|
<<Zurück
zum Heft "informationen" Nr. 58
| Übersicht |
"Aus dieser Herkunft und Tradition beziehen wir
unsere Kraft."
Daweli Reinhardt, Joachim Hennig: Hundert Jahre Musik der Reinhardts. Daweli
erzählt sein Leben. Koblenz: Verl. Dietmar Fölbach, 2003
Ursula Krause-Schmitt >>Mehr dazu
Der Völkermord an Sinti und Roma im von der
Wehrmacht besetzten Europa
Romani Rose (Hg.): Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma.
Katalog zur ständigen Ausstellung im Staatlichen Museum Auschwitz. Heidelberg:
Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, 2003
Ursula Krause-Schmitt >>Mehr dazu
Zur Rezeption des deutschen Widerstandes
Gerd R. Ueberschär (Hg.): Der deutsche Widerstand gegen Hitler. Wahrnehmung und
Wertung in Europa und den USA. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft,
2002.
Joachim Neander
>>Mehr dazu
Überleben im Untergrund
Mark Roseman: In einem unbewachten Augenblick. Eine Frau überlebt im Untergrund.
Berlin: Aufbau, 2002. Jana Mikota
>>Mehr dazu
Biografie eines Judenretters
Douglas K. Huneke: In Deutschland unerwünscht. Herman Gräbe. Biographie eines
Judenretters. Lüneburg: zu Klampen, 2002.
Jana Mikota
>>Mehr dazu
Jugend unter der NS-Diktatur 1933-1945
Karl Heinz Jahnke : Jugend unter der NS-Diktatur 1933-1945. Eine
Dokumentation. Rostock: Ingo Koch Verlag, 2003.
Günter Judick
>>Mehr dazu
"Wenn wir weg sind, ist alles nur noch Geschichte"
Kerstin Amthor, Ulrike Huber, Thomas Käpernick (Hg.): Wenn wir weg sind,
ist alles nur noch Geschichte. Die Erinnerung von Überlebenden.
Emmendingen: Verlag die brotsuppe, 2002.
Ursula Krause-Schmitt >>Mehr dazu
Zwangsarbeit in Wiesbaden 1939 bis 1945
Hedwig Brüchert: Zwangsarbeit in Wiesbaden. Der Einsatz von
Zwangsarbeitskräften in der Wiesbadener Kriegswirtschaft 1939-1945. Mit
einem Beitrag von Kerstin Kersandt. Hrsg.: Magistrat der Landehauptstadt
Wiesbaden - Stadtarchiv (Schriften des Stadtarchivs Wiesbaden, Bd. 8).
Wiesbaden 2003.
Renate Knigge-Tesche
>>Mehr dazu
Wie aus Deutschen Nazis wurden
Peter Fritsche: Wie aus Deutschen Nazis wurden. Zürich, München:
Pendo-Verlag, 1999.
Wolfgang Janz
>>Mehr dazu
Blick in den Abgrund - zur Aktualität zeitgenössischer Berichte
Erwin Eckert, Emil Fuchs - Blick in den Abgrund. Das Ende der Weimarer
Republik im Spiegel zeitgenössischer Berichte und Interpretationen.
Herausgegeben von Friedrich-Martin Balzer und Manfred Weißbecker. Bonn:
Pahl-Rugenstein Nachf., 2002
Ulrich Schneider
>>Mehr dazu
Das jüdische Frauenaußenkommando der Gelsenberg Benzin AG
Marlies Mrotzek: Das KZ-Außenlager der Gelsenberg Benzin AG. Fernwald:
Germinal, 2002
Ursula Krause-Schmitt
>>Mehr dazu
Quellen des Holocaust zum Sprechen bringen
Raul Hilberg: Die Quellen des Holocaust. Entschlüsseln und Interpretieren.
Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 2002.
Kurt Schilde
>>Mehr dazu
Vom Abwehr- zum Gesinnungsverein: Der Centralverein deutscher
Staatsbürger jüdischen Glaubens
Avraham Barkai: "Wehr Dich!" Der Centralverein deutscher Staatsbürger
jüdischen Glaubens (C.V.) 1893-1938. München: Beck, 2002.
Kurt Schilde
>>Mehr dazu
Chronologie des Dritten Reiches
Klaus W. Tofahrn: Chronologie des Dritten Reiches. Ereignisse, Personen,
Begriffe. Mit einem einführenden Beitrag von Peter Steinbach. Darmstadt:
Primus, 2003.
Kurt Schilde
>>Mehr dazu
Juden in Chemnitz
Adolf Diamant: Gestapo Chemnitz und die Gestapoaußenstellen Plauen i.V.
und Zwickau. Zur Geschichte einer verbrecherischen Organisation in den
Jahren 1933-1945. Dokumente - Berichte - Reportagen. Chemnitz: Verl.
Heimatland Sachsen, 1999.
Adolf Diamant: Ostjuden in Chemnitz 1811-1945. Eine Dokumentation
anläßlich der Einweihung des neuen Jüdischen Gemeindezentrums und der
Synagoge in Chemnitz. Chemnitz 2002
Spurensuche: Jüdische Mitbürger in Chemnitz - Stätten ihres Lebens und
Wirkens - Orte der Erinnerung. Herausgegeben vom Stadtarchiv Chemnitz.
Chemnitz 2002.
Ursula Krause-Schmitt
>>Mehr dazu
Geschichtsmythen
Wolfgang Benz und Peter Reif-Spirek (Hg.): Geschichtsmythen. Legenden über
den Nationalsozialismus. Berlin: Metropol, 2003
Joachim Neander
>>Mehr dazu
Deutsch-polnische Verständigung
AWolfgang Keim (Hrsg.): Vom Erinnern zum Verstehen. Pädagogische
Perspektiven deutsch-polnischer Verständigung. Frankfurt am Main: Peter Lang,
2003.
Karl Heinz Jahnke
>>Mehr dazu
Zur Rolle der Jugend auf dem Weg ins Dritte Reich
Ernst Erich Noth: Die Tragödie der deutschen Jugend. Essay. Frankfurt am
Main: glotzi verlag, 2002.
Karl Heinz Jahnke
>>Mehr dazu
Katholische Kirche im Dritten Reich
Georg Denzler: Widerstand ist nicht das richtige Wort. Katholische
Priester, Bischöfe und Theologen im Dritten Reich. Zürich: Pendo Verlag, 2003.
Karl Heinz Jahnke
>>Mehr dazu
Juristische Verfolgung von NS-Verbrechen
Friedrich Hoffmann: Die Verfolgung der nationalsozialistischen
Gewaltverbrechen in Hessen. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2001.
Kurt Schilde
>>Mehr dazu
Neue Forschungen zur Roten Hilfe
Heinz-Jürgen Schneider, Erika Schwarz, Josef Schwarz: Die Rechtsanwälte
der Roten Hilfe Deutschlands. Politische Strafverteidiger in der Weimarer
Republik. Geschichte und Biografien. Bonn: Pahl-Rugenstein, 2002.
Sabine Hering, Kurt Schilde (Hg.): Die Rote Hilfe. Die Geschichte der
internationalen kommunistischen "Wohl-fahrtsorganisation" und ihrer sozialen
Aktivitäten in Deutschland (1921-1941). Opladen: Leske + Budrich, 2003.
Ursula Krause-Schmitt
>>Mehr dazu |
| |
"Aus dieser Herkunft und Tradition beziehen wir
unsere Kraft." Kenner des Sinti-Jazz geraten bei
Stücken wie "Daweli's Valse" in Begeisterung. Der Gitarrist Daweli Reinhardt,
1932 in Wiesbaden geboren, hat nun im Alter von 71 Jahren sein Leben, das Leben
seiner Familie und die Geschichte von 100 Jahren Musik der Reinhardts
nachgezeichnet. In seinem Resümee schreibt er: "Ich bin sehr froh, dass es jetzt
niedergeschrieben ist. Ich habe aus meinem Leben nie ein Hehl gemacht.
Allerdings habe ich meinen Kindern kaum davon erzählt. Eher habe ich in den
letzten Jahren meine Enkel informiert." Unterstützung bei dieser aufwühlenden
Erin-nerungsarbeit bekam er von Joachim Hennig, der seit Jahren die Lebensläufe
von Opfern des Nationalsozialismus aus Koblenz und Umgebung dokumentiert.
Die ersten zehn Jahre seines Lebens verbrachte Daweli Reinhardt in Koblenz. In
Erinnerung blieben ihm die "Wegschaffung" Mitte 1938, als die Familie Reinhardt
und andere Sinti-Familien die Stadt verlassen mussten, wenig später jedoch
wieder zurückkommen durften und in einem ehemaligen Militär-Arresthaus und
später auf der Feste Franz in Koblenz-Lützel festgesetzt wurden. Die Eltern
bemühten sich, die immer drückender werdenden Maßnahmen gegen Sinti von ihren
Kindern fernzuhalten. Mit positiven Gefühlen denkt er an die Zeit in der
katholischen Volksschule und das gute Verhältnis zu Mitschülern und Lehrern. Als
der Krieg begann, wurde der Vater eingezogen und diente bei einem Wachkommando
auf der Festung Ehrenbreitstein; auch der ältere Bruder Lullo war Soldat. Noch
vor den Deportationen in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, die im
Frühjahr 1943 begannen, wurde Lullo in das KZ Dachau gebracht. Der Grund: Er
unterwarf sich nicht den Nürnberger Rassengesetzen und lebte mit seiner
Freundin, einer Nicht-Sintiza, zusammen.
Am 10. März 1943 wurde Daweli mit seiner ganzen Familie und weiteren
Sinti-Familien, insgesamt 148 Frauen, Männer und Kinder, von Koblenz nach
Auschwitz-Birkenau deportiert. Über diesen Tag berichtet er, dass alle
frühmor-gens aus der Feste Franz herausgetrieben und auf einem Platz gesammelt
wurden. Als sich das Ereignis herumsprach, seien dorthin vor allem Mitschüler,
aber auch Erwachsene gekommen, die Mitleid zeigten und ihnen etwas zu essen
zusteckten.
Bei den grausamen Erinnerungen an Auschwitz-Birkenau und später Ravensbrück
beschäftigt ihn immer wieder die Frage, wie er "diese Menschenquälerei, diese
Schrecken und diesen Terror ... überleben und anderen Leidensgefährten beim
Überleben helfen konnte".
Der damals Elfjährige wurde Lagerläufer; der Vater, ein Bruder und ein Cousin
waren im Küchenkommando, so war es manchmal unter großen Gefahren möglich, etwas
Brot zu Angehörigen und Freunden zu schmuggeln. Er sah seinen kleinen, drei
Jahre alten Bruders sterben. "Sterben" - schreibt er - war in Auschwitz-Birkenau
"ein Stück Normalität", der Ausdruck vermittele jedoch "auch nicht
andeutungsweise das Ausmaß der Qual, des Elends, des Terrors und der
Menschenverachtung".
Dass er und seine Familie - Vater, Mutter und sieben Geschwister - im Sommer
1944 von Auschwitz-Birkenau zur Zwangsarbeit nach Ravensbrück deportiert wurden,
bezeichnet er als "großes Glück" und als "Erfolg des Widerstandes der Sinti",
als diese sich im Mai 1944 "mit Spaten, Stangen und Steinen" gegen den ersten
Versuch der SS wehrten, alle Häftlinge des "Zigeunerlagers" in den Gaskammern zu
ermorden.
In Ravensbrück wurde die Familie getrennt: die Mutter kam mit den jüngeren
Geschwistern in das Frauenlager, der Vater mit den drei älteren Söhnen in das
Männerlager. Dennoch versucht die Familie, sich nicht aus den Augen zu
verlieren. Ab und zu ist es möglich, etwas Brot oder "etwas für sie
Organisiertes" über den Zaun, der beide Lager trennt, zu werfen - bis die SS
befiehlt, einen Schilfzaun zwischen beiden Lagern errichten zu lassen. Daweli
und sein Vater gehören zu jenem gefürchteten Kommando, das bei bitterster Kälte
Schilf am Schwedtsee schneiden muss. Eine weitere Trennung erfolgt: der Vater
und der älteste Bruder müssen in die Strafdivision Dirlewanger, zurück bleiben
Busseno und Daweli.
"Ich muss einen Schutzengel bei mir gehabt haben. Das, was ich erlebt habe, will
man gar nicht glauben": Die beiden Brüder müssen "auf Transport" in das KZ
Sachsenhausen, überleben, auf sich allein gestellt, den Todesmarsch und treffen
im Sommer 1945 in Koblenz ein. Dort, in der Feste Franz, sind bereits die Mutter
und die jüngeren Geschwister, die die Verschleppung nach Mauthausen und in das
KZ Bergen-Belsen überleben konnten. Nach einiger Zeit kehren auch der Vater und
der Bruder Karl aus der Kriegsgefangenschaft zurück.
Die ersten Nachkriegsjahre gestalteten sich sehr schwer: fast alle arbeiteten
zunächst als Artisten im Wanderzirkus eines Onkels, nachdem der Vater das
Angebot, als unbelasteter ehemaliger KZ-Häftling in den Polizeidienst
eingestellt zu werden, abgelehnt hatte. "Vielleicht" - so Daweli Reinhardt -
"hatte er nach den vielen Jahren als Soldat und im Konzentrationslager einfach
die Nase voll von Reglementierungen und wollte frei sein." Dann baute er mit
seinen Söhnen einen Altwarenhandel auf. Daweli Reinhardt sieht in diesem
Versuch, der Familie eine Existenzgrundlage zu sichern, "eine typische Situation
für Randgruppen und Minderheiten, dass sie sich im Erwerbsleben Bereiche
aussuchen müssen, die von der Mehrheitsgesellschaft aus welchen Gründen auch
immer nicht besetzt werden."
Daneben gibt es die Liebe zur Musik: Anfang der 1950er Jahre machen Daweli und
seine Brüder an den Wochenenden in Gastwirtschaften Tanzmusik. Anfang der 1960er
Jahre entdeckt er auf der Suche nach musikalischer Weiterentwicklung den
Sinti-Jazz des legendären, 1953 in Paris verstorbenen Django Reinhardt. Vor
allem der Wallfahrtsort Illingen im Saarland wird zu einem wichtigen Treffpunkt
unter Musikern: "Die Jüngeren wie ich hörten zu und spielten den Älteren nach,
denn die wenigsten von uns - und das gilt auch für mich - konnten überhaupt
Noten lesen." Daweli Reinhardt spielt in den folgenden Jahren als Sologitarrist
im Schnuckenack Reinhardt Quintett (1967), im zusammen mit seinem Sohn
gegründeten Mike Reinhardt-Sextett (1972) und schließlich 1988 im Daweli
Reinhardt Quintett. Inzwischen ist bereits die Enkelgeneration auf der Bühne.
Lange Jahre lebt die Familie in den städtischen Elendsquartieren der Feste
Franz. 1958 wird sie in einen Wohnblock mit 56 Unterkünften "umgesetzt" - zehn
Personen in einer Drei-Zimmer-Wohnung: "Alles was wir in unseren ‚vier Wänden'
hatten, war ein Waschbecken. Die Toilette war für die ganze Etage draußen auf
dem Flur und im Keller befanden sich für alle Bewohner die Duschen. Ich habe
mich schon damals gefragt, was sich der Architekt dieser Wohnblocks dabei
gedacht hat. Alles war in gewisser Weise öffentlich, Intimität gab es nicht."
1977 bekam die Familie, unterstützt vom katholischen Arbeiterpriester Clemens
Alzer, eine richtige Wohnung in Koblenz-Horchheim.
Daweli Reinhardt spricht "ohne Bitterkeit" das Verhalten der
Mehrheitsgesellschaft nach 1945 an: "Eine ‚Wiedergutmachung' durch die Stadt,
die uns schon 1938 eigenmächtig und ohne Erfolg los werden wollte, hat es nicht
gegeben. Man hat uns weiter am Rande der Gesellschaft leben lassen."
Auf das Verhältnis von Minderheit und Mehrheitsgesellschaft kommt er in seinem
Resümee noch einmal zurück: "Es ist für die Mehrheitsgesellschaft heute ‚keine
Kunst', uns zu akzeptieren oder ‚auszuhalten'. Denn wir reisen nicht mehr in dem
Maße von Ort zu Ort und betreiben unser Gewerbe. Gut 90 Prozent der Sinti in
Deutschland sind hier sesshaft und viele von ihnen gehen einer allgemein
anerkannten Arbeit nach ... Die Erklärung für diese Entwicklung der Anpassung,
Assimilation oder Integration ist dabei für mich nur zweitrangig ... Ich
akzeptiere das. Einmal, weil man einem solchen kräfti-gen Strom nicht
standhalten kann. Und zum anderen - und das ist meine Erfahrung aus der
Verfolgung in der NS-Zeit -, weil Anpassung und Integration ein wichtiger Schutz
für uns sind. Wir müssen unsere Kinder und Kindeskinder vor einer solchen
Verfolgung, wie wir sie in der Zeit des Nationalsozialismus erleben mussten,
unbedingt bewahren - deshalb ist ein solcher Schutz im Notfall wichtig. Und
trotz allem sollten und dürfen wir uns als ‚Zigeuner' nicht aufgeben. Wir müssen
auch unter veränderten Lebensbedingungen - auch als Hausmeister, Postbote und
Verkäuferin - unsere Existenz als ‚Zigeuner' bewahren. Denn aus dieser Herkunft
und Tradition beziehen wir unsere Kraft."
