Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945 e.V.

Buchbesprechungen "informationen" Nr. 58, November 2003

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Übersicht
"Aus dieser Herkunft und Tradition beziehen wir unsere Kraft."
Daweli Reinhardt, Joachim Hennig: Hundert Jahre Musik der Reinhardts. Daweli erzählt sein Leben. Koblenz: Verl. Dietmar Fölbach, 2003

Ursula Krause-Schmitt >>Mehr dazu

Der Völkermord an Sinti und Roma im von der Wehrmacht besetzten Europa
Romani Rose (Hg.): Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma. Katalog zur ständigen Ausstellung im Staatlichen Museum Auschwitz. Heidelberg: Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, 2003
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Zur Rezeption des deutschen Widerstandes
Gerd R. Ueberschär (Hg.): Der deutsche Widerstand gegen Hitler. Wahrnehmung und Wertung in Europa und den USA. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2002.
Joachim Neander
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Überleben im Untergrund
Mark Roseman: In einem unbewachten Augenblick. Eine Frau überlebt im Untergrund. Berlin: Aufbau, 2002.
Jana Mikota
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Biografie eines Judenretters
Douglas K. Huneke: In Deutschland unerwünscht. Herman Gräbe. Biographie eines Judenretters. Lüneburg: zu Klampen, 2002.
Jana Mikota
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Jugend unter der NS-Diktatur 1933-1945
Karl Heinz Jahnke : Jugend unter der NS-Diktatur 1933-1945. Eine Dokumentation. Rostock: Ingo Koch Verlag, 2003.
Günter Judick >>Mehr dazu
"Wenn wir weg sind, ist alles nur noch Geschichte"
Kerstin Amthor, Ulrike Huber, Thomas Käpernick (Hg.): Wenn wir weg sind, ist alles nur noch Geschichte. Die Erinnerung von Überlebenden. Emmendingen: Verlag die brotsuppe, 2002.
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Zwangsarbeit in Wiesbaden 1939 bis 1945
Hedwig Brüchert: Zwangsarbeit in Wiesbaden. Der Einsatz von Zwangsarbeitskräften in der Wiesbadener Kriegswirtschaft 1939-1945. Mit einem Beitrag von Kerstin Kersandt. Hrsg.: Magistrat der Landehauptstadt Wiesbaden - Stadtarchiv (Schriften des Stadtarchivs Wiesbaden, Bd. 8). Wiesbaden 2003.

Renate Knigge-Tesche >>Mehr dazu
Wie aus Deutschen Nazis wurden
Peter Fritsche: Wie aus Deutschen Nazis wurden. Zürich, München: Pendo-Verlag, 1999.
Wolfgang Janz >>Mehr dazu
Blick in den Abgrund - zur Aktualität zeitgenössischer Berichte
Erwin Eckert, Emil Fuchs - Blick in den Abgrund. Das Ende der Weimarer Republik im Spiegel zeitgenössischer Berichte und Interpretationen. Herausgegeben von Friedrich-Martin Balzer und Manfred Weißbecker. Bonn: Pahl-Rugenstein Nachf., 2002

Ulrich Schneider >>Mehr dazu
Das jüdische Frauenaußenkommando der Gelsenberg Benzin AG
Marlies Mrotzek: Das KZ-Außenlager der Gelsenberg Benzin AG. Fernwald: Germinal, 2002

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Quellen des Holocaust zum Sprechen bringen
Raul Hilberg: Die Quellen des Holocaust. Entschlüsseln und Interpretieren. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 2002.
Kurt Schilde >>Mehr dazu
Vom Abwehr- zum Gesinnungsverein: Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens
Avraham Barkai: "Wehr Dich!" Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (C.V.) 1893-1938. München: Beck, 2002.
Kurt Schilde >>Mehr dazu
Chronologie des Dritten Reiches
Klaus W. Tofahrn: Chronologie des Dritten Reiches. Ereignisse, Personen, Begriffe. Mit einem einführenden Beitrag von Peter Steinbach. Darmstadt: Primus, 2003.
Kurt Schilde >>Mehr dazu
Juden in Chemnitz
Adolf Diamant: Gestapo Chemnitz und die Gestapoaußenstellen Plauen i.V. und Zwickau. Zur Geschichte einer verbrecherischen Organisation in den Jahren 1933-1945. Dokumente - Berichte - Reportagen. Chemnitz: Verl. Heimatland Sachsen, 1999.
Adolf Diamant: Ostjuden in Chemnitz 1811-1945. Eine Dokumentation anläßlich der Einweihung des neuen Jüdischen Gemeindezentrums und der Synagoge in Chemnitz. Chemnitz 2002
Spurensuche: Jüdische Mitbürger in Chemnitz - Stätten ihres Lebens und Wirkens - Orte der Erinnerung. Herausgegeben vom Stadtarchiv Chemnitz. Chemnitz 2002.
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Geschichtsmythen
Wolfgang Benz und Peter Reif-Spirek (Hg.): Geschichtsmythen. Legenden über den Nationalsozialismus. Berlin: Metropol, 2003
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Deutsch-polnische Verständigung

AWolfgang Keim (Hrsg.): Vom Erinnern zum Verstehen. Pädagogische Perspektiven deutsch-polnischer Verständigung. Frankfurt am Main: Peter Lang, 2003.
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Zur Rolle der Jugend auf dem Weg ins Dritte Reich
Ernst Erich Noth: Die Tragödie der deutschen Jugend. Essay. Frankfurt am Main: glotzi verlag, 2002.
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Katholische Kirche im Dritten Reich

Georg Denzler: Widerstand ist nicht das richtige Wort. Katholische Priester, Bischöfe und Theologen im Dritten Reich. Zürich: Pendo Verlag, 2003.
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Juristische Verfolgung von NS-Verbrechen
Friedrich Hoffmann: Die Verfolgung der nationalsozialistischen Gewaltverbrechen in Hessen. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2001.
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Neue Forschungen zur Roten Hilfe
Heinz-Jürgen Schneider, Erika Schwarz, Josef Schwarz: Die Rechtsanwälte der Roten Hilfe Deutschlands. Politische Strafverteidiger in der Weimarer Republik. Geschichte und Biografien. Bonn: Pahl-Rugenstein, 2002.
Sabine Hering, Kurt Schilde (Hg.): Die Rote Hilfe. Die Geschichte der internationalen kommunistischen "Wohl-fahrtsorganisation" und ihrer sozialen Aktivitäten in Deutschland (1921-1941). Opladen: Leske + Budrich, 2003.
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"Aus dieser Herkunft und Tradition beziehen wir unsere Kraft."
Kenner des Sinti-Jazz geraten bei Stücken wie "Daweli's Valse" in Begeisterung. Der Gitarrist Daweli Reinhardt, 1932 in Wiesbaden geboren, hat nun im Alter von 71 Jahren sein Leben, das Leben seiner Familie und die Geschichte von 100 Jahren Musik der Reinhardts nachgezeichnet. In seinem Resümee schreibt er: "Ich bin sehr froh, dass es jetzt niedergeschrieben ist. Ich habe aus meinem Leben nie ein Hehl gemacht. Allerdings habe ich meinen Kindern kaum davon erzählt. Eher habe ich in den letzten Jahren meine Enkel informiert." Unterstützung bei dieser aufwühlenden Erin-nerungsarbeit bekam er von Joachim Hennig, der seit Jahren die Lebensläufe von Opfern des Nationalsozialismus aus Koblenz und Umgebung dokumentiert.

Die ersten zehn Jahre seines Lebens verbrachte Daweli Reinhardt in Koblenz. In Erinnerung blieben ihm die "Wegschaffung" Mitte 1938, als die Familie Reinhardt und andere Sinti-Familien die Stadt verlassen mussten, wenig später jedoch wieder zurückkommen durften und in einem ehemaligen Militär-Arresthaus und später auf der Feste Franz in Koblenz-Lützel festgesetzt wurden. Die Eltern bemühten sich, die immer drückender werdenden Maßnahmen gegen Sinti von ihren Kindern fernzuhalten. Mit positiven Gefühlen denkt er an die Zeit in der katholischen Volksschule und das gute Verhältnis zu Mitschülern und Lehrern. Als der Krieg begann, wurde der Vater eingezogen und diente bei einem Wachkommando auf der Festung Ehrenbreitstein; auch der ältere Bruder Lullo war Soldat. Noch vor den Deportationen in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, die im Frühjahr 1943 begannen, wurde Lullo in das KZ Dachau gebracht. Der Grund: Er unterwarf sich nicht den Nürnberger Rassengesetzen und lebte mit seiner Freundin, einer Nicht-Sintiza, zusammen.

Am 10. März 1943 wurde Daweli mit seiner ganzen Familie und weiteren Sinti-Familien, insgesamt 148 Frauen, Männer und Kinder, von Koblenz nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Über diesen Tag berichtet er, dass alle frühmor-gens aus der Feste Franz herausgetrieben und auf einem Platz gesammelt wurden. Als sich das Ereignis herumsprach, seien dorthin vor allem Mitschüler, aber auch Erwachsene gekommen, die Mitleid zeigten und ihnen etwas zu essen zusteckten.

Bei den grausamen Erinnerungen an Auschwitz-Birkenau und später Ravensbrück beschäftigt ihn immer wieder die Frage, wie er "diese Menschenquälerei, diese Schrecken und diesen Terror ... überleben und anderen Leidensgefährten beim Überleben helfen konnte".

Der damals Elfjährige wurde Lagerläufer; der Vater, ein Bruder und ein Cousin waren im Küchenkommando, so war es manchmal unter großen Gefahren möglich, etwas Brot zu Angehörigen und Freunden zu schmuggeln. Er sah seinen kleinen, drei Jahre alten Bruders sterben. "Sterben" - schreibt er - war in Auschwitz-Birkenau "ein Stück Normalität", der Ausdruck vermittele jedoch "auch nicht andeutungsweise das Ausmaß der Qual, des Elends, des Terrors und der Menschenverachtung".

Dass er und seine Familie - Vater, Mutter und sieben Geschwister - im Sommer 1944 von Auschwitz-Birkenau zur Zwangsarbeit nach Ravensbrück deportiert wurden, bezeichnet er als "großes Glück" und als "Erfolg des Widerstandes der Sinti", als diese sich im Mai 1944 "mit Spaten, Stangen und Steinen" gegen den ersten Versuch der SS wehrten, alle Häftlinge des "Zigeunerlagers" in den Gaskammern zu ermorden.
In Ravensbrück wurde die Familie getrennt: die Mutter kam mit den jüngeren Geschwistern in das Frauenlager, der Vater mit den drei älteren Söhnen in das Männerlager. Dennoch versucht die Familie, sich nicht aus den Augen zu verlieren. Ab und zu ist es möglich, etwas Brot oder "etwas für sie Organisiertes" über den Zaun, der beide Lager trennt, zu werfen - bis die SS befiehlt, einen Schilfzaun zwischen beiden Lagern errichten zu lassen. Daweli und sein Vater gehören zu jenem gefürchteten Kommando, das bei bitterster Kälte Schilf am Schwedtsee schneiden muss. Eine weitere Trennung erfolgt: der Vater und der älteste Bruder müssen in die Strafdivision Dirlewanger, zurück bleiben Busseno und Daweli.

"Ich muss einen Schutzengel bei mir gehabt haben. Das, was ich erlebt habe, will man gar nicht glauben": Die beiden Brüder müssen "auf Transport" in das KZ Sachsenhausen, überleben, auf sich allein gestellt, den Todesmarsch und treffen im Sommer 1945 in Koblenz ein. Dort, in der Feste Franz, sind bereits die Mutter und die jüngeren Geschwister, die die Verschleppung nach Mauthausen und in das KZ Bergen-Belsen überleben konnten. Nach einiger Zeit kehren auch der Vater und der Bruder Karl aus der Kriegsgefangenschaft zurück.
Die ersten Nachkriegsjahre gestalteten sich sehr schwer: fast alle arbeiteten zunächst als Artisten im Wanderzirkus eines Onkels, nachdem der Vater das Angebot, als unbelasteter ehemaliger KZ-Häftling in den Polizeidienst eingestellt zu werden, abgelehnt hatte. "Vielleicht" - so Daweli Reinhardt - "hatte er nach den vielen Jahren als Soldat und im Konzentrationslager einfach die Nase voll von Reglementierungen und wollte frei sein." Dann baute er mit seinen Söhnen einen Altwarenhandel auf. Daweli Reinhardt sieht in diesem Versuch, der Familie eine Existenzgrundlage zu sichern, "eine typische Situation für Randgruppen und Minderheiten, dass sie sich im Erwerbsleben Bereiche aussuchen müssen, die von der Mehrheitsgesellschaft aus welchen Gründen auch immer nicht besetzt werden."

Daneben gibt es die Liebe zur Musik: Anfang der 1950er Jahre machen Daweli und seine Brüder an den Wochenenden in Gastwirtschaften Tanzmusik. Anfang der 1960er Jahre entdeckt er auf der Suche nach musikalischer Weiterentwicklung den Sinti-Jazz des legendären, 1953 in Paris verstorbenen Django Reinhardt. Vor allem der Wallfahrtsort Illingen im Saarland wird zu einem wichtigen Treffpunkt unter Musikern: "Die Jüngeren wie ich hörten zu und spielten den Älteren nach, denn die wenigsten von uns - und das gilt auch für mich - konnten überhaupt Noten lesen." Daweli Reinhardt spielt in den folgenden Jahren als Sologitarrist im Schnuckenack Reinhardt Quintett (1967), im zusammen mit seinem Sohn gegründeten Mike Reinhardt-Sextett (1972) und schließlich 1988 im Daweli Reinhardt Quintett. Inzwischen ist bereits die Enkelgeneration auf der Bühne.

Lange Jahre lebt die Familie in den städtischen Elendsquartieren der Feste Franz. 1958 wird sie in einen Wohnblock mit 56 Unterkünften "umgesetzt" - zehn Personen in einer Drei-Zimmer-Wohnung: "Alles was wir in unseren ‚vier Wänden' hatten, war ein Waschbecken. Die Toilette war für die ganze Etage draußen auf dem Flur und im Keller befanden sich für alle Bewohner die Duschen. Ich habe mich schon damals gefragt, was sich der Architekt dieser Wohnblocks dabei gedacht hat. Alles war in gewisser Weise öffentlich, Intimität gab es nicht." 1977 bekam die Familie, unterstützt vom katholischen Arbeiterpriester Clemens Alzer, eine richtige Wohnung in Koblenz-Horchheim.

Daweli Reinhardt spricht "ohne Bitterkeit" das Verhalten der Mehrheitsgesellschaft nach 1945 an: "Eine ‚Wiedergutmachung' durch die Stadt, die uns schon 1938 eigenmächtig und ohne Erfolg los werden wollte, hat es nicht gegeben. Man hat uns weiter am Rande der Gesellschaft leben lassen."

Auf das Verhältnis von Minderheit und Mehrheitsgesellschaft kommt er in seinem Resümee noch einmal zurück: "Es ist für die Mehrheitsgesellschaft heute ‚keine Kunst', uns zu akzeptieren oder ‚auszuhalten'. Denn wir reisen nicht mehr in dem Maße von Ort zu Ort und betreiben unser Gewerbe. Gut 90 Prozent der Sinti in Deutschland sind hier sesshaft und viele von ihnen gehen einer allgemein anerkannten Arbeit nach ... Die Erklärung für diese Entwicklung der Anpassung, Assimilation oder Integration ist dabei für mich nur zweitrangig ... Ich akzeptiere das. Einmal, weil man einem solchen kräfti-gen Strom nicht standhalten kann. Und zum anderen - und das ist meine Erfahrung aus der Verfolgung in der NS-Zeit -, weil Anpassung und Integration ein wichtiger Schutz für uns sind. Wir müssen unsere Kinder und Kindeskinder vor einer solchen Verfolgung, wie wir sie in der Zeit des Nationalsozialismus erleben mussten, unbedingt bewahren - deshalb ist ein solcher Schutz im Notfall wichtig. Und trotz allem sollten und dürfen wir uns als ‚Zigeuner' nicht aufgeben. Wir müssen auch unter veränderten Lebensbedingungen - auch als Hausmeister, Postbote und Verkäuferin - unsere Existenz als ‚Zigeuner' bewahren. Denn aus dieser Herkunft und Tradition beziehen wir unsere Kraft."

