|
<<Zurück
zum Heft "informationen" Nr. 56
| Übersicht |
Vertriebenenverbände: historisch überlebt oder Gefahr für die Zukunft?
Samuel Salzborn: Grenzenlose Heimat. Geschichte, Gegenwart
und Zukunft der Vertriebenenverbände.
Berlin: Elephanten-Press, 2000.
Ulrich Schneider >>Mehr dazu
Deutsche Tschechien-Politik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert
Hunno Hochberger, Emil Hruska:
Der deutsche Hegemonialanspruch: Gefahr für Mitteleuropa. Thesen zur Entwicklung der
(sudeten-)deutschtschechischen Beziehungen. Stuttgart: GNN-Verlag, 1998
Ulrich Schneider
NS-Verbrechen und ihre juristische „Aufarbeitung"
Kerstin Freudiger: Die juristische
Aufarbeitung von NS-Verbrechen. Tübingen: Mohr Siebeck, 2002 (= Beiträge zur
Rechtsgeschichte des 20. Jahrhunderts, Band 33)
Kurt Schilde
>>Mehr dazu
NS-Terror in aller Öffentlichkeit
Klaus Hesse, Philipp Springer: Vor aller Augen. Fotodokumente des
nationalsozialistischen Terrors in der Provinz. Für die Stiftung Topographie des
Terrors, Berlin, hg. von Reinhard Rürup. Essen Klartext, 2002
Kurt Schilde
Auswahlbibliographie zur "deutschen Jugend unter Hitler"
Heinz
Schreckenberg: Erziehung, Lebenswelt und Kriegseinsatz der deutschen Jugend unter
Hitler. Anmerkungen zur Literatur. Münster: Lit-Verlag, 2002 (= Geschichte
der Jugend, Band 25)
Kurt Schilde
Blicke gegen das Vergessen
Hans Adamo, Florence Hervé:
Natzweiler Struthof. Blicke gegen das Vergessen. Regards au-delà de l'oubli. Essen: Klartext, 2002
Ursula Krause-Schmitt
>>Mehr dazu
Erfahrungen von Schriftstellerinnen nach 1945
Christiane Caemmerer, Walter Delabar, Elke Ramm, Marion Schulz (Hg.): Erfahrung
nach dem Krieg. Autorinnen im Literaturbetrieb 1945-1950. BRD, DDR, Österreich,
Schweiz. Frankfurt/M.: Peter Lang, 2002 (= Inter-Lit 4).
Kurt Schilde
Alfred Marchand
Barbara Bromberger (Hg.): Alfred Marchand. Ich habe nie Langeweile gehabt. Ein
Widerstandskämpfer gegen den Faschismus erzählt sein Leben. Frankfurt am Main:
VAS, 2001
Karl Heinz Jahnke
>>Mehr dazu
Jakob de Jonge - ein jüdisches Leben
Hans-Peter Klausch: Jakob de Jonge. Aus deutschen Konzentrationslagern in den
niederländischen Untergrund. Bremen: Edition
Temmen, 2002
Karl Heinz Jahnke
Geschichte der Gmünder Juden
Ortrud Seidel: Mut zur Erinnerung. Geschichte der Gmünder Juden. Eine
persönliche Spurensuche. 2. Aufl. Schwäbisch Gmünd: Remsdruckerei, 1999
Ursula Krause-Schmitt
Zwangsarbeiter in Schleswig-Holstein
Uwe Danker, Robert Bohn, Nils Köhler, Sebastian
Lehmann (Hg): "Ausländereinsatz in der Nordmark". Zwangsarbeitende in
Schleswig-Holstein 1939-1945. Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte, 2001
(=Schriftenreihe des Instituts für schleswig-holsteinische Zeit- und
Regionalgeschichte Bd. 5)
Uwe Danker, Annette Grewe, Nils Köhler, Sebastian Lehmann (Hg.): "Wir empfehlen
Rückverschickung, da sich der Arbeitseinsatz nicht lohnt". Zwangsarbeit und
Krankheit in Schleswig-Holstein 1939-1945. Bielefeld: Verlag für
Regionalgeschichte, 2001 (=Schriftenreihe des Instituts für
schleswig-holsteinische Zeit- und Regionalgeschichte Bd. 6)
Karl Heinz Jahnke
Das KZ im Autobahntunnel
Joachim Baur, Birgit Wörner (H9.): Konzentrationslager und Zwangsarbeit in
Leonberg. Leonberg 2001 (Beiträge zur Stadtgeschichte, Bd. 8)
Jörg
Lesczenski
>>Mehr dazu
"Initiative gegen das Vergessen - Zwangsarbeit in
Schweinfurt" stellt ihr Buchprojekt "Wir sind nur eine Nummer" vor
Weitere Informationen: http://www.puk.de/zwangsarbeit_schweinfurt
>>Mehr dazu
In zweiter Auflage erschienen: Mit den Augen der Überlebenden
Mit den Augen der Überlebenden. Ein Rundgang durch die Mahn- und Gedenkstätte
Ravensbrück. Herausgegeben von der Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis.
Redaktion: Ursula Krause-Schmitt, Christine Krause. Stuttgart: Schmetterling
Verlag, 2002
Folker Behrens
>>Mehr dazu
Vielstimmiges Schweigen
Annette Leo, Peter Reif-Spirek (Hrsg.): Vielstimmiges Schweigen. Neue Studien
zum DDR-Antifaschismus. Berlin: Metropol, 2001
Joachim Neander
>>Mehr dazu |
| |
Vertriebenenverbände: historisch überlebt oder Gefahr für die Zukunft?
Angesichts der aktuellen Debatte um das „Zentrum der Vertreibung" und der
politischen Vorstöße der Vertriebenenverbände im Zusammenhang mit der Debatte
um die Benes-Dekrete mussten sich diejenigen, die hofften, dass die Frage der
„Vertriebenen" und ihrer Verbände sich als „Fossilien des Kalten Krieges"
biologisch lösen würde, eines Schlechteren belehren lassen. Diese Verbände und
ihre Volkstumspolitik legen auch im 21. Jahrhundert unter den Bedingungen der
europäischen Integration eine ungeahnte Lebendigkeit an den Tag. Zwar fällt es
den Vertriebenenverbänden zunehmend schwerer Repräsentanten zu finden, die
biographisch noch mit den vorgeblichen „Heimatgebieten" verbunden sind -
obwohl ja der Status des „Vertriebenen" vererbt wird -, weniger Probleme haben
sie jedoch damit, Personen zu aktivieren, die in den Vertriebenenorganisationen
ihre „politische Heimat" finden, wie die gegenwärtige Vorsitzende des „Bundes
des Vertriebenen" (BdV) Erika Steinbach (MdB und CDU-Rechtsaußen) und der
Sprecher der „Sudetendeutschen Landsmannschaft", Bernd Posselt (CSU) zeigen.
Und
denen geht es beileibe nicht um Brauchtumspflege, Trachtennostalgie und
Volksmusik der „Heimat der Vorfahren". Ihnen geht es - wie in den vergangenen 50
Jahren - um Machtpolitik und Expansionsbestrebungen. Doch während sich in den
50er und 60er Jahren diese Politik im Windschatten der Adenauerpolitik bewegte,
selbst dort, wo es Konflikte und Reibungspunkte gab, und in den 70er Jahren
durch die neue Ostpolitik diese an der „Offenhaltung der deutschen Frage"
orientierte Politik für die CDU/CSU-Opposition und Neofaschisten attraktiv
wurde, erlebten die Verbände nach dem Anschluss der DDR eine neue Blüte - und
zwar nicht allein durch den Zuwachs an Mitgliedern, die in den neuen
Bundesländern beheimatet sind.
Die
Verbände „modernisierten" ihre Politik, ohne die historischen
Nachkriegsrealitäten und Grenzen in Europa anzuerkennen. Weiterhin propagierten
sie auf ihren Pfingsttreffen oder in Verlautbarungen ein „Recht auf Heimat", was
in „moderner" oder offen revanchistischer Form nichts anderes als
expansionistische Politik beinhaltete. Die Öffnung der Grenzen und die
Entwicklung eines Europas der Regionen könnte ihnen - so glauben sie - einen
neuen Zugang zu den „Vertreibungsgebieten" ermöglichen. Ihnen kommt dabei
zugute, dass mit dem Zusammenbruch der ehemals sozialistischen Staaten in
Osteuropa ein ökonomisches und politisches Vakuum entstanden ist. So hofft man
die Themen EU-Osterweiterung und deutsch-tschechisches Abkommen mit der
Durchsetzung eigentlich unannehmbarer Forderungen gegenüber Polen und der
tschechischen Republik verbinden zu können. Selbst wenn Restitution und
„Wiedergutmachung des Vertreibungsunrechts" nicht zu erreichen sein sollten,
will man wenigstens durch die Macht des Euros den alten Verhältnissen näher
kommen.
Bei
aller „Modernisierung" bleibt als Fundament der Ideologie der Politik der
Vertriebenen-Verbände die Geschichtsrevision, die Verleugnung der historischen
Ursachen der Umsiedlung 1945. Aktuell fordert der Bund der Vertriebenen die
Errichtung eines „Dokumentationszentrums zur Vertreibung" in Berlin. Damit
erfüllt diese Ideologie auch noch die gesellschaftliche Funktion, in Alternative
zum Holocaust-Denkmal allen Deutschen für die NS-Zeit und seine Folgen zu
ermöglichen, „sich als Opfer darzustellen und zu fühlen". Dass die Grenzen zum
Neofaschismus in dieser Frage fließend sind, machen BdV-Funktionäre wie Eibich
und Latussek deutlich.
Die Vertriebenenverbände haben, so das Ergebnis von Salzborn in dem Buch „Grenzenlose Heimat", das sich vor allem mit den
Landsmannschaften Ostpreußen und Schlesien sowie der Sudetendeutschen
Landsmannschaft, die zusammen noch fast eine Millionen Mitglieder haben,
beschäftigt, nicht nur eine Geschichte und Gegenwart, sondern auch eine Zukunft,
auf die Antifaschisten und Friedenskräfte sehr aufmerksam reagieren sollten.
Samuel Salzborn: Grenzenlose Heimat. Geschichte, Gegenwart
und Zukunft der Vertriebenenverbände.
Berlin: Elephanten-Press, 2000.
Ulrich Schneider
<<Zurück zur Übersicht
NS-Verbrechen und ihre juristische „Aufarbeitung"
In der auf einer politikwissenschaftlichen Dissertation (Universität Hannover 1999)
beruhenden differenzierten Gesamtbetrachtung der juristischen Aufarbeitung von NS-Verbrechen hat Kerstin Freudiger eine ungleiche
Behandlung der verschiedenen Gruppen von NS-Verbrechen und NS-Verbrechern
bei
„vergleichbarem Sachverhalt" (S. 5) festgestellt. Zu dieser Erkenntnis
kommt
sie nach gründlichen Analysen von ausgewählten Urteilen. Die Autorin geht den Unterschieden in den Verurteilungen an einigen
„strafrechtlichen Denkfiguren" nach. Sie hat ihre Arbeit entsprechend
gegliedert in die
Hauptkapitel „Verurteilungen wegen Mordes in Täterschaft",
„Strafmilderung durch 'Beihilfe' zum Mord", „Strafmilderung oder
Straflosigkeit durch
,Totschlag' statt Mord" und „Schuldausschluss wegen fehlendem
Unrechtsbewusstseins"'. An den vier strafrechtlichen Kategorien „Mord",
„Totschlag", „Täterschaft" und „Beihilfe" und abschließend Schuldausschluss
wegen vorgeblich „fehlendem Unrechtsbewusstsein" orientiert werden insgesamt
142 Urteile westdeutscher Gerichte aus den genannten Verbrechenskomplexen und
Deliktkategorien exemplarisch analysiert. Für die Urteile vor 1965 griff sie
auf die 22bändige von Christiaan Frederic Rüter herausgegebene Schriftenreihe zurück.
(Justiz und NS-Verbrechen. Sammlung deutscher Strafurteile wegen
nationalsozialistischer Tötungsverbrechen 1945-1966. Amsterdam 1968 ff.) Die
Urteile aus der Zeit danach stammen aus dem Bestand der Zentralen Stelle der
Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg. Außerdem hat sie
Verfahrenseinstellungen in die Betrachtung einbezogen.
Durch ihre qualitative und wenn möglich quantitative Vorgehensweise ist es Freudiger
gelungen, die Tendenzen der Rechtsprechung bei NS-Verbrechen deutlich
herauszuarbeiten. Wenigstens Ansätze einer rechtsstaatlich angemessenen
Ahndung konnte die Autorin nur im Bereich der Verbrechen an den europäischen Juden
feststellen. Hier erfolgten Verurteilungen wegen Mord oder Beihilfe zum Mord,
weil die Verbrechen aus nationalsozialistischem Rassenhass und damit aus „niedrigen
Beweggründen" begangen wurden. Es wurde bei den meist der Lager-SS
angehörenden Tätern konsequent auf deren Unrechtsbewusstsein geschlossen. Diese Verbrecher
gehörten nicht zu den „bürgerlichen Führungsschichten" (S. 417), sondern
rekrutierten sich vor allem aus handwerklichen Berufen. Bei dieser deutlich abgrenzbaren
Tätergruppe werden antisemitische Einstellungen und „niedrige Beweggründe" als
erwiesen angesehen. „Die Gerichte vermuteten offenbar eine Identifikation mit
dem NS-Regime vor allem bei den Angeklagten aus jenen gesellschaftlichen Gruppen, die keine
klassischen Angehörigen der Funktionseliten waren." (S. 417)
Geradezu rücksichtsvoll gingen die Richter mit den Angeklagten in Leitungsfunktionen um, wie
Juristen als Führer der massenhaft mordenden Einsatzgruppen und - kommandos oder in
Deportationsdienststellen sowie Ärzten in Konzentrationslagern. Die
Verantwortung für die Massenmorde in den Vernichtungslagern wurde auf die
Führungsclique „Hitler, Himmler, Göring und Heydrich" verlagert, die
„stereotyp" (S. 408) als Haupttäter genannt werden. „Indem die Vernichtung des Judentums zwar
nicht geleugnet, die Schuld daran jedoch so konstruiert wurde, dass sie nur den
obersten Führer traf, konnte in Vergessenheit geraten, dass sich der millionenfache
Mord aus vielen schuldhaften Entscheidungen und Handlungen einzelner zusammensetzte."
(S. 40)
Noch deutlicher wird die Rücksichtnahme bei der Ahndung von Justizverbrechen. Hier
kann von einer „offensichtlichen Sanktionsverweigerung" gesprochen werden. Als eine
Ursache benennt die Autorin, dass so die Übernahme des NS-Justizpersonals in die
westdeutsche Justiz nachträglich legitimiert werden konnte. Mit dieser
wichtigen Untersuchung wird eine Voraussetzung dafür gelegt, sich eingehender mit der
Frage der personellen Kontinuitäten der Gerichte zu befassen. Dazu gibt Freudiger einige
weiterführende Hinweise, z.B. wenn sie die „besonders ausgeprägte
Verweigerungshaltung der Justiz im Landgerichtsbezirk München I bei der Verfolgung von
NS-Verbrechen" (S. 410) anspricht, die „personellen Kontinuitäten in Niedersachsen" (S. 415)
erwähnt oder am Beispiel des Bundesgerichtshofes auf die „Kontinuität zum Justizapparat des
NS-Staates" verweist.
Kerstin Freudiger: Die juristische
Aufarbeitung von NS-Verbrechen. Tübingen: Mohr Siebeck, 2002 (= Beiträge zur
Rechtsgeschichte des 20. Jahrhunderts, Band 33).
Kurt Schilde
<<Zurück zur Übersicht
Blicke gegen das Vergessen
Endlich ist wieder ein Buch auf dem Markt, das über das KZ
Natzweiler auf dem Struthof berichtet und das noch dazu glücklicherweise in
deutsch und französisch geschrieben ist. Florence Hervé und Hans Adamo
beschreiben die Besonderheiten des Ende 1940 errichteten Konzentrationslagers in
den Vogesen, für dessen
Standort die nahegelegenen Granitsteinbrüche ausschlaggebend waren. Das Lager,
für 1.500 Häftlinge geplant, war 1944 mit bis zu 8.000 Gefangenen belegt, und
verfügte über etwa 70 Außenkommandos im Elsass, in Lothringen, in Baden und
Württemberg. Unter den Gefangenen befanden sich ab Sommer 1943 als besonders
gekennzeichnete Gruppe "Nacht und Nebel"-Gefangene" (NN), für die der
ausdrückliche Wehrmachtsbefehl galt, "die Vernichtungsspur zu verwischen" und
bei Nachfragen etwa des Internationalen Roten Kreuzes oder anderer Dienststellen
keinerlei Auskunft zu geben. Im KZ Natzweiler waren auch Frauen inhaftiert; die
Autoren geben ihre Zahl mit etwa 300 an. Es waren Widerstandskämpferinnen der
Résistance, auch einige mit dem Fallschirm abgesprungene Kundschafterinnen der
Special Operations Executive (S.O.E). In einigen der Außenkommandos - so in den
Kommandos Ebange bei Thionville, Calw, Geislingen an der Steige, Geisenheim,
Mörfelden-Walldorf - waren nur Frauen eingesetzt, überwiegend ungarische
Jüdinnen, die in Auschwitz zur Zwangsarbeit selektiert worden waren. Das KZ
Natzweiler ist berüchtigt für die medizinischen Versuche, die Prof. Dr. August
Hirt
von der "Reichsuniversität Straßburg" und sein Personal an den Häftlingen
vornahmen. Es ging dabei u.a. um die Erprobung von Kampfgiften, dafür wurde
extra eine Gaskammer gebaut. Das "Menschenmaterial" benutzte Hirt auch für die
Schaffung einer "jüdisch-bolschewistischen Schädelsammlung". Der geschichtliche
Überblick endet mit biographischen Angaben zu "Tätern und Gehilfen".
Für den zweiten Teil haben die Autoren einige Augenzeugenberichte gesammelt, die
von "Solidarität und Sabotage" berichten. Im dritten Teil findet der Leser, die
Leserin literarische Texte, Gedichte und Zeichnungen, die aus der Begegnung mit
der Gedenkstätte Natzweiler entstanden. Schließlich wird noch das "Projekt eines
europäischen Zentrums des deportierten Widerstandskämpfers im
Nazi-Konzentrationslagersystem. Im Dienste des Gedenkens und der Wachsamkeit"
vorgestellt. Der Titel des Buches "Blicke gegen das Vergessen" ist auch ganz
konkret zu verstehen: Vierzig Fotographien in schwarz-weiß von Martin Graf
führen den Betrachter vom Bahnhof Rothau, wo die Häftlingstransporte ankamen,
zur heutigen Gedenkstätte, über den Friedhof und durch das Museum.
Hans Adamo, Florence Hervé:
Natzweiler Struthof. Blicke gegen das Vergessen. Regards au-delà de l'oubli. Essen: Klartext, 2002.
Ursula Krause-Schmitt
<<Zurück zur Übersicht
Alfred Marchand
Zu den Persönlichkeiten, die die Geschichte des Studienkreises Deutscher
Widerstand wesentlich beeinflußten, zählte Alfred Marchand. Mehrere Jahre hat er
mit großem Engagement im Vorstand gearbeitet. Sein ausgewogenes Urteil fußte auf
reichen Erfahrungen aus dem Kampf gegen den Hitlerfaschismus, dem Exil in
Palästina und über vier Jahrzehnten Einsatz gegen Antisemitismus und
Neofaschismus. Erst im hohen Alter fand er Zeit und Kraft, umfassender über sein
Leben zu berichten. Es ist das Verdienst von Barbara Bromberger, dass sie den
90jährigen dafür gewinnen konnte, ihr aus seinem Leben zu erzählen. Aus diesen
Berichten ist das Buch entstanden.
Alfred Marchand ist am 29. April 1907 in einer jüdischen Familie in Erfurt
geboren worden. Seine Eltern besaßen ein Schuhgeschäft. Der Sohn sollte dieses
später übernehmen. Dafür erwarb er sich berufliche Fähigkeiten als Schuhmacher,
Verkäufer und Dekorateur. Die Situation ausgangs der Weimarer Republik
gestattete ihm aber
nicht, ein geordnetes Berufsleben zu führen. Frühzeitig schloß er sich der
Arbeiterbewegung an, zunächst der SPD und dann der KPD. In ihren Reihen nahm er
an den Auseinandersetzungen mit den zur Macht strebenden Nazis teil. 1933
gehörte Marchand in Erfurt zu den jungen Antifaschisten, die brutal mißhandelt
und danach in
das KZ Lichtenburg verschleppt wurden. Diese Zeit ist im Buch eindrucksvoll
dargestellt.
Bis 1936 dauerte die Gefangenschaft im KZ. 1938 gelang es Marchand, nach
Palästina zu emigrieren. Hierher waren bereits vorher seine Eltern und
Geschwister vor dem NaziTerror geflohen. Fast zwei Jahrzehnte wurden Palästina
und Israel zu seiner zweiten Heimat. Im Buch werden wichtige Schlüsselereignisse
dieser Jahre genannt, obwohl sich der Leser gerade in diesem Teil eine
detailliertere Darstellung gewünscht hätte. Dies betrifft u.a. die Zeit des
Zweiten Weltkrieges und auch die Teilnahme am Unabhängigkeitskrieg 1947/48. Im
März 1958 kehrte Marchand nach Deutschland zurück und ließ sich in Frankfurt am
Main nieder. Die Ausgangssituation wird anschaulich geschildert und auch seine
über zwölfjährige Tätigkeit als Portier im
"Kabinenhotel" direkt am Frankfurter Hauptbahnhof. Hier wird ein besonderes
Kapitel der Frankfurter Nachkriegsgeschichte lebendig. Wie in seinem ganzen
Leben engagierte sich Alfred Marchand auch in Frankfurt in der Politik. Er
schloß sich der SPD an, sein Betätigungsfeld sah er vor allem in den
Gewerkschaften, bei der
Arbeiterwohlfahrt und in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes.
Besonders fühlte er sich verpflichtet, der Jugend die Wahrheit über Faschismus
und Krieg sowie über den antifaschistischen Widerstand zu vermitteln. In vielen
Frankfurter Schulklassen war er ein gern gesehener Gesprächspartner. Von
besonderer Bedeutung für den 90jährigen war, dass am 7. März 1998 das Kinder-
und Jugendhaus der Frankfurter Arbeiterwohlfahrt in Preungesheim den Namen
"Alfred-Marchand-Haus" bekam. In das Buch ist auch die Rede aufgenommen, die der
Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt, Dr. Jürgen G. Richter, aus diesem Anlaß
gehalten hat. Sie stellt, wie andere Dokumente und Fotos, eine wichtige
Ergänzung des Gesamtbildes dar.
Am 9. November 1999 ist Alfred Marchand im Alter von 92 Jahren gestorben. Seine
Freunde schrieben: "Wir trauern um einen engagierten Antifaschisten, er hat bis
zuletzt die nach wachsenden Generationen über das nazistische Terrorregime
aufgeklärt und konsequent gegen Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Krieg und
Neofaschismus gekämpft."
Barbara Bromberger (Hg.): Alfred Marchand. Ich habe nie Langeweile gehabt. Ein
Widerstandskämpfer gegen den Faschismus erzählt sein Leben. Frankfurt am Main:
VAS, 2001.
Karl Heinz Jahnke
<<Zurück zur Übersicht
Das KZ im Autobahntunnel
Claude Brignon, Franzose, Häftlingsnummer 37981, Silvo Vlachy, Slowene,
Häftlingsnummer 40310, Guiseppe Zorzin, Italiener, Häftlingsnummer 40180 - drei
von über 3000 Häftlingen, die, ihrer eigenen Identität beraubt und zu einer
anonymen Zahlenreihe degradiert, im Konzentrationslager Leonberg als
Arbeitssklaven der Messerschmitt AG das nationalsozialistische Terrorsystem am
eigenen Leib erfahren und erleiden mussten.
Mit der Absicht, die längst überfällige Geschichte des Leonberger
Konzentrationslagers zu schreiben, mit dem Ziel, "den lange Zeit Unbekannten,
die im KZ nur,Nummern' waren, Namen und Gesicht zu geben" und einen Beitrag "zu
einer lebendigen Erinnerungskultur vor Ort" zu leisten, nahm im Oktober 1999 die
Geschichtswerkstatt "KZ Leonberg" unter Leitung der beiden Historiker Joachim
Baur und Birgit Wörner ihre Arbeit auf. Ohne Zweifel: Von der Leonberger
KZ-Gedenkstätten-Initiative angeregt und an der
Volkshochschule Leonberg institutionell verankert, hat die in ihrer
Altersstruktur und historischen Vorbildung heterogene Arbeitsgruppe mit
beachtlichem Ergebnis die bisher nur in Umrissen bekannte Geschichte des KZ
Leonberg aufgearbeitet und einen bemerkenswerten Aufsatzband zur
südwestdeutschen Lokalgeschichte in der NS Zeit vorgelegt.
Die Autorinnen und Autoren haben über zwei Jahre mit Akribie eine Fülle neuer
schriftlicher Quellen erschlossen und stützen sich bei ihren Ausführungen
darüber hinaus besonders auf insgesamt 51 Zeitzeugeninterviews. Hinzu kamen elf
schriftliche Berichte von früheren Insassen und Gestapo-Häftlingen. Nach einem
einführenden Beitrag zur Geschichte von "Zwangsarbeit, KZ-System und
Rüstungsproduktion", der die
Entstehungsgeschichte des KZ Leonberg in die allgemeine Geschichte des
NS-Systems einordnet (Joachim Baur) und einem Erfahrungsbericht über die
Zeitzeugengespräche mit KZ-Überlebenden, der auch die Praxis und die Methode der
Oral History problembewusst reflektiert (Birgit Wörner), stehen drei
Themenblöcke im Vordergrund. Ingrid Bauz, Volger Kucher, Monica Mather, Renate
Stäbler und Eberhard Röhm leuchten den
Mikrokosmos des Lagers aus, skizzieren seinen Aufbau und organisatorische
Struktur und beschreiben ausführlich den "Häftlingsalltag hinter Stacheldraht".
Es schließen sich Aufsätze an, die sich von der eigentlichen Geschichte des KZ
lösen und ihren Focus auf weitere Stätten der Zwangsarbeit in Leonberg richten
(Eberhard Röhm, Wolfgang Schiele), stand doch in den letzten Kriegsmonaten die
gesamte Stadt "im Banne der Rüstung". Schließlich fragen Monica Mather und
Renate Stäbler nach den Handlungsspielräumen im NS-System, versuchen der
Wahrnehmung des KZ und seiner Häftlinge in der Leonberger Bevölkerung
nachzugehen und skizzieren den Lebensweg des ehemaligen Stadtbrandmeisters
Walter Schnabel, "der in seiner Jugend den Nazis die Stirn bot". Die trotz aller
stilistischen Vielfalt durchgehend gut lesbaren Beiträge werden durch fünf
Portraits ehemaliger Häftlingen und zwei Namenslisten, die alle bekannten
Gefangenen und Toten des KZ erfassen, sinnvoll ergänzt.
Die drohende militärische Niederlage, handfeste Interessen des
Messerschmitt-Konzerns, die Verlagerung der Rüstungsindustrie an
Produktionsorte, die vor den Luftangriffen der Alliierten Schutz bieten sollten
und die Verkehrsinfrastruktur sorgten dafür, dass die Kleinstadt Leonberg im
letzten Kriegsjahr als Standort eines Konzentrationslagers überhaupt in das
Blickfeld der NS-Machthaber und Rüstungsproduzenten rückte und sich in das
"Netzwerk des Terrors" (Wolfgang Sofsky) einfügte. Seit dem Frühjahr 1944 kam
der konzentrierten Produktion von Jagdflugzeugen eine besondere Bedeutung zu.
Namentlich vom "Strahljäger Me 262" erhoffte sich die NS-Führung, den
Kriegsverlauf doch noch günstig zu beeinflussen. Die beiden rund 300 Meter
langen Autobahntunnel am Engelberg wurden kurzerhand zu einer Produktionsstätte
umgebaut, in der die Tragflächen des "Strahljägers" hergestellt wurden. Um die
Zwangsarbeiter unterzubringen, gingen die NS-Behörden seit Ende März 1944
"zwischen Leonberg und Autobahn" an den Aufbau des Konzentrationslagers, das als
Außenlager des KZ Natzweiler im besetzten Elsaß entstand.
Darüber, wer, wann und mit welcher beruflichen Ausbildung als Zwangsarbeiter
nach Leonberg kam, entschieden die Produktionsbedürfnisse des
Messerschmitt-Konzerns. So forderte das Unternehmen etwa in seinem Antrag auf
"Gestellung von KZ Häftlingen für das Presswerk Leonberg" vom SS-Wirtschafts-
Verwaltungshauptamt am 15. September 1944 u.a. 250 Schlosser, Monteure,
Mechaniker und Werkzeugmacher, 25 Elektriker, 30 Dreher, Fräser und Hobler, 145
Spengler und 150 Hilfsarbeiter an. Die meisten Häftlingstransporte kamen aus dem
KZ Dachau und seinen Außenlagern, in denen auch die "Selektionen" für das KZ
Leonberg von der SS durchgeführt wurden. Nur ein Bruchteil der Häftlinge waren
Deutsche. Das Gros der Inhaftierten kam - so der Aufsatz Eberhard Röhms - aus
"aller Mütter Länder". Die Mehrheit der Häftlinge stellten Polen und
Sowjetbürger, gefolgt von Italienern und Franzosen.
Im Konzentrationslager standen für die Häftlinge "organisierte Unterernährung",
"ständige Erniedrigung und Seelenmord", "willkürlicher Terror der SS",
"Kollektivstrafen und körperliche Misshandlungen", Krankheiten, Seuchen und die
"Allgegenwart des Todes"(Ingrid Bauz) auf der barbarischen Tagesordnung. Da die
ehemaligen KZ-Häftlinge wiederholt selbst zu Wort kommen, gelingt es den
Verfassern, sich dem zutiefst inhumanen Lageralltag zu nähern und das kaum
nachvollziehbare Grauen dicht zu beschreiben.
Das System der Zwangsarbeit war in Leonberg indes nicht nur hinter dem
Stacheldraht des Konzentrationslagers und im Engelbergtunnel allgegenwärtig. Die
zahlreichen Betriebsstandorte des Presswerkes Leonberg - die
"MechanikWerkstätte", die "Werks-Schreinerei", oder auch der "Fuhrbetrieb mit
Gespannen" - wären ohne den Einsatz von Arbeitssklaven genauso wenig
betriebwirtschaftlich lebensfähig gewesen wie die lokalen Betriebsstandorte der
"Organisation Todt". Wie sehr das kleinstädtische Leben im Schatten der
Kriegswirtschaft stand, verdeutlichen die nackten Zahlen im Januar 1945: zu den
höchstens 8000 einheimischen Personen kamen in Leonberg nahezu 6000(!)
Ortsfremde hinzu (ca. 2800 KZ-Häftlinge, 1400 Zivil- und Zwangsarbeiter aus
anderen Lagern und Privatunterkünften, 120 Soldaten der Wehrmacht und Angehörige
der Waffen-SS etc.). Die Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft entwickelte sich
zu einer öffentlichen Angelegenheit: "Nicht alle Häftlinge wurden [...1 im
Tunnel eingesetzt. Ein Teil arbeitete auch in
sogenannten Außenkommandos, zum Beispiel auf Baustellen, beim
Luftschutzstollenbau oder in einer örtlichen Buchbinderei. Sie holten beim
Metzger Fleisch ab, zogen anstelle von Pferden schwere Leiterund Güllewagen
durch den Ort oder waren beim Bauer im Einsatz. Auch als Waldarbeiter waren sie
anzutreffen. Etliche wurden mit Verladearbeiten im Bahnhof beschäftigt [...].
Nicht zuletzt hat man sie auch gerne zu Aufräumarbeiten nach Fliegerangriffen,
insbesondere auch zum Beseitigen von Blindgängern, eingesetzt" (Monica Mather,
Renate Stäbler) Die Leonberger begegneten den Zwangsarbeitern vereinzelt mit
offenen Aversionen, vereinzelt mit Hilfsaktionen, flüchteten aber vor allem in
das Schweigen - und das bis weit nach Kriegsende hinaus. Das "Beschweigen der
Vergangenheit" steht in der Kleinstadt auch heute noch häufig genug einem
offenem
Kommunikationsprozess über die nationalsozialistische Gewaltherrschaft im Wege.
Die Arbeitsgruppe schreibt die Geschichte des KZ Leonberg konsequent aus der
Perspektive der Opfer. Den zahlreichen Tätern, den KZ-Kommandanten, dem
Wachpersonal, den örtlichen NS-Größen und den Unternehmern in den Chefsesseln
schenken die Verfasser nur am Rande Aufmerksamkeit. Überdies: Obwohl nahezu alle
Beiträge bemüht sind, die an einem lokalen Fallbeispiel gewonnenen Erkenntnisse
in die allgemeine Geschichte von Zwangsarbeit und Kriegswirtschaft in Beziehung
zu setzen, ließen sich nicht alle lokale Spezifika bestimmen. Gerade die
Position Messerschmitts, das konkrete Wechselverhältnis zwischen den Ansprüchen
des Industriekonzerns und städtischen Interessen, oder auch der Einfluss des
Unternehmens auf die örtlichen Machtstrukturen, werden nur in groben Strichen
angedeutet. Die offenen Fragen und weißen Flecken als eine konzeptionelle
Schwäche des Sammelbands zu umschreiben, würde allerdings in die Irre führen.
Zum Leidwesen der Herausgeber gibt es laut Auskunft der EADS (European
Aeronautic Defence and Space Company) in München, wo die Messerschmitt-Akten
liegen, keine Unterlagen zum Leonberger Tunnel. Der sehr spärlichen Quellenlage
ist es ebenfalls zu schulden, dass detailliertere Sozialprofile der Täter und
eine genauere Analyse ihrer Motivstrukturen wohl nicht mehr zu leisten sind.
Joachim Baur, Birgit Wörner (H9.): Konzentrationslager und Zwangsarbeit in
Leonberg. Leonberg 2001 (Beiträge zur Stadtgeschichte, Bd. 8).
Jörg
Lesczenski
<<Zurück zur Übersicht
"Initiative gegen das Vergessen - Zwangsarbeit in
Schweinfurt" stellt ihr Buchprojekt "Wir sind nur eine Nummer" vor
Im November 1999 gründete sich in der Kulturwerkstatt Disharmonie die
"Initiative gegen das Vergessen - Zwangsarbeit in Schweinfurt". Die Gruppe will
die Öffentlichkeit mit den historischen Fakten über das Leben und die Situation
von Zwangsarbeitern in Schweinfurt informieren. Mehrere öffentliche
Veranstaltungen, eine Reihe von Zeitungsberichten und ein halbstündiger Bericht
im Bayerischen Fernsehen dokumentieren die bisher geleistete Arbeit. Vor gut
einem Jahr stieß die Initiative während ihrer Recherchen zufällig auf die
Erzählung eines Italieners. Leonardo Calossi veröffentlichte 1987 in Florenz ein
Buch, dessen Titel übersetzt lautete: "Anmerkungen zu einer Internierung in
Deutschland 1943-1945". Bei der ersten Lektüre stellte sich zur Überraschung der
Schweinfurter heraus, dass Calossi nicht nur zu Kriegsende in Schweinfurt bei
Kugelfischer, sondern zuvor auch schon im FAG-Auslagerungswerk Landeshut in
Schlesien als Zwangsarbeiter beschäftigt war. Der heute 88 Jahre alte Autor
genehmigte die Übersetzung, außerdem wurde ein Besuch in Italien arrangiert. Es
kam zu einer herzlichen Begegnung mit Calossi in Florenz. Drei Mitglieder der
Gruppe nutzten die Gelegenheit, den ehemaligen Zwangsarbeiter zu interviewen.
Die Arbeit nahm schnell an Intensität zu. Immer mehr Literatur tauchte auf.
Neben dem eigentlichen Lebensbericht wird das Buch noch weitere Aufsätze
enthalten, die beispielsweise über die Hintergründe der Bombenangriffe auf
Schweinfurt und der daraus resultierenden Verlagerungen der Industrie oder über
die Arbeits- und Lebensbedingungen der italienischen Militärinternierten
aufklären sollen. Immer mehr rückte auch die polnische Stadt Kamienna Gora,
ehemals Landeshut, in den Mittelpunkt der Recherchen. Unter anderem dorthin wich
FAG mit seiner kriegswichtigen Produktion aus, um den Bombenangriffen zu
entgehen. 1943 verlagerte man Maschinen und Zubehör in die kleine schlesische
Stadt am Rande des Riesengebirges. Drei Werke wurden eröffnet. Unter der
Aufsicht von Schweinfurter Meistern und Ingenieuren wurde die Produktion
praktisch aus dem Nichts gestampft. An vielem mangelte es, nur nicht an
Arbeitskräften. Calossi war von
1943 an dabei. Er musste die Fabriken mit aufbauen und er demontierte sie
wieder, berichtete er. 1945 kam er mit den abmontierten Maschinen nach
Schweinfurt und erlebte die letzten Wochen bei Kugelfischer. Er beschreibt seine
Odyssee und die seiner Kameraden durch halb Europa, bis er in Landeshut landete.
Eindrucksvoll schildert er seinen harten, entbehrungsreichen Alltag. Die
Italiener gehörten dabei noch zu den privilegierteren Häftlingen. Immerhin
durften sie Post und manchmal auch Pakete von ihren Angehörigen erhalten. 1944
wurde ein Außenkommando des KZ Groß-Rosen in Landeshut eröffnet. 1600 Häftlinge,
zumeist Polen, Russen und Juden wurden in diesem Lager zusammengepfercht und zur
Arbeit unter anderem bei Kugelfischer gezwungen. Nur zehn Monate existierte
dieses KZ-Außenkommando. Trotzdem starben über 300 Menschen an Hunger, Krankheit
oder wurden ermordet und erschlagen. Calossi informiert über viele Details: Über
schikanöse Meister, aber auch über hilfsbereite Deutsche; über den täglichen
Kampf gegen den Hunger und die schwere Arbeit, über das Elend der KZHäftlinge
und Zwangsarbeiter, über alltägliche Begebenheiten und menschliche Tragödien.
Und das alles ohne anzuklagen, einfühlsam, genau beobachtend, mit einen
augenzwinkernden Humor und voller menschlicher Wärme. Zuletzt versuchten einige
Mitglieder der Initiative in Polen weitere Informationen über die beschriebenen
Verhältnisse zu bekommen. Die Schweinfurter besuchten das Archiv des KZ
Groß-Rosen, das die Arbeit der Initiative mit weiterem Material, Zeugenaussagen
unterstützte. Es gab ein Treffen mit Historikern des Stadtmuseums, man suchte
nach den Überresten der drei Kugelfischerwerke, nach den Unterkünften der
Zwangsarbeiter und nach den von Calossi beschriebenen Plätzen und Orten in der
Stadt. Besonders beeindruckt war man vom Gelände des ehemaligen KZ in Landeshut
gewesen, das fast unverändert erhalten blieb und heute als Industriepark genutzt
wird. Auch das von Calossi beschriebene Örtchen Antonienwald, wo die Italiener
untergebracht waren, fanden die Schweinfurter. Eine alte Dame führte die Gruppe
dort zu einem Massengrab aus der Kriegszeit. Zwölf primitive Holzkreuze am
Waldrand erinnern an Opfer der Nazibarbarei.
Mit einer Fülle von neuen Eindrücken und viel neuem Material aus Landeshut
arbeitet die Initiative derzeit mit Hochdruck an der Fertigstellung des Buches.
Im November 2002 soll es der Öffentlichkeit im Rahmen der Anne-Frank-Ausstellung
vorgestellt werden.
Weitere Informationen: http://www.puk.de/zwangsarbeit_schweinfurt
<<Zurück zur Übersicht
In zweiter Auflage erschienen: Mit den Augen der Überlebenden
In einer stabileren Aufmachung - fester Umschlag, bessere Papierqualität
- hat der Schmetterling Verlag die zweite Auflage des Rundgangs durch die Mahn-
und Gedenkstätte Ravensbrück herausgebracht. Dieser Rundgang führt zu 25
Stationen auf dem Lagergelände, die in einen Faltplan eingezeichnet sind. Zu
jeder Station berichten Überlebende über ihre persönlichen Erinnerungen. Zu Wort
kommen Frauen aus Frankreich, Österreich, den Niederlanden, Italien, Spanien,
Polen, der Sowjetunion, Dänemark, Belgien, Deutschland, Luxemburg, der
Tschechoslowakei, Jüdinnen, die Anfang 1945 von Auschwitz nach Ravensbrück,
genauer in das Lager Uckermark, zu diesem Zeitpunkt Vernichtungslager,
deportiert wurden, und eine Sintezza. Soweit es möglich war, wird jede
Überlebende mit einem Jugendfoto und knappen biografischen Angaben vorgestellt.
Bei der Station Männerlager berichtet - neben Hermine Jursa, Marie-Claude
Vaillant-Couturier und Helene Overlach - Emanuel Kolarik, ein Überlebender aus
Tschechien, über die schwere Arbeit. Zu den persönlichen Zeugnissen gehören auch
im Lager heimlich gefertigte Zeichnungen und Gedichte. So findet sich zum
Appellstehen auf
dem Appellplatz und auf der Lagerstraße ein Gedicht der sowjetischen
Kriegsgefangenen Alexandra Sokowa, das diese unerträgliche Situation in die
Worte fasst: "Diese Kälte, dieser Hunger, diese Qualen! Dieses ,In die Fresse
schlagen' von Ravensbrück! Daran werden wir uns ewig erinnern, wie wir hier
stehen mußten." Einige der Stationen wie z.B. das Siemenswerk, das Siemenslager,
das Faserstoffwerk und das Lager Uckermark sind
noch immer schwer oder gar nicht zugänglich; auch die Trassenführung der B 96
ist noch immer nicht geklärt. Um so wichtiger ist es, dass der Faltplan auch die
neuesten Grabungsfunde auf dem Uckermarkgelände enthält. Im nächsten Jahr, so
hat der Herausgeber, die Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis
angekündigt, wird der Rundgang auch in Englisch, Französisch und Polnisch
vorliegen.
Mit den Augen der Überlebenden. Ein Rundgang durch die Mahn- und Gedenkstätte
Ravensbrück. Herausgegeben von der Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis.
Redaktion: Ursula Krause-Schmitt, Christine Krause. Stuttgart: Schmetterling
Verlag, 2002. Folker Behrens
<<Zurück zur Übersicht
Vielstimmiges Schweigen
Schon bald nach 1945 gingen Ost- und Westdeutschland auch im Umgang mit
dem Erbe des Nationalsozialismus ihre eigenen Wege. Im Westen erhob man Juden,
Geistliche und Opponenten aus Adel und Bürgertum, im Osten Männer und Frauen aus
der Arbeiterbewegung zu Symbolfiguren von Verfolgung durch und Widerstand gegen
den Nationalsozialismus, wobei man jeweils diejenigen Nazigegner und -opfer aus
dem öffentlichen Gedenken ausschloss, die nicht in das eigene politische Konzept
passten. Einig war man sich jedoch hüben wie drüben im Unwillen, diejenigen
Personen als NS-Verfolgte anzuerkennen, die damals wie heute am Rande der
Gesellschaft standen, die weder dem (westlichen) Bild von bürgerlicher
Wohlanständigkeit noch dem (östlichen) vom
disziplinierten antifaschistischen Kämpfer entsprachen: die aus "eugenischen"
Gründen Zwangssterilisierten, die Opfer der "Euthanasie"-Morde, die als
"Berufsverbrecher", "Arbeitsscheue" oder "Asoziale", als "175er", "Zigeuner"
oder "Sektenmitglieder" ins KZ Gesteckten - sie alle waren des Opfer-Status'
nicht würdig.
In der Bundesrepublik wurden schon früh die diskriminierenden Praktiken der
Behörden und Gerichte in den Verfahren zur Anerkennung als Nazi-Opfer (und der
damit verbundenen "Wiedergutmachung") öffentlich angeprangert, mit durchaus
bemerkenswertem Erfolg für die NS-Geschädigten. Die nicht weniger einseitige
Praxis der DDR blieb jedoch bis heute weitgehend unbekannt. Der vorliegende Band
ist dazu angetan, diese Lücke ein wenig zu schließen. Am Beispiel von
"Euthanasie"Opfern, "Zigeunern", "Asozialen" und politischen Nonkonformisten
zeigen sieben der 15 Beiträge, wie der Prozess der Ausgrenzung von
NS-Geschädigten aus dem Kreis der anerkannten "Opfer des Faschismus' im Osten
Deutschlands seit Sommer 1945 verlief, welche negativen Folgen dies für die
Opfer hatte und wie die Täter in Ost und West davon profitierten.
Zwei Beiträge schildern, wie die Publikation "unerwünschter' Memoiren von
KZ-Überlebenden verhindert wurde. So berichtet Joachim Meinert aus eigener
Erfahrung als Verlagslektor, warum Primo Levis Hauptwerk "Ist das ein Mensch? in
der DDR nicht erscheinen konnte. Levi schildert hierin nämlich präzise,
illusionslos und von jeglichem Pathos frei das (Über)Leben eines "gewöhnlichen"
Häftlings im KZ Auschwitz, die Rolle der Kapos in der "Grauzone" zwischen Täter
und Opfer und das Zusammenrücken der "reichsdeutschen" Häftlinge, "Grünen" wie
"Politischen", mit der SS, als die Rote Armee immer näher kam und alle Deutschen
begannen, sich vor der Rache von Befreiern und Befreiten zu fürchten. Dies
widersprach jedoch offen dem an der großen Erzählung vom heroischen
antifaschistischen Kampf im KZ und der internationalen Häftlingssolidarität
ausgerichteten offiziellen Geschichtsbild, in welches Gründungsmythos und
historische Legitimation der DDR eingebettet waren und das daher von deren
politischer Klasse mit Zähnen und Klauen verteidigt wurde.
Drei Artikel sind dem schwierigen Umgang der SED mit Rückkehrern aus der
Sowjetunion und (mehr oder weniger prominenten) "Abweichlern" wie etwa Lena
Fischer gewidmet. Bernd-Rainer Barths Beitrag befasst sich unter Auswertung
bisher im Westen weitgehend unbekannter ungarischer Quellen mit der
zwielichtigen Persönlichkeit von Noel Field, der Schlüsselfigur der
osteuropäischen Schauprozesse der Stalin-Ära, und Martin Straub analysiert
überzeugend das literarische Spätwerk Franz Fühmanns auf dem Hintergrund von
dessen Lebenserfahrung in zwei deutschen Diktaturen. Die Brücke zur Gegenwart
schlägt Regina Scheer, die am Beispiel Brandenburgischer Krieger- und
NS-Opfer-Denkmäler deren wechselvolle Geschichte von Umwidmung bis Entsorgung
aufzeigt.
"DDR-Antifaschismus" ist ein weites Feld, und zudem eines, auf dem noch heute
manche Nerven blank liegen. Niemand wird ernsthaft daran zweifeln, dass sich in
der DDR viele Männer und Frauen, vor allem die Überlebenden der Lager, ernsthaft
darum bemüht haben, den Schwur von Buchenwald "Nie wieder Faschismus" in die Tat
umzusetzen. Vielstimmiges Schweigen zeigt aber auch, dass hinter der Fassade des
staatsoffiziellen "Antifaschismus" aus politischen Gründen NS-Gegner mundtot
gemacht wurden, dass so manchem NS-
Belasteten gegenüber mehr als ein Auge zugedrückt wurde und dass ein
Faschismus-Konzept, das die für den deutschen Nationalsozialismus
charakteristische biologistische Komponente ausblendete, nämlich die radikale
"Ausmerze" allen "kranken" und "artfremden Blutes" aus dem "deutschen
Volkskörper", die große Mehrzahl der deutschen NS-Opfer gar nicht erst ins
Blickfeld kommen ließ. Vielstimmiges Schweigen zeigt uns: Es gab doch mehr
Gemeinsamkeiten zwischen den Deutschen in Ost und West, als unsere Schulweisheit
sich träumen lässt.
Annette Leo, Peter Reif-Spirek (Hrsg.): Vielstimmiges Schweigen. Neue Studien
zum DDR-Antifaschismus. Berlin: Metropol, 2001.
Joachim Neander
<<Zurück zur Übersicht
<<Zurück
zum Heft "informationen" Nr. 56
|