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zum Heft "informationen" Nr. 57
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KZ-Gedenkstätten auf dem Wege zur medialen
Präsentation historischer Orte
KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hg.): Museale und mediale
Repräsentationen in KZ-Gedenkstätten (Beiträge zur Geschichte der
nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland, Heft 6),
Bremen: Edition
Temmen, 2001
Reinhard Schweicher >>Mehr dazu
Kunst im KZ Flossenbürg
Hans Simon-Pelanda: Kunst und KZ. Künstler im Konzentrationslager Flossenbürg
und in den Außenlagern. Herausgegeben von der Arbeitsgemeinschaft ehemaliges
KZ Flossenbürg e.V. Bonn: Pahl-Rugenstein, 2001
(= Ihrer Stimme Gehör geben)
Interessenten an der Ausstellung "Erinnerung" wenden sich an:
Arbeitsgemeinschaft ehemaliges KZ
Flossenbürg e.V., Rote-Hahnen-Gasse 6, 93047 Regensburg.
Ursula
Krause-Schmitt
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Dem Vergessen entrissen: Die Künstlerin Helen Ernst
Hans Hübner: Helen Ernst. Ein zerbrechliches Menschenkind (1904-1948). Eine
Biographie.
Berlin: trafo verlag, 2002.
Karl Heinz Jahnke
>>Mehr dazu
Psychiatrie in Marburg/Lahn
Peter Sandner, Gerhard Aumüller, Christina Vanja (Hg.): Heilbar und nützlich.
Ziele und Wege der Psychiatrie in Marburg an der Lahn. Marburg: Jonas-Verl.,
2001.
Ursula Krause-Schmitt
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System der Willkür
Bernhild Vögel (Hg.): "System der Willkür". Betriebliche Repressionen und
nationalsozialistische Verfolgung am Rammelsberg und in der Region
Braunschweig.
Goslar: Verlag Goslarsche Zeitung, 2002 (Rammelsberger Forum,
Band 1).
Wolfgang Janz
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Wuppertaler Widerstand
Ursula Albel, Christian Schott: Verfolgt, Angeklagt, Verurteilt. Politischer
Widerstand und oppositionelles Verhalten in Wuppertal 1933-1945. Dokumentation
biografischer Daten, Verfahren und Anklagen. Bocholt/Breedevoort: Achterland
Verlagscompagnie, 2001 (= Verfolgung und Widerstand in Wuppertal, Band 5).
Kurt Schilde
>>Mehr dazu
"Ich kann nicht die heroische Trompete spielen." - Frauen in der Résistance
Margaret Collins Weitz: Frauen in der Résistance. Aus dem Englischen von
Gabriele Haefs. Münster: Unrast Verlag, 2002. Kurt
Schilde
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Reprint: Internationale Hefte der Widerstandsbewegung
Internationale Hefte der Widerstandsbewegung. Zeitschrift für Geschichte.
Herausgegeben von der FIR (Féderation Internationale des Résistants). Analysen
und Dokumente über den internationalen Widerstand gegen den Nazifaschismus. Heft
1-10, 1959 bis 1963. Offenbach: Verlag Olga Benario und Herbert Baum, 2002.
Kurt Schilde
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Jahrbuch für Antisemitismusforschung 11
Jahrbuch für Antisemitismusforschung 11. Herausgegeben von Wolfgang Benz.
Berlin: Metropol Verlag, 2002.
Kurt Schilde
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Antisemitismus in der Kleinstadt Konitz 1900
Helmut Walser Smith: Die Geschichte des Schlachters. Mord und Antisemitismus in
einer deutschen Kleinstadt.
Göttingen: Wallstein Verlag, 2002.
Kurt Schilde
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Zuckermanns Tochter
Hans Adamo: Zuckermanns Tochter. Stärker als die Liebe war der Tod. Essen:
Klartext, 2003.
Renate Dressen
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Jugendwiderstand in Hamburg 1941/1942
Ulrich Sander: Jugendwiderstand im Krieg. Die Helmuth-Hübener-Gruppe 1941/1942.
Bonn: Pahl-Rugenstein Nachf., 2002.
Karl Heinz Jahnke
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Verfolgung und Widerstand am bayerischen Untermain
Monika Schmittner: Verfolgung und Widerstand 1933 bis 1945 am bayerischen
Untermain.
Aschaffenburg: Alibri Verlag, 2002.
Axel Ulrich
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Jugend im Krieg
Michael Buddrus: Totale Erziehung für den totalen Krieg. Hitlerjugend und
nationalsozialistische Jugendpolitik.
München: K G Saur, 2003.
Karl Heinz Jahnke
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Riefenstahl. Eine deutsche Karriere
Jürgen Trimborn: Riefenstahl. Eine deutsche Karriere. Biographie. Berlin:
Aufbau, 2002.
Ursula Krause-Schmitt
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Nur die Hoffnung hielt mich
Gerlind Schwöbel: Nur die Hoffnung hielt mich. Frauen berichten aus dem KZ
Ravensbrück. Frankfurt am Main: Verlag Otto Lembeck, 2002,
Gerlind Schwöbel: Allein dem Gewissen verpflichtet. Auf den Spuren Frankfurter
Frauen. Frankfurt am Main: Verlag Otto Lembeck, 2001.
Ursula Krause-Schmitt
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KZ-Gedenkstätten auf dem Wege zur medialen Präsentation
historischer Orte Das Heft 6 der Beiträge zur
Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland versteht
sich als eine "Bestandsaufnahme zur Geschichte der Gedenkstätten nach 1945" (7).
Der einleitende Beitrag von
Olaf Mussmann: Die Gestaltung von Gedenkstätten im historischen Wandel (14-33)
stellt mit einer Periodisierung der Gedenkstättenentwicklung nach 1945 und der
Charakterisierung von bei aller Gegensätzlichkeit der Leitbilder zweier
deutscher Staaten gemeinsamen Merkmalen ihrer Gestaltungsprinzipien "einen
breiteren Interpretationsrahmen" (8) bereit, in dem drei monografische
Einzelbeiträge zu den KZ-Gedenkstätten Neuengamme, Ravensbrück und Bergen-Belsen
als Fallbeispiele herangezogen werden.
Der zweite Schwerpunkt des Heftes befasst sich in zwei Beiträgen mit den Vor-
und Nachteilen wie den bisherigen Defiziten aktueller medialer
Präsentationsformen und in einem den Hauptteil abschließenden dritten mit Fragen
der Rezeption einer Wanderausstellung zu Jugendkonzentrationslagern.
Es folgen ein Dokumentationsteil und aktuelle Meldungen zu Gedenkstätten,
Initiativen, didaktischen Konzepten, Forschungsprojekten und Tagungen.
Besprechungen von Büchern und CD-ROMs, umfangreiche Hinweise auf neuere
Literatur und Abstracts zum Hauptteil runden das Heft ab, das somit als
Standardwerk
für die professionelle Beschäftigung mit KZ-Gedenkstätten wie als Leitfaden für
ihre realen und, soweit bisher möglich, virtuellen Besucher gelten kann.
Nachdem die Konzentrationslager unmittelbar nach der Befreiung zunächst als
provisorische Krankenhäuser, als Basis für Repatriierungen, Internierungslager
für NS-Verbrecher und als Flüchtlingslager gedient hatten und dann in der
Mehrzahl demontiert, umgenutzt und überbaut wurden oder sich in verwilderte
Siedlungsbrachen
verwandelten, bildete sich im Gegenzug zur Haltung der meisten Deutschen, deren
Aufmerksamkeit zunächst einmal ihrer Selbstwahrnehmung als Opfer galt, schon
sehr früh eine Tendenz heraus, "welche auf das Mahnen, Gedenken und Erinnern
abzielte".
Deren "Gestaltungparadigmen" verliefen nicht nach einem einheitlichen Muster.
Dennoch gab es vereinheitlichende Konjunkturen, die "sich schematisch in drei
Phasen ordnen" lassen: In einer ersten von 1945 bis zum Ende der fünfziger Jahre
reichenden Phase, "in der in erster Linie die Überlebenden selbst und die
alliierten Militärbehörden die Gedenkstätteneinrichtungen vorantrieben,
konzentrieren sich die gestalterischen Aktivitäten auf Grab- und Denkmale sowie
auf die Gestaltung der Friedhöfe"; es sind naturparkähnliche "elysische
Landschaften", die die Opfer entindividualisieren und erst recht die Täter nicht
beim Namen nennen.
In der zweiten Phase, von etwa 1960 bis in die achtziger Jahre, gründeten beide
deutsche Staaten monumentale Gedenkstätten, die "ideologisch motivierte
Geschichtsinterpretationen für die jeweilige Erinnerungspolitik vorgaben" - in
der DDR den "staatlichen Gründungsmythos" des aus dem antifaschistischen
Kampf erstandenen "ersten sozialistischen Staats auf deutschem Boden", in der
BRD die traditionelle christliche Friedhofsgestaltung, die "eine weitgehende
‚Christianisierung' der bundesdeutschen KZ-Gedenkstätten" bewirkte.
Das Ende des Kalten Krieges hat nun, so Mussmann, "den Weg für eine offenere
Gedenkstättenarbeit freigemacht". Inzwischen bemühe sich die überwiegende
Mehrheit der gesamtdeutschen Gedenkstätten "um eine kritische
Geschichtsvermittlung im Rahmen einer didaktisch eingebetteten, historisch-
politischen Bildungsarbeit", und viele bieten "dazu qualifizierte
zeithistorische Museen" an. Gleichwohl sei immer noch strittig, "welche
Ausdrucksformen zur Darstellung der Schrecken in den Konzentrationslagern und
des millionenfachen Sterbens geeignet sein könnten".
Der Wandel der Präsentationsformen historischer Museen "durch die interaktiven
Möglichkeiten der Computer und der Multimedia" wirkt sich zunehmend auch auf die
"Paradigmen der Museumsgestaltung" in den Gedenkstätten aus. Diese Möglichkeiten
und die durch Multimedia und Internet veränderten Rezeptionsgewohnheiten zumal
der Jugendlichen aber kollidieren mit dem "sinnlichen Erleben" authentischer
Exponate und Orte, auf das Gedenkstättenmuseen heute in der Reaktion auf die
pädagogisierenden Ansätze der 60er und 70er Jahre setzen.
Mit den Gefahren, die Nutzer der Neuen Medien von den historischen Orten
abzukoppeln und den "auratischen Ort" durch mediale Inszenierungen der
NS-Verfolgunsgeschichte zu ersetzen, beschäftigt sich der Beitrag von
Dietmar Sedlaczek: Zum Einsatz von Neuen Medien in Gedenkstätten (97-105). Den
Gefahren setzt er die Chancen entgegen, die durch audiovisuelle und interaktive
Medien für die Vor- und Nachbereitung von Gedenkstättenbesuchen wie für die
Kontextualisierung eigener Erfahrungen eröffnet wurden.
| Die durch Multimedia und Internet veränderten
Rezeptionsgewohnheiten zumal der Jugendlichen kollidieren mit dem
"sinnlichen Erleben" authentischer Exponate und Orte, auf das
Gedenkstättenmuseen heute in der Reaktion auf die pädagogisierenden
Ansätze der 60er und 70er Jahre setzen. |
Ein wenig zu kurz kommen hier indessen Überlegungen zu
gegenläufigen, nämlich verfremdenden und damit Erfahrung verdichtenden Effekten,
die mit den Gestaltungsmitteln des Internets zu erzielen sind. So bestätigt z.B.
die Platzierung des letzten Nussbaumbildes, "Triumph des Todes (Die Gerippe
spielen zum Tanz)" (s. Beitrag zu Nussbaum im vorliegenden Heft), auf der Seite
"L'art et les camps" der von Dominique Natanson, Hochschullehrer für Geschichte,
eingerichteten Homepage "mémoire juive et éducation" (gewollt oder ungewollt)
Berichte über den Eindruck Überlebender, Nussbaums Bilder der Jahre 1943 bis
1944 hätten nur nach KZ-Erfahrungen gemalt sein können. Das aber käme nicht
unbedingt der Authentizität des Orts zugute, wohl aber einer verdichteten
Erfahrung mit dem Bild - wie überhaupt Sedlaczek mit seiner Rede von der "Aura
eines Ort", die - gewiss - "ein zweifelhafter Informant" sei, den Benjaminschen
Begriff der "Aura" eher auf die Authentizität des Orts als (wie Benjamin) auf
die der Erfahrung mit Bildern von Ereignissen und deren spezifischen Orten zu
beziehen scheint.