Daweli Reinhardt, Joachim Hennig: Hundert Jahre Musik der Reinhardts. Daweli erzählt sein Leben. Koblenz: Verl. Dietmar Fölbach, 2003 Ursula Krause-Schmitt
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Der Völkermord an Sinti und Roma im von der Wehrmacht besetzten Europa  

Am 2. August 2001, dem 57. Jahrestag der Vernichtung des Volkes der Sinti und Roma, fand im Staatlichen Museum Auschwitz, genauer in Block 13, die feierliche Eröffnung der Dauerausstellung statt, die an diesen Völkermord und die ihm zum Opfer gefallenen Menschen erinnert. Mit der Gestaltung hatte der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma den Heidelberger Grafiker Wieland Schmid beauftragt. Das von ihm entwickelte Konzept überzeugt seit dem die Betrachter. Der Originalraum mit seinem strengen, militärisch-gleichförmigem Grundriß, der Kälte des Bodens, der Kahlheit der Wände, dem Blick auf die Lagerstraße steht als "sinnlicher Ausdruck" für den exakt geplanten Völkermord. Der den Opfern gewidmete Kernraum hingegen fügt sich nicht in die vorgegebene Architektur ein, sondern steht in Widerspruch zum Originalraum. Die Achsen beider Räume sind nicht identisch. Hier gibt es warme Farben, Menschengesichter, Lachen und Privatheit, dort kalte Grautöne, harte Formen, in Maschinenschrift getipptes Ausgeliefertsein. Stahlkeile als Symbole der Verfolgung und Gewalt dringen in den Kernraum ein und brechen ihn schließlich völlig auf.

Der nun vorliegende Katalog zur ständigen Ausstellung, der in deutscher und englischer Sprache erschienen ist, nimmt Grundideen dieses Konzeptes auf: Auf den in warmem Sonnengelb gehaltenen Seiten finden sich Famili-enfotografien, Porträtaufnahmen, Fotografien von Schulklassen, der ersten Kommunion, von Musikern, Sportlern, Frischvermählten, Großmüttern mit Enkelkindern, Fotografien des alltäglichen Lebens und der Feste, die das Leben der Sinti und Roma zeigen, bevor die rassistische Verfolgung zunächst im Deutschen Reich und schließlich im ganzen von der Wehrmacht besetzten Europa einsetzte. Die letzten Seiten in Sonnengelb (S. 232-233) zeigen jene Sinti-Kinder, die im Mai 1944 aus der St. Josefspflege im württtembergischen Mulfingen nach Auschwitz deportiert wurden. Steingrau hingegen sind die meisten Seiten des Buches. Sie berichten im 1. Teil über die Verfolgung der Sinti und Roma im Deutschen Reich, wobei grundlegende Informationen über die "Rassenideologen" und die Organisation des Völkermordes im "Reichssicherheitshauptamt" vermittelt werden, und im 2. Teil über den Völkermord an den Sinti und Roma im nationalsozialistisch besetzten Europa. Dazu gibt es eine sehr anschauliche Karte von Europa, die alle Konzentrationslager, Vernichtungslager und sonstigen Lager, in denen Sinti- und Roma-Häftlinge nachgewiesen sind, aufführt sowie die aus den jeweiligen Ländern erfolgten Deportationen und mit einem besonderen Symbol jene Länder, in denen Sinti und Roma Opfer von Massenerschießungen durch SS und Wehrmacht wurden. Auffallend ist die Vielzahl von Lagern im deutsch besetzten Frankreich. Bereits am 4. Oktober 1940 hatte der Oberbefehlshaber des Heeres in Paris angeordnet, dass "Zigeuner, die sich im besetzten Gebiet befinden, in Sammellager zu überführen sind".

Der 3. Teil dokumentiert den Lagerabschnitt B II e im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau: Das "Zigeunerlager". Angesichts der auf Vernichtung zielenden Lebensbedingungen, dem alltäglichen Sterben, wird in den ausgewählten Dokumente und Fotografien auch versucht, den Opfern ihr Gesicht wieder zu geben. So beispielweise in der Geschichte von Erna Lauenburger, genannt "Unku", die mit ihrer Familie in Berlin-Reinickendorf lebte. Die damals elfjährige "Unku" war das Vorbild für die Titelheldin des 1931 erschienenen Kinderbuchs "Ede und Unku" von Alex Wedding (Pseudonym für die jüdische Schriftsteller Grete Weiskopf), das von der Freundschaft zwischen dem Arbeiterjungen Ede und dem Sinti-Mädchen Unku erzählt. 1941 wurde Erna Lauenburger von Dr. Roman Ritter von der "Rassenhygienischen Forschungsstelle" als "Zigeunermischling" eingestuft, im März 1943 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Von den elf in "Ede und Unku" namentlich erwähnten Sinti hat nur ein Kind überlebt.

In seinem Vorwort beschreibt Romani Rose noch einmal den langen Weg, den die überlebenden Sinti und Roma in der Bundesrepublik gehen mussten, um den fortdauernden Diskriminierungen durch die Mehrheitsgesellschaft entgegen zu wirken und einen Wandel im Umgang mit der Minderheit einzuleiten. So versteht sich das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg, hervorgegangen aus über 20 Jahren beharrlicher Bürgerrechtsarbeit, auch als Forum für gegenwärtige Opfer von Diskriminierung und rassistischer Gewalt. Vor der europäischen Dimension des Völkermords an Sinti und Roma, den die Ausstellung im Staatlichen Museum Auschwitz und der Katalog dokumentieren, macht er besonders auf die fortdauernde Gewalt gegen Sinti und Roma in den Ländern Ost- und Südosteuropas aufmerksam: "Viele Angehörige unserer Minderheit müssen als Folge ihrer Ausgrenzung unter menschenunwürdigen Bedingungen in Gettos leben. Sie sind rassistisch motivierten Angrif-fen bis hin zu Pogromen schutzlos ausgeliefert; oftmals müssen die Täter nicht einmal mit Strafverfolgung rechnen. Nicht selten geht die Diskriminierung von Roma sogar von staatli-chen Institutionen - etwa der Justiz oder der Polizei - aus ... Insbesondere von den neuen Mitgliedstaaten der europäischen Union ist zu fordern, dass sie die dort seit Jahrhunderten beheimateten Roma nicht nur auf dem Papier als nationale Minderheiten anerkennen, sondern tatsächlich vor Benachteiligung und rassistischer Gewalt schützen. Dazu gehört nicht zuletzt die Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle während des Zweiten Weltkriegs und der deutschen Besetzung. Denn wie wir heute wissen, waren auch die staatlichen Organe der besetzten oder mit Hitler-Deutschland verbündeten Länder an den Völkermordverbrechen an Juden, Sinti und Roma mittelbar und unmittelbar beteiligt. Mit der historischen Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels der eigenen Geschichte haben die Gesellschaften in Ost- und Südosteuropa jedoch erst zögerlich begonnen."
 
Romani Rose (Hg.): Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma. Katalog zur ständigen Ausstellung im Staatlichen Museum Auschwitz. Heidelberg: Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, 2003. Ursula Krause-Schmitt
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Zur Rezeption des deutschen Widerstandes
In 24 Beiträgen geben 26 Historikerinnen und Historiker aus 18 Ländern einen kurzgefassten Überblick über die Darstellung des deutschen Widerstandes gegen Hitler im Kontext der jeweiligen nationalen Forschung von 1944 bis ca. 2000. Ein Großteil der Beiträge berücksichtigt außerdem die Rezeption des deutschen Widerstandes in der öffentlichen Meinung dieser Länder, die sich bekanntlich nicht immer mit der der Fachwelt deckt. Wie in allen Anthologien, sind auch die Beiträge dieses Sammelbandes von unterschiedlicher Qualität, was sich jedoch teilweise daraus erklärt, dass in manchen Ländern, etwa den im letzten Jahrzehnt wieder selbstständig gewordenen baltischen Staaten, dieses Thema noch weitgehend ein "weißer Fleck" im Geschichtsatlas ist.
So unterschiedlich auch im Detail die Rezeption (oder Nicht-Rezeption) in den im vorliegenden Band betrachteten Ländern Europas und den USA ausfällt, so lassen sich über die Grenzen der vom Herausgeber getroffenen Einteilung (ehemalige Westalliierte, ehemalige Ostalliierte, ehemalige Verbündete und Neutrale) hinaus grundsätzliche Gemeinsamkeiten feststellen. Zum ersten wird "Widerstand" in erster Linie - und in vielen Beiträgen ausschließlich - verstanden als politisch motivierte Handlung(en) mit dem Ziel, das NS-System zu stürzen, zumindest den Mann an seiner Spitze, Adolf Hitler, zu beseitigen. Damit stehen von Anfang an der kommunistische Widerstand (seit 1933) und der 20. Juli 1944 im Zentrum des Interesses. Einzelgänger, wie der Hitler-Attentäter Georg Elser oder der Münsteraner Bischof Clemens Graf von Galen, die Verweigerung des Mittuns im Alltag durch praktizierende Christen oder Zeugen Jehovas sowie der Alltags-Widerstand der mit Juden verheirateten "Arierinnen", Hilfe für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter kommen erst in jüngster Zeit und auch dann nur sporadisch ins Blickfeld der Forschung und so gut wie nie in die die öffentliche Meinung bildenden und strukturierenden Medien.

Zum zweiten lassen die Beiträge erkennen, dass und wie "Geschichte gemacht" wird - erstmals im Vollzug durch die Akteure, dann aber immer wieder neu in der Aneignung durch die Nachfolgenden, wobei nur diese die jeweils gesellschaftlich relevante, im Hegelschen Sinne "wirkliche" Geschichte ist. Die alleinige Herausstellung des kommunistischen Widerstandes, die Geringschätzung des 20. Juli 1944 als gescheiterte "Palastrevolte", das völlige Übergehen des religiös motivierten Widerstandes in der Geschichtsschreibung der Sowjetunion und in den von ihr dominierten Staaten Mittel- und Südeuropas wird gern als Extrem angesehen. Wie aber die Beiträge von Stinshoff/Wolfrum, Petersen und Lammers deutlich machen, herrschte auch in der Historiographie und der öffentlichen Meinung westlicher Länder wie Frankreich, Italien oder Dänemark, in denen der nationale Widerstands-Mythos in den Jahren unmittelbar nach der Befreiung von deutscher Besatzungsherrschaft sinn- und identitätsstiftend war (vor allem, indem er die Erinnerung an die massenhafte Kollaboration in diesen Ländern verdrängte), lange Zeit die These von der Kollektivschuld aller Deutschen, konnte es keinen Platz für einen Widerstand auf deutscher Seite geben. Ähnlich war die Situation in Polen und der CSR, Ländern, in denen die zwangsweise Aussiedlung der deutschen Bevölkerung gleichermaßen Nazi-Aktivisten wie aktive Nazi-Gegner, Juden wie Sinti betraf und sich letztlich nur dadurch rechtfertigen ließ, dass man alle Deutschen über einen Kamm scherte.

Mit dem Wandel in den Beziehungen der ehemaligen Feindstaaten zu den beiden deutschen Teilstaaten im Kontext der Ost-West-Konfrontation, der Eingliederung der Bundesrepublik Deutschland in die Europäische Gemeinschaft, vor allem aber der Implosion des Sowjet-Imperiums 1989 setzte auch in Europa und den USA eine gewandelte, differenzierende Betrachtung des deutschen Widerstandes 1933-1945 ein. Sie betraf vor allem die Motive der Widerständler um den 20. Juli 1944, die nun nicht mehr geringschätzig auf die gleiche Stufe wie das von ihnen bekämpfte Regime gestellt wurden (so Churchill am 2. August 1944 im Unterhaus), sondern denen man abnahm, dass sie ein "anderes Deutschland" wollten, das sich seiner humanistischen und demokratischen Traditionen besann und diese auch in Politik umzusetzen sich anschickte. In den Nachbarländern begann man, Verständnis zu finden für die schwierige Lage eines anti-nationalsozialistischen Widerstandes innerhalb Deutschlands zu Kriegszeiten, der nicht nur - wie die Widerstandsbewegungen in den besetzten Ländern - den SS- und Polizei-Terror des NS-Regimes fürchten, sondern sich auch innerhalb der eigenen Nation mit dem Vorwurf des "Landesverrats" auseinandersetzen musste, spätestens seitdem die Alliierten in Casablanca (14.-24. Januar 1943) überein gekommen waren, sich durch keinen Regierungs- oder Systemwechsel in Deutschland von den Forderungen nach bedingungsloser Kapitulation, Zerschlagung Preußens und Besetzung Deutschlands abbringen zu lassen.

Schon vor der "Wende" in Ost- und Mitteleuropa begannen sich die bislang unterschiedlichen Rezeptionen des deutschen Widerstandes, zumindest unter Fachhistorikern, einander anzugleichen. Im Westen wurde nicht mehr der kommunistische, im Osten der adlig-bürgerliche und kirchliche Widerstand ausgeklammert, und in steigendem Maße nahmen sich Forscher des Alltagswiderstandes im Nationalsozialismus an. Anders als noch gegen Kriegsende und kurz danach wird der deutsche Widerstand heute generell positiv gesehen, wenn auch stets darauf hingewiesen wird, dass diejenigen, die Widerstand in welcher Form auch immer leisteten, nur eine kleine Minderheit waren. Ihnen, vor allem aber denjenigen, die ihren Widerstand mit dem Leben bezahlten, vom kommunistischen Arbeiter bis zu den Männern und Frauen des 20. Juli 1944, wird durchweg Achtung gezollt. Die neueste Richtung in der Historiographie des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus ist seine Betrachtung in vergleichender und gesamteuropäischer Sicht, auf die etwa Stinshoff/Wolfrum (Frankreich), Boroznjak (Russland), Ruchniewicz (Polen) und Ganglmair (Österreich) hinweisen.

Bleibt als Fazit: Die Tatsache, dass deutsche Männer und Frauen Widerstand gegen Hitler und seine Politik geleistet haben, ist in Europa und den USA nicht nur unter Fachleuten bekannt, sondern wird auch in der öffentli-chen Meinung von fast allen von Hitlers Krieg betroffenen Staaten Europas zumindest sporadisch, aus Anlass von Jahrestagen, gewürdigt. Herrscht auch noch oft in der kollektiven Erinnerung, so etwa in Polen und Griechenland, das Bild vom "hässlichen Deutschen" vor, so steht immer mehr neben diesem das Bild der Elser und Geschwister Scholl, der Bonhoeffer, Stauffenberg und Moltke als Repräsentanten eines "anderen", besseren Deutschlands, wird deren Ehrung im öffentlichen Raum durch das Nachkriegsdeutschland als ehrlicher Wandel akzeptiert.


Gerd R. Ueberschär (Hg.): Der deutsche Widerstand gegen Hitler. Wahrnehmung und Wertung in Europa und den USA. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2002. Joachim Neander
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Überleben im Untergrund
In seiner Biografie "In einem unbewachten Augenblick" beschreibt der englische Historiker Mark Roseman die (Über-)Lebensgeschichte von Marianne Ellenbogen geb. Strauß. Die junge Frau kann illegal im nationalsozialisti-schen Deutschland den Holocaust überleben. In einem "unbewachten Augenblick" gelingt es ihr, der Gestapo aus ihrem Essener Elternhaus zu entkommen und in den Jahren 1943 bis 1945 in Deutschland im Untergrund zu überleben, während ihre Eltern und ihr jüngerer Bruder festgenommen, deportiert und in Auschwitz ermordet werden.
 
Mark Roseman, der Professor für Neuere Geschichte an der Universität von Southampton ist, rekonstruiert die Biografie von Marianne Strauß puzzleartig an zahlreichen Dokumen-ten. Er führt mit ihr drei lange Gespräche, maßgebend für das Schreiben der Biografie werden jedoch jene Dokumente, Briefe und Tagebücher, die erst nach ihren Tod im Jahre 1996 entdeckt werden. Roseman versucht, ihre Lebensgeschichte behutsam nachzubilden, ohne dabei ihre Wünsche und Bedenken, die sie ihm gegenüber geäußert hatte, aus dem Blick zu verlieren.

Einerseits erzählt Roseman die (Über-)Lebens-geschichte von Marianne Strauß nicht linear, führt vielmehr immer wieder Rück- und Vorblenden ein und berichtet aus Interviews mit Marianne Strauß' ehemaligen Bekannten, andererseits lässt er ihre Biografie nicht im Jahre 1945 schließen, sondern versucht ihre Schwierigkeiten, sich in Großbritannien - sie heiratete 1946 einen Engländer - einzugewöhnen, aufzuzeigen und ihren persönlichen Umgang mit der eigenen Erinnerung darzustellen.

Marianne Strauß verbarg ihre Erinnerungen vor ihrem Mann, ihren Kindern und ihren Freunden und berichtete nur vereinzelt über ihre Erlebnisse unter den Nationalsozialisten. Nach ihrem Tod musste Roseman feststellen, dass ihr Sohn kaum etwas über das Leben der Mutter wusste und selbst durch die Biografie etwas von "einem Fremden" zu erfahren hoffte. Roseman verzichtet jedoch bewusst darauf, näher auf das Leben von Marianne Strauß nach 1945 einzugehen - der frühe Tod der Tochter sowie Mariannes Schwierigkeiten in einem jüdisch-orthodoxen Haus bleiben im Hintergrund.