Daweli Reinhardt, Joachim Hennig: Hundert Jahre
Musik der Reinhardts. Daweli erzählt sein Leben. Koblenz: Verl. Dietmar Fölbach,
2003
Ursula Krause-Schmitt
<<Zurück
zur Übersicht
Der Völkermord an Sinti und Roma im von der
Wehrmacht besetzten Europa
Am 2. August 2001, dem 57. Jahrestag der Vernichtung des
Volkes der Sinti und Roma, fand im Staatlichen Museum Auschwitz, genauer in
Block 13, die feierliche Eröffnung der Dauerausstellung statt, die an diesen
Völkermord und die ihm zum Opfer gefallenen Menschen erinnert. Mit der
Gestaltung hatte der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma den Heidelberger
Grafiker Wieland Schmid beauftragt. Das von ihm entwickelte Konzept überzeugt
seit dem die Betrachter. Der Originalraum mit seinem strengen,
militärisch-gleichförmigem Grundriß, der Kälte des Bodens, der Kahlheit der
Wände, dem Blick auf die Lagerstraße steht als "sinnlicher Ausdruck" für den
exakt geplanten Völkermord. Der den Opfern gewidmete Kernraum hingegen fügt
sich nicht in die vorgegebene Architektur ein, sondern steht in Widerspruch
zum Originalraum. Die Achsen beider Räume sind nicht identisch. Hier gibt es
warme Farben, Menschengesichter, Lachen und Privatheit, dort kalte Grautöne,
harte Formen, in Maschinenschrift getipptes Ausgeliefertsein. Stahlkeile als
Symbole der Verfolgung und Gewalt dringen in den Kernraum ein und brechen ihn
schließlich völlig auf.
Der nun vorliegende Katalog zur ständigen Ausstellung, der in deutscher und
englischer Sprache erschienen ist, nimmt Grundideen dieses Konzeptes auf: Auf
den in warmem Sonnengelb gehaltenen Seiten finden sich Famili-enfotografien,
Porträtaufnahmen, Fotografien von Schulklassen, der ersten Kommunion, von
Musikern, Sportlern, Frischvermählten, Großmüttern mit Enkelkindern,
Fotografien des alltäglichen Lebens und der Feste, die das Leben der Sinti und
Roma zeigen, bevor die rassistische Verfolgung zunächst im Deutschen Reich und
schließlich im ganzen von der Wehrmacht besetzten Europa einsetzte. Die
letzten Seiten in Sonnengelb (S. 232-233) zeigen jene Sinti-Kinder, die im Mai
1944 aus der St. Josefspflege im württtembergischen Mulfingen nach Auschwitz
deportiert wurden. Steingrau hingegen sind die meisten Seiten des Buches. Sie
berichten im 1. Teil über die Verfolgung der Sinti und Roma im Deutschen
Reich, wobei grundlegende Informationen über die "Rassenideologen" und die
Organisation des Völkermordes im "Reichssicherheitshauptamt" vermittelt
werden, und im 2. Teil über den Völkermord an den Sinti und Roma im
nationalsozialistisch besetzten Europa. Dazu gibt es eine sehr anschauliche
Karte von Europa, die alle Konzentrationslager, Vernichtungslager und
sonstigen Lager, in denen Sinti- und Roma-Häftlinge nachgewiesen sind,
aufführt sowie die aus den jeweiligen Ländern erfolgten Deportationen und mit
einem besonderen Symbol jene Länder, in denen Sinti und Roma Opfer von
Massenerschießungen durch SS und Wehrmacht wurden. Auffallend ist die Vielzahl
von Lagern im deutsch besetzten Frankreich. Bereits am 4. Oktober 1940 hatte
der Oberbefehlshaber des Heeres in Paris angeordnet, dass "Zigeuner, die sich
im besetzten Gebiet befinden, in Sammellager zu überführen sind".
Der 3. Teil dokumentiert den Lagerabschnitt B II e im Vernichtungslager
Auschwitz-Birkenau: Das "Zigeunerlager". Angesichts der auf Vernichtung
zielenden Lebensbedingungen, dem alltäglichen Sterben, wird in den
ausgewählten Dokumente und Fotografien auch versucht, den Opfern ihr Gesicht
wieder zu geben. So beispielweise in der Geschichte von Erna Lauenburger,
genannt "Unku", die mit ihrer Familie in Berlin-Reinickendorf lebte. Die
damals elfjährige "Unku" war das Vorbild für die Titelheldin des 1931
erschienenen Kinderbuchs "Ede und Unku" von Alex Wedding (Pseudonym für die
jüdische Schriftsteller Grete Weiskopf), das von der Freundschaft zwischen dem
Arbeiterjungen Ede und dem Sinti-Mädchen Unku erzählt. 1941 wurde Erna
Lauenburger von Dr. Roman Ritter von der "Rassenhygienischen Forschungsstelle"
als "Zigeunermischling" eingestuft, im März 1943 nach Auschwitz deportiert und
ermordet. Von den elf in "Ede und Unku" namentlich erwähnten Sinti hat nur ein
Kind überlebt.
In seinem Vorwort beschreibt Romani Rose noch einmal den langen Weg, den die
überlebenden Sinti und Roma in der Bundesrepublik gehen mussten, um den
fortdauernden Diskriminierungen durch die Mehrheitsgesellschaft entgegen zu
wirken und einen Wandel im Umgang mit der Minderheit einzuleiten. So versteht
sich das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in
Heidelberg, hervorgegangen aus über 20 Jahren beharrlicher Bürgerrechtsarbeit,
auch als Forum für gegenwärtige Opfer von Diskriminierung und rassistischer
Gewalt. Vor der europäischen Dimension des Völkermords an Sinti und Roma, den
die Ausstellung im Staatlichen Museum Auschwitz und der Katalog dokumentieren,
macht er besonders auf die fortdauernde Gewalt gegen Sinti und Roma in den
Ländern Ost- und Südosteuropas aufmerksam: "Viele Angehörige unserer
Minderheit müssen als Folge ihrer Ausgrenzung unter menschenunwürdigen
Bedingungen in Gettos leben. Sie sind rassistisch motivierten Angrif-fen bis
hin zu Pogromen schutzlos ausgeliefert; oftmals müssen die Täter nicht einmal
mit Strafverfolgung rechnen. Nicht selten geht die Diskriminierung von Roma
sogar von staatli-chen Institutionen - etwa der Justiz oder der Polizei - aus
... Insbesondere von den neuen Mitgliedstaaten der europäischen Union ist zu
fordern, dass sie die dort seit Jahrhunderten beheimateten Roma nicht nur auf
dem Papier als nationale Minderheiten anerkennen, sondern tatsächlich vor
Benachteiligung und rassistischer Gewalt schützen. Dazu gehört nicht zuletzt
die Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle während des Zweiten Weltkriegs
und der deutschen Besetzung. Denn wie wir heute wissen, waren auch die
staatlichen Organe der besetzten oder mit Hitler-Deutschland verbündeten
Länder an den Völkermordverbrechen an Juden, Sinti und Roma mittelbar und
unmittelbar beteiligt. Mit der historischen Aufarbeitung dieses dunklen
Kapitels der eigenen Geschichte haben die Gesellschaften in Ost- und
Südosteuropa jedoch erst zögerlich begonnen."
Romani Rose (Hg.): Der
nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma. Katalog zur
ständigen Ausstellung im Staatlichen Museum Auschwitz. Heidelberg:
Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, 2003.
Ursula Krause-Schmitt
<<Zurück
zur Übersicht
Zur Rezeption des deutschen Widerstandes
In 24 Beiträgen geben 26 Historikerinnen und Historiker aus 18 Ländern einen
kurzgefassten Überblick über die Darstellung des deutschen Widerstandes gegen
Hitler im Kontext der jeweiligen nationalen Forschung von 1944 bis ca. 2000. Ein
Großteil der Beiträge berücksichtigt außerdem die Rezeption des deutschen
Widerstandes in der öffentlichen Meinung dieser Länder, die sich bekanntlich
nicht immer mit der der Fachwelt deckt. Wie in allen Anthologien, sind auch die
Beiträge dieses Sammelbandes von unterschiedlicher Qualität, was sich jedoch
teilweise daraus erklärt, dass in manchen Ländern, etwa den im letzten Jahrzehnt
wieder selbstständig gewordenen baltischen Staaten, dieses Thema noch weitgehend
ein "weißer Fleck" im Geschichtsatlas ist.
So unterschiedlich auch im Detail die Rezeption (oder Nicht-Rezeption) in den im
vorliegenden Band betrachteten Ländern Europas und den USA ausfällt, so lassen
sich über die Grenzen der vom Herausgeber getroffenen Einteilung (ehemalige
Westalliierte, ehemalige Ostalliierte, ehemalige Verbündete und Neutrale) hinaus
grundsätzliche Gemeinsamkeiten feststellen. Zum ersten wird "Widerstand" in
erster Linie - und in vielen Beiträgen ausschließlich - verstanden als politisch
motivierte Handlung(en) mit dem Ziel, das NS-System zu stürzen, zumindest den
Mann an seiner Spitze, Adolf Hitler, zu beseitigen. Damit stehen von Anfang an
der kommunistische Widerstand (seit 1933) und der 20. Juli 1944 im Zentrum des
Interesses. Einzelgänger, wie der Hitler-Attentäter Georg Elser oder der
Münsteraner Bischof Clemens Graf von Galen, die Verweigerung des Mittuns im
Alltag durch praktizierende Christen oder Zeugen Jehovas sowie der
Alltags-Widerstand der mit Juden verheirateten "Arierinnen", Hilfe für
Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter kommen erst in jüngster Zeit und auch dann
nur sporadisch ins Blickfeld der Forschung und so gut wie nie in die die
öffentliche Meinung bildenden und strukturierenden Medien.
Zum zweiten lassen die Beiträge erkennen, dass und wie "Geschichte gemacht" wird
- erstmals im Vollzug durch die Akteure, dann aber immer wieder neu in der
Aneignung durch die Nachfolgenden, wobei nur diese die jeweils gesellschaftlich
relevante, im Hegelschen Sinne "wirkliche" Geschichte ist. Die alleinige
Herausstellung des kommunistischen Widerstandes, die Geringschätzung des 20.
Juli 1944 als gescheiterte "Palastrevolte", das völlige Übergehen des religiös
motivierten Widerstandes in der Geschichtsschreibung der Sowjetunion und in den
von ihr dominierten Staaten Mittel- und Südeuropas wird gern als Extrem
angesehen. Wie aber die Beiträge von Stinshoff/Wolfrum, Petersen und Lammers
deutlich machen, herrschte auch in der Historiographie und der öffentlichen
Meinung westlicher Länder wie Frankreich, Italien oder Dänemark, in denen der
nationale Widerstands-Mythos in den Jahren unmittelbar nach der Befreiung von
deutscher Besatzungsherrschaft sinn- und identitätsstiftend war (vor allem,
indem er die Erinnerung an die massenhafte Kollaboration in diesen Ländern
verdrängte), lange Zeit die These von der Kollektivschuld aller Deutschen,
konnte es keinen Platz für einen Widerstand auf deutscher Seite geben. Ähnlich
war die Situation in Polen und der CSR, Ländern, in denen die zwangsweise
Aussiedlung der deutschen Bevölkerung gleichermaßen Nazi-Aktivisten wie aktive
Nazi-Gegner, Juden wie Sinti betraf und sich letztlich nur dadurch rechtfertigen
ließ, dass man alle Deutschen über einen Kamm scherte.
Mit dem Wandel in den Beziehungen der ehemaligen Feindstaaten zu den beiden
deutschen Teilstaaten im Kontext der Ost-West-Konfrontation, der Eingliederung
der Bundesrepublik Deutschland in die Europäische Gemeinschaft, vor allem aber
der Implosion des Sowjet-Imperiums 1989 setzte auch in Europa und den USA eine
gewandelte, differenzierende Betrachtung des deutschen Widerstandes 1933-1945
ein. Sie betraf vor allem die Motive der Widerständler um den 20. Juli 1944, die
nun nicht mehr geringschätzig auf die gleiche Stufe wie das von ihnen bekämpfte
Regime gestellt wurden (so Churchill am 2. August 1944 im Unterhaus), sondern
denen man abnahm, dass sie ein "anderes Deutschland" wollten, das sich seiner
humanistischen und demokratischen Traditionen besann und diese auch in Politik
umzusetzen sich anschickte. In den Nachbarländern begann man, Verständnis zu
finden für die schwierige Lage eines anti-nationalsozialistischen Widerstandes
innerhalb Deutschlands zu Kriegszeiten, der nicht nur - wie die
Widerstandsbewegungen in den besetzten Ländern - den SS- und Polizei-Terror des
NS-Regimes fürchten, sondern sich auch innerhalb der eigenen Nation mit dem
Vorwurf des "Landesverrats" auseinandersetzen musste, spätestens seitdem die
Alliierten in Casablanca (14.-24. Januar 1943) überein gekommen waren, sich
durch keinen Regierungs- oder Systemwechsel in Deutschland von den Forderungen
nach bedingungsloser Kapitulation, Zerschlagung Preußens und Besetzung
Deutschlands abbringen zu lassen.
Schon vor der "Wende" in Ost- und Mitteleuropa begannen sich die bislang
unterschiedlichen Rezeptionen des deutschen Widerstandes, zumindest unter
Fachhistorikern, einander anzugleichen. Im Westen wurde nicht mehr der
kommunistische, im Osten der adlig-bürgerliche und kirchliche Widerstand
ausgeklammert, und in steigendem Maße nahmen sich Forscher des
Alltagswiderstandes im Nationalsozialismus an. Anders als noch gegen Kriegsende
und kurz danach wird der deutsche Widerstand heute generell positiv gesehen,
wenn auch stets darauf hingewiesen wird, dass diejenigen, die Widerstand in
welcher Form auch immer leisteten, nur eine kleine Minderheit waren. Ihnen, vor
allem aber denjenigen, die ihren Widerstand mit dem Leben bezahlten, vom
kommunistischen Arbeiter bis zu den Männern und Frauen des 20. Juli 1944, wird
durchweg Achtung gezollt. Die neueste Richtung in der Historiographie des
Widerstandes gegen den Nationalsozialismus ist seine Betrachtung in
vergleichender und gesamteuropäischer Sicht, auf die etwa Stinshoff/Wolfrum
(Frankreich), Boroznjak (Russland), Ruchniewicz (Polen) und Ganglmair
(Österreich) hinweisen.
Bleibt als Fazit: Die Tatsache, dass deutsche Männer und Frauen Widerstand gegen
Hitler und seine Politik geleistet haben, ist in Europa und den USA nicht nur
unter Fachleuten bekannt, sondern wird auch in der öffentli-chen Meinung von
fast allen von Hitlers Krieg betroffenen Staaten Europas zumindest sporadisch,
aus Anlass von Jahrestagen, gewürdigt. Herrscht auch noch oft in der kollektiven
Erinnerung, so etwa in Polen und Griechenland, das Bild vom "hässlichen
Deutschen" vor, so steht immer mehr neben diesem das Bild der Elser und
Geschwister Scholl, der Bonhoeffer, Stauffenberg und Moltke als Repräsentanten
eines "anderen", besseren Deutschlands, wird deren Ehrung im öffentlichen Raum
durch das Nachkriegsdeutschland als ehrlicher Wandel akzeptiert.
Gerd R. Ueberschär (Hg.): Der deutsche Widerstand gegen Hitler. Wahrnehmung und
Wertung in Europa und den USA. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft,
2002. Joachim Neander
<<Zurück
zur Übersicht
Überleben im Untergrund
In seiner Biografie "In einem unbewachten Augenblick" beschreibt der englische
Historiker Mark Roseman die (Über-)Lebensgeschichte von Marianne Ellenbogen geb.
Strauß. Die junge Frau kann illegal im nationalsozialisti-schen Deutschland den
Holocaust überleben. In einem "unbewachten Augenblick" gelingt es ihr, der
Gestapo aus ihrem Essener Elternhaus zu entkommen und in den Jahren 1943 bis
1945 in Deutschland im Untergrund zu überleben, während ihre Eltern und ihr
jüngerer Bruder festgenommen, deportiert und in Auschwitz ermordet werden.
Mark Roseman, der Professor für Neuere Geschichte an der Universität von
Southampton ist, rekonstruiert die Biografie von Marianne Strauß puzzleartig an
zahlreichen Dokumen-ten. Er führt mit ihr drei lange Gespräche, maßgebend für
das Schreiben der Biografie werden jedoch jene Dokumente, Briefe und Tagebücher,
die erst nach ihren Tod im Jahre 1996 entdeckt werden. Roseman versucht, ihre
Lebensgeschichte behutsam nachzubilden, ohne dabei ihre Wünsche und Bedenken,
die sie ihm gegenüber geäußert hatte, aus dem Blick zu verlieren.
Einerseits erzählt Roseman die (Über-)Lebens-geschichte von Marianne Strauß
nicht linear, führt vielmehr immer wieder Rück- und Vorblenden ein und berichtet
aus Interviews mit Marianne Strauß' ehemaligen Bekannten, andererseits lässt er
ihre Biografie nicht im Jahre 1945 schließen, sondern versucht ihre
Schwierigkeiten, sich in Großbritannien - sie heiratete 1946 einen Engländer -
einzugewöhnen, aufzuzeigen und ihren persönlichen Umgang mit der eigenen
Erinnerung darzustellen.
Marianne Strauß verbarg ihre Erinnerungen vor ihrem Mann, ihren Kindern und
ihren Freunden und berichtete nur vereinzelt über ihre Erlebnisse unter den
Nationalsozialisten. Nach ihrem Tod musste Roseman feststellen, dass ihr Sohn
kaum etwas über das Leben der Mutter wusste und selbst durch die Biografie etwas
von "einem Fremden" zu erfahren hoffte. Roseman verzichtet jedoch bewusst
darauf, näher auf das Leben von Marianne Strauß nach 1945 einzugehen - der frühe
Tod der Tochter sowie Mariannes Schwierigkeiten in einem jüdisch-orthodoxen Haus
bleiben im Hintergrund.
