bund der „Euthanasie“-Geschädigten und Zwangssterilisierten e.V. (BEZ) edierten Sammelbandes. Dabei wird eine mehrdimensionale Perspektive verfolgt, die sich der Thematik sowohl aus einem erfahrungsgeschichtlichem als auch aus einem ereignisgeschichtlichem Blickwinkel nähert und dies mit übergreifenden Bezügen wie etwa den aktuellen Diskussionen zur „Sterbehilfe“ verbindet. Mit dieser thematischen Breite und der gelungenen Auswahl der Beiträge bietet sich der Band nicht nur zur Verwendung im zeitgeschichtlichen Unterricht an, sondern kann auch Kennern der Materie zu interessanten Einsichten verhelfen.

Im ersten Teil werden die „Lebensgeschichten“ von über zwanzig Menschen rekonstruiert, die auf unterschiedliche Weise Opfer der nazistischen Rassen- und Tötungspolitik wurden. Auf der Basis von persönlichen Berichten und Archivunterlagen des BEZ werden behutsam die Lebens- und Leidenswege der Betroffenen geschildert, denen bei aller Unterschiedlichkeit eines gemeinsam war: Sie galten im Kontext einer Politik, die den vermeintlichen „rassischen Wert“ von Menschen zum Kriterium von Leben und Tod verabsolutierte, als „minderwertig“ und als „Ballastexistenzen“. Der biografische Zugang lässt ahnen, welche seelischen, psychischen und physischen Verheerungen das erlittene Unrecht bei den Betroffenen ausgelöst hat und wie weit dies auch über die politische Zäsur von 1945 nachwirkte. Denn eine zweite Gemeinsamkeit vieler Lebensgeschichten ist, dass die Erfahrungen von Ausgrenzung und Verfolgung mit der Befreiung vom Nazismus keineswegs beendet waren.

„Unrecht, das nicht endet“ (S. 52) ist daher die treffende Formel für den Umstand, dass sich die Zeit nach 1945 für viele Betroffene als eine zweite Verfolgungsperiode entpuppte. Die 1921 geborene Hamburgerin Anna D., um nur ein exemplarisches Beispiel zu nennen, war zugleich Opfer der NS-Diktatur und „lebenslang auch ein Opfer der Hamburger Sozialbehörde“ (S. 23–26), auf deren Betreiben sie als Zwölfjährige unmittelbar nach der
Machtübertragung in ein Waisenhaus gesteckt und dort zwangsweise sterilisiert wurde. Die Volljährigkeit bedeutete für sie nicht das Ende der Tortur, sondern die zugleich zu ihrer Entmündigung betriebene Verbringung in das berüchtigte Arbeitshaus Farmsen. Mit Zustimmung der Sozialbehörde bzw. der zuständigen
Beamtin Dr. Käthe Petersen wurde sie im Juni 1943 in das Arbeitslager Tiefstack gebracht und einen Monat später in die Bordellbaracke des KZ Buchenwald verschleppt, wo sie so schwer misshandelt wurde, dass sie sich von den Folgen Zeit ihres Lebens nicht mehr erholte. Erst zwölf Jahre nach dem Ende der Diktatur wurde die Entmündigung von Anna D. rückgängig gemacht. Einen Ausgleich für ihre unwiderruflich zerstörte Gesundheit hat sie nie erhalten und selbst ein würdiges Begräbnis musste gegenüber der Hamburger Sozialbehörde erstritten werden. Dagegen konnte Käthe Petersen ihrer Tätigkeit in der Sozialbehörde nicht nur bis zur Pensionierung ungehindert weiter nachgehen, sondern wurde mit dem Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik dekoriert.

Wie die Funktionseliten von staatlichen Sozialbürokratien und Gerichten, NS-Organisationen und unzähligen anderen Institutionen in die nazistische Rassen- und Tötungspolitik eingebunden waren, wird im zweiten – umfangreicheren – Teil des Buches geschildert. In insgesamt 13 Beiträgen skizzieren die Autoren und Autorinnen zentrale Aspekte der Geschichte von Zwangssterilisation und „Euthanasie“. Die ersten vier Artikel konzentrieren sich zunächst auf den Vollzug der Zwangssterilisationen. Dabei wird die Funktion der staatlichen Gesundheitsämter (Johannes Vossen) ebenso in den Blick genommen wie die Rolle der Fürsorgebehörden als Kostenträger der Anstaltsunterbringung (Peter Sandner), die Zwangssterilisation sogenannter „Asozialer“ (Wolfgang Ayaß) und die Entwicklung der Sonderpädagogik im Nazismus (Petra Fuchs).

Vier weitere Artikel schlagen den Bogen von der staatlich getragenen Körperverletzung und Verstümmelung zum massenhaften Mord und konzentrieren sich auf die in der Regel als „Euthanasie“ gefasste Tötung von Menschen mit geistigen oder körperlichen Behinderungen. Hierbei reicht die thematische Bandbreite von der Einbeziehung von Minderjährigen in die nazistischen Medizinverbrechen (Thomas Beddies), der bürokratischen Organisation der „T4-Aktion“ (Georg Lilienthal) und dem Übergang von der „Euthanasie“ zum Holocaust (Ute
Hoffmann) bis zur Haltung der Amtskirchen gegenüber den Krankentötungen (Annette Hinz-Wessels).

Abgerundet wird die Darstellung von fünf Beiträgen, die den Zeitraum von 1933 bis 1945 überschreiten. Dabei werden einerseits die personellen, institutionellen und vor allem ideologischen Kontinuitätslinien des rassistischen Denkens aufgezeigt, die Andreas Scheulen am Beispiel der Rechtslage des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, Michel Wunder mit Blick auf die Debatten zur genetischen Verbessung des Menschen sowie Erika Feyerabend anhand der aktuellen „Euthanasie“-Diskussionen nachzeichnen. Andererseits wird abermals belegt, dass zwangssterilisierte und „Euthanasie“-geschädigte Menschen zu den „ausgegrenzten Opfergruppen“ (Dorothee Roer, S. 191) zählen. Betrachtet man die „Aburteilung der Täter und die Rehabilitation sowie die Entschädigung der Opfer“ mit Rolf Surmann als „Gradmesser für den Distanzgewinn
zu den NS-Verbrechen“ (S. 198), dann ergibt sich einmal mehr ein recht trübes Bild der deutschen „Vergangenheitsbewältigung“.

Margret Hamm (Hg.): Lebensunwert – zerstörte Leben. Zwangssterilisation und „Euthanasie“. Frankfurt: Verlag für akademische Schriften, 2005
Sven Steinacker
 
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