Andreas Pflock listet in seinem Beitrag: Gedenkstätten präsentieren sich im
Internet - Möglichkeiten und Perspektiven (106-115) mit professionellem
Scharfblick Vorzüge und Mängel bereits existierender Gedenkstätten-Homepages
(mit Angabe der Webadressen) auf, nicht um darüber zu räsonieren, sondern um den
Nöten der großenteils nicht professionellen, aber hochengagierten Macher
abzuhelfen. Er selbst ist Internetbeauftragter des Arbeitskreises der
NS-Gedenkstätten in NRW e.V., der in einem von der Landeszentrale für politische
Bildung Nordrhein-Westfalen finanzierten ersten Pilotprojekt einer
Internetpräsentation aller Gedenkstätten und NS-Dokumentationszentren des
Bundeslandes eine gemeinsame Kommunikationspattform auch für "kleinere", d.h.
weniger finanzstarke Gedenkstätten schaffen soll. So kann
Pflocks Beitrag nicht nur als strenges Urteil über selbst- und unverschuldete
Versäumnisse und Unzulänglichkeiten medialer Gedenkstättenarbeit, sondern vor
allem auch als Ratgeber für deren Verbesserung gelesen werden.
KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hg.): Museale und mediale
Repräsentationen in KZ-Gedenkstätten (Beiträge zur Geschichte der
nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland, Heft 6), Bremen: Edition
Temmen, 2001
Reinhard Schweicher
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Kunst im KZ Flossenbürg
Im April 1995, zum 50. Jahrestag der Befreiung, präsentierte die
Arbeitsgemeinschaft
ehemaliges KZ Flossenbürg erstmals die Ausstellung "Erinnerung - Werke
ehemaliger
Gefangener aus dem KZ Flossenbürg und junger deutscher Künstler". Sie war das
Ergebnis
einer Spurensuche nach in Flossenbürg oder seinen Außenkommandos inhaftierten
Malern,
deren Werke verschollen oder vergessen waren.
16 Maler und eine Malerin (Helga Hosková-Weissová, die über die
Konzentrationslager
Theresienstadt und Auschwitz in das Flossenbürger Frauen-Außenkommando
Freiberg
kam) konnten inzwischen entdeckt werden. Der 2001 neu herausgegeben Katalog
stellt
im ersten Teil jene Künstler vor, deren Werke in der Ausstellung gezeigt
werden, im zweiten
Teil jene, zu denen es bis jetzt nur wenige Hinweise gibt.
Zeichnen und Malen im KZ Flossenbürg: Das war zum einen das Kommando
"Malstube", d.h.
Auftragsarbeiten für die SS. Über Frantisek Michl (1901-1977), dem damals
bekanntesten
tschechischen Maler, berichtet sein Freund Milos Volf: "Er besaß als Künstler
einen
ausgezeichneten Ruf und hatte schon eine Reihe von Ausstellungen hinter sich.
Die Nazis
wussten das und zwangen ihn, im KZ quasi wie am Fließband zu malen." Volf
selbst kam
als knapp 20-Jähriger nach Flossenbürg; nach kräftezehrender Arbeit im
Steinbruch und in
der Flugzeugproduktion verschaffte ihm die tschechische Untergrundorganisation
im Lager
eine etwas leichtere Arbeit in der Schreibstube. Mitgefangene entdeckten sein
Zeichentalent
und bestellten "Gratulanskis", Glückwünschkarten, die z.B. dem Küchenältesten
geschenkt
wurden, in der Hoffnung, zusätzlich Essen zu bekommen. Volf konnte auch einige
Zeichnungen
für sich machen, die er unter der Matraze versteckte. Drei dieser Zeichnungen
blieben
erhalten, weil Volf sie mitnahm, als er am 20. April 1945 auf den Todesmarsch
getrieben
wurde. Von Venzel Navratil blieb ein kleines Notizbuch erhalten, in dem sich
48 Bleistiftskizzen finden. Das Skizzenbuch und den Bleistift hatte er von einem Vorarbeiter in
der
Halle 2004 II, wo er in der Flugzeugproduktion zwangsarbeiten musste,
geschenkt bekommen.
Dieser nahm das Büchlein abends mit nach Hause und brachte es morgens wieder
zur Arbeit mit. Als Dank fertigte Navratil Zeichnungen von Familienangehörigen
nach
Fotografien und erhielt dafür etwas zum Essen.
Zahlreiche Zeichnungen und Bilder sind unmittelbar nach der Befreiung oder
auch in
späteren Jahren entstanden: Kunst als Überlebensmittel der Überlebenden. Zu
nennen ist
hier der Zyklus "Konzentrationslager" von Ota Matousek (1890-1977), entstanden
1945/1946, die 34 Zeichnungen des Österreichers Hugo Walleitner, mit denen
dieser seine 1946 im Selbstverlag erschienenen Erinnerungen "Zebra - Ein
Tatsachenbericht aus dem KZ Flossenbürg" illustrierte, die noch im April/Mai
1945 gefertigten Zeichnungen des belgischen Widerstandskämpfers Fernand van
Horen (geb. 1909) sowie der graphische Zyklus "Passion des XX. Jahrhunderts"
von Richard Grune (1903-1983). Grune, gelernter Grafiker aus Flensburg, hatte
eine Ausbildung am Bauhaus absolviert und sich in den letzten Jahren
der Weimarer Republik in der sozialistischen Jugendbewegung engagiert. 1934
wurde er
verhaftet; er durchlief das KZ Lichtenburg, das Gefängnis Neumünster, das KZ
Sachsenhausen
und schließlich das KZ Flossenbürg. Unmittelbar nach seiner Heimkehr schuf er
mit der
"Passion" eines der wichtigsten künstlerischen
Zeugnisse der Vernichtungsmaschinerie in
den Konzentrationslagern. Einige Lithografien
stellte er Walter Poller für dessen 1945 in
Hamburg erschienenen Bericht "Arztschreiber
in Buchenwald" zur Verfügung. Vor allem aber
wollte er das deutsche Publikum erreichen;
doch bereits die erste Ausstellung in Kiel
wurde überfallen, die Grafiken zerstört. Bruno
Furch (1913-2000) aus Wien war Autodidakt
und zeichnete und malte sein Leben lang.
1945/1946 entstanden seine ersten Tuschezeichnungen,
in den 1970er Jahren waren es
Aquarelle, mit denen er das Geschehen im
spanischen Bürgerkrieg, wo er bei den Internationalen
Brigaden kämpfte, im KZ Dachau und
im KZ Flossenbürg zu verarbeiten versuchte.
Die Flossenbürg betreffenden Bilder schenkte
er als sein Vermächtnis der Ausstellung
"Erinnerung". Isaac Celnikier (geb. 1923), ein
polnischer Jude, der Stutthof, Auschwitz, Sachsenhausen
und zuletzt Flossenbürg überlebte
und seit 1957 in Paris wohnt, studierte nach
der Befreiung Malerei; in den 1970er Jahren
begann er, sich künstlerisch mit der Shoa
auseinander zu setzen und schuf den Zyklus
"La mémoire gravée":
"Wenn ich an die visuellen, sensuellen und
persönlichen Erfahrungen der Shoa, wie ich
sie erlebt habe, denke, so ist dies eine sehr schmerzhafte, aber doch notwendige Erfahrung.
Ich bin doch immerhin in der Lage, durch
die Bilder die mir am nächsten stehenden
Menschen, die ich verloren habe, zu rekonstruieren
und wieder zum Leben zu erwecken. Das
ist eine Erfahrung, die keine Grenzen kennt, sie
hebt meine Lähmung auf."
Zu nennen sind in diesem Kontext auch die in
den 1980er Jahren entstandenen Gemälde von
Michael Smuss (geb. 1926), einem der wenigen
Überlebenden des Warschauer Gettoaufstandes,
heute in Israel lebend, und von Karl Stojka
(geb. 1931), einem Rom aus dem Burgenland,
der das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau,
das KZ Buchenwald und schließlich Flossenbürg
überlebte.
Das Projekt "Maler aus dem KZ Flossenbürg"
ist noch nicht abgeschlossen. Das Kapitel
"Vergessene Künstler - Verschollene Bilder"
enthält einige konkrete Spuren und die Bitte
um weitere Hinweise und Dokumente. Dieser
soll Folge geleistet werden: Zu Hermann Peters
(1900-1986), der im Kommando "Malstube"
eingesetzt war, hat Wolfgang Janz in den
informationen Nr. 54 eine biografische Skizze
geschrieben. Der ebenfalls in die "Malstube"
abkommandierte "Christel Albert Sch.Hftlg. Nr.
1912 geb. 26.6.1907" hat die Konzentrationslager
Sachsenhausen und Flossenbürg überlebt,
seine Erinnerungen, die allerdings mit der
Überstellung nach Flossenbürg enden, erschienen
1987, zehn Jahre nach seinem Selbstmord,
unter dem Titel "Apokalypse unserer Tage.
Erinnerungen an das KZ Sachsenhausen". Manfred
Ruppel, einer der Herausgeber, schreibt
in einem Porträt über Albert Christel: "Von der
SS-Mannschaft gefordert, muss er Gedichte für
die SS schreiben und reimt in ihrem Auftrag
Sagen und Geschichten von Flossenbürgern.
Mit einem Kameraden, dem Maler Richard
Grune, stellt er Kinderbücher her."
Zur Ausstellung "Erinnerung" gehören auch
Werke von Künstlern, die sich mit dem historischen
Ort und mit den Formen des Gedenkens
auseinander setzen - so Arbeiten von Theo
Scherling (geb. 1950) und Tom Gefken (geb.
1960). Nach den Vorstellungen der Arbeitsgemeinschaft
ehemaliges KZ Flossenbürg
sollen sowohl die von ehemaligen Häftlingen
geschaffenen Kunstwerke als auch die
künstlerische Auseinandersetzung Bestandteil
einer neuen Gestaltung der KZ-Gedenkstätte
Flossenbürg werden.
Hans Simon-Pelanda: Kunst und KZ. Künstler im Konzentrationslager Flossenbürg
und in den Außenlagern. Herausgegeben von der Arbeitsgemeinschaft ehemaliges
KZ Flossenbürg e.V. Bonn: Pahl-Rugenstein, 2001
(= Ihrer Stimme Gehör geben)
Interessenten an der Ausstellung "Erinnerung" wenden sich an:
Arbeitsgemeinschaft ehemaliges KZ
Flossenbürg e.V., Rote-Hahnen-Gasse 6, 93047 Regensburg.
Ursula
Krause-Schmitt
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Dem Vergessen entrissen: Die Künstlerin Helen Ernst
Helen Ernst zählte zu den begabtesten Malerinnen
des "Bundes Revolutionärer Bildender
Künstler Deutschlands". In der Zeit des Hitlerfaschismus
gehörte sie zu den Ausgestoßenen
und Verfolgten. Nach 1945 blieb sie weitgehend
unverstanden und wurde fast erneut
vergessen. Es ist das große Verdienst von Hans
Hübner, dies verhindert zu haben.
Helen Ernst wurde nur 44 Jahre alt. Sie ist am
26. März 1948 völlig vereinsamt im Schweriner
Krankenhaus Sachsenberg gestorben.
Das Buch enthält eine warmherzige Schilderung
ihres Lebens. Der Autor hat es sich
bei seinen mehr als 15 Jahre umfassenden
Nachforschungen nicht leicht gemacht. Er ist
Widersprüchlichem nicht ausgewichen, sondern
hat auf Klärung gedrängt. So entstand keine
gewöhnliche Biografie. Mit viel Umsicht
wurden die außerordentlich verstreut vorhandenen
Quellen, u.a. in Deutschland, den
Niederlanden und in der Schweiz, gesammelt.
Zahlreiche Zeitzeugen fanden Gehör. Der Text
enthält viel Autobiografisches, Auszüge aus
Briefen, Tagebüchern und anderen persönlichen
Quellen. Mühsam war es auch, das vorher
nirgends gesammelte künstlerische Werk von
Helen Ernst aufzuspüren. Im Buch sind 90 ihrer
Arbeiten wiedergegeben sowie 54 Fotos und
Faksimile von Dokumenten. Zum Kampf gegen
den Faschismus und den Terror der NS-Diktatur
gegen Andersdenkende bietet das Werk viel
Interessantes.
Mit 20 Jahren hatte Helen Ernst ihre Ausbildung
an der Kunstschule Berlin abgeschlossen.
Seit 1924 arbeitete sie als Zeichenlehrerin.
Bald kamen Aufgaben als Mode- und Kostümzeichnerin
hinzu. Bereits Ende der 1920er Jahre
war ihr Name als Pressezeichnerin bekannt.
In Berlin lernte sie u.a. John Heartfield, Otto
Nagel und Heinrich Vogeler kennen. Zu ihrem
Vorbild wurde Käthe Kollwitz. 1931 fand Helen
Ernst Aufnahme in den "Bund Revolutionärer
Bildender Künstler Deutschlands". Im gleichen
Jahr schloss sie sich der KPD an. Besonders
engagierte sie sich in der Erwerbslosenbewegung.