Als Historiker liefert Roseman in dieser Biografie darüber hinaus Berichte aus
dem gesellschaftlichen und politischen Leben im nationalsozialistischen
Deutschland. Er versucht zudem, dass Leben der Deportierten aus Marianne Strauß'
unmittelbaren Lebensumfeld zu skizzieren und liefert so einen eindrucksvollen
Beitrag zur Biografie- und Holocaustforschung. Besonders hervorgehoben werden
muss in dieser Lebensgeschichte der kurze Bericht über das Konzentrationslager
Izbica (Distrikt Lublin), in das Mariannes Verlobter Ernst Krombach und seine
Familie am 21. April 1942 deportiert wurden. Das Konzentrationslager Izbica ist
von der Forschung bislang vernachlässigt worden. Roseman schildert einerseits
die Hilfeleistungen Mariannes, um ihrem Verlobten und seinen Eltern Pakete zu
schicken eindrucksvoll, andererseits findet sich in der Biografie ein
18-seitiger Bericht Ernst Krombachs über Izbica, der herausgeschmuggelt werden
konnte. Roseman verfolgt in seinem Buch auch das weitere Schicksal von Ernst
Krombach und seiner Familie, die den Holocaust nicht überlebten.
Roseman beschreibt in den ersten Kapiteln das Leben der Familie Strauß bis zum
Jahre 1933 sowie die massiven Einschneidungen im Leben der Familie durch
antisemitische Repressalien nach 1933 in Essen. Siegfried Strauß, Mariannes
Vater, kämpfte im Ersten Weltkrieg mit, was die "außerordentliche
Identifikation" mit seinem Vaterland noch verstärkte. Nach 1933 fiel es
Siegfried Strauß, wie so vielen anderen jüdischen Familien, schwer Deutschland
zu verlassen. Zum einen spielten sicherlich wirtschaftliche Gründe eine
entscheidende Rolle, zum anderen war es die "unerschütterliche Überzeugung, dass
der Staat seine Schuldigkeit einem ehemaligen Frontsoldaten gegenüber nicht
vergessen würde". Nach der Reichspogromnacht verschlimmert sich die Situation
der jüdischen Familien in Deutschland - Siegfried Strauß wird gemeinsam mit
seinem Bruder Alfred verhaftet und nach Dachau deportiert. Beide wurden nach ein
paar Wochen freigelassen und bemühten sich nun verstärkt um eine Ausreise. Doch
bereits 1941 sollte die Familie Strauß nach Lodz deportiert werden. Sie wurde
jedoch im letzten Augenblick noch durch die Abwehr, dem Nachrichtendienst der
Wehrmacht, gerettet.
Roseman beleuchtet die Rolle der Abwehr bei der - erkauften - Rettung von Juden,
zeigt detailliert, inwieweit das Schicksal der Familie Strauß zwischen Abwehr
und Reichssicherheitshauptamt verwickelt wurde. Trotz zahlreicher Versuche von
Mariannes Vater konnte seine Familie nicht gerettet werden. Sie wurden zunächst
nach Theresienstadt und von dort nach Auschwitz deportiert, wo sie
wahrscheinlich im Juli 1944 ermordet wurden.
Bereits Mariannes Strauß' Kindheit und Jugend ist durch Antisemitismus geprägt -
besonders ihre Erfahrungen in der Schule zeigen, wie sehr die antisemitischen
Ressentiments das Alltagsleben der (jüdischen) Menschen formen. Roseman
interviewt dazu ehemalige nichtjüdische Klassenkameraden von Marianne Strauß und
stellt dabei eine Nachkriegsapologie fest, die jahrzehntelang typisch für den
Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte war: "man hat von nichts gewusst" -
bekommt er immer wieder zu hören. Roseman beobachtet in diesem Kontext aber auch
einen Philosemitismus, der ebenfalls typisch für die Nachkriegsgeneration
war/ist und sich bis heute in der Literatur widerspiegelt.
Einen wichtigen Schwerpunkt der Biografie bildet ihr Untertauchen in den Jahren
1943 bis 1945 und ihr Verhältnis zum Bund, dessen Mitglieder maßgeblich zu ihrer
Rettung beigetragen hatten. Marianne Strauß lernte einige Mitglieder des Bundes
bereits 1933 kennen. Der Bund selbst - eine Gemeinschaft für sozialistisches
Leben, die auf den Lehren von Marx und Kant basierte - existierte seit den
1920er Jahren. Gegründet wurde er von Artur Jacobs und den Schülern seiner
Essener Volkshochschulkurse. Nach Ernst Krombachs Deportation wurden die
Kontakte zwischen Marianne Strauß und einzelnen Bundmitgliedern intensiver.
Nachdem Marianne 1943 der Gestapo entkommen konnte, suchte sie Schutz bei den
Bund-Mitgliedern, die ihr Unterschlupf in verschiedenen Städten gewährten. Auch
im Untergrund versuchte Marianne Strauß weiterhin Pakete an ihre deportierten
Eltern in Theresienstadt zu schicken. Sie verkaufte selbst gemachte Blumen und
das elterliche Eigentum, um Lebensmittelkarten zu erhalten und so für ihren
Unterhalt selbst zu sorgen.
Roseman schreibt eine eindrucksvolle Biografie über den Umgang mit Erinnerung,
ohne jemals wertend einzugreifen. Er zeigt die Schwierigkeiten der Überlebenden,
die mit der Frage "warum gerade ich" weiter leben mussten. Roseman liefert zudem
ein differenziertes Bild der deutschen Gesellschaft während des
nationalsozialistischen Regimes. Er zeigt die Täter, Zuschauer, Mitläufer, aber
auch jene, die versucht haben zu helfen und ihre Augen vor den Greueltaten der
Nationalsozialisten nicht verschlossen haben.
Mark Roseman: In einem unbewachten Augenblick. Eine Frau überlebt im
Unter-grund. Berlin: Aufbau, 2002. Jana Mikota
<<Zurück
zur Übersicht
Biografie eines Judenretters
Erst rund 50 Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges nimmt die deutsche
Forschung den Namen Hermann Fritz Gräbe wahr. Während Hermann Fritz Gräbe 350
Juden in der Ukraine retten konnte, von Yad Vashem als "Gerechter unter den
Völkern" geehrt wurde, galt er in Deutschland nach 1945 als Landesverräter und
"Nestbeschmutzer" und wurde in Zeitungen - u.a. im Spiegel - als Lügner und
Hochstapler diffamiert. Er wanderte bereits 1948 in die USA aus, um seine
Familie vor Hetzkampagnen zu schützen. Erst in den 1990er Jahren wurden seine
Taten während des nationalsozialistischen Regimes auch in Deutschland beachtet
und in Solingen-Gräfrath, seinem Geburtsort, durch eine "kleine Gedenktafel"
gewürdigt. Hermann Gräbe erlebte die späten Würdigungen nicht mehr. Er
verstarb am 17. April 1986.
In den USA erschien bereits 1985 die Biografie "The Moses of Rovno. The
Stirring Story of Fritz Graebe, a German Christian Who Risked His Life" von
Douglas K. Huneke, die allerdings erst 2002 ins Deutsche übersetzt wurde. Die
Biografie selbst basiert, so Huneke, auf Gesprächen mit Gräbe, "den Berichten
der zahlreichen Menschen, die er gerettet hat und auf Archivmaterialien".
Hunekes Intention liegt darin, den Lesern und Leserinnen "das Verhalten eines
Mannes vor Augen zu führen, der dem Bösen widerstand, der sich an die Seite
der Unterdrückten stellte, der die Mahnung des Apostel Paulus lebte". Huneke,
der selbst Pfarrer in Kalifornien ist, greift in seiner Biografie immer wieder
auf christliche Deutungsmuster zurück, um Gräbes Verhalten zu erklären. Er
verfällt hierbei leider häufig in eine Schwarz-Weiß Malerei.
Huneke berichtet, wie Gräbe 1941 nach Sdolbunow, einem Ort in der Ukraine,
kommt, wo er als Geschäftsführer eines Eisenbahnbauprojektes für die
Reichsbahn tätig sein sollte. Gräbe beschäftigt bald fast 2.000 Menschen. In
den nächsten Monaten wird er immer wieder Augenzeuge, wie die SS jüdische
Männer, Frauen und Kinder erschießt. Huneke beschreibt dabei sehr detailliert
die Massaker in Rowno, Dubno, Sdolbunow, Misocz und Ostrog. Gräbe, durch das
Verhalten der SS und seiner Vorgesetzten erschüttert, beschließt, jüdischen
Familien zu helfen. Mit seiner wichtigsten Mitarbeiterin, der Jüdin Maria
Bobrow, richtet er weit entfernte Baustellen ein, um dort "seine" Arbeiter und
Arbeiterinnen zu verstecken. Durch zahlreiche Tricks und forsches Auftreten in
den Amtsstuben der Gestapo und SS kann er Juden zu gefälschten Papieren
verhelfen. Er nimmt seine Ersparnisse, um weitere Zweigstellen aufzubauen und
auf diese Weise weitere Menschen zu retten.
Nach 1945 werden seine Aussagen in den Nürnberger Prozessen verlesen und in
zahlreichen Abhandlungen zitiert. Gräbe erhält Morddrohungen und beschließt
1948, Deutschland mit seiner Familie zu verlassen.
Huneke setzt sich im Gegensatz zu anderen Biografien über Personen, die den
Nationalsozialismus er- und überlebt haben, in seiner Biografie nicht mit
Erinnerungskulturen oder Biografieforschung auseinander. Die Lebensgeschichte
Fritz Gräbes wird chronologisch erzählt. Nur vereinzelt greift er vor, in dem
er etwas über das Leben der geretteten Juden nach 1945 berichtet. Obwohl
jedoch sicherlich die Zeit nach 1945 einen der wichtigsten Aspekte in der
Biografie Gräbes bildet, bleibt dieser Zeitabschnitt blass und zu sehr im
Hintergrund. Nur auf wenigen Seiten berichtet er über das Leben der Familie
Gräbe nach den Nürnberger Prozessen oder über ihre Auswanderung in die USA.
Erst im Anhang zur deutschsprachigen Ausgabe setzen sich die Autoren Horst
Sassin und Wolfgang Heuer in zwei Beiträgen mit der Erinnerungskultur in
Deutschland anhand des "Falles" Hermann Fritz Gräbe auseinander. Auch wenn
Hunekes Biografie über weite Strecken stilistisch unbeholfen bleibt, schildert
sie dennoch einen Aspekt der deutschen (Nachkriegs-)Geschichte, der erzählt
werden muss.
Douglas K. Huneke: In Deutschland unerwünscht. Herman Gräbe. Biographie eines
Judenretters. Lüneburg: zu Klampen, 2002.
Jana Mikota
<<Zurück
zur Übersicht
Jugend unter der NS-Diktatur 1933-1945
Der Rostocker Historiker Karl Heinz Jahnke legt zum 70. Jahrestag der
Errichtung der NS-Diktatur eine Sammlung von 311 Dokumenten zur Jugendpolitik
der NSDAP und zum Widerstand junger Deutscher gegen die Nazi-Diktatur vor.
Jahnke weist in seinem Vorwort daraufhin, dass eine Forschungsgruppe an der
Universität Rostock schon 1987 die Vorbereitung eines Buches abgeschlossen
hatte, das unter dem Titel "Deutsche Jugend 1933-1945" gleichzeitig im
Pahl-Rugenstein Verlag und bei Dietz erscheinen sollte, an der Unsicherheit
der DDR-Führung scheiterte und schließlich in den Wirren des Jahres 1989 zwar
beim VSA-Verlag Hamburg erschien, aber bald vergriffen war. Jahnke erweiterte
die damalige Dokumentation um 55 Dokumente, die inzwischen von ihm und anderen
Autoren erschlossen wurden. Auch wenn die jetzt vorliegende Ausgabe keinen
Vollständigkeitsanspruch erhebt, sondern Anreiz zu weiterer Beschäftigung sein
soll, dürfte sie doch zu einem Standardwerk für die künftige Forschung werden.
In der Einleitung weist Jahnke auf die besondere Bedeutung dieses
Forschungsbereiches zur NS-Diktatur hin, war doch in der jungen Generation
"die Nazi-Ideologie und -Politik am meisten verwurzelt, ... kritiklose
Gefolg-schaftstreue und unbedingte Pflichterfüllung am meisten ausgeprägt."
Jahnke schafft es, die Ursachen und Methoden des NS-Systems für diesen
Einfluss sichtbar zu machen. Umso bedeutender ist, dass es ihm auch gelingt,
dem antifaschistischen Widerstand junger Menschen den gebührenden Platz zu
geben.
Die Dokumentation gliedert sich in vier Abschnitte, denen der Herausgeber
jeweils eine knappe, präzise Einleitung voranstellt. Im ersten Abschnitt
"Jugend in Deutschland 1933-1939" werden die Maßnahmen und Beschlüsse
sichtbar, die einzelnen Schritte deutlich, mit denen das NS-Regime seinen
absoluten Anspruch auf das alleinige Recht zur Erziehung der Jugend in der
Hitler-Jugend durchsetzt. Steht die Zerschlagung der marxi-stischen
Arbeiterjugendverbände am Anfang dieses Weges, so wird deutlich, dass auch
bürgerliche, konservativ-nationalistische und konfessionelle Konkurrenz zur
Hitlerjugend unerwünscht ist und bekämpft wird. Nach der Einführung der
Wehrpflicht und dem Gesetz über die Hitlerjugend vom Dezember 1936 steht die
Vorbereitung der Jugend auf den Krieg immer stärker im Mittelpunkt. Die Rolle
der Hitlerjugend als Nachwuchsorganisation der NSDAP, des Streifendienstes als
Reserve der SS, die spezifischen Aufgabenstellungen für die weibliche Jugend
im BDM werden durch die Dokumente nachvollziehbar, um nur einige Bereiche zu
nennen. Sichtbar werden auch die Bemühungen, an Interessen der Jugend etwa im
sportlichen Bereich oder der beruflichen Bildung anzuknüpfen, aber auch sie
voll in der Hitlerjugend einzubinden.
Der zweite Abschnitt behandelt "Jugend - Opposition und Widerstand 1933-1939"
und zeigt in 60 Dokumenten die Breite, aber auch die Schwierigkeiten, die
Verfolgung und die Opfer dieses Kampfes. Jahnke fasst für jedes Jahr die ihm
bekannten Opfer des Naziregimes unter 25 Jahren zusammen, begleitet von
einigen kurzen Biografien. Hier stehen Doku-mente der Arbeiterjugendverbände
KJVD, SAJ, SJVD, die den Willen zum gemeinsamen Kampf, aber auch die
Schwierigkeiten zeigen, die der Zusammenarbeit entgegenstanden, neben
kirchlichen Erklärungen, Prozessberichten und Gestapo-Einschätzungen über den
Widerstand und seine Erscheinungsformen, z.B. der Bündischen Jugend, über
antifaschistische Zusammenarbeit katholischer und kommunistischer Jugend
(Rossaint-Prozess) und nicht zuletzt den Einsatz junger deutscher
Antifaschisten für die Verteidigung der spanischen Republik.
Die Zäsur des Kriegsbeginns sowohl in der faschistischen Jugendpolitik als
auch im antifaschistischen Widerstand macht Jahnke im dritten und vierten
Abschnitt deutlich. 112 Dokumente behandeln die "Jugend im Zweiten Weltkrieg"
aus der Sicht der faschistischen Herrscher. Sie reichen vom Befehl der
Reichsreferentin des BDM zur erhöhten Kriegsbereitschaft vom 1. September 1939
bis zu den letzten Befehlen zur Einberufung der Jahrgänge 1928 und 1929 und
zur Bildung von Panzerbekämpfungs- und Wehrwolfverbänden aus der Hitlerjugend.
Zwischen diesen Eckpunkten zeigen Dokumente die Vielfalt der Maßnahmen der
Mobilisierung der Jugend für den Krieg: zwangsweiser Landeinsatz,
Wehrertüchtigungslager, Einsatz der Schüler als Flakhelfer, Mobilisierung von
Mädchen und jungen Frauen für die Wehrmacht, Bildung der SS-Division
Hitlerjugend, Zusammenarbeit von HJ-Streifendienst, Polizei und SS,
Einrichtung der Adolf-Hitler-Schulen und der NAPOLA, aber auch
Gestapo-Berichte über neue oppositionelle, den HJ-Drill ablehnende
Jugendgruppen und ihre Auseinandersetzungen mit HJ und Polizei schaffen ein
eindrucksvolles Bild der sich mit der Kriegslage verändernden Jugendpolitik.
38 Dokumente zeigen im vierten Abschnitt Widerstand und Opfer junger deutscher
Antifaschisten gegen die faschistischen Kriegsverbrechen. Neben bekannten
Dokumenten, etwa zur Weißen Rose, sind hier auch die neuen Formen unabhängiger
Jugendgruppen (Meuten in Leipzig, Edelweißpiraten bzw. Kittelbachpiraten in
Berlin und im Rheinland, Swingjugend in Hamburg) und ihre Einschätzung durch
Gestapo und Justiz dokumentiert. Jahnke stellt repräsentativ junge
Widerstandskämpfer vor, die Opfer des Naziterrors wurden, und veröffentlicht
eine komplette Liste aller im Zuchthaus Brandenburg ermordeten Kriegsgegner
unter 25 Jahren.
Der Band schließt mit einem Verzeichnis deutschsprachiger Veröffentlichungen,
die zu diesem Themenbereich seit 1990 erschienen sind.
Karl Heinz Jahnke : Jugend unter der NS-Diktatur 1933-1945. Eine
Dokumentation. Rostock: Ingo Koch Verlag, 2003.