Als Historiker liefert Roseman in dieser Biografie darüber hinaus Berichte aus dem gesellschaftlichen und politischen Leben im nationalsozialistischen Deutschland. Er versucht zudem, dass Leben der Deportierten aus Marianne Strauß' unmittelbaren Lebensumfeld zu skizzieren und liefert so einen eindrucksvollen Beitrag zur Biografie- und Holocaustforschung. Besonders hervorgehoben werden muss in dieser Lebensgeschichte der kurze Bericht über das Konzentrationslager Izbica (Distrikt Lublin), in das Mariannes Verlobter Ernst Krombach und seine Familie am 21. April 1942 deportiert wurden. Das Konzentrationslager Izbica ist von der Forschung bislang vernachlässigt worden. Roseman schildert einerseits die Hilfeleistungen Mariannes, um ihrem Verlobten und seinen Eltern Pakete zu schicken eindrucksvoll, andererseits findet sich in der Biografie ein 18-seitiger Bericht Ernst Krombachs über Izbica, der herausgeschmuggelt werden konnte. Roseman verfolgt in seinem Buch auch das weitere Schicksal von Ernst Krombach und seiner Familie, die den Holocaust nicht überlebten.

Roseman beschreibt in den ersten Kapiteln das Leben der Familie Strauß bis zum Jahre 1933 sowie die massiven Einschneidungen im Leben der Familie durch antisemitische Repressalien nach 1933 in Essen. Siegfried Strauß, Mariannes Vater, kämpfte im Ersten Weltkrieg mit, was die "außerordentliche Identifikation" mit seinem Vaterland noch verstärkte. Nach 1933 fiel es Siegfried Strauß, wie so vielen anderen jüdischen Familien, schwer Deutschland zu verlassen. Zum einen spielten sicherlich wirtschaftliche Gründe eine entscheidende Rolle, zum anderen war es die "unerschütterliche Überzeugung, dass der Staat seine Schuldigkeit einem ehemaligen Frontsoldaten gegenüber nicht vergessen würde". Nach der Reichspogromnacht verschlimmert sich die Situation der jüdischen Familien in Deutschland - Siegfried Strauß wird gemeinsam mit seinem Bruder Alfred verhaftet und nach Dachau deportiert. Beide wurden nach ein paar Wochen freigelassen und bemühten sich nun verstärkt um eine Ausreise. Doch bereits 1941 sollte die Familie Strauß nach Lodz deportiert werden. Sie wurde jedoch im letzten Augenblick noch durch die Abwehr, dem Nachrichtendienst der Wehrmacht, gerettet.

Roseman beleuchtet die Rolle der Abwehr bei der - erkauften - Rettung von Juden, zeigt detailliert, inwieweit das Schicksal der Familie Strauß zwischen Abwehr und Reichssicherheitshauptamt verwickelt wurde. Trotz zahlreicher Versuche von Mariannes Vater konnte seine Familie nicht gerettet werden. Sie wurden zunächst nach Theresienstadt und von dort nach Auschwitz deportiert, wo sie wahrscheinlich im Juli 1944 ermordet wurden.
 
Bereits Mariannes Strauß' Kindheit und Jugend ist durch Antisemitismus geprägt - besonders ihre Erfahrungen in der Schule zeigen, wie sehr die antisemitischen Ressentiments das Alltagsleben der (jüdischen) Menschen formen. Roseman interviewt dazu ehemalige nichtjüdische Klassenkameraden von Marianne Strauß und stellt dabei eine Nachkriegsapologie fest, die jahrzehntelang typisch für den Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte war: "man hat von nichts gewusst" - bekommt er immer wieder zu hören. Roseman beobachtet in diesem Kontext aber auch einen Philosemitismus, der ebenfalls typisch für die Nachkriegsgeneration war/ist und sich bis heute in der Literatur widerspiegelt.
 
Einen wichtigen Schwerpunkt der Biografie bildet ihr Untertauchen in den Jahren 1943 bis 1945 und ihr Verhältnis zum Bund, dessen Mitglieder maßgeblich zu ihrer Rettung beigetragen hatten. Marianne Strauß lernte einige Mitglieder des Bundes bereits 1933 kennen. Der Bund selbst - eine Gemeinschaft für sozialistisches Leben, die auf den Lehren von Marx und Kant basierte - existierte seit den 1920er Jahren. Gegründet wurde er von Artur Jacobs und den Schülern seiner Essener Volkshochschulkurse. Nach Ernst Krombachs Deportation wurden die Kontakte zwischen Marianne Strauß und einzelnen Bundmitgliedern intensiver. Nachdem Marianne 1943 der Gestapo entkommen konnte, suchte sie Schutz bei den Bund-Mitgliedern, die ihr Unterschlupf in verschiedenen Städten gewährten. Auch im Untergrund versuchte Marianne Strauß weiterhin Pakete an ihre deportierten Eltern in Theresienstadt zu schicken. Sie verkaufte selbst gemachte Blumen und das elterliche Eigentum, um Lebensmittelkarten zu erhalten und so für ihren Unterhalt selbst zu sorgen.

Roseman schreibt eine eindrucksvolle Biografie über den Umgang mit Erinnerung, ohne jemals wertend einzugreifen. Er zeigt die Schwierigkeiten der Überlebenden, die mit der Frage "warum gerade ich" weiter leben mussten. Roseman liefert zudem ein differenziertes Bild der deutschen Gesellschaft während des nationalsozialistischen Regimes. Er zeigt die Täter, Zuschauer, Mitläufer, aber auch jene, die versucht haben zu helfen und ihre Augen vor den Greueltaten der Nationalsozialisten nicht verschlossen haben.

Mark Roseman: In einem unbewachten Augenblick. Eine Frau überlebt im Unter-grund. Berlin: Aufbau, 2002.
Jana Mikota

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Biografie eines Judenretters

Erst rund 50 Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges nimmt die deutsche Forschung den Namen Hermann Fritz Gräbe wahr. Während Hermann Fritz Gräbe 350 Juden in der Ukraine retten konnte, von Yad Vashem als "Gerechter unter den Völkern" geehrt wurde, galt er in Deutschland nach 1945 als Landesverräter und "Nestbeschmutzer" und wurde in Zeitungen - u.a. im Spiegel - als Lügner und Hochstapler diffamiert. Er wanderte bereits 1948 in die USA aus, um seine Familie vor Hetzkampagnen zu schützen. Erst in den 1990er Jahren wurden seine Taten während des nationalsozialistischen Regimes auch in Deutschland beachtet und in Solingen-Gräfrath, seinem Geburtsort, durch eine "kleine Gedenktafel" gewürdigt. Hermann Gräbe erlebte die späten Würdigungen nicht mehr. Er verstarb am 17. April 1986.

In den USA erschien bereits 1985 die Biografie "The Moses of Rovno. The Stirring Story of Fritz Graebe, a German Christian Who Risked His Life" von Douglas K. Huneke, die allerdings erst 2002 ins Deutsche übersetzt wurde. Die Biografie selbst basiert, so Huneke, auf Gesprächen mit Gräbe, "den Berichten der zahlreichen Menschen, die er gerettet hat und auf Archivmaterialien". Hunekes Intention liegt darin, den Lesern und Leserinnen "das Verhalten eines Mannes vor Augen zu führen, der dem Bösen widerstand, der sich an die Seite der Unterdrückten stellte, der die Mahnung des Apostel Paulus lebte". Huneke, der selbst Pfarrer in Kalifornien ist, greift in seiner Biografie immer wieder auf christliche Deutungsmuster zurück, um Gräbes Verhalten zu erklären. Er verfällt hierbei leider häufig in eine Schwarz-Weiß Malerei.
 
Huneke berichtet, wie Gräbe 1941 nach Sdolbunow, einem Ort in der Ukraine, kommt, wo er als Geschäftsführer eines Eisenbahnbauprojektes für die Reichsbahn tätig sein sollte. Gräbe beschäftigt bald fast 2.000 Menschen. In den nächsten Monaten wird er immer wieder Augenzeuge, wie die SS jüdische Männer, Frauen und Kinder erschießt. Huneke beschreibt dabei sehr detailliert die Massaker in Rowno, Dubno, Sdolbunow, Misocz und Ostrog. Gräbe, durch das Verhalten der SS und seiner Vorgesetzten erschüttert, beschließt, jüdischen Familien zu helfen. Mit seiner wichtigsten Mitarbeiterin, der Jüdin Maria Bobrow, richtet er weit entfernte Baustellen ein, um dort "seine" Arbeiter und Arbeiterinnen zu verstecken. Durch zahlreiche Tricks und forsches Auftreten in den Amtsstuben der Gestapo und SS kann er Juden zu gefälschten Papieren verhelfen. Er nimmt seine Ersparnisse, um weitere Zweigstellen aufzubauen und auf diese Weise weitere Menschen zu retten.

Nach 1945 werden seine Aussagen in den Nürnberger Prozessen verlesen und in zahlreichen Abhandlungen zitiert. Gräbe erhält Morddrohungen und beschließt 1948, Deutschland mit seiner Familie zu verlassen.
Huneke setzt sich im Gegensatz zu anderen Biografien über Personen, die den Nationalsozialismus er- und überlebt haben, in seiner Biografie nicht mit Erinnerungskulturen oder Biografieforschung auseinander. Die Lebensgeschichte Fritz Gräbes wird chronologisch erzählt. Nur vereinzelt greift er vor, in dem er etwas über das Leben der geretteten Juden nach 1945 berichtet. Obwohl jedoch sicherlich die Zeit nach 1945 einen der wichtigsten Aspekte in der Biografie Gräbes bildet, bleibt dieser Zeitabschnitt blass und zu sehr im Hintergrund. Nur auf wenigen Seiten berichtet er über das Leben der Familie Gräbe nach den Nürnberger Prozessen oder über ihre Auswanderung in die USA. Erst im Anhang zur deutschsprachigen Ausgabe setzen sich die Autoren Horst Sassin und Wolfgang Heuer in zwei Beiträgen mit der Erinnerungskultur in Deutschland anhand des "Falles" Hermann Fritz Gräbe auseinander. Auch wenn Hunekes Biografie über weite Strecken stilistisch unbeholfen bleibt, schildert sie dennoch einen Aspekt der deutschen (Nachkriegs-)Geschichte, der erzählt werden muss.

Douglas K. Huneke: In Deutschland unerwünscht. Herman Gräbe. Biographie eines Judenretters. Lüneburg: zu Klampen, 2002. Jana Mikota
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Jugend unter der NS-Diktatur 1933-1945
Der Rostocker Historiker Karl Heinz Jahnke legt zum 70. Jahrestag der Errichtung der NS-Diktatur eine Sammlung von 311 Dokumenten zur Jugendpolitik der NSDAP und zum Widerstand junger Deutscher gegen die Nazi-Diktatur vor. Jahnke weist in seinem Vorwort daraufhin, dass eine Forschungsgruppe an der Universität Rostock schon 1987 die Vorbereitung eines Buches abgeschlossen hatte, das unter dem Titel "Deutsche Jugend 1933-1945" gleichzeitig im Pahl-Rugenstein Verlag und bei Dietz erscheinen sollte, an der Unsicherheit der DDR-Führung scheiterte und schließlich in den Wirren des Jahres 1989 zwar beim VSA-Verlag Hamburg erschien, aber bald vergriffen war. Jahnke erweiterte die damalige Dokumentation um 55 Dokumente, die inzwischen von ihm und anderen Autoren erschlossen wurden. Auch wenn die jetzt vorliegende Ausgabe keinen Vollständigkeitsanspruch erhebt, sondern Anreiz zu weiterer Beschäftigung sein soll, dürfte sie doch zu einem Standardwerk für die künftige Forschung werden.
 
In der Einleitung weist Jahnke auf die besondere Bedeutung dieses Forschungsbereiches zur NS-Diktatur hin, war doch in der jungen Generation "die Nazi-Ideologie und -Politik am meisten verwurzelt, ... kritiklose Gefolg-schaftstreue und unbedingte Pflichterfüllung am meisten ausgeprägt." Jahnke schafft es, die Ursachen und Methoden des NS-Systems für diesen Einfluss sichtbar zu machen. Umso bedeutender ist, dass es ihm auch gelingt, dem antifaschistischen Widerstand junger Menschen den gebührenden Platz zu geben.

Die Dokumentation gliedert sich in vier Abschnitte, denen der Herausgeber jeweils eine knappe, präzise Einleitung voranstellt. Im ersten Abschnitt "Jugend in Deutschland 1933-1939" werden die Maßnahmen und Beschlüsse sichtbar, die einzelnen Schritte deutlich, mit denen das NS-Regime seinen absoluten Anspruch auf das alleinige Recht zur Erziehung der Jugend in der Hitler-Jugend durchsetzt. Steht die Zerschlagung der marxi-stischen Arbeiterjugendverbände am Anfang dieses Weges, so wird deutlich, dass auch bürgerliche, konservativ-nationalistische und konfessionelle Konkurrenz zur Hitlerjugend unerwünscht ist und bekämpft wird. Nach der Einführung der Wehrpflicht und dem Gesetz über die Hitlerjugend vom Dezember 1936 steht die Vorbereitung der Jugend auf den Krieg immer stärker im Mittelpunkt. Die Rolle der Hitlerjugend als Nachwuchsorganisation der NSDAP, des Streifendienstes als Reserve der SS, die spezifischen Aufgabenstellungen für die weibliche Jugend im BDM werden durch die Dokumente nachvollziehbar, um nur einige Bereiche zu nennen. Sichtbar werden auch die Bemühungen, an Interessen der Jugend etwa im sportlichen Bereich oder der beruflichen Bildung anzuknüpfen, aber auch sie voll in der Hitlerjugend einzubinden.
Der zweite Abschnitt behandelt "Jugend - Opposition und Widerstand 1933-1939" und zeigt in 60 Dokumenten die Breite, aber auch die Schwierigkeiten, die Verfolgung und die Opfer dieses Kampfes. Jahnke fasst für jedes Jahr die ihm bekannten Opfer des Naziregimes unter 25 Jahren zusammen, begleitet von einigen kurzen Biografien. Hier stehen Doku-mente der Arbeiterjugendverbände KJVD, SAJ, SJVD, die den Willen zum gemeinsamen Kampf, aber auch die Schwierigkeiten zeigen, die der Zusammenarbeit entgegenstanden, neben kirchlichen Erklärungen, Prozessberichten und Gestapo-Einschätzungen über den Widerstand und seine Erscheinungsformen, z.B. der Bündischen Jugend, über antifaschistische Zusammenarbeit katholischer und kommunistischer Jugend (Rossaint-Prozess) und nicht zuletzt den Einsatz junger deutscher Antifaschisten für die Verteidigung der spanischen Republik.
 
Die Zäsur des Kriegsbeginns sowohl in der faschistischen Jugendpolitik als auch im antifaschistischen Widerstand macht Jahnke im dritten und vierten Abschnitt deutlich. 112 Dokumente behandeln die "Jugend im Zweiten Weltkrieg" aus der Sicht der faschistischen Herrscher. Sie reichen vom Befehl der Reichsreferentin des BDM zur erhöhten Kriegsbereitschaft vom 1. September 1939 bis zu den letzten Befehlen zur Einberufung der Jahrgänge 1928 und 1929 und zur Bildung von Panzerbekämpfungs- und Wehrwolfverbänden aus der Hitlerjugend. Zwischen diesen Eckpunkten zeigen Dokumente die Vielfalt der Maßnahmen der Mobilisierung der Jugend für den Krieg: zwangsweiser Landeinsatz, Wehrertüchtigungslager, Einsatz der Schüler als Flakhelfer, Mobilisierung von Mädchen und jungen Frauen für die Wehrmacht, Bildung der SS-Division Hitlerjugend, Zusammenarbeit von HJ-Streifendienst, Polizei und SS, Einrichtung der Adolf-Hitler-Schulen und der NAPOLA, aber auch Gestapo-Berichte über neue oppositionelle, den HJ-Drill ablehnende Jugendgruppen und ihre Auseinandersetzungen mit HJ und Polizei schaffen ein eindrucksvolles Bild der sich mit der Kriegslage verändernden Jugendpolitik.

38 Dokumente zeigen im vierten Abschnitt Widerstand und Opfer junger deutscher Antifaschisten gegen die faschistischen Kriegsverbrechen. Neben bekannten Dokumenten, etwa zur Weißen Rose, sind hier auch die neuen Formen unabhängiger Jugendgruppen (Meuten in Leipzig, Edelweißpiraten bzw. Kittelbachpiraten in Berlin und im Rheinland, Swingjugend in Hamburg) und ihre Einschätzung durch Gestapo und Justiz dokumentiert. Jahnke stellt repräsentativ junge Widerstandskämpfer vor, die Opfer des Naziterrors wurden, und veröffentlicht eine komplette Liste aller im Zuchthaus Brandenburg ermordeten Kriegsgegner unter 25 Jahren.

Der Band schließt mit einem Verzeichnis deutschsprachiger Veröffentlichungen, die zu diesem Themenbereich seit 1990 erschienen sind.