Da sie als leidenschaftliche Kritikerin des
Hitlerfaschismus bekannt war, gehörte sie im
März 1933 zu den ersten Frauen, die in Berlin
von den Nazis verhaftet wurden. Mehrere
Monate blieb Helen Ernst gefangen. Von
September 1934 bis Dezember 1940 fand die
Künstlerin Aufnahme im niederländischen Exil.
Diese Jahre zählen zu den wichtigsten in ihrem
Leben. Sie hatte sechs große Ausstellungen in
Amsterdam und Utrecht. Besonders engagierte
sie sich im Kampf gegen Krieg und Faschismus.
Drei Bereiche seien besonders hervorgehoben:
die Arbeit als Pressezeichnerin für die Illustrierte
"Vrijheid, Arbeid, Brood" und für die
Zeitung "Rusland van heden". In dieser Zeitung
erschienen allein zwischen 1936 und 1938
rund 650 Illustrationen von ihr. 1935 kam das
von ihr und Eva Raedt-de Canter verfasste
und illustrierte Buch "Vrouwengevangenis"
heraus. Im Mittelpunkt standen Helen Ernsts
Erlebnis se in Nazigefängnissen in Berlin und
Kiel.
Mit zehn Arbeiten beteiligte sich die Künstlerin
an der in Amsterdam veranstalteten
großen Kunstausstellung "Die Olympiade unter
der Diktatur". Dies war die Antwort auf die
Durchführung der XI. Olympischen Sommerspiele
1936 in Berlin und Kiel. Einige Monate
nach dem Einmarsch der Wehrmacht in die
Niederlande wurde Helen Ernst aufgrund einer
Denunziation am 6. Dezember 1940 verhaftet.
Vom 12. April 1941 bis September 1944 war
sie Häftling im KZ Ravensbrück. Bis Ende April
1945 musste sie im KZ-Außenkommando Barth
Zwangsarbeit leisten. Vier Jahre KZ haben im
Leben dieser außerordentlich sensiblen Frau
tiefe Spuren und Verletzungen hinterlassen.
Ihre Zeichnungen aus Ravensbrück künden
davon.
Nach dem Ende von Nazi-Diktatur und Krieg
hoffte sie auf einen Neuanfang. Sie fand nicht
mehr die Kraft, Unverständnis und unbegründete
Denunziationen zu ertragen. Wenige
Wochen nach der Rehabilitierung durch ein
Schweriner SED-Parteischiedsgericht starb sie
an den Folgen einer Tuberkulose.
Hans Hübner: Helen Ernst. Ein zerbrechliches Menschenkind (1904-1948). Eine
Biographie. Berlin: trafo verlag, 2002.
Karl Heinz Jahnke
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Psychiatrie in Marburg/Lahn
Der in der Historischen Schriftenreihe des
Landeswohlfahrtsverbandes Hessen erschienene
Sammelband zur Psychiatrie in Marburg
umspannt den Zeitraum von 1876 (Eröffnung
der Landesheilanstalt Marburg) bis in die
1990er Jahre (Zentrum für Soziale Psychiatrie
Marburg-Süd). Mit der Psychiatrie in der
NS-Zeit befassen sich fünf Beiträge. Georg
Lilienthal legt eine Bilanz der "Euthanasie"-Opfer aus der Landesheilanstalt vor: Noch vor
dem Beginn der "Aktion T4" (1940) lag die
Sterblichkeit in Marburg deutlich höher als in
den beiden anderen hessischen Landesheilanstalten
Haina und Merxhausen; Ursachen
waren "gravierende Ernährungsmängel". Die
erste "Aktion T4" sollte 18 jüdische Patient/innen erfassen; von diesen hatte jedoch über
die Hälfte bereits die Anstalt verlassen, als
der Abtransport erfolgte. Acht Kranke wurden
über die Landesheil- und Pflegeanstalt Gießen
in die Tötungsanstalt Brandenburg gebracht
und ermordet. 1941 wurden 237 Kranke (von
340 Patienten, deren Namen auf den "Gekrat"-Listen standen) in die "Zwischenanstalten"
Scheuern, Weilmünster, Eichberg und Herborn
verlegt; von ihnen wurden 234 zum größten
Teil in der Tötungsanstalt Hadamar ermordet.
Eine Tabelle listet die Gründe auf, mit denen
die Anstaltsleitung Patienten vom Abtransport
zurückbehielt: bei 43 Patienten (12,6%) waren
es "gute Arbeitsleistung", 33 Personen (9,7%)
waren beim Eintreffen der "Gekrat"-Busse
bereits verstorben. In der zweiten Phase der
"Euthanasie"-Morde, in der mit Hungerkost
und Überdosierung von Medikamenten getötet
wurde, zählte die "gute Arbeitsleistung"
zum stärksten Kriterium des Überlebens.
Innerhalb der Landesheilanstalt bestand eine
Lazarettabteilung der Wehrmacht (Wehrkreisverwaltung
IX Kassel), die im August 1941
über 385 Betten verfügte (September 1942:
535 Betten). Roland Müller beschreibt, wie
zivile Patienten immer mehr dem Lazarett
weichen mussten, viele davon im Rahmen der
"T4-Aktion". Trotz schwieriger Quellenlage
errechnet er eine Gesamtbelegung mit mindestens
5036 Wehrmachtsangehörigen, von
denen 3874 wegen Neurosen und 1162 wegen
"Geisteskrankheiten inklusive Schwachsinn"
behandelt wurden. Behandlungsmethoden
waren eine sogenannte "Arbeitstherapie", die
oftmals aus Akkordarbeit (im Rahmen der mit
Firmen abgeschlossenen Verträgen) bestand,
das Verabreichen von Krampfmitteln und
Elektroschocks. 1940 gab die Landesheilanstalt
das Männerhaus V zur Unterbringung von
Kriegsgefangenen ab, die bei der Dynamit AG
Allendorf im Einsatz waren. Fritz Brinkmann-Frisch beschreibt die vertraglichen Grundlagen
sowie die Arbeit der Kriegsgefangenen, die den
sogenannten Langen Kanal zur Entsorgung
hochgiftiger Abwässer aus der Sprengstoffproduktion
bauen mussten. Die Landesheilanstalt
sowohl als Arbeitsort als auch als Behandlungsort
von Zwangsarbeiter/innen dokumentiert
Wolfgang Form. Einige "Ostarbeiterinnen"
mussten in der Wäscherei arbeiten; bei der
Stadtverwaltung entlieh sich die Anstalt im
August 1944 auch einige italienische Militärinternierte
aus dem kommunalen Lager
Schwangasse. Von 1940 bis 1945 wurden 85
Zwangsarbeiter/innen in der Landesheilanstalt
behandelt, von ihnen stammten 30 aus Polen,
25 aus der Sowjetunion und 15 aus Frankreich.
Einweisungsgründe waren "Schizophrenie" (40
Personen), verschiedenen Formen von Depressionen
(13 Personen) und bei 19 Personen
nicht klar zuzuordnende Symptome. Neun
Zwangsarbeiter/innen starben in der Anstalt,
17 wurden zwischen Juni und September 1944
in die "Sammelanstalt für geisteskranke ‚Ostarbeiter'"
in Hadamar verlegt. Der Beitrag von
Jürgen Pfeiffer befasst sich mit den institutionellen
und personellen Nachkriegskontinuitäten
in der Marburger Psychiatrie.
Peter Sandner, Gerhard Aumüller, Christina Vanja (Hg.): Heilbar und nützlich.
Ziele und Wege der Psychiatrie in Marburg an der Lahn. Marburg: Jonas-Verl.,
2001.
Ursula Krause-Schmitt
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System der Willkür Auf den ersten Blick scheint das Buch lediglich
einen lokalen Aspekt eines Stücks deutscher
Geschichte in der Mitte des 20. Jahrhunderts
wieder zu geben. Bei der Lektüre wird jedoch
deutlich, dass die getroffenen Aussagen in
ihrer allgemeinen Gültigkeit durchaus übertragbar
sind. Das Buch ist die erste Veröffentlichung
des Museums und Besucherbergwerks
Rammelsberg in Goslar, das inzwischen zum
Weltkulturerbe gehört. Im ersten Kapitel
"Anpassung und Ausgrenzung" beschreibt
Bernhild Vögel die Repressionen, mit denen
die deutsche Belegschaft des Erzbergwerks,
vor 1933 überwiegend sozialdemokratisch
eingestellt oder in der christlichen Gewerkschaftsbewegung
organisiert, zunehmend
diszipliniert wurde. Entlassungen und willkürliche
Verhaftungen spielten dabei ebenso
eine Rolle wie die entweder auf Druck oder
freiwillig erbrachten Anpassungsleistungen an
die "Betriebsgemeinschaft". Im Rammelsberg
gab es keine "Tradition des Widerstandes".
"Disziplinlosigkeit" und "Arbeitsbummelei"
wurden in der letzte Kriegsphase zunehmend
bei jugendlichen Bergleuten registriert und
mit der Einweisung in "Arbeitserziehungslager
für Jugendliche" geahndet. Im zweiten Kapitel
"Arbeit unter Zwang" berichtet Bernhild Vögel
über die Disziplinierung der "Ostarbeiter". Die
ersten 75 Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion
wurden im September 1942 registriert; ihnen
standen 66 deutsche "Aufsichtspersonen
- vom Obersteiger bis zum einfachen Arbeiter"
- gegenüber. Die Bestrafungsbefugnisse des
Werkschutzes reichten von "Ordnungsübungen",
"Strafarbeit", bei der der Einsatz von
Gummiknüppeln ausdrücklich erlaubt war, über
die lebensbedrohende Entziehung der warmen
Mahlzeit bis zu dreitägigen Arreststrafen "bei
Wasser und Brot". Bei Flucht und Fluchtverdacht
drohte die sofortige Erschießung. Aus
dem Rammelsberg sind 20 Einweisungen von
"Ostarbeitern" in das "Arbeitserziehungslager"
Watenstedt dokumentiert: "Arbeitsbummelei",
Lebensmitteldiebstähle im Werks- und Lagerbereich,
Verstöße gegen die Lagerordnung und
"deutschfeindliche" Äußerungen waren die
üblichen Einweisungsgründe. Das Schicksal
von Konrad Rinkowski beschreiben Harry Stein
und Bernhild Vögel im Kapitel "Menschlichkeit
als Verbrechen". Rinkowski, vor 1933 Mitglied
der KPD, wurde im Mai 1938 als Hilfsarbeiter
am Rammelsberg eingestellt. Im Oktober 1941
bot er einigen "Ostarbeitern" demonstrativ
Tabak an. Dies meldeten deutsche Kollegen
dem Vorarbeiter. Rinkowski wurde am 11.
Februar 1942 vom Sondergericht Braunschweig
zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt und nach
dem Ende der Haft zunächst nach Watenstedt
und vierzehn Tage später in das KZ Buchenwald
eingewiesen. Er überlebte die Zwangsarbeit
in den Außenkommandos "Messelager"
in Köln, bei der Brabag in Leipzig, im Reichsbahnausbesserungswerk
Jena und schließlich den Todesmarsch in Richtung Tschechien.
Nach seiner Heimkehr begann er wieder am
Rammelsberg zu arbeiten und litt zunehmend
an Depressionen. Im Juli 1946 nahm er sich das Leben. Bemerkenswert an dieser
biografischen Skizze ist, dass die Autoren auch das
"Netz der Bürokratie" beschreiben, in das
Rinkowskis Witwe geriet, als sie sich um eine
Hinterbliebenenrente bemühte. Rolf Keller
widmet sich im Kapitel "Zwangsarbeit in
Uniform" dem Schicksal italienischer Militärinternierter,
die nach der Gefangennahme am
9. Oktober 1943 im Stalag XI B Fallingbostel
eintrafen. Eine Gruppe wurde im März 1944
dem Arbeitskommando 6220 Goslar-Rammelsberg
zu geteilt; keiner der 137 Männer hatte
Bergbauerfahrung. Die konkrete Beschreibung
dieses Kommandos ist die Beschreibung von
Hunger, Demütigung, miserabler Unterkunft
und mangelnder medizinischer Versorgung, an
der sich kaum etwas änderte, als die Militärinternierten
im September 1944 den Status von
"Zivilarbeitern" erhielten.
Dem Buchenwalder Außenkommando Goslar
ist das von Harry Stein verfasste Kapitel "KZ
an der Landstraße" gewidmet, das im November
1940 an der Grauhöfer Landwehr eröffnet
wurde. Stein ordnet dieses erste "Fernkommando",
bei dem Buchenwald-Häftlinge an
zeitlich begrenzten Bauprojekten der SS auf
dem Fliegerhorst arbeiten mussten, als "Versuchsprojekt"
ein, in dem vor allem zwei Häftlingsgruppen
- Sinti und Roma sowie Polen
- ausgebeutet wurden. Die erste Phase endet
mit der Rücküberstellung von 135 KZ- Gefangenen
im Dezember 1941 nach Buchenwald. Über
die zweite (Mai bis Oktober 1942) und dritte
(Oktober bis Dezember 1942) Phase ist kaum
etwas bekannt. Dietrich Kuessner berichtet
über das Sondergericht Braunschweig, seine
Urteile in Fällen von "Heimtücke" und vor
allem die härtere Bestrafung von "Ausländern".