Günter Judick
<<Zurück
zur Übersicht
"Wenn wir weg sind, ist alles nur noch Geschichte"
Das hier vorzustellende Buch ist zugleich ein Hörbuch und damit ein Novum
unter den Veröffentlichungen von Berichten von Überlebenden des Holocaust. Es
basiert auf fünf Veranstaltungen in Freiburg im Breisgau, zu denen Radio
Dreyeckland - ein in den 1980er Jahren entstandenes linkes Medienprojekt -
zwischen November 1999 und Mai 2001 Jutta Bergt, Herbert Ricky Adler, Alfred
Nachmann, Felix Rottberger und Trude Simonsohn eingeladen hatte. Deren Berichte
sind nun - in leicht gekürzter Form, ansonsten aber weitestgehend unveränderten
Abschriften des gesprochenen Wortes - in gedruckter Form zu lesen und auf zwei
CDs zu hören.
Die Herausgeber widmen das Buch Alfred Jachmann, einem der wenigen Überlebenden
des I.G. Farben AG eigenen KZ Auschwitz-Monowitz, der, noch bevor das Buch
erschien, am 24. Juni 2002 im Alter von 75 Jahren in Frankfurt/Main starb. In
Freiburg hatte er im November 2000 noch einmal über sein Leben berichtet: "Es
ist gar nicht so einfach, überlebt zu haben. Es ist eine Bürde." Alfred Jachmann
sprach über seine bis 1935 "stinknormale" Kindheit im pommerschen Arnswalde,
über das Novemberpogrom in dieser Kleinstadt, den erzwungenen Umzug seiner
Familie nach Berlin, die Zwangs-arbeit von Mutter, Vater, ältere Schwester und
schließlich auch von ihm in Berliner Rüstungsbetrieben, deren Ende durch die
sogenannte "Fabrikaktion" am 27. Februar 1943, als in Rüstungsbetrieben
eingesetzte Jüdinnen und Juden nach Auschwitz deportiert wurden. An diesem Tag
hatte er Mutter und Schwester zum letzten Mal gesehen. Er selbst wurde zur
Zwangsarbeit selektiert und nach Monowitz gebracht. Ende Januar 1945 muss er auf
den Todesmarsch und wird im polnischen Gleiwitz schließlich von der Roten Armee
befreit.
Es ist der Vorteil der behutsamen Transkription des Erzählten und vor allem der
Hörfassung, dass sie die Mühen, das Erlebte in Sprache zu fassen, zumindest
erahnen lassen. Es gibt drei immer wiederkehrende Formulierungen: "Ich kann
Ihnen das gar nicht so sagen, welche Zustände dort herrschten, das kann man gar
nicht beschreiben," "zur Bestätigung dessen, was ich sage, habe ich jetzt ein
Dokument bekommen" und "das kann man in aller Öffentlichkeit sagen". In allen
diesen Formulierungen reflektiert sich die lebenslang erfahrene Abwehr der
deutschen Öffentlichkeit gegenü-ber den Erlebnisse der Überlebenden. Während die
erste Formulierung auch als prinzipielle Unmöglichkeit von Sprache begriffen
werden kann, die Barbarei zu benennen, verweisen die beiden anderen immer
wiederkehrenden Formulierungen nicht nur auf eine postfaschistische
Gesellschaft, die sich bewusst "taub" stellte - auch noch als genügend Dokumente
zur Verfügung standen, sondern auch auf eine Gesellschaft, die ihre Täter/innen
mit allen Mitteln entlastete.
Der Sinto Herbert Ricky Adler berichtet über seine eigentlich ganz normale
Kindheit in Frankfurt am Main, die an einem Tag im Jahr 1941 zerstört wurde, als
die Familie aus ihrer Wohnung in das kommunale Lager in der Dieselstraße und von
dort im Frühjahr 1943 nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurde. Seine Stimme
klingt, während er spricht, ruhig; was in ihm an Bilder aufsteigt, lässt sich
kaum erahnen und bleibt auch für ihn unfassbar: "Und das habe ich zwei Jahre
tagtäglich gesehen!" In Auschwitz-Birkenau wurden Vater, Mutter und drei
Geschwister ermordet; Herbert Ricky Adler wurde zur Zwangsarbeit selektiert und
überlebte die Konzentrationslager Buchenwald und Ravensbrück. Sein Leben danach
wird bestimmt von Musik und dem Engagement in der Bürgerrechtsbewegung der Sinti
und Roma: "Solange mir Gott die Kraft gibt, die Energie gibt, werde ich alles
versuchen, unseren Leuten zu helfen."
Auch für Trude Simonsohn, 1921 in Olmütz in der Tschechoslowakei geboren, ist es
die "Pflicht gegenüber den Toten", sich immer wieder den belastenden
Erinnerungen zu stellen. Einen großen Teil ihres hier veröffent-lichten
Berichtes widmet sie der Zeit vor ihrer Verhaftung im Juni 1942, der Arbeit in
ihrer von den Deutschen verbotenen Jugendgruppe, dem Makabi Hazair, und den
leider gescheiterten Vorbereitungen auf die Einwanderung nach Palästina: "Diese
Jugendbewegung war überhaupt etwas, was mich absolut in der ganzen Zeit, die
schwer war, gehalten hat." Gerade in Theresienstadt, wohin sie im Winter 1942
deportiert wurde, war es die zionistische Jugendbewegung, die sich in der
Betreuung der Kinder und der Alten engagierte. Trude Simonsohn arbeitet in der
Gruppe "Die Jugend hilft den Alten", bringt den alten Menschen essen, hilft beim
Putzen und erledigt Botengänge; es entwickeln sich gleichsam Adoptivverhältnisse
zwischen Kindern und Alten. Zugleich macht sie deutlich, weshalb sie "immer in
Gefahr" ist, "über Theresienstadt zu positiv zu erzählen": "Ich bin aus der
Einzelhaft nach Theresienstadt gekommen und bin dann nach Auschwitz gekommen.
Und dann darf man sich nicht wundern, wenn mir Theresienstadt auch noch etwas zu
gut vorkommt, es war nicht gut, es war schlimm! Das ist also alles relativ."
Felix Rottberger berichtet über die Zeit, die er mit seinen drei Geschwistern in
einem dänischen Kinderheim versteckt verbrachte - vier kleine schwarze
Lockenköpfe unter großen blonden Kindern. Er erinnert sich voll Dankbarkeit an
die dänische Bevölkerung, die unter der deutschen Besatzung den Juden half: "Es
lag über den meisten Ländern in Europa in den Jahren 1933 bis 1945 eine große
Kälte für die Juden. Die Dänen waren aber anders, die waren couragiert." Diese
positiven Erfahrungen ändern sich nach dem Krieg; in ihm entstand das Gefühl,
man habe ihn sowohl in Dänemark als auch in Konstanz, wohin die Familie 1955
zog, "gründlich im Stich gelassen".
Eine Besonderheit stellte der Vortrag von Jutta Bergt, die Auschwitz und
Ravensbrück überlebt hat, dar. Sie hatte ihre Geschichte schon 1958/1959
niedergeschrieben und endlich 1997 dafür einen Verleger gefunden. Sie las aus
diesem bei der Edition Hentrich veröffentlichten Buch "Die ersten Jahre nach dem
Holocaust. Odyssee einer Gezeichneten." Sie schildert darin ihre vergeblichen
Versuche, Deutschland zu verlassen, streift in wenigen Passagen ihre
Verfolgungszeit, die sie am liebsten verdrängt hätte, und beschreibt die
Gleichgültigkeit und Abwehrhaltung der Deutschen, denen sie sich in den
Nachkriegs-jahren alltäglich gegenüber sah. Abgedruckt und auf der CD zu hören
sind die Kapitel über die Befreiung in Neustadt-Glewe und die ersten
Auswanderungspläne: "Gleich auf dieser Reise ist mir bewusst geworden, dass es
gar nicht so einfach sein wird, sich wieder unter der deutschen Bevölkerung
zurecht zu finden. Schon während dieser Fahrt fragte ich mich, ob es mir
gelingen würde, auch weiterhin ohne Hassgefühle zu leben. Im Allgemeinen habe
ich auch im Lager für die deutsche Bevölkerung nie Hass empfunden."
Jutta Bergt spricht nüchtern und offen jene Widerstände in der Tätergesellschaft
an, denen sich alle Überlebenden ausgesetzt sahen. Es ist notwendig, ihren
Bericht genau und vollständig zu lesen.
Hervorzuheben ist noch der engagierte Beitrag "Zeugnis ablegen", in dem sich
Günter Jacob mit der öffentlichen Gedenkkultur und dem "Aufstieg des deutschen
‚Zeitzeugen'" auseinandersetzt.
Kerstin Amthor, Ulrike Huber, Thomas Käpernick (Hg.): Wenn wir weg sind, ist
alles nur noch Geschichte. Die Erinnerung von Überlebenden. Emmendingen:
Verlag die brotsuppe, 2002.
Ursula Krause-Schmitt
<<Zurück
zur Übersicht
Zwangsarbeit in Wiesbaden 1939
bis 1945
Ausgehend von zahlreichen Anfragen ehemaliger Zwangsarbeitskräfte
hinsichtlich eines Nachweises über Arbeits- und Lageraufenthalte in der
Kriegswirtschaft der Jahre 1939 bis 1945, welche im Zuge der seit August 2000
eingeleiteten Entschädigungsverfahren auch in der hessischen Landeshauptstadt
eintrafen, beauftragte die Stadt Wiesbaden das Institut für Geschichtliche
Landeskunde der Universität Mainz mit einer vertiefenden lokalhistorischen
Untersuchung, um Licht in das Dunkel dieses über Jahrzehnte verdrängten und
vergessenen NS-Unrechts zu bringen. Die Ergebnisse des von Dr. Hedwig Brüchert
durchgeführten Forschungsprojekts zeigen, wie berechtigt dieses Unterfangen war.
Auch wenn genaue Zahlen heute nicht mehr zu ermitteln sind, so dürfte Ende 1944
die Gesamtzahl der ausländischen Zwangsar-beitskräfte in Wiesbaden
einschließlich der eingemeindeten Vororte bei mindestens 6.500 bis 7.000 aus
etwa 16 Ländern gelegen haben. Mehr als 5.700 von ihnen sind inzwischen
namentlich bekannt. Die Zahl der Lager unterschiedlicher Größe kann mit 45 bis
50 angenommen werden.
Wie in allen Städten nahm auch in Wiesbaden die Nachfrage nach ausländischen
Arbeitskräften seit Beginn des Zweiten Weltkriegs rasch zu.
Industrieunternehmen, kleine und mittelständische Betriebe, Landwirte und
Privathaushalte, aber auch zahlreiche städtische Dienststellen forderten sie zur
Aufrechterhaltung von Produktion und Dienstleistungen aller Art an. Ohne den
millionenfachen Einsatz von Zwangsarbeitskräften im damaligen Deutschen Reich
wäre nach der Einberufung eines Großteils der deutschen Beschäftigten zum
Kriegsdienst die gesamte Wirtschaft über kurz oder lang zum Erliegen gekommen.
Jene Menschen, die sich in der Anfangszeit aus der Not heraus noch freiwillig
für eine Arbeit im Reichsgebiet anwerben ließen, gerieten ebenso wie die schon
bald darauf Zwangsrekrutierten in die Mühlen eines unbarmherzigen Regimes, das
allein die Ausnutzung ihrer Arbeitskraft - bis hin zu Erschöpfung und Tod - im
Sinn hatte. Viele der mit brutaler Gewalt aus ihren Heimatländern nach Wiesbaden
Verschleppten waren sehr jung, manche fast noch Kinder, die man von der Straße
oder aus der Schule weg in Züge pferchte und einer ungewissen Zukunft überließ.
Während den Westeuropäern der Kontakt zu ihren Familien und der Erhalt von
Lebensmittelpaketen möglich war und sie sich in der wenigen Freizeit relativ
frei bewegen durften, wurden für die von den Nazis als "Untermenschen"
bewerteten Arbeitskräfte aus Polen und der Sowjetunion strengste Vorschriften
erlassen. Sie wurden abgesondert und rigide bewacht, jedes kleinste Vergehen
gegen die zahlreichen ihnen oft gar nicht verständlichen Regelungen wurde mit
härtesten Strafen geahndet, der Kontakt zu den deutschen und auch zu den
westeuropäischen Arbeitskollegen war aus rassistischen Gründen nicht erwünscht.
Das Buch ist übersichtlich gegliedert. Es geht zunächst in länder- und
regionenbezogenen Kapiteln auf die jeweils spezifische Situation der nach
Wiesbaden verbrachten Menschen aus Polen, Frankreich, Belgien und den
Niederlanden, Italien, den Balkanländern, dem Baltikum, der Tschechoslowakei
sowie der aus der Sowjetunion stammenden Kriegsgefangenen und der
"Ostarbeiterinnen" und "Ostarbeiter" ein. Dabei werden unter Berücksichtigung
der Gesamtentwicklung der Zwangsarbeitspolitik des NS-Staates die auf diversen
(Un-) Rechtsnormen beruhende Behandlung und Bestrafung der Zwangsarbeiterinnen
und Zwangsarbeiter ebenso dargestellt wie die konkrete Arbeitssituation,
Unterbringung, Verpflegung, die zumeist fehlende medizinische Versorgung und die
vielfach erlebte Anfeindung seitens der deutschen Bevölkerung. Neben heute noch
feststellbaren Details über die personelle Stärke der einzelnen Ländergruppen
und ihre Zuweisung zu bestimmten Arbeitsbereichen verdeutlichen Aussagen
ehemaliger Zwangsarbeitskräfte, unter welch harten Bedingungen sie leben und
arbeiten mussten. Wie überall standen auch in Wiesbaden die Menschen aus den
osteuropäischen Staaten, insbesondere Polen und Sowjetbürger, am unteren Ende
der "Hierarchie". Hunger, chronische Mangelerkrankungen, schwerste
Arbeitsbedingungen und die ständige Androhung von Strafen waren ständige
Begleiter.
In weiteren Kapiteln untersucht die Autorin zunächst das von der Stadt selbst
als Sammellager für kleinere und mittlere Firmen eingerichtete "Lager Willi", in
dem katastrophale hygienische Verhältnisse herrschten und die Versorgungs- und
Ernährungslage unzureichend war. Bei einem Bombenangriff im März 1945 starben
zahlreiche Häftlinge, unter ihnen drei Kinder von "Ostarbeiterinnen".
Thematisiert wird darüber hinaus das Schicksal der Zwangsarbeitskräfte, welche
Opfer der "Euthanasie" wurden, die Situation der zumeist aus Luxemburg
stammenden Häftlinge des zum SS-Sonderlager/KZ Hinzert gehörenden Außenkommandos
"Unter den Eichen", welche unter anderem beim Baracken- und Bunkerbau für die SS
und als Räumkommandos nach Luftangriffen Schwerstarbeit zu leisten hatten, sowie
nicht zuletzt die Zwangsarbeit Wiesbadener Juden. Besondere Aufmerksamkeit gilt
den polnischen und sowjetischen Zwangsarbeiterinnen, die gemeinsam mit ihren
Kindern - viele von ihnen in Wiesbaden geboren - unter unsäglichen Bedingungen
ums Überleben kämpfen mussten. Ihr Schicksal hat Kerstin Kersandt näher
untersucht.
Vervollständigt wird das Forschungsprojekt zum einen durch eine Darstellung der
letzten Kriegswochen, die insbesondere für die in den bewachten Lagern
eingeschlossenen Menschen eine permanente Lebensgefahr bedeuteten. Wegen
fehlender Schutzvorrichtungen haben etliche Zwangsarbeitskräfte die
Bombardierungen nicht überlebt. Zum anderen zeigt das Kapitel über die Befreiung
durch die Amerikaner und über die enormen Probleme bei der Versorgung und
Repatriierung tausender verschleppter und heimatlos gewordener Menschen
("Displaced Persons"), dass mit dem Ende des Krieges und dem Untergang des
NS-Regimes für die dem Joch entgangenen Zwangsarbeitskräfte kein neues Leben
begann. In die Freude über die gewonnene Freiheit mischte sich speziell für die
Osteuropäer die berechtigte Angst vor einer erneuten Bestrafung als
"Kollaborateure" und die Ungewissheit, ob ihre Heimatorte zerstört und
Angehörige im Krieg getötet worden waren. Die Zeit der Zwangsarbeit hat sie alle
geprägt, und ihr Leben lang begleiteten sie immer wiederkeh-rende schreckliche
Erinnerungen und zum Teil schwere gesundheitliche Belastungen.
Dem Stadtarchiv Wiesbaden ist zu danken, dass es durch die Herausgabe der
ausgezeichneten und detailreichen Studie einen weiteren wichtigen Baustein zur
Geschichte der NS-Zeit in Wiesbaden der Öffentlichkeit vorgelegt hat.
Hedwig Brüchert: Zwangsarbeit in Wiesbaden. Der
Einsatz von Zwangsarbeitskräften in der Wiesbadener Kriegswirtschaft 1939-1945.
Mit einem Beitrag von Kerstin Kersandt. Hrsg.: Magistrat der Landehauptstadt
Wiesbaden - Stadtarchiv (Schriften des Stadtarchivs Wiesbaden, Bd. 8). Wiesbaden
2003.