Karl Heinz Jahnke : Jugend unter der NS-Diktatur 1933-1945. Eine Dokumentation. Rostock: Ingo Koch Verlag, 2003. Günter Judick
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"Wenn wir weg sind, ist alles nur noch Geschichte"
Das hier vorzustellende Buch ist zugleich ein Hörbuch und damit ein Novum unter den Veröffentlichungen von Berichten von Überlebenden des Holocaust. Es basiert auf fünf Veranstaltungen in Freiburg im Breisgau, zu denen Radio Dreyeckland - ein in den 1980er Jahren entstandenes linkes Medienprojekt - zwischen November 1999 und Mai 2001 Jutta Bergt, Herbert Ricky Adler, Alfred Nachmann, Felix Rottberger und Trude Simonsohn eingeladen hatte. Deren Berichte sind nun - in leicht gekürzter Form, ansonsten aber weitestgehend unveränderten Abschriften des gesprochenen Wortes - in gedruckter Form zu lesen und auf zwei CDs zu hören.
Die Herausgeber widmen das Buch Alfred Jachmann, einem der wenigen Überlebenden des I.G. Farben AG eigenen KZ Auschwitz-Monowitz, der, noch bevor das Buch erschien, am 24. Juni 2002 im Alter von 75 Jahren in Frankfurt/Main starb. In Freiburg hatte er im November 2000 noch einmal über sein Leben berichtet: "Es ist gar nicht so einfach, überlebt zu haben. Es ist eine Bürde." Alfred Jachmann sprach über seine bis 1935 "stinknormale" Kindheit im pommerschen Arnswalde, über das Novemberpogrom in dieser Kleinstadt, den erzwungenen Umzug seiner Familie nach Berlin, die Zwangs-arbeit von Mutter, Vater, ältere Schwester und schließlich auch von ihm in Berliner Rüstungsbetrieben, deren Ende durch die sogenannte "Fabrikaktion" am 27. Februar 1943, als in Rüstungsbetrieben eingesetzte Jüdinnen und Juden nach Auschwitz deportiert wurden. An diesem Tag hatte er Mutter und Schwester zum letzten Mal gesehen. Er selbst wurde zur Zwangsarbeit selektiert und nach Monowitz gebracht. Ende Januar 1945 muss er auf den Todesmarsch und wird im polnischen Gleiwitz schließlich von der Roten Armee befreit.

Es ist der Vorteil der behutsamen Transkription des Erzählten und vor allem der Hörfassung, dass sie die Mühen, das Erlebte in Sprache zu fassen, zumindest erahnen lassen. Es gibt drei immer wiederkehrende Formulierungen: "Ich kann Ihnen das gar nicht so sagen, welche Zustände dort herrschten, das kann man gar nicht beschreiben," "zur Bestätigung dessen, was ich sage, habe ich jetzt ein Dokument bekommen" und "das kann man in aller Öffentlichkeit sagen". In allen diesen Formulierungen reflektiert sich die lebenslang erfahrene Abwehr der deutschen Öffentlichkeit gegenü-ber den Erlebnisse der Überlebenden. Während die erste Formulierung auch als prinzipielle Unmöglichkeit von Sprache begriffen werden kann, die Barbarei zu benennen, verweisen die beiden anderen immer wiederkehrenden Formulierungen nicht nur auf eine postfaschistische Gesellschaft, die sich bewusst "taub" stellte - auch noch als genügend Dokumente zur Verfügung standen, sondern auch auf eine Gesellschaft, die ihre Täter/innen mit allen Mitteln entlastete.
 
Der Sinto Herbert Ricky Adler berichtet über seine eigentlich ganz normale Kindheit in Frankfurt am Main, die an einem Tag im Jahr 1941 zerstört wurde, als die Familie aus ihrer Wohnung in das kommunale Lager in der Dieselstraße und von dort im Frühjahr 1943 nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurde. Seine Stimme klingt, während er spricht, ruhig; was in ihm an Bilder aufsteigt, lässt sich kaum erahnen und bleibt auch für ihn unfassbar: "Und das habe ich zwei Jahre tagtäglich gesehen!" In Auschwitz-Birkenau wurden Vater, Mutter und drei Geschwister ermordet; Herbert Ricky Adler wurde zur Zwangsarbeit selektiert und überlebte die Konzentrationslager Buchenwald und Ravensbrück. Sein Leben danach wird bestimmt von Musik und dem Engagement in der Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma: "Solange mir Gott die Kraft gibt, die Energie gibt, werde ich alles versuchen, unseren Leuten zu helfen."

Auch für Trude Simonsohn, 1921 in Olmütz in der Tschechoslowakei geboren, ist es die "Pflicht gegenüber den Toten", sich immer wieder den belastenden Erinnerungen zu stellen. Einen großen Teil ihres hier veröffent-lichten Berichtes widmet sie der Zeit vor ihrer Verhaftung im Juni 1942, der Arbeit in ihrer von den Deutschen verbotenen Jugendgruppe, dem Makabi Hazair, und den leider gescheiterten Vorbereitungen auf die Einwanderung nach Palästina: "Diese Jugendbewegung war überhaupt etwas, was mich absolut in der ganzen Zeit, die schwer war, gehalten hat." Gerade in Theresienstadt, wohin sie im Winter 1942 deportiert wurde, war es die zionistische Jugendbewegung, die sich in der Betreuung der Kinder und der Alten engagierte. Trude Simonsohn arbeitet in der Gruppe "Die Jugend hilft den Alten", bringt den alten Menschen essen, hilft beim Putzen und erledigt Botengänge; es entwickeln sich gleichsam Adoptivverhältnisse zwischen Kindern und Alten. Zugleich macht sie deutlich, weshalb sie "immer in Gefahr" ist, "über Theresienstadt zu positiv zu erzählen": "Ich bin aus der Einzelhaft nach Theresienstadt gekommen und bin dann nach Auschwitz gekommen. Und dann darf man sich nicht wundern, wenn mir Theresienstadt auch noch etwas zu gut vorkommt, es war nicht gut, es war schlimm! Das ist also alles relativ."

Felix Rottberger berichtet über die Zeit, die er mit seinen drei Geschwistern in einem dänischen Kinderheim versteckt verbrachte - vier kleine schwarze Lockenköpfe unter großen blonden Kindern. Er erinnert sich voll Dankbarkeit an die dänische Bevölkerung, die unter der deutschen Besatzung den Juden half: "Es lag über den meisten Ländern in Europa in den Jahren 1933 bis 1945 eine große Kälte für die Juden. Die Dänen waren aber anders, die waren couragiert." Diese positiven Erfahrungen ändern sich nach dem Krieg; in ihm entstand das Gefühl, man habe ihn sowohl in Dänemark als auch in Konstanz, wohin die Familie 1955 zog, "gründlich im Stich gelassen".

Eine Besonderheit stellte der Vortrag von Jutta Bergt, die Auschwitz und Ravensbrück überlebt hat, dar. Sie hatte ihre Geschichte schon 1958/1959 niedergeschrieben und endlich 1997 dafür einen Verleger gefunden. Sie las aus diesem bei der Edition Hentrich veröffentlichten Buch "Die ersten Jahre nach dem Holocaust. Odyssee einer Gezeichneten." Sie schildert darin ihre vergeblichen Versuche, Deutschland zu verlassen, streift in wenigen Passagen ihre Verfolgungszeit, die sie am liebsten verdrängt hätte, und beschreibt die Gleichgültigkeit und Abwehrhaltung der Deutschen, denen sie sich in den Nachkriegs-jahren alltäglich gegenüber sah. Abgedruckt und auf der CD zu hören sind die Kapitel über die Befreiung in Neustadt-Glewe und die ersten Auswanderungspläne: "Gleich auf dieser Reise ist mir bewusst geworden, dass es gar nicht so einfach sein wird, sich wieder unter der deutschen Bevölkerung zurecht zu finden. Schon während dieser Fahrt fragte ich mich, ob es mir gelingen würde, auch weiterhin ohne Hassgefühle zu leben. Im Allgemeinen habe ich auch im Lager für die deutsche Bevölkerung nie Hass empfunden."

Jutta Bergt spricht nüchtern und offen jene Widerstände in der Tätergesellschaft an, denen sich alle Überlebenden ausgesetzt sahen. Es ist notwendig, ihren Bericht genau und vollständig zu lesen.
Hervorzuheben ist noch der engagierte Beitrag "Zeugnis ablegen", in dem sich Günter Jacob mit der öffentlichen Gedenkkultur und dem "Aufstieg des deutschen ‚Zeitzeugen'" auseinandersetzt.

Kerstin Amthor, Ulrike Huber, Thomas Käpernick (Hg.): Wenn wir weg sind, ist alles nur noch Geschichte. Die Erinnerung von Überlebenden. Emmendingen: Verlag die brotsuppe, 2002. Ursula Krause-Schmitt
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Zwangsarbeit in Wiesbaden 1939 bis 1945
Ausgehend von zahlreichen Anfragen ehemaliger Zwangsarbeitskräfte hinsichtlich eines Nachweises über Arbeits- und Lageraufenthalte in der Kriegswirtschaft der Jahre 1939 bis 1945, welche im Zuge der seit August 2000 eingeleiteten Entschädigungsverfahren auch in der hessischen Landeshauptstadt eintrafen, beauftragte die Stadt Wiesbaden das Institut für Geschichtliche Landeskunde der Universität Mainz mit einer vertiefenden lokalhistorischen Untersuchung, um Licht in das Dunkel dieses über Jahrzehnte verdrängten und vergessenen NS-Unrechts zu bringen. Die Ergebnisse des von Dr. Hedwig Brüchert durchgeführten Forschungsprojekts zeigen, wie berechtigt dieses Unterfangen war.

Auch wenn genaue Zahlen heute nicht mehr zu ermitteln sind, so dürfte Ende 1944 die Gesamtzahl der ausländischen Zwangsar-beitskräfte in Wiesbaden einschließlich der eingemeindeten Vororte bei mindestens 6.500 bis 7.000 aus etwa 16 Ländern gelegen haben. Mehr als 5.700 von ihnen sind inzwischen namentlich bekannt. Die Zahl der Lager unterschiedlicher Größe kann mit 45 bis 50 angenommen werden.

Wie in allen Städten nahm auch in Wiesbaden die Nachfrage nach ausländischen Arbeitskräften seit Beginn des Zweiten Weltkriegs rasch zu. Industrieunternehmen, kleine und mittelständische Betriebe, Landwirte und Privathaushalte, aber auch zahlreiche städtische Dienststellen forderten sie zur Aufrechterhaltung von Produktion und Dienstleistungen aller Art an. Ohne den millionenfachen Einsatz von Zwangsarbeitskräften im damaligen Deutschen Reich wäre nach der Einberufung eines Großteils der deutschen Beschäftigten zum Kriegsdienst die gesamte Wirtschaft über kurz oder lang zum Erliegen gekommen.
 
Jene Menschen, die sich in der Anfangszeit aus der Not heraus noch freiwillig für eine Arbeit im Reichsgebiet anwerben ließen, gerieten ebenso wie die schon bald darauf Zwangsrekrutierten in die Mühlen eines unbarmherzigen Regimes, das allein die Ausnutzung ihrer Arbeitskraft - bis hin zu Erschöpfung und Tod - im Sinn hatte. Viele der mit brutaler Gewalt aus ihren Heimatländern nach Wiesbaden Verschleppten waren sehr jung, manche fast noch Kinder, die man von der Straße oder aus der Schule weg in Züge pferchte und einer ungewissen Zukunft überließ. Während den Westeuropäern der Kontakt zu ihren Familien und der Erhalt von Lebensmittelpaketen möglich war und sie sich in der wenigen Freizeit relativ frei bewegen durften, wurden für die von den Nazis als "Untermenschen" bewerteten Arbeitskräfte aus Polen und der Sowjetunion strengste Vorschriften erlassen. Sie wurden abgesondert und rigide bewacht, jedes kleinste Vergehen gegen die zahlreichen ihnen oft gar nicht verständlichen Regelungen wurde mit härtesten Strafen geahndet, der Kontakt zu den deutschen und auch zu den westeuropäischen Arbeitskollegen war aus rassistischen Gründen nicht erwünscht.
 
Das Buch ist übersichtlich gegliedert. Es geht zunächst in länder- und regionenbezogenen Kapiteln auf die jeweils spezifische Situation der nach Wiesbaden verbrachten Menschen aus Polen, Frankreich, Belgien und den Niederlanden, Italien, den Balkanländern, dem Baltikum, der Tschechoslowakei sowie der aus der Sowjetunion stammenden Kriegsgefangenen und der "Ostarbeiterinnen" und "Ostarbeiter" ein. Dabei werden unter Berücksichtigung der Gesamtentwicklung der Zwangsarbeitspolitik des NS-Staates die auf diversen (Un-) Rechtsnormen beruhende Behandlung und Bestrafung der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter ebenso dargestellt wie die konkrete Arbeitssituation, Unterbringung, Verpflegung, die zumeist fehlende medizinische Versorgung und die vielfach erlebte Anfeindung seitens der deutschen Bevölkerung. Neben heute noch feststellbaren Details über die personelle Stärke der einzelnen Ländergruppen und ihre Zuweisung zu bestimmten Arbeitsbereichen verdeutlichen Aussagen ehemaliger Zwangsarbeitskräfte, unter welch harten Bedingungen sie leben und arbeiten mussten. Wie überall standen auch in Wiesbaden die Menschen aus den osteuropäischen Staaten, insbesondere Polen und Sowjetbürger, am unteren Ende der "Hierarchie". Hunger, chronische Mangelerkrankungen, schwerste Arbeitsbedingungen und die ständige Androhung von Strafen waren ständige Begleiter.
 
In weiteren Kapiteln untersucht die Autorin zunächst das von der Stadt selbst als Sammellager für kleinere und mittlere Firmen eingerichtete "Lager Willi", in dem katastrophale hygienische Verhältnisse herrschten und die Versorgungs- und Ernährungslage unzureichend war. Bei einem Bombenangriff im März 1945 starben zahlreiche Häftlinge, unter ihnen drei Kinder von "Ostarbeiterinnen". Thematisiert wird darüber hinaus das Schicksal der Zwangsarbeitskräfte, welche Opfer der "Euthanasie" wurden, die Situation der zumeist aus Luxemburg stammenden Häftlinge des zum SS-Sonderlager/KZ Hinzert gehörenden Außenkommandos "Unter den Eichen", welche unter anderem beim Baracken- und Bunkerbau für die SS und als Räumkommandos nach Luftangriffen Schwerstarbeit zu leisten hatten, sowie nicht zuletzt die Zwangsarbeit Wiesbadener Juden. Besondere Aufmerksamkeit gilt den polnischen und sowjetischen Zwangsarbeiterinnen, die gemeinsam mit ihren Kindern - viele von ihnen in Wiesbaden geboren - unter unsäglichen Bedingungen ums Überleben kämpfen mussten. Ihr Schicksal hat Kerstin Kersandt näher untersucht.

Vervollständigt wird das Forschungsprojekt zum einen durch eine Darstellung der letzten Kriegswochen, die insbesondere für die in den bewachten Lagern eingeschlossenen Menschen eine permanente Lebensgefahr bedeuteten. Wegen fehlender Schutzvorrichtungen haben etliche Zwangsarbeitskräfte die Bombardierungen nicht überlebt. Zum anderen zeigt das Kapitel über die Befreiung durch die Amerikaner und über die enormen Probleme bei der Versorgung und Repatriierung tausender verschleppter und heimatlos gewordener Menschen ("Displaced Persons"), dass mit dem Ende des Krieges und dem Untergang des NS-Regimes für die dem Joch entgangenen Zwangsarbeitskräfte kein neues Leben begann. In die Freude über die gewonnene Freiheit mischte sich speziell für die Osteuropäer die berechtigte Angst vor einer erneuten Bestrafung als "Kollaborateure" und die Ungewissheit, ob ihre Heimatorte zerstört und Angehörige im Krieg getötet worden waren. Die Zeit der Zwangsarbeit hat sie alle geprägt, und ihr Leben lang begleiteten sie immer wiederkeh-rende schreckliche Erinnerungen und zum Teil schwere gesundheitliche Belastungen.

Dem Stadtarchiv Wiesbaden ist zu danken, dass es durch die Herausgabe der ausgezeichneten und detailreichen Studie einen weiteren wichtigen Baustein zur Geschichte der NS-Zeit in Wiesbaden der Öffentlichkeit vorgelegt hat.

Hedwig Brüchert: Zwangsarbeit in Wiesbaden. Der Einsatz von Zwangsarbeitskräften in der Wiesbadener Kriegswirtschaft 1939-1945. Mit einem Beitrag von Kerstin Kersandt. Hrsg.: Magistrat der Landehauptstadt Wiesbaden - Stadtarchiv (Schriften des Stadtarchivs Wiesbaden, Bd. 8). Wiesbaden 2003.
Renate Knigge-Tesche
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Wie aus Deutschen Nazis wurden
Neue Gedankenwege beschreitet der Autor, um eine Antwort zu finden auf seine Aussage, dass und wie aus Deutschen praktisch "übergangslos" und ohne viel Aufhebens Nazis wurden. Seine Sichtweise der geschichtlichen Entwicklung Deutschlands in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist zugleich frappierend und ungewohnt, die Schlüsse aus den dargestellten Zusammenhängen sind geradezu folgerichtig. So gesehen, ist es konsequent, dass, wenn man sich ernsthaft mit dem Phänomen der Nazibarbarei und dem Widerstand dagegen auseinandersetzt, man nicht umhin kommt, als sogenannte "Sekundärliteratur" das Buch zu lesen. Es kann dazu beitragen, deutsche Geschichte des vergangenen Jahrhunderts neu zu verstehen.