Kamen die Ausländer aus dem europäischen
Osten, hatten sie so gut wie keine Chance auf
eine milde Behandlung. Die Hinrichtungen
erfolgten im Zuchthaus Wolfenbüttel, wo es
inzwischen eine Gedenkstätte gibt. Im Kapitel
"Disziplinierung der Arbeitswelt" beschreibt
Gerhard Wysocki detailliert die Funktion
der "Arbeitserziehungshaft" am Beispiel des
"Lagers 21" in Watenstedt, das mindestens
30000 Männer und Frauen erleiden mussten.
Bisher konnten 932 Opfer namentlich ermittelt
werden. Die Gesamtzahl der Toten muss
wesentlich höher liegen, da Hunderte von
Gräbern auf den Friedhöfen Westerholz und
Jammertal namenlos sind. Auch dieser Beitrag
wirft einen Blick auf die Entschädigungspraxis
der frühen Bundesrepublik, in der das von den
Nationalsozialisten propagierte Arbeitsverhalten
noch immer als Norm akzeptiert wurde.
Bernhild Vögel (Hg.): "System der Willkür". Betriebliche Repressionen und
nationalsozialistische Verfolgung am Rammelsberg und in der Region
Braunschweig. Goslar: Verlag Goslarsche Zeitung, 2002 (Rammelsberger Forum,
Band 1). Wolfgang Janz
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Wuppertaler Widerstand
Die Forschungsgruppe "Wuppertaler Widerstand - Verein zur Erforschung der
Sozialen Bewegungen im Wuppertal" legt mit ihrer neuen Veröffentlichung eine
Dokumentation der gerichtlichen Verfolgung des antifaschistischen Widerstandes
in Wuppertal vor. Grundlage für die Recherchen waren Personen aus den
Wuppertal betreffenden Akten des Oberlandesgerichts Hamm und des
"Volksgerichtshofs", die in einer Datenbank erfasst wurden. Das Hauptaugenmerk
galt der Erfassung und Auswertung der aktenkundigen Fälle von "Vorbereitung
zum Hochverrat", "Feindbegünstigung", "Wehrkraftzersetzung" und "Vergehen
gegen das Heimtückegesetz". Diese werden in einem gemeinsamen Personenregister
erfasst. Zusätzlich herangezogen wurden Akten des Sondergerichts Düsseldorf
("Heimtückevergehen", "Sprengstoffdelikte" und "Verächtlichmachung von
Regierung und NSDAP" sowie "Bibelforscher") und der Staatsanwaltschaft beim
Landgericht Wuppertal, wenn der Tatvorwurf auf eine "aktive
Widerstandstätigkeit" hindeutete. Ergänzend wurden die meist vor dem
Jugendgericht verhandelten Verfahren wegen "Verstoß gegen das Verbot der
Bündischen Jugend" aufgenommen. Diese zusätzlich erfassten Verfahren werden in
eigenständigen Personenregistern erfasst.
Auf über 200 Seiten werden die Daten von 1758 Personen aufgelistet, gegen die
zwischen 1933 und 1945 insgesamt 397 Verfahren durchgeführt wurden. Die
Personenregister umfassen - so weit ermittelbar - die Namen (bei Geburtsjahren
nach 1910 aus Gründen des Datenschutzes anonymisiert) und persönlichen Daten
wie Geburtstag und Beruf. Daneben werden Strafmaß, Urteilsdatum und -instanz
dokumentiert. Über das Aktenzeichenregister lassen sich die
Ermittlungsergebnisse und Anklagevorwürfe sowie die Zahl der Wuppertaler
Prozessbeteiligten erschließen. Ergänzend wurden Archivalien der VVN/BdA
Wuppertal und der VVN-BdA
Nordrhein-Westfalen herangezogen.
Zum besseren Verständnis werden in der Einführung die NS-Strafgesetzgebung und
die ausführenden gerichtlichen Instanzen, die Bestimmungen, Erlasse,
Regelungen und Verordnungen der NS-Gesetzgebung sowie
die Zuständigkeiten der Gerichte kursorisch dargestellt.
In einem ersten analytischen Versuch wird aus dem Umfang der Verfahren, den
Straftatvorwürfen und personellen Daten ein Sozialprofil des Wuppertaler
Widerstandes erstellt. Die Oberlandesgerichts- und
"Volksgerichtshof"-Verfahren betrafen zu über 90 % die Kommunistische Partei
und ihre Nebenorganisationen
(Kommunistischer Jugendverband, Kampfbund gegen den Faschismus, Rote Hilfe).
Die übrigen Fälle betrafen die Kommunistische Partei-Opposition, Freie
Arbeiter-Union Deutschlands, Sozialistische Arbeiter-Partei/Sozialistischer
Jugendverband und die SPD sowie den gewerkschaftlichen Widerstand. In der
Hauptsache
wurden Mitarbeit und Zugehörigkeit zu diesen Organisationen bzw. deren
Wiederaufbau verfolgt, meist in Verbindung mit der Anklage, Flugschriften
hergestellt, eingeführt und/oder besessen zu haben.
Quellenkritisch wird angemerkt, dass es sich ausschließlich um die Akten der
Verfolgungsbehörden handelt und von daher nicht die Geschichte des
Widerstandes, sondern eher die Geschichte der Verfolgung beschrieben
wird. Außerdem wird festgehalten, dass in der Zusammenstellung die Menschen
fehlen, die sich der Verfolgung entziehen konnten oder deren Taten nicht zu
einem Gerichtsfahren geführt haben, weil sie unentdeckt blieben.
Schließlich ist nur ein relativ geringer Anteil von Verfahren festgestellt
worden, die Frauen betroffen haben, was nicht den Erinnerungen von
Zeitzeuginnen und Zeitzeugen entspricht. Dieses Thema ist noch "erforschungs-
und erklärungsbedürftig".
Mit dieser Dokumentation liegen erste Ansätze für eine weitergehende
Untersuchung des Wuppertaler Widerstandes vor. Es ist eine gute Grundlage für
weitere Forschungen geschaffen und es ist zu hoffen, dass bald entsprechende
Ergebnisse vorgelegt werden können.
Ursula Albel, Christian Schott: Verfolgt, Angeklagt, Verurteilt. Politischer
Widerstand und oppositionelles Verhalten in Wuppertal 1933-1945. Dokumentation
biografischer Daten, Verfahren und Anklagen. Bocholt/Breedevoort: Achterland
Verlagscompagnie, 2001 (= Verfolgung und Widerstand in Wuppertal, Band 5).
Kurt Schilde
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"Ich kann nicht die heroische Trompete spielen." - Frauen in der Résistance
Die US-Amerikanerin Margaret Collins Weitz hat eine wichtige Untersuchung
über Frauen in Frankreich vorgelegt, die sich dem Nationalsozialismus
widersetzt haben. Die Arbeit erschien zuerst 1995 mit dem Titel "Sisters in
the resistance" und dem - bei der deutschen Übersetzung weggelassenen -
Untertitel "How women fought to free France 1940-1945". Der Autorin geht es
darum, zu zeigen, "dass die Widerstandsarbeit von Frauen aus zahllosen
simplen, wiederholten, alltäglichen Aufgaben bestand". Zu diesem Zweck hat sie
schon in
den 1980er Jahren Gespräche mit Frauen geführt, die im Widerstand waren und
bei denen sich häufig "Schleusen der Erinnerung" öffneten.
In den einführenden Kapiteln geht sie auf die Rahmenbedingungen der im
folgenden ausführlich dargestellten Lebensgeschichten der Kämpferinnen ein:
Besetzung Frankreichs ab 1940, Vichy-Regime und Organisation des
Widerstandes. In den anschließenden Kapiteln will sie zeigen, "wie
unterschiedlich der Hintergrund der Beteiligten war, und in welchem großen
Rahmen Französinnen Widerstandsarbeit geleistet haben". Frauen beteiligten
sich an Flucht-Netzwerken, verteilten kleine - "Schmetterlinge" genannte -
Zettel, die an Briefkästen oder Pfosten angebracht wurden, und engagierten
sich in der Widerstandspresse. Hier wirkten sie nicht nur als Schreibkräfte,
sondern auch als Redakteurinnen und Autorinnen, Setzerinnen und Druckerinnen.
Die in der Résistance aktiven Frauen waren manchmal Idealistinnen oder
Außenseiterinnen und Einzelgängerinnen. Sie gehörten wie oppositionelle Männer
einer Minderheit in der französischen Bevölkerung an, die gegen die Deutschen
kämpfte. Es gab auch "gemeinsam im Widerstand engagierte Familien". In der
Regel waren es aber junge Leute, die der Résistance angehörten, und es
erscheint auffällig, dass einige der interviewten Frauen sich später als
Historikerinnen mit Widerstandsforschung betätigten. Allerdings darf nicht
verschwiegen werden, dass es vielen Frauen, die im Widerstand aktiv waren,
nach Kriegsende nicht gelungen ist, wieder ins "normale Leben" zurückzukehren.
Sie wollten ihre neu gewonnene Unabhängigkeit nicht wieder hergeben.
Das Buch von Collins Weitz kann der historischen Geschlechterforschung
zugeordnet werden. In diesem Kontext wird darauf hingewiesen, dass Frauen -
anders als die meisten Männer - ihre Angst bereitwillig eingestehen können und
Folterungen besser standgehalten hätten. Die Frauen in der Résistance mussten
sich mit dem paternalistischen Frauenbild Frankreichs auseinandersetzen. Den
Genderaspekt verdeutlichen auch die Kapitel "Krieg ist Männersache" und
"Hilfsarbeiten - die ewige Berufung der Frau". Hierbei geht es u.a.
um illegale Sozialarbeiterinnen, mit deren Hilfe beispielsweise jüdische
Kinder außer Landes gebracht werden konnten. Allerdings ist die Autorin mit
dem Beispiel Marianne Cohn einem Irrtum aufgesessen und gibt Fehlinformationen
weiter. Die Autorin beruft sich in diesem Fall auf sekundäre Recherchen und
hat sie offensichtlich nicht geprüft.
Zu den schwachen Seiten des Buches gehört ein personifiziertes Geschichtsbild,
wenn sie allzu häufig von "Hitlers Taten" und "Hitlers Siegen" spricht. Seine
Stärke ist, dass es die Erinnerungen der "Frauen in der Résistance"
überliefert und die angloamerikanische und französische Literatur verarbeitet.
Auf der anderen Seite ist auffällig, dass die deutsche Publizistik zum Thema
überhaupt nicht auftaucht, wie beispielsweise die Forschungen von Ingrid
Strobl ("Sag nie, du gehst den letzten Weg." Frauen im bewaffneten Widerstand
gegen Faschismus und deutsche Besatzung. Frankfurt/Main 1989; oder: Die Angst
kam erst danach. Jüdische Frauen im Widerstand in Europa 1939-1945. Frankfurt
am Main 1998, vgl. zu letztgenanntem Titel informationen Nr. 48/1998, S. 44f.)
Es wird nicht verschwiegen, dass es innerhalb der Résistance Diskriminierung
von Frauen gab und teilweise antisemitische Ansichten bestanden und dass es
Kollaboration gab. Abgerundet wird der insgesamt als sehr wichtig
einzuschätzende Band durch Kurzbiografien und eine Chronologie.
Margaret Collins Weitz: Frauen in der Résistance. Aus dem Englischen von
Gabriele Haefs. Münster: Unrast Verlag, 2002. Kurt
Schilde
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Reprint: Internationale Hefte der Widerstandsbewegung
Der vollständige Nachdruck der von der "Féderation Internationale des
Résistants" (FIR) zwischen 1959 und 1963 herausgegebenen "Internationalen Hefte
der Widerstandsbewegung" hat nach Ansicht des Verlages - und
des Rezensenten - "hohen dokumentarischen Wert". Die nun umfassend zugänglichen
Texte können darüber hinaus für die Diskussion über das Selbstverständnis des
Studienkreises herangezogen werden.
Die Herausgeberschaft und Redaktion der Hefte waren zugleich personell großzügig
und deutlich sozialistisch-kommunistisch dominiert. Vertreten sind Albanien,
Belgien, Dänemark, Frankreich, Griechenland, Italien, Jugoslawien, Luxemburg,
Österreich, Polen, Ungarn und die Sowjetunion. Die beiden Deutschlands werden
repräsentiert von Anna Saefkow - der Witwe des Widerstandskämpfers Anton Saefkow
- und Walter Bartel - Buchenwald-Häftling - sowie Heinz Schumann
(Marx-Engels-Institut) für die DDR. Das westliche Deutschland -
genannt DBR (Deutsche Bundesrepublik) - ist mit Josef Rossaint im
Herausgebergremium und Kurt Hirsch in der Redaktion vertreten. Die Hefte wollen
dem internationalen Widerstand gegen den Nationalsozialismus Publizität
verschaffen und dementsprechend enthalten bereits die ersten beiden Ausgaben
(November 1959 und März 1960) Überblicksartikel zu Forschungen zur polnischen
Widerstandsbewegung oder zur "Geschichte des
Befreiungskampfes der Völker Jugoslawiens". Neben auch aus heutiger Sicht
weiteren informativen Beiträgen zu Österreich, der Sowjetunion, der DDR sowie
zur Besetzung Dänemarks 1940 schrieb Wolfgang Abendroth zu "Forschungen über die
Widerstandsbewegung in der Deutschen Bundesrepublik". Als Beilage werden
Kinderzeichnungen aus Theresienstadt wiedergegeben.
Die zweite Ausgabe ist im wesentlichen der Internationalen Konferenz "Die
Widerstandsbewegung und die junge Generation" gewidmet, die im November 1959 in
Florenz stattfand. Mehrfach wurde dort gefordert, dass die Widerstandsbewegung
im Schulunterricht berücksichtigt werden soll und kritisiert, dass an keiner
europäischen Universität ein Lehrstuhl für die Geschichte des Widerstandes
existiert. In späteren Heften werden weitere
Konferenzen dokumentiert.
Bei der 3. und 4. Ausgabe (Juli und November 1960) steht der Widerstand in den
Konzentrationslagern und die Beteiligung von Ausländern in nationalen
Widerstandsbewegungen im Mittelpunkt. Daran anschließend geht es in Nr. 5 (März
1961) um die bewaffneten Aufstände in Prag, Paris, Neapel, Split, Rumänien und
Warschau 1944. Der jüdische Aufstand im Warschauer Ghetto im Jahr davor wird
leider nicht thematisiert. Berichtet wird außerdem über den "Freundeskreis
Himmlers" und die Archive und das Museum der Ghettokämpfer in Israel.
Die beiden folgenden Nummern 6 und 7 (Juli und Dezember 1961) beschäftigen sich
mit programmatischen Dokumenten - mit dem Schwerpunkt auf kommunistischen
Parteien - und Studien u.a. über die Haltung der Italiener gegenüber Juden.
Hingewiesen sei auf das Tagebuch einer Gefangenen von Bergen-Belsen.
Nach einer Pause von fast zwei Jahren erschien die letzte Ausgabe als
Dreifachnummer 8-10 (März 1963) mit einem zusammenfassenden Überblick über den
Widerstand in verschiedenen Ländern. Das Heft ist der Internationalen Konferenz
"Der nationale und der internationale Charakter der Widerstandsbewegung während
des Zweiten Weltkrieges" gewidmet, die im April 1962 in Warschau stattfand.
Besonderes Gewicht hat diesmal der - ansonsten eher vernachlässigte - jüdische
Widerstand. Es wird weder für die fast zweijährige Pause noch für die
Einstellung des Erscheinens eine plausible Erklärung gegeben. Es wird lediglich
gesagt, dass die Internationalen Hefte "in ihrer gegenwärtigen Form ihre Aufgabe
erfüllt" hätten. Nach der Lektüre der Hefte ist festzustellen, dass der Anteil
von widerständigen Frauen - von kurzen Hinweisen abgesehen - völlig
vernachlässigt wird. Auch die Verfolgung von Sinti und Roma kommt allenfalls am
Rande vor. Wertvoll sind die "Internationalen Hefte der Widerstandsbewegung"
nicht zuletzt durch die in einigen Ausgaben veröffentlichten bibliografischen
Hinweise und Besprechungen internationaler Publikationen. Sie bilden eine
wichtige Grundlage für weitere Forschungen über den Widerstand gegen den
Nationalsozialismus und ebenso für historiografische Fragestellungen: Welche
Themen spielten beispielsweise in der Zeit des Erscheinens eine Rolle und warum
war dies so? Es wäre auch zu untersuchen, wie Herausgeber- und Redaktionsgremium
zustande kamen und gearbeitet haben, worüber allerdings die Beiträge weitgehend
schweigen.
Der Verlag hat sich mit diesem Reprint große Verdienste erworben. Der Name
"Verlag Olga Benario und Herbert Baum" wird als Programm verstanden.
Internationale Hefte der Widerstandsbewegung. Zeitschrift für Geschichte.
Herausgegeben von der FIR (Féderation Internationale des Résistants). Analysen
und Dokumente über den internationalen Widerstand gegen den Nazifaschismus. Heft
1-10, 1959 bis 1963. Offenbach: Verlag Olga Benario und Herbert Baum, 2002.
Kurt Schilde
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Jahrbuch für Antisemitismusforschung 11
Das neue Jahrbuch beschäftigt sich dem historischen und dem aktuellen
Antisemitismus gleichermaßen. In seinem Vorwort verweist der Herausgeber und
Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung, Wolfgang Benz, auf die
Funktionalisierung antisemitischer Topoi in der Debatte um die Politik der
israelischen Regierung hin: "Israelkritik wird als Tabubruch inszeniert und
instrumentalisiert, als Vehikel zum Transport von Judenfeindschaft durch
falschen Vergleich, konstruierte Parallelen oder beleidigenden Vorwurf."
In den Beiträgen geht es u.a. historisch um das Verhältnis von Antisemitismus
und Antifeminismus in der völkischen Bewegung sowie um Antisemitismus in
bürgerlichen und bäuerlichen Parteien und Verbänden in Schleswig-Holstein. Mit
aktuellen Fragen befassen sich drei kritische Besprechungsessays zu Martin
Walsers
Roman um den Großkritiker Ehrl-König alias Marcel Reich-Ranicki sowie - mit der
Person dieses Literaturkritikers zusammenhängend - zwei weitere Texte von Robert
Neumann und Bodo Kirchhoff, in denen dieser als literarische Figur fungiert.
Mit der Geschichte des nationalsozialistischen Deutschlands beschäftigen sich
fünf Historikerinnen und Historiker. Zwei Aufsätze handeln von der
"Fabrikaktion": Am 27. Februar 1943 begann eine massenhafte Verhaftung von in
"Mischehe" lebenden Juden bzw. Jüdinnen und jüdischen Zwangsarbeiterinnen und
-arbeitern. Die bis dahin von der Deportation in ein Vernichtungslager bewahrt
Gebliebenen kamen in provisorische Gefängnisse, u.a. in die beschlagnahmten
Verwaltungsräume der Berliner Jüdischen Gemeinde in der Rosenstraße. Vor dem
Haus kam es zu Protesten gegen die Verhaftungen der eigenen Familienangehörigen.
Diese Aktion ist als "Frauenaufstand" in der Rosenstraße zum Synonym für die
einzige volksoppositionelle Aktion in Deutschland gegen die Deportationen
geworden. In dem Aufsatz von Wolf Gruner werden Fakten und
Fiktionen untersucht und festgestellt: Vieles erweist sich als unbewiesene
Behauptung. Übrig bleibt eine "Legende vom erfolgreichen Protest", aber
gleichwohl ist festzuhalten: Individuelle Auflehnung gegen die Diktatur war
möglich; es erforderte Zivilcourage, die verhafteten Angehörigen zu retten. Eine
Opposition gegen die antijüdischen Maßnahmen hätte jedoch schon viel früher und
breiter einsetzen müssen.
Mit diesem Aufsatz zusammenhängend wird anschließend von Beate Meyer auf die
Inhaftierung "jüdisch Versippter" im Spiegel staatsanwaltlicher
Zeugenvernehmungen in der DDR eingegangen. Die 1963 entstandenen
Gesprächsprotokolle sollten ursprünglich für gegen die alte Bundesrepublik
gerichtete Kampagnen
dienen, in denen diese als Wirkungsstätte ehemaliger Nazis - Beispiel: Globke -
diskriminiert werden sollte. Die Materialien befinden sich im Bestand der
Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatsicherheitsdienstes
der ehemaligen DDR.
Weiter wird auf den "Reisebericht" eines SS-Offiziers eingegangen, der 1934 in
das damalige Palästina gereist war. Der Mann gehörte zu Kreisen des NS-Regimes,
die bestrebt waren, die "Lösung der Judenfrage" auf dem Wege der Emigration nach
Palästina zu propagieren. Der Bericht erschien ab 26. September 1934 als
Artikelserie in der von Joseph Goebbels herausgegebenen Zeitung "Der Angriff"
und zeigte durchaus Sympathien für zionistische Kreise im deutschen Judentum.
Der Autor entwarf ein "idealistisches Bild der Juden in Palästina". Der
Emigrationsansatz blieb bis zum Auswanderungsstopp und der gewaltsamen
Vertreibung und dem Holocaust aber nicht viel mehr als eine Option.
Zu den historischen Beiträgen gehören noch zwei kleine Studien über die Rettung
einer Berliner Familie im nationalsozialistischen Berlin und den Antisemitismus
im Spiegel der Zeitung des "Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen
Glaubens". Schließlich thematisieren noch drei Beiträge die Auseinandersetzung
mit der Vergangenheit, u.a. die Bedeutung von Auschwitz in der öffentlichen
Meinung in Polen.
Das renommierte Jahrbuch für Antisemitismusforschung ist wie immer ein
gelungenes Werk mit einem großen Spektrum an Themen und Ansätzen. Diese Ausgabe
ist die erste, die im Metropol Verlag erscheint.
Jahrbuch für Antisemitismusforschung 11. Herausgegeben von Wolfgang Benz.
Berlin: Metropol Verlag, 2002.
Kurt Schilde
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Antisemitismus in der Kleinstadt Konitz 1900
Am 11. März 1900 ereignete sich in Konitz, einer westpreußischen
Kleinstadt, die heute zu Polen gehört, ein Mord. Nachdem einzelne Körperteile
des 18-jährigen Gymnasiasten Ernst Winter gefunden wurden, entstand in
dem Ort Unruhe und ein anschwellender Lärm judenfeindlicher Beschuldigungen.
Plötzlich denunzierten "christliche" Nachbarn ihre jüdischen Nachbarn des
Ritualmordes. "Nach dieser Legende, die erstmalig im Mittelalter dokumentiert
ist, schlachteten die Juden vor dem Pessachfest Christenkinder auf rituelle
Weise, um mit ihrem Blut Mazzen (ungesäuertes Brot) zu backen." Der Autor hat
ein ganzes Kapitel der Geschichte der Ritualmordbeschuldigungen gewidmet.
Die Vorwürfe wurden in Konitz "gebetsmühlenhaft" und mit den absurdesten
Anschuldigungen wiederholt. Es kam - zunächst noch sporadisch - zu Gewalttaten.
Für den Autor wurde durch die Ereignisse ein latenter
Antisemitismus manifest. Private Fehden und Streitigkeiten zwischen Nachbarn
transformierten sich in blutige Verfolgungen.
Es bildete sich ein "Untersuchungskomitee", welches auf die polizeilichen
Untersuchungen einwirken wollte, die Ritualmordvorwürfe ernst zu nehmen.
Tatsächlich heizten die örtliche Polizei und Staatsanwaltschaft die Gerüchte an.
So wurden christliche Dienstmädchen jüdischer Haushalte befragt, wo sich ihre
Herrschaft
zur Zeit des Mordes aufgehalten hatte. Nachdem eine mehrmals erhöhte Belohnung
ausgesetzt wurde, meldeten sich obskure Zeugen, die sich daran bereichern
wollten. Es kam zu mehreren Wellen judenfeindlicher
Krawalle, die sich bald auch auf die umliegenden Orte erstreckten, und es gab
Beschädigungen von Synagogen usw. Als sich auch noch die überregionale Presse
und antisemitische Zeitungen mit täglich neuen Sensationsberichten einmischten,
eskalierte die Entwicklung noch mehr. Für die jüdische Bevölkerung wurde ihre
Heimatstadt zunehmend zu einem feindlichen Terrain. Zu ihrem Schutz mussten
sogar Soldaten angefordert werden. Erst die militärische Besetzung der Stadt
machte den gröbsten Formen der antisemitischen Gewalt ein Ende, auch wenn es
weiterhin vereinzelt zu Unruhen kam.