Renate Knigge-Tesche
<<Zurück
zur Übersicht
Wie aus Deutschen Nazis wurden
Neue Gedankenwege beschreitet der Autor, um eine Antwort zu finden auf
seine Aussage, dass und wie aus Deutschen praktisch "übergangslos" und ohne viel
Aufhebens Nazis wurden. Seine Sichtweise der geschichtlichen Entwicklung
Deutschlands in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist zugleich frappierend
und ungewohnt, die Schlüsse aus den dargestellten Zusammenhängen sind geradezu
folgerichtig. So gesehen, ist es konsequent, dass, wenn man sich ernsthaft mit
dem Phänomen der Nazibarbarei und dem Widerstand dagegen auseinandersetzt, man
nicht umhin kommt, als sogenannte "Sekundärliteratur" das Buch zu lesen. Es kann
dazu beitragen, deutsche Geschichte des vergangenen Jahrhunderts neu zu
verstehen.
In den Teilabschnitten und Zeiteinteilungen "Juli 1914", "November 1918",
"Januar 1933" und "Mai 1933" versucht Fritsche seine These von einer
"revolutionär populistischen Bewegung" glaubhaft darzustellen und kommt dabei zu
überraschenden Schlüssen für die Zwangsläufigkeit des Ablaufes der Ereignisse
und den sich daraus ergebenden Konsequenzen. Umfangreiche Anmerkungen werden als
Beleg von getroffenen Aussagen zitiert.
Ein zweiseitiges Bild "eröffnet" jedes Kapitel. Und jedesmal sind darauf
Volksmassen dargestellt. Das soll im Sinne der Überlegungen des Autors
verdeutlichen, dass diese Mobilisierung von Gewalt im Namen eines
vordergründigen Populismus und verhängnisvollen ethischen Nationalismus Ausdruck
der "deutschen Revolution" des 20. Jahrhunderts in den Jahren 1914-1945
symbolisiert. Demzufolge waren Nazis keine politischen Außerirdischen. Und als
Resumée einer gründlichen Hinterfragung deutscher Geschichte in der ersten
Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt für Fritsche: Der Nationalsozialismus war weder
zufällig, noch wurde er einmütig bejaht.
Peter Fritsche: Wie aus Deutschen Nazis wurden. Zürich, München: Pendo-Verlag,
1999.
Wolfgang Janz
<<Zurück
zur Übersicht
Blick in den Abgrund - zur
Aktualität zeitgenössischer Berichte
Die Publizierung zeitgenössischer Texte beinhaltet immer das Risiko, dass sie
nur für einen Kreis von Spezialisten von Interesse sind. Zu speziell sei ihr
Blickwinkel, zu historisch sei ihre Perspektive. Dass dies auch gänzlich anders
sein kann, belegt jüngst eine Veröffentlichung aus dem Pahl-Rugenstein-Verlag
unter dem Titel "Blick in den Abgrund - Das Ende der Weimarer Republik im
Spiegel zeitgenössischer Berichte und Interpretationen". Es handelt sich dabei
um die erste vollständige Edition der "Wochenberichte" von Emil Fuchs und Erwin
Eckert, die im "Sonntagsblatt des arbeitenden Volkes" von Oktober 1930 bis März
1933 veröffentlicht wurden.
Die "Wochenberichte" waren eigentlich nichts anderes als die Zusammenstellung
verschiedener Nachrichten aus Wirtschaft, Sozialpolitik und dem Alltagsleben der
"kleinen Leute". Ein Beispiel von vielen: "Die Stadt Kassel steht vor einer
Finanzlage, in der man den Plan gefasst hat, alle Schulen zu schließen, weil man
keine Kohlen für sie mehr bezahlen kann." (S. 469) Ziel dieser Veröffentlichung
war es, "alle abhängig Arbeitenden zur Einsicht in ihre soziale und politische
Situation zu führen", wie die Herausgeber formulieren. Dabei waren die Verfasser
zwar politisch in den Arbeiterparteien verankert, aber sie verstanden sich nicht
als Vertreter der KPD bzw. der SPD, sondern waren Repräsentanten des "Bundes der
religiösen Sozialisten Deutschlands" und damit einer Organisation, die "in
bewusster Verantwortung vor Gott und den Menschen in und mit dem revolutionären
Proletariat um die sozialistische Neuordnung" kämpfte.
In den "Wochenberichten" wurden die sozialpolitischen Entwicklungen nicht nur
beschrieben, die Verfasser ergriffen vielmehr Partei für die von Entlassungen
Bedrohten, für die Opfer der Brüningschen Notverordnungspolitik, für die
Arbeitslosen und Wohlfahrtserwerbslosenhilfe-Empfänger. Gleichzeitig warnten sie
immer deutlicher vor dem aufkommenden Faschismus. So heißt es im 63.
Wochenbericht von August 1932: "Hitlerregierung droht! Die
Koalitionsverhandlungen sind in das offizielle Stadium gerückt. An der Stellung
des Zentrums hat sich nichts geändert; es verlangt im Reich wie in Preußen eine
sichtbare Einbeziehung der Nazis in die Verantwortung. Es scheint sogar bereit,
Hitler als Reichskanzler zu tolerieren. Papen-Schleicher-Hindenburg wollen an
der Form des Präsidialkabinetts festhalten und es weiter ausbauen." (S. 393)
Schon 1930 hatte Erwin Eckert auf zahlreichen Veranstaltungen auf die Gefahr der
NSDAP und ihrer Schlägertruppe SA verwiesen. In den "Wochenberichten" wurde
diese Warnung durch die Zusammenstellung verschiedener Vorfälle, die sich
teilweise nur in der regionalen Presse niederschlugen, aktualisiert. Schon
damals gab es offensichtlich die Tendenz, die Gewalttätig-keiten der extremen
Rechten in der Lokalbe-richterstattung "verschwinden" zu lassen.
Die "Wochenberichte" analysierten nicht nur, sie riefen auf zum Handeln im Sinne
einer antifaschistischen Einheitsfrontpolitik ohne sektiererische Aus- oder
Abgrenzungen. Damit sind sie ein Zeugnis für die Kräfte, die versuchten, dem
aufkommenden Faschismus in möglichst breiter politischer Bewegung
entgegenzutreten.
Zu loben ist die Arbeit der Herausgeber Friedrich Martin Balzer und Manfred
Weißbecker, die in einer ausführlichen Einführung den politischen Hintergrund
der "Wochenberichte" ausleuchten und die einzelnen Berichte mit einem
umfänglichen Anmerkungsapparat (einschließlich umfangreicher biographischer
Erläuterungen) auch für Nachgeborene nachvollziehbar machen.
In einem gut 60-seitigen Anhang finden die Leser darüber hinaus einige
bewertende Nachbetrachtungen sowie Hinweise über das komplizierte Verhältnis von
Erwin Eckert zum "Bund der religiösen Sozialisten". Dieses Verhältnis scheint -
wie Rezensionen aus dem Spektrum belegen - bis heute nicht geklärt zu sein.
Erwin Eckert, Emil Fuchs - Blick in den Abgrund.
Das Ende der Weimarer Republik im Spiegel zeitgenössischer Berichte und
Interpretationen. Herausgegeben von Friedrich-Martin Balzer und Manfred
Weißbecker. Bonn: Pahl-Rugenstein Nachf., 2002.
Ulrich Schneider
<<Zurück
zur Übersicht
Das jüdische Frauenaußenkommando der Gelsenberg
Benzin AG
In den "informationen" Nr. 54 und Nr. 55 hat Irmgard Seidel über "Weibliche
Häftlinge des KZ Buchenwald in der deutschen Rüstungsindustrie" geschrieben.
Dabei widmete sie den jüdischen Außenkommandos besondere Aufmerksamkeit und kam
zum Schluss: "Der größte Teil der Jüdinnen wurde in separaten Kommandos
isoliert, in denen verschärfte Haftbedingungen galten ... Da sie nur von der
sofortigen Vernichtung ausgenommen waren, wurden sie zu besonders
gesundheitsschädigenden Arbeiten eingesetzt" ("informationen" Nr. 55, S. 23).
Über eines der größten jüdischen Frauenaußenkommandos, das bei der Gelsenberg
Benzin AG in Gelsenkirchen allerdings nur von Anfang Juli 1944 bis Mitte
September 1944 bestand, erschien 2002 eine Studie von Marlies Mrotzek. Der
Einsatz von 2000 Jüdinnen aus Ungarn, die in Auschwitz zur Zwangsarbeit
selektiert worden waren, erfolgte im Kontext des "Geilenberg-Programms", das mit
höchster Dringlichkeitsstufe die Wiederinbe-triebnahme von Hydrierwerken nach
Bombardierungen, aber auch deren Untertage-Verlagerung sowie die
Ölschiefer-Produktion betrieb. Eine akribische Auswertung der alliierten
Luftaufnahmen ermöglicht die Lokalisierung des Lagers "nordöstlich des
Betriebsgeländes im Winkel zwischen Lanferbach und Bahnlinie". Es bestand aus
sechs Zelten, in denen die Gefangenen kampieren mussten, einigen Baracken für
das Bewachungspersonal (93-96 männliche Posten, vier SS-Aufseherinnen) und war
mit einem Doppelzaun aus Stacheldraht umgeben; am westlichen und südlichen
Lagerrand standen Wachtürme. Innerhalb des Lagers gab es keine Splittergräben
oder andere Schutzvorrichtungen, wie sie in Zwangsarbeiterlagern der Gelsenberg
Benzin AG, so z.B. an der Bruchstraße, vorhanden waren. Die jüdischen Gefangenen
waren den Bombenan-griffen schutzlos ausgeliefert. Der Bombenangriff vom 11.
September 1944 forderte unter ihnen 138 Tote, mindestens 94 Verwundete, von
denen mindestens 23 in Krankenhäuser in Gelsenkirchen, Bottrop und Rotthausen
einge-liefert wurden. Unmittelbar nach diesem Bom-benangriff erfolgte die
Überstellung von 1.215 Häftlingen nach Sömmerda zur Rheinmetall Borsig AG. Bis
dahin waren die Jüdinnen bei lebensgefährlichen Aufräumungsarbeiten auf dem
Gelände des zerstörten Hydrierwerkes und im betriebseigenen Hafen eingesetzt -
häufig zwölf Stunden lang ohne Pausen. Bereits Mitte August 1944 hatten vier
Mitarbeiter der Krupp AG unter den Frauen 500, die ihnen am kräftigsten
erschienen, zum Arbeitseinsatz im Walzwerk II in Essen ausgesucht.
Mrotzek beschreibt das Machtgefüge im KZ-Außenkommando der Gelsenberg Benzin AG
als in sich widersprüchlich: Zum einen seien, trotz der lebensgefährlichen
Unterversorgung, erkrankte oder bei den Bombenangriffen verletzte Frauen in
Gelsenkirchener Krankenhäuser eingeliefert worden; zum anderen hätte es von
Anfang bis zur Auflösung "chaotische Züge" gegeben: SS-Lagerleiter Eugen
Dietrich (von verschiedenen Überlebenden als "gutmütiger Mann" geschildert)
hätte sich nicht gegen das männliche und weibliche Wachper-sonal durchsetzen
können. Und oft hätten ihm unterstellte SS-Angehörige das Lagergeschehen
bestimmt. "Trotzdem funktionierte auch hier das Prinzip der SS: Die Parallelität
von Zwangsarbeit und Vernichtung."
Die in Krankenhäuser eingewiesenen Gefangenen - unklar bleibt, wer diese
Einweisung veranlasst hat - wurden nach ihrer Gesundung ebenfalls nach Sömmerda
gebracht; 17 Frauen erlagen noch ihren Verletzungen. Von dem Chirurgen Dr.
Rudolf Bertram, der das Krankenhaus in Rotthausen und das St. Josefs-Hospital in
Gelsenkirchen-Horst betreute, ist überliefert, dass er zusammen mit der
Krankenhausfürsorgerin Ruth Theobald und der Ordensschwester Epimacha 17
Jüdinnen vor dem Abtransport nach Sömmerda rettete. Dr. Bertram wurde 1996
posthum von Israel als "Gerechter der Völker" geehrt; daran erinnert auch eine
Gedenktafel am St. Josef-Hospital.
Neben dem Schwerpunkt "KZ-Außenkommando" liefert die Autorin auch einen klugen
Abriss über "Das Hydrierwerk der Gelsenberg Benzin AG als Projekt des
Vierjahresplanes" und über die Nachkriegsgeschichte. Dies ist um so wichtiger
und lädt zu weiteren Forschungen ein, als sie zu dem Schluss kommt: "Bis heute
haben die Gelsenberg Benzin AG, ihre Muttergesellschaft, die GBAG, und die
Nachfolgeunternehmen Veba AG und E.O.N keinen tatsächlichen Beitrag zur
moralischen und historischen Wiedergutmachung für die ehemaligen
Lagerinsassinnen geleistet. Auch hat das Unternehmen bis heute seine
öffentlichen Selbstdarstellungen nicht kritisch reflektiert und den historischen
Tatbeständen entsprechend aufgearbeitet."
Marlies Mrotzek: Das KZ-Außenlager der Gelsenberg Benzin AG. Fernwald: Germinal,
2002.
Ursula Krause-Schmitt
<<Zurück
zur Übersicht
Quellen des Holocaust zum Sprechen bringen
Der Doyen der Holocaust-Forschung Raul Hilberg zeigt in seinem neuen Buch, wie
er Quellen analysiert und in den historischen Kontext einordnet. Im ersten der
fünf Kapitel über die Typen von Quellen geht er zunächst auf Abbildungen wie
Pläne, Skizzen, Filme und Fotos ein. Die Wortquellen bilden den Löwenanteil des
verfügbaren Materials. Sie sind im allgemeinen mit einer Schreibmaschine
geschrieben, es lassen sich jedoch auch handgeschriebene Seiten finden. "Da die
Maßnahmen gegen Juden sich auf Gebiete unter deutscher Herrschaft sowie auf
Staaten erstreckten, die mit Deutschland verbündet waren, sind alle diese Texte
in über zwanzig verschiedenen Sprachen geschrieben." (S. 18) Die Archivalien
sind meist auf Deutsch, aber auch auf Polnisch oder Jiddisch, z.B. die
Hinterlassenschaften der Judenräte in Warschau, Lublin, Bialystok und Wilna. Die
Chronik des Ghettos von Litzmannstadt (Lódz) etwa wurde in polnischer Sprache
begonnen und auf Deutsch weitergeführt. Zu den Wortquellen gehören schließlich
noch Gesetze, Verfügungen, Bescheinigungen, Zei-tungsberichte und viele andere
mehr.
Unter der im nächsten Kapitel angesprochenen Komposition der Holocaust-Quellen
gehörten Aspekte wie die Standardisierung amtlichen Schriftverkehrs und deren
hierarchischer Charakter. Spezielle Feinheiten können bei den Unterschriften
festgestellt werden: Sie sind handschriftlich und in der Regel unleserlich oder
bestehen nur in einer Abkürzung und können den Rang der Unterzeichner in der
Farbe der Unterschrift ausdrücken. Dies war in der seit 1926 geltenden
Gemeinsamen Geschäftsordnung für die Verwaltung geregelt: "Grün für einen
Minister, Rot für einen Staatssekretär und Blau für einen Ministerialdirektor."
(S. 72) In anderen Behörden wurde analog verfahren.
Bei dem im dritten Kapitel behandelten Stil konstatiert Hilberg prosaische
Formulierungen, Dokumente in einem vorgestanzten Stil abgefasst und in ihnen
drückt sich "bürokratische Gleichgültigkeit" (S. 84) aus. Er geht auch auf die
Praxis der doppelten Terminologie ein, die sich z.B. in Berufsbezeichnungen
zeigt: Der "arische" Rechtsanwalt darf sich als solcher bezeichnen, ein
jüdischer Anwalt musste sich "Konsulent" nennen, ebenso durfte sich der jüdische
Arzt nur als "Krankenbehandler" bezeichnen. Hilberg geht weiter auf die
verschleiernde Sprache ein und konstatiert eine "ganze Skala von Euphemismen"
(S. 132): Eine Gaskammer wurde beispielsweise als "Badeanstalt für
Sonderaktionen" bezeichnet.
Bei dem im folgenden Kapitel behandelten Inhalt wird u.a. hervorgehoben, dass
auf Details und Auslassungen zu achten ist. Im letzten Abschnitt zur Nutzbarkeit
weist Hilberg u.a. auf die inzwischen verfügbare Fülle an Archivmaterialien hin,
die neue Einblicke ermöglichen. Er endet mit dem Satz: "Die unermüdliche Suche
nach Erkenntnissen geht weiter, und mag sie noch so aufwendig sein, damit nicht
alles verloren geht und vergessen wird." (S. 243)
Hilberg unterlegt seine Beispiele häufig mit faksimilierten Dokumenten. Er hat
ein gut lesbares Handbuch zur Entschlüsselung und Interpretation der Quellen des
Holocaust geschrieben. Es enthält Personen-, sowie Orts- und Sachregister und
gehört in die Hand aller Leute, die sich mit der Erforschung des Holocaust
befassen und befassen wollen.
Raul Hilberg: Die Quellen des Holocaust. Entschlüsseln und Interpretieren.
Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 2002.
Kurt Schilde
<<Zurück
zur Übersicht
Vom Abwehr- zum Gesinnungsverein: Der Centralverein deutscher
Staatsbürger jüdischen Glaubens
Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (CV) wurde im März
1893 zur Abwehr des Antisemitismus gegründet. Die Geschichte dieses bis zur
Auflösung nach den Pogromen im November 1938 existierenden Verbandes hat der
renommierte israelische Historiker Avraham Barkai erst schreiben können, nachdem
das Archiv des Berliner Hauptbüros des CV in einem bis 1990 geheim gebliebenen
Moskauer Sonderarchiv auftauchte. Als weitere wichtige Informationsgrundlage
dienten Zeitschriften und Publikationen des Vereins sowie Erinnerungen führender
Leute. Diese entstammten wie meisten Mitglieder dem "mittleren und gehobenen
Bürgertum" (S. 370) und erstrebten eine doppelte Identität als deutsche Juden
oder jüdische Deutsche. Für die "vaterländischen" CV-Angehörigen waren die
prominent auftretenden linken Politiker jüdischer Abstammung "eine kleine, von
den meisten Juden ängstlich oder ablehnend beobachtete Gruppe" (S. 102). Diese
Sichtweise änderte sich erst, als sich immer deutlicher herausstellte, dass in
den konservativ-nationalen Parteien antisemitische Tendenzen zunahmen. Es fanden
leichte Annäherungen an die SPD und insbesondere zum Reichsbanner
Schwarz-Rot-Gold statt, der oft den Saalschutz für CV-Veranstaltungen stellte.