In den Teilabschnitten und Zeiteinteilungen "Juli 1914", "November 1918", "Januar 1933" und "Mai 1933" versucht Fritsche seine These von einer "revolutionär populistischen Bewegung" glaubhaft darzustellen und kommt dabei zu überraschenden Schlüssen für die Zwangsläufigkeit des Ablaufes der Ereignisse und den sich daraus ergebenden Konsequenzen. Umfangreiche Anmerkungen werden als Beleg von getroffenen Aussagen zitiert.
 
Ein zweiseitiges Bild "eröffnet" jedes Kapitel. Und jedesmal sind darauf Volksmassen dargestellt. Das soll im Sinne der Überlegungen des Autors verdeutlichen, dass diese Mobilisierung von Gewalt im Namen eines vordergründigen Populismus und verhängnisvollen ethischen Nationalismus Ausdruck der "deutschen Revolution" des 20. Jahrhunderts in den Jahren 1914-1945 symbolisiert. Demzufolge waren Nazis keine politischen Außerirdischen. Und als Resumée einer gründlichen Hinterfragung deutscher Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt für Fritsche: Der Nationalsozialismus war weder zufällig, noch wurde er einmütig bejaht.

Peter Fritsche: Wie aus Deutschen Nazis wurden. Zürich, München: Pendo-Verlag, 1999. Wolfgang Janz
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Blick in den Abgrund - zur Aktualität zeitgenössischer Berichte
Die Publizierung zeitgenössischer Texte beinhaltet immer das Risiko, dass sie nur für einen Kreis von Spezialisten von Interesse sind. Zu speziell sei ihr Blickwinkel, zu historisch sei ihre Perspektive. Dass dies auch gänzlich anders sein kann, belegt jüngst eine Veröffentlichung aus dem Pahl-Rugenstein-Verlag unter dem Titel "Blick in den Abgrund - Das Ende der Weimarer Republik im Spiegel zeitgenössischer Berichte und Interpretationen". Es handelt sich dabei um die erste vollständige Edition der "Wochenberichte" von Emil Fuchs und Erwin Eckert, die im "Sonntagsblatt des arbeitenden Volkes" von Oktober 1930 bis März 1933 veröffentlicht wurden.
 
Die "Wochenberichte" waren eigentlich nichts anderes als die Zusammenstellung verschiedener Nachrichten aus Wirtschaft, Sozialpolitik und dem Alltagsleben der "kleinen Leute". Ein Beispiel von vielen: "Die Stadt Kassel steht vor einer Finanzlage, in der man den Plan gefasst hat, alle Schulen zu schließen, weil man keine Kohlen für sie mehr bezahlen kann." (S. 469) Ziel dieser Veröffentlichung war es, "alle abhängig Arbeitenden zur Einsicht in ihre soziale und politische Situation zu führen", wie die Herausgeber formulieren. Dabei waren die Verfasser zwar politisch in den Arbeiterparteien verankert, aber sie verstanden sich nicht als Vertreter der KPD bzw. der SPD, sondern waren Repräsentanten des "Bundes der religiösen Sozialisten Deutschlands" und damit einer Organisation, die "in bewusster Verantwortung vor Gott und den Menschen in und mit dem revolutionären Proletariat um die sozialistische Neuordnung" kämpfte.
 
In den "Wochenberichten" wurden die sozialpolitischen Entwicklungen nicht nur beschrieben, die Verfasser ergriffen vielmehr Partei für die von Entlassungen Bedrohten, für die Opfer der Brüningschen Notverordnungspolitik, für die Arbeitslosen und Wohlfahrtserwerbslosenhilfe-Empfänger. Gleichzeitig warnten sie immer deutlicher vor dem aufkommenden Faschismus. So heißt es im 63. Wochenbericht von August 1932: "Hitlerregierung droht! Die Koalitionsverhandlungen sind in das offizielle Stadium gerückt. An der Stellung des Zentrums hat sich nichts geändert; es verlangt im Reich wie in Preußen eine sichtbare Einbeziehung der Nazis in die Verantwortung. Es scheint sogar bereit, Hitler als Reichskanzler zu tolerieren. Papen-Schleicher-Hindenburg wollen an der Form des Präsidialkabinetts festhalten und es weiter ausbauen." (S. 393)

Schon 1930 hatte Erwin Eckert auf zahlreichen Veranstaltungen auf die Gefahr der NSDAP und ihrer Schlägertruppe SA verwiesen. In den "Wochenberichten" wurde diese Warnung durch die Zusammenstellung verschiedener Vorfälle, die sich teilweise nur in der regionalen Presse niederschlugen, aktualisiert. Schon damals gab es offensichtlich die Tendenz, die Gewalttätig-keiten der extremen Rechten in der Lokalbe-richterstattung "verschwinden" zu lassen.

Die "Wochenberichte" analysierten nicht nur, sie riefen auf zum Handeln im Sinne einer antifaschistischen Einheitsfrontpolitik ohne sektiererische Aus- oder Abgrenzungen. Damit sind sie ein Zeugnis für die Kräfte, die versuchten, dem aufkommenden Faschismus in möglichst breiter politischer Bewegung entgegenzutreten.
Zu loben ist die Arbeit der Herausgeber Friedrich Martin Balzer und Manfred Weißbecker, die in einer ausführlichen Einführung den politischen Hintergrund der "Wochenberichte" ausleuchten und die einzelnen Berichte mit einem umfänglichen Anmerkungsapparat (einschließlich umfangreicher biographischer Erläuterungen) auch für Nachgeborene nachvollziehbar machen.

In einem gut 60-seitigen Anhang finden die Leser darüber hinaus einige bewertende Nachbetrachtungen sowie Hinweise über das komplizierte Verhältnis von Erwin Eckert zum "Bund der religiösen Sozialisten". Dieses Verhältnis scheint - wie Rezensionen aus dem Spektrum belegen - bis heute nicht geklärt zu sein.

Erwin Eckert, Emil Fuchs - Blick in den Abgrund. Das Ende der Weimarer Republik im Spiegel zeitgenössischer Berichte und Interpretationen. Herausgegeben von Friedrich-Martin Balzer und Manfred Weißbecker. Bonn: Pahl-Rugenstein Nachf., 2002. Ulrich Schneider
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Das jüdische Frauenaußenkommando der Gelsenberg Benzin AG
In den "informationen" Nr. 54 und Nr. 55 hat Irmgard Seidel über "Weibliche Häftlinge des KZ Buchenwald in der deutschen Rüstungsindustrie" geschrieben. Dabei widmete sie den jüdischen Außenkommandos besondere Aufmerksamkeit und kam zum Schluss: "Der größte Teil der Jüdinnen wurde in separaten Kommandos isoliert, in denen verschärfte Haftbedingungen galten ... Da sie nur von der sofortigen Vernichtung ausgenommen waren, wurden sie zu besonders gesundheitsschädigenden Arbeiten eingesetzt" ("informationen" Nr. 55, S. 23). Über eines der größten jüdischen Frauenaußenkommandos, das bei der Gelsenberg Benzin AG in Gelsenkirchen allerdings nur von Anfang Juli 1944 bis Mitte September 1944 bestand, erschien 2002 eine Studie von Marlies Mrotzek. Der Einsatz von 2000 Jüdinnen aus Ungarn, die in Auschwitz zur Zwangsarbeit selektiert worden waren, erfolgte im Kontext des "Geilenberg-Programms", das mit höchster Dringlichkeitsstufe die Wiederinbe-triebnahme von Hydrierwerken nach Bombardierungen, aber auch deren Untertage-Verlagerung sowie die Ölschiefer-Produktion betrieb. Eine akribische Auswertung der alliierten Luftaufnahmen ermöglicht die Lokalisierung des Lagers "nordöstlich des Betriebsgeländes im Winkel zwischen Lanferbach und Bahnlinie". Es bestand aus sechs Zelten, in denen die Gefangenen kampieren mussten, einigen Baracken für das Bewachungspersonal (93-96 männliche Posten, vier SS-Aufseherinnen) und war mit einem Doppelzaun aus Stacheldraht umgeben; am westlichen und südlichen Lagerrand standen Wachtürme. Innerhalb des Lagers gab es keine Splittergräben oder andere Schutzvorrichtungen, wie sie in Zwangsarbeiterlagern der Gelsenberg Benzin AG, so z.B. an der Bruchstraße, vorhanden waren. Die jüdischen Gefangenen waren den Bombenan-griffen schutzlos ausgeliefert. Der Bombenangriff vom 11. September 1944 forderte unter ihnen 138 Tote, mindestens 94 Verwundete, von denen mindestens 23 in Krankenhäuser in Gelsenkirchen, Bottrop und Rotthausen einge-liefert wurden. Unmittelbar nach diesem Bom-benangriff erfolgte die Überstellung von 1.215 Häftlingen nach Sömmerda zur Rheinmetall Borsig AG. Bis dahin waren die Jüdinnen bei lebensgefährlichen Aufräumungsarbeiten auf dem Gelände des zerstörten Hydrierwerkes und im betriebseigenen Hafen eingesetzt - häufig zwölf Stunden lang ohne Pausen. Bereits Mitte August 1944 hatten vier Mitarbeiter der Krupp AG unter den Frauen 500, die ihnen am kräftigsten erschienen, zum Arbeitseinsatz im Walzwerk II in Essen ausgesucht.
Mrotzek beschreibt das Machtgefüge im KZ-Außenkommando der Gelsenberg Benzin AG als in sich widersprüchlich: Zum einen seien, trotz der lebensgefährlichen Unterversorgung, erkrankte oder bei den Bombenangriffen verletzte Frauen in Gelsenkirchener Krankenhäuser eingeliefert worden; zum anderen hätte es von Anfang bis zur Auflösung "chaotische Züge" gegeben: SS-Lagerleiter Eugen Dietrich (von verschiedenen Überlebenden als "gutmütiger Mann" geschildert) hätte sich nicht gegen das männliche und weibliche Wachper-sonal durchsetzen können. Und oft hätten ihm unterstellte SS-Angehörige das Lagergeschehen bestimmt. "Trotzdem funktionierte auch hier das Prinzip der SS: Die Parallelität von Zwangsarbeit und Vernichtung."
Die in Krankenhäuser eingewiesenen Gefangenen - unklar bleibt, wer diese Einweisung veranlasst hat - wurden nach ihrer Gesundung ebenfalls nach Sömmerda gebracht; 17 Frauen erlagen noch ihren Verletzungen. Von dem Chirurgen Dr. Rudolf Bertram, der das Krankenhaus in Rotthausen und das St. Josefs-Hospital in Gelsenkirchen-Horst betreute, ist überliefert, dass er zusammen mit der Krankenhausfürsorgerin Ruth Theobald und der Ordensschwester Epimacha 17 Jüdinnen vor dem Abtransport nach Sömmerda rettete. Dr. Bertram wurde 1996 posthum von Israel als "Gerechter der Völker" geehrt; daran erinnert auch eine Gedenktafel am St. Josef-Hospital.
 
Neben dem Schwerpunkt "KZ-Außenkommando" liefert die Autorin auch einen klugen Abriss über "Das Hydrierwerk der Gelsenberg Benzin AG als Projekt des Vierjahresplanes" und über die Nachkriegsgeschichte. Dies ist um so wichtiger und lädt zu weiteren Forschungen ein, als sie zu dem Schluss kommt: "Bis heute haben die Gelsenberg Benzin AG, ihre Muttergesellschaft, die GBAG, und die Nachfolgeunternehmen Veba AG und E.O.N keinen tatsächlichen Beitrag zur moralischen und historischen Wiedergutmachung für die ehemaligen Lagerinsassinnen geleistet. Auch hat das Unternehmen bis heute seine öffentlichen Selbstdarstellungen nicht kritisch reflektiert und den historischen Tatbeständen entsprechend aufgearbeitet."

Marlies Mrotzek: Das KZ-Außenlager der Gelsenberg Benzin AG. Fernwald: Germinal, 2002
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Ursula Krause-Schmitt
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Quellen des Holocaust zum Sprechen bringen

Der Doyen der Holocaust-Forschung Raul Hilberg zeigt in seinem neuen Buch, wie er Quellen analysiert und in den historischen Kontext einordnet. Im ersten der fünf Kapitel über die Typen von Quellen geht er zunächst auf Abbildungen wie Pläne, Skizzen, Filme und Fotos ein. Die Wortquellen bilden den Löwenanteil des verfügbaren Materials. Sie sind im allgemeinen mit einer Schreibmaschine geschrieben, es lassen sich jedoch auch handgeschriebene Seiten finden. "Da die Maßnahmen gegen Juden sich auf Gebiete unter deutscher Herrschaft sowie auf Staaten erstreckten, die mit Deutschland verbündet waren, sind alle diese Texte in über zwanzig verschiedenen Sprachen geschrieben." (S. 18) Die Archivalien sind meist auf Deutsch, aber auch auf Polnisch oder Jiddisch, z.B. die Hinterlassenschaften der Judenräte in Warschau, Lublin, Bialystok und Wilna. Die Chronik des Ghettos von Litzmannstadt (Lódz) etwa wurde in polnischer Sprache begonnen und auf Deutsch weitergeführt. Zu den Wortquellen gehören schließlich noch Gesetze, Verfügungen, Bescheinigungen, Zei-tungsberichte und viele andere mehr.

Unter der im nächsten Kapitel angesprochenen Komposition der Holocaust-Quellen gehörten Aspekte wie die Standardisierung amtlichen Schriftverkehrs und deren hierarchischer Charakter. Spezielle Feinheiten können bei den Unterschriften festgestellt werden: Sie sind handschriftlich und in der Regel unleserlich oder bestehen nur in einer Abkürzung und können den Rang der Unterzeichner in der Farbe der Unterschrift ausdrücken. Dies war in der seit 1926 geltenden Gemeinsamen Geschäftsordnung für die Verwaltung geregelt: "Grün für einen Minister, Rot für einen Staatssekretär und Blau für einen Ministerialdirektor." (S. 72) In anderen Behörden wurde analog verfahren.
 
Bei dem im dritten Kapitel behandelten Stil konstatiert Hilberg prosaische Formulierungen, Dokumente in einem vorgestanzten Stil abgefasst und in ihnen drückt sich "bürokratische Gleichgültigkeit" (S. 84) aus. Er geht auch auf die Praxis der doppelten Terminologie ein, die sich z.B. in Berufsbezeichnungen zeigt: Der "arische" Rechtsanwalt darf sich als solcher bezeichnen, ein jüdischer Anwalt musste sich "Konsulent" nennen, ebenso durfte sich der jüdische Arzt nur als "Krankenbehandler" bezeichnen. Hilberg geht weiter auf die verschleiernde Sprache ein und konstatiert eine "ganze Skala von Euphemismen" (S. 132): Eine Gaskammer wurde beispielsweise als "Badeanstalt für Sonderaktionen" bezeichnet.

Bei dem im folgenden Kapitel behandelten Inhalt wird u.a. hervorgehoben, dass auf Details und Auslassungen zu achten ist. Im letzten Abschnitt zur Nutzbarkeit weist Hilberg u.a. auf die inzwischen verfügbare Fülle an Archivmaterialien hin, die neue Einblicke ermöglichen. Er endet mit dem Satz: "Die unermüdliche Suche nach Erkenntnissen geht weiter, und mag sie noch so aufwendig sein, damit nicht alles verloren geht und vergessen wird." (S. 243)
 
Hilberg unterlegt seine Beispiele häufig mit faksimilierten Dokumenten. Er hat ein gut lesbares Handbuch zur Entschlüsselung und Interpretation der Quellen des Holocaust geschrieben. Es enthält Personen-, sowie Orts- und Sachregister und gehört in die Hand aller Leute, die sich mit der Erforschung des Holocaust befassen und befassen wollen.

Raul Hilberg: Die Quellen des Holocaust. Entschlüsseln und Interpretieren. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 2002. Kurt Schilde
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Vom Abwehr- zum Gesinnungsverein: Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens
Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (CV) wurde im März 1893 zur Abwehr des Antisemitismus gegründet. Die Geschichte dieses bis zur Auflösung nach den Pogromen im November 1938 existierenden Verbandes hat der renommierte israelische Historiker Avraham Barkai erst schreiben können, nachdem das Archiv des Berliner Hauptbüros des CV in einem bis 1990 geheim gebliebenen Moskauer Sonderarchiv auftauchte. Als weitere wichtige Informationsgrundlage dienten Zeitschriften und Publikationen des Vereins sowie Erinnerungen führender Leute. Diese entstammten wie meisten Mitglieder dem "mittleren und gehobenen Bürgertum" (S. 370) und erstrebten eine doppelte Identität als deutsche Juden oder jüdische Deutsche. Für die "vaterländischen" CV-Angehörigen waren die prominent auftretenden linken Politiker jüdischer Abstammung "eine kleine, von den meisten Juden ängstlich oder ablehnend beobachtete Gruppe" (S. 102). Diese Sichtweise änderte sich erst, als sich immer deutlicher herausstellte, dass in den konservativ-nationalen Parteien antisemitische Tendenzen zunahmen. Es fanden leichte Annäherungen an die SPD und insbesondere zum Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold statt, der oft den Saalschutz für CV-Veranstaltungen stellte.
 
Durch Versuche der diskreten Einflussnahme auf die Politik und Rechtsprechung, Erziehungswesen und Publizistik sowie - vor allem in der Anfangszeit - Prozesse gegen antisemitische Vorwürfe zeigte sich der CV als Abwehrverein. In dessen Führung agierten viele Rechtsanwälte, die sich an der Rechtsschutzarbeit beteiligten. Um die Jahrhundertwende bearbeitete eine Kommission jährlich über einhundert Gerichtsfälle. Aber von vereinzelten Erfolgen abgesehen waren die Erfolge der gerichtlichen Auseinandersetzungen um die Widerlegung von Angriffen gegen die jüdische Religion und deren Schrifttum nur äußerst marginal. Dies lag wesentlich an der Voreingenommenheit der deutschen Justiz, was ein im Herbst 1922 gefälltes Urteil demonstriert: Ein Redakteur der NS-Parteizeitung Völkischer Beobachter wurde in einem Beleidigungsprozess relativ milde bestraft, weil er aus "Parteileidenschaft" gehandelt habe und die "Verunglimpfung politischer Gegner allgemeine Unsitte" geworden sei. (S. 110)
 
Schon in den ersten Jahren und dann zunehmend aufgrund des Drucks antisemitischer Personen und Organisationen und einer Ideologisierung öffentlicher Diskurse entwickelte sich der CV vom bloß defensiven Abwehrverein zu einem Gesinnungsverein, zur positiven Bejahung des Judentums. Für viele Mitglieder wurde er zu einem Ort der Auseinandersetzung über religiöse und säkulare Fragen und zu ihrer Identitätssuche zwischen Deutschtum und Judentum. Der wichtigste Diskussionspartner wurde die 1897 gegründete Zionistische Ver-einigung für Deutschland, die einen radikalen Palästinozentrismus vertrat. Die Gegenposition dazu formulierte ein führender CV-Funktionär so: "Palästina ist uns ein fremdes Land, nach dem uns keine Sehnsucht zieht." (S. 137) So zeigte die grundsätzliche Auseinandersetzung einen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen beiden Organisationen. Verschärft wurde die antizionistische Radikalisierung des CV durch einen ideologischen Zweifrontenkampf gegen die Zionisten auf der einen und den rechtsextremen Verband nationaldeutscher Juden auf der anderen Seite.
 
Zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft 1933 zeigten sich in der Führung sowie unter den Mitgliedern Verunsicherungen und mehr und mehr schwanden die Hoffnungen für eine jüdische Existenz in Deutschland. Jetzt mussten auch die vaterländisch Gesinnten die "Aussichtslosigkeit ihrer Ideale und Sehnsüchte" (S. 351) erkennen. 1935 wurde nach den Nürnberger Gesetzen der Name in Jüdischer Zentralverein geändert. Einige Mitglieder wandten sich dem Zionismus zu, wanderten nach Palästina oder andere aufnahmebereite Länder aus. Vielen wurden Opfer des Holocaust und wie führende CV-Angehörige - einige in biografischen Skizzen vorgestellt - in Vernichtungslagern ermordet. Diejenigen Führungskader, die Deutschland lebend verlassen konnten, verstreuten sich über verschiedene Kontinente. Deshalb sind Versuche, die Geschichte des CV zu schreiben, auch misslungen.

Avraham Barkai: "Wehr Dich!" Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (C.V.) 1893-1938. München: Beck, 2002.
Kurt Schilde
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Chronologie des Dritten Reiches
Wer sich zukünftig mit der Geschichte des nationalsozialistischen Deutschlands beschäftigen will und sich für das chronologische Umfeld bestimmter Ereignisse interessiert, ist mit diesem Buch gut bedient.

Die aufgeführten Ereignisse der Jahre 1930 bis 1933 verdeutlichen, wie es zu der Machtübernahme kam: Das Scheitern der Weimarer Republik und der Aufstieg der NSDAP werden durch die steigenden Arbeitslosigkeitszahlen, die Konferenzen über die von Deutschland zu leistenden Reparationen und die Unfähigkeit der politischen Kräfte, eine stabile politische und wirtschaftliche Entwicklung zu schaffen ebenso erklärbar, wie durch den schrittweisen Aufstieg der NSDAP. Als Beispiel sei auf die am 23. Januar 1930 erfolgte Einsetzung des ersten nationalsozialistischen Ministers hingewiesen: Wilhelm Frick wurde Minister für Inneres und Volksbildung in Thüringen. Dessen Karriere lässt sich über das Personenregister weiter verfolgen, wie das Wirken von Göring, Himmler oder Goebbels. Nur Hitler wurde wegen der Häufigkeit nicht in das Register aufgenommen.
 
Nicht nur die NS-Herrscher werden angesprochen, sondern auch die Oppositionellen, wie Georg Elser, Robert Uhrig oder Beppo Römer. -Allerdings gibt es auch Falschinformationen, wie am 10.11.1944: "Dreizehn Mitglieder der Widerstandsgruppe ‚Edelweißpiraten' werden in Köln hingerichtet." (S. 111) Hier nahm Tofahrn offensichtlich aktuellere Forschungsergebnisse nicht zur Kenntnis. Leider gibt es auch noch andere Fehler, z.B. auf Seite 18 in dem Beitrag "Hitlers erstes Kabinett", bei dem die Amtszeit des Reichsfinanzministers, des Grafen Schwerin von Krosigk falsch als vom 30. Januar 1933 bis 29. Juni 1933 während angegeben wird. Dieser Mann war bereits vor Hitler im Amt, regierte mit Hitler und leitete schließlich auch nach Hitlers Tod als Geschäftsführender Minister die Regierung Dönitz im Frühjahr 1945. Dies wird auf Seite 119 auch richtig benannt. Solche und andere Fehler wären vermeidbar gewesen.
 
Grundsätzlich ist aber festzustellen, dass die akribische Zusammenstellung sehr gut ist. In die Chronologie eingefügt sind kurze Artikel beispielsweise über den Reichstagsbrand, die Errichtung der ersten Konzentrationslager, die "Gleichschaltung", den Volksgerichtshof, die Nürnberger Gesetze, den Vierjahresplan, die Reichspogromnacht oder die "Weiße Rose". Neben dem angesprochenen Personenregister sind auch das Sachregister, die Auswahlbibliographie und vor allem die weit über hundert Kurzbiografien von A wie Adenauer bis Z wie Stefan Zweig hervorzuheben.

Abschließend ist aber noch zu fragen, warum auf den ausführlichen einführenden Beitrag von Peter Steinbach zur Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich in Deutschland nach 1945 in Kultur und Wissenschaft nicht auf der Titelseite hingewiesen wird. Zurecht betont Steinbach, dass der Verfasser der Chronik mehr zusammengetragen hat als die Daten wichtiger Ereignisse. Ihm geht es um eine "Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit unter Beachtung einer politischen Zielrichtung". Tofahrn hat durch die "Konfrontation mit den Fakten" einen "Beitrag zur Überwindung rechtsextremistischen Denkens" (S. XXII) geleistet.

Klaus W. Tofahrn: Chronologie des Dritten Reiches. Ereignisse, Personen, Begriffe. Mit einem einführenden Beitrag von Peter Steinbach. Darmstadt: Primus, 2003. Kurt Schilde
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Juden in Chemnitz
Das erste Buch zur Geschichte der Juden in Chemnitz erschien 1970 in Frankfurt am Main, wo sich Adolf Diamant, ein gebürtiger Chemnitzer, zu Beginn der 1950er Jahre niedergelassen hatte. Es folgten Chroniken zur Geschichte der Juden in Zwickau (1971), in Dresden (1973), in Leipzig (1993) und in Annaberg im Erzgebirge (1995). Im Kontext dieser Besprechung, in der drei jüngst erschienene Arbeiten zu Chemnitz vorgestellt werden, soll zumindest erwähnt werden, dass dem Autor auch erste Bestandsaufnahmen zu den beim Novemberpogrom 1938 in Deutschland zerstörten Synagogen (1978) und jüdischen Friedhöfen (1982 und 2000) sowie die beiden Deportationsbücher der aus Frankfurt am Main und Leipzig gewaltsam verschickten Juden (1984 und 1991) zu verdanken sind.

1999 erschien als Ergebnis jahrzehntelanger Forschungen die beinahe 800 Seiten starke Dokumentation zur Gestapo Chemnitz und den Gestapoaußenstellen Plauen im Vogtland und Zwickau. Wie umfangreich diese Forschungen waren, bestätigen die im Anhang aufgelisteten rund 250 Archive, Bibliotheken, Behörden und Institutionen. Das Konzept der Dokumentation gleicht den bereits 1998 bzw. 1990 vorgelegten Bänden zur Gestapo Frankfurt am Main und Leipzig. Nach einer detaillierten Darstellung der Gestapodienststellen und ihres Personals folgt der chronologische Bericht der Verfolgungsaktivitäten dieser verbrecherischen Organisation, dargestellt an den unterschiedlichsten Quellen. Viele dieser Dokumente sind in gut lesbarer Form abgedruckt. Kein Bereich der Gestapo-Aktivitäten bleibt ausgeklammert: Dokumentiert werden die Verfolgung der politischen Gegner, der Zeugen Jehovas, der Juden, der Sinti und Roma, der Homosexuellen, der Kirchen, der Freimaurer, die Repressionen gegen ausländische Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge, um nur einige Aspekte zu nennen. Bei dieser Fülle des aufbereiteten Materials sind die drei Register - Sachbegriffe, Personen, Orte - äußerst hilfreich. In seinem Vorwort schreibt Diamant: "Beim Studium der vorliegenden Arbeit könnte beim Lesen der Eindruck entstehen, daß ich mich vorwiegend mit der Dokumentation zur Verfolgung von Kommunisten und Juden befaßt habe. Diese Annahme ist irrig. Wie bekannt, waren in allererster Linie die Kommunisten die Hauptgegner der Nationalsozialisten, dann folgten Sozialdemokraten, Gewerkschafter usw. Die Ausrottung der Juden war aber oberste Doktrin des Naziregimes." So gehören das Jahr 1938 (mit der Ausweisung der sowjetischen Juden im Januar, der polnischen Juden im Oktober und dem Novemberpogrom) und die Jahre 1941-1943 (Einrichtung von "Judenhäusern", Zwangsarbeit für Juden, Deportationen) zu den umfangreichsten Abschnitten. Von besonderer Bedeutung ist das nicht in die Chronologie integrierte, knapp 200 Seiten umfassende Kapitel "Recherchen und Informationen über den antifaschistischen Widerstand und den Einsatz von Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen sowie KZ-Häftlingen in Städten und Gemeinden der Staatspolizeistelle Chemnitz mit den Stapoaußenstellen Plauen i.V. und Zwickau". Im Zusammenhang mit seinen Forschungen stellte Diamant 1995 auch eine Strafanzeige gegen Gestapobeamte von Chemnitz und Zwickau, die größtenteils wegen "Verjährung der Straftaten" nicht weiterverfolgt wurde.

"Dem Gedenken an die fast 800 Chemnitzer Ostjuden, die in den Jahren von 1939-1945 barbarisch ermordet wurden", widmet Adolf Diamant das schmale Buch "Ostjuden in Chemnitz", das 2002 anlässlich der Einweihung des neuen Jüdischen Gemeindezentrums und der Synagoge in Chemnitz erschien. Kenntnisreich schildert er die soziale Lage, die religiösen und kulturellen Einrichtungen dieser ab 1900 vor Pogromen aus Rumänien, Österreich-Galizien, Rußland und Polen nach Chemnitz geflüchteten Menschen und beschreibt "die unendlich tiefe Kluft zwischen den Ostjuden und den deutschen Juden" in der damaligen Zeit. Hilfe zur Auswanderung erhielten Ostjuden ab 1933 vor allem von zionistischen Organisationen: die lange und gefahrvolle Reise nach Palästina begann mit dem illegalen Überqueren der Grenze im Erzgebirge in Richtung Tschechoslowakei. Mindestens 788 ostjüdische Männer, Frauen und Kinder wurden aus Chemnitz deportiert und ermordet.

Anlässlich der Einweihung der Neuen Synagoge erschien auch ein Stadtführer mit dem Titel "Spurensuche: Jüdische Mitbürger in Chemnitz - Stätten ihres Lebens und Wirkens - Orte der Erinnerung", herausgegeben vom Stadtarchiv Chemnitz. Neben einer Vielzahl jüdischer Einrichtungen und Geschäfte wird darin auch an bekannte Persönlichkeiten erinnert: an den Opernsänger Richard Tauber, die Schriftsteller Stefan Heym und Stephan Hermlin und den SPD-Reichstagsabgeordneten Ernst Heilmann. An dieser sehr übersichtlich und grafisch anspruchsvoll gestalteten Broschüre ist besonders bemerkenswert, dass sie auch den keineswegs immer respektvollen Umgang mit den Stätten jüdischen Lebens zu DDR-Zeiten (vergleichbares gab es leider auch in der alten Bundesrepublik) beschreibt, so z.B. an der Überbauung des ehemaligen Standorts der Synagoge am Stephansplatz. Nach den Vorstellungen der kleinen Gemeinde der Überlebenden des Holocaust sollte hier bereits zum 9. November 1947 ein Mahnmal errichtet werden. Es dauerte jedoch bis zum November 1988, bis zum 50. Jahrestag der Zerstörung der Synagoge, bis hier eine Gedenkstele enthüllt werden konnte.

Adolf Diamant: Gestapo Chemnitz und die Gestapoaußenstellen Plauen i.V. und Zwickau. Zur Geschichte einer verbrecherischen Organisation in den Jahren 1933-1945. Dokumente - Berichte - Reportagen. Chemnitz: Verl. Heimatland Sachsen, 1999.
Adolf Diamant: Ostjuden in Chemnitz 1811-1945. Eine Dokumentation anläßlich der Einweihung des neuen Jüdischen Gemeindezentrums und der Synagoge in Chemnitz. Chemnitz 2002
Spurensuche: Jüdische Mitbürger in Chemnitz - Stätten ihres Lebens und Wirkens - Orte der Erinnerung. Herausgegeben vom Stadtarchiv Chemnitz. Chemnitz 2002.
Ursula Krause-Schmitt
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Geschichtsmythen
Der Band vereint die überarbeiteten Vorträge einer Fachtagung gleichen Themas, die von der Landeszentrale für Politische Bildung Thüringen und dem Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung im April 2002 veranstaltet wurde. Anlass der Tagung war die rapide Zunahme rechtsradikaler Aktivitäten in den neuen Bundesländern, wo auf dem Substrat fremdenfeindlicher Einstellungen breiter Bevölkerungskreise Cliquen gewaltbereiter Jugendlicher agieren, in loser Verbindung untereinander sowie mit überregional tätigen Kadern. Gemeinsam ist ihnen allen der Rückgriff auf Traditionslinien, Symbolik und Bildvorrat des Nationalsozialismus sowie dessen Verharmlosung durch Hervorhebung seiner angeblich positiven Seiten und Leugnung bzw. Relativierung seiner Verbrechen. Die Beiträge dieses Buches demaskieren diesen "Geschichtsrevisionismus von Rechts" und widerlegen seine zentralen Thesen Punkt für Punkt.

Einleitend weist Wolfgang Benz nach, dass es keine "jüdische Kriegserklärung" an Deutschland gegeben hat, derzufolge der nationalsozialistische Genozid an den Juden Europas nur "Notwehr" gewesen wäre, und auch dass der Vorschlag, alle Deutschen zu sterilisieren, nicht ein "Kaufman-Plan" der US-Regierung war, sondern die idée fixe eines einzelgängerischen Psychopathen. Ernster zu nehmen war schon der in der US-Administration entstandene "Morgenthau-Plan" (Entindustrialisierung und Zerstückelung Deutschlands). Obwohl er noch vor Kriegsende in der Versenkung verschwand, dient er, wie Johannes Heil zeigt, dem politischen Rechtsradikalismus als "Beweis" für eine "jüdische Weltverschwörung", von der schon spätmittelalterliche Skribenten zu berichten wussten und die auch heute noch in der antisemitischen Agitation, nicht nur in Deutschland, sondern auch in den islamischen Ländern und denen Ostmitteleuropas eine wichtige Rolle spielt.
Beate Kosmala entlarvt die Rede von der "Volksgemeinschaft", die angeblich im Dritten Reich verwirklicht worden sei, als idealisierend verfälschte Interpretation der historischen Realität. Michael Kohlstruck demontiert die beschönigenden Selbstbilder zweier wichtiger Identifikationsfiguren der Neuen Rechten, des angeblich "unpolitischen Technokraten" Albert Speer und des "reinen Toren" Rudolf Hess, indem er aufzeigt, wie beide aktiv am Holocaust beteiligt waren. Während es Juliane Wetzel bei der erdrückenden Fülle des Beweismaterials leicht fällt, der "Auschwitzlüge" entgegen zu treten, muss Peter Widmann schon etwas weiter ausholen, um schlüssig nachzuweisen, dass Hitler von Anfang seiner politischen Karriere an den Krieg gewollt und seit der Machtübertragung 1933 bewusst auf ihn hin gearbeitet hat.

Das wohl heikelste Kapitel in der argumentativen Auseinandersetzung mit der politischen Rechten (nicht nur den Radikalen) hatte sich Wolfgang Benz selbst vorbehalten: Die "Kriegsverbrechen der Alliierten". Heikel aus dem Grunde, weil im Kriegsvölkerrecht der Grundsatz des "tu quoque" gilt, der Aufrechnungen (etwa "Dresden" gegen "Coventry") grundsätzlich zulässt. Benz lässt keinen Zweifel (und nennt auch Beispiele), dass es auf beiden Seiten zu Kriegsverbrechen im Sinne des Völkerrechts gekommen ist, sieht jedoch, was Anzahl und Schwere anbetrifft, die Waagschale sich deutlich zu Ungunsten Deutschlands senken, was wiederum dem von rechter Seite vorgebrachten Argument, es hätten zwar viele deutsche, aber kaum ein alliierter Kriegsver-brecher vor Gericht gestanden, seine Spitze nimmt.
 
Problematischer wird es bei Ereignissen, die nach Einstellung der Kampfhandlungen stattfanden und weder logisch noch juristisch als Kriegs-Verbrechen anzusehen sind: die jahrelange Zwangsarbeit deutscher Kriegsge-fangener in Frankreich, Polen und vor allem der Sowjetunion sowie die zwangsweise Umsiedlung ("Vertreibung") von ca. elf Millionen Deutschen, die übergroße Mehrheit davon aus der CSR und Polen. Benz' berechtigte Hinweise auf den historischen "Kontext ..., die Rolle der Sudetendeutschen Partei ... zwischen 1933 und 1938" und "die Methoden deutscher Okkupationsherrschaft in Polen" (S. 78) sind zwar hilfreich für das Verständnis der Reaktionen der tschechischen und polnischen Bevölkerung 1945/46, können jedoch nicht die Ausweisung der Deutschen aus den ehemals verbündeten Staaten Ungarn und Rumänien begründen. Und inwieweit die Betroffenen und die mit deren Los sich Solidarisierenden bereit sind, die Vertreibungen als gerechte Sühne für sudeten-deutschen Irredentismus und terroristische NS-Besatzungspolitik in Polen und Tschechien zu akzeptieren - wie ihnen oft empfohlen wird - und dies nicht nur als eine andere Art von "Aufrechnung" ablehnen, muss offen bleiben, zumal für die Betroffenen der "historische Kontext" nicht erst 1938/39 beginnt - man denke etwa an die repressive Minderheitenpolitik der CSR und Polens (nicht nur gegen Deutsche) in der Zwischenkriegszeit. Die Versäumnisse der deutschen Linken, die aus political correctness die Themen "Kriegsgefangene" und "Vertreibung" aus ihrem Diskurs ausgeklammert und dieses Feld kampflos der Rechten überlassen hatte, erschweren es heute, hier gegen die Radikalen argumentativ Terrain gut zu machen.
Im Schlussbeitrag zieht Peter Reif-Spirek Folgerungen aus dem Vorgetragenen für die politische Bildungsarbeit mit Jugendlichen. Insbesondere geht es ihm dabei um eine Neubestimmung des didaktischen Orts der NS-Gedenkstätten im Kampf gegen den "Geschichtsrevisionismus von Rechts", dessen Vertreter ihre Lügen und Verdrehungen ungehindert über das für Jugendliche als Informationsquelle immer wichtiger werdende Internet verbreiten. Gedenkstättenbesuche könnten die "Überzeugten" zwar nicht umstimmen. Sie seien aber eminent wichtig für diejenigen, die ihren Standort noch suchen. Sie müssten dafür jedoch über die Illustration schulischen Wissens zum Nationalsozialismus hinaus in einen breiten Lernkontext integriert werden, in welchem "Verbindungslinien zu aktuellen Diskriminierungserfahrungen" aufgezeigt würden - also, wie es die klassische Didaktik fordert: die Jugendlichen dort abholen, wo sie stehen. "Erst wenn dieser Aktualitätsbezug hergestellt wird, kann von politischem Lernen gesprochen werden" (S. 159). Für den nächsten Schritt, die Widerlegung der Geschichtsmythen über den Nationalsozialismus, bietet der vorliegende Band viel und grundlegendes Material. Er sollte in keiner Schulbibliothek fehlen. 

Wolfgang Benz und Peter Reif-Spirek (Hg.): Geschichtsmythen. Legenden über den Nationalsozialismus. Berlin: Metropol, 2003 Joachim Neander
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Deutsch-polnische Verständigung
Das Verständnis zwischen Deutschen und Polen ist für die Zukunft Europas von besonderer Bedeutung. Eine Voraussetzung dafür sind die Kenntnis und kritische Auseinandersetzung mit der stark belasteten Geschichte deutsch-polnischer Beziehungen im 20. Jahrhundert, insbesondere in der Zeit, als in Deutschland die NS-Diktatur herrschte. Vor allem gilt es die Jugend in diesem Sinne zu beeinflussen. Zu den Wissenschaftlern, die sich in den letzten Jahren verstärkt dafür eingesetzt haben, gehört der Paderborner Erziehungswissenschaftler Wolfgang Keim. Jüngster Beleg dafür ist der Sammelband "Vom Erinnern zum Verstehen". Die Idee dazu entstand auf einem im November 2001 an der Universität Paderborn veranstalteten Symposium. Der Band enthält neben einer Einleitung und einer Auswahlbibliographie des Herausgebers 26 Beiträge von an Universitäten und Schulen, Jugendbegegnungsstätten und Erinnerungsorten nazistischer Verbrechen Tätiger. Neun Autoren kommen aus Polen.

Das Buch ist in fünf Teile gegliedert. Einleitend äußern sich die Professoren Hans-Jochen Gamm und Christa Uhlig zu "Internationale Verständigung - ein Aufgabenfeld der Pädagogik". Gamm bietet Interessantes über den Platz von Johann Amos Comenius für den Aufbau europäischer Pädagogik. Es schließen drei Beiträge an, in denen versucht wird, die deutsch-polnischen Beziehungen rückblickend zu analysieren und den gegenwärtigen Stand zu erfassen. Eine zentrale Stellung nimmt der Teil III ein "Kinder als Opfer von Rassismus und Völkerhass - vergessene Perspektiven der Pädagogik". Von den acht Texten seien hervorgehoben von Wolfgang Keim "Kinder als Opfer von Rassismus und Völkerhass im okkupierten Polen - Voraussetzungen, Formen, Folgen", von Eugeniusz Cezary Król "Das geheime Schulwesen im okkupierten Polen als Teil der Widerstandsbewegung: eine Chance trotz allem" und von Ruta Sakowska "Das Elend der Kinder im Warschauer Ghetto". Teil IV ist überschrieben "Erinnern und Gedenken - eine pädagogische Aufgabe". In fünf Abhandlungen wird Einblick in Bereiche der Erinnerungsarbeit vorrangig mit Jugendlichen gegeben. Besonders genannt sei die Untersuchung der Paderborner Germanistin Juliane Eckardt "Das Polenbild der westdeutschen Kinder- und Jugendliteratur seit Ende des Zweiten Weltkrieges". Im abschließenden V. Teil "Vom Erinnern zum Verstehen - deutsch-polnische pädagogische Projekte" geben acht Berichte Auskunft über die Praxis gegenwärtiger pädagogischer Tätigkeit. Dies gilt u.a. für die deutsch-polnische Schulbuchkommission (K. Matußek), für Studien- und Gedenkfahrten Berliner Schüler nach Polen (B. Stollberg-Wol-schendorf), die Internationale Jugendbegegnungsstätte in Kreisau (R. Bardzik-Milosz) und polnische Erfahrungen bei deutsch-polnischen Jugendbegegnungen (K. Grocholewska/G. Kraycarz). Insgesamt bietet der Band zahlreiche Anregungen für weitere Forschungen sowie für die Praxis der Jugendarbeit und Erwachsenenbildung.

Wolfgang Keim (Hrsg.): Vom Erinnern zum Verstehen. Pädagogische Perspektiven deutsch-polnischer Verständigung. Frankfurt am Main: Peter Lang, 2003. Karl Heinz Jahnke
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Zur Rolle der Jugend auf dem Weg ins Dritte Reich
Im Juni 1934 erschien in Paris das Buch des 25-jährigen deutschen Germanistikstudenten Ernst Erich Noth "La Tragédie de la Jeunesse allemande". Noth hatte in Frankfurt am Main studiert und war Anfang März 1933 nach dem Reichstagsbrand ins Exil gegangen. Als früheres Mitglied des Sozialistischen Schülerbundes und vor allem als Autor des 1931 erschienenen Romans "Die Mietskaserne" stand er auf den schwarzen Listen der braunen Machthaber. Der Herrschaftsantritt der NSDAP hatte ihn stark erschüttert. Schon bald nach seiner Ankunft in Frankreich begann er an dem Buch zu arbeiten. Seine Absicht war, den französischen Lesern Antwort auf Fragen wie: Warum kam Hitler an die Macht? Wie konnte es geschehen? zu geben. Es ist das Verdienst des Frankfurter glotzi verlags, 68 Jahre später das Buch erstmalig in deutscher Sprache zu publizieren.

Im Zentrum der Darstellung stehen die Rolle der deutschen Jugend bei der Machtübernahme durch den Hitlerfaschismus und die sich andeutenden Folgen dieser grundlegenden Zäsur für die junge Generation. Das Buch hat zwei Teile: "Der Weg zu Hitler" und "Die Rückkehr zur Kaserne". Der Autor vertritt die These, dass die Jugend maßgeblichen Anteil an der Errichtung der NS-Diktatur in Deutschland hatte. Den Jugendbegriff fasst er sehr weit. Er unterscheidet dabei zwischen der Kriegsteilnehmergeneration und der Nachkriegsgeneration. Noth bezieht ca. 25 Millionen in Deutschland Ansässige im Alter zwischen 20 und 40 Jahren in seine Betrachtungen ein. An zahlreichen Tatsachen belegt er, dass aus diesen Kreisen der größte Teil der Führer und Anhänger der NSDAP kam. Interessant sind auch Überlegungen zu den Beziehungen zwischen der bürgerlichen Jugendbewegung und dem Aufstieg der NSDAP.
 
Im zweiten Teil werden aufschlussreiche Voraussagen darüber getroffen, welche Folgen die Errichtung des Hitlerregimes für die Jugend haben werde. Wenn auch manche Aussage später durch die Forschung erweitert oder wiederlegt worden ist, stellt das Buch eine wesentliche zeitgeschichtliche Quelle dar, wenn über die Ursachen und Folgen der NS-Zeit nachgedacht wird. Manche Aussagen sind noch heute anregend. Dazu gehört z.B.: "Die national-sozialistische Partei war eine junge Partei, nicht nur nach Dauer ihres Bestehens, sondern auch nach dem durchschnittlichen Alter ihrer Anhängerschaft ... Die Jugend fand sich im Nationalsozialismus bestätigt und anerkannt. Die besondere Bedeutung, die Jugendfragen schon stets im deutschen Leben einnahmen, und die seit dem Wirken der Jugendbewegung außerordentlich bewusste Generationsmystik kamen Hitler zugute." (S. 103)
 
Obwohl das Hitlerregime erst knapp eineinhalb Jahre existierte, beeindrucken die Voraussagen für die Zukunft. Besonders verwiesen sei auf den Exkurs "Jugend und Literatur" im zweiten Teil. Er belegt, welchen vorrangigen Platz die Jugend in der Literatur der Weimarer Republik eingenommen hat. Insgesamt handelt es sich um eine anregende, nachdenklich stimmende Publikation.

Ernst Erich Noth: Die Tragödie der deutschen Jugend. Essay. Frankfurt am Main: glotzi verlag, 2002.
Karl Heinz Jahnke
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Katholische Kirche im Dritten Reich

Der bekannte Kirchenhistoriker Georg Denzler hat erneut mit einem gewichtigen Buch zur Haltung der katholischen Kirche im Dritten Reich die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Diese Thematik zählt in seinem wissenschaftlichen Werk zu den zentralen Themen. Im Mittelpunkt des neuen Buches steht das Verhalten der katholischen Kirche in den Jahren 1933 und 1945. Unter anderem wird der Frage nachgegangen, inwieweit die Kirche in jener Zeit Widerstand geleistet hat.
 
Am Anfang gibt es als Einführung das Kapitel "Nationalsozialismus, Drittes Reich und Kirche". Es schließen sich vier Teile an. Überblickscharakter trägt der Abschnitt "Katholische Zugänge zum Nationalsozialismus". Nachfolgend wird am Beispiel von vier Professoren, die zwischen 1933 und 1939 an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Bamberg lehrten, die Haltung theologischer Wissenschaftler zum NS-Staat und seiner Ideologie analysiert. Einen zentralen Platz nimmt der dritte Teil ein. Anhand von acht biographischen Porträts wird die unterschiedli-che Haltung von katholischen Geistlichen und anderen Würdenträgern dargestellt Es entsteht ein differenziertes Bild. Dargestellt wird das Schicksal der beiden vom Hiterregime ermordeten Gegner, der Priester Franz Reinisch und Max Josef Metzger sowie des wegen Widerstands zu elf Jahren Zuchthaus verurteilten Kaplans Dr. Joseph C. Rossaint und des aus Deutschland ins Exil gezwungenen Priesters Georg Moenius, der sich von Österreich, Frankreich und den USA aus mit dem Naziregime auseinandersetzte. Besondere Beachtung verdient der Text über den Berliner Bischof Konrad Graf Preysing, der zu den wenigen deutschen Bischöfen gehörte, die entschlossen der Hitlerregierung entgegen-traten, wo die Interessen der Kirche verletzt wurden.
 
Berücksichtigung finden aber auch jene katholischen Geistlichen, die sich frühzeitig der NSDAP anschlossen und deren Politik aktiv vertraten. Hierzu gehören der Freisinger Priester Albert Hartl, der zum SS-Standartenführer aufstieg und im Auftrage des Reichsicherheitshauptamtes viel für die Unterordnung der Kirche unter die nationalsozialistische Gewaltherrschaft getan hat. Eine ähnliche Rolle spielte der ehemalige Münchener Priester Josef Roth als Ministerialdirigent im Reichsministerium für die kirchlichen Angelegenheiten. Aufschlussreich ist auch die Skizze über den Augsburger Weihbischof Franz Xaver Eberle, der mit dem Gauleiter der NSDAP Karl Wahl engen Kontakt gepflegt hat.

Der letzte Teil des Buches, der zusammenfassenden Charakter trägt, ist überschrieben "Verdienst und Versagen, Verantwortung und Schuld". Denzler zieht Bilanz und nimmt Bezug auf jüngste Entwicklungen in der katholischen Kirche. Zum Fazit seiner Untersuchungen zählt: "Nicht die offizielle Kirche leistete also Widerstand, es waren immer nur einzelne Christen, die ihrem Gewissen unbedingt folgen wollten und dadurch in Konflikt mit der Autorität gerieten" (S. 264). Zum Versagen des Klerus zählten das Schweigen zum Holocaust gegenüber den Juden und die Befürwortung des Ver-nichtungskrieges Nazideutschlands. Stimmen des Protests beschränkten sich weitgehend auf Übergriffe des NS-Staates gegenüber der katholischen Kirche. Eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld blieb nach 1945 weitgehend aus. Am Ende des Buches steht eine sehr kritische Auseinandersetzung mit dem Werk von Daniel Jonah Goldhagen "Die Katholische Kirche und der Holocaust".

Georg Denzler: Widerstand ist nicht das richtige Wort. Katholische Priester, Bischöfe und Theologen im Dritten Reich. Zürich: Pendo Verlag, 2003. Karl Heinz Jahnke
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Juristische Verfolgung von NS-Verbrechen
Hessen gehört zu den Bundesländern, in denen die Verfolgung von NS-Verbrechen am besten dokumentiert ist. Dies belegt auch der von dem Generalstaatsanwalt a.D. Friedrich Hoffmann vorgelegte Band zur Aufarbeitung der Geschichte im "doppelten Sinne": die Aufarbeitung der strafrechtlichen Verfolgung von NS-Verbrechen ist zugleich eine Form der Aufarbeitung der Vergangenheit.

Hoffmann geht zunächst auf das Kriegsende - sollte man nicht eher vom Ende des national-sozialistischen Deutschland sprechen? - und den Neubeginn einer rechtsstaatlichen Ordnung ein. Nachdem von den Alliierten alle deutschen Gerichte aufgelöst worden waren, unterlag die strafrechtliche Verfolgung in Hessen der US-Besatzungsmacht, bis ab Sommer 1945 die Gerichte wieder eröffnet wurden. Richter, Staatsanwälte, Rechtsanwälte und Notare mussten sich nicht nur der "Entnazifizierung" unterziehen, sondern einen zusätzlichen Fragebogen ausfüllen. Dieser enthielt die Frage: "Wie können Sie die Tatsache erklären, dass ehrbare Menschen wie Richter und Juristen jeder Art, die geschworen hatten, das Recht und die Gesetze zu verteidigen, das deutsche Volk vor Unrecht und Willkür zu schützen, ohne Protest zu Hitlers und Himmlers ‚Gestapo-Justiz' übergingen?" (Hier bietet sich ein Forschungsthema geradezu an.)

Die Verfolgung der NS-Verbrechen beleuchtet Hoffmann gegliedert nach zehn Komplexen: Es beginnt mit den NS-Gewaltverbrechen von 1933 bis 1939: der Verfolgung politischer Gegner, dem sogenannten Röhm-Putsch und den Pogromen der "Kristallnacht" im November 1938. Hier gab es seit Sommer 1945 zahlreiche Urteile: 1945 fünf, 1946 weitere 28, 1947 noch einmal 50 Urteile. In den frühen Jahren kam es nur selten zu Freisprüchen. Dies führt Hoffmann darauf zurück, "dass die Angeklagten in den ersten Jahren nach dem Krieg noch unmittelbar unter dem Eindruck ihrer Taten standen und Geständnisse ablegten." Die Darstellung ist sehr materialreich, ebenso bei den weiteren Komplexen "Euthanasie"-Verbrechen, Verbrechen in Konzentrationslagern, Massenvernichtungsverbrechen, Auschwitz-Prozess, Judenverfolgung, Deportationen und weiteren Gestapo-Verbrechen, Denunziationen, Verbrechen an Zwangsarbeitern, Verbrechen der NS-Justiz und Verbrechen in der Endphase.
 
Ausführlich geht der Ex-Generalstaatsanwalt auf die Grundlagen und Probleme der Strafverfahren und Strafvollstreckung ein. Dieses Kapitel ist - insbesondere für Nicht-JuristInnen - mit großem Erkenntnisgewinn zu lesen. Er erläutert die Probleme bei der Verjährung von NS-Verbrechen, der Einleitung von Ermittlungsverfahren und den Hauptverfahren: Beweiserhebung und -würdigung, Befehl und Befehlsnotstand, Mord oder Totschlag, Täter oder Gehilfe sowie Strafmaß. In Bezug auf diese Fragen gab es immer wieder Vorwürfe an die Justiz, ebenso wie in Beziehung auf die Verfahrensdauer, Strafvollstreckung und Wiederaufnahmeverfahren.

In einem besonderen Kapitel wird auf Richter und Staatsanwälte eingegangen, in dem sich der Autor mit dem Vorwurf auseinandersetzt, nach 1945 hätten die aus der NS-Zeit belasteten Richter und Staatsanwälte weitergearbeitet. Er kommt zu der Feststellung, dass dieser Vorwurf für Hessen nicht zutreffe.

Abschließend sei auf die im Anhang faksimilierten Dokumente, die Quellenhinweise, das umfangreiche Literaturverzeichnis und das 17-seitige Register hingewiesen.

Hoffmann hat eine materialreiche Dokumentation erarbeitet. Dafür wurden fast 300 Akten eingesehen. Im Ergebnis ist eine sehr informative und verständliche Arbeit herausgekommen, die für Forscherinnen und Forscher eine große Hilfe darstellt.

Friedrich Hoffmann: Die Verfolgung der nationalsozialistischen Gewaltverbrechen in Hessen. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 2001. Kurt Schilde
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Neue Forschungen zur Roten Hilfe
80 Jahre nach der Gründung der Roten Hilfe Deutschlands (RHD) liegen nun gleich drei Neuerscheinungen vor, von denen zwei hier vorgestellt werden. Die dritte Neuerscheinung - zugleich die erste Gesamtdarstellung der RHD von Nikolaus Brauns - wird im Oktober 2003 ausgeliefert und in der nächsten Ausgabe der "informationen" besprochen. Damit wird die jahrzehntelange Nichtbeachtung dieser antifaschistischen Massenorganisation der Weimarer Republik - in der bundesrepublikanischen Geschichtsschreibung weit stärker ausgeprägt als in der Geschichtsschreibung der DDR - mit zum Teil neuen Fragestellungen beendet.

Der von Sabine Hering und Kurt Schilde herausgegebene Sammelband zur Roten Hilfe trägt den Untertitel "Die Geschichte der internationalen kommunistischen ‚Wohlfahrtsorganisation' und ihre sozialen Aktivitäten in Deutschland (1921-1941)". Die Beiträge sind in vier Abschnitte gegliedert: Die Organisation, Soziale und pädagogische Praxis, Biografien und Dokumente. Obwohl sich die RHD selbst nicht als "Wohlfahrtsorganisation" verstand, auch nicht der "Reichsarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege" angehörte, sondern der "privaten und kirchlichen Wohltätigkeit von jeher misstrauisch" gegenüberstand, wird nach strukturellen und inhaltlichen Gemein-samkeiten mit bürgerlichen und kirchlichen Wohlfahrtsorganisationen - wie der Caritas oder dem Roten Kreuz - gefragt. Dabei entstehen auch absolute Schieflagen wie beispielsweise beim Vergleich der Arbeit des Roten Kreuzes und der Roten Hilfe; es habe "Gemeinsamkeiten" bei der Fluchthilfe für politisch Verfolgte gegeben: "Die Rote Hilfe verhalf in den 1920er Jahren polizeilich gesuchten Kommunisten zur Flucht in die Sowjetunion, und das Rote Kreuz organisierte nach 1945 ‚rat lines' für NS-Verbrecher, die nach Südamerika entkommen konnten" (S. 33).
 
Die RHD verstand sich als eine "überparteiliche Hilfsorganisation zur Unterstützung ... der proletarischen Klassenkämpfer, die wegen einer aus politischen Gründen begangenen Handlung oder wegen ihrer politischen Gesinnung in Haft genommen sind" sowie "der Frauen und Kinder von inhaftierten, gefallenen oder invaliden Klassenkämpfern des Proletariats". Hinsichtlich der "Überparteilichkeit" kommt Nikolaus Brauns zum Ergebnis, dass die Rote Hilfe auf den mittleren und oberen Leitungsebenen von der KPD bestimmt wurde. Bis 1929 habe es einen "gewissen Spielraum" für "nichtkommunistische Aktivisten oder kommunistische Kritiker der jeweiligen KPD-Führung" gegeben, danach habe sich die Rote Hilfe nach "weitreichenden Säuberungen" zu einer "offenen Hilfstruppe" der KPD gewandelt. Von "Überparteilichkeit" könne man lediglich im Hinblick auf die "mehrheitlich nicht parteipolitisch gebundene Mitgliedschaft" und die "juristische und materielle Unterstützung, die auch Angeklagten und Gefangenen anderer Strömungen der Arbeiterbewegung" gewährt worden ist, sprechen.

Sowohl Brauns als auch Kurt Schilde sehen in den Fraktionskämpfen und damit einhergehenden Ausschlüssen von Mitgliedern der KPD-Opposition, von Anarchisten und Rätekommunisten die Ursache für eine weitgehende Schwächung der Roten Hilfe, die sich angesichts des erstarkenden Faschismus um so tragischer auswirkte: "1929 wurde ein Verlust von 19.300 ausgeschlossenen und ausgetretenen Mitgliedern verzeichnet. Vor allem in den Augen parteiloser Arbeiter und linker Intellektueller hatte die Rote Hilfe viel von ihrer Glaubwürdigkeit als überparteiliche Organisation eingebüßt." (S. 78)

In ihrem Beitrag über die Kinderheime der Roten Hilfe geht Sabine Hering der Frage nach "Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen den vom sozialistischen bzw. kommunistischen Weltbild geprägten Kindererholungsheimen und solchen, welche sich einer christlichen Weltanschauung verpflichtet haben", nach (S. 131). Die Quellenlage für diese Fragestellung erscheint jedoch als nicht sehr ergiebig. Hering stützt sich u.a. auf eine "Auseinandersetzung" aus dem Jahr 1926 zwischen den Leitungen des "Barkenhofs" in Worpswede und des Kinderheims im thüringischen Elgersburg um die Frage, "ob den Kindern im Sinne reformpädagogischer Ideen Partizipation und Eigenverantwortlichkeit zugestanden werden soll, oder ob sie nach den Regeln der klassischen Kindererholungsheime im Rahmen eines zentralistisch geordneten Betriebs entlastet, gepäppelt und gepflegt werden sollen" (S. 149). Etwas zugespitzt sieht sie in dieser Auseinandersetzung "Vorschläge zur Entmachtung der Pädagogen und zum Sieg der Ordnung"; wie sich der Vorstand der Roten Hilfe zu den aufgeworfenen Fragen verhalten hat, lässt sich den Quellen nicht entnehmen.

Carola Tischler beschreibt in ihrem Beitrag "Die Gerichtssäle müssen zu Tribunalen gegen die Klassenrichter gemacht werden" die Rechtsberatungspraxis der RHD. Sie benennt auch Konflikte u.a. in der Wahl der angemessen erscheinenden Prozesstaktik und kommt zu dem Ergebnis, dass trotz aller Schwierigkeiten, den ständig steigenden Fällen und den hohen Kosten "die Existenz und das Bemühen der Roten Hilfe ... den Eingekerkerten Selbstbewusstsein und das Gefühl, von einem Teil der Gesellschaft gestützt zu werden", verlieh (S. 130).
 
Im Abschnitt Biografien werden vorgestellt: Jelena Stassowa, die "Genossin absolut" (Elena Resch), der Esslinger Metallarbeiter Eugen Schönhaar, der seit 1923 im Exekutivkomitee der Internationalen Roten Hilfe (IRH) arbeitete (Nikolaus Brauns), die Schweizer Kommunistin und Mäzenin der IRH Mentona Moser (Sabine Hering), Rosa Aschenbrenner aus München (Günther Gerstenberg), der Jurist und Mitbegründer der RHD Felix Halle, der 1938 in Moskau den stalinistischen Säuberungen zum Opfer fiel (Carola Tischler), Ella Ehlers, Wirtschaftsleiterin auf dem "Barkenhof" und in Elgersburg (Sandra Schönauer) sowie Helmut Schinkel, der 1924/1925 als Erzieher auf dem "Barkenhof" wirkte, seit 1929 bei der Kommunistischen Jugendinternationalen in Moskau eingesetzt war und dort am 10. Januar 1938 "wegen konterrevolutionärer Tätigkeit" zu acht Jahren Straflager in Sibirien verurteilt wurde (Ulla Plener).
 
1933 gab es in Deutschland etwa 20.000 Rechtsanwälte, die, soweit sie "arisch" waren, mit großer Mehrheit im "Bund Nationalsozialistischer Deutscher Juristen" (ab 1938 in "Nationalsozialistischer Rechtswahrerbund" umbenannt) organisiert waren. 4.394 Rechtsanwälte waren jüdischer Herkunft und wurden am 7. April 1933 durch die Einführung einer "Arierklausel" in das Rechtsanwaltsgesetz von ihrem Beruf ausgeschlossen. Eine Minderheit, etwa 300 Rechtsanwälte, war in den Jahren 1924-1933 als Strafverteidiger in politischen Prozessen gegen Linke für die Rote Hilfe Deutschlands (RHD) tätig, unter ihnen etwa 50 Rechtsanwälte in mehreren Fällen und für einen längeren Zeitraum. Dieser "zu Unrecht (fast) vergessenen Minderheit" versuchen Heinz-Jürgen Schneider, Erika und Josef Schwarz, ihre Namen und ihre Biografien wiederzugeben. Der biografische Teil - als Aufforderung zur Spurensuche verstanden - nimmt dementsprechend den größten Teil des Buches ein (S. 68-305).

In den einleitenden Kapiteln liefern die Autoren einen kurzen Abriss zur Geschichte der RHD, zur politischen Justiz 1919-1933, zu "Prozessen, Aktionen, Kampagnen, Untersuchungsausschüssen" und zu Strategien der Selbstverteidigung vor Gericht, deren Erarbei-tung und Propagierung zu einem Schwerpunkt der Öffentlichkeitsarbeit der RHD gehörte. Immerhin standen besonders nach 1930 die weitaus meisten Antifaschisten ohne Verteidiger vor Gericht. Die von Felix Halle, dem Leiter der Juristischen Zentralstelle der RHD, erarbeitete Broschüre "Wie verteidigt sich der Proletarier in politischen Strafsachen vor Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht?" erschien 1931 bereits in der 4. erweiterten Auflage "unter Berücksichtigung der Notverordnungen", war mit 100.000 verkauften Exemplaren die am weitest verbreitete Broschüre und ist im Anhang als Faksimile wiedergegeben (S. 315-362). Auch das Ende der legalen Tätigkeit der RHD - mit Berufsverboten, Verhaftungen und Ausbürgerungen - und der Weiterführung der Arbeit im Untergrund (die letzten Gruppenprozesse gegen Mitglieder der Roten Hilfe fanden 1937/1938 statt) wird kurz und ohne Anspruch auf Vollständigkeit gestreift.

Hinsichtlich der Namen der etwa 300 Rechtsanwälte der RHD werteten die Autoren vor allem im SAPMO-Archiv aufbewahrte Unterlagen (beispielsweise eine Aufstellung "Geleistete Zahlungen und eingegangene Rechnungen der Rechtsanwälte" aus dem Jahr 1931 oder das 1930 veröffentlichte Handbuch "Rote Helfer") aus und ergänzten die Angaben durch weitere Recherchen jeweils vor Ort. Leider konnten die Autoren so zentrale Nachschlagewerke wie das Biographische Handbuch der deutschsprachigen Emigration nicht zu Rate ziehen. Von vielen ist nach wie vor lediglich der Name bekannt.

Ohne "Anspruch auf Wertung" werden vier Anwaltsgruppen beschrieben: Zum ersten die Gruppe der politisch links eingestellten Anwälte (meist KPD, seltener SPD oder SAP), die unmittelbar im Auftrag der RHD in politisch wichtigen Prozessen die Verteidigung übernahmen und auch außerhalb ihrer Anwaltstätigkeit im antifaschistischen Kampf aktiv waren. Eine zweite kleinere Gruppe sei "aus Motiven ihrer republikanischen Gesinnung" in politischen Prozessen als Verteidiger aufgetreten und habe nur im Rahmen dieser Prozesse in Verbindung mit der Roten Hilfe gestanden. Die dritte wohl größte Gruppe stellten jene Anwälte, die ständig mit einem Rechtsschutzauftrag in die Arbeit der RHD einbezogen waren; eine vierte Gruppe sei nur gelegentlich mit der Vertretung vor Gericht beauftragt worden; hierbei spielten Fragen der Zulassung vor den jeweiligen Gerichten eine Rolle. Regional betrachtet war vor allem Berlin mit 62 für die RHD tätigen Anwälten ein Schwerpunkt, gefolgt von München (10), Königsberg/Ostpreußen (6), Breslau, Cottbus, Dresden, Hirschberg/Niederschlesien, Leipzig und Stuttgart (je 5 Anwälte). 60% der für die Rote Hilfe tätigen Anwälte waren Juden.

In seinem Vorwort benennt Heinrich Hannover, bekannter linker Strafverteidiger in der alten Bundesrepublik, zwei Gründe, weshalb Anwälte der RHD in Vergessenheit geraten konnten: "Mit den Verteidigern hatten beide deutschen Nachkriegsstaaten ihre Schwierigkeiten. Nicht nur, weil sie ganz überwiegend Juden oder jüdischer Abstammung waren und antisemitische Geisteshaltungen hier wie dort fortwirkten oder wiederkamen. Auch soweit sie Kommunisten waren, erinnerte man sich ihrer sowohl im Westen wie im Osten nicht gerne, weil man nicht über sie reden kann, ohne auch der schwärzesten Abschnitte deutscher und sowjetischer Geschichte zu gedenken. Denn die Lebensläufe vieler Angeklagten und ihrer Verteidiger endeten in Gefängnissen und Todeslagern. Und zwar, was für alle freiheitlich gesinnten Sozialisten besonders empörend ist, nicht nur in den Hitlers, sondern auch in denen Stalins."

Heinz-Jürgen Schneider, Erika Schwarz, Josef Schwarz: Die Rechtsanwälte der Roten Hilfe Deutschlands. Politische Strafverteidiger in der Weimarer Republik. Geschichte und Biografien. Bonn: Pahl-Rugenstein, 2002.
Sabine Hering, Kurt Schilde (Hg.): Die Rote Hilfe. Die Geschichte der internationalen kommunistischen "Wohl-fahrtsorganisation" und ihrer sozialen Aktivitäten in Deutschland (1921-1941). Opladen: Leske + Budrich, 2003.
Ursula Krause-Schmitt
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