Tatsächlich wurde der Mord nie aufgeklärt. Die polizeilichen Ermittlungen - für
die sehr früh ein Sonderermittler aus Berlin eingeschaltet wurde - konnten nur
die Ritualmordwürfe widerlegen. Ein falscher Autopsiebefund hatte von Anfang an
der Legende vom Ritualmord Vorschub geleistet. Aufgrund der fachmännischen
Zerteilung der Leiche wurde der Verdacht sehr schnell auf zwei Schlachter
gelenkt, von denen einer jüdisch und der andere "christlich" war. Der
nichtjüdische Schlachter reagierte auf die Verdächtigungen und Verhöre mit
einer "Eingabe des Fleischermeisters Gustav Hoffmann zu Konitz in der
Winter'schen Mordsache", bei der wahrscheinlich ein antisemitischer Journalist
die Feder führte. Zu den zwölf "Feststellungen" gehörte der Satz: "Ich behaupte,
daß der Fleischermeister Adolph Lewy und sein Sohn Moritz bei der Ermordung des
Winter anwesend und beteiligt waren." Die fantastische "Geschichte des
Schlachters" wurde in Tageszeitungen und in einer Broschüre in 50.000 Exemplaren
gedruckt und wird ihre Wirkung nicht verfehlt haben. Der jüdische Schlachter
konnte sich nicht so gut wehren; das hatte zur Folge, dass dessen Sohn Moritz
Lewy zu vier Jahren Haft verurteilt wurde, zwar nicht wegen dem Mord, sondern
wegen Meineids und aufgrund inszenierter und boshafter Zeugenaussagen.
Offensichtlich waren die Mitglieder des Geschworengerichts nicht willens oder in
der Lage, objektiv zu urteilen. Nach zwei Jahren wurde der Gefangene begnadigt.
Die aufgrund von Archivalien verschiedener Institutionen rekonstruierten
historischen Abläufe geben einen informativen Überblick, aber sie können nicht
zu einen eindeutigen Ergebnis führen. Das Buch ist gut geschrieben, wie es für
einen amerikanischen Historiker nicht ungewöhnlich ist. Mit der "Geschichte
des Schlachters" ist eine wichtige Facette der Historiographie des
Antisemitismus öffentlich geworden.
Helmut Walser Smith: Die Geschichte des Schlachters. Mord und Antisemitismus in
einer deutschen Kleinstadt.
Göttingen: Wallstein Verlag, 2002.
Kurt Schilde
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Zuckermanns Tochter
Liesl Klein wurde 1901 in eine Zeit hineingeboren,
die Stefan Zweig "Die Welt der Sicherheit"
nannte. Weil ihr Vater zur Zeit ihrer Geburt
nicht bei der Familie in Wien sein konnte, soll
Großmutter Amalie Zuckermann ausgerufen
haben: "Endlich wieder eine Tochter in unserer
Familie! Und wenn der Vater sich nicht um
seine Tochter kümmern kann, dann bist du
Zuckermanns Tochter!" Liesl wuchs auf im
kaiserlichen Wien, in luxuriösen Verhältnissen.
Ihr Vater war Ingenieur, baute Brücken in
Budapest, Prag, Sarajewo, und als Liesl zwei
Jahre alt war, folgte die Familie dem Vater.
Vom zehnten Lebensjahr lebte sie wieder
in Wien. Liesl genoss eine ausgezeichnete
Erziehung und Bildung, lebte in behüteten
Verhältnissen und begeisterte sich früh für das
kulturelle Leben Wiens, besuchte die Theater
und Konzerte. Sie lernte Klavier spielen und
studierte später Literatur und Musik an der
Wiener Universität. Später arbeitete sie als
Kindergärtnerin - ungewöhnlich für eine Frau
mit ihrer Herkunft und sicher ein Zeichen für
ihren Willen zur Emanzipation - als Frau und
als Jüdin.
Liesl verliebte sich in den Gießener Maler
Heinrich Will, der in Wien sein Studium beendete,
heiratete ihn 1930 und zog mit ihm nach
Gießen. Dort führte sie ein weitaus bescheideneres
Leben als in ihrem Elternhaus. Die Eltern,
obwohl sie zunächst gegen die Verbindung
waren, unterstützten die Kinder finanziell.
Elisabeth und Heinrich Will waren glücklich
miteinander, bis die Nationalsozialisten 1933
an die Macht kamen und Heinrich Will immer
stärker unter Druck gesetzt wurde, sich von
seiner jüdischen Frau zu trennen. Er hielt
jedoch treu zu ihr. Zunehmend verlief ihr Leben
zurückgezogen - bis zu ihrer Verhaftung am
6. Februar 1942. Beide hatten dem "Freitagskränzchen"
von Dr. Kaufmann angehört. Dort
hörten sie gemeinsam Radio London, wurden
denunziert und vom "Volksgerichtshof" in
Darmstadt als "Rundfunkverbrecher" verurteilt:
Dr. Kaufmann und Heinrich Will zum Tode,
Elisabeth "Sara" Will zu sechs Jahren Zuchthaus.
Am 19. Februar 1943 wurde Heinrich Will
hingerichtet. Liesl Will wurde am 7. Dezember
1942 aus dem Zuchthaus Ziegenhain "nach
Auschwitz entlassen" und dort ermordet.
Hans Adamo hat das Schicksal von Elisabeth
und Heinrich Will bewegend beschrieben. Akribisch
genau recherchiert er das Leben in Wien
und Gießen; zahlreiche Selbstzeugnisse, Bilder
und Dokumente bereichern die Ausführungen.
Historische Zusammenhänge und Hintergründe
werden fundiert erläutert.
Das gilt auch für die Herausbildung eines
bürgerlichen Widerstandskreises in seiner
Widersprüchlichkeit zu einer Zeit, als der
antifaschistische Widerstand aus der Arbeiterschaft
auch in dieser Region von den Nazis
bereits zerstört war. Bemerkenswert sind auch
die Schilderungen der Haftbedingungen im
Frauenzuchthaus Ziegenhain, über die in dieser
Konkretheit bisher wenig bekannt war. Das
Buch wird mit einem Kapitel über "Täter und
Gehilfen", insbesondere über den Staatsanwalt
des "Volksgerichtshofs" Willi Harzmann abgeschlossen.
Es wird dokumentiert, dass er an
zahlreichen Todesurteilen beteiligt und bereits
1948 wieder als Staatsanwalt und Richter in
Niedersachsen tätig war. Heute kaum vorstellbar,
erhielt er 1953 ein Glückwunschschreiben
des Ministerpräsidenten für 25-jährige "treue
Dienste", wurden seine Besoldungsansprüche
ab 1930 anerkannt, also einschließlich seiner
Tätigkeit beim Mordinstrument "Volksgerichtshof".
Hans Adamo zeichnet nicht nur ein einfühlsames
und eindrückliches Lebensbild einer ungewöhnlichen
Frau, die das Schicksal so vieler
Opfer des Holocaust in den Vernichtungslagern
teilen musste, er lässt auch ein anschauliches
und facettenreiches Bild der Zeit entstehen.
Hans Adamo und seiner Mitarbeiterin und
Lebensgefährtin Gaby Rehnelt - beide sind
auch viele Jahre Mitglieder des Studienkreises
- ist es zu danken, dass das Schicksal von Elisabeth
Will geb. Klein - Zuckermanns Tochter
- vor dem Vergessen bewahrt wird.
Hans Adamo: Zuckermanns Tochter. Stärker als die Liebe war der Tod. Essen:
Klartext, 2003.
Renate Dressen
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Jugendwiderstand in Hamburg 1941/1942
Am 11. August 1942 geschah in der Geschichte der Nazijustiz etwas
Außergewöhnliches: vier Hamburger Jungen zwischen 16 und 18 Jahren standen vor
dem Volksgerichtshof. Nach siebenstündiger Verhandlung wurde der
Hauptangeklagte, der 17-jährige Verwaltungslehrling beim Sozialamt der Stadt
Hamburg, Helmuth Hübener, zum Tode verurteilt. Die Richter gaben eine Begründung
dafür, warum sie erstmals einen Minderjährigen hinrichten lassen wollten:
"Hübener ... hat eine weit über dem Durchschnitt von Jungen seines Alters
stehende Intelligenz gezeigt ... Auch die Überprüfung seines allgemeinen
Wissens, seiner politischen Kenntnisse und seiner Urteilsfähigkeit sowie sein
Auftreten vor Gericht und sein Gehaben ergaben durchweg das Bild eines geistig
längst der Jugendlichkeit entwachsenen, frühreifen jungen Mannes ... Es lassen
sich auch in dem Hergang der Tat keine Merkmale finden, die für die Tat eines
noch nicht ausgereiften Jugendlichen sprechen. Damit war der Angeklagte wie ein
Erwachsener zu bestrafen."
In der Zeit der "leichten Siege" Hitlerdeutschlands, von August 1941 bis Anfang
1942, verfasste Helmuth Hübener mehr als 20 Flugblätter, in denen gegen den
Krieg und die Politik der NS-Diktatur Stellung genommen wurde. Kritisch setzte
er sich mit Falschmeldungen der Nazipropaganda auseinander. Drei seiner Freunde
halfen ihm bei der Verteilung der Flugblätter.
Anläßlich des 60. Jahrestages des Mordes an Helmuth Hübner am 27. Oktober 1942
erschien das Buch von Ulrich Sander über diese Widerstandsgruppe. Der
Autor befasst sich seit 1960 mit der Thematik. Er ist am besten dazu befähigt
und berufen, die erste Gesamtdarstellung zur Tätigkeit der
Helmuth-Hübener-Gruppe
vorzulegen. Der Band bietet die bisher umfassendste Geschichte dieses
Zusammenschlusses junger Gegner des NS-Staates. Berichtet wird über die
Entstehung der Gruppe, die Motive zum Widerstand, die Anfertigung der
Flugblätter, ihre Verbreitung und Wirkung. Neues wird auch zu den Biographien
von Helmuth Hübener sowie seiner Freunde, dem im August 1942 16-jährigen
Schlosserlehrling Rudolf Wobbe, dem 17-jährigen Verwaltungslehrling Gerhard
Düwer und dem 18-jährigen Malergesellen Karl-Heinz Schnibbe geboten.
Darüber hinaus wird dokumentiert, wie sich die Öffentlichkeit in beiden
deutschen Staaten zu diesem Teil des antifaschistischen Erbes verhalten hat.
Beeindruckend ist, wie viel in den USA - im Staat Utah - getan wurde, um die
Erinnerung an Helmuth Hübener und seine Gefährten wach zu halten. Nach 1945
fanden hier Karl-Heinz Schnibbe und Rudolf Wobbe eine neue Heimat. Sie waren wie
Helmuth Hübener Anhänger der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage
(Mormonen).
Der besondere Wert des Buches liegt in seinem dokumentarischen Charakter. In
mühsamer, über Jahrzehnte andauernder Kleinarbeit ist es dem Autor gelungen,
alle zugänglichen
Quellen zu dieser Widerstandsgruppe zu sammeln und erstmalig in dieser
Komplexität zu veröffentlichen. Besonders wertvoll sind die 58 Dokumente.
Darunter befinden sich Texte bzw. Fragmente von 19 Flugblättern. Im letzten Teil
wird auch der Frage nachgegangen, was mit den verantwortlichen Nazirichtern und
ihren Helfern nach 1945 geschehen ist. Das Buch verdient viele Leser, besonders
geeignet ist es für den Schulunterricht und andere Formen der Jugendarbeit.
Ulrich Sander: Jugendwiderstand im Krieg. Die Helmuth-Hübener-Gruppe 1941/1942.
Bonn: Pahl-Rugenstein Nachf., 2002.
Karl Heinz Jahnke
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Verfolgung und Widerstand am bayerischen Untermain
Viele lokal- und regionalhistorische Darstellungen und Dokumentationen
zur Geschichte von Verfolgung und Widerstand im "Dritten Reich" wurden bereits
vor geraumer Zeit vorgelegt. Das diesbezügliche historiografische Wissen hat
sich seitdem aber erheblich erweitert. So wäre es mittlerweile generell
angebracht, solche Werke einmal neu durchzusehen und ggf. zu überarbeiten, um
sie auf den neuesten Stand der Forschung zu bringen. Wie lohnend dies sein kann,
dafür ist Monika Schmittners Publikation ein überzeugendes Beispiel. Die
Goldbacher Politikwissenschaftlerin mit Lehrauftrag an der Fachhochschule
Frankfurt, die auch mit Untersuchungen zur Revolution von 1848, zur Geschichte
der Metallarbeiter-Gewerkschaft sowie der Frauenbewegung am bayerischen
Untermain hervorgetreten ist, hat ihre 1985 erstmals veröffentlichte Arbeit über
Verfolgung und Widerstand 1933-1945 in Stadt und Land Aschaffenburg nun in
dritter Auflage publiziert.
Sie hat diese aktualisiert, regional erheblich erweitert und um zahlreiche neue
Zeitzeugenberichte und Forschungsresultate ergänzt. Die rundum solide, klug
aufgebaute, stilistisch geschliffene und gut illustrierte Studie beruht auf der
Auswertung z.B. der Lageberichte der Polizei- und Bezirksämter, ebenso
zahlreicher Anklage- und Urteilsschriften und außerdem von über 5.000
personenbezogenen Gestapoakten, von denen weit mehr als 200 eingehend bearbeitet
wurden. Eine thematische Straffung war unumgänglich, weshalb die Judenverfolgung
hier nur exemplarisch gestreift werden konnte und der Einsatz von
Zwangsarbeitskräften
und Kriegsgefangenen ausgeklammert bleiben musste. Beide Komplexe sollen in
separaten Publikationen behandelt werden. Es ist sehr zu begrüßen, dass
Schmittner, die in ihrem Vorwort ohnehin jeder "Schlussstrich"-Debatte eine
kategorische Absage erteilt, der NS-Forschung treu zu bleiben gedenkt.
Einleitenden kritischen Reflexionen zu Widerstandsrezeption und
Widerstandsbegriff - Schmittner favorisiert hierbei eine Kombination aus der
strengen, auf rein politische Bestrebungen zielenden Definition und dem auch die
diversen Oppositionsformen individueller und Gruppenaktivität erfassenden
Resistenzbegriff - folgen Hinweise zu Forschungslage und -methode, zur
Quellenlage, zu den sozioökonomischen und -kulturellen Hintergründen der
Etablierung der faschistischen Diktatur am bayerischen Untermain, sodann zu
deren regionalen Besonderheiten, schließlich zur NS-"Gleichschaltung" am
Beispiel der Stadt Aschaffenburg.
Die Widerstandsaktivitäten werden systematisiert nach Partei- und
Konfessionszugehörigkeit: Der kommunistische Widerstand konnte sich in der
untersuchten Region erst 1934 formieren, ließ sich im kleinstädtischen und
ländlichen Umfeld dort vergleichsweise gut observieren, beging allerdings auch
selbst zum
Teil gravierende konspirative Fehler, weshalb er schon im folgenden Jahr restlos
zerschlagen werden konnte; in diesem Kontext behandelt die Autorin u.a. den
Hanauer "Hochverratsprozess" 1935, in dem 88 Regimegegner aus dem gesamten
Bereich zwischen Frankfurt und Aschaffenburg angeklagt waren, verschiedene
ungemein aufwühlende Verfolgtenschicksale, auch die besondere Problematik von
aus politischen wie aus rassistischen Gründen gleichermaßen verfolgten
Kommunisten sowie Beispiele für Opposition und Widerstand am Arbeitsplatz.
Hinweise auf organisierte antinazistische Strukturen von Sozialdemokraten, deren
Verfolgungssituation ebenfalls durch einige biografische Porträts
veranschaulicht wird, konnte Schmittner bislang nicht verifizieren; allerdings
weiß sie von einem um den ehemaligen Sekretär des Verbands christlicher
Arbeitnehmer des Bekleidungsgewerbes und BVP-Reichstagsabgeordneten Hugo Karpf
und den einstigen Geschäftsführer der sozialdemokratischen "Aschaffenburger
Volkszeitung" Jean Stock formierten oppositionellen Freundeskreis
zu berichten, von dem aus insgeheim Verbindungen zum aus Hammelburg in
Unterfranken stammenden vormaligen Zentrums-Reichstagsparlamentarier und dann
führenden Repräsentanten der illegalen christlichen
Gewerkschaftsbewegung Jakob Kaiser führten, der nicht nur über zahlreiche
weitere konspirative Kontakte in ganz Deutschland verfügte, sondern später sogar
in die Verschwörung des "20. Juli" involviert war. Auf den Aschaffenburger
Stützpunkt im Rahmen des reichsweiten Vertrauensleutenetzes des illegalen
Einheitsverbandes
des Eisenbahner Deutschlands sei hier ergänzend hingewiesen.
Die Darstellung von Verfolgung und Widerstand aus dem Bereich des in der Region
tief verwurzelten Katholizismus nimmt zwangsläufig den größten Raum ein; auch
für dieses Milieu werden viele eindrucksvolle Beispiele individueller wie auch
kollektiver Gesinnungstreue und Zivilcourage aufgeführt, wenngleich sich ein
dezidiert politischer Hintergrund dort schwerlich konstatieren lässt; die vier
Geistlichen aus Amorbach sowie Schneeberg, die den steckbrieflich gesuchten
jüdischen Textilkaufmann Berthold Löb aus Birkenau nahe Weinheim an der
Bergstraße vor der Deportation bewahrt haben, gehören gleichwohl zu den
Glanzlichtern der antinazistischen Opposition am bayerischen Untermain. In einem
nur knappen Kapitel, das dem Dekanat Aschaffenburg gilt, wird überdies die
heftige innerkirchliche Auseinandersetzung zwischen der Bekennenden
Kirche und den faschistischen "Deutschen Christen" geschildert. Schmittner
bringt ferner eine Vielzahl weiterer Hinweise auf Formen von "Volksopposition"
sowie von individuellem antinazistischen Mut, beispielsweise auf das
projüdische Handeln von Hanns Seidel, Wirtschaftsjurist aus
Aschaffenburg-Schweinheim, nach dem Krieg einer der Mitbegründer der CSU in
Unterfranken, Landtagsabgeordneter, bayerischer Staatsminister und schließlich
Ministerpräsident; nicht minder erwähnenswert ist der Abschnitt über den
Rechtsanwalt und späteren bayerischen Justizminister Fritz Koch und dessen Sohn
Friedrich Karl Koch, beide in Aschaffenburg bzw. Berlin engagiert im Rahmen der
Robinsohn-Strassmann-Gruppe, ab Ende 1938 nur noch Strassmann-Gruppe, der
einzigen dauerhaft operierenden, liberaldemokratisch dominierten
Widerstandsgruppe mit reichsweiter Ausdehnung, die übrigens ebenfalls die
Unterstützung verfolgter Juden zu ihren Aufgaben zählte.
Erschütternd sind auch die beiden letzten, neu hinzugekommenen Kapitel über die
ausgeprägte Denunziationsbereitschaft der "deutschen Volksgenossen", auf deren
Konto immerhin fast 80 Prozent aller Verhaftungen reichsweit gingen, sowie über
den in der Kriegsendphase immer erbarmungsloser gegen die eigene
Zivilbevölkerung gerichteten Terror der braunen Machthaber und ihrer
fanatisierten Gefolgsleute aus dem Militär: Die dort geschilderten Schicksale
vieler tragischer Opfer von Habgier, Neid, Missgunst, Rachsucht,
Rücksichtslosigkeit, von ideologischer Verblendung, blindwütigem Hass und purer
Mordlust bestätigen einmal mehr die Gewissheit, dass der Kampf gegen den
Faschismus letztlich die Conditio sine qua non ist für unser unablässiges Ringen
um Humanität, Menschenrecht und Demokratie, und zwar naturgemäß dies mit
globaler Perspektive. Vom Philosophen Hans Heinz Holz, der als Achtzehnjähriger
wegen antinazistischen Widerstandes selbst in die Fänge der Gestapo geriet,
stammt das Diktum "Volksbildung ist die notwendige Bedingung wirklicher
Demokratie". Monika Schmittners vorbildliches Werk ist ein wichtiger Beitrag zur
Volksbildung und zur politischen Kultur insgesamt, dem unbedingt eine weite
Verbreitung zu wünschen ist.
Monika Schmittner: Verfolgung und Widerstand 1933 bis 1945 am bayerischen
Untermain. Aschaffenburg: Alibri Verlag, 2002.
Axel Ulrich
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Jugend im Krieg
Zur Geschichte der Hitlerjugend, zur Situation der jungen Generation in
der NS-Diktatur 1933-1945 liegt eine große Zahl wissenschaftlicher
Untersuchungen vor, die unter unterschiedlichen Bedingungen entstanden sind.
Allein im letzten Jahrzehnt erschienen mehr als 80 selbständige Publikationen.
Trotz aller Fortschritte ist eine Reihe von Fragen nach wie vor unzureichend
erforscht. Deutliche Disproportionen bestehen zwischen der Zeit bis 1939 und den
Jahren des Zweiten Weltkrieges.
Anliegen von Michael Buddrus ist es, diesen Zustand zu ändern. Mit der als Bände
13/1 und 13/2 der vom Münchner Institut für Zeitgeschichte herausgegebenen Reihe
"Texte und Materialien zur Zeitgeschichte" erschienenen Publikation "Totale
Erziehung für den totalen Krieg. Hitlerjugend und nationalsozialistische
Jugendpolitik" gelingt ihm dies. Vorteilhaft ist für den Autor, dass er fast
zwei Jahrzehnte unter günstigen Bedingungen an der Universität Rostock und
später am Institut für Zeitgeschichte zur Geschichte der Hitlerjugend forschen
konnte. Er legt mit den Bänden die bisher umfassendste und quellenmäßig
gesichertste
Arbeit zu diesem Gegenstand vor. Wie aus dem Titel ersichtlich, stehen
Vorbereitung und Einsatz der deutschen Jugend im Zweiten Weltkrieg im Zentrum.
Überzeugend wird nachgewiesen, wie total die Jugendpolitik des NS-Staates auf
den langfristig vorbereiteten Krieg ausgerichtet war. Gleichzeitig wird
dokumentiert, dass die junge Generation eine maßgebliche Größe in der
Kriegsführung des Hitlerregimes darstellte. Die Konsequenzen dieser Politik für
die Jugend werden angedeutet. Seit ungefähr 15 Jahren ist unter den zu diesem
Gegenstand Forschenden bekannt, dass der Reichsjugendführung im Herbst 1944 ein
umfangreiches Manuskript einer in ihrem Auftrag angefertigten "Kriegsgeschichte
der HJ" vorlag, die nicht mehr veröffentlicht werden konnte. Im Bundesarchiv ist
diese Quelle der Forschung zugänglich. Detailliert wird Auskunft über alle
Arbeitsgebiete der HJ gegeben. Deutlich erkennbar ist, wie groß der Anteil
dieser NS-Organisation am Kriegsgeschehen war.
Buddrus setzt sich kritisch mit den dort gemachten Angaben auseinander und
skizziert seinerseits die Tätigkeit in den verschiedenen Bereichen der
Jugendarbeit im Dritten Reich. Dies erfolgt in zwölf Kapiteln. Am Anfang steht
der Versuch, den Kriegseinsatz der Hitlerjugend global darzustellen und die
Konsequenzen für die junge Generation zu erfassen. In den anschließenden zehn
Kapiteln wird Antwort darauf gesucht, wie es möglich war, die Jugend in so hohem
Maße in die nationalsozialistische Gewaltherrschaft zu integrieren. Aus der
Sicht der Gesamtgeschichte der HJ werden die folgenden Arbeitsgebiete behandelt.
Weltanschauliche Schulung und
Erziehung, die Wehrertüchtigung der HJ, die Jugenddienstp. icht, das Führerkorps
der HJ, das System der Überwachung und Reglementierung, die Tätigkeit des
Sozialen Amtes der HJ, die Arbeit unter der Landjugend und der HJ-Landdienst,
das Wirken der HJ im Ausland, das Verhältnis von HJ und Schule sowie die
HJ-Gesundheitsführung. Gegenstand des letzten Kapitels sind Finanzen und
Verwaltung der HJ. Der Erkenntnisgewinn der einzelnen Teile ist unterschiedlich.
Besonders hervorgehoben seien die Kapitel zwei und sieben. Zum einen geht es
dabei um die Rolle von weltanschaulicher Schulung, von Kultur und Medien in der
Arbeit der HJ und die Funktion der HJ in der Sozialpolitik des NS-Staates.
Die Publikation enthält einen mehr als 200 Seiten umfassenden Anhang.
Hervorgehoben seien die biografischen Angaben zu mehr als 800 HJ-Führern und
BDM-Führerinnen. Im Haupttext und im Anhang befinden sich 59 Übersichten,
Tabellen und Grafiken. Im Zentrum stehen dabei Struktur und Personal der
Reichsjugendführung. Insgesamt haben die Bände enzyklopädischen Charakter. Der
Titel ist sicher ein wichtiges Nachschlagewerk für
alle, die sich künftig mit dieser Thematik befassen. Verwiesen sei auch auf die
Anmerkungen, die oft wichtige Informationen enthalten. Mehrfach betont der
Autor, dass er seine Arbeit nicht als etwas Abgeschlossenes, sondern als
Zwischenergebnis seiner Forschungen ansieht. Dem ist zuzustimmen. Durch seine
große Fleißarbeit sind nunmehr die Bedingungen für die noch zu schreibende
Geschichte der Hitlerjugend günstiger geworden. Angestrebt werden sollte eine
für den Interessenten überschaubare, wissenschaftlich fundierte Monografie zur
Geschichte der HJ als Ganzes und ihrer Rolle im System nationalsozialistischer
Machtpolitik. Gleichzeitig sind jetzt auch bessere Voraussetzungen gegeben für
biografische Arbeiten u.a. über die Reichsjugendführer Baldur von Schirach und
Artur Axmann sowie über die BDM-Führerin Dr. Jutta Rüdiger. Die notwendige
Auseinandersetzung mit Verfälschungen der HJ-Geschichte kann nunmehr
sachkundiger geführt werden.
Michael Buddrus: Totale Erziehung für den totalen Krieg. Hitlerjugend und
nationalsozialistische Jugendpolitik.
München: K G Saur, 2003.
Karl Heinz Jahnke
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Riefenstahl. Eine deutsche Karriere
Ralph Giordano nennt die 599 Seiten umfassende Biografie von Jürgen
Trimborn "das beste Buch, das je über Riefenstahl geschrieben wurde". Trimborn
widerlegt durch seine jahrelangen Forschungen anhand neuer bislang
unbekannter Dokumente, deren Existenz Riefenstahl immer wieder leugnete und
deren Inhalt sie fortwährend umdeutet, die Legende von der unpolitischen
Künstlerin, die sie nach dem Krieg zu sein vorgab. Trimborn gliedert seine
Darstellung in vier große Kapitel: "Der Aufstieg", "Der Ruhm", "Der Fall", "Der
Neubeginn".
Diese leider nur kurze Besprechung will drei der im Kapitel "Der Fall"
erörterten Leugnungen/Umdeutungen näher vorstellen. "Ein verschwiegenes
Filmprojekt: September 1939 an der polnischen Front" entlarvt Riefenstahls
eigene Aussagen, wonach sie Anfang September 1939, "von einigen meiner
Mitarbeiter bedrängt", eine Filmgruppe für die Kriegsberichtserstattung an der
Front organisierte; dafür habe sie die Genehmigung der
Wehrmacht erhalten. Trimborn weist nach, dass der "Sonderfilmtrupp Riefenstahl"
in direktem Auftrag Hitlers tätig war und äußert die gut begründete Vermutung,
dass "die ursprüngliche Idee im persönlichen Gespräch zwischen der Filmemacherin
und dem Diktator entwickelt wurde". Bei diesem "Sonderfilmtrupp Riefenstahl"
handelte es sich keineswegs um ein Projekt der Wehrmachtspropaganda, dafür gab
es die seit 1936 aufgebauten und ausgebildeten Kriegsberichter- und
Propagandatruppen. Vielmehr liegt nahe, dass er an einem
Filmprojekt arbeitete, das " den ‚Polenfeldzug' und den ‚Führer an der Front'
unabhängig von der Wochenschau in einem zusammenfassenden Streifen in die Kinos
bringen sollte." Dieses Projekt legte Riefenstahl im Herbst
1939 ad acta und gibt in ihren Memoiren als Grund das Massaker im polnischen
Kónskie an, wo sie am 12. September 1939 Augenzeugin von Erschießungen jüdischer
Männer wurde. Als das Foto, das sie mit entsetztem Gesichtsausdruck inmitten
deutscher Soldaten zeigt, 1952 erstmals um die Welt ging, hatte sie ihre
Augenzeugenschaft energisch abgestritten; sie befand sich mitten in ihrem
vierten und letzten "Entnazifizierungsverfahren" und wollte um jeden Preis
verhindern, dass ihr Name mit solchen Verbrechen in Verbindung gebracht wurde.
Das Spruchkammerverfahren endete denn auch mit der Entscheidung: "Vom Gesetz
nicht betroffen". Zu den Gründen, weshalb sie das Kriegsfilm-Projekt aufgegeben
hat, könnte - so Trimborn - "heute wohl nur noch die Regisseurin selbst Auskunft
geben, die jedoch die Existenz solcher Pläne weit von sich weisen würde, weil
deren Bekanntwerden endgültig den mühsam aufgerichteten Mythos der unpolitischen
Künstlerin zerstören würde" (S. 310).
Von Herbst 1940 bis zum Herbst 1944 arbeitete Riefenstahl an dem Film "Tiefland"
- ein Projekt, das sie 1934 abgebrochen hatte. In der Nachkriegszeit verklärte
sie diese Arbeit zur "Flucht vor dem Krieg". Trimborn vermutet, dass bereits
1933 Riefenstahls Entscheidung, die Oper von Eugen d'Albert zu verfilmen, auf
eine direkte Anregung oder gar den Wunsch des "Führers" zurückging. Das
"Tiefland"-Projekt 1940-1944 erfolgte jedenfalls "im Auftrag des Führers und mit
der Unterstützung des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda".
Hitler stellte das Geld zur Verfügung und schuf damit "die einmalige Situation,
dass ein Spielfilmprojekt, das in keiner Weise kriegswichtig war, mit Mitteln
der Partei und des Reiches finanziert wurde" (S. 324). In der Nachkriegszeit
spielte vor allem die Tatsache eine Rolle, dass Riefenstahl im
"Internierungslager" Maxglan gefangene Sinti und Roma als Komparsen einsetzte;
es ging ihr um "authentische Typen". Vor 1945 wusste man nur in Filmkreisen,
woher die Komparserie für "Tiefland" stammte. Ein am 1. Mai 1949 erschienener
Artikel in der Illustrierten "Revue" machte erstmals auf den Skandal aufmerksam:
auf die Verwendung von "Filmsklaven", darauf, dass Riefenstahl ihre "Zigeuner"
persönlich im KZ ausgesucht habe, dass die meisten Komparsen in Auschwitz
ermordet worden waren. Riefenstahl reagierte auf die Vorwürfe mit äußerster
Heftigkeit und strengte gegen den Herausgeber der "Revue" einen Prozess an, der
im November 1949 mit der Verurteilung des Verlegers zu einer Geldstrafe von 600
Mark "wegen übler Nachrede" endete. Trimborn zitiert Prozessberichte u.a. aus
der "Süddeutschen Zeitung", in denen Riefenstahls Auftreten so beschrieben wird:
"Sie weiß, wann ein Ausbruch fällig ist, sie weiß, wo sie sachlichbeherrscht die
dicke Hornbrille zücken und ein Aktenstück mit leisem ‚Triumph des Willens' zur
Vorlesung bringen muß." Es wirft ein treffendes Schlaglicht auf die
postfaschistische Gesellschaft, wenn Trimborn die Atmosphäre bei der
Hauptverhandlung folgendermaßen beschreibt: "Der Großteil des Publikums im
Gerichtssaal war auf Riefenstahls Seite, immer wieder kam es bei ihren
Ausführungen zu Lachsalven und sogar zu Applaus. Manche Gerichtsreporter fühlten
sich an eine Art ‚Volksfeststimmung' erinnert."
In den 1980er Jahren sah sich die Filmemacherin Nina Gladitz wegen ihres
Dokumentarfilms "Zeit des Schweigens und der Dunkelheit", in dem sie sich mit
einem überlebenden "Tiefland"-Komparsen auf eine schwierige Spurensuche in
Maxglan und in Mittenwald begibt, einer von Riefenstahl angestrengten
einstweiligen Verfügung gegenüber. Dieser Prozess endete mit einem für
Riefenstahl "unfassbaren Urteil": Der Dokumentarfilm wurde wieder freigeben,
allerdings mit einer wichtigen Schnittauflage: Nina Gladitz sollte eine Szene
entfernen, die nahe legte, dass Riefenstahl von Auschwitz und der den Sinti und
Roma drohenden Vernichtung gewusst habe. In ihren Memoiren behauptete
Riefenstahl, fast alle Komparsen nach dem Krieg wieder gesehen zu haben.
Trimborn fasst ihre Haltung in dieser Frage zusammen: "Sie stritt um Details,
fand jedoch nie ein Wort des Bedauerns oder der Entschuldigung. Jegliche
Diskussion hierüber lehnte sie ab und blieb beharrlich bei ihrer Version der
Geschichte, die in wesentlichen Punkten längst widerlegt gilt" (S. 341).
Zur Selbstdarstellung Riefenstahls gehörte ihre angebliche Ablehnung der
rassistischen Ideologie und des Antisemitismus. 1993 sagte sie im ihr gewidmeten
Dokumentar. lm "Die Macht der Bilder": "Über meine Lippen ist nie ein
antisemitisches Wort gekommen, auch nicht geschrieben. Ich war niemals
antisemitisch, darum bin ich auch nicht in die Partei eingetreten. Also, wo
liegt denn meine Schuld?" Trimborn geht dieser Frage im Kapitel "Doch nicht
immun? Riefenstahl und der Antisemitismus" nach und dokumentiert ihre konsequent
verschwiegene, enge Freundschaft mit Julius Streicher, dem NSDAP-Gauleiter von
Franken und Herausgeber des antisemitischen Hetzblattes "Der Stürmer". Er
berichtet auch von wenigen Fällen, in denen Riefenstahl ihren Einfluss geltend
machte und zu Gunsten einzelner Bedrohter erfolgreich intervenierte; sie habe
dies aber nie zu ihrer Entlastung angeführt: "Hätte sie sich stärker zu ihren
Hilfeleistungen bekannt, wäre dies einerseits eine Bestätigung dafür gewesen,
dass sie durchaus um die Schrecken der Konzentrationslager und der Deportationen
wusste, andrerseits aber auch dafür, dass ihr Einfluss weit größer war, als sie
sich im nachhinein eingestehen wollte. Beides hätte nicht in das Bild der
Künstlerin gepasst, die nur für ihre Arbeit lebte und von den Schattenseiten des
Regimes, dem sie diente, nichts mitbekommen haben will" (S. 375).
In seinem Epilog beschreibt der Autor die Riefenstahl-Renaissance und warnt vor
Gefahren: "Der Weg zu Riefenstahls Rehabilitation ist ... nicht durch das lange
Zeit geforderte Eingeständnis ihrer moralischen Schuld frei geworden, sondern
als Folge eines fragwürdigen Geschichtsverständnisses, das um jeden Preis eine
‚Normalität' im Umgang mit der Vergangenheit erreichen will." (S. 505)
Jürgen Trimborn: Riefenstahl. Eine deutsche Karriere. Biographie. Berlin:
Aufbau, 2002.
Ursula Krause-Schmitt
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Nur die Hoffnung hielt mich
Zwei neue Bücher von Gerlind Schwöbel, Pfarrerin im "Ruhestand", sind
hier vorzustellen. Beide enthalten Biografien von Frauen, die sich in ihrem
jeweiligen Kontext engagiert haben. Die Leser/innen, die die langjährigen
Forschungen der Autorin verfolgt haben, treffen dabei auf "alte Bekannte" wie
Katharina und Charlotte Staritz - und machen neue Entdeckungen.
Seit der 1990 erschienenen Biografie über ihre Vorgängerin im Pfarramt für
Frauenarbeit in Frankfurt/M., die Vikarin Katharina Staritz, hatte Gerlind
Schwöbel weiter geforscht. Erste Ergebnisse - so zur Frankfurter Lehrerin Frieda
Löhnert und zu Hildgard Schaeder stellte sie den "informationen" zur Verfügung.
Durch ihre
Forschungen hatte sie großen Anteil an der Ausstellung "Christliche Frauen im
Widerstehen gegen den Nationalsozialismus. Häftlinge im Frauen-KZ Ravensbrück
1939-1945". Zu einigen der dort porträtierten Frauen gibt es neue Erkenntnisse -
so zur Niederländerin Hebe Kohlbrügge, zu Yvonne Pagniez, Kämpferin in der
Résistance und zu den Frauen des Solf-Kreises, die im Band "Nur die Hoffnung
hielt mich. Frauen berichten aus dem KZ Ravensbrück" vorgestellt werden. Darüber
hinaus enthält dieser Band Porträts und Berichte der Lehrerin
Tona Baur, die zum Gießener Kaufmann-Will-Kreis gehörte, der französischen
Ärztin Dr. Haidi Hautval, über Hildegart Staehle und über Frieda Löhnert. Den
"Spuren Frankfurter Frauen" geht Schwöbel im Buch "Allein dem Gewissen
verpflichtet" nach. Das umfangreichste Porträt ist Susanna Catharina von
Klettenberg, die sich zur christlichen Mystik der Herrenhuter bekannte,
gewidmet. Von den im 20. Jahrhundert aktiven Frankfurter Frauen werden neben den
Schwestern Staritz Hildegard Schaeder, Lotte Schiffler, Bertha Pappenheim und
Jenny Apolant vorgestellt. Mit diesen beiden wendet sie sich erstmals
Vertreterinnen der jüdischen Frauenbewegung zu - mit dem Wunsch, "die jüdischen
Wurzeln der Frauenemanzipation neu in die Öffentlichkeit zu bringen". In beiden
Büchern finden sich bisher unbekannte private Fotografien.
Gerlind Schwöbel: Nur die Hoffnung hielt mich. Frauen berichten aus dem KZ
Ravensbrück. Frankfurt am Main: Verlag Otto Lembeck, 2002.
Gerlind Schwöbel: Allein dem Gewissen verpflichtet. Auf den Spuren Frankfurter
Frauen. Frankfurt am Main: Verlag Otto Lembeck, 2001.
Ursula Krause-Schmitt
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