Durch Versuche der diskreten Einflussnahme auf die Politik und Rechtsprechung,
Erziehungswesen und Publizistik sowie - vor allem in der Anfangszeit - Prozesse
gegen antisemitische Vorwürfe zeigte sich der CV als Abwehrverein. In dessen
Führung agierten viele Rechtsanwälte, die sich an der Rechtsschutzarbeit
beteiligten. Um die Jahrhundertwende bearbeitete eine Kommission jährlich über
einhundert Gerichtsfälle. Aber von vereinzelten Erfolgen abgesehen waren die
Erfolge der gerichtlichen Auseinandersetzungen um die Widerlegung von Angriffen
gegen die jüdische Religion und deren Schrifttum nur äußerst marginal. Dies lag
wesentlich an der Voreingenommenheit der deutschen Justiz, was ein im Herbst
1922 gefälltes Urteil demonstriert: Ein Redakteur der NS-Parteizeitung
Völkischer Beobachter wurde in einem Beleidigungsprozess relativ milde bestraft,
weil er aus "Parteileidenschaft" gehandelt habe und die "Verunglimpfung
politischer Gegner allgemeine Unsitte" geworden sei. (S. 110)
Schon in den ersten Jahren und dann zunehmend aufgrund des Drucks
antisemitischer Personen und Organisationen und einer Ideologisierung
öffentlicher Diskurse entwickelte sich der CV vom bloß defensiven Abwehrverein
zu einem Gesinnungsverein, zur positiven Bejahung des Judentums. Für viele
Mitglieder wurde er zu einem Ort der Auseinandersetzung über religiöse und
säkulare Fragen und zu ihrer Identitätssuche zwischen Deutschtum und Judentum.
Der wichtigste Diskussionspartner wurde die 1897 gegründete Zionistische
Ver-einigung für Deutschland, die einen radikalen Palästinozentrismus vertrat.
Die Gegenposition dazu formulierte ein führender CV-Funktionär so: "Palästina
ist uns ein fremdes Land, nach dem uns keine Sehnsucht zieht." (S. 137) So
zeigte die grundsätzliche Auseinandersetzung einen unüberbrückbaren Gegensatz
zwischen beiden Organisationen. Verschärft wurde die antizionistische
Radikalisierung des CV durch einen ideologischen Zweifrontenkampf gegen die
Zionisten auf der einen und den rechtsextremen Verband nationaldeutscher Juden
auf der anderen Seite.
Zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft 1933 zeigten sich in der
Führung sowie unter den Mitgliedern Verunsicherungen und mehr und mehr schwanden
die Hoffnungen für eine jüdische Existenz in Deutschland. Jetzt mussten auch die
vaterländisch Gesinnten die "Aussichtslosigkeit ihrer Ideale und Sehnsüchte" (S.
351) erkennen. 1935 wurde nach den Nürnberger Gesetzen der Name in Jüdischer
Zentralverein geändert. Einige Mitglieder wandten sich dem Zionismus zu,
wanderten nach Palästina oder andere aufnahmebereite Länder aus. Vielen wurden
Opfer des Holocaust und wie führende CV-Angehörige - einige in biografischen
Skizzen vorgestellt - in Vernichtungslagern ermordet. Diejenigen Führungskader,
die Deutschland lebend verlassen konnten, verstreuten sich über verschiedene
Kontinente. Deshalb sind Versuche, die Geschichte des CV zu schreiben, auch
misslungen.
Avraham Barkai: "Wehr Dich!" Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen
Glaubens (C.V.) 1893-1938. München: Beck, 2002.
Kurt Schilde
<<Zurück
zur Übersicht
Chronologie des Dritten Reiches
Wer sich zukünftig mit der Geschichte des nationalsozialistischen Deutschlands
beschäftigen will und sich für das chronologische Umfeld bestimmter Ereignisse
interessiert, ist mit diesem Buch gut bedient.
Die aufgeführten Ereignisse der Jahre 1930 bis 1933 verdeutlichen, wie es zu der
Machtübernahme kam: Das Scheitern der Weimarer Republik und der Aufstieg der
NSDAP werden durch die steigenden Arbeitslosigkeitszahlen, die Konferenzen über
die von Deutschland zu leistenden Reparationen und die Unfähigkeit der
politischen Kräfte, eine stabile politische und wirtschaftliche Entwicklung zu
schaffen ebenso erklärbar, wie durch den schrittweisen Aufstieg der NSDAP. Als
Beispiel sei auf die am 23. Januar 1930 erfolgte Einsetzung des ersten
nationalsozialistischen Ministers hingewiesen: Wilhelm Frick wurde Minister für
Inneres und Volksbildung in Thüringen. Dessen Karriere lässt sich über das
Personenregister weiter verfolgen, wie das Wirken von Göring, Himmler oder
Goebbels. Nur Hitler wurde wegen der Häufigkeit nicht in das Register
aufgenommen.
Nicht nur die NS-Herrscher werden angesprochen, sondern auch die
Oppositionellen, wie Georg Elser, Robert Uhrig oder Beppo Römer. -Allerdings
gibt es auch Falschinformationen, wie am 10.11.1944: "Dreizehn Mitglieder der
Widerstandsgruppe ‚Edelweißpiraten' werden in Köln hingerichtet." (S. 111) Hier
nahm Tofahrn offensichtlich aktuellere Forschungsergebnisse nicht zur Kenntnis.
Leider gibt es auch noch andere Fehler, z.B. auf Seite 18 in dem Beitrag
"Hitlers erstes Kabinett", bei dem die Amtszeit des Reichsfinanzministers, des
Grafen Schwerin von Krosigk falsch als vom 30. Januar 1933 bis 29. Juni 1933
während angegeben wird. Dieser Mann war bereits vor Hitler im Amt, regierte mit
Hitler und leitete schließlich auch nach Hitlers Tod als Geschäftsführender
Minister die Regierung Dönitz im Frühjahr 1945. Dies wird auf Seite 119 auch
richtig benannt. Solche und andere Fehler wären vermeidbar gewesen.
Grundsätzlich ist aber festzustellen, dass die akribische Zusammenstellung sehr
gut ist. In die Chronologie eingefügt sind kurze Artikel beispielsweise über den
Reichstagsbrand, die Errichtung der ersten Konzentrationslager, die
"Gleichschaltung", den Volksgerichtshof, die Nürnberger Gesetze, den
Vierjahresplan, die Reichspogromnacht oder die "Weiße Rose". Neben dem
angesprochenen Personenregister sind auch das Sachregister, die
Auswahlbibliographie und vor allem die weit über hundert Kurzbiografien von A
wie Adenauer bis Z wie Stefan Zweig hervorzuheben.
Abschließend ist aber noch zu fragen, warum auf den ausführlichen einführenden
Beitrag von Peter Steinbach zur Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich in
Deutschland nach 1945 in Kultur und Wissenschaft nicht auf der Titelseite
hingewiesen wird. Zurecht betont Steinbach, dass der Verfasser der Chronik mehr
zusammengetragen hat als die Daten wichtiger Ereignisse. Ihm geht es um eine
"Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit unter Beachtung einer
politischen Zielrichtung". Tofahrn hat durch die "Konfrontation mit den Fakten"
einen "Beitrag zur Überwindung rechtsextremistischen Denkens" (S. XXII)
geleistet.
Klaus W. Tofahrn: Chronologie des Dritten Reiches. Ereignisse, Personen,
Begriffe. Mit einem einführenden Beitrag von Peter Steinbach. Darmstadt: Primus,
2003.
Kurt Schilde
<<Zurück
zur Übersicht
Juden in Chemnitz
Das erste Buch zur Geschichte der Juden in Chemnitz erschien 1970 in
Frankfurt am Main, wo sich Adolf Diamant, ein gebürtiger Chemnitzer, zu Beginn
der 1950er Jahre niedergelassen hatte. Es folgten Chroniken zur Geschichte der
Juden in Zwickau (1971), in Dresden (1973), in Leipzig (1993) und in Annaberg im
Erzgebirge (1995). Im Kontext dieser Besprechung, in der drei jüngst
erschienene Arbeiten zu Chemnitz vorgestellt werden, soll zumindest erwähnt
werden, dass dem Autor auch erste Bestandsaufnahmen zu den beim Novemberpogrom
1938 in Deutschland zerstörten Synagogen (1978) und jüdischen Friedhöfen (1982
und 2000) sowie die beiden Deportationsbücher der aus Frankfurt am Main und
Leipzig gewaltsam verschickten Juden (1984 und 1991) zu verdanken sind.
1999 erschien als Ergebnis jahrzehntelanger Forschungen die beinahe 800 Seiten
starke Dokumentation zur Gestapo Chemnitz und den Gestapoaußenstellen Plauen
im Vogtland und Zwickau. Wie umfangreich diese Forschungen waren, bestätigen die
im Anhang aufgelisteten rund 250 Archive, Bibliotheken, Behörden und
Institutionen. Das Konzept der Dokumentation gleicht den bereits 1998 bzw. 1990
vorgelegten Bänden zur Gestapo Frankfurt am Main und Leipzig. Nach einer
detaillierten Darstellung der Gestapodienststellen und ihres Personals folgt der
chronologische Bericht der Verfolgungsaktivitäten dieser verbrecherischen
Organisation, dargestellt an den unterschiedlichsten Quellen. Viele dieser
Dokumente sind in gut lesbarer Form abgedruckt. Kein Bereich der
Gestapo-Aktivitäten bleibt ausgeklammert: Dokumentiert werden die Verfolgung
der politischen Gegner, der Zeugen Jehovas, der Juden, der Sinti und Roma, der
Homosexuellen, der Kirchen, der Freimaurer, die Repressionen gegen
ausländische Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge, um nur einige
Aspekte zu nennen. Bei dieser Fülle des aufbereiteten Materials sind die drei
Register - Sachbegriffe, Personen, Orte - äußerst hilfreich. In seinem Vorwort
schreibt Diamant: "Beim Studium der vorliegenden Arbeit könnte beim Lesen der
Eindruck entstehen, daß ich mich vorwiegend mit der Dokumentation zur
Verfolgung von Kommunisten und Juden befaßt habe. Diese Annahme ist irrig. Wie
bekannt, waren in allererster Linie die Kommunisten die Hauptgegner der
Nationalsozialisten, dann folgten Sozialdemokraten, Gewerkschafter usw. Die
Ausrottung der Juden war aber oberste Doktrin des Naziregimes." So gehören das
Jahr 1938 (mit der Ausweisung der sowjetischen Juden im Januar, der polnischen
Juden im Oktober und dem Novemberpogrom) und die Jahre 1941-1943 (Einrichtung
von "Judenhäusern", Zwangsarbeit für Juden, Deportationen) zu den
umfangreichsten Abschnitten. Von besonderer Bedeutung ist das nicht in die
Chronologie integrierte, knapp 200 Seiten umfassende Kapitel "Recherchen und
Informationen über den antifaschistischen Widerstand und den Einsatz von
Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen sowie KZ-Häftlingen in Städten und Gemeinden
der Staatspolizeistelle Chemnitz mit den Stapoaußenstellen Plauen i.V. und
Zwickau". Im Zusammenhang mit seinen Forschungen stellte Diamant 1995 auch eine
Strafanzeige gegen Gestapobeamte von Chemnitz und Zwickau, die größtenteils
wegen "Verjährung der Straftaten" nicht weiterverfolgt wurde.
"Dem Gedenken an die fast 800 Chemnitzer Ostjuden, die in den Jahren von
1939-1945 barbarisch ermordet wurden", widmet Adolf Diamant das schmale Buch
"Ostjuden in Chemnitz", das 2002 anlässlich der Einweihung des neuen Jüdischen
Gemeindezentrums und der Synagoge in Chemnitz erschien. Kenntnisreich schildert
er die soziale Lage, die religiösen und kulturellen Einrichtungen dieser ab 1900
vor Pogromen aus Rumänien, Österreich-Galizien, Rußland und Polen nach Chemnitz
geflüchteten Menschen und beschreibt "die unendlich tiefe Kluft zwischen den
Ostjuden und den deutschen Juden" in der damaligen Zeit. Hilfe zur Auswanderung
erhielten Ostjuden ab 1933 vor allem von zionistischen Organisationen: die lange
und gefahrvolle Reise nach Palästina begann mit dem illegalen Überqueren der
Grenze im Erzgebirge in Richtung Tschechoslowakei. Mindestens 788 ostjüdische
Männer, Frauen und Kinder wurden aus Chemnitz deportiert und ermordet.
Anlässlich der Einweihung der Neuen Synagoge erschien auch ein Stadtführer mit
dem Titel "Spurensuche: Jüdische Mitbürger in Chemnitz - Stätten ihres Lebens
und Wirkens - Orte der Erinnerung", herausgegeben vom Stadtarchiv Chemnitz.
Neben einer Vielzahl jüdischer Einrichtungen und Geschäfte wird darin auch an
bekannte Persönlichkeiten erinnert: an den Opernsänger Richard Tauber, die
Schriftsteller Stefan Heym und Stephan Hermlin und den
SPD-Reichstagsabgeordneten Ernst Heilmann. An dieser sehr übersichtlich und
grafisch anspruchsvoll gestalteten Broschüre ist besonders bemerkenswert, dass
sie auch den keineswegs immer respektvollen Umgang mit den Stätten jüdischen
Lebens zu DDR-Zeiten (vergleichbares gab es leider auch in der alten
Bundesrepublik) beschreibt, so z.B. an der Überbauung des ehemaligen Standorts
der Synagoge am Stephansplatz. Nach den Vorstellungen der kleinen Gemeinde der
Überlebenden des Holocaust sollte hier bereits zum 9. November 1947 ein Mahnmal
errichtet werden. Es dauerte jedoch bis zum November 1988, bis zum 50. Jahrestag
der Zerstörung der Synagoge, bis hier eine Gedenkstele enthüllt werden konnte.
Adolf Diamant: Gestapo Chemnitz und die
Gestapoaußenstellen Plauen i.V. und Zwickau. Zur Geschichte einer
verbrecherischen Organisation in den Jahren 1933-1945. Dokumente - Berichte -
Reportagen. Chemnitz: Verl. Heimatland Sachsen, 1999.
Adolf Diamant: Ostjuden in Chemnitz 1811-1945. Eine Dokumentation
anläßlich der Einweihung des neuen Jüdischen Gemeindezentrums und der Synagoge
in Chemnitz. Chemnitz 2002
Spurensuche: Jüdische Mitbürger in Chemnitz - Stätten ihres Lebens und Wirkens -
Orte der Erinnerung. Herausgegeben vom Stadtarchiv Chemnitz. Chemnitz 2002.
Ursula Krause-Schmitt
<<Zurück
zur Übersicht
Geschichtsmythen
Der Band vereint die überarbeiteten Vorträge einer Fachtagung gleichen Themas,
die von der Landeszentrale für Politische Bildung Thüringen und dem Berliner
Zentrum für Antisemitismusforschung im April 2002 veranstaltet wurde. Anlass der
Tagung war die rapide Zunahme rechtsradikaler Aktivitäten in den neuen
Bundesländern, wo auf dem Substrat fremdenfeindlicher Einstellungen breiter
Bevölkerungskreise Cliquen gewaltbereiter Jugendlicher agieren, in loser
Verbindung untereinander sowie mit überregional tätigen Kadern. Gemeinsam ist
ihnen allen der Rückgriff auf Traditionslinien, Symbolik und Bildvorrat des
Nationalsozialismus sowie dessen Verharmlosung durch Hervorhebung seiner
angeblich positiven Seiten und Leugnung bzw. Relativierung seiner Verbrechen.
Die Beiträge dieses Buches demaskieren diesen "Geschichtsrevisionismus von
Rechts" und widerlegen seine zentralen Thesen Punkt für Punkt.
Einleitend weist Wolfgang Benz nach, dass es keine "jüdische Kriegserklärung" an
Deutschland gegeben hat, derzufolge der nationalsozialistische Genozid an den
Juden Europas nur "Notwehr" gewesen wäre, und auch dass der Vorschlag, alle
Deutschen zu sterilisieren, nicht ein "Kaufman-Plan" der US-Regierung war,
sondern die idée fixe eines einzelgängerischen Psychopathen. Ernster zu nehmen
war schon der in der US-Administration entstandene "Morgenthau-Plan"
(Entindustrialisierung und Zerstückelung Deutschlands). Obwohl er noch vor
Kriegsende in der Versenkung verschwand, dient er, wie Johannes Heil zeigt, dem
politischen Rechtsradikalismus als "Beweis" für eine "jüdische
Weltverschwörung", von der schon spätmittelalterliche Skribenten zu berichten
wussten und die auch heute noch in der antisemitischen Agitation, nicht nur in
Deutschland, sondern auch in den islamischen Ländern und denen Ostmitteleuropas
eine wichtige Rolle spielt.
Beate Kosmala entlarvt die Rede von der "Volksgemeinschaft", die angeblich im
Dritten Reich verwirklicht worden sei, als idealisierend verfälschte
Interpretation der historischen Realität. Michael Kohlstruck demontiert die
beschönigenden Selbstbilder zweier wichtiger Identifikationsfiguren der Neuen
Rechten, des angeblich "unpolitischen Technokraten" Albert Speer und des "reinen
Toren" Rudolf Hess, indem er aufzeigt, wie beide aktiv am Holocaust beteiligt
waren. Während es Juliane Wetzel bei der erdrückenden Fülle des Beweismaterials
leicht fällt, der "Auschwitzlüge" entgegen zu treten, muss Peter Widmann schon
etwas weiter ausholen, um schlüssig nachzuweisen, dass Hitler von Anfang seiner
politischen Karriere an den Krieg gewollt und seit der Machtübertragung 1933
bewusst auf ihn hin gearbeitet hat.
Das wohl heikelste Kapitel in der argumentativen Auseinandersetzung mit der
politischen Rechten (nicht nur den Radikalen) hatte sich Wolfgang Benz selbst
vorbehalten: Die "Kriegsverbrechen der Alliierten". Heikel aus dem Grunde, weil
im Kriegsvölkerrecht der Grundsatz des "tu quoque" gilt, der Aufrechnungen (etwa
"Dresden" gegen "Coventry") grundsätzlich zulässt. Benz lässt keinen Zweifel
(und nennt auch Beispiele), dass es auf beiden Seiten zu Kriegsverbrechen im
Sinne des Völkerrechts gekommen ist, sieht jedoch, was Anzahl und Schwere
anbetrifft, die Waagschale sich deutlich zu Ungunsten Deutschlands senken, was
wiederum dem von rechter Seite vorgebrachten Argument, es hätten zwar viele
deutsche, aber kaum ein alliierter Kriegsver-brecher vor Gericht gestanden,
seine Spitze nimmt.
Problematischer wird es bei Ereignissen, die nach Einstellung der
Kampfhandlungen stattfanden und weder logisch noch juristisch als
Kriegs-Verbrechen anzusehen sind: die jahrelange Zwangsarbeit deutscher
Kriegsge-fangener in Frankreich, Polen und vor allem der Sowjetunion sowie die
zwangsweise Umsiedlung ("Vertreibung") von ca. elf Millionen Deutschen, die
übergroße Mehrheit davon aus der CSR und Polen. Benz' berechtigte Hinweise auf
den historischen "Kontext ..., die Rolle der Sudetendeutschen Partei ...
zwischen 1933 und 1938" und "die Methoden deutscher Okkupationsherrschaft in
Polen" (S. 78) sind zwar hilfreich für das Verständnis der Reaktionen der
tschechischen und polnischen Bevölkerung 1945/46, können jedoch nicht die
Ausweisung der Deutschen aus den ehemals verbündeten Staaten Ungarn und Rumänien
begründen. Und inwieweit die Betroffenen und die mit deren Los sich
Solidarisierenden bereit sind, die Vertreibungen als gerechte Sühne für
sudeten-deutschen Irredentismus und terroristische NS-Besatzungspolitik in Polen
und Tschechien zu akzeptieren - wie ihnen oft empfohlen wird - und dies nicht
nur als eine andere Art von "Aufrechnung" ablehnen, muss offen bleiben, zumal
für die Betroffenen der "historische Kontext" nicht erst 1938/39 beginnt - man
denke etwa an die repressive Minderheitenpolitik der CSR und Polens (nicht nur
gegen Deutsche) in der Zwischenkriegszeit. Die Versäumnisse der deutschen
Linken, die aus political correctness die Themen "Kriegsgefangene" und
"Vertreibung" aus ihrem Diskurs ausgeklammert und dieses Feld kampflos der
Rechten überlassen hatte, erschweren es heute, hier gegen die Radikalen
argumentativ Terrain gut zu machen.
Im Schlussbeitrag zieht Peter Reif-Spirek Folgerungen aus dem Vorgetragenen für
die politische Bildungsarbeit mit Jugendlichen. Insbesondere geht es ihm dabei
um eine Neubestimmung des didaktischen Orts der NS-Gedenkstätten im Kampf gegen
den "Geschichtsrevisionismus von Rechts", dessen Vertreter ihre Lügen und
Verdrehungen ungehindert über das für Jugendliche als Informationsquelle immer
wichtiger werdende Internet verbreiten. Gedenkstättenbesuche könnten die
"Überzeugten" zwar nicht umstimmen. Sie seien aber eminent wichtig für
diejenigen, die ihren Standort noch suchen. Sie müssten dafür jedoch über die
Illustration schulischen Wissens zum Nationalsozialismus hinaus in einen breiten
Lernkontext integriert werden, in welchem "Verbindungslinien zu aktuellen
Diskriminierungserfahrungen" aufgezeigt würden - also, wie es die klassische
Didaktik fordert: die Jugendlichen dort abholen, wo sie stehen. "Erst wenn
dieser Aktualitätsbezug hergestellt wird, kann von politischem Lernen gesprochen
werden" (S. 159). Für den nächsten Schritt, die Widerlegung der Geschichtsmythen
über den Nationalsozialismus, bietet der vorliegende Band viel und grundlegendes
Material. Er sollte in keiner Schulbibliothek fehlen.
Wolfgang Benz und Peter Reif-Spirek (Hg.): Geschichtsmythen. Legenden über
den Nationalsozialismus. Berlin: Metropol, 2003
Joachim Neander
<<Zurück
zur Übersicht
Deutsch-polnische Verständigung
Das Verständnis zwischen Deutschen und Polen ist für die Zukunft Europas von
besonderer Bedeutung. Eine Voraussetzung dafür sind die Kenntnis und kritische
Auseinandersetzung mit der stark belasteten Geschichte deutsch-polnischer
Beziehungen im 20. Jahrhundert, insbesondere in der Zeit, als in Deutschland die
NS-Diktatur herrschte. Vor allem gilt es die Jugend in diesem Sinne zu
beeinflussen. Zu den Wissenschaftlern, die sich in den letzten Jahren verstärkt
dafür eingesetzt haben, gehört der Paderborner Erziehungswissenschaftler
Wolfgang Keim. Jüngster Beleg dafür ist der Sammelband "Vom Erinnern zum
Verstehen". Die Idee dazu entstand auf einem im November 2001 an der Universität
Paderborn veranstalteten Symposium. Der Band enthält neben einer Einleitung und
einer Auswahlbibliographie des Herausgebers 26 Beiträge von an Universitäten und
Schulen, Jugendbegegnungsstätten und Erinnerungsorten nazistischer Verbrechen
Tätiger. Neun Autoren kommen aus Polen.
Das Buch ist in fünf Teile gegliedert. Einleitend äußern sich die Professoren
Hans-Jochen Gamm und Christa Uhlig zu "Internationale Verständigung - ein
Aufgabenfeld der Pädagogik". Gamm bietet Interessantes über den Platz von Johann
Amos Comenius für den Aufbau europäischer Pädagogik. Es schließen drei Beiträge
an, in denen versucht wird, die deutsch-polnischen Beziehungen rückblickend zu
analysieren und den gegenwärtigen Stand zu erfassen. Eine zentrale Stellung
nimmt der Teil III ein "Kinder als Opfer von Rassismus und Völkerhass -
vergessene Perspektiven der Pädagogik". Von den acht Texten seien hervorgehoben
von Wolfgang Keim "Kinder als Opfer von Rassismus und Völkerhass im okkupierten
Polen - Voraussetzungen, Formen, Folgen", von Eugeniusz Cezary Król "Das geheime
Schulwesen im okkupierten Polen als Teil der Widerstandsbewegung: eine Chance
trotz allem" und von Ruta Sakowska "Das Elend der Kinder im Warschauer Ghetto".
Teil IV ist überschrieben "Erinnern und Gedenken - eine pädagogische Aufgabe".
In fünf Abhandlungen wird Einblick in Bereiche der Erinnerungsarbeit vorrangig
mit Jugendlichen gegeben. Besonders genannt sei die Untersuchung der Paderborner
Germanistin Juliane Eckardt "Das Polenbild der westdeutschen Kinder- und
Jugendliteratur seit Ende des Zweiten Weltkrieges". Im abschließenden V. Teil
"Vom Erinnern zum Verstehen - deutsch-polnische pädagogische Projekte" geben
acht Berichte Auskunft über die Praxis gegenwärtiger pädagogischer Tätigkeit.
Dies gilt u.a. für die deutsch-polnische Schulbuchkommission (K. Matußek), für
Studien- und Gedenkfahrten Berliner Schüler nach Polen (B.
Stollberg-Wol-schendorf), die Internationale Jugendbegegnungsstätte in Kreisau
(R. Bardzik-Milosz) und polnische Erfahrungen bei deutsch-polnischen
Jugendbegegnungen (K. Grocholewska/G. Kraycarz). Insgesamt bietet der Band
zahlreiche Anregungen für weitere Forschungen sowie für die Praxis der
Jugendarbeit und Erwachsenenbildung.
Wolfgang Keim (Hrsg.): Vom Erinnern zum Verstehen. Pädagogische
Perspektiven deutsch-polnischer Verständigung. Frankfurt am Main: Peter Lang,
2003.
Karl Heinz Jahnke
<<Zurück
zur Übersicht
Zur Rolle der Jugend auf dem Weg ins Dritte Reich
Im Juni 1934 erschien in Paris das Buch des 25-jährigen deutschen
Germanistikstudenten Ernst Erich Noth "La Tragédie de la Jeunesse allemande".
Noth hatte in Frankfurt am Main studiert und war Anfang März 1933 nach dem
Reichstagsbrand ins Exil gegangen. Als früheres Mitglied des Sozialistischen
Schülerbundes und vor allem als Autor des 1931 erschienenen Romans "Die
Mietskaserne" stand er auf den schwarzen Listen der braunen Machthaber. Der
Herrschaftsantritt der NSDAP hatte ihn stark erschüttert. Schon bald nach seiner
Ankunft in Frankreich begann er an dem Buch zu arbeiten. Seine Absicht war, den
französischen Lesern Antwort auf Fragen wie: Warum kam Hitler an die Macht? Wie
konnte es geschehen? zu geben. Es ist das Verdienst des Frankfurter glotzi
verlags, 68 Jahre später das Buch erstmalig in deutscher Sprache zu publizieren.
Im Zentrum der Darstellung stehen die Rolle der deutschen Jugend bei der
Machtübernahme durch den Hitlerfaschismus und die sich andeutenden Folgen dieser
grundlegenden Zäsur für die junge Generation. Das Buch hat zwei Teile: "Der Weg
zu Hitler" und "Die Rückkehr zur Kaserne". Der Autor vertritt die These, dass
die Jugend maßgeblichen Anteil an der Errichtung der NS-Diktatur in Deutschland
hatte. Den Jugendbegriff fasst er sehr weit. Er unterscheidet dabei zwischen der
Kriegsteilnehmergeneration und der Nachkriegsgeneration. Noth bezieht ca. 25
Millionen in Deutschland Ansässige im Alter zwischen 20 und 40 Jahren in seine
Betrachtungen ein. An zahlreichen Tatsachen belegt er, dass aus diesen Kreisen
der größte Teil der Führer und Anhänger der NSDAP kam. Interessant sind auch
Überlegungen zu den Beziehungen zwischen der bürgerlichen Jugendbewegung und dem
Aufstieg der NSDAP.
Im zweiten Teil werden aufschlussreiche Voraussagen darüber getroffen, welche
Folgen die Errichtung des Hitlerregimes für die Jugend haben werde. Wenn auch
manche Aussage später durch die Forschung erweitert oder wiederlegt worden ist,
stellt das Buch eine wesentliche zeitgeschichtliche Quelle dar, wenn über die
Ursachen und Folgen der NS-Zeit nachgedacht wird. Manche Aussagen sind noch
heute anregend. Dazu gehört z.B.: "Die national-sozialistische Partei war eine
junge Partei, nicht nur nach Dauer ihres Bestehens, sondern auch nach dem
durchschnittlichen Alter ihrer Anhängerschaft ... Die Jugend fand sich im
Nationalsozialismus bestätigt und anerkannt. Die besondere Bedeutung, die
Jugendfragen schon stets im deutschen Leben einnahmen, und die seit dem Wirken
der Jugendbewegung außerordentlich bewusste Generationsmystik kamen Hitler
zugute." (S. 103)
Obwohl das Hitlerregime erst knapp eineinhalb Jahre existierte, beeindrucken die
Voraussagen für die Zukunft. Besonders verwiesen sei auf den Exkurs "Jugend und
Literatur" im zweiten Teil. Er belegt, welchen vorrangigen Platz die Jugend in
der Literatur der Weimarer Republik eingenommen hat. Insgesamt handelt es sich
um eine anregende, nachdenklich stimmende Publikation.
Ernst Erich Noth: Die Tragödie der deutschen Jugend. Essay. Frankfurt am
Main: glotzi verlag, 2002.
Karl Heinz Jahnke
<<Zurück
zur Übersicht
Katholische Kirche im Dritten Reich
Der bekannte Kirchenhistoriker Georg Denzler hat erneut mit einem gewichtigen
Buch zur Haltung der katholischen Kirche im Dritten Reich die Aufmerksamkeit auf
sich gelenkt. Diese Thematik zählt in seinem wissenschaftlichen Werk zu den
zentralen Themen. Im Mittelpunkt des neuen Buches steht das Verhalten der
katholischen Kirche in den Jahren 1933 und 1945. Unter anderem wird der Frage
nachgegangen, inwieweit die Kirche in jener Zeit Widerstand geleistet hat.
Am Anfang gibt es als Einführung das Kapitel "Nationalsozialismus, Drittes Reich
und Kirche". Es schließen sich vier Teile an. Überblickscharakter trägt der
Abschnitt "Katholische Zugänge zum Nationalsozialismus". Nachfolgend wird am
Beispiel von vier Professoren, die zwischen 1933 und 1939 an der
Philosophisch-Theologischen Hochschule in Bamberg lehrten, die Haltung
theologischer Wissenschaftler zum NS-Staat und seiner Ideologie analysiert.
Einen zentralen Platz nimmt der dritte Teil ein. Anhand von acht biographischen
Porträts wird die unterschiedli-che Haltung von katholischen Geistlichen und
anderen Würdenträgern dargestellt Es entsteht ein differenziertes Bild.
Dargestellt wird das Schicksal der beiden vom Hiterregime ermordeten Gegner, der
Priester Franz Reinisch und Max Josef Metzger sowie des wegen Widerstands zu elf
Jahren Zuchthaus verurteilten Kaplans Dr. Joseph C. Rossaint und des aus
Deutschland ins Exil gezwungenen Priesters Georg Moenius, der sich von
Österreich, Frankreich und den USA aus mit dem Naziregime auseinandersetzte.
Besondere Beachtung verdient der Text über den Berliner Bischof Konrad Graf
Preysing, der zu den wenigen deutschen Bischöfen gehörte, die entschlossen der
Hitlerregierung entgegen-traten, wo die Interessen der Kirche verletzt wurden.
Berücksichtigung finden aber auch jene katholischen Geistlichen, die sich
frühzeitig der NSDAP anschlossen und deren Politik aktiv vertraten. Hierzu
gehören der Freisinger Priester Albert Hartl, der zum SS-Standartenführer
aufstieg und im Auftrage des Reichsicherheitshauptamtes viel für die
Unterordnung der Kirche unter die nationalsozialistische Gewaltherrschaft getan
hat. Eine ähnliche Rolle spielte der ehemalige Münchener Priester Josef Roth als
Ministerialdirigent im Reichsministerium für die kirchlichen Angelegenheiten.
Aufschlussreich ist auch die Skizze über den Augsburger Weihbischof Franz Xaver
Eberle, der mit dem Gauleiter der NSDAP Karl Wahl engen Kontakt gepflegt hat.
Der letzte Teil des Buches, der zusammenfassenden Charakter trägt, ist
überschrieben "Verdienst und Versagen, Verantwortung und Schuld". Denzler zieht
Bilanz und nimmt Bezug auf jüngste Entwicklungen in der katholischen Kirche. Zum
Fazit seiner Untersuchungen zählt: "Nicht die offizielle Kirche leistete also
Widerstand, es waren immer nur einzelne Christen, die ihrem Gewissen unbedingt
folgen wollten und dadurch in Konflikt mit der Autorität gerieten" (S. 264). Zum
Versagen des Klerus zählten das Schweigen zum Holocaust gegenüber den Juden und
die Befürwortung des Ver-nichtungskrieges Nazideutschlands. Stimmen des Protests
beschränkten sich weitgehend auf Übergriffe des NS-Staates gegenüber der
katholischen Kirche. Eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld
blieb nach 1945 weitgehend aus. Am Ende des Buches steht eine sehr kritische
Auseinandersetzung mit dem Werk von Daniel Jonah Goldhagen "Die Katholische
Kirche und der Holocaust".
Georg Denzler: Widerstand ist nicht das richtige Wort. Katholische
Priester, Bischöfe und Theologen im Dritten Reich. Zürich: Pendo Verlag, 2003.
Karl Heinz Jahnke
<<Zurück
zur Übersicht
Juristische Verfolgung von NS-Verbrechen
Hessen gehört zu den Bundesländern, in denen die Verfolgung von NS-Verbrechen am
besten dokumentiert ist. Dies belegt auch der von dem Generalstaatsanwalt a.D.
Friedrich Hoffmann vorgelegte Band zur Aufarbeitung der Geschichte im "doppelten
Sinne": die Aufarbeitung der strafrechtlichen Verfolgung von NS-Verbrechen ist
zugleich eine Form der Aufarbeitung der Vergangenheit.
Hoffmann geht zunächst auf das Kriegsende - sollte man nicht eher vom Ende des
national-sozialistischen Deutschland sprechen? - und den Neubeginn einer
rechtsstaatlichen Ordnung ein. Nachdem von den Alliierten alle deutschen
Gerichte aufgelöst worden waren, unterlag die strafrechtliche Verfolgung in
Hessen der US-Besatzungsmacht, bis ab Sommer 1945 die Gerichte wieder eröffnet
wurden. Richter, Staatsanwälte, Rechtsanwälte und Notare mussten sich nicht nur
der "Entnazifizierung" unterziehen, sondern einen zusätzlichen Fragebogen
ausfüllen. Dieser enthielt die Frage: "Wie können Sie die Tatsache erklären,
dass ehrbare Menschen wie Richter und Juristen jeder Art, die geschworen hatten,
das Recht und die Gesetze zu verteidigen, das deutsche Volk vor Unrecht und
Willkür zu schützen, ohne Protest zu Hitlers und Himmlers ‚Gestapo-Justiz'
übergingen?" (Hier bietet sich ein Forschungsthema geradezu an.)
Die Verfolgung der NS-Verbrechen beleuchtet Hoffmann gegliedert nach zehn
Komplexen: Es beginnt mit den NS-Gewaltverbrechen von 1933 bis 1939: der
Verfolgung politischer Gegner, dem sogenannten Röhm-Putsch und den Pogromen der
"Kristallnacht" im November 1938. Hier gab es seit Sommer 1945 zahlreiche
Urteile: 1945 fünf, 1946 weitere 28, 1947 noch einmal 50 Urteile. In den frühen
Jahren kam es nur selten zu Freisprüchen. Dies führt Hoffmann darauf zurück,
"dass die Angeklagten in den ersten Jahren nach dem Krieg noch unmittelbar unter
dem Eindruck ihrer Taten standen und Geständnisse ablegten." Die Darstellung ist
sehr materialreich, ebenso bei den weiteren Komplexen "Euthanasie"-Verbrechen,
Verbrechen in Konzentrationslagern, Massenvernichtungsverbrechen,
Auschwitz-Prozess, Judenverfolgung, Deportationen und weiteren
Gestapo-Verbrechen, Denunziationen, Verbrechen an Zwangsarbeitern, Verbrechen
der NS-Justiz und Verbrechen in der Endphase.
Ausführlich geht der Ex-Generalstaatsanwalt auf die Grundlagen und Probleme der
Strafverfahren und Strafvollstreckung ein. Dieses Kapitel ist - insbesondere für
Nicht-JuristInnen - mit großem Erkenntnisgewinn zu lesen. Er erläutert die
Probleme bei der Verjährung von NS-Verbrechen, der Einleitung von
Ermittlungsverfahren und den Hauptverfahren: Beweiserhebung und -würdigung,
Befehl und Befehlsnotstand, Mord oder Totschlag, Täter oder Gehilfe sowie
Strafmaß. In Bezug auf diese Fragen gab es immer wieder Vorwürfe an die Justiz,
ebenso wie in Beziehung auf die Verfahrensdauer, Strafvollstreckung und
Wiederaufnahmeverfahren.
In einem besonderen Kapitel wird auf Richter und Staatsanwälte eingegangen, in
dem sich der Autor mit dem Vorwurf auseinandersetzt, nach 1945 hätten die aus
der NS-Zeit belasteten Richter und Staatsanwälte weitergearbeitet. Er kommt zu
der Feststellung, dass dieser Vorwurf für Hessen nicht zutreffe.
Abschließend sei auf die im Anhang faksimilierten Dokumente, die
Quellenhinweise, das umfangreiche Literaturverzeichnis und das 17-seitige
Register hingewiesen.
Hoffmann hat eine materialreiche Dokumentation erarbeitet. Dafür wurden fast 300
Akten eingesehen. Im Ergebnis ist eine sehr informative und verständliche Arbeit
herausgekommen, die für Forscherinnen und Forscher eine große Hilfe darstellt.
Friedrich Hoffmann: Die Verfolgung der nationalsozialistischen
Gewaltverbrechen in Hessen. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2001.
Kurt Schilde
<<Zurück
zur Übersicht
Neue Forschungen zur Roten Hilfe
80 Jahre nach der Gründung der Roten Hilfe Deutschlands (RHD) liegen nun gleich
drei Neuerscheinungen vor, von denen zwei hier vorgestellt werden. Die dritte
Neuerscheinung - zugleich die erste Gesamtdarstellung der RHD von Nikolaus
Brauns - wird im Oktober 2003 ausgeliefert und in der nächsten Ausgabe der
"informationen" besprochen. Damit wird die jahrzehntelange Nichtbeachtung dieser
antifaschistischen Massenorganisation der Weimarer Republik - in der
bundesrepublikanischen Geschichtsschreibung weit stärker ausgeprägt als in der
Geschichtsschreibung der DDR - mit zum Teil neuen Fragestellungen beendet.
Der von Sabine Hering und Kurt Schilde herausgegebene Sammelband zur Roten Hilfe
trägt den Untertitel "Die Geschichte der internationalen kommunistischen
‚Wohlfahrtsorganisation' und ihre sozialen Aktivitäten in Deutschland
(1921-1941)". Die Beiträge sind in vier Abschnitte gegliedert: Die Organisation,
Soziale und pädagogische Praxis, Biografien und Dokumente. Obwohl sich die RHD
selbst nicht als "Wohlfahrtsorganisation" verstand, auch nicht der
"Reichsarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege" angehörte, sondern der
"privaten und kirchlichen Wohltätigkeit von jeher misstrauisch" gegenüberstand,
wird nach strukturellen und inhaltlichen Gemein-samkeiten mit bürgerlichen und
kirchlichen Wohlfahrtsorganisationen - wie der Caritas oder dem Roten Kreuz -
gefragt. Dabei entstehen auch absolute Schieflagen wie beispielsweise beim
Vergleich der Arbeit des Roten Kreuzes und der Roten Hilfe; es habe
"Gemeinsamkeiten" bei der Fluchthilfe für politisch Verfolgte gegeben: "Die Rote
Hilfe verhalf in den 1920er Jahren polizeilich gesuchten Kommunisten zur Flucht
in die Sowjetunion, und das Rote Kreuz organisierte nach 1945 ‚rat lines' für
NS-Verbrecher, die nach Südamerika entkommen konnten" (S. 33).
Die RHD verstand sich als eine "überparteiliche Hilfsorganisation zur
Unterstützung ... der proletarischen Klassenkämpfer, die wegen einer aus
politischen Gründen begangenen Handlung oder wegen ihrer politischen Gesinnung
in Haft genommen sind" sowie "der Frauen und Kinder von inhaftierten, gefallenen
oder invaliden Klassenkämpfern des Proletariats". Hinsichtlich der
"Überparteilichkeit" kommt Nikolaus Brauns zum Ergebnis, dass die Rote Hilfe auf
den mittleren und oberen Leitungsebenen von der KPD bestimmt wurde. Bis 1929
habe es einen "gewissen Spielraum" für "nichtkommunistische Aktivisten oder
kommunistische Kritiker der jeweiligen KPD-Führung" gegeben, danach habe sich
die Rote Hilfe nach "weitreichenden Säuberungen" zu einer "offenen Hilfstruppe"
der KPD gewandelt. Von "Überparteilichkeit" könne man lediglich im Hinblick auf
die "mehrheitlich nicht parteipolitisch gebundene Mitgliedschaft" und die
"juristische und materielle Unterstützung, die auch Angeklagten und Gefangenen
anderer Strömungen der Arbeiterbewegung" gewährt worden ist, sprechen.
Sowohl Brauns als auch Kurt Schilde sehen in den Fraktionskämpfen und damit
einhergehenden Ausschlüssen von Mitgliedern der KPD-Opposition, von Anarchisten
und Rätekommunisten die Ursache für eine weitgehende Schwächung der Roten Hilfe,
die sich angesichts des erstarkenden Faschismus um so tragischer auswirkte:
"1929 wurde ein Verlust von 19.300 ausgeschlossenen und ausgetretenen
Mitgliedern verzeichnet. Vor allem in den Augen parteiloser Arbeiter und linker
Intellektueller hatte die Rote Hilfe viel von ihrer Glaubwürdigkeit als
überparteiliche Organisation eingebüßt." (S. 78)
In ihrem Beitrag über die Kinderheime der Roten Hilfe geht Sabine Hering der
Frage nach "Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen den vom sozialistischen
bzw. kommunistischen Weltbild geprägten Kindererholungsheimen und solchen,
welche sich einer christlichen Weltanschauung verpflichtet haben", nach (S.
131). Die Quellenlage für diese Fragestellung erscheint jedoch als nicht sehr
ergiebig. Hering stützt sich u.a. auf eine "Auseinandersetzung" aus dem Jahr
1926 zwischen den Leitungen des "Barkenhofs" in Worpswede und des Kinderheims im
thüringischen Elgersburg um die Frage, "ob den Kindern im Sinne
reformpädagogischer Ideen Partizipation und Eigenverantwortlichkeit zugestanden
werden soll, oder ob sie nach den Regeln der klassischen Kindererholungsheime im
Rahmen eines zentralistisch geordneten Betriebs entlastet, gepäppelt und
gepflegt werden sollen" (S. 149). Etwas zugespitzt sieht sie in dieser
Auseinandersetzung "Vorschläge zur Entmachtung der Pädagogen und zum Sieg der
Ordnung"; wie sich der Vorstand der Roten Hilfe zu den aufgeworfenen Fragen
verhalten hat, lässt sich den Quellen nicht entnehmen.
Carola Tischler beschreibt in ihrem Beitrag "Die Gerichtssäle müssen zu
Tribunalen gegen die Klassenrichter gemacht werden" die Rechtsberatungspraxis
der RHD. Sie benennt auch Konflikte u.a. in der Wahl der angemessen
erscheinenden Prozesstaktik und kommt zu dem Ergebnis, dass trotz aller
Schwierigkeiten, den ständig steigenden Fällen und den hohen Kosten "die
Existenz und das Bemühen der Roten Hilfe ... den Eingekerkerten
Selbstbewusstsein und das Gefühl, von einem Teil der Gesellschaft gestützt zu
werden", verlieh (S. 130).
Im Abschnitt Biografien werden vorgestellt: Jelena Stassowa, die "Genossin
absolut" (Elena Resch), der Esslinger Metallarbeiter Eugen Schönhaar, der seit
1923 im Exekutivkomitee der Internationalen Roten Hilfe (IRH) arbeitete
(Nikolaus Brauns), die Schweizer Kommunistin und Mäzenin der IRH Mentona Moser
(Sabine Hering), Rosa Aschenbrenner aus München (Günther Gerstenberg), der
Jurist und Mitbegründer der RHD Felix Halle, der 1938 in Moskau den
stalinistischen Säuberungen zum Opfer fiel (Carola Tischler), Ella Ehlers,
Wirtschaftsleiterin auf dem "Barkenhof" und in Elgersburg (Sandra Schönauer)
sowie Helmut Schinkel, der 1924/1925 als Erzieher auf dem "Barkenhof" wirkte,
seit 1929 bei der Kommunistischen Jugendinternationalen in Moskau eingesetzt war
und dort am 10. Januar 1938 "wegen konterrevolutionärer Tätigkeit" zu acht
Jahren Straflager in Sibirien verurteilt wurde (Ulla Plener).
1933 gab es in Deutschland etwa 20.000 Rechtsanwälte, die, soweit sie "arisch"
waren, mit großer Mehrheit im "Bund Nationalsozialistischer Deutscher Juristen"
(ab 1938 in "Nationalsozialistischer Rechtswahrerbund" umbenannt) organisiert
waren. 4.394 Rechtsanwälte waren jüdischer Herkunft und wurden am 7. April 1933
durch die Einführung einer "Arierklausel" in das Rechtsanwaltsgesetz von ihrem
Beruf ausgeschlossen. Eine Minderheit, etwa 300 Rechtsanwälte, war in den Jahren
1924-1933 als Strafverteidiger in politischen Prozessen gegen Linke für die Rote
Hilfe Deutschlands (RHD) tätig, unter ihnen etwa 50 Rechtsanwälte in mehreren
Fällen und für einen längeren Zeitraum. Dieser "zu Unrecht (fast) vergessenen
Minderheit" versuchen Heinz-Jürgen Schneider, Erika und Josef Schwarz, ihre
Namen und ihre Biografien wiederzugeben. Der biografische Teil - als
Aufforderung zur Spurensuche verstanden - nimmt dementsprechend den größten Teil
des Buches ein (S. 68-305).
In den einleitenden Kapiteln liefern die Autoren einen kurzen Abriss zur
Geschichte der RHD, zur politischen Justiz 1919-1933, zu "Prozessen, Aktionen,
Kampagnen, Untersuchungsausschüssen" und zu Strategien der Selbstverteidigung
vor Gericht, deren Erarbei-tung und Propagierung zu einem Schwerpunkt der
Öffentlichkeitsarbeit der RHD gehörte. Immerhin standen besonders nach 1930 die
weitaus meisten Antifaschisten ohne Verteidiger vor Gericht. Die von Felix
Halle, dem Leiter der Juristischen Zentralstelle der RHD, erarbeitete Broschüre
"Wie verteidigt sich der Proletarier in politischen Strafsachen vor Polizei,
Staatsanwaltschaft und Gericht?" erschien 1931 bereits in der 4. erweiterten
Auflage "unter Berücksichtigung der Notverordnungen", war mit 100.000 verkauften
Exemplaren die am weitest verbreitete Broschüre und ist im Anhang als Faksimile
wiedergegeben (S. 315-362). Auch das Ende der legalen Tätigkeit der RHD - mit
Berufsverboten, Verhaftungen und Ausbürgerungen - und der Weiterführung der
Arbeit im Untergrund (die letzten Gruppenprozesse gegen Mitglieder der Roten
Hilfe fanden 1937/1938 statt) wird kurz und ohne Anspruch auf Vollständigkeit
gestreift.
Hinsichtlich der Namen der etwa 300 Rechtsanwälte der RHD werteten die Autoren
vor allem im SAPMO-Archiv aufbewahrte Unterlagen (beispielsweise eine
Aufstellung "Geleistete Zahlungen und eingegangene Rechnungen der Rechtsanwälte"
aus dem Jahr 1931 oder das 1930 veröffentlichte Handbuch "Rote Helfer") aus und
ergänzten die Angaben durch weitere Recherchen jeweils vor Ort. Leider konnten
die Autoren so zentrale Nachschlagewerke wie das Biographische Handbuch der
deutschsprachigen Emigration nicht zu Rate ziehen. Von vielen ist nach wie vor
lediglich der Name bekannt.
Ohne "Anspruch auf Wertung" werden vier Anwaltsgruppen beschrieben: Zum ersten
die Gruppe der politisch links eingestellten Anwälte (meist KPD, seltener SPD
oder SAP), die unmittelbar im Auftrag der RHD in politisch wichtigen Prozessen
die Verteidigung übernahmen und auch außerhalb ihrer Anwaltstätigkeit im
antifaschistischen Kampf aktiv waren. Eine zweite kleinere Gruppe sei "aus
Motiven ihrer republikanischen Gesinnung" in politischen Prozessen als
Verteidiger aufgetreten und habe nur im Rahmen dieser Prozesse in Verbindung mit
der Roten Hilfe gestanden. Die dritte wohl größte Gruppe stellten jene Anwälte,
die ständig mit einem Rechtsschutzauftrag in die Arbeit der RHD einbezogen
waren; eine vierte Gruppe sei nur gelegentlich mit der Vertretung vor Gericht
beauftragt worden; hierbei spielten Fragen der Zulassung vor den jeweiligen
Gerichten eine Rolle. Regional betrachtet war vor allem Berlin mit 62 für die
RHD tätigen Anwälten ein Schwerpunkt, gefolgt von München (10),
Königsberg/Ostpreußen (6), Breslau, Cottbus, Dresden,
Hirschberg/Niederschlesien, Leipzig und Stuttgart (je 5 Anwälte). 60% der für
die Rote Hilfe tätigen Anwälte waren Juden.
In seinem Vorwort benennt Heinrich Hannover, bekannter linker Strafverteidiger
in der alten Bundesrepublik, zwei Gründe, weshalb Anwälte der RHD in
Vergessenheit geraten konnten: "Mit den Verteidigern hatten beide deutschen
Nachkriegsstaaten ihre Schwierigkeiten. Nicht nur, weil sie ganz überwiegend
Juden oder jüdischer Abstammung waren und antisemitische Geisteshaltungen hier
wie dort fortwirkten oder wiederkamen. Auch soweit sie Kommunisten waren,
erinnerte man sich ihrer sowohl im Westen wie im Osten nicht gerne, weil man
nicht über sie reden kann, ohne auch der schwärzesten Abschnitte deutscher und
sowjetischer Geschichte zu gedenken. Denn die Lebensläufe vieler Angeklagten und
ihrer Verteidiger endeten in Gefängnissen und Todeslagern. Und zwar, was für
alle freiheitlich gesinnten Sozialisten besonders empörend ist, nicht nur in den
Hitlers, sondern auch in denen Stalins."
Heinz-Jürgen Schneider, Erika Schwarz, Josef Schwarz: Die Rechtsanwälte
der Roten Hilfe Deutschlands. Politische Strafverteidiger in der Weimarer
Republik. Geschichte und Biografien. Bonn: Pahl-Rugenstein, 2002.
Sabine Hering, Kurt Schilde (Hg.): Die Rote Hilfe. Die Geschichte der
internationalen kommunistischen "Wohl-fahrtsorganisation" und ihrer sozialen
Aktivitäten in Deutschland (1921-1941). Opladen: Leske + Budrich, 2003.
Ursula Krause-Schmitt
<<Zurück
zur Übersicht
<<Zurück
zum Heft "informationen" Nr. 